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	<title>Kunst &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Kunst &#8211; tell</title>
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		<title>Gesehen werden, um jeden Preis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Jan 2020 09:55:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ehe]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein alterndes Künstlerehepaar erwartet einen jungen Wissenschaftler: Diese Dreieckskonstellation beschreibt das Spannungsfeld in Jan Peter Bremers Roman „Der junge Doktorand“. Es geht um Sehnsüchte und Projektionen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Der Künstler Günter Greilach lebt, zusammen mit seiner Ehefrau Natascha, zunehmend vereinsamt in einer oberhalb des Dorfs gelegenen Mühle. Seit Jahren warten die beiden auf die immer wieder angekündigte und dann abgesagte Ankunft eines kunstwissenschaftlich arbeitenden Doktoranden. Dieser soll eine Arbeit über Greilach verfassen, und der Künstler hofft, dadurch seine im Kunstbetrieb verloren gegangene Reputation wieder zu erlangen. Das ist natürlich absurd. Doch die Sehnsucht nach Erfolg ist stärker als jede erdende Nachfrage.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Imaginationen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ehefrau wiederum erscheint der so lange schon
angekündigte Doktorand als ein ganz anderes Wunschbild:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Seine großen, dunklen Augen, sein scharf geschnittener Mund, seine dichten schwarzen Locken.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So imaginiert sie ihn sich. Er erscheint dann, nächtens, und
findet zunächst den versteckten Weg nach oben nicht, den Weg zur Mühle und zur
Kunst. Er landet stattdessen, in Anlehnung an Kafkas Landvermesser, in der
Gaststätte des Ortes unten im Tal. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wie in einem Film so unwirklich [&#8230;] aus dem Nichts </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">taucht er schließlich in der Mühle auf. Für die Greilachs
eine Enttäuschung: kein Latin Lover, sondern ein ewig das Smartphone
bearbeitender, wenig geselliger Zeitgenosse mit Hängeschultern.&nbsp; Natascha Greilach reflektiert ihre
Fehleinschätzung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wie hätte sie auch einen Menschen beschreiben sollen, der nur in ihrer Vorstellung existiert? Dazu fehlte es ihr schlicht an Ausdrucksmöglichkeiten. Sie war ja, zum Glück, keine Künstlerin.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Künstler im Haus ist ihr Mann. Der glaubt zunächst,
seine Rechnung würde aufgehen. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wie Zwerge stehen wir vor der Größe unseres Schaffens.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So schwafelt er im Gespräch mit dem Doktoranden daher. Doch der hat wenig übrig für solche Zwerge. Überhaupt hat er seine Dissertation längst ad acta gelegt. Und in Umkehrung der Kafkaschen Konstellation ist es nicht der Doktorand, der nie nach oben gelangt, zum „Schloß“, es sind die beiden Bewohner der romantischen Kunstmühle, die ihm, dem Doktoranden, nie nahekommen. Sie bleiben gefangen in ihren Projektionen, und darüber hinaus sind sie in einen veritablen Ehekleinkrieg verstrickt. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Kleinkrieg eines alternden Ehepaars</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den absurden Dialogen mit dem unwilligen Doktoranden und im verbalen Kampf des alternden Ehepaars – schriftstellerisch das Beste an diesem Buch – erinnert der Roman an Edward Albees Theaterstück <em>Wer hat Angst vor Virginia Woolf?</em> Wie bei Albee gräbt die Ehefrau dem schmallippigen Intellektuellen mit ihrem Mutterwitz ein ums andere Mal das Wasser ab. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Künstler kennt kein Dasein ohne inhaltsleere Selbstkommentare. Nervtötend doziert er über seine Kunst und deren Weltbezug:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>All diese Bilder hier […] sind Räume, die ich als Erster betreten und urbar gemacht habe, so dass sie jetzt der ganzen Menschheit zur Verfügung stehen. So wie sich der Strich beim Zeichnen durch diese endlose Leere quält, die ihn auf dem Papier umgibt, so habe auch ich mich immer wieder auf den Weg gemacht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Frau kontert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Hörst du denn gar nicht, was für einen Unsinn du redest!</p>[…] womöglich glaubst du noch an das, was du da sagst. Nur unterschätzt du dich dabei ausnahmsweise mal vollkommen. Du musst dich nämlich gar nicht aufmachen. Ein Blick in den Spiegel würde bereits vollends genügen, dass dir diese ganze Leere, von der du träumst, in voller Pracht entgegenscheint.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Jan Peter Bremer hat ein Buch über Sehnsüchte und
Projektionen geschrieben. Zugleich ist es ein Buch über die Sucht des Künstlers
nach Anerkennung. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Doktorand, was bewegt ihn? Warum ist er überhaupt in die Mühle gekommen? Das sei nicht verraten. Hier nur so viel: Seine Verweigerung, im Kunstbetrieb mitzumachen und die Motive dafür, sind die eigentliche Pointe dieser Satire auf den Kunstbetrieb.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Gemeinfrei, <a href="https://pxhere.com/de/photo/1001000" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via pxhere</a><br>Buchcover: Verlag</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Jan Peter Bremer<br><strong>Der junge Doktorand</strong><br>Roman<br>Berlin Verlag 2019 · 176 Seiten · 20 Euro<br>ISBN:  978-3-8270-1389-7 <br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783827013897&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Traum, Wahn und Sex</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Matthias Vogel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Apr 2019 08:01:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Johann Heinrich Füssli]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Malerei]]></category>
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					<description><![CDATA[Johann Heinrich Füssli (1741-1825) ist der Maler des Unbewussten: Seine Gemälde machen die psychischen Energien sichtbar, die unser Innenleben bestimmen. Zwei Katalogpublikationen schaffen neue Zugänge zu seinem Werk. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nur wenige Künstler haben die Schattenseiten der menschlichen Existenz derart dramatisch ins Bild gesetzt wie der polyglotte Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli (1741-1825). Der gelehrte Künstler wollte nach dem Abschluss seines Theologiestudiums am Zürcher Carolinum sowie eingehendem literaturhistorischem Unterricht bei Johann Jakob Bodmer mit dem Zeichenstift die Welt erforschen. Während seines mehrjährigen Rom-Aufenthalts und nach seiner endgültigen Niederlassung in London 1780 verfolgte er die Fortschritte in den Geistes- und Naturwissenschaften und rezensierte wichtige Publikationen in einer der führenden Zeitschriften Englands. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihn zogen Phänomene wie der Schlaf, der Traum, die Sexualität an – das Unbewusste schlechthin. Mit diesen Forschungsfeldern setzte er sich als Publizist, Zeichner und Maler auseinander. In seiner Jugend und später als Professor an der Royal Academy of Arts in London entwickelte er daneben ein umfassendes kunsttheoretisches Werk. In zwei Ausstellungen wurde in den letzten beiden Jahren Füsslis Werk gezeigt. Dabei sind umfassende Kataloge entstanden: Das Goethe-Museum Frankfurt legte den Schwerpunkt auf die Motive Schlaf, Traum und Wahnsinn; das Kunstmuseum Basel zeigte Füsslis Auseinandersetzung mit dem Theater. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Schlafparalyse und erotische Phantasien</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch zur Schau <em>Füsslis Nachtmahr
