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	<title>Stalinismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Oszillierende Stimmen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Apr 2018 10:37:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Litauen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Gesprächsband „Der magnetische Norden“ erzählt der litauische Dichter Tomas Venclova vom Überleben in den Grenzräumen Osteuropas – und von der existenziellen Bedeutung der poetischen Sprache auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">L</span>itauen liegt am Rande Europas, wie Irland, und wie das Gälische vom Englischen, so wurde die litauische Sprache vom Polnischen bedrängt. Beide Sprachen waren im 19. Jahrhundert vom Aussterben bedroht. Diesen Vergleich zieht der litauische Dichter Tomas Venclova in dem Buch <em>Der magnetische Norden</em>, einem 600 Seiten langen Gespräch mit der amerikanischen Autorin Ellen Hinsey. Bei der Lektüre begegnet uns eine weitere Ähnlichkeit der beiden Länder am nordöstlichen und westlichen Rand Europas: Litauen und Irland haben in Europa, proportional zur Bevölkerung, die meisten Dichter hervorgebracht. Dies hat offenbar mit der Bedrohung und dem Überleben der eigenen Sprache zu tun, und zugleich mit dem Überleben der Menschen – diesen Eindruck gewinnt man durch die Gespräche von Tomas Venclova.</p>
<h3>Das Jerusalem des Nordens</h3>
<p>Litauen gehört zu den Grenzräumen Osteuropas, die im 20. Jahrhundert „verheerende Erdbeben“ erlebt haben, wie es Venclovas Freund Czesław Miłosz formuliert. Für Ellen Hinsey gehört der europäische Nordosten zu jenen Orten auf der Erde, deren „Magneterz einige der gewaltsamsten Erdbeben der Geschichte überdauert hat“. Kommt auch die Sprache aus den Tiefen dieser magnetischen Erde? Der Dichter Venclova schöpft nicht zuletzt aus den Mythen und Erzähltraditionen seiner Heimat. Man kann <em>Der magnetische Norden </em>in seiner Gesamtheit als Venclovas Antwort auf die Frage nach dem Überleben lesen. In einem Land, dessen Hauptstadt das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde und stark polnisch geprägt war, konnte es dem Dichter nie nur um das Überleben des „eigenen“ Volkes gehen. Ellen Hinsey betont, dass Venclova der erste Schriftsteller war, der sich – in seinem Essay „Juden und Litauer“ – des schmerzlichen Themas der litauischen Kollaboration bei den Verbrechen an den Juden angenommen hatte. Doch inmitten der Fülle an anschaulichen und für den westlichen Leser erhellenden biografischen Einzelheiten kommt Venclova immer wieder auf das Thema Sprache zurück.</p>
<p>Tomas Venclova wurde 1937 im heutigen Klaipeda geboren. Es war die Zeit von Stalins großem Terror; in die Kindheit des Dichters fiel zuerst die sowjetische Besatzung Litauens und dann die Besetzung durch Nazi-Deutschland. Unter beiden Regimes gab es Deportationen und Ermordungen, die Opfer waren Juden, einheimische Bauern, Regimegegner und Intellektuelle. Im ersten Teil des Gesprächsbandes stehen diese Erlebnisse im Zentrum. Venclova gibt einen Einblick in die Lage, in der sich Litauen damals befand:</p>
<blockquote><p>Zum ersten Mal seit der Annexion des Landes [durch die Sowjetunion] zeigte das stalinistische Regime sein wahres Gesicht. In den frühen Morgenstunden des 14. Juni 1941 suchte die Geheimpolizei […] Tausende von Wohnungen auf. Die Familien, die sie ins Visier genommen hatte, bekamen etwa eine Stunde, um die wichtigsten Sachen zu packen, wurden dann auf Lastwagen getrieben, zu Bahnhöfen gefahren und in Viehwaggons geladen. […] Die Deportationen kamen völlig unerwartet. Sie dauerten zwei oder drei Tage. Die Menschen in den Viehwaggons gehörten meist […] zur Elite des Landes: Lehrer, Offiziere, Beamte, Priester, wohlhabende Bauern. […] Die Ereignisse im Juni 1941 gleichen in ihrer Brutalität den Deportationen der Nazis. Die Gestapo übrigens hat Deportationen und Hinrichtungen öffentlich angekündigt. Hier fand alles stillschweigend statt.</p></blockquote>
<p>Als Nazideutschland wenige Tage später der Sowjetunion den Krieg erklärte, sahen viele Menschen darin einen Ausweg:</p>
<blockquote><p>Der Krieg bereitete den Deportationen ein jähes Ende. Nach heutigen Schätzungen wurden etwa siebzehntausend Menschen deportiert. Weitere hätten ihr Schicksal geteilt, wenn die Sowjets an der Macht geblieben wären.</p></blockquote>
<h3>Die Befreiung der Sprache</h3>
