Zwei Dinge muss eine Rezension leisten: den Inhalt wiedergeben und ein literaturkritisches Urteil fällen. Die Inhaltsangabe ist in den meisten Rezensionen kein Problem: Oft ist die Nacherzählung in der Aufbereitung von Handlung, Personal, Milieu und Zeitumstände raffiniert bis virtuos.

Anders verhält es sich mit kritischen Würdigung eines Werks. Im Herbst 2015 habe ich mir die Buchbeilagen zur Frankfurter Messe daraufhin durchgesehen: Das durchschnittliche Verhältnis von Inhaltsangabe und Kritik lag, bestenfalls, bei 9 : 1. Oft erschöpft sich die Kritik in argumentfreien Leerformeln („ein Meisterwerk!“ „elegant erzählt!“), manchmal fehlt sie ganz. In ihrem Essay „On the Decline of Book Reviewing“ (1959) zitiert Elizabeth Hardwick eine Untersuchung, die den Anteil von „non-committal reviews“ auf 44, 7 Prozent beziffert.

Muss der Rezensent dem Leser mitteilen, was im Buch steht? Jein. Um das Was kommt man nicht herum, wenn man das Wie kritisch würdigen will. Allerdings muss man vom Was nur so viel erzählen, wie nötig ist für das Wie.

Das Kerngeschäft der Kritik ist, nun ja, die Kritik. Von einer Rezension erwarte ich, dass sie mir zeigt, wie der Text gemacht ist, was der Autor oder die Autorin sich hat einfallen lassen, um eine Geschichte wie „Anna liebt Paul, Paul liebt Lisa“ neu zu erzählen.

 

Einen Roman zu lesen, ist eine schwierige und komplexe Kunst. Sie müssen nicht nur eine sehr subtile Wahrnehmungsfähigkeit besitzen, sondern auch große Kühnheit der Einbildungskraft, wenn Sie aus allem Nutzen ziehen wollen, was der Erzähler – der große Künstler – Ihnen bietet,

so Virginia Woolf in ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“.

Virginia Woolf in Monk's House

Bei der Lektüre überdies zu ermitteln, was der Text taugt, erfordert Konzentration und Hingabe, Präsenz und Sensibilität, einen sicheren Geschmack sowie eine wache Kenntnis von Tradition und Zeit. „Selbst der neuste und geringste Roman hat das Recht, an den besten gemessen zu werden“, schreibt die sanfte, unerbittliche Virginia Woolf.

Osip_Mandelstam_Russian_writer

 

Ein Kritiker habe dem Werk „die Temperatur zu fühlen“ wie ein Arzt, so Osip Mandelstam, der das Kritisieren von Büchern auch mit den Aufgaben eines Botanikers vergleicht: Gehört das Buch zu den Feld-, Wald- und Wiesenblumen oder ist es eine Orchidee? Eine Neuzüchtung oder eine wiedergefundene alte Sorte? Eine Mutation oder eine längst bekannte Art, die unter falschem Namen angepriesen wird?

Es ist viel leichter zu erzählen, was in einem Buch steht, als zu entscheiden, was es taugt. Ob es, zum Beispiel, den Stoff auf eine neue Weise erzählt. Ob die Sprache ihrem Gegenstand gewachsen ist. Ob wir eine neue Stimme hören.

Das ist nicht nur schwieriger, es ist auch riskanter.

Er hat sich als erster aufs Eis gewagt.

Ein leicht dahingesagter Satz aus einem Gespräch mit einer Literaturredakteurin. Es ging um einen Kritiker, der eine wichtige Neuerscheinung als erster besprochen hatte. Die Metapher ist bemerkenswert. Zum einen ist sie falsch: Nicht der Kritiker geht baden, wenn das Eis bricht, sondern das Buch. Zum anderen ist sie verräterisch: Offenbar riskieren die nachfolgenden Kritiker nichts mehr auf dem Eis – jedenfalls dann nicht, wenn sie den Spuren des Kritiker-Pioniers folgen.