– Traum und Wahnsinn</em> (<a href="https://www.goethehaus-frankfurt.de/ausstellungen_veranstaltungen/ausstellungen/wechselausstellung/fusslis-nachtmahr-traum-und-wahnsinn">Goethe-Museum</a>
Frankfurt) stellt Füsslis Skandalbild „The Nightmare“ ins Zentrum der
Überlegungen. 1781 entstand die erste und bekannteste Fassung, in den folgenden
Jahrzehnten kamen mindestens zwei eigenhändige Variationen hinzu. </p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="3013" height="2442" data-attachment-id="15414" data-permalink="https://tell-review.de/traum-wahn-und-sex/john_henry_fuseli_-_the_nightmare/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?fit=3013%2C2442&amp;ssl=1" data-orig-size="3013,2442" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?fit=900%2C730&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?fit=900%2C730&amp;ssl=1" alt="" class="wp-image-15414" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?w=3013&amp;ssl=1 3013w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=80%2C65&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=300%2C243&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=768%2C622&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=1030%2C835&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=2000%2C1621&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?resize=1300%2C1054&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption><em>Der Nachtmahr</em>, 1781, Detroit Institute of Arts</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Frauenkörper in eng anliegendem Nachthemd ist auf einer Bettstatt ausgestreckt, Kopf und Arme hängen schlaff herunter, auf dem Solarplexus sitzt ein koboldartiger Inkubus, durch einen aufgeschlitzten Vorhang drängt ein Pferdekopf mit weit aufgerissenen, leeren Augen, als wolle er die Szene orchestrieren – das ist das Inventar all dieser Nachtmahr-Gemälde. Füssli hat damit eine erotisch aufgeladene Pathosformel der Frau geschaffen, die in den verschiedensten Medien weiterwirken sollte: in der Karikatur, in der Comiczeichnung, im Film, aber auch in der Literatur – hier vornehmlich im Bereich des Schauerlichen. Es war diese Bild-Erfindung, die den Namen «Henry Fuseli», wie der Künstler im angelsächsischen Raum heißt, während des 19. Jahrhunderts im Bewusstsein des Publikums lebendig hielt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Seelenkampf oder Schlafstarre?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Heinrich Füssli war zu Lebzeiten recht erfolgreich, doch nach seinem Tod im Jahr 1825 geriet sein Werk in Vergessenheit. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es wieder entdeckt: Es waren vor allem Kenner der Moderne wie der langjährige Direktor des Zürcher Kunsthauses Wilhelm Wartmann oder Alfred H. Barr Jr., der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, die ihn auf eine Höhe mit William Blake und Francisco de Goya stellten. Schon Füssli hat die spontan aus tiefen psychischen Schichten aufsteigenden Bilder für seine künstlerische Produktion genutzt – dies rückte ihn in die Nähe der Surrealisten. Hartnäckig hielten sich während seines Lebens Gerüchte, dass er durch den Verzehr von rohem Fleisch und Halluzinogenen in irrationale Welten vordrang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In „Der Nachtmahr“ sind Träumerin und Traumgestalten zugleich wiedergegeben, man sieht die Schläferin und die Gestalten ihrer Schreckensvisionen. Etwas Unsichtbares wird sichtbar gemacht: Psychische Energie manifestiert sich in Haltung und Ausdruck der Protagonistin sowie in den Aktionen dämonischer Wesen. Im Frankfurter Katalog sieht die Kunsthistorikerin Petra Maisak in diesem und anderen Bildern des Künstlers eine «Psychomachia» dargestellt, einen allegorischen Seelenkampf zwischen Tugend und Laster, zwischen gottesfürchtigen und abtrünnigen Engeln. Andere Interpreten wiederum erkennen in dem Gemälde die Wiedergabe einer Schlafstarre, der Muskellähmung während eines Traums, die Füssli gemalt hatte, Jahrzehnte bevor das Phänomen wissenschaftlich beschrieben wurde.  Ob Alpträume bleibende seelische Verrückungen zur Folge haben können, diskutierten schon Füssli und seine Freunde – der Künstler traf abends im Salon des Verlegers Joseph Johnson unter anderem mit dem Naturwissenschaftler Erasmus Darwin (der Großvater von Charles Darwin) zusammen. Exaltation, wilde Gebärden und Mimik sind ebenso äußere Zeichen des Außer-sich-Seins wie Erstarrung; beide Zustände finden sich in vielen seiner Figuren wieder. Füssli wusste aus eigener Erfahrung, dass extreme Leidenschaften den Menschen irre machen, ihm jedoch auch neue Welten aufschließen können. Seine Suche nach emotional stark aufgeladenen, sublimen Motiven ist in diesem Licht zu verstehen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Genderperspektive und postkolonialer Diskurs<br></h3>



<p class="wp-block-paragraph">Füsslis Bildfindungen, bei denen er zahlreiche Anregungen aus Literatur- und Kunstgeschichte verknüpft, besitzen eine offene narrative Struktur mit vielen Leerstellen. Betrachter sind aufgefordert, sich in das Geschehen einzulassen, mögliche Fäden aufzunehmen und weiterzuentwickeln. So ermöglicht ein Bild wie „Der Nachtmahr“ in neuerer Zeit auch Interpretationen aus der Genderperspektive oder – im Hinblick auf die Physiognomie des Inkubus – eine Einbindung in den postkolonialen Diskurs. Zwei lustvoll miteinander agierende Feen in einer späten Fassung des Bildes, in dem man schon in frühen Rezeptionsphasen sexualisierte Männer- oder Frauenphantasien dargestellt fand, lassen sich als lesbische Variante erotischer Träume auslegen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vom Schrecklich-Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein kleiner Schritt. Füssli, der sich selbst gelegentlich der Karikatur bediente, war sich dessen bewusst, und er hat die Grenze peinlich genau eingehalten. Viele Karikaturisten nach ihm haben seine Pathosformeln allerdings für die Wiedergabe des Komischen genutzt. Werner Busch zeigt im Frankfurter Katalog anhand von „Der Nachtmahr“ die Dialektik von Hochkunst und Karikatur auf.