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	<title>Skandinavische Literatur &#8211; tell</title>
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		<title>Page-99-Test: Karl-Ove Knausgård</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 May 2017 13:51:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Ove Knausgård]]></category>
		<category><![CDATA[Skandinavische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Das autobiografische Projekt von Karl-Ove Knausgård ist abgeschlossen. Der sechste und letzte Band liegt jetzt unter dem Titel „Kämpfen“ auch in deutscher Übersetzung vor. Was verrät die Seite 99 einem unvorbelasteten Leser?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">E</span>in ‚Geständnis‘ vorweg: Manchmal verspüre ich Widerwillen, ein Buch zu lesen, das ringsum gehypt wird, denn ich fühle mich genötigt, mich zur vorherrschenden Begeisterung oder Verdammung zu verhalten. Und so kommt es, dass ich über Knausgårds <em>Min Kamp</em> viel gehört, tatsächlich aber bislang noch keine Zeile von ihm gelesen habe. Eine ideale Voraussetzung, um mich, vergleichsweise unvorbelastet, an die <a href="http://tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Knausgard_p99.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Seite 99</a> des sechsten und letzten Bandes zu setzen: <em>Kämpfen</em>.</p>
<p>Wir finden uns in einer alltäglichen Familienszene wieder: Vater (Ich-Erzähler Knausgård), Mutter Linda und drei Kinder, von denen eines, Heidi, sich nicht die Zähne putzen will, dann doch, aber nur, wenn die Mutter ihm die Zahnbürste hinhält.</p>
<p>Äußerliches Szenario innerfamiliärer Verhaltensmuster: Machtspielchen <em>en miniature</em>. Das Angebot an die Leser, sich einzuhaken, funktioniert, weil wir derlei Alltagssituationen kennen. Und wir kennen uns in ihnen, das heißt, wir kennen die typischen Gefühlsregungen – Ungeduld, Ärger, Hilflosigkeit, Selbstbeherrschung, Wunsch nach Unterstützung oder Komplizenschaft usw.</p>
<h3>Neutralisierung des Ästhetischen</h3>
<p>Von all dem steht auf dieser Seite: nichts. Das Lesegefühl, das sich einstellt – und dazu genügt eine einzige Seite –, ist horizontal. Tiefe wird nicht einmal verweigert, sie findet höchstens zwischen den Zeilen statt. Knausgård liefert eine emotionsfreie, detailliert geschilderte Oberfläche und überlässt das Ausfüllen dieser Szene ins Dreidimensional-Menschliche seinen Lesern. Die Sprache ist glatt, ich rutsche mit allen Instrumenten der Stilanalyse an ihr ab.</p>
<blockquote><p>Die Augen, mit denen sie mich ansah, waren schmal und rebellisch.<br />
„Findest du, dass ich zu wütend war?“, fragte ich.<br />
Sie nickte.<br />
<strong>„</strong>Ich bin nicht mehr wütend“, sagte ich. „Kannst du nicht einfach deinen Mund aufmachen?“<br />
Nein.<br />
„Du willst doch nicht, dass ich Gewalt anwende, oder?“<br />
„Was?“<br />
„Gewalt. Dass ich dir die Zähne putze, obwohl du es nicht willst.“<br />
„Was?“</p></blockquote>
<p>Inhaltlich wird klar, dass Vater und Tochter hier beide wütend sind. Was lässt sich zur Sprache sagen? Nur dies: Sie benennt das, bleibt im Ton dabei aber tot, ästhetisch neutralisiert. Welche Folgen hat es, wenn zwischen dem Ausschnitt von Wirklichkeit, dem sich ein Autor literarisch widmet, und der Sprache, die er für seine Wahrnehmung findet, kein Abstand mehr besteht? Ich meine den Abstand des Gestalterischen, des Schöpferischen.</p>
<p>Wenn Wirklichkeitserfahrungen in Kunst umgewandelt werden, sind wir Leser es (bislang!) gewohnt, das individuelle Erleben, von dem wir lesen, nicht nur am anekdotischen Inhalt zu erkennen: Literatur definiert sich nicht durch das, <em>was</em> erzählt, sondern <em>wie</em> es erzählt wird. Hier positioniert sich das Wie auf dem großen stilistischen Spektrum zwischen dem Konventionellen und dem Experimentellen absichtlich so nah wie möglich am Konventionellen, also am Unauffälligen. Das ist sonst typisch für <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-7-trivialliteratur-i/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Trivialliteratur</a>, in der der Plot und seine Erzählhaltung (z. B. Spannung erzeugen zu wollen) vorherrschen. Bei Knausgård fehlt aber nicht nur eine erkennbare stilistische Gestalt, sondern auch die Haltung dazu; es wird lediglich registriert, gleichgültig und unbeteiligt, also in einer planmäßigen Nicht-Haltung.</p>
<p>Das ist als Ansatz abstrakt faszinierend – aber es ergreift mich nicht. Sehr vielen Lesern geht es offenbar anders. Warum?</p>
<h3>Binge-Writing für alle</h3>
<p>Zu den Genüssen des Lesens gehört die Freiheit, das Gelesene zu interpretieren und weiterzuspinnen: die potenzielle Tiefe zwischen den Zeilen. Knausgårds Text fordert die Leser dazu auf, die Haltung zu ergänzen, die der Autor verweigert. Dieser große Interpretationsspielraum erklärt vielleicht die Euphorie der Fans. Doch handelt es sich hier nicht um die bereichernde Erfahrung von Tiefe, die wir aus literarisch durchgestalteten Texten kennen.</p>
<p>Dort stoßen die Leser im Idealfall auf neue, unerhörte, augenöffnende Gedanken oder Gefühle, auf Verknüpfungen oder Verdichtungen, zu denen sie durch ihre Interpretation gelangen. Bei Knausgård wird der Leser vielmehr eingeladen, die Lücken durch Vertrautes, Menschlich-Allzumenschliches zu füllen. Das ist im Effekt raffiniert, denn es holt jeden Leser dort ab, wo er oder sie steht. Zugespitzt gesagt, schreibt Knausgård also für jeden Leser exakt so gut, wie dieser Leser selbst beim Lesen ‚schreiben‘ kann; der Autor liefert lediglich die Plattform dafür. Bei insgesamt an die 4.400 Seiten sind das schier unendliche Schreibflächen, die zum Selber-Ausmalen einladen: ‚binge-writing‘ für alle.</p>
<p>Das ist ein neuer Ansatz von Belletristik – nicht wegen der ausgestellten autobiografischen Anteile, die es auch schon früher gab. Sondern weil die Aufforderung zur Identifikation, die durch das Vakuum von Stil und Haltung entsteht, die Leser in bislang ungekannter Weise doppelt in den Mittelpunkt zieht: Sie können sich auf der Bühne dieses horizontalen Erzählens als Hauptfigur <em>und</em> Regisseur fühlen, als Protagonist <em>und</em> Autor. Begegne dir selbst im Lebensprotokoll eines Anderen! Jeder darf, jeder kann.</p>
<p>Ob man diesen durchaus radikalen Ansatz als Verlust ureigenster Qualitäten von Literatur empfindet oder gerade als Zugewinn neuer Lektüreerfahrung, auch wenn man nichts Neues dabei entdeckt, daran scheiden sich wohl die Geister.</p>
<p>Abschließend noch ein Gedanke zur Übersetzung: Die sprachliche wie interpretative Leistung eines Literaturübersetzers besteht in der Regel darin, die Haltung des Textes einzunehmen und aus dieser Position den Stil in der Zielsprache nachzuschaffen. Wenn ein Text, wie dieser, auf Stileigenheiten und Haltung verzichtet, muss es offenbar darum gehen, beides zu vermeiden. „Kämpfen“ wurde von zwei Übersetzern übertragen, Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Im Normalfall wird dann versucht, mögliche Unterschiede im Ton zu vereinheitlichen, damit der Text literarisch wie aus einem Guss wirkt. Hier, bei diesem unbeteiligten, „toten“ Ton, scheint das kein Thema gewesen zu sein. Die Übersetzer geben im Impressum präzise an, wer welche Seiten übersetzt hat, es macht offenbar keinen Unterschied. Übersetzungskritik kann dementsprechend auch nicht Stilkritik sein, sondern höchstens auf der handwerklichen Ebene stattfinden: Auf S. 99 ließe sich anmerken, dass „die Augen, mit denen sie mich ansah“ im Norwegischen konventionelle Idiomatik ist, im Deutschen dagegen eher „der Blick …“; desgleichen fallen die Possessivpronomina bei Körperteilen auf (Mund, Hand, Zähne), die im Norwegischen (wie auch im Englischen) üblich sind, im Deutschen aber durch den bestimmten Artikel ersetzt werden.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Karl-Ove Knausgård<br />
<strong>Kämpfen</strong><br />
Roman • Das autobiographische Projekt (6)<br />
Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg<br />
Luchterhand 2017 • 1280 Seiten • 29,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-630-87415-9<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3630874150/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783630874159" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img decoding="async" class="tnimrfphffcatcfkiife" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="http://www.amazon.de/dp/3630874150/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="10160" data-permalink="https://tell-review.de/page-99-test-karl-ove-knausgard/kaempfen-von-karl-ove-knausgard/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Knausgard_KKaempfen_175439.jpg?fit=1618%2C2586&amp;ssl=1" data-orig-size="1618,2586" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Kaempfen von Karl Ove Knausgard&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;(c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Kaempfen von Karl Ove Knausgard&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Kaempfen von Karl Ove Knausgard" data-image-description="&lt;p&gt;Kaempfen von Karl Ove Knausgard&lt;br /&gt;
Coverabbildung&lt;br /&gt;
Luchterhand Literaturverlag&lt;br /&gt;
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild (Scan S.99): Frank Heibert</em><br />
<em> Coverbild: <a href="https://www.randomhouse.de/Buch/Kaempfen/Karl-Ove-Knausgard/Luchterhand-Literaturverlag/e432834.rhd#info" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Luchterhand Literaturverlag</a></em></h6>
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