Das Drama der Meinungen

Bilder: Virginia Woolf in Monk’s House – Quelle: Harvard University Library, vor 1942
Osip Mandelstam 1914, Fotograf unbekannt

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin, v.a. NZZ, Deutschlandradio Kultur. Gründerin von tell.

24 Kommentare

  1. Das endet ein wenig ploetzlich. Du hast doch bestimmt mehr dazu zu sagen, z. B. wovon der Kritiker beeinflusst wird usw.

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    1. Völlig richtig, lieber Uri, aber das ist ja auch erst der Anfang!

  2. Ja, gut an diese grundsätzlichen Dinge zu erinnern. Ich würde sagen, dass das argumentierende Urteil eine Kritik von einer Rezension unterscheidet. Mischformen gibt’s natürlich auch.

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    1. Interessante Unterscheidung. Die Etymologie scheint das zu bestätigen: kritein (griech.) = unterscheiden, recensio (lat) = Musterung, offenbar auch im Zusammenhang mit Volkszählung. Das würde auch erklären, warum Rezensionen oft so langweilig sind, weil sie es bei der Bestandesaufnahme belassen. In einer Kritik ist der Kritiker anwesend. Was übrigens MRR in jeder seiner Kritikern war, der hat keine Rezensionen verfasst!

  3. Goethe neu gelesen: Schlagt ihn tot, den Hund, er ist N u r ein Rezensent…

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    1. Und Kritiker hätte er leben lassen? Ein Gespräch zwischen MRR und JWG – wäre großes Kino!

  4. Und vielleicht frustrierend für Goethe. „Sie ahnen ja gar nicht, was ich alles nicht gelesen habe!“ Hat mich gelesen und lobt mich, danach bemisst sich ja des Dichters Sympathie. Wer kennt sie nicht, die alte Story: Dichter trifft auf Bekannten. Dichter redet viel, immer über sich… „Jetzt haben wir eine halbe Stunde“, erbarmt er sich endlich, „über mich geredet, jetzt reden wir doch mal über Sie: Wie hat IHNEN denn mein neues Buch gefallen?“

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  5. Ich schließe mich Uri Shani an (siehe oben): einige Sätze haben mir (spontan) Anregungen gegeben, bei anderen wünche ich mir noch einen zweiten und dritten Satz dazu. Wäre schön, wenn Du dieses Thema in loser Folge weiter vertiefen könntest.
    lg_jochen

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    1. Ich werde das Thema auf jeden Fall weiter verfolgen – würde mich aber auch freuen über Beiträge/Gedanken von anderen. Zu welchen Sätzen wünschst Du Dir weitere Sätze?

    2. »Um das Was kommt man nicht herum, wenn man das Wie kritisch würdigen will. Allerdings muss man vom Was nur so viel erzählen, wie nötig ist für das Wie.«
      »Es ist viel leichter zu erzählen, was in einem Buch steht, als zu entscheiden, was es taugt.«
      Das sind essentielle Punkte, die ich in meinen Blogbeiträgen nicht wirklich im Griff habe, trotz literaturwissenschaftlicher Ausbildung. Zuviel was und zu wenig wie; daran laboriere ich. Dazu wären Anregungen und Anstöße hilfreich. Keine Anleitungen wohlgemerkt, eher Anstubser, denen ich weiterdenkend nachgehen kann. lg_jochen

  6. Ich freue mich, eine selbstbewusste Nachricht zu lesen. Die Urteilslosigkeit von Rezensenten bzw. Kritikern kann auch mit Konventionen auf dem Markt zu tun haben: i.d.R. kommen ohnehin nur die bürgerlich etablierten Autoren und Verlage in Betracht. Mangold hat das übliche Verfahren schon mehrfach beschrieben. Eventuell variieren einige Präferenzen. – Doch folgt man, ob als Autor oder Verlag, nicht diesem Einheitsbrei, aus welchen Gründen auch immer, kann es bereits sehr schwer werden, überhaupt verstanden zu werden. Mark Ammern hat in einem Gespräch eine durchaus relevante Frage formuliert, die Rezensenten bzw. Kritiker eventuell erst wieder zu lernen hätten: „Was ist denn hier los!“

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  7. Den Eindruck, dass mitunter ein Kritiker beim anderen abschreibt, habe ich schon auch manchmal. Aber insgesamt glaube ich, man darf in dieser Debatte auch den Leser nicht vergessen: Dieser müsste ja auch erst Mal ein Interesse an einer komplexeren, vielschichtigeren Rezension haben. Ich glaube nicht, dass das viele haben.