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theater – Schule der Leidenschaften</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Nähe von Wahnsinn und Theatralik war im 18. Jahrhundert ein Gemeinplatz. In London war der Spaziergang zum Irrenhaus eine beliebte Freizeitbeschäftigung, und Marquis de Sade, mit dem Füssli wegen seiner erotischen Zeichnungen in Verbindung gebracht wird, nutzte das Ausdruckspotenzial der Kranken für seine Inszenierungen. Auch Füssli wurde von der theatralischen Kraft von Menschen angezogen, die am Rande des Wahnsinns standen. In einem Hauptwerk des Künstlers, dem „Elendsspital“ (überliefert nur in Vorzeichnungen und grafischen Reproduktionen), sind die verschiedensten Formen geistiger Abweichungen in einem irrwitzigen Ballett vereinigt. Zusammengehalten und bewacht werden sie von einer Satansfigur, dem Herrn der Finsternis. </p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" width="1280" height="1086" data-attachment-id="15415" data-permalink="https://tell-review.de/traum-wahn-und-sex/johann_heinrich_fuessli_034/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?fit=1280%2C1086&amp;ssl=1" data-orig-size="1280,1086" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Johann_Heinrich_Füssli_034" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?fit=900%2C764&amp;ssl=1" src="https://i2.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_Füssli_034.jpg?fit=900%2C764&amp;ssl=1" alt="" class="wp-image-15415" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?resize=80%2C68&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?resize=300%2C255&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?resize=768%2C652&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg?resize=1030%2C874&amp;ssl=1 1030w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption> <br><em>Die Vision des Elendsspitals</em>, 1791-93, Kunsthaus Zürich </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Der Künstler, aufgewachsen im theaterfeindlichen Zürich, musste sich in seiner Jugend auf das bloße Lesen der Werke Shakespeares beschränken. Dies führte dazu, dass er ganze Passagen der Schlüsselwerke auswendig kannte. Als er 1763 nach London kam, soll er nahezu jeden Abend im Theater zugebracht haben. Anders als viele seiner Zeitgenossen übertrug er jedoch nur wenige Theaterinszenierungen auf die Leinwand. Er zog es vor, die Stoffe aufgrund des Studiums der Textvorlage zu interpretieren. Er wählte seine eigene Dramaturgie und idealisierte dabei Kostüme, Körperbau und Physiognomie der Protagonisten. Bald galt Füssli in England als kongenialer Shakespeare-Maler. Der Basler Katalog <em>Füssli: Drama und Theater</em> konzentriert sich deshalb auf den dramatischen Teil des Werkes. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Füssli hat, wie die Herausgeberin Eva Reifert feststellt, auch in den epischen Werken von Homer, Dante oder Milton die theatralische Substanz erkannt und herausgearbeitet. Vorbild waren ihm dabei die antiken Bildwerke sowie Michelangelo. Dort sieht Füssli das Dramatische ins episch Erhabene gehoben – ein Ziel, dem er in seinem Schaffen zeitlebens nacheiferte. Ob ihm dies gelungen ist, darüber stritten sich Zeitgenossen und nachfolgende Generationen leidenschaftlich. Einig ist man sich jedoch darin, dass Johann Heinrich Füssli durch Themenwahl und Ausführung – etwa die dramatische Lichtführung – niemanden kalt lässt. Weder damals noch heute. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr (1781) [Public Domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Henry_Fuseli_-_The_Nightmare.JPG">via Wikimedia Commons</a><br>Johann Heinrich Füssli: Vision des Elendsspitals, [Public Domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_034.jpg">via Wikimedia Commons</a><br>Buchcover: Verlage</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





Busch, Werner und Maisak, Petra (Hg.)<br>
<strong>Füsslis Nachtmahr: Traum und Wahnsinn</strong><br>
Ausstellungskatalog Frankfurt a.M. Goethe-Museum / Hannover: Wilhelm-Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst<br>
Michael Imhof Verlag 2017 · 238 Seiten · 39,95 Euro<br>
ISBN: 978-3731904458<br><br>



Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3731904454/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783731904458" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel





<div class="wp-block-image"><figure class="alignright is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="15432" data-permalink="https://tell-review.de/traum-wahn-und-sex/fuesslis_nachtmahr_9783731904458-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?fit=318%2C400&amp;ssl=1" data-orig-size="318,400" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?fit=318%2C400&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?resize=234%2C294&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-15432" width="234" height="294" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?w=318&amp;ssl=1 318w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?resize=64%2C80&amp;ssl=1 64w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?resize=239%2C300&amp;ssl=1 239w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuesslis_Nachtmahr_9783731904458-1.jpg?resize=300%2C377&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 234px) 100vw, 234px" /></figure></div>







<p class="wp-block-paragraph">Reifert, Eva mit Blank, Claudia (Hg.)<br><strong>Füssli: Drama und Theater </strong><br>Ausstellungskatalog Kunstmuseum Basel<br>Prestel 2018· 240 Seiten · 49 Euro<br>ISBN:  978-3791357577 <br></p>



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<figure class="wp-block-image"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="202" height="300" data-attachment-id="15438" data-permalink="https://tell-review.de/fuessli-von/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?fit=2248%2C3338&amp;ssl=1" data-orig-size="2248,3338" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;Fuessli von&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;(c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;Fuessli von&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Fuessli von" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Fuessli von&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?fit=694%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=202%2C300&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-15438" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=202%2C300&amp;ssl=1 202w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=54%2C80&amp;ssl=1 54w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=768%2C1140&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=694%2C1030&amp;ssl=1 694w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=2000%2C2970&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=1300%2C1930&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?resize=300%2C445&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/03/Fuessli_-_Drama_und_Theater_dt_194086.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px" /></figure>





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		<title>Schreiben als Job – und als Lebenswende</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Jun 2017 08:36:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitswelt]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[Für die Aktion "Invisible Philosophy" arbeiteten chinesische Tagelöhner einen Tag lang als Philosophen. Ein Gespräch mit den beiden Künstlern Stefan Baltensperger und David Siepert über die Schwierigkeiten und Überraschungen bei der Umsetzung dieses Projekts. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Das Künstlerduo <a href="http://www.baltensperger-siepert.com/" target="_blank" rel="noopener">Baltensperger + Siepert</a> in Zürich besteht seit 2007. Ihre Kunst soll Systeme aufzeigen und in gesellschaftliche Prozesse eingreifen. Das Projekt <a href="http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy" target="_blank" rel="noopener"><em>Invisible</em> <em>Philosophy</em></a> macht die &#8222;Unsichtbaren&#8220; Chinas sichtbar: Die Tagelöhner, die normalerweise nicht nach ihrer Sicht auf das Leben gefragt werden. Das Buch, das aus dieser Aktion entstanden ist, hat Sibylle Ciarloni für tell <a href="http://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/" target="_blank" rel="noopener">rezensiert</a>.</div></div></p>