<p>Venclovas Mutter Eliza wurde von den Nationalsozialisten verhaftet, während der Vater – als Bildungsminister Litauens – nach Moskau evakuiert wurde. Für einen litauischen Dichter dieser Generation ging es beim Schreiben immer um Leben und Tod, um die Verteidigung der Wahrheit gegen die Lüge der Tyrannei. Das hieß vor allem die Befreiung der Sprache aus ihrer Erstarrung in den Phrasen der Ideologie. Der Dichter muss dazu, diesen Eindruck gewinnt man beim Lesen, nur aus dem Quellgrund der Sprache selbst schöpfen, sich ihren „akustischen Halluzinationen“ hingeben, wie Nadeschda Mandelstam es nannte. Venclova selbst beschreibt es so:</p>
<blockquote>[&#8230;] das Phänomen der akustischen Halluzinationen erreichte mich weniger als musikalische Phrasen sensu stricto, sondern eher als rhythmische Einheiten, die auch räumlich verstanden werden können [&#8230;]. In jenen Jahren habe ich meine Gedichte meist nicht am Schreibtisch verfasst, sondern auf langen Spaziergängen durch die verwaisten Gassen von Vilnius oder Moskau. Beim Gehen entsprachen meine Schritte dem aufdringlichen Rhythmus der „akustischen Halluzinationen“ […].</p></blockquote>
<p>Auf diese Weise hat Venclova, wie er erzählt, zunächst zu einer herkömmlichen Schreibweise gefunden. Dabei sei es darum gegangen, den gerissenen Faden der Erinnerung wieder zusammenzuführen und Bezüge zu den alten Topoi und Mythen wieder herzustellen. Zu seinem eigenen Stil habe er erst gefunden, als er sich in die Gedichte von Boris Pasternak verliebt hatte. Zunächst seien ihm diese vollkommen unverständlich erschienen, aber ihr Klang habe es ihm angetan. Und so machte Venclova sich das Diktum Pasternaks zu eigen, wonach die Poesie uns einen Weg eröffne, „die Wahrnehmung zu ent-automatisieren“. Durch die Vermittlung von Anna Achmatowa hatte Venclova als 23-jähriger Dichter Boris Pasternak noch kurz vor dessen Tod persönlich kennen gelernt. Er nimmt an seiner Beerdigung im Frühsommer 1960 teil, die auf eine geradezu mythische Weise zu einer ungeplanten Demonstration gegen das System wird. Von nun an bewegt sich Venclova in der Welt der Dichter, der russischen von Mandelstam bis Brodsky und der litauischen, deren Namen wir im Westen kaum kennen. Aus diesen Begegnungen entstand ein Netzwerk von Freundschaften, eine „alternative Gesellschaft“ aus kleinen Inseln, die wichtig wurde für die Systemveränderungen der 80er Jahre.</p>
<h3>Zwischen Wahrheit und Unwahrheit</h3>
<p>In seinem eigenen Schaffen gibt Venclova die Stimmung dieser kleinen Inseln wieder. Er orientiert sich dabei wiederum am Klang:</p>
<blockquote><p>Wenn es etwas gegeben hat, dem zu lauschen sich in diesem Universum des Stillstands und der Abwesenheit von Zeit lohnte, dann waren es die Stimmen der vielen Generationen, die die Geschichte gefällt hatte.</p></blockquote>
<p>Er zitiert einen Vers aus seinem Gedicht „Tag und Nacht sind halb um“:</p>
<blockquote><p>Stimmen, einst verloren, kehren zurück zu uns aus der Welt. Doch auch davon bleiben nur Vergessen, ein Brunnen<br />
der Rand fremder Zeit, fremden Nichtseins.</p></blockquote>
<p>Die poetische Sprache bringe dieses Oszillieren zwischen den verlorenen und zurückkehrenden Stimmen zu Gehör, indem sie stets auf dem Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit schwebe. Die Sprache bewege sich dabei – getreu ihrer zweideutigen Natur – auf der Grenze zur Selbstauflösung: „Halt ein, halt ein – Der Satz, er löst sich auf.“</p>
<p>Venclova zitiert seinen Dichterkollegen Fjodor Tjutschew: Sei ein Gedanke erst einmal geäußert, werde er in diesem Moment unwahr. Und er zitiert seinen Freund Joseph Brodsky: Poesie sei eine Form des Widerstands gegen die Realität. Auf rätselhafte Weise sei die Lyrik mit der Ethik verknüpft und die poetische Disziplin mit der Tapferkeit des Geistes.</p>
<h3>Freundschaft mit Czesław Miłosz</h3>