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  8. Manuel Rivera 3. April 2016 um 17:15

    „…. zu entscheiden, was es taugt“… Das klingt in meinen Ohren, anders als das, wie von Dir zurecht bemerkt, der Kritik zugrunde liegende UNTERscheiden, etwas zu sehr nach jenem Kunstrichtertum, das zuzeiten der Aufklärung, Wielands und auch noch der Horen in Mode war und, wie Benjamin in seinem „Begriff der Kunstkritik…“ rekonstruiert hat, durch die Auffassung der Kritik als einem ‚Aufschließer‘ und Fortsetzer des Kunstwerks (das per definitionem Fragment bzw. Teil einer Universalpoesie) transzendiert wurde.. Also kurz: Ich denke die Literaturkritik ist dann gute Literaturkritik, wenn an ihrem Schluss nicht ein bündiger Daumen hoch oder runter steht, eine Kauf- oder Nichtkaufempfehlung, sondern kundige Wege in das Werk hinein eröffnet sind, von denen man natürlich insgesamt schon einen Eindruck kriegen darf, ob sie zu beschreiten überhaupt der Mühe verlohnt..

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    1. Das finde ich sehr schön: „kundige Wege in das Werk hinein“ – das ist natürlich die nobelste Aufgabe der Literaturkritik. Jedenfalls bei den Werken, die sich lohnen. Und da es nicht nur solche gibt (bzw. solche naturgemäß zu allen Zeiten in der Minderheit sind), kann die Kritik nicht ganz aufs Urteilen verzichten. Im Idealfall würde die Kritik jene Werke ins Zentrum des Gesprächs holen, die für unsere Zeit am bedeutendsten sind, die uns am meisten zu geben, zu sagen haben, die drängendsten Fragen stellen etc. In diesem Fall wäre der gehobene Daumen dann nur der Auftakt für ein Gespräch.

  9. Lars Hartmann 5. April 2016 um 14:16

    Ich sehe es, was eine gelungene Kunstkritik betrifft, änlich wie Manuel Rivera. Sie kann nicht bloß gehobener oder gesenkter Daumen sein. Den Bezug auf die literarische Romantik und den Benjamin-Aufsatz halte ich für wichtig. Allerdings hängt die Frage im Raum, wie man für diese Art der Kritik, die unter der Perspektive der romantischen Kunstphilosophie selber bereits ein eigenes Kunstwerk sein sollte, eine geeignete Schreibform findet. Im Grunde bleibt für solche gedehnten Textstücke doch wieder nur jenes klassische Medium: das Buch.

    Und um den Kritik-Komplex noch ein Stück weiter zu verrätseln und zu potenzieren, wie es für die Romantik als Potenzierung des Scheins gemäß ist:

    „Die Kritik sucht den Wahrheitsgehalt eines Kunstwerks, der Kommentar seinen Sachgehalt. Das Verhältnis der beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto unscheinbarer und inniger an seinen Sachgehalt gebunden ist.“
    (Walter Benjamin, Goethes Wahlverwandtschaften)

    Von solcher essayistischen, suchenden wie auch analysierenden Schreibweise sind wir jedoch in den herrschenden Formen der Literaturkritik meilenweit entfernt. Zwangsläufig, wird mancher sagen, denn dies kann ein Feuilleton, das mit den Kurztexten des Internets konkurrieren muß, gar nicht mehr leisten. Schnell, schnell ist die Devise. Aber stimmt das wirklich? Gerade hinreichend komplexe Autoren/Kritiker wie Benjamin und Maurice Blanchot werden durchaus gelesen. Sich über die Kunst der Kritik auszutauschen erfährt seit einigen Jahren eine Renaissance. Ein Interesse an Theorie und komplexem Denken scheint also in irgend einer Weise durchaus vorhanden.