<p><div id="attachment_10492" style="width: 390px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-10492" data-attachment-id="10492" data-permalink="https://tell-review.de/schreiben-als-job-und-als-lebenswende/baltensperger-siepert/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?fit=851%2C1280&amp;ssl=1" data-orig-size="851,1280" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;4.5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Canon EOS 7D&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1426678663&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;31&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;125&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.025&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Baltensperger-Siepert" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?fit=685%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-10492 " src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert-199x300.jpeg?resize=380%2C572" alt="" width="380" height="572" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?resize=199%2C300&amp;ssl=1 199w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?resize=768%2C1155&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?resize=685%2C1030&amp;ssl=1 685w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?resize=300%2C451&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Baltensperger-Siepert.jpeg?w=851&amp;ssl=1 851w" sizes="auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px" /></a><p id="caption-attachment-10492" class="wp-caption-text">Stefan Baltensperger und David Siepert</p></div></p>
<p><strong>Sieglinde Geisel:</strong><em> Wie kommt es, dass ein deutsch-schweizerisches Künstlerduo für ein Projekt mit chinesischen Wanderarbeitern nach Peking geht?<br />
</em><strong>Baltensperger + Siepert: </strong>Uns interessiert die Frage, wie Menschen in ihrer Gesellschaft verortet werden. Wir hatten zuerst die Idee, mit Saisonarbeitern in Europa zu arbeiten, mit landwirtschaftlichen Erntehelfern zum Beispiel. Dann bekamen wir die Einladung eines Kunstraums in China, der sich auf immaterielle Kunst fokussiert. Und auf einmal sahen wir, dass wir dieses Projekt in China machen müssen. Im Rahmen eines früheren Projekts über Migration haben wir bereits einmal in China gearbeitet: Damals wollten wir einem in der Metropole ankommenden Wanderarbeiter sein komplettes mitgeführtes Gepäck abkaufen.<br />
Seit fünf Jahren steht das Thema Migration im Zentrum unseres Schaffens, in den vergangenen zwei Jahren mit einem Fokus auf Arbeit, im Sinn von „labour“. <span class="pull-left">Die chinesischen Arbeiter sind keineswegs nur die Verlierer dieser Gesellschaft.</span>Wir waren für dieses Projekt einen Monat in Peking. Zum Konzept des Kunstraums A307 gehört das Budget: Es beträgt einen Monatslohn eines Arbeiters, verbunden mit dem Bewusstsein für den Wert dieses Geldes – davon muss ein Arbeiter einen ganzen Monat leben! Das hatte zwar mit der Idee unseres Projekts unmittelbar nichts zu tun, aber es hat sehr gut dazu gepasst.<br />
Über chinesische Wanderarbeiter gibt es in Europa ein medial verbreitetes Stereotyp, dem niemand entgeht: Uns allen ist klar, dass diese Arbeiter den untersten Rand der Gesellschaft repräsentieren, die Verlierer des marktwirtschaftlichen Systems, das sich in China aufbaut. Dieses Stereotyp wird durch unser Buch dekonstruiert, ohne dass wir das selbst tun müssen. Denn die chinesischen Arbeiter sind keineswegs nur Verlierer dieser Gesellschaft. Auf dem Land gibt es viele Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen. Die Wanderarbeiter schaffen es dagegen, in der Stadt genug Geld zu verdienen, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Deshalb haben sie durch ihre Arbeit auch ein gewisses Ansehen, und viele sind mit ihrer Situation zufrieden. In unserem Projekt hatte einer der Arbeiter geschrieben, er hoffe, dass sein Leben in zwanzig Jahren noch so gut sei wie heute. Wir waren irritiert und fragten unsere Assistentin, wie diese Aussage zu verstehen sei, denn wir hoffen ja immer, dass es besser wird. Sie meinte, in seinem Leben sei schon so vieles besser geworden, dass er sich nicht vorstellen könne, dass es noch besser würde – daher die Befürchtung, es könne eigentlich nur noch schlechter werden.</p>
<h3>Arbeiter fürs Philosophieren gewinnen</h3>
<p><em>Wie habt ihr euch den Wanderarbeitern mit eurem Anliegen genähert?<br />
</em>Wir hatten das Glück, mit einer tollen Assistentin zu arbeiten, die uns bei der sprachlichen wie der kulturellen Übersetzung unterstützt hat. Die Tagelöhner bieten ihre Dienste auf Märkten an, beim Baugroßhandel oder an U-Bahnstationen. Die Arbeiter kommen früh morgens, meistens sind es zwischen fünf und vierzig Arbeitssuchende, manchmal bis zu hundert. Die meisten tragen ein Kartonschild, auf dem die Fähigkeiten notiert sind, die er oder sie beherrscht. Dann kommen die Kunden, suchen sich die Arbeiter aus und verhandeln über den Preis.<br />
Es ist natürlich eine besondere Situation, wenn zwei Langnasen aus Europa kommen und Arbeiter dafür anstellen wollen, ihre Gedanken zu Papier zu bringen! Viele dachten, sie seien nicht qualifiziert für das, was wir von ihnen wollten. Wenn sie sich für etwas anstellen lassen, was sie nicht können, droht ihnen, dass sie ohne Lohn mit Schimpf und Schande davongejagt werden. Wir mussten sie davon überzeugen, dass wir keine Erwartungen haben – außer der Bedingung, dass sie sich ernsthaft mit der Aufgabe auseinandersetzen und bis zum Abend dranbleiben.<span class="pull-right">Wir mussten erst einmal herausfinden, ob jemand überhaupt schreiben kann.</span><br />
Wir waren jeweils um 7 oder 8 Uhr auf den Märkten, ab 9 Uhr gehen die Arbeiter wieder nach Hause, denn dann kriegen sie keine Arbeit mehr. Das war unser Zeitfenster. Die Verhandlungen konnten ziemlich lange dauern, denn wir mussten erst einmal herausfinden, ob jemand überhaupt schreiben kann. In China muss man dafür sorgen, dass niemand das Gesicht verliert, also wollten wir das nicht direkt erfragen.<br />
Und es war schwierig, Arbeiterinnen für das Projekt zu gewinnen. Einige Frauen kamen über Empfehlungen. Auf den Märkten arbeiten sie oft mit ihrem Mann als Paar zusammen, dann hieß es etwa: Fragt meinen Mann, der kann das! Eine Frau rief ihren Mann an, der sie dann zu uns begleitete, als er sah, dass das alles seine Ordnung hat und wir auch eine Assistentin haben, konnte sie bleiben.</p>
<h3>Nachdenken über das Leben</h3>
<p><em>Wie habt ihr den chinesischen Arbeitern den Begriff Philosophie erklärt?<br />