<p>Gegen Ende des Buches erzählt Venclova auf berührende Weise von der Begegnung mit Czesław Miłosz, der als Pole in Vilnius geboren und aufgewachsen war. Die beiden Dichter treffen sich Ende der 70er Jahre im kalifornischen Exil und entdecken ihre Seelenverwandtschaft. Miłosz glaubt, dass sein Werk unter der jungen Generation in Polen weitgehend unbekannt und in Vilnius völlig unzugänglich sei. Doch nun erzählt ihm Venclova, dass Miłosz’s 1959 verfasstes autobiographisches Werk <em>West und Östliches Gelände</em> seinen Weg nach Vilnius gefunden habe, und zwar durch eine Dame, die während der Nazizeit Kinder aus dem Wilnaer Ghetto geschmuggelt hatte. Nach dem Krieg lebte sie in Paris, unterhielt aber weiterhin Kontakte nach Litauen und schickte Briefe und Päckchen an ihre litauischen Freunde. Jedes Päckchen enthielt eine Seite des Werks von Miłosz, manchmal als Packpapier von Schokolade getarnt. Es dauerte eineinhalb Jahre, bis das ganze Buch in Litauen angekommen war. Ihre Freunde banden es und ließen das Buch zirkulieren, und so erreichte es auch Venclova. Er las es just auf jener Bank an der Neris, von wo aus man unerwünschte Beobachter leicht ausmachen kann – und auf der 1940 auch Czesław Miłosz gesessen und das Einrücken sowjetischer Panzer beschrieben hatte.</p>
<p>Tomas Venclova kommentiert dieses Ereignis folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Es ist ein Sinnbild, aber mehr als das, dieses Land hatte ein unglaubliches Potenzial für das Überleben. Es konnte überdauern, bis dieses Buch eine Stadt erreicht hatte, um gelesen zu werden, an demselben Ort, der in ihm beschrieben war – von einem angehenden Dichter einer anderen Generation. Und das erfüllte mich mit Hoffnung.</p></blockquote>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Tomas Venclova<br />
<strong>Der magnetische Norden</strong><br />
Gespräche mit Ellen Hinsey<br />
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Sinnig<br />
Suhrkamp 2017 · 652 Seiten · 36,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-518-42633-3<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518426338/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518426333" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="12603" data-permalink="https://tell-review.de/oszillierende-stimmen/venclova_norden_cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/Venclova_Norden_Cover.jpg?fit=403%2C640&amp;ssl=1" data-orig-size="403,640" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Venclova_Norden_Cover" data-image-description="&lt;p&gt;Tomas Venclova&lt;br /&gt;
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</div></div>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<p>Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: Von Eugenijus Radlinskas, Vilnius, Litauen (Winterpanorama Vilnius, Ausschnitt) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AVilnius_winter_panorama_(3245567956).jpg">via Wikimedia Commons</a><br />
Buchcover: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/der_magnetische_norden-tomas_venclova_42633.html" target="_blank" rel="noopener">Suhrkamp</a></p>
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		<title>Das Schiff auf dem Weißmeerkanal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Mar 2017 09:20:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Schatztruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Stalin]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Im August 1933 befahren über hundert sowjetische Schriftsteller den neuen Weißmeer-Ostsee-Kanal, um über die „Umschmiedung“ der Häftlinge in den Zwangsarbeiterlagern zu berichten. Dabei kommt es zu heiklen Begegnungen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Dies ist der dritte Beitrag der Reihe „Passagen aus der sowjetischen Literaturgeschichte“. Weitere Beiträge:<br />
<a href="http://tell-review.de/das-philosophenschiff/" target="_blank">Das Philosophenschiff</a><br />
<a href="http://tell-review.de/das-narrenschiff/" target="_blank">Das Narrenschiff</a><br />
</div></div>
<p><span class="dropcap">A</span>m 17. August 1933 bricht in Leningrad eine Gruppe von 120 Schriftstellern und Kulturschaffenden zu einer Exkursion auf. Die Teilnehmer stammen aus allen Republiken der Sowjetunion. Sie sollen per Schiff den Weißmeer-Ostsee-Kanal befahren, der kurz vor der Eröffnung steht. Unter ihnen sind bekannte Autoren wie Alexei Tolstoi, Boris Pilnjak und Michail Soschtschenko. Auch der Literaturtheoretiker Viktor Schklowski reist mit. Er hofft, seinen älteren Bruder Wladimir wiederzusehen. Wladimir Schklowski ist im „Weißmeer-Ostsee Besserungsarbeitslager“ (BelBaltLag) inhaftiert – als einer unter Zehntausenden von Strafgefangenen, die den Kanal innerhalb von zwei Jahren mit einfachsten Mitteln errichtet haben, fast ohne Baumaschinen, Stahl oder Beton.</p>
