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	<title>Spiritualität &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Spiritualität &#8211; tell</title>
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		<title>Zahlen und Atem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Mar 2021 10:45:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Corona-Pandemie wirft Fragen auf, die das Spirituelle berühren. Die Vorstellung der vollständigen Kontrolle erweist sich als Illusion. Aber darin liegt auch eine Chance: Wir können lernen, mit Grenzen umzugehen und uns der eigenen Vergänglichkeit zu stellen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Sie haben etwas Beklemmendes, die täglichen Zahlen von Inzidenzen und Infektionen und Reproduktionen und Sterbe-, manchmal auch Genesungsfällen. Sind es die Zahlen oder ist es die Art und Weise ihrer zum Ritual gewordenen Verkündigung, was einem manchmal die Luft nimmt? Folgt die Beklemmung daraus, dass Leben und Tod auf statistische Daten reduziert werden? Oder ist es die Tatsache, dass mithilfe von Zahlen Politik gemacht wird? Denn die Zahlen spiegeln ja weder die Wirklichkeit wider noch werden sie ausgewertet und interpretiert, und so erzeugen sie den Eindruck der Alternativlosigkeit.</p>



<p>Die Beklemmung hat also mannigfache Ursachen. Doch wie damit umgehen?&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Spirituelle Krise</h3>



<p>Bei Gesprächen im vergangenen Jahr bin ich immer wieder auf den Begriff der spirituellen Krise gestoßen, die sich im Zusammenhang mit der Reaktion auf das Corona-Virus offenbart habe. Gemeint war damit in erster Linie unser entfremdeter Umgang mit Krankheit und Tod. Zugleich spürte ich, dass sich im Wort der spirituellen Krise noch etwas anderes zeigt. Ich komme ihm näher, indem ich <em>Spirit</em> als Hauch lese und <em>spirare</em> mit atmen übersetze.</p>



<p>Die spirituelle Krise als Krise des Atmens? Inmitten eines täglichen Zahlenrituals, das einem manches Mal die Luft nehmen kann?</p>



<p>Die Angst vor Krankheit und Tod macht die Gesellschaft atemlos, und so geraten wir in eine Situation der Ausweglosigkeit, welche die Schriftstellerin Thea Dorn kürzlich im <a href="https://www.philomag.de/artikel/thea-dorn-todesvermeidung-um-jeden-preis-bringt-uns-eine-existenzielle-aporie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Philosophie Magazin</a> so beschrieben hat: „Todesvermeidung um jeden Preis führt den Menschen in eine existenzielle Aporie.“ Wenn der Mensch sein Handeln einzig danach ausrichtete, alles zu unterlassen, was gesundheitsgefährdend bis tödlich sein könnte, bliebe von seinem Leben nichts mehr übrig, das diesen Namen verdiente. „Noch etwas zugespitzter ließe sich sagen: der Mensch begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod.“ So heißt es bei Dorn.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Überwältigt von der Angst</h3>



<p>Doch wie kommen wir aus der Aporie heraus? Kann dies überhaupt gelingen? Jede kurze und einfache Antwort wäre unangebracht. Aber den Raum für Fragen zu öffnen, wäre eine gesundheitlich unbedenkliche Öffnungsstrategie. Dies wäre ein Raum, in dem auch die kritischen Stimmen aus der Kunst, der Philosophie, der Literatur, den basisdemokratischen Kreisen (wenn es sie noch gibt), sich noch mehr zu Wort meldeten. Denn diejenigen, die einst für einen aufgeklärten Geist kämpften, der gerade auch dem Alleinvertretungsanspruch der Naturwissenschaft mit Methodenkritik begegnete, sind scheinbar verstummt und überlassen damit das Feld den Rechten und den Verschwörungstheoretikern.</p>