</em>Unser westlicher Philosophiebegriff ist durch die griechische Antike geprägt. Auch in China gibt es eine philosophische Tradition, Konfuzius etwa ist vielen geläufig. In den ersten Tagen haben wir diesen Namen einige Male in den Mund genommen – aber das war jedes Mal ein <em>deal breaker</em>! Die Tagelöhner wollten sich nicht anmaßen, einen Text zu verfassen, der mit Konfuzius verglichen würde. Wir haben den Begriff dann umschrieben: „nachdenken über das Leben“, „sich Gedanken machen über die Gesellschaft“&#8230;<span class="pull-left">Viele waren froh, wenn sie am nächsten Tag wieder ihrer regulären Arbeit nachgehen konnten.</span></p>
<p><em>War es schwierig, Tagelöhner fürs Philosophieren zu gewinnen?<br />
</em>Es war einfacher, wenn wir neu auf einen Markt kamen. Am ersten Tag hatten wir nach zehn Minuten bereits jemanden gefunden. Auf Märkten, wo schon einmal jemand bei uns gearbeitet hatte, war es schwieriger, denn der riet den anderen oft davon ab: Mach da nicht mit, das ist unglaublich anstrengend! Viele waren froh, wenn sie am nächsten Tag nach dem Schreiben wieder ihrer regulären Arbeit nachgehen konnten.<br />
Und dann gab es auch Bedenken wegen der Anonymität: Manche gaben viel von sich preis und befürchteten, dass das an andere Arbeiter weitergegeben würde, die sie von den Märkten her kennen.</p>
<p><em>Ich hatte mich über die Anonymität gewundert, denn euch ging es ja gerade darum, diese „unsichtbaren“ Menschen sichtbar zu machen.<br />
</em>Die Anonymität war von Anfang an Bedingung. Sie dient dem Schutz der Schreibenden. Die Texte werden ja veröffentlicht, und viele haben sehr persönliche Dinge preisgegeben. Manche wollten auch nicht fotografiert werden.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10513" data-permalink="https://tell-review.de/schreiben-als-job-und-als-lebenswende/blick-ins-buch_2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?fit=1606%2C894&amp;ssl=1" data-orig-size="1606,894" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Blick ins Buch_2" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?fit=900%2C501&amp;ssl=1" class=" wp-image-10513 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2-300x167.png?resize=900%2C501" alt="" width="900" height="501" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?resize=300%2C167&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?resize=80%2C45&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?resize=768%2C428&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?resize=1030%2C573&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?resize=1300%2C724&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Blick-ins-Buch_2.png?w=1606&amp;ssl=1 1606w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Erschütterung durch das Schreiben</h3>
<p><em>Acht Stunden schreiben ist in der Tat eine Herausforderung. Selbst ich als Journalistin würde das nicht machen wollen!<br />
</em>Ja, es hört sich im ersten Moment nach einer leichten Arbeit an, aber es ist wirklich anspruchsvoll. Wir hatten allerdings eine Frau, die den Schreibstift tatsächlich bis zum Abend nicht mehr aus der Hand legte. Für sie war das Schreiben eine Lebenswende. Sie hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben – wie sie darüber nachgedacht hatte, sich selbst zu töten. Sie hatte Probleme mit ihrem Mann. Unsere Assistentin hatte, noch während die Frau am Schreiben war, einige Seiten übersetzt und uns gewarnt, dass das in eine schwierige Richtung gehe. Wir überlegten, ob wir die Frau am Abend überhaupt nach Hause gehen lassen können oder ob wir eine Art Frauenhaus für sie suchen sollten. Was uns dann völlig überraschte: Sie wollte ihren Text mitnehmen! Ihr Mann müsse lesen, was sie geschrieben habe, sie wollte mit ihrer Familie darüber reden.<span class="pull-right">Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute schreiben.</span><br />
Es gab einen weiteren Fall, wo das Schreiben eine Erschütterung auslöste. Ein Mann schrieb eine Stunde und brach dann in Tränen aus. Er hatte darüber nachgedacht, wie er sich fühlen würde, wenn er nach Hause aufs Land gefahren wäre, um seinen Vater zu pflegen, der dann starb. Der Mann war in der Stadt geblieben um zu arbeiten und hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sein Vater sterben würde. Er konnte nicht mehr weiterschreiben. Als einziger hat er die Schreib-Aktion abgebrochen.</p>
<p><em>Gab es viele, die mitnehmen wollten, was sie geschrieben hatten?<br />
</em>Einige haben es abfotografiert, für andere war es einfach ein Job. Und einige sind beim Schreiben nicht weitergekommen. Von den 21 Texten, die entstanden, haben wir nur 15 ins Buch aufgenommen.</p>
<p><em>Wie ging das Schreiben vor sich?<br />
</em>Uns ging es um Vertiefung. Die Tagelöhner saßen allein im Atelier am Tisch, wir saßen auf dem Balkon. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute schreiben: Eine Frau hatte sich zuvor ein Konzept gemacht und am Ende alles ins Reine geschrieben. Andere haben sofort angefangen zu schreiben. Ein Mann wiederum starrte den ganzen Morgen Löcher in die Luft – und dann hat er den Rest des Tages konzentriert durchgeschrieben.<br />
Am Mittag gingen wir mit den Arbeitern Essen, da war dann Zeit für den Austausch. Manche waren begierig darauf zu wissen, wie unsere Welt aussieht. Andere wiederum waren weniger interessiert.</p>
<h3>Die Tücken der Übersetzung</h3>
<p><em>Was für Überraschungen habt ihr bei diesem Projekt sonst noch erlebt?<br />
</em>Eine Überraschung war der Tageslohn, den die Arbeiter auf den Märkten verlangten: Es war nicht etwa ein Zwanzigstel oder ein Einunddreißigstel eines Monatslohns, sondern ein Fünftel! Sie erklärten uns, die wirtschaftliche Situation sei schlecht, auf dem Bau werde wenig gearbeitet, deshalb fänden sie höchsten an fünf Tagen im Monat Arbeit, und demzufolge sei ihr Tageslohn ein Fünftel des Monatseinkommens, 300 Yuan. Niemand war bereit, mit dem Preis herunterzugehen, das war wie ein Mindestlohn. Wenn es wieder mehr Arbeit gebe, sinke der Tageslohn. Bei uns in Europa ist die Marktlogik umgekehrt: Mit der Nachfrage steigt der Preis. Doch das chinesische System ist eigentlich logischer.</p>
<p><em>Wie wurden die Texte übersetzt?<br />
</em>Das war ein komplizierter Prozess. Zuerst übersetzte unsere Assistentin die Texte, doch ihr Englisch war eher Chinglish. Nachdem wir aus ihren Sätzen korrektes Englisch gemacht hatten, veränderte sich jedoch teilweise die Bedeutung. Als wir die englische Übersetzung einer anderen Chinesin zum Gegenlesen gaben, meinte sie: Das ist ein schöner englischer Text, aber mit dem Original hat er nicht mehr viel zu tun. Wir brauchten drei Korrektur-Runden, bis wir zu der Fassung kamen, die nun im Buch abgedruckt ist.<span class="pull-left">Manchmal wählten die Schreiber das falsche Zeichen, und dann ergab der Satz keinen Sinn mehr.</span><br />