<p>Der Weißmeer-Ostsee-Kanal ist ein Prestigeprojekt des ersten Fünfjahresplans, der 1929 verabschiedet worden war. Josef Stalin hat inzwischen die uneingeschränkte Macht in Staat und Partei. Er treibt die Industrialisierung der Sowjetunion in rasantem Tempo und mit brachialen Methoden voran. Hunderttausende werden in den „Besserungslagern“ interniert und müssen Zwangsarbeit leisten. Zu ihnen zählen Bauern, die im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft deportiert wurden ebenso wie Straftäter und politische Gefangene. Viele sterben an den Strapazen und Entbehrungen.</p>
<div id="attachment_6681" style="width: 639px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6681" data-attachment-id="6681" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/belomorkanal/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?fit=800%2C504&amp;ssl=1" data-orig-size="800,504" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Belomorkanal" data-image-description="&lt;p&gt;Häftlinge beim Bau des Weißmeerkanals&lt;br /&gt;
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belomorkanal.png&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Häftlinge beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?fit=800%2C504&amp;ssl=1" class="wp-image-6681 " src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?resize=629%2C396" width="629" height="396" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?w=800&amp;ssl=1 800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?resize=80%2C50&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?resize=300%2C189&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Belomorkanal.png?resize=768%2C484&amp;ssl=1 768w" sizes="(max-width: 629px) 100vw, 629px" /><p id="caption-attachment-6681" class="wp-caption-text">Häftlinge beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals</p></div>
<p>Die Schiffsreise auf dem Kanal dient der Öffentlichkeitsarbeit. Die mitfahrenden Autoren sollen den Bau des Kanals als Musterprojekt der Industrialisierung darstellen und dabei berichten, wie Strafgefangene durch Arbeit zu nützlichen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft „umgeschmiedet&#8220; werden. Genrich Jagoda, der Verantwortliche für den Kanalbau, hat die Reise zusammen mit Maxim Gorki organisiert. Gorki ist erst kurz zuvor endgültig in die Sowjetunion zurückgekehrt. Nach der <a href="http://tell-review.de/das-philosophenschiff/#pomgol" target="_blank">Zerschlagung des „Allrussischen Hilfskomitees für die Hungernden“</a> im Jahr 1921 hatte er lange Zeit im Exil verbracht, dabei die Verbindung zur sowjetischen Regierung jedoch nie abreißen lassen. Jagoda, Literaturliebhaber und persönlicher Freund Gorkis, hat als Leiter der Geheimpolizei OGPU seit Ende der 1920er Jahre erheblich dazu beigetragen, die Rückkehr des Schriftstellers in die Sowjetunion vorzubereiten. Gorkis endgültige Heimkehr 1932 wird medienwirksam inszeniert. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gilt der weltberühmte proletarische Autor auch in der Sowjetunion als wichtigster Repräsentant der sozialistischen Literatur.</p>
<div id="attachment_6686" style="width: 639px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6686" data-attachment-id="6686" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?fit=654%2C436&amp;ssl=1" data-orig-size="654,436" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="1935_genrich_jagoda_maxim_gorki" data-image-description="&lt;p&gt;Genrich Jagoda und Maxim Gorki&lt;br /&gt;
1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg&lt;br /&gt;
Gemeinfrei, via &lt;a href=&quot;https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg&quot;&gt;Wikimedia Commons&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Maxim Gorki und Genrich Jagoda&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?fit=654%2C436&amp;ssl=1" class=" wp-image-6686" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?resize=629%2C419" alt="" width="629" height="419" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?w=654&amp;ssl=1 654w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w" sizes="auto, (max-width: 629px) 100vw, 629px" /><p id="caption-attachment-6686" class="wp-caption-text">Maxim Gorki und Genrich Jagoda</p></div>
<p>Die Betreuung der Kulturschaffenden übernimmt die OGPU. Semjon Firin, OGPU-Hauptmajor und Leiter des BelBaltLag, begleitet die Gruppe. Die Reisenden werden opulent bewirtet: Es gibt Kaviar, Stör, Schweinebraten, geräucherte Wurst, Schokolade, Wodka, Wein und Champagner. Schklowski hat keinen rechten Appetit – er muss an die Hungerkatastrophe im Süden der Sowjetunion denken, die infolge der Zwangskollektivierung ausgebrochen ist.</p>
