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	<title>Sperrfrist &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Krach um Kracht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Sep 2016 09:56:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Sperrfrist]]></category>
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					<description><![CDATA[Christian Krachts "Die Toten" gilt als eines der wichtigen Bücher dieses Herbsts. Er hat zwei Vorab-Interviews gegeben, und die erste Rezension ist am 3. 9. erschienen, fünf Tage vor dem Buch, um das es geht. Warum missachten Kritiker die Sperrfrist? ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">Z</span>u einem Skandal reicht es nicht, dazu ist der Anlass zu läppisch. Doch der Streit, den Jürgen Kaube am <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilletonhttp://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/christian-kracht-bei-denis-schecks-sendung-druckfrisch-14416082.html/buecher/themen/christian-kracht-bei-denis-schecks-sendung-druckfrisch-14416082.html" target="_blank">2. September in der FAZ </a>vom Zaun gebrochen hat, gewährt einen seltenen Einblick in den Maschinenraum der literarischen Öffentlichkeit. Es geht um eines der wichtigen Bücher dieses Herbsts: Christian Krachts <em>Die Toten</em>. Wichtig ist das Buch nicht so sehr wegen seines Stoffs: Laut Verlagswerbung handelt es sich um einen historischen Künstlerroman, der uns „in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik“ führt, wo ein Schweizer Filmregisseur 1933 einen UFA-Tycoon in Japan zur Finanzierung eines Gruselfilms überreden will. Als wichtig gilt das Buch, weil sein Autor umstritten ist: Krachts letzter Roman <em>Imperium</em> (2012) stand unter dem Verdacht, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84162363.html" target="_blank">„rechtes Gedankengut“</a> zu verbreiten.</p>
<p>Jürgen Kaube ärgert sich darüber, dass bereits im Vorfeld zwei Beiträge zu Buch und Autor erschienen sind, obwohl die Rezensenten sich per Unterschrift zur Einhaltung der Sperrfrist hätten verpflichten müssen. Denis Scheck ist zum Autoren-Interview für seine Sendung „Druckfrisch“ nach Los Angeles gereist, Ijoma Mangold wiederum hat Christian Kracht für die „Zeit“ im Odeon in Zürich interviewt. Mehr noch als die Umgehung der Sperrfrist moniert Jürgen Kaube in seinem Artikel Freundschaftsdienst und Small-Talk-Journalismus: In Krachts Verlag hieß es, man habe zwei Vorab-Interviews genehmigt, und da sich Scheck und Kracht gut kennten, sei die Wahl auf ihn gefallen. In der Tat: Denis Scheck hat Christian Kracht bereits <a href="https://www.youtube.com/watch?v=p9qy1HlmPJw" target="_blank">2009 </a>und 2012 für „Druckfrisch“ interviewt. Auch Ijoma Mangold kennt den Autor: <a href="http://www.zeit.de/2013/42/film-finsterworld-christian-kracht" target="_blank">2013 </a>hat er ein Gespräch mit ihm in der ZEIT veröffentlicht. Dass man sich im Betrieb kennt, ist nicht zu vermeiden. Gefährdet es die Unabhängigkeit der Kritik?</p>
<p>Denis Scheck vermag Christian Kracht in den acht Minuten Sendezeit, <a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/kracht-die-toten-100.html" target="_blank">ausgestrahlt am 29. 8.</a>, keinen Satz zu entlocken, der die Reise wert gewesen wäre. Dafür lässt er uns wissen, was er von <em>Die Toten</em> hält:</p>
<blockquote><p>&#8211; brillanter Roman<br />
&#8211; fulminanter Reigen<br />
&#8211; tolles Buch</p></blockquote>
<p>Für die Literatur sei dieses Buch gar das, was der Tonfilm für den Film gewesen sei, nämlich</p>
<blockquote><p>&#8211; eine Revolution.</p></blockquote>
<p>Ijoma Mangold steht Denis Scheck in seinem Lob nicht nach: <em>Die Toten</em> sei „ein Wunderwesen von einem Roman“, die Sprache preziös und präzis, verspielt und anmutig.</p>
<blockquote><p>Ihr Sound macht süchtig, weil sie den Wirklichkeitsfetischismus der deutschen Gegenwartsliteratur radikal hinter sich lässt.</p></blockquote>
<p>Fazit:</p>
<blockquote><p>Mit seiner präraffaelitischen Sehnsucht ist Christian Kracht die individuellste Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur.</p></blockquote>
<p>Ijoma Mangolds Porträt-Rezension ist am 1.9. erschienen, danach geht es Schlag auf Schlag: Jürgen Kaubes Kollegenschelte kommt am 2.9., am 3.9. missachtet er im eigenen Feuilleton seinerseits die Sperrfrist: Fünf Tage vor dem Roman erscheint in der FAZ die erste Rezension von Jan Wiele, zwei Tage später, am 5.9., folgt die nächste in der &#8222;Welt&#8220; von Jan Küveler.</p>
<p>Laut <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-zu-christian-krachts-roman-die-toten-14417841.html" target="_blank">Jan Wiele</a> ist Krachts Sprache „so antiquiert wie eine Talgkerze“, der Autor sei „längst bei einem ridikülisierten Dandy-Stil der vorvorigen Jahrhundertwende“ angekommen:</p>
<blockquote><p>Manchmal wirkt er einfach überzuckert, manchmal beeindruckend witzig und komisch.</p></blockquote>
<p>Verstörend sei dieser Stil im Zusammenwirken mit dem Grundkonzept des Romans: Wiele konstatiert eine „Ästhetisierung des Schrecklichen“.</p>
<p>Für Jan Küveler ist das Buch</p>
<blockquote><p>eine Echokammer der Motive, ein Spiegelkabinett der Erinnerungen.</p></blockquote>
<p>In Krachts letztem Roman <em>Imperium</em> ging es laut Küveler</p>
<blockquote><p>um die Rückeroberung eines ironischen Pathos, einer Großartigkeit im Sinne einer ausladenden Geste, eines Panoramas der Stimmungen und Gefühle.</p></blockquote>
<p>Dies werde nun in<em> Die Toten</em> fortgesetzt –</p>
<blockquote><p>ganz großes Daumenkino,</p></blockquote>
<p>heißt es im Teaser des Artikels.</p>
<p>Die Leser allerdings, die nachprüfen wollen, wer Recht hat, müssen sich gedulden. So gern die Buchhändler uns das Buch verkaufen würden, es ist erst am 8. 9. lieferbar.</p>
<p>Es gibt keinen vernünftigen Grund für die Missachtung der Sperrfrist. Unvernünftige Gründe dagegen gibt es sehr wohl. Bei wichtigen Autoren wird hinter den Kulissen hart um das <em>ius primae noctis</em> gekämpft. Es geht um Deutungshoheit: Wer in einem Leitmedium als erster seine Meinung zum Buch kundtut, <a href="http://tell-review.de/die-angst-des-kritikers-vor-dem-eigenen-urteil/" target="_blank">setzt den Ton</a>, und wer die Bühne gar mit einem Vorab-Interview betreten darf, hat einen doppelten Startvorteil: Artikel, die in Richtung Celebrity-Journalismus gehen, werden nun einmal lieber gelesen als Rezensionen, die sich mit dem Text auseinandersetzen. Fürs Casting eines Vorab-Interviews kommen natürlich nur Kritiker in Frage, die dem Autor wohlgesonnen sind – man darf darüber spekulieren, inwiefern dies wiederum zu einer Beißhemmung gegenüber als wichtig geltenden Autoren führt.</p>
<p>Was bei solchen Entscheidungen keine Rolle spielt, ist das Buch. Deshalb ist es auch egal, wann es erscheint.</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Maske aus dem japanischen Nō-Theater.<br />
Quelle: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Three_pictures_of_the_same_noh_%27hawk_mask%27_showing_how_the_expression_changes_with_a_tilting_of_the_head.jpg?uselang=de" target="_blank">Wikipedia</a>, gemeinfrei</h6>
<hr />
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