    Ob ein Buch etwas taugt? Das wird eine Literaturkritik im Feuilleton in der Regel nicht darlegen können. Es fehlen ihr der Raum und die Zeit. Allenfalls vermag sie es, Hinweise zu geben, Zeichen zu setzen, zu pointieren oder eine Meinung zu formulieren – sozusagen eine Leitlinie zu ziehen. Aber ein Buch von sagen wir mal 300 Seiten in 9.500 Zeichen zu beurteilen und zu zeigen, wo und wie es ästhetisch gelungen ist, gleichsam den Wahrheitsgehalt einer Literatur zu entfalten: Never!

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    1. „Sich über die Kunst der Kritik auszutauschen erfährt seit einigen Jahren eine Renaissance.“ Habe ich das etwas verpasst? Wo findet diese Renaissance statt?
      Zum Daumen hoch/runter: Kunstkritik muss mehr leisten als das, doch am Ende gibt es durchaus eine Instanz, die gnadenlos den Daumen hebt oder senkt, nämlich die Zeit. Da gibt es wenig Federlesens, entweder ist ein Autor nach hundert Jahren ausgemustert, oder sein Werk strahlt weiter.

  10. Also noch mal zu der Service-Funktion: Muss Kritik wirklich die Werke, wo es einfach den Daumen zu senken gilt, besprechen? Oder reichte dafür nicht auch: sie IGNORIEREN? Welches verdammte Marktgesetz zwingt uns eigentlich, jedem Schrott unsere Aufmerksamkeit zu widmen? Wenn Kritik nur die lohnenden, auch schwierig zu ‚bewertenden‘ Dinge bespräche, wüsste ich irgendwann als Zeitungsleser, dass alles Nicht-Besprochene halt dubioses Terrain ist. Das klingt sehr elitär, zugegeben, wäre doch aber ehrlicher als dieses Sein-Mütchen-Kühlen via rhetorisch mehr oder weniger raffinierten Verrissen. Und wir könnten uns in der Kritik ausschließlich dem Wege-Öffnen, Gehalte-Potenzieren, kommunikativem Verflüssigen von hermetisch Eingeschlossenem widmen.´

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  11. Ich denke auch, dass es zu viele Unmutsäusserungen gibt und halte Ignorieren im Zweifel für die bessere Strategie. Aber aus ganz anderen Gründen. Ihre weitere Argumentation unterstellt folgendes: 1. Der Zeitungsredakteur könnte die Übersicht behalten – wie sollte er? Sie haben zu viel Vertrauen. 2. Es wäre Platz für alles Gute in der Zeitung. Ich habe so viele Bücher mit Gewinn gelesen, die ich nicht in der Zeitung fand. 3. Sie müssten den Überblick über alle (alle „relevaten“, wie schafft man sich den Überblick? Gehört Tell dazu?) Organe bilden. Wie schaffen sie das?
    Dazu kommt noch: Ich beobachte, dass Leute die nur „Qualität“ lesen wollen mit der Zeit sich in bestimmte Maßstäbe dafür verrennen und unaufmerksam werden für Lesenswertes nach anderen Maßstäben. Da kommen mir manche (sagen wir, Bsp. sind austauschbar) Th.Mann-derTurm-Kruso-Leser kaum anders vor als Fantasyfans. Man ist eben auf seinen Geschmack festgelegt.
    Wenn ich das Ignorieren bevorzuge liegt das daran, dass ich vieles in meiner Jugend ärgerlich fand, was ich heute schätze. Etwa Arno Schmidt. Ich finde oft Rezensionen, die sich in großer Geste über etwas mokieren, was sie nicht begriffen haben. Schade um Aufmerksamkeit und Platz in der Zeitung.