<p>Die Autoren besichtigen das Lager, in dem Schklowskis Bruder und Tausende anderer Gefangene – offiziell „Kanalarmisten“ – inhaftiert sind. Die Schauspielerin Tamara Iwanowa, die ihren Mann, den Schriftsteller Wsewolod Iwanow, auf der Reise begleitet, erinnert sich:</p>
<blockquote><p>Sie zeigten uns potemkinsche Dörfer – mir war das schon damals klar. Ich konnte nicht an mich halten und fragte Wsewolod und Michail Soschtschenko: Merkt ihr denn wirklich nicht, dass der Auftritt der ‚umgeschmiedeten‘ Häftlinge Theater ist und die Hütten mit Palisadenzäunen und die mit sauberem Sand bestreuten Wege bloß Kulissen? Sie erwiderten aufrichtig (beide glaubten an die Möglichkeit des Umschmiedens), dass man einen Menschen vor allem in sehr gute Verhältnisse bringen müsse, um ihn umzuerziehen – in ganz andere Verhältnisse als die, aus denen er in die Welt des Verbrechens geraten sei. […] So unwahrscheinlich es klingt: Sowohl Wsewolod als auch Soschtschenko glaubten ihnen. Und vor allem, sie wollten glauben.</p></blockquote>
<p>Im Lager kommt es zu einer heiklen Begegnung. Die Schriftsteller treffen überraschend auf einen inhaftierten Kollegen, den Dichter Sergei Alymow. Der ehemalige Futurist und Autor des beliebten Liedes „Über Täler, über Höhen schritt die Division voran“ ist als Redakteur für die Lagerzeitung <em>Perekowka</em> („Die Umschmiedung“) verantwortlich. Alymows Moskauer Bekannte versuchen, die Verlegenheit mit Schulterklopfen und Scherzen zu überbrücken, aber er spielt nicht mit. Schließlich setzt sich der Lyriker Alexander Besymenski beim Lagerkommandanten Semjon Firin, der die Gruppe begleitet, für Alymow ein. Alexander Awdejenko, der als junger Nachwuchsautor mit dabei ist, beschreibt die Szene in seinen Erinnerungen so:</p>
<blockquote><p>Sascha Besymenski konnte es nicht lassen, zu witzeln: „Serjoscha soll hier die Schubkarre über Täler, über Höhen schieben.“ Alle lachten, auch Firin. Alymow brachte nicht einmal ein Lächeln zustande. Seine Augen verdüsterten sich wie eine aufgequollene Regenwolke. Besymenski machte sich die heitere und offensichtlich freundschaftliche Stimmung Firins zunutze und sagte: „Semjon Grigorjewitsch, ich muss einfach ein gutes Wort einlegen und Sie bitten, dem Kollegen die Strafe zu verkürzen.“ „Schon geschehen. Alymow wird bald nach Moskau zurückkehren.“ Mit diesen Worten entfernte sich Firin, weil er zu tun habe. &#8222;Serjoscha, weshalb bist du denn nun hier gelandet?&#8220; fragte Besymenski jetzt ganz im Ernst. Der Kanalarmist Alymow winkte ab und kletterte weinend auf die obere Pritsche.</p></blockquote>
<div id="attachment_6678" style="width: 396px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6678" data-attachment-id="6678" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/386px-bbk_poster/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/386px-BBK_poster.jpg?fit=386%2C599&amp;ssl=1" data-orig-size="386,599" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="386px-BBK_poster" data-image-description="&lt;p&gt;Plakat Weißmeerkanalarbeiter&lt;br /&gt;
386px-BBK_poster.jpg&lt;br /&gt;
Gemeinfrei, https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:BBK_poster.jpg&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Agitationsplakat aus der Zeit des Kanalbaus:&lt;br /&gt;
„Kanalarmist! Durch heiße Arbeit schmilzt dein Strafmaß“&lt;/p&gt;
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<p>Viktor Schklowski hat noch in Moskau die Genehmigung für Treffen mit seinem inhaftierten Bruder Wladimir erwirkt. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen. Der zutiefst gläubige Wladimir – er hat als Philologe Dantes <em>De vulgari eloquentia</em> erstmals ins Russische übersetzt – ist im nachrevolutionären Russland wegen illegaler Missionstätigkeit und politischer Unzuverlässigkeit immer wieder verhaftet worden. Schon vor Jahren hat er den Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Viktor eingestellt, weil er ihn nicht in Schwierigkeiten bringen möchte.</p>