Das andere Problem steckte bereits im Original. Zwar hatten alle Schreiber in der Schule schreiben gelernt, aber wenn man im Chinesischen den Wortschatz nicht aktiv pflegt, verliert man die Zeichen, denn jedes Wort besitzt ja ein anderes Schriftzeichen. Ohne Mobiltelefon wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Die Arbeiter behalfen sich mit Pinyin, einer phonetischen Schrift mit lateinischem Alphabet. Man gibt den Begriff im Pinyin ins Handy ein und bekommt dann Schriftzeichen angezeigt, die der Lautgestalt entsprechen. Manchmal wählten die Schreiber das falsche Zeichen, und dann ergab der Satz keinen Sinn mehr. Beim Übersetzen muss man herausfinden, welches ähnlich klingende Wort in dem Satz Sinn macht und dann das richtige Zeichen einfügen. Überdies sind die Originaltexte jeweils im lokalen Dialekt abgefasst, den wir dann ins Mandarin übertragen haben. Wenn jemand chinesisch kann, sollte er unbedingt die Originalhandschriften lesen!</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10511" data-permalink="https://tell-review.de/schreiben-als-job-und-als-lebenswende/notizzettel-chinesisch/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?fit=1890%2C1260&amp;ssl=1" data-orig-size="1890,1260" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Notizzettel chinesisch" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class=" wp-image-10511 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch-300x200.jpg?resize=900%2C600" alt="" width="900" height="600" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?resize=1300%2C867&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?w=1890&amp;ssl=1 1890w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Notizzettel-chinesisch.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<h3>Der Traum vom Reichwerden</h3>
<p><em>Die chinesischen Handschriften zu lesen, ist allerdings nicht ganz leicht. Denn das Faksimile des Originals befindet sich jeweils innen in den Doppelseiten, die man dafür erst aufschneiden müsste.<br />
</em>Es ist ein Spiel, ob man das aufschneiden möchte. Man dringt ja sozusagen in den intimen Raum des Schreibens ein. Wir wollten diese Originaltexte im Buch haben, denn in der Handschrift schimmert die Persönlichkeit der Schreibenden durch. Die Gestaltung des Buchs war eine Herausforderung. Wir haben drei Elemente: die chinesische Handschrift, das gedruckte Mandarin und die englische Übersetzung, und jedes dieser Elemente hat seine eigene Ästhetik. Für die Gestaltung des Buches konnten wir eine talentierte Grafikerin gewinnen, die zuvor im Museum Rietberg in Zürich den Katalog für die Ausstellung <em>Magie der Zeichen – 3000 Jahre chinesische Schriftkunst</em> betreut hat. Sie hatte Erfahrung mit chinesischen Schriftzeichen, und von ihr kam auch das Gestaltungskonzept mit der japanischen Bindung.<span class="pull-right">Jeder hat von jemandem gehört, der den chinesischen Traum lebt.</span></p>
<p><em>In dem Buch gibt es auch eine Reihe theoretischer Texte.</em><br />
Jeder Mensch ist eingebettet in einen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, so auch die Tagelöhner, die ihre Gedanken für dieses Buch preisgaben. Es war uns daher ein Anliegen, auch Texte im Buch zu haben, die dem Leser diesen Kontext sowie die prekäre Situation dieser Arbeiterinnen und Arbeiter vermitteln. Denn man könnte die Texte der Tagelöhner auch oberflächlich interpretieren: Sie schreiben für Geld, oft schreiben sie auch über Geld, und man könnte es so auslegen, als wären sie geldgierig. Es ist wichtig zu verstehen, dass sie im Prekariat in einer Gesellschaft leben, die daran ist, sich wirtschaftlich zu öffnen. Es gibt die Möglichkeit, reich zu werden, und jeder von ihnen hat von jemandem gehört oder kennt selbst jemanden, der den chinesischen Traum lebt. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kann man an dieser neuen Gesellschaftsform partizipieren?</p>
<p><em>Das sind aber keine chinesischen Autoren</em><em>,</em><em> bis auf eine Ausnahme.<br />
</em>Das stimmt, lediglich ein Textbeitrag wurde von einer chinesischen Reporterin geschrieben. Für die in China erscheinende Ausgabe des Buchs haben wir chinesische Intellektuelle um weitere Textbeiträge gebeten. Wir sind gespannt darauf zu lesen, wie sie das Thema verorten und das Geschriebene interpretieren.</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Hier geht es zur Rezension <a href="http://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Philosoph für einen Tag&#8220;</a> von Sibylle Ciarloni</div></div></p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Stefan Baltensperger und David Siepert (Hg.)<br />
<strong>Invisible Philosophy</strong><br />
Amsel Verlag 2017 • 123 Seiten • 38 Euro<br />
ISBN: 978-3-906325-17-0</p>
<p>Mit Essays von<br />
Xu Wenwen, Journalistin beim Shanghai Daily<br />
Prof. Dr. Matthias Messmer, Philosoph und Autor<br />
Prof. Dr. Dorothee Richter, Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin<br />
Prof. Dr. Jörg Huber, Professor für die Theorie der Ästhetik<br />
Die Autoren setzen sich mit der Arbeit der Künstler und mit den Notizen der Unsichtbaren auseinander.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3906325172/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10385" data-permalink="https://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/cover_invisible_philosophy/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?fit=388%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="388,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Invisible_Philosophy" data-image-description="&lt;p&gt;Baltensperger/Siepert&lt;br /&gt;
Invisible Philosophy&lt;br /&gt;
Amsel Verlag Zürich 2017&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;br /&gt;
http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?fit=388%2C499&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-10385 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy-233x300.jpg?resize=233%2C300" alt="" width="233" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=233%2C300&amp;ssl=1 233w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=62%2C80&amp;ssl=1 62w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=300%2C386&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?w=388&amp;ssl=1 388w" sizes="auto, (max-width: 233px) 100vw, 233px" /></div></div></div><br />
</div></div></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild, Buchcover und Abbildungen aus</em><br />
<em> Baltensperger/Siepert: Invisible Philosophy</em><br />
<em> <a href="http://amselverlag.ch/" target="_blank" rel="noopener">Amsel Verlag Zürich</a>, <a href="http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy" target="_blank" rel="noopener">Baltensperger+Siepert</a></em></h6>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Philosoph für einen Tag</title>
		<link>https://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sibylle Ciarloni]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jun 2017 08:29:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitswelt]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Schweizer Künstler verbringen einen Monat mit einer philosophischen Untersuchung in Peking. Sie befragen Tagelöhner zu ihrer Sicht auf das Leben. Damit geben sie Menschen das Wort, die normalerweise nicht gefragt werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">W</span>essen Gedanken werden in unserer Gesellschaft anerkannt? Wer darf in der Öffentlichkeit das Wort ergreifen? Diese Fragen standen am Anfang der Erkundung von Stefan Baltensperger und David Siepert. Mithilfe einer ortskundigen Assistentin suchten die beiden Künstler jeweils frühmorgens in der Nähe von Baumaterial-Märkten nach Tagelöhnern, die bereit waren, einen Tag lang als Philosoph oder Philosophin zu arbeiten.</p>
<h3>Gedanken zu sich selbst und über die Welt</h3>