<p>Vielleicht schweigen die anderen, weil das Feld so stark besetzt ist. Vielleicht auch, weil sie überwältigt sind von der eigenen Angst vor Krankheit und Tod. Das Regieren auf der Basis von Angst scheint jedenfalls ein probates Mittel geworden zu sein, und kein anderes Thema bietet sich dabei besser an als die Gesundheit. Ich war jedenfalls entsetzt, als Minister Altmaier kürzlich verkündete: „Wir sind verantwortlich für die Gesundheit von 83 Millionen Menschen!“ Welche ungeheure Anmaßung kommt hier zum Ausdruck! Und das ausgerechnet von einem Wirtschaftsminister, der in der aktuellen Krise auf manifeste Weise versagt hat. Ich möchte immer noch selbst für meine Gesundheit verantwortlich sein und auswählen, welche Ärzte ich aufsuche, wie ich mich ernähre und mit welchen Freunden ich mich umgebe. Ich möchte nicht Teil eines Kollektivs sein, in dem mir verordnet wird, was für mich gesund ist und was nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Chimäre der Verfügbarkeit</h3>



<p>Es zeigen sich an diesem Punkt weitere Widersprüche: die zwischen physischer und psychischer und sozialer Gesundheit. Hier sollte eigentlich der Prozess des Abwägens beginnen – was auf jedem Beipackzettel unter Risiken und Nebenwirkungen aufgelistet wird. Die psychische Gesundheit der Menschen sollte nicht für das scheinbar einzig noch relevante Ziel, das Virus zu bekämpfen, geopfert werden.</p>



<p>Mit der Frage nach der Ausgewogenheit von Maßnahmen innerhalb dieses Spannungsfelds der unterschiedlichen Dimensionen von Gesundheit könnte man den angesprochenen Frageraum öffnen. Als Nächstes drängen die Themen heran, welche die spirituelle Dimension der Pandemie berühren: Fragen nach Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Endlichkeit.</p>



<p>Hat das Virus nicht auch deswegen eine solche Macht über Gefühle und Entscheidungen bekommen, weil das Projekt der Moderne als das große Vergessen von Vergänglichkeit und Endlichkeit angelegt scheint? Plötzlich erweist sich die Vorstellung vollständiger Kontrolle über die Dinge und ihre jederzeitige Verfügbarkeit im Zeitalter grenzenlosen Fortschritts als Chimäre.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Durchlässige Grenzen</h3>



<p>Müssen wir also den Umgang mit Grenzen neu erlernen? Die Antwort hat viel mit Spiritualität zu tun. Denn wenn wir vor Grenzen nicht angstvoll erstarren oder versuchen wollen, sie gewaltsam niederzureißen, bleibt nur, sie durchlässiger zu machen, ohne ihre Existenz zu leugnen. Es ist ähnlich wie bei der Haut, die wir als erste Grenze erfahren: Sie schützt uns, ist verletzlich – und zugleich atmet sie, durch sie hindurch kommen wir in den Austausch mit der Welt.</p>



<p>Unter den Philosophen war Emmanuel Lévinas einer der wenigen, die sich mit der Hautatmung beschäftigt haben. In der Verletzlichkeit der Haut zeigte sich für ihn eine Sensibilität, sich berühren zu lassen und daraus eine tiefere Fähigkeit des Hörens zu schöpfen, was Paul Ricoeur eine „Bewegung auf das Hören hin“ nannte. Eine <em>Öffnung auf</em> – ohne schon zu wissen worauf, ohne Erwartung und Intention. Mit dem anderen sein, ohne ihn zu vereinnahmen. Das heißt für mich Spiritualität: Resonanz, Verbindung, Durchlässigkeit, Berührbarkeit.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissen und Atmen</h3>



<p>Hier zeigen sich also unterschiedliche Wege eines Umgangs mit Grenzen. Im einen Fall überschreitet der Mensch die Grenze zum Anderen, zu den Gegenständen, zur Welt, indem er zugreift, sich ihrer bemächtigt, prüft, untersucht, bewertet und sie verfügbar macht. Im anderen Fall gibt es auf der anderen Seite der Grenze keinen „Gegenstand“, nur reine Beziehung oder <em>Öffnung auf</em>. Im Durchlässigwerden der Grenzen vollzieht sich das Dasein als lebendige Bewegung des Sein-Lassens und So-Seins. Romano Guardini nennt dies ein Wissen des lebendigen Inneseins und schreibt dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dieses Wissen ist in eine Linie mit dem Atmen gestellt. Dass man atmet und eben darin die Bewegung des Daseins sich verwirklicht, weiß man in der Form des Inneseins. <a href="#_ftn1">[1]</a></p></blockquote>



<p>Zwei Haltungen zur Welt also, ausgedrückt im unterschiedlichen Umgang mit Grenzen: Im einen Fall geht es um Bemächtigung, indem der Mensch sich die Welt verfügbar macht. Im anderen Fall geht es um Beziehung im Sinne von Begegnung, Berührung, Resonanz. Liegt aus dieser Sicht nicht eine große Kraft im Annehmen von Vergänglichkeit und Endlichkeit? Eine Kraft, die Wege ins Offene zeigen würde? Vielleicht sogar eine tiefere Weisheit, derer wir gerade in dieser Zeit bedürfen?</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><a href="#_ftnref1">[1]</a> Romano Guardini:&nbsp; Zu Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins, Verlag Helmut Küpper 1948,&nbsp; S.62</p>



<p class="has-text-align-right has-small-font-size"><br>Beitragsbild: <a href="https://pixabay.com/de/users/asundermeier-448808/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=5112463">Anke Sundermeier</a> via <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=5112463">Pixabay</a></p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Satz für Satz 9: Tiefe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Feb 2017 09:38:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Tiefe]]></category>
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					<description><![CDATA[Wir haben kein Problem damit, ein Buch als seicht zu bezeichnen, doch mit dem Kriterium der Tiefe tun sich viele schwer. Denn Tiefe rührt an Dinge, die uns unheimlich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">T</span>iefe entsteht in der Literatur durch die Formulierung. Tiefe Sätze sind Sätze mit Hallraum. Jeder versteht sie, und doch kommt man mit ihnen nicht an ein Ende. Sie drücken etwas Komplexes in elementarer Klarheit aus. Um mit <a href="http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/stil.htm" target="_blank" rel="noopener">Schopenhauer</a> zu reden: Sie sagen ungewöhnliche Dinge mit gewöhnlichen Worten.</p>
<p>Die Bibel ist voll von solchen Sätzen.</p>
<blockquote><p>Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.</p>
<p>Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht.</p>
<p>Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.</p></blockquote>
<p>Wenn von Tiefe die Rede ist, benutzen wir meistens Metaphern des Wassers. „Tiefgang“ ist ein Wort aus der Schifffahrtssprache, es bezeichnet den Abstand zwischen dem Kiel eines Schiffs und der Wasseroberfläche. Der Kulturphilosoph George Steiner beschreibt in seiner poetologischen Autobiografie <a href="https://www.amazon.de/Errata-Bilanz-Lebens-George-Steiner/dp/3423308559/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&amp;qid=1487414368&amp;sr=8-1" target="_blank" rel="noopener"><em>Errata</em> </a>die Tiefe mit einem anderen Bild.</p>
<blockquote><p>Es ist, als ziehe das Gedicht, das Gemälde, die Sonate rings um sich einen letzten Kreis, einen Raum für unverletzte Autonomie. Ich definiere den Klassiker als das, um welches herum dieser Raum beständig fruchtbar ist.</p></blockquote>
<p>Diese produktive Zone erlaubt es den Lesern, sich das Werk bei jeder Lektüre erneut zu eigen zu machen. Zu den phönixhaften Werken, die sich im Bewusstsein ihrer Leser ständig selbst erneuern, gehören die Texte von Franz Kafka. Seine Erzählung <em>Die Verwandlung</em> ist im Deutschunterricht so beliebt, weil man an ihr das Handwerk der Interpretation so schön üben kann. Doch auch wenn man die ganze Klaviatur daran abarbeitet – psychologisch, soziologisch, semiotisch, allegorisch –, nie sieht man bis auf den Grund dieser Geschichte. Sie erzählt jeder Leser-Generation aufs Neue, was geschieht, wenn einem Menschen das Menschsein abgesprochen wird.</p>
<h4><strong>Die Wiederverzauberung der Welt</strong></h4>