<div id="attachment_6683" style="width: 270px" class="wp-caption alignright"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6683" data-attachment-id="6683" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/sklovsky/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?fit=260%2C348&amp;ssl=1" data-orig-size="260,348" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Sklovsky" data-image-description="&lt;p&gt;Viktor Schklowski in den 1920er Jahren&lt;br /&gt;
Gemeinfrei https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sklovsky.jpg&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Viktor Schklowsky&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?fit=260%2C348&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-6683" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=260%2C348" alt="" width="260" height="348" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?w=260&amp;ssl=1 260w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Sklovsky.jpg?resize=224%2C300&amp;ssl=1 224w" sizes="auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px" /><p id="caption-attachment-6683" class="wp-caption-text">Viktor Schklowski</p></div>
<p>Denn auch dieser befindet sich in einer heiklen Lage. Er gehörte in den ersten Revolutionsjahren der Partei der Sozialrevolutionäre an und galt damit als Gegner der Bolschewiki. 1922 war er über die zugefrorene Ostsee nach Finnland geflohen, um einer Verhaftung als Konterrevolutionär zu entgehen. Nach zweijährigem Exil, das er überwiegend in Berlin verbracht hat, ist er 1924 auf eigenes Ersuchen, unterstützt durch die Fürsprache Gorkis und Majakowskis, in die Sowjetunion zurückgekehrt. Die literaturtheoretischen Arbeiten der Gruppe OPOJAZ („Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache“), der er Anfang der zwanziger Jahre angehörte, werden inzwischen als „Formalismus“ verurteilt. Im Jahr 1930 muss er sie öffentlich als wissenschaftlichen Irrtum widerrufen. Es gelingt ihm, sich als vielseitiger und produktiver Autor zu etablieren, aber der Makel des ehemaligen Konterrevolutionärs bleibt an ihm haften.</p>
<p>Das Wiedersehen der beiden Brüder im Gulag fällt kurz aus. Gut vierzig Jahre später erinnert sich Viktor Schklowski daran im Gespräch mit der italienischen Slawistin Serena Vitale:</p>
<blockquote><p>Ich hielt die Tränen zurück, als ich ihn sah. „Erkennst du mich?“ flüsterte ich. „Nein“, erwiderte er mit fester Stimme – er hatte Angst um mich. Oder vor mir?</p></blockquote>
<p>Viktor lässt seinem Bruder ein Päckchen Zigaretten da. Auf die Frage des begleitenden Aufsehers, wie er sich nach der Begegnung fühle, antwortet er: „Wie ein lebender Fuchs im Pelzladen.“</p>
<div id="attachment_6695" style="width: 1310px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6695" data-attachment-id="6695" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/weissmeerkanal-buch/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?fit=1300%2C531&amp;ssl=1" data-orig-size="1300,531" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Weißmeerkanal (Buch)" data-image-description="&lt;p&gt;Das Buch &amp;#8222;Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal&amp;#8220;&lt;br /&gt;
Fotograf unbekannt&lt;br /&gt;
https://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.auction-imperia.ru%2Fi%2Fbooklot%2F1235152682.jpg&amp;#038;imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.auction-imperia.ru%2Fwdate.php%3Ft%3Dbooklot%26i%3D121&amp;#038;docid=720CDsP5zpPhCM&amp;#038;tbnid=U0xG2nTVqbHJ8M%3A&amp;#038;vet=1&amp;#038;w=1300&amp;#038;h=531&amp;#038;hl=de&amp;#038;bih=900&amp;#038;biw=1600&amp;#038;q=%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D1%80%D1%81%D0%BA%D0%BE-%D0%91%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%B8%D0%B9%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9%20%D0%BA%D0%B0%D0%BD%D0%B0%D0%BB%20%D0%B8%D0%BC%D0%B5%D0%BD%D0%B8%20%D0%A1%D1%82%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0&amp;#038;ved=0ahUKEwjsxobT4YbSAhVTb5oKHQVLADwQMwgcKAIwAg&amp;#038;iact=mrc&amp;#038;uact=8#h=531&amp;#038;imgrc=U0xG2nTVqbHJ8M:&amp;#038;vet=1&amp;#038;w=1300&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Das Buch „Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal“&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?fit=900%2C368&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-6695" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=900%2C368" alt="" width="900" height="368" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?w=1300&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=80%2C33&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=300%2C123&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=768%2C314&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=1030%2C421&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/Wei%C3%9Fmeerkanal-Buch.jpg?resize=1200%2C490&amp;ssl=1 1200w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-6695" class="wp-caption-text">Das Buch <em>Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal</em></p></div>
<p>Die sowjetische Presse berichtet ausgiebig über die Reise der Autoren. Die Teilnehmer selbst publizieren zahlreiche Artikel und Aufsätze. Anfang 1934, anlässlich des XVII. Parteitags der KPdSU (B), erscheint das Buch <em>Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal: Geschichte des Baus 1931-1934</em>. Herausgegeben wird das Gemeinschaftswerk von Maxim Gorki, Leopold Awerbach, einem Schriftsteller, Literaturfunktionär und glühenden Stalinisten, sowie Semjon Firin, dem Leiter des Besserungslagers BelBaltLag. Die Fotos stammen von Alexander Rodtschenko, einem der bekanntesten konstruktivistischen Maler und Grafiker Russlands. Zu den 36 genannten Autoren gehört auch Sergei Alymow. Die Mitarbeit ist der Preis für seine Freilassung, die nach seinem Tränenausbruch bei dem Gespräch im Lager eilig in die Wege geleitet worden war.</p>
<p>Am häufigsten taucht im Inhaltsverzeichnis jedoch der Name Viktor Schklowski auf. Er hat an mehr Kapiteln mitgearbeitet als alle anderen Autoren. Sein Bruder Wladimir kommt noch im gleichen Jahr frei, nachdem er sein Strafmaß verbüßt hat und, wie Zehntausende anderer Zwangsarbeiter, nicht mehr benötigt wird. Denn der Weißmeer-Ostee-Kanal ist vollendet. An seiner Einfahrt prangen die Bildnisse von Stalin und Jagoda.</p>
<div id="attachment_6680" style="width: 674px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6680" data-attachment-id="6680" data-permalink="https://tell-review.de/das-schiff-auf-dem-weissmeerkanal/1933_entrance_belomor_canal/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?fit=664%2C224&amp;ssl=1" data-orig-size="664,224" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="1933_entrance_belomor_canal" data-image-description="&lt;p&gt;Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal 1933 mit den Porträts von Stalin und Jagoda (später ausgelöscht)&lt;br /&gt;
1933_entrance_belomor_canal.png&lt;br /&gt;
See page for author [Public domain], &lt;a href=&quot;https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1933_entrance_belomor_canal.png&quot;&gt;via Wikimedia Commons&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Die Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal mit den Porträts von Stalin und Jagoda.&lt;br /&gt;
Das Foto ist von 1933. Das Porträt Jagodas wurde später unkenntlich gemacht.&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?fit=664%2C224&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-6680" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=664%2C224" alt="" width="664" height="224" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?w=664&amp;ssl=1 664w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=80%2C27&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/02/1933_entrance_belomor_canal.png?resize=300%2C101&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 664px) 100vw, 664px" /><p id="caption-attachment-6680" class="wp-caption-text">Die Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal. Links und rechts sind die Porträts von Stalin und Jagoda. Das Foto wurde 1933 aufgenommen. Das Porträt Jagodas wurde nachträglich unkenntlich gemacht.</p></div>
<p>Nach der Fertigstellung des Kanals übernimmt Genrich Jagoda die Leitung des Geheimdienstes NKWD. Im August 1936, zwei Monate nach Maxim Gorkis Tod, leitet er den ersten Moskauer Schauprozess. Im März 1937 wird er selbst als Volksfeind verhaftet. Im dritten Schauprozess, ein Jahr später, zählt er zu den Hauptangeklagten.</p>
<p>Jagodas Todesurteil wird unverzüglich in der Lubjanka vollstreckt, der Zentrale des Geheimdienstes, den er geleitet hat. Im August 1937 werden die beiden noch lebenden Herausgeber des Buches ebenfalls erschossen – Leopold Awerbach und der ehemalige Gulag-Kommandant Semyon Firin. Sein Häftling Wladimir Schklowski überlebt ihn um drei Monate, bevor diesen das gleiche Schicksal trifft. Nur Sergei Alymow bleibt verschont. Er stirbt 1948 bei einem Autounfall.</p>