<p>Die Tagelöhnerinnen und Tagelöhner werden in China „Unsichtbare“ genannt, und in der Tat sind sie allgegenwärtig und unsichtbar. Berührungspunkte zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft gibt es kaum. Frühmorgens auf den Baumaterial-Märkten bieten sie auf Kartonschildern ihre Handfertigkeiten an: Schreinern, Tapezieren, Kabel verlegen. Nun werden sie von zwei europäischen Künstlern zum Nachdenken, Verwerfen, Beschließen, Aufschreiben und Reflektieren aufgeboten. So etwas steht auf keinem ihrer Schilder.</p>
<p>Jeden Morgen suchen die beiden Künstler eine andere Arbeiterin, einen anderen Arbeiter. Sie überzeugen sie, für einen Tageslohn als Philosoph zu arbeiten. Kurz nach der Absprache setzt der Tagesphilosoph sich an einen Tisch und tut, wofür er bezahlt wird. Der Tisch steht in einem temporär eingerichteten Arbeitsraum. Plötzlich sind Tagelöhner Philosophen geworden. Sie notieren ihre Gedanken zu sich selbst und über die Welt, in der sie leben. Die Handschriften sind so verschieden wie sie selbst.</p>
<p>Fünfzehn Texte sind in dem Buch abgedruckt, das die beiden Künstler aus den Tagesarbeiten geschaffen haben. Die handschriftlichen Notizen wurden erst aus dem jeweiligen Dialekt ins Mandarin übertragen und danach ins Englische übersetzt. Alle drei Phasen der Arbeit am Text – Handschrift, Mandarin, Englisch – sind im Buch sichtbar. Die Namen der Tagesphilosophen werden nicht genannt. In einem Bildteil sieht man sie bei der Arbeit.</p>
<p>Das Übersetzen stellte eine besondere Herausforderung dar, nicht nur wegen der Dialekt-Färbungen. Viele chinesische Worte haben je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen. So ist an manchen Stellen etwa nicht mit Sicherheit zu sagen, ob ein Wort mit „Partei“ oder eher mit „Gesellschaft“ zu übersetzen gewesen wäre.</p>
<p>Bei der Herstellung des Buches handelt es sich um eine Adaption der Japan-Bindung. Die Bögen werden auf beiden Seiten bedruckt und in der Mitte gefalzt. Die Falzungen bleiben nach dem Binden erhalten. Der Umschlag ist aus fester Pappe. Auf den ersten Blick sieht man die chinesische Schrift und die englische Übersetzung. Das Faksimile der handschriftlichen Notizen befindet sich auf der Innenseite der Druckbögen. Um die Handschrift der „Unsichtbaren“ zu sehen, muss man die Seiten auseinanderziehen oder aufschneiden.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10387" data-permalink="https://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/invisible_philosophy_japanbindung/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?fit=1800%2C1200&amp;ssl=1" data-orig-size="1800,1200" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Invisible_Philosophy_Japanbindung" data-image-description="&lt;p&gt;Baltensperger/Siepert&lt;br /&gt;
Invisible Philosophy&lt;br /&gt;
Amsel Verlag Zürich 2017&lt;br /&gt;
Japanbindung&lt;br /&gt;
http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-10387 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung-1030x687.jpg?resize=900%2C600" alt="" width="900" height="600" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?resize=1300%2C867&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Invisible_Philosophy_Japanbindung.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<h3>„Money, money, money, what a wonderful word.“</h3>
<p>Beim Lesen ist es, als säße man den Tagesphilosophen gegenüber und hörte sie reden. Ein Leben nach dem anderen wird erzählt. Manche Berichte und Gedanken wirken schlüssig, andere nicht. Eine Frau arbeitet bis an ihre Grenzen – und will noch mehr arbeiten. „I wish I could be Superwoman.“ So heißt es in der Übersetzung ihres Texts. Am Feierabend nach der Arbeit studiert sie Mathematik- und Chemiebücher, ein Studium an der Universität war ihr verwehrt geblieben. Alles, was sie in Zukunft mit noch härterer Arbeit verdiene, werde sie ihren Eltern geben, dem Land, alten Menschen, der Partei und auch Behinderten. Sie träumt davon, einen Kleiderladen zu eröffnen, um mehr Geld zu verdienen, als sie das heute als Tagelöhnerin kann.</p>
<p>Niemand der Tagesphilosophen wurde in Peking geboren. Sie stammen aus den Provinzen und hoffen, in der Hauptstadt ihr Glück zu finden. Dieses Glück allerdings besteht aus harter Arbeit – nur zwei der fünfzehn Männer und Frauen, deren Berichte man im Buch lesen kann, scheinen glücklich zu sein: der eine, weil seine Frau schwanger ist und der andere, weil er, wie er schreibt, kaum etwas ernst nehme und gerne scherze. Ein Mann sagt, er habe schon lange nicht mehr über den Sinn des Lebens nachgedacht. Er sei auch nie gefragt worden. Ihm scheine, dass alles im Leben mit Geld zu tun habe. „Money, money, money, what a wonderful word.“</p>
<p>Manche denken über die Vergangenheit nach und versuchen, eine Logik hinter den Ereignissen in China und ihrer eigenen, privaten Welt zu finden. Manche stellen Zusammenhänge her. Die meisten denken an die zukünftigen Generationen und sind davon überzeugt, dass China eine prosperierende Zukunft vor sich hat. Auffallend ist der Respekt gegenüber älteren Menschen und den Vorfahren. Einige sprechen von der Zeit, als die Partei „noch für die Menschen sorgte“ und zeigen sich dafür dankbar. Früher wurde von einem Gemeindegremium bestimmt, wer in den Genuss einer höheren Bildung kam. Krankheit oder ein Unfall konnten für die Familie den Ruin bedeuten. Mao habe das Volk dazu aufgerufen, hart zu arbeiten. Deng sagte, „we had to emancipate our minds and open up a new road“. Von der aktuellen Regierung und deren Plänen für das Volk spricht niemand.</p>
<h3>In der Falle</h3>
<p>Eine Aussage findet sich fast identisch in den Notizen einer Frau und eines Mannes: „I know my main path in life but sometimes I wander down the side roads.“ Einer der Tagelöhner ist sehr jung, ungefähr zwanzig. „I jumped into a well-designed trap“, sagt er über seine Umsiedlung nach Peking, und: „My happiest moments were the chances to get a rest.“ Doch auch er will noch härter arbeiten.</p>
<p>Einer von ihnen erzählt, dass er kürzlich einen Mann dafür getadelt habe, dass dieser ein angebissenes Brötchen weggeworfen hat – mit seiner Rüge habe er ihn dazu gebracht, ein besserer Mensch zu werden, davon ist der Schreiber überzeugt. Ein anderer stellt Fragen. Eine lautet: Wie wäre es, wenn alles Geld der Welt plötzlich verschwinden würde? Dann schreibt er: „None of these hypotheses are possible.“ Schließlich zeichnet er einen Vogel, der zwischen Bergen hindurchfliegt.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10388" data-permalink="https://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/voegel_berge/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/V%C3%B6gel_Berge.png?fit=1280%2C960&amp;ssl=1" data-orig-size="1280,960" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Vögel_Berge" data-image-description="&lt;p&gt;Baltensperger/Siepert&lt;br /&gt;
Invisible Philosophy&lt;br /&gt;
Amsel Verlag Zürich 2017&lt;br /&gt;
Vögel und Berge&lt;br /&gt;
http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy&lt;/p&gt;
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<p>Ein Mann berichtet von den arrangierten Treffen mit heiratswilligen Frauen, allerdings habe er dafür viel zu viel Geld ausgegeben. Dann will er erklären, wie man schnell Geld verdient, führt seine Ideen aber nicht weiter aus und erzählt nun wieder von sich – und von der Frau, die er dann doch gefunden hat. Er ist einer der beiden Glücklichen in dem Buch.</p>
<p>Die Tagesphilosophen tasten sich eher vorsichtig an die großen Fragen heran. Manchmal blitzen ihre eigenen Ideen nur zwischen den Zeilen hervor. Sie, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben gefragt worden waren, wie sie über die Welt denken und was sie sich wünschen, haben etwas gemeinsam: Sie haben immer zu wenig Geld. Und sie alle denken, dass der Besitz von mehr Geld ihre Situation verbessern würde.</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Hier geht es zum Interview mit Baltensperger + Siepert: <a href="http://tell-review.de/schreiben-als-job-und-als-lebenswende/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Schreiben als Job – und als Lebenswende&#8220;</a></div></div></p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Stefan Baltensperger und David Siepert (Hg.)<br />
<strong>Invisible Philosophy</strong><br />
Amsel Verlag 2017 • 123 Seiten • 38 Euro<br />
ISBN: 978-3-906325-17-0</p>
<p>Mit Essays von<br />
Xu Wenwen, Journalistin beim Shanghai Daily<br />
Prof. Dr. Matthias Messmer, Philosoph und Autor<br />
Prof. Dr. Dorothee Richter, Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin<br />
Prof. Dr. Jörg Huber, Professor für die Theorie der Ästhetik<br />
Die Autoren setzen sich mit der Arbeit der Künstler und mit den Notizen der Unsichtbaren auseinander.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3906325172/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10385" data-permalink="https://tell-review.de/philosoph-fuer-einen-tag/cover_invisible_philosophy/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?fit=388%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="388,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Invisible_Philosophy" data-image-description="&lt;p&gt;Baltensperger/Siepert&lt;br /&gt;
Invisible Philosophy&lt;br /&gt;
Amsel Verlag Zürich 2017&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;br /&gt;
http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?fit=388%2C499&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-10385 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy-233x300.jpg?resize=233%2C300" alt="" width="233" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=233%2C300&amp;ssl=1 233w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=62%2C80&amp;ssl=1 62w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?resize=300%2C386&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover_Invisible_Philosophy.jpg?w=388&amp;ssl=1 388w" sizes="auto, (max-width: 233px) 100vw, 233px" /></div></div></div><br />
</div></div></h6>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild, Buchcover und Abbildungen aus</em><br />
<em> Baltensperger/Siepert: Invisible Philosophy</em><br />
<em> <a href="http://amselverlag.ch/" target="_blank" rel="noopener">Amsel Verlag Zürich</a>, <a href="http://www.baltensperger-siepert.com/invisible-philosophy" target="_blank" rel="noopener">Baltensperger+Siepert</a></em><br />
<em> Foto der Zeichnung Berge und Vögel: Sieglinde Geisel</em></h6>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Braucht die Kunst den Mythos?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Feb 2017 09:02:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Metaphysik]]></category>
		<category><![CDATA[Mythos]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Mythos sei "ein Hallraum jenseits des Nur-Menschlichen" und daher für die Kunst unverzichtbar, sagt Sieglinde Geisel. Kunst gebe es auch diesseits des Mythischen, sagt Frank Heibert. Ein Dialog.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/" target="_blank">Satz-für-Satz-Beitrag</a> zum Thema &#8222;Tiefe&#8220; hat in der Redaktion Diskussionen ausgelöst. Zum Begriff des Mythos haben Frank Heibert und Sieglinde Geisel ein schriftliches Gespräch geführt, das wir hier wiedergeben.</div></div></p>
<p><strong>Frank Heibert: </strong>Liebe Sieglinde, mein Hirn hakt noch an deinem <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/#mythos" target="_blank">Satz</a> aus Deinem Beitrag fest: &#8222;Kunst ist die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln.&#8220; Ich bleibe bei der Frage hängen: Wie definierst du Mythos, damit diese Kunstdefinition für dich stimmt?</p>
<p><strong>Sieglinde Geisel: </strong>Was ist ein Mythos? Darauf gäbe es viele Antworten. Eine davon: Mythen sind die Gesamtheit von Erzählungen, mit denen eine Gesellschaft die Welt für sich deutet. Der Mythos hat Tiefe, weil er die drei großen philosophischen Lebensfragen mit Bildern beantwortet: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer sind wir? <span class="pull-right">Unsere säkulare Vor­stellungswelt ist ja nichts anderes als ein moderner Mythos.<br />
</span>Einerseits geschieht dies immer wieder von neuem (auch moderne Gesellschaften haben ihre Mythen und Narrative, nur heißen die nicht so), andererseits kehren die gleichem Muster wieder, zum Beispiel die mythische Heldenreise, deren Stationen Joseph Campbell in <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3458357734/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow"><em>Der Heros in tausend Gestalten</em> </a>(1946) beschrieben hat: der Ruf zum Abenteuer, den der Held zuerst ablehnt, dann annimmt, worauf er, mit Unterstützung von Mentoren, die Grenze zur „anderen“ Welt überschreitet (sprich: die Grenze zum Unbewussten), dort den Kampf mit dem Gegner aufnimmt (sprich: dem eigenen Schatten), dann Sieg und Belohnung erhält (sprich: Braut, Schatz, Erkenntnis). Nach bestandenem Abenteuer kann der Held oder die Heldin verwandelt in die Welt zurücklehren und die Gesellschaft erneuern. Dieses Prinzip der mythischen Heldenreise taucht überall auf, wo es um die Deutung des menschlichen Lebens geht: in der Religion (Jesus, Buddha), in der Literatur (Faust), und im Leben, denn jeder von uns durchlebt seine eigenen Heldenreisen. Hat man das Prinzip einmal erkannt, ist es ein universell einsetzbares Lese-Instrument.<br />
Wenn ich sage, Kunst sei die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln, dann meine ich damit, dass die Kunst uns Mythen neu erzählt, aber ohne das Personal der Götter und ohne die Vorstellung einer übersinnlichen Welt, sondern übertragen in unsere säkulare Vorstellungswelt – die ja wiederum nichts anderes ist als ein moderner Mythos.</p>
<p><strong>Frank Heibert: </strong>Ich seh&#8217;s ähnlich und doch anders. Die Erzählungen, mit denen eine Gesellschaft ihre Welt deutet, sind eine Grundlage der Mentalität (= Weltdeutung) dieser Gesellschaft. Diese Erzählungen beschäftigen sich mit Themen wie Liebe, Tod, Familie, Gier, Angst, Träume, Werte  usw., also mit den Herausforderungen des menschlichen Zusammenlebens. Zu Zeiten, als die Kirche die Erzählungen kontrollierte, es den Buchdruck noch nicht gab, Bildung noch Luxusgut war usw., gab es relativ wenige Erzählungen mit Deutungshoheit. Und diese früheren Erzählungen würde ich durchaus als Verlängerung der Mythen betrachten, vielleicht auch noch so nennen.<br />
Doch heute leben wir in einer anderen Zeit. Mit der Individualisierung der modernen Gesellschaften ist diese Deutungshoheit relativiert worden. <span class="pull-left">Von der literarischen Kunst erