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	<title>Zweiter Weltkrieg &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Zweiter Weltkrieg &#8211; tell</title>
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		<title>Das Zeitalter der Flüchtlinge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 May 2022 08:01:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Gabriele Tergit hat ihren Roman "So war's eben" in den 1960er Jahren geschrieben. Doch damals wollte niemand ein Buch über den deutschen Antisemitismus veröffentlichen. Letztes Jahr ist der Roman erschienen, er spannt den Bogen vom Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Gabriele Tergit (1894-1982) emigrierte 1938 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Sie hat drei Romane geschrieben: <em>Käsebier erobert den Kurfürstendamm</em> erschien 1931 und wurde sogleich ein Erfolg, <em>Effingers</em> fand 1951 wenig Beachtung, wurde jedoch 2019 mit großem Erfolg neu aufgelegt. Ihr dritter und letzter Roman <em>So war´s eben</em> erschien erstmals 2021, über ein halbes Jahrhundert nach seiner Vollendung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Publikationsgeschichte dieses dritten Romans ist abenteuerlich, und über sein Grundthema, nämlich die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland ab dem Kaiserreich, verrät diese Geschichte fast genauso viel wie der Roman selbst. Ein Verlag nach dem anderen lehnte Tergits Roman in den 1960er Jahren ab. Fritz J. Raddatz, damals Lektor bei Rowohlt, begründete seine Ablehnung ästhetisch wegen eines vermeintlich altbackenen Stils. Im Ablehnungsbrief des Verlags Kiepenheuer und Witsch steht gar, Gabriele Tergit errichte mit ihrem Roman „eine Mauer gegen das deutsche Volk“. Diese Dinge erfährt man in Nicole Hennebergs vorzüglichem Nachwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sieht sie nun aus, diese „Mauer gegen das deutsche Volk“, stilistisch und thematisch?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Journalistische Epik</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Stilistisch bleibt Raddatz‘ Urteil rätselhaft. Gabriele Tergit war bis zu ihrer Emigration aus Deutschland im Jahr 1933 Gerichtsreporterin. Ihren im Journalismus geschulten sachlichen Schreibstil verwendet sie in dem Roman, um ein episches Thema zu bewältigen. Wie schon bei <em>Effingers</em> handelt es sich bei <em>So war’s eben</em> in großen Teilen um einen Dialogroman: Auch vor Gericht spielt sich ja das Drama in mündlicher Rede ab. Es ist ein Roman mit vielen gleichberechtigt agierenden und sprechenden Personen, Handlung wird über die direkte Rede geschildert und kommentiert, das beigefügte Personenverzeichnis, wie man es auch von Dostojewskis Romanen kennt, ist notwendig. Man kann das Verfahren zusammenfassend als journalistische Epik beschreiben. Das macht den Roman ungemein lesbar, zugleich wird das Thema vergegenwärtigt, wird die Vergangenheit in die Gegenwart geholt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist im Jahr 1933 mit den Deutschen passiert? Und vor allem: Wann hatte es angefangen? Das ist Gabriele Tergits Lebensthema seit 1933. Für das deutsche Selbstverständnis, in dem die Jahre 1933 bis 1945 mit dem übrigen Deutschland nichts zu tun haben sollen, ist ihre Antwort ernüchternd: Die Ausgrenzung der deutschen Juden begann im Kaiserreich, auf der Höhe der Macht Deutschlands. Darüber lässt Tergit ihre Figuren in diesem Roman schärfer und genauer reflektieren als in <em>Effingers</em>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der jüdische Standpunkt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Exemplarisch dafür ist ein Gespräch beim Familientreffen der Fabrikantenfamilie Markus über eine Neuerscheinung des Jahres 1901:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Siegmund bog ab, sprach von einem neuen Roman, &#8218;Buddenbrooks&#8216;: „Bisschen viel Krankheitsbeschreibung, und bisher haben wir die Kunst für höher als Kaufmannstum gehalten, aber der neue Schriftsteller Thomas Mann findet Beschäftigung mit Kunst ein Verfallszeichen.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Manfred Markus wirft ein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Der einzige Jude, der darin vorkommt, isst Gänseleberpastete auf seiner Schulsemmel und verdrängt die edlen Patrizier durch seine Geschäftstüchtigkeit.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgerechnet der Jude Siegmund Jacoby verteidigt Thomas Mann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Doch ein guter Roman“, sagte Siegmund, „man muß nicht alles vom jüdischen Standpunkt aus sehen.“</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Völkisches Gift</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das wird für die jüdischen Figuren dieses Romans, die sich als deutsche Patrioten fühlen, nicht so bleiben. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft wird sie zu diesem Standpunkt zwingen. Spätestens im Ersten Weltkrieg trifft diese Illusion auf die Wirklichkeit. Gabriele Tergit zeigt das Zerschellen der Illusionen so knapp, wie es nur geht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Schlacht um Verdun. Stern war stolz, es zum Vize gebracht zu haben, Jacoby wurde bitter, nicht befördert, dachte „als Jude“.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gabriele Tergit beschreibt nicht nur deutsche Juden und ihre patriotischen Illusionen, sondern auch das völkisch-geopolitische Gift, das sich seit dem Kaiserreich in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausbreitete. Am trefflichsten gelingt ihr dies in der Person des völkischen Intellektuellen Friedrich Wilhelm von Runke, eine Figur, die man sich gut im Dunstkreis der sogenannten Konservativen Revolution vorstellen kann. Ohne große Zusätze, fast eins zu eins, könnte man sich ihn heute als Schriftsteller des rechtsextremen Antaios-Verlages von Götz Kubitschek denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gabriele Tergit lässt von Runke schwadronieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir stehen nicht nur vor der Neuordnung Europas, sondern […] vor der Neuverteilung des Erdballs. Fest steht, daß Deutschland die tragende Stellung im eurasischen Raum inne hat, so bedrängt diese heute auch noch erscheinen mag. Neue Weltwende wirft ihre Schatten voraus.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Verfolgung und Flucht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die Stimmung, die zum 30. Januar 1933 führt. Eindringlich schildert Gabriele Tergit die Zeit der Verfolgung und der Flucht, ihr journalistisches Verfahren ist dem Stoff gewachsen. Die engen Wohnungen der Emigranten, die prekären Lebensverhältnisse, die ständig wechselnden Umgebungssprachen, die den schulpflichtigen Kindern zu schaffen machen – all das hat sie selbst erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Kluft zwischen der deutschen und der jüdischen Emigration wird sichtbar, etwa im Gespräch zwischen dem Kommunisten Schwarz und dem Juden Otto Jacoby.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Australien ist ganz gut“, sagte Otto.<br>„Ich weiß“, sagte Schwarz.<br>„Vor Ihnen sollte ich es gar nicht sagen, aber die katholische Kirche rettet Tausende unter der Bedingung der katholischen Taufe. Die Pfarrer, die Juden taufen, tun es unter Lebensgefahr. Helden. Aber man kann Menschen nicht unter Bedingungen retten.“<br>„Damit muß man sich abfinden“, sagte Schwarz lächelnd, fand Otto kindisch.<br>„Muß man? Ein Mensch fällt ins Wasser. Treffen Sie ein Abkommen, bevor Sie ihn herausziehen?“<br>„Jedes Land nimmt nur die Leute, die ihm nützen.“<br>„Genau. Nur ein Schritt zu Hitler. Unter dem Gesichtspunkt des Nutzens muß man Alte und Kranke umbringen.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es liegt nahe, dass die Autorin einst selbst Zeugin eines solchen Gespräches war.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fatales Nützlichkeitsdenken</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gehört zu den moralischen Stärken des Romans, dass Gabriele Tergit die Morde Stalins nicht verschweigt, so ist ihr das Ende des Kommunisten Schwarz in Stalins Gulag ein Kapitel wert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Stalins Morde führt sie, ebenso wie die Morde des Nationalsozialismus, auf das zurück, was aus ihrer Sicht jedem politischen Mord zugrunde liegt: Zu der ideologischen Ablehnung ganzer Menschengruppen kommt das Bewerten von Menschen nach reinen Nützlichkeitskriterien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grete Jacoby – im Roman das alter ego Gabriele Tergits – resümiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Wenn man die Menschen nach ihrer Nützlichkeit wertet, werden die meisten umgebracht.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nach dem Krieg verschwindet dieses Denken nicht. Über die Rolle der Juden in Deutschland muss Grete Jacoby sich Sätze wie diese anhören:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Frau Jacoby, Sie sind immer ein gerechter Mensch gewesen, die Juden haben doch eine zu große Rolle im deutschen Kulturleben gespielt. Kein Volk kann sich überfremden lassen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Grete Jacoby denkt dann nur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[…} sie saß in der Wohnung, in der sich ihre Mutter vor der Deportierung das Leben genommen hat. Sie kam in die Stadt, aus der sie und ihre Freunde vertrieben worden waren, und sie wurde angegriffen.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Aktualität des Romans</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende des Romans treffen sich die Überlebenden in New York wieder, der Stadt, die im und nach dem Krieg gewissermaßen, neben Los Angeles, das Erbe Berlins angetreten hat als Heimat für die heimatlos Gewordenen. Auch hier überwiegt die Trauer: Randelhofer – ein Zeitungskollege aus Berlin – ist verhungert. Martin Zuckermann bemalt während des Gesprächs Porzellanuhren: Heimarbeit, um zu überleben. Die „Logenplätze des Exils“, von denen die Mitglieder einer selbsternannten „inneren Emigration“ hin und wieder sprachen, waren für die meisten ein Sperrsitz im Parkett ganz außen. Das wird in Gabriele Tergits Roman immer wieder deutlich. Nach dem Krieg gibt es kein Zurück. Nichts wird auf Anfang gestellt. Das jüdische Berlin, das jüdische Deutschland war tot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man hat das zwanzigste Jahrhundert als das Jahrhundert der Flüchtlinge beschrieben. Das war zumindest voreilig. Wie sich nun zeigt, knüpft das einundzwanzigste Jahrhundert da an, wo das zwanzigste aufhörte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das macht Gabriele Tergits Aktualität aus.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey, Bahnübergang</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph"><br><br>Gabriele Tergit<br><strong>So war&#8217;s eben</strong><br>Roman<br>Schöffling 2021 · 624 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3895614743   </p>



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</div></div>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Die Wunden eines Psychonauten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 May 2017 09:28:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<category><![CDATA[Kriegsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Erinnerung zur Qual wird? Ernst Jünger stand in zwei Weltkriegen an der Front: Er legt literarisch Zeugnis ab von den Folgen traumatischer Erlebnisse. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div></p>
<hr />
<blockquote><p>Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<h3>Anamnese:<br />
Risikofaktoren in Jugend und Familie</h3>
<p><div id="attachment_9934" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-9934" data-attachment-id="9934" data-permalink="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/ernst_juenger_ww1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" data-orig-size="189,324" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-9934" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1-175x300.jpg?resize=175%2C300" alt="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" width="175" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?resize=175%2C300&amp;ssl=1 175w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?resize=47%2C80&amp;ssl=1 47w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?w=189&amp;ssl=1 189w" sizes="(max-width: 175px) 100vw, 175px" /><p id="caption-attachment-9934" class="wp-caption-text">Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg</p></div></p>
<p><span class="dropcap">F</span>ür knapp 3.300 Deutsche herrscht auch im Jahr 2017 Krieg. Als Bundeswehrsoldaten riskieren diese Männer und Frauen im Ausland nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre seelische Unversehrtheit. Allein im Jahr 2015 sind <a href="https://www.angriff-auf-die-seele.de/cms/informationen/aktuelles/420-einsatzbedingte-psychische-erkrankungen-in-der-bundeswehr-im-jahr-2015-ptbs.html">235 Angehörige der Bundeswehr</a> an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) neu erkrankt. Die Dunkelziffer ist hoch, nur 20 Prozent aller Fälle werden erkannt und behandelt. Zu den Symptomen der PTBS gehören unter anderem Panikattacken, Flashbacks, unkontrollierte Wutausbrüche und der Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit – die Krankheit macht ein normales Leben unmöglich.</p>
<p>Ob jemand an einer PTBS erkrankt, hängt maßgeblich vom persönlichen Hintergrund ab. Das individuelle Risiko wird durch Faktoren wie Armut oder mangelnde Bildung erhöht. Ernst Jünger, geboren am 29. März 1895, zeigt bereits in der Jugend Merkmale, die ein späteres Trauma begünstigen können. Der Apothekersohn wird früh entwurzelt, die Familie zieht vier Mal um, bevor sie bei Hannover eine Villa beziehen. Auch die schulischen Leistungen Jüngers lassen zu wünschen übrig. Über die Schulzeit schreibt er später:</p>