<p>Das Buch über den Weißmeer-Ostsee-Kanal wird drei Jahre nach Erscheinen aus dem Verkehr gezogen. Zu viele der Namen, die darin vorkommen, gehören inzwischen Volksfeinden.</p>
<hr />
<div class="su-row">
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<strong><span style="font-size: 80%;">Quellen:</span></strong></p>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Avdejenko, Ak´leksandr: Nakazanie bez prestupleniya<br />
Sovetskaja Rossija, 1991</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Ivanova, Tamara: Ešče o «nasledstve», o «dolge» i «prave».</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Byl li Vsevolod Ivanov «ždanovcem»?</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Knižnoe obozrenie. 1989. № 34</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Klein, Joachim: Belomorkanal. Literatur und Propaganda der Stalinzeit</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Zeitschrift für Slavische Philologie, 1995/1996, LV, 53-98</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Vitale, Serena: Shklovsky: Witness To An Era</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Translated by Jamie Richards</span><br />
<span style="font-size: 80%;">Russian Literature, 2013</span><br />
<span style="font-size: 80%;">ISBN: 978-1564787910</span></li>
<li><span style="font-size: 80%;">Website: <a href="http://aquaviva.ru/journal/vladimir-shklovskiy-1889-1937" target="_blank">Vladimir Šklovskij (1889-1937)<br />
</a>Voda živaja – Sankt-Peterburgskij cerkovnyj vestnik</span></li>
</ul>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Artikel der russischen Wikipedia, insbesondere:</span></li>
</ul>
<p><span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%B1%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%BB%D0%B0%D0%B3" target="_blank">Belbaltlag</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%B5%D0%BB%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D1%80%D1%81%D0%BA%D0%BE-%D0%91%D0%B0%D0%BB%D1%82%D0%B8%D0%B9%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BA%D0%B0%D0%BD%D0%B0%D0%BB" target="_blank">Belomorsko-Baltijskij Kanal</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Беломорско-Балтийский_канал_имени_Сталина_(книга)" target="_blank">Belomorsko-Baltijski Kanal imeni Stalina (kniga)</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9C%D0%B0%D0%BA%D1%81%D0%B8%D0%BC_%D0%93%D0%BE%D1%80%D1%8C%D0%BA%D0%B8%D0%B9" target="_blank">Maksim Gor&#8217;kij</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%AF%D0%B3%D0%BE%D0%B4%D0%B0,_%D0%93%D0%B5%D0%BD%D1%80%D0%B8%D1%85_%D0%93%D1%80%D0%B8%D0%B3%D0%BE%D1%80%D1%8C%D0%B5%D0%B2%D0%B8%D1%87" target="_blank">Jagoda, Genrich Grigor&#8217;evič</a></span></p>
<ul>
<li><span style="font-size: 80%;">Artikel der deutschen Wikipedia:</span></li>
</ul>
<p><span style="font-size: 80%;"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wiktor_Borissowitsch_Schklowski" target="_blank">Wiktor Borissowitsch Schklowski</a></span><br />
<span style="font-size: 80%;"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genrich_Grigorjewitsch_Jagoda" target="_blank">Genrich Grigorjewitsch Jagoda</a></span></p>
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild: Bauarbeiten am Weißmeer-Ostsee-Kanal 1932 (Panoramabild)</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1932_belomorkanal.png">via Wikimedia Commons<br />
</a></em><em><br />
Häftlinge beim Bau des Weißmeerkanals</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belomorkanal.png">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Maxim Gorki und Genrich Jagoda</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1935_genrich_jagoda_maxim_gorki.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Agitationsplakat aus der Zeit des Kanalbaus</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:BBK_poster.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Viktor Schklowski</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sklovsky.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Buch „Der Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanal“: © auction-imperia.ru</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Einfahrt zum Weißmeer-Ostsee-Kanal 1933</em><br />
<em> Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1933_entrance_belomor_canal.png">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
</div></div>
</div>
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