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	<title>Wissenschaftsprosa &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Wissenschaftsprosa &#8211; tell</title>
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		<title>Jenseits des Elfenbeinturms</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Feb 2021 08:33:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftsprosa]]></category>
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					<description><![CDATA[In Zeiten, in denen das Verständnis für wissenschaftliche Arbeit immer mehr abnimmt, werden Public Intellectuals dringender benötigt denn je. Im Online-Magazin „Geschichte der Gegenwart“ treten die Geisteswissenschaften in einen produktiven Dialog mit der Öffentlichkeit. Ein Geburtstagsgruß zum fünfjährigen Bestehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Pandemiebedingt feierte das Online-Magazin <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Geschichte der Gegenwart</em> </a>(GdG) seinen fünften Geburtstag in der vergangenen Woche nicht mit einem Cüpli in Zürich, sondern auf Zoom. Das hatte den Vorteil, dass ich der Einladung im Newsletter auch von Berlin aus folgen konnte. Wie viele Leser:innen dabei waren? Ich habe nicht nachgezählt, auf meinem iPad waren es jedenfalls mehr als drei volle Bildschirmladungen mit Zoom-Kacheln.</p>



<p>Zwei Mal pro Woche veröffentlicht GdG einen Text von etwa 10 000 Zeichen Länge. Das Format: „der lesbare, aber durchaus anspruchsvolle, gut argumentierende Text auf begrenztem Raum“ (Svenja Goltermann im <a rel="noreferrer noopener" href="https://geschichtedergegenwart.ch/die-sprache-im-auge-behalten-wissenschaftlerinnen-schreiben-fuer-die-oeffentlichkeit/" target="_blank">Geburtstagsinterview</a> auf GdG), „ohne Fachjargon und Fußnoten, aber mit dem Anspruch, zum Weiterdenken anzuregen“ (Brigitta Bernet ebd.).</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gegen autokratische Tendenzen</h3>



<p>GdG ist ein Kind unserer Zeit: Das Internet hat das Online-Magazin möglich gemacht, nötig wiederum wurde es wegen der Verschiebung des <a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Overton-Fenster" target="_blank">Overton-Fensters</a> nach rechts. GdG will „den populistischen, illiberalen und autokratischen Tendenzen“ in den Debatten unserer Zeit etwas entgegensetzen.</p>



<p>Damit ist GdG nicht allein, das wollen auch Medien wie <a rel="noreferrer noopener" href="https://perspective-daily.de/" target="_blank">Perspective Daily</a> oder die <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.republik.ch/" target="_blank">Republik</a>. Was GdG von anderen Neugründungen der letzten Jahre unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie aus der Wissenschaft kommt. Gegründet wurde die Plattform von fünf Geisteswissenschaftlern und -innen der Universität Zürich, heute umfasst die Redaktion zehn Männer und Frauen in Zürich, Berlin, Halle und Tel Aviv.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Wir sind etwas Drittes“</h3>



<p>Wissenschaftler:innen übernehmen damit die Rolle von Public Intellectuals. Zwei Aussagen an der Zoom-Geburtstagsfeier waren für mich in diesem Zusammenhang zentral:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Durch GdG habe er die Erfahrung gemacht, dass seiner Forschung eine Relevanz außerhalb der Sphäre der Universität zukomme, sagte <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/?s=Janosch+Steuwer&amp;category_name=&amp;submit=Suchen">Janosch Steuwer</a>, Historiker an der Martin-Luther-Universität Wittenberg-Halle. Dies habe sein Arbeiten und Denken auch innerhalb der Universität verändert.</li><li>GdG sei kein Konkurrenzprodukt, so <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/?s=Janosch+Steuwer&amp;category_name=&amp;submit=Suchen">Gesine Krüger</a>, Professorin für Geschichte der Neuzeit und Außereuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Weder gegenüber der Wissenschaft noch gegenüber dem Journalismus sehe man sich in einem Wettbewerb. „Wir sind etwas Drittes.“</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Klarheit als Kriterium</h3>



<p>Dieses Dritte befindet sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und anspruchsvoller Öffentlichkeit – eine Zone, die im deutschen Sprachraum bisher brach lag.</p>