<blockquote><p>So war ich bereits dazu übergegangen, mich am Unterricht nicht mehr zu beteiligen und mich statt dessen in afrikanische Reisebeschreibungen zu vertiefen, die ich unter dem Pult durchblätterte. [&#8230;] Ich war im Grunde nur als Stellvertreter eines fernen Reisenden anwesend.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>Afrikanische Spiele</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Die Sehnsucht nimmt bedenkliche Formen an: Mehr als zehn Mal muss Jünger die Schule wechseln. Statt mit Freunden zu spielen, sammelt er Käfer, träumt, liest und trinkt viel. Im Winter 1913 schließlich bricht er mit seinem Umfeld: Der 18-Jährige reißt von Zuhause aus und meldet sich zur Fremdenlegion, wo er auf der Stelle gemustert und nach Algerien verschifft wird. Dort will er desertieren und ein freies Leben führen. Nach zwei Monaten endet das Abenteuer – in Deutschland hat sein Vater die Entlassung verfügt.</p>
<p>Die letzten Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges verbringt Jünger im alten Schultrott. Der Jugendliche wird später als distanziert und kühl, sogar empathielos beschrieben. Zeit seines Lebens sucht er das gesellschaftliche Abseits. Ausgerechnet im Krieg blüht Jünger auf. Endlich gilt es, sich zu beweisen und Abenteuer zu bestehen. Dass er so denkt, überrascht nicht – Zeitgenossen wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Franz Kafka haben sich den Krieg ungefähr so vorgestellt:</p>
<p><a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FIWAf3dQxAfQ%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Trauma:<br />
Kriegszittern an der Westfront</h3>
<blockquote><p>Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppeln lagen umher. [&#8230;] Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Im Sommer 1914 wird der „Kriegsmutwillige“, wie Jünger sich nennt, an die Westfront verlegt. Bis zur Kapitulation im Jahr 1918 wird er 14 Mal verwundet und daraufhin mit dem höchsten Orden des Deutschen Kaiserreichs dekoriert. Für den einfachen Frontsoldaten ist der Krieg ein Karriereschub, Jünger bringt es bis zum Kompanieführer. Trotzdem zweifelt auch er am Sinn des Schlachtens. In seinem Kriegstagebuch heißt es:</p>
<blockquote><p>Lange schon bin ich im Krieg, schon manchen sah ich fallen, der wert war zu leben. Was soll das Morden und immer wieder Morden?</p></blockquote>
<p>Erstmals zeigt sich der Krieg in seiner totalen Form. In vier Jahren sterben 10 Millionen Soldaten, weitere 20 Millionen <a href="http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs">werden verletzt oder verkrüppelt</a>. Und die moderne Psychiatrie wird mit einem neuen Phänomen konfrontiert: der Kriegsneurose. Immer mehr Soldaten kehren seelisch gebrochen von der Front zurück. Weil die Belastungsstörung bei einigen Betroffenen auch zu körperlichen Symptomen führt – einem krampfanfallartigen Schütteln –, nennt man sie Kriegszitterer:</p>
<p><a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FfE-CLofucRI%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a></p>
<p>Die Behandlung der Kriegsneurotiker ist ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie. Sigmund Freud, der sich von den Methoden seiner Kollegen distanziert, berichtet von Elektroschocks, mit denen die Betroffenen gequält werden, um, so wörtlich, &#8222;das Kranksein noch unleidlicher als den Dienst [zu machen]&#8220;. Wer die Behandlung überlebt, darf zurück an die Front. (Aus: <em>Sigmund Freud, Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker</em>)</p>
<p>Ob auch Ernst Jünger im Krieg traumatisiert wurde, kann heute nicht abschließend geklärt werden. Manche seiner Biografen entdecken deutliche Hinweise für eine seelische Verwundung im Leben des Schriftstellers. Er selbst hat sich nicht öffentlich dazu geäußert. In seinem Werk findet Jünger jedoch eindringliche Bilder für die Todesangst, der ein Soldat ausgeliefert ist:</p>
<blockquote><p>Man stelle sich vor, ganz fest an einen Pfahl gebunden und dabei von einem Kerl, der einen schweren Hammer schwingt, ständig bedroht zu sein. Bald ist der Hammer zum Schwung zurückgezogen, bald saust er vor, dass er fast den Schädel berührt, dann wieder trifft er den Pfahl, dass die Splitter fliegen – genau dieser Lage entspricht das, was man deckungslos inmitten einer schweren Beschießung erlebt.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
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