<blockquote><p>Künstler geben uns Bilder, die uns helfen zu leben.</p></blockquote>
<p id="mythos">So umschreibt der Mythologe <a href="https://www.amazon.de/JOSEPH-CAMPBELL-COMPANION-REFLECTIONS-Paperback/dp/B0059EEMUQ/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1487415307&amp;sr=1-1&amp;keywords=Joseph+Campbell+Companion" target="_blank" rel="noopener">Joseph Campbell</a> das Phänomen der Tiefe. Früher, so Campbell, hätten die Mythen und Religionen diese Bilder geschaffen. Die Kunst wäre demnach die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln. Die Tiefe in der Literatur liegt jenseits der psychologischen oder soziologischen Analyse, ebenso jedoch jenseits der reinen Spielerei des l’art pour l’art. Es geht um die Wiederverzauberung der Welt – und um die Wiedergewinnung der Transzendenz.</p>
<p>Die östliche Spiritualität unterscheidet zwischen Ego und Selbst. Das Ego ist ständig in Gefahr, sich vom Selbst zu entfremden, denn es lässt sich von flüchtigen Emotionen hinreißen und durch Irrtümer blenden. Das Selbst dagegen ist unvergänglich, und es birgt, was alle Menschen gemeinsam haben: das Wissen um die Sterblichkeit, den Wunsch nach Sinn, die Fähigkeit zur Liebe. Literatur, so könnte man demgemäß sagen, gewinnt Tiefe, wenn sie nicht auf der Ebene des Ego verharrt, sondern die Konflikte zwischen Ego und Selbst darstellt und dabei die menschliche Existenz auslotet, bis in ihre Abgründe und ihre Ekstasen. Wo dies gelingt, erkennen sich die Leser in einem Werk wieder, auch Jahrhunderte später.</p>
<p>Literatur beginnt oft, wo die Absicht aufhört. „Hast du gemerkt, dass es schon im ersten Kapitel einen Namenswechsel gibt?“, sagte <a href="http://tell-review.de/ich-habe-einfach-auf-meinen-rhythmus-gehoert/" target="_blank" rel="noopener">Katja Petrowskaja</a> in einer unserer <a href="http://www.sieglindegeisel.ch/auftragsarbeiten/lektorat/" target="_blank" rel="noopener">Lektoratssitzungen</a> zu <em><a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518465961/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Vielleicht Esther</a></em>. In der Familie, von der das Buch handelt, sind die Namenswechsel ein historisches Leitmotiv: Aus Heller/Geller wurde Krzewin, aus Semjon Stern Semjon Petrowskij, aus Iwan Petrowskij dann, zwei Generationen später, Yohanan Petrovsky-Shtern. „I’m a Jew from Teheran, sagte der alte Mann, als wir noch am Bahnsteig standen, Samuel ist mein neuer Name“, so heißt es im ersten Kapitel. Dieser Namenswechsel war nicht geplant, er war der Autorin beim Schreiben nicht einmal bewusst. Er ist ein Geschenk des Texts an die Autorin.</p>
<h4><strong>Kontrollverlust</strong></h4>
<p>Ein Text, der Tiefe entwickelt, lässt sich nie bis ins Letzte fassen, das gilt nicht nur für die Lektüre, sondern bereits für den Prozess des Schreibens.</p>
<blockquote><p>Ich glaube, dass das Unbewusste weitaus komplexere Strukturen hervorbringen kann als der Verstand.</p></blockquote>
<p>So die Komponistin Charlotte Seither. Weiß ein Autor zu genau, was er tut, kappt er die Verbindung zum Unbewussten und kann nur etwas Endliches zustande bringen, wenn auch vielleicht mit höchstem technischen Können. Denn wenn alles aufgeht, ist die Lektüre erschöpfend, egal wie raffiniert und komplex das Konstrukt.</p>
<blockquote><p>Der Text ist klüger als sein Autor.</p></blockquote>
<p>Dieser Satz von Heiner Müller gilt nur für Texte, die das Bewusstsein ihres Autors transzendieren.</p>
<blockquote><p>Der Text schreibt sich selbst.<br />
Der Stoff hat mich gefunden.<br />
Die Figuren entwickeln  ein Eigenleben.</p></blockquote>
<p>So beschreiben Autoren den geheimnisvollen Vorgang des Kontrollverlusts in der Kreativität. Die Erfahrung ist so allgegenwärtig, dass die Aussagen zum Klischee geronnen sind. Franz Kafka beschreibt das Spiel dieser Energien in seinem Tagebuch mit einem ungewöhnlichen Bild:</p>