<p>Für mich ist GdG daher auch ein sprachliches Ereignis. Die Toleranz der Geisteswissenschaften gegenüber dem <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/der-beschwerliche-weg-der-gedanken-vom-papier-in-den-kopf/" target="_blank">Jargon</a> in den eigenen Reihen habe ich nie verstanden. Schon <a rel="noreferrer noopener" href="https://aboq.org/schopenhauer/parerga2/stil.htm" target="_blank">Arthur Schopenhauer</a> hatte sich über das Geschwurbel aufgeregt. Er beklagte „das Verstecken der bittersten Gedankenarmuth unter ein unermüdliches, klappermühlenhaftes, betäubendes Gesaalbader“ und stellte fest: „Es ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehen muß.“</p>



<p>Auf GdG sind Klarheit und Verständlichkeit ein Kriterium für die Qualität der Texte. Es wäre zu hoffen, dass dies in die Geisteswissenschaften zurückwirkt. Denn der Jargon beschädigt nicht nur die Wissenschaft: Der Nimbus einer undurchdringlichen Komplexität trägt zu Entfremdungserscheinungen bei, aus denen die Rechtspopulisten Kapital schlagen.</p>



<p>Greta Thunberg hat den Zusammenhang von Demokratie und Wissenschaft mit der ihr eigenen Klarheit formuliert:</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter wp-block-embed-twitter"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote hcb-fetch-image-from="https://twitter.com/GretaThunberg/status/1358056887204384770?s=19)" class="twitter-tweet" data-width="550" data-dnt="true"><p lang="en" dir="ltr">Science and democracy are strongly interlinked &#8211; as they are both built on freedom of speech, independence, facts and transparency.<br>If you don’t respect democracy then you probably won’t respect science. And if you don’t respect science then you probably won’t respect democracy.</p>&mdash; Greta Thunberg (@GretaThunberg) <a href="https://twitter.com/GretaThunberg/status/1358056887204384770?ref_src=twsrc%5Etfw">February 6, 2021</a></blockquote><script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>
</div></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen Journalismus und Akademie</h3>



<p>In der Pandemie wie beim Klimawandel hängt das Leben von Menschen von der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse ab. Dass die Wissenschaft sogar unter diesen Bedingungen um die Autorität des Faktischen kämpfen muss, ist ein Alarmzeichen für ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit.</p>



<p>Dabei geschieht der wissenschaftlichen Integrität kein Abbruch, wenn wissenschaftliche Erkenntnis mit Worten transportiert wird, „die in die lebendige Sprache Eingang gefunden haben“ (Ossip Mandelstam). Bisher ist GdG denn auch nicht mit dem Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit konfrontiert worden, so Philip Sarasin auf eine diesbezügliche Frage beim Geburtstagszoom. </p>



<p>Mit verständlichen Texten, die von wissenschaftlicher Arbeit gespeist werden, hat GdG in den letzten fünf Jahren zu einem eigenen Ton gefunden. Drei zufällig ausgewählte Beispiele:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Die Historikerin Inka Sauter (Jerusalem) unternimmt in ihrem Text über das Wort <a rel="noreferrer noopener" href="https://geschichtedergegenwart.ch/sinn-ohne-wort-vom-volksthum-und-anderen-thumheiten/" target="_blank">„Volkstum“</a>&nbsp; eine Tiefenschürfung in die Sprachdebatten des 19. Jahrhunderts, als das Wort „Volk“ im Zuge des aufkommenden Nationalbewusstseins seine Bedeutung änderte.</li><li>In ihrem Essay <a rel="noreferrer noopener" href="https://geschichtedergegenwart.ch/der-milizionaer-kommt-ins-spiel-wie-pussy-riot-den-dichter-dmitrij-prigov-zitieren-und-das-politische-poetisch-wird/" target="_blank">„Der Milizionär kommt ins Spiel“</a> zeigt die Slawistikprofessorin Sylvia Sasse (Zürich), wie Pussy Riot mit ihren Aktionen eine subversive Tradition der politischen Dissidenz aus Sowjetzeiten fortführen.</li><li>Der Geschichtsprofessor Christian Geulen (Konstanz) geht in seinem Text <a rel="noreferrer noopener" href="https://geschichtedergegenwart.ch/rassismus-ohne-rassen-ueber-eine-ideologie-und-ihren-scheinbaren-grundbegriff/" target="_blank">„Rassismus ohne ‚Rassen‘“</a> der Frage nach, ob man mit der Tilgung des Begriffs Rasse den Rassismus besiegen könne.</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Modell für den Dialog</h3>