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    1. Den Überblick hat tatsächlich niemand, doch es gibt in den großen Medien eine Tendenz, „den Betrieb zu bedienen“, gewisse Bücher MÜSSEN einfach besprochen werden (z.B. „Biografie“ von Maxim Biller, von dem ich mir nach den Rezensionen, die ich gelesen habe, nicht vorstellen kann, dass das Buch sich lohnt). tell hat keineswegs den Anspruch, den Überblick zu behalten, wir sind ein Medium der Neugier, mit der Wünschelrute unterwegs – und in diesem Zusammenhang würde mich natürlich interessieren, welche Bücher Sie mit Gewinn gelesen haben, die von den Zeitungen übersehen wurden.
      Über den Verriss plane ich einen Beitrag – es ist ein zentrales Thema. Einerseits muss ein Buch einen Verriss auch verdienen, es muss wichtig genug dafür sein resp. von anderen für wichtig genug gehalten werden, ich erinnere nur an den Hype um Helene Hegemann (aber auch Knausgard, Kehlmann, Franzen gehören für mich in diese Kategorie). Wenn eine Literaturkritik auf Verrisse verzichtet (wofür es achtbare Gründe gibt), verliert sie ihre Maßstäbe, denn nur beim Verriss ist man wirklich gezwungen, diese zu formulieren. Und sie wird seltsamerweise auch langweilig. Niemand will immer nur Empfehlungen lesen.

    2. Ihre Auffassung, Herr Reinecke, teile ich in vielen Punkten.

      – Keiner von uns kann die Übersicht behalten, aber alle benehmen sich, als könnten sie. Die großen Verlage machen dies, indem sie mehr oder weniger direkt behaupten, dass ihr eigenes Programm identisch mit dem Kanon entweder schon ist oder noch wird. Und tatsächlich geben sie ja auch den Ton an. Ich kenne die Prozentzahlen nicht, ich ziehe es einfach mal an den Haaren herbei und behaupte, dass mindestens fünfzig Prozent aller Rezensionen die Autoren der zehn größten Verlage betreffen. Die Publikationen der zehn kleinsten Verlage hingegen kennen wohl nur deren Mitarbeiter und der engste Freundeskreis der Autoren. Der totale Höhepunkt dieser Entwicklung war im Jahr 2014, als Suhrkamp über seinen Autor Clemens Setz behauptete, dass er sich „weltweit durchsetzen wird“. Wenn es die Kritiker nicht schreiben, dann schreiben es eben die Marketingleute. Hinterher fragt doch keiner mehr, wer’s geschrieben hat. Dieser Satz, oder Setz, ist dann in der Welt. Setz setzt sich durch. Weltweit. Mindestens! Die Zeitungen benehmen sich genauso, denn selbstverständlich bringen sie nur das wichtigste (was Sieglinde Geisel in dem vorhergehenden Kommentar als „den Betrieb bedienen“ beschrieben hat). Und selbstverständlich benehmen sich die Kritiker, als könnten sie tatsächlich die Guten von den Schlechten unterscheiden. Dabei wird diese Unterscheidung bereits durch die schiere Menge der Publikationen unmöglich gemacht. Es ist vollkommen unmöglich auch nur 1 Prozent der jährlichen Ausschüttungen der Verlage zur Kenntnis zu nehmen; jedenfalls nicht lesend. Und dennoch kann man nicht am Marktgeschehen teilnehmen und nicht behaupten, dass man Orientierung – Orientierung, nicht Überblick – böte: auch wir machen das. Aber wir machen das, indem wir uns des Geschehens möglichst bewusst sind. Und mit den Umständen ringen.

      – Eine weitere Übereinstimmung zwischen uns ist die Skepsis, wenn der Begriff der Qualität ins Spiel gebracht wird. James Joyce Ulysses ist das beste Beispiel, qualitativ hochwertiger geht wohl nicht mehr, die Lesearbeit aber ist bisweilen quälend. Thomas Mann allerdings finde ich einfach nur großartig, Arno Schmidt hingegen schlechterdings unlesbar. Geschmack hat ganz viel mit Bildungsniveau zu tun, mit Alter, mit Leseerfahrung, mit dem eigenen Geschlecht, mit der momentanen Stimmung, mit der Lage der eigenen Wohnung, ob Elfenbeinturm oder Souterrain. Tatsächlich sind Fantasyleser von der Qualität ihrer Lektüre ebenso überzeugt wie die Teilnehmer eines literaturwissenschaftlichen Seminars von Joyce (oder sie brechen das Studium ab). Jeder erregt sich bei den Dingen, die seinen Geschmack treffen, sei es, dass diese sich nach harten literarischen Kriterien oder nach weichen Vorlieben richten.

      – Und wie Sie vermutlich auch, halte ich nichts davon, anderen zu erklären, was gute Literatur ist. Aber ich halte sehr viel davon, sich selbst zu fragen, was man darunter versteht. Ich denke in diesem Sinne fragt Sieglinde Geisel in dem folgenden Beitrag nach ihren eigenen körperlichen Reaktionen. Ich allerdings lese einzig mit dem Kopf, meine körperlichen Reaktionen dabei sind immer nur der jeweiligen Lese- und Liegeposition geschuldet, nicht der Literatur.

  12. Oh, wenn Sie mich nach Werken fragen, die mehr Aufmerksamkeit verdienten, erwischen Sie mich gleich mehrfach auf dem falschen Fuß. Erstens: Ich bin Partei und habe das mit dem Link ausgewiesen. Damit ist die Frage, für welche Werke ich mir mehr Aufmerksamkeit wünsche redundant. (Prosa von Buchmann, Unruh/Werner, Veihelmann, Boege.)
    Das war ein wesentlicher Grund für die Gründung des Verlags: Viele wichtige Text waren nicht und nicht mehr greifbar.
    Der zweite Grund zu Zögern: Ich bin Lyriker, da ist es äußerst wohlfeil, mangelnde Aufmerksamkeit zu beklagen. An diesem Ort könnte man sich allenfalls mal freuen, wenn das Prosawerk eines Lyrikers zumindest mal so viel Aufmerksamkeit erhält, dass man es als Leser, der nicht in der Szene steckt, überhaupt wahrnehmen kann. Zwar halte ich Endlers „Tarzan am Prenzlauer Berg“ für gewichtiger als „Der Turm“ aber immerhin: Es wurde ja vielfach rezensiert. „Entschuldigung, wo geht’s ’n hier zur Revolution?“ von Manfred Jendryschik ist hingegen komplett unter gegangen. (M.E. ein hervorragendes Buch, egal, ob einem seine Lyrik nahe steht.)
    Und weil man bei der Prosa oft länger braucht, zu entscheiden, was lesenswert ist (oft sind 40 oder 100 Seiten ja Pflicht, bis man „drin“ ist) habe ich mich da etwas zurückgezogen und lese außerdienstlich Prosa nur mit Jahren Verspätung, wenn mich mehrere Freunde, die ich als Leser schätze, aufmerksam machen. (In der Prosa des 18. Jahrhunderts z.B. ist es viel leichter sich selbst etwas auszusuchen.)
    Deswegen habe ich das Gefühl, meine Beispiele sind etwas ältlich und ad hoc. Um aber trotzdem kein Spielverderber zu sein, zwei Bücher, bei denen es mich wundert, dass sie in Dtl. so wenig bekannt sind: Adam Thorpe Ulverton (sein wichtiges Hood ist, so weit ich sehe, auf Deutsch noch nicht einmal erhältlich) und Dimitri Verhulst: Problemski Hotel. (Gerade jetzt ein Buch, das man durchaus nochmal aufgreifen könnte.)
    Ich halte auch den Anarchismus des Liebhabers für die beste Quelle von Entdeckungen, ich wollte nichts gegen Tell gesagt haben! (Finde ich gut.) Der Seitenblick in Klammern war als Zuspitzung an meinen Vorredner gemünzt.
    Ja, manchmal muss man auch Verreißen. Was ich aber besonders merkwürdig finde: Texte, die häufiger verrissen werden als gelobt. Da stimmt etwas mit dem Fokus nicht. Im einen schlimmen Fall sitzt der Kritiker einfach der Verlags-Promotion auf. Im anderen schlechten Fall provoziert ein Text Leseweisen. Da könnte ja was sein! Der Verriss tut dann aber in der Regel so, als wäre nichts geschehen und ist ein performativer Akt, den Status quo VOR dieser Provokation wieder herzustellen zu ungunsten des Textes.
    Tip für Claus Heck: Probieren Sie mal „Kaff auch Mare Crisium“ als Hörbuch, ist hervorragend gelesen von Remtsma. Abgesehen davon, dass Schmidt wirklich fokussiert erzählt und viel ausspart, wird es plötzlich von fast Tuchoskyscher Leichtigkeit (Gripsholm). Das war auch mein Einstieg in seine Prosa. (Schwer macht Schmidt, abgesehen vielleicht vom ganz späten, wo es zusätzlich andere Gründe hat, ja diese orthografische Technik. Wo „meint“ Schmidt etwas lautlich, wo etymologisch usw. Nach der „Einübung“ durch Remtsma wird das leichter.) Ansonsten „Tina oder über die Unsterblichkeit“ und solche Sachen sind sehr witzig und ohne diese Probleme lesbar. (Das ist ja auch so ein Qualitäts-Snobismus. Dass man immer meint, wenn, dann aber auch nur das Hauptwerk. Und so lesen Generationen von Philosophiestudenten mit zusammengekniffenen Arschbacken Wittgensteins Tractatus, weil es das berühmtere Buch ist, obwohl eher die „Philosophischen Untersuchungen“ sein Opus Magnum sind.)
    Vielleicht sind Sie auch skeptisch, weil sich Schmidt selbst oft auf Joyce bezogen hat? (Wie ich bei Ulysses die Frage beantworten soll, ob hochwertiger geht oder nicht, kann ich überhaupt gar nicht sagen.) Ich komme mit Joyce auch nicht so zurecht, mit Schmidt sehr wohl. Prousts Suche nach der verlorenen Zeit wird auch gern mit Joyce in Zusammenhang genannt und liegt mir viel mehr. (Ihnen als Mannleser sicherlich auch?)
    Über Setz rede ich lieber nicht :-)

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  13. Lars Hartmann 12. April 2016 um 9:59

    Es läuft, wie die Hinweise zu Joyce und Arno Schmidt zeigen, bei den Fragen zur Kritik darauf hinaus, den Begriff des Geschmacksurteils genauer zu klären. Nicht als eines bloß subjektiven Moments, im Sinne des Gaumenkitzels, des persönlichen Gefallens oder besonderer Lesepräferenzen, sondern als Form einer subjektiv-objektiven Kritik, wie sie sich in der Ästhetik französischer Provenienz im 18. Jhds ausbildete, um sich von der Regelpoetik abzugrenzen und dennoch Kriterien zu entwickeln, wie ein Werk zu beurteilen sei. Geschmack ist etwas, das sich – wie der Stil – ausbilden läßt. Er ist im Extrem subjektiv wie die kritischen Invektiven Karl Krausʼ oder die Bonmots Oscar Wildes und weist dabei doch aufs Objektive, wie es auch bei Kraus oder Wilde der Fall ist.

    Der (etwas unrühmliche, in dieser Schrift aber lesenswerte) Alfred Baeumler schreibt in „Das Irrationalismusproblem in der Ästhetik …“: „Dieses Wort bezeichnet die geheimnisvolle Fähigkeit, die uns niemand lehren kann, immer die rechte Wahl zu treffen. Der Geschmack ist keine nebensächliche Eigenschaft des Menschen von bloß psychologischer Bedeutung; er ist die treibende Kraft und Wurzel aller Kultur.“

    Weshalb Arno Schmidt einer der bedeutenden deutschen Erzähler ist, müßte man freilich an anderer Stelle klären. Um auch das Musikalische dieser Sprache in den Blick zu bekommen, seien nur die Lesungen Reemtsmas zusammen mit Bernd Rauschenbach und Joachim Kesten empfohlen.

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  14. Es ist natürlich originell, hier Arno Schmidt unter Berufung auf Baeumler verteidigt zu sehen :-) . Aber ich würde dem Zitat dezidiert nicht zustimmen. Das gemeinsame mit, zum Beispiel, meiner Position ist die Einsicht, dass keine Kritik sich allwissend und allkennend geben darf (Dies zu Tun haben wir die Regelpoetiken stets in Verdacht), sondern besser ihre Grenzen ausweist. Baeumler erheischt in dem Zitat aber mit dieser Einräumung Zustimmung zu einer Kröte, die ich niemals schlucken würde. Baeumler nimmt für sich in Anspruch, dass er das rechte schon getroffen hätte (warum wird man ihm sonst zuhören?) Ein Trick, der seinerzeit üblich war: Man nutzt die Fallhöhe, dass man Zuhörer hat dazu aus, den Kanon nach seinem Gusto zu friesieren (Benn macht das auch öfter, Gadamer usw.) und sich damit neue Autoriät zuzuschustern, ohne das man Erfahrungen neuer Lektüre dazu machen muss. Man erschleicht sich, dass man am Ende gar nicht mehr argumentieren muss, warum man selbst das Rechte getroffen hätte, einem anderen das aber abspricht. (Oft verbunden mit Angriffen auf dessen Status oder mit ethischer Verdächtigmachung.) Dann schon lieber Regelpoetiken. Die müssen wenigstens ausweisen, was sie abwerten. Und man kann, wenn auch mit gewissem Aufwand, einsteigen und zu zeigen versuchen, dass es bessere Regeln geben könnte, oder mindestens für bestimmte Regeln erweisen, dass sie nicht fruchtbar sind. usw.
    Unter und hinter dem Zugeständnis der bescheidenen Subjektivität lauern mitunter bornierte Machtsphantasien, die sich mit dem Eingeständnis „letztlich“ sei alles subjektiv bloß darum herummogeln ihre Kriterien transparent und damit angreifbar zu machen. Auch bei Karl Kraus. „Du Leser hast recht mit deinen Grenzen“ redet der Kritiker einem ein, der Leser freut sich übers Kompliment und sieht dann nicht, was sein Führer auch nicht sehen kann. (Eventuell ahnt er aber, dass es da doch noch etwas gibt, ab da wird es dann Betrug. Kraus‘ Expressionistenhetze, Kraus Rhetorik für strenge Verse, die er selbst nicht richtig konnte usw.)
    Ich denke Werturteile werden in der Kritik überschätzt. Entweder das Urteil folgt aus dem Dargestellten, dann ist es redundant. oder es folgt nicht aus dem Dargestellten, dann ist es ungerechtfertigt. Auf das Darstellen kommt es an. Nur weil der Platz einer Kritik meist beschränkt ist, sind Urteile als Verkürzungen von Darstellungen, die ausufern würden, für mich in der Kritik überhaupt akzeptabel.

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    1. Sehr inspirierend! Eine Kritik, deren Urteil aus der Darstellung erwächst, wäre selbst Literatur: Das wäre ja die Anwendung des Creative-Writing-Prinzips „Show don’t tell“ auf die Kritik. Das wäre dann die Königsdisziplin. Sie hat nichts mit dem Platz zu tun, sondern mit dem Schreibenkönnen und mit Hingabe. Der springende Punkt ist das Zitieren, und das „Timing“ innerhalb der Kritik: Das richtige Zitat am richtigen Ort kann ganze Absätze ersetzen. Andererseits reicht es oft nicht, das Zitat für sich selbst sprechen zu lassen. „Lesen heißt antworten“, so ein Satz von George Steiner. Doch auch die Antwort kann eine Form der Darstellung sein, wenn sie einen Leseprozess sichtbar macht.

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