<blockquote><p>Ich habe über Dickens gelesen. Ist es so schwer und kann es ein Außenstehender begreifen, daß man eine Geschichte von ihrem Anfang in sich erlebt, vom fernen Punkt bis zu der heranfahrenden Lokomotive aus Stahl, Kohle und Dampf, sie aber auch jetzt noch nicht verläßt, sondern von ihr gejagt sein will und Zeit dazu hat, also von ihr gejagt wird und aus eigenem Schwung von ihr läuft, wohin sie nur stößt und wohin man sie lockt.</p>
<h6 style="text-align: right;">20. August 1911</h6>
</blockquote>
<p>Tiefe entsteht durch die Art und Weise, wie etwas erzählt wird. Denn die Suche nach dem richtigen Wort, nach der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/" target="_blank" rel="noopener">Genauigkeit</a> führt in die Tiefe des eigenen Bewusstseins – und oft auch in die Tiefe der Sprache selbst, denn „die Wurzel der Worte reicht in das Herz der Dinge“ (George Steiner).</p>
<p>Das Schreiben sei für ihn „ein Schöpfen aus Gefäßen“, sagt <a href="http://www.thomasharlan.com/" target="_blank" rel="noopener">Thomas Harlan</a> in einem <a href="https://www.thomasharlan.com/wp-content/uploads/2015/03/Interview-Thomas-Harlan-Sinn-und-Form.pdf" target="_blank" rel="noopener">Interview</a>.</p>
<blockquote><p>Ich greife dem einzelnen Satz nicht voraus, ich muss den Worten nicht hinterherlaufen. Es ist ein Strudel, und ich bohre mich rein. An den Wörtern, die dann auf dem Papier stehen, kann nichts Zufälliges sein. Wenn ich merke, daß ich noch nicht ins Genaue hineinstoße, bewege ich mich wie eine Libelle. Ich zittere über dem Satz, bis ich hineinstoße. Ich finde das richtige Wort durch Libellenzittern, schnelle Bewegungen über der Fundstelle. Irgendwann ist es da, und es gibt nur dieses eine Wort.</p></blockquote>
<p>In seinem letzten Lebensjahr habe ich mit Thomas Harlan an Korrekturen zu seinem Roman <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499256894/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Heldenfriedhof</em></a> gearbeitet. Dass zynische Täterbegriffe wie „Euthanasie“ und „Endlösung“ nicht im Buch vorkommen durften, verstand sich von selbst. In der Erstausgabe von <em>Heldenfriedhof</em> hatte Thomas Harlan diese Worte in einer wichtigen Passage weggelassen, dadurch waren Leerstellen entstanden, die den Text unzugänglich machten. Wir überlegten: Gibt es ein Wort für Euthanasie, das in der Zeit des Geschehens möglich gewesen wäre und das Verbrechen nicht verharmlost? Der Mord an den geistig Behinderten? An den psychisch Kranken? Zu eng. Zu ungenau. „Es gibt das richtige Wort, ich muss es nur finden.“ Auf einmal war es da, entstanden in einem komplexen Wechselspiel zwischen bewusstem und unbewusstem Denken. &#8222;Der Mord an den Unheilbaren.&#8220; Unheilbar sind wir alle, am Ende unseres Lebens, und das war es wohl, was die NS-Verbrecher fürchteten. In der Gestalt der sichtbar Kranken sahen sie ihre eigene Sterblichkeit gespiegelt. Auf einmal sind wir alle im Spiel, dank des einen richtigen Worts.</p>
<h4><strong>Vermintes Gelände</strong></h4>
<p>Tiefe wird uns vor allem dann bewusst, wenn wir sie vermissen. Dann sprechen wir von einem seichten Buch. In einem seichten Gewässer sieht man bis auf den Grund, da gibt es kein Geheimnis, und genau deshalb hat <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-trivialliteratur-ii/" target="_blank" rel="noopener">Trivialliteratur</a> keine Tiefe: weil sie alles benennt. In ein Buch eintauchen kann man nur dann, wenn es nicht seicht ist, und dass ein Werk Tiefe hat, erweist sich wiederum daran, dass man es nicht erschöpfend lesen kann. Mit solchen Büchern wird man nie fertig. Sie arbeiten in uns weiter, ohne dass uns dies bewusst ist.</p>
<p>So leicht uns die Feststellung fällt, dass ein Werk seicht sei, so schwer tun wir uns mit der Tiefe. Mit diesem Kriterium verlassen wir den sicheren Boden des Rationalen und begeben uns auf vermintes Gelände. Die Tiefe steht unter Verdacht von Kitsch und Pathos, es droht das „Raunen“, ein denunziatorischer Begriff in der Literaturkritik – und ein Abwehrreflex. Weil die westliche Moderne den Kontakt zur Spiritualität verloren hat, ist uns alles Spirituelle unheimlich. Tiefe Wasser sind unergründlich. Ein Werk, das Tiefe hat, will etwas von uns. Es versetzt seine Leser in einen anderen Zustand, das ist nicht immer angenehm, es kann uns verstören. Tiefe ist in der Literaturkritik auch deshalb unbeliebt, weil sie sich nicht „beweisen“ lässt. Im Gegensatz zu seichten Werken spricht Tiefe zu jedem Menschen anders – und beim Wiederlesen jedes Mal neu.</p>
<blockquote><p>Türen öffnen sich, wo zuvor keine waren, und sie öffnen sich für niemand anders.</p></blockquote>
<p>Joseph Campbell spricht in diesem Satz vom selbstbestimmten Leben, doch sein Bild gilt auch für das Lesen.</p>
<p>Die Sprache spiegelt unsere Schwierigkeiten mit dem Begriff der Tiefe: Die einschlägigen Wörter sind nicht mehr heil. „Tiefgang“, „Tiefsinn“, „tiefgründig“ – das kann man fast nur noch ironisch verwenden. Tiefe wird mit Gewichtigem assoziiert, mit Gedankenschwere oder gar einer Tragik, der wir nicht über den Weg trauen.</p>
<p>Dem muss nicht so sein.</p>
<blockquote><p><strong>Das Fräulein</strong></p>
<p>Das Fräulein stand am Meere<br />
Und seufzte lang und bang,<br />
Es rührte sie so sehre<br />
Der Sonnenuntergang.</p>
<p>Mein Fräulein! sein Sie munter,<br />
Das ist ein altes Stück;<br />
Hier vorne geht sie unter<br />
Und kehrt von hinten zurück.</p></blockquote>
<p>Die Romantik hat sich durch Ironie mit ihren Abgründen arrangiert, und Heinrich Heine war ein Meister der ironischen Tiefe. Nur weil der Sonnenuntergang in dem Fräulein Rührung freisetzt, kann der Dichter sich über sie lustig machen. Sein Scherz ist nicht seicht, denn Heine berührt in dem Gedicht das Geheimnis des Universums: Das Staunen darüber, dass dieses alte Stück jeden Tag aufs Neue gegeben wird, verleiht seinen Versen ihre Poesie und, ja, Tiefe.</p>
<p>Die Romantik hat die Kunst als Gegengift zur Entzauberung der Welt durch die Aufklärung entdeckt. Keiner hat es schöner gesagt als Novalis:</p>
<blockquote><p>Es ist seltsam, dass in einer guten Erzählung allemal etwas Heimliches ist &#8211; etwas Unbegreifliches. Die Geschichte scheint noch uneröffnete Augen in uns zu berühren &#8211; und wir stehn in einer ganz anderen Welt, wenn wir aus ihrem Gebiete zurückkommen.</p></blockquote>
<p>Ein Lesefund aus dem neuem Buch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3446254625/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur</em></a> von Peter von Matt, dort ist das Zitat &#8222;statt eines Vorworts&#8220; abgedruckt.</p>
<p>Tiefe Texte haben eine spirituelle Dimension. Verlasse ich mit diesem Satz das Territorium der Literaturkritik? Ich spüre einen Tabubruch. Doch Hand aufs Herz: Warum lesen wir überhaupt Bücher und führen tiefgründige Gespräche?</p>
<p>Damit wir mit den letzten Fragen nicht allein bleiben.</p>
<h6 style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;">Beitragsbild:</span><br />
Im Tunnel in der Eigernordwand<br />
Von Nahpets via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A100_Jahre_Jungfraubahn_-_Im_Tunnel_in_der_Eigernordwand%2C_Berner_Oberland.JPG" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia Commons</a><br />
Lizenz:  <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 3.0</a></h6>
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