<p>Die Öffentlichkeit befindet sich in einem Strukturwandel, und das ist gut so: Wir brauchen dieses Dritte zwischen Journalismus und Akademie heute dringender denn je. GdG hat ein Modell für den Dialog der Geisteswissenschaften mit der Öffentlkichkeit geschaffen. Forscher:innen, deren Arbeit auch jenseits des Elfenbeinturms relevant ist, gibt es an jeder Universität (sonst hätte sie ein Legitimationsproblem). Daher müsste es eigentlich an jeder Universität ein solches Magazin geben.</p>



<p>Damit der Dialog der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit vom Ausnahme- zum Normalfall werden kann, müssten allerdings finanzielle Strukturen geschaffen werden. Bisher ist GdG (wie <em>tell</em>) ein professionelles Freizeitprojekt, das vom Enthusiasmus seiner Macher:innen lebt.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p>P.S.: Wer mich kennt, wird sich über den Gender-Doppelpunkt wundern. Ich habe ihn von GdG übernommen, als kleine Reverenz. Glücklich bin ich damit nicht – wie mit allen anderen Operationen im Wortinneren. Die einzig erträgliche Form des Genderns ist für mich der Wechsel zwischen der weiblichen und der männlichen Form. Doch bei diesem Text hätte dieses sprachschonende Verfahren entweder zu Missverständnissen geführt oder mich zu inhaltlich überflüssigem Kopfzerbrechen genötigt. </p>



<p>Nur: Nicht Gendern ist auch keine Lösung. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild:  Frauenkapelle in Altenmarkt. Fresco mit Darstellung der Passage der Lauretanischen Litanei &#8222;Maria, du elfenbeinerner Turm&#8220;.<br> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Altenmarkt_Kapelle_-_Elfenbeinerner_Turm.jpg">Wolfgang Sauber</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>, via Wikimedia Commons<br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Der beschwerliche Weg der Gedanken vom Papier in den Kopf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Jun 2018 07:44:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Jargon]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftsprosa]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie viel Wissen transportiert der akademische Jargon der Literaturwissenschaft? Beim Blättern in Carlos Spoerhases Studie "Das Format der Literatur" drängt sich diese Frage auf. Wir beantworten sie mit einer Art Page-99-Test der Wissenschaftssprache.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">V</span>erlage schicken mir oft Neuerscheinungen, die ich nicht bestellt habe, in der Erwartung, dass sie mein Interesse wecken könnten. Ich schlage Carlos Spoerhases 800-Seiten-Werk <em>Das Format der Literatur. Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830</em> auf – und stoße auf die folgende Formulierung:</p>
<blockquote><p>Die konzeptuelle Handschriftlichkeit der <em>Hand-Bibliotheck</em> ist, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“), nicht primär die individuelle Autographie, sondern die entindivdualisierte Apographie.</p></blockquote>
<p>Dass ich dabei zufällig die Seite 99 erwischt habe, nehme ich als Omen. Denn ich bin der Meinung, dass nicht nur die Literatur, sondern auch ihre Wissenschaft stilistisch beurteilt werden darf, soll – nein: muss.</p>
<h3>Transport von Wissen</h3>
<p>Welche Kriterien gelten für die Wissenschaft? Die Sprache dient hier weder dem Gefühlsausdruck noch der Herstellung von Schönheit (jedenfalls nicht in erster Linie). Es geht darum, vermittels Sprache Wissen von Kopf A (Wissenschaftler) nach Kopf B (Leserin) zu transportieren.</p>
<p>In seinem Aufsatz <a href="http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/stil.htm" target="_blank" rel="noopener"><em>Über Schriftstellerei und Stil</em></a> schreibt Schopenhauer, die Worte seien „so zu stellen, daß sie den Leser geradezu zwingen, genau das Selbe zu denken, was der Autor gedacht hat“. Mit leiser Ironie bemüht Schopenhauer hierfür die Physik: „Dies wird aber nur dann zu Stande kommen, wann der Autor stets eingedenk war, daß die Gedanken insofern das Gesetz der Schwere befolgen, als sie den Weg vom Kopfe auf das Papier viel leichter, als den vom Papier zum Kopfe zurücklegen, daher ihnen hiebei mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln geholfen werden muß.“</p>
<p>Ich muss gestehen, dass schon der Titel dieses Werks den Weg vom Buchdeckel in meinen Kopf nicht schafft. Unter einem „Format der Literatur“ kann ich mir so wenig – oder so vieles – vorstellen wie unter „Praktiken materieller Textualität“.</p>
<p>Ob der Klappentext weiterhilft? Er besteht aus einem einzigen Satz:</p>
<blockquote><p>Eine Geschichte materieller Textualität und sozialer Medienpraktiken, die Philologie und historische Buchforschung systematisch verknüpft.</p></blockquote>
<p>Das ist syntaktisch eine Herausforderung. An „Geschichte“ hängen zwei Genitive plus ein Relativsatz, das muss ich auf dem Teller erst zerteilen, bevor ich es mir Bissen für Bissen einzuverleiben versuche. Ich verschlucke mich gleich am Wort „Textualität“. Das sonst so zuverlässige <a href="https://www.dwds.de/wb/Textualit%C3%A4t">Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache</a> (DWDS) bietet hier keine Bedeutungserklärung an, man erfährt nur, dass es sich um ein feminines Substantiv handelt. In Wikipedia lerne ich: „Unter Textualität versteht man in der Textlinguistik die Eigenschaft, ein Text zu sein.“<br />
Tja.</p>
<p>Im Wörterbuch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3476023532/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Ästhetische Grundbegriffe</em></a> werden unter dem Stichwort „Text/Textualität“ folgende Definitionen angeboten: „Fixierungsmittel von Sinn“ und „das Material, in dem Sinn aufbewahrt wird“. Weiter lese ich: „Die Textualität eines Sprachgebildes oberhalb der Satzebene ist kohärenz- oder kohäsionsbedingt.“<br />
Tja.<br />
(Was ist eine Textualität oberhalb der Satzebene?)</p>
<h3>Gesteinsbrocken im Satz</h3>
<p>Zurück zu dem Satz, über den ich auf der Seite 99 gestolpert bin. Inzwischen habe ich zurückgeblättert und weiß nun, dass es sich bei der <em>Hand-Bibliotheck</em> um eine Publikation von Johann Caspar Lavater handelt.</p>
<blockquote><p>Die konzeptuelle Handschriftlichkeit der <em>Hand-Bibliotheck</em> ist, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“), nicht primär die individuelle Autographie, sondern die entindividualisierte Apographie.</p></blockquote>
<p>Schauen wir uns die Wörter an. Zu „Handschriftlichkeit“ gibt es weder im DWDS noch in Wikipedia einen Eintrag. Ich vermute, dass sich Handschriftlichkeit zur Handschrift verhält wie die Textualität zum Text (und Emotionalität zu Emotion etc.). Es wäre also die Eigenschaft, eine Handschrift zu sein. Wie kann eine solche Handschriftlichkeit nun konzeptuell sein? Vielleicht, wenn sie beabsichtigt ist, etwa weil für Lavaters <em>Hand-Bibliotheck</em> nur handschriftliche Texte in Frage kamen? Ein Autograph ist laut DWDS „ein eigenhändig geschriebenes Schriftstück einer bekannten Persönlichkeit“. Demnach wäre die verallgemeinernde Wortbildung „Autographie“, analog zur Textualität und zur Handschriftlichkeit, die Eigenschaft, ein eigenhändig geschriebenes Schriftstück einer bekannten Persönlichkeit zu sein. Dass dies nur individuell sein kann, versteht sich eigentlich von selbst.</p>
<p>Was aber ist eine Apographie? Auch dieses Wort finde ich weder im DWDS noch in Wikipedia. Die griechische Vorsilbe „apo“ (Apotheke, Apotheose, Apokalypse etc.) kann sowohl zeitlich wie auch räumlich verwendet werden und bedeutet: „von…weg“, „seit“, „ab“. Etwas Weggeschriebenes? Etwas, das die Eigenschaft hat, etwas Weggeschriebenes zu sein? Überdies ist das Ding entindividualisiert. Vielleicht kommt es in diesem Fall einfach nicht darauf an, wer es geschrieben hat?</p>
<p>Um diesen Satz vom Papier in meinen Kopf hochzuhieven, arbeite ich tatsächlich gegen die Schwerkraft. Außerhalb des Page-99-Tests mache ich mir die Mühe des Hochhievens von Gedanken meistens nicht: Ich steige lesend über die Gesteinsbrocken hinweg und schaue, ob es irgendwo weitergeht im Text. Und ich denke an Schopenhauer: „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehn muß.“</p>
<p>Ich wage eine Übersetzung dieses flugunfähigen Satzes ins Vulgo:<br />
&#8222;Bei den Handschriften, aus denen die <em>Hand-Bibliotheck</em> besteht, handelt es sich, wie diese Stelle deutlich erkennen lässt („mehrmals abschreiben lassen“) nicht in erster Linie um Original-Manuskripte, sondern um Abschriften von verschiedener Hand.&#8220;</p>
<p>Geht doch.</p>
<h3>Autographie und Apographie</h3>
<p>Das Kapitel, in dem sich dieser Satz findet, heißt „Bibliotheken für Freunde“. Zu meiner Überraschung ist es hoch interessant. Es geht nämlich um einen Vorläufer des Newsletters. Bereits im 18. Jahrhundert hatte Johann Caspar Lavater das Bedürfnis, seine Gedanken einem erweiterten und doch begrenzten Kreis von Lesern mitzuteilen. Zuerst hieß dieser intellektuelle Rundbrief <em>Vermischte Gedanken. Manuskript für Freunde</em>, er wurde 1774 erstmals versendet. Von 1790 bis 1793 erweiterte Lavater diese Schriften zu einer <em>Hand-Bibliotheck für Freünde</em>, die nun auch im Buchhandel vertrieben wurde. In der Tat ist es eine Publikationsform zwischen Handschrift und Druck, nämlich eine vervielfältigte Handschrift; die intime Anmutung des Briefes war dabei durchaus beabsichtigt.</p>
<p>Die Sätze, die Carlos Spoerhase in seinem Buch aus den Quellen zitiert, springen mir spontan vom Papier in den Kopf. So schreibt etwa ein Rezensent über die <em>Hand-Bibliotheck</em>:</p>
<blockquote><p>Indessen so lange diese Büchlein, obgleich unter der Hand bekannt und bekopfschüttelt gnug, nur unter Freunden herumgiengen, wäre es unbillig gewesen, etwas davon öffentlich zu rügen. Indessen, da sie nun öffentlich mit Beysetzung des Verlegers gedruckt und in den Buchläden verkauft werden, da Hr. L. wider ihre Bekanntmachung nicht einmal protestirt, so muß es dem Recensenten auch erlaubt seyn, über diese <em>gedruckten Blätter</em> öffentlich und offenherzig seine Meinung zu sagen.</p></blockquote>
<p>Warum nur wird über etwas so Verständliches so unverständlich geschrieben? Auf Seite 106 erklärt Spoerhase in einer Fußnote immerhin den begrifflichen Unterschied „zwischen autographischen und apographischen Modi der Handschriftlichkeit“.</p>
<p>Die Unterscheidung solle unterstreichen,</p>
<blockquote><p>dass im Fall der Apographie die Abschrift nicht notwendig von einem anderen (Allographie) stammen muss, sondern durchaus auch vom Autor selbst (Autographie) stammen kann, dass mithin im Fall der Apographie genau die Frage, ob die Handschrift vom Autor (Autographie) oder einem anderen (Allographie) stammt, ‚vergleichgültigt‘ wird.</p></blockquote>
<p>Vulgo:<br />
&#8222;Es ist gleichgültig, ob der Autor selbst oder jemand anders seinen Text abgeschrieben hat.&#8220;</p>
<p>Ossip Mandelstam riet einem Dichterkollegen in einer Rezension, er solle sich auf Wörter beschränken, &#8222;die in die lebendige Sprache Eingang gefunden haben&#8220;. Warum die Wissenschaft sich von diesem Prinzip abgewendet hat, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. In einem kritischen Essay schrieb Gerald Wagner jüngst in der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/wissenschaftspublikationen-nie-mehr-langeweile-15635182.html" target="_blank" rel="noopener">Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a>: „Für eine gelungene wissenschaftliche Sozialisation ist die Eingewöhnung in die professionelle Beherrschung von publizierter Langweiligkeit unentbehrlich.“</p>
<h3>Die Tücken des Jargons</h3>
<p>Sprache hat viele Funktionen. Sie kann nicht nur Inhalt weitergeben, Schönheit erzeugen und Gefühle ausdrücken – sie kann auch über Zugehörigkeit bestimmen. Wer zur akademischen Elite gehören will, muss den Jargon seiner Wissenschaft beherrschen. Dies beobachtete kein Geringerer als David Foster Wallace: Durch seine Creative Writing-Kurse hatte er Einblick in die Gepflogenheiten der akademischen Welt gewonnen, und er stellte fest, dass in akademischen Texten oft zwei Aspekte des Schreibens zueinander in Widerspruch stehen (in: <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/099111812X/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Quack This Way</em></a>):</p>
<p>Zum einen:</p>
<blockquote><p>writing as a vector of meaning – as a way to get information or opinion from me to you.</p></blockquote>
<p>Zum anderen:</p>
<blockquote><p>writing as a form of dress or speech or style or etiquette that signals that &#8222;I am a member of this group&#8220;.</p></blockquote>
<p>Der Wissenschaftsjargon zielt nicht in erster Linie darauf ab, den Inhalt möglichst effizient von Kopf A nach Kopf B zu befördern, er soll Zugehörigkeit herstellen und Abgrenzung gegenüber jenen, die des Jargons nicht mächtig sind. Im Extremfall kann die Funktion des Wissenstransports von der Funktion der Herstellung von Zugehörigkeit komplett ersetzt werden. Dann ist es zwar mit der Wissenschaft vorbei, keineswegs jedoch mit der Wissenschaftlichkeit (i. e. mit der Eigenschaft, Wissenschaft zu sein). Gerald Wagner spricht in seinem Essay von „Belanglosigkeitstoleranz“.</p>
<h3>Geschwurbel</h3>
<p>Nachdem ich ausgiebiger in <em>Das Format der Literatur</em> geblättert habe, würde ich dem Buch allerdings nicht den Vorwurf der Belanglosigkeit machen. Umso mehr wundere ich mich dagegen über das Geschwurbel.</p>
<p>Zum Schluss ein paar Kostproben aus der Vorbemerkung. Carlos Spoerhase schildert darin, wie er im lichtdurchfluteten Lesesaal des Kislak Center der Bibliothek der University of Pennsylvania in alten Handschriften forscht. Die Aufsicht führen Studenten, die bereits im Rahmen ihres Literaturstudiums mit alten Manuskripten zu tun hatten.</p>
<blockquote><p>Ein Ergebnis dieser außergewöhnlichen Ausbildung ist, dass die Studenten durch den im Zuge der frühen Heranführung an wertvolle textuelle Objekte ermöglichten taktilen Kontakt mit unikalen Schriftartefakten für die Aura der alten Bücher sensibilisiert sind.</p></blockquote>
<p>Vulgo:<br />
&#8222;Nachdem die Studenten im Zuge ihrer Ausbildung wertvolle Bücher mehrfach in der Hand gehalten haben, sind sie für die Aura alter Bücher empfänglich.&#8220;</p>
<p>Bei den letzten beiden Beispielen strecke ich die Waffen. Ich glaube, hier gibt es kein Vulgo.</p>
<blockquote><p>… weshalb es Literatur selbst dort, wo sie primär in Buchform zirkuliert, immer nur als ein plurales Medienphänomen geben kann, das sich in einer Vielzahl divergierender und kontrastierender Formate materialisiert und rematerialisiert; und weshalb diese medialen Materialisierungen und Rematerialisierungen immer auf ein äußerst voraussetzungsreiches Gefüge sozialer Praktiken angewiesen sind.</p></blockquote>
<blockquote><p>In dieser programmatischen Emphatisierung des singulären Einzelartefakts berührt sich das Ethos der philologischen Materialitätsstudien häufig mit dem Ethos der antiquarischen Bibliophilie, die ihre buchförmigen Gegenstände dann am höchsten bewerten, wenn sie singuläre Objekte sind.</p></blockquote>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Carlos Spoerhase<br />
<strong>Das Format der Literatur</strong><br />
Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830<br />
Wallstein Verlag 2018 · 808 Seiten · 49,90 Euro<br />
ISBN: 978-3835331037<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3835331035/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783835331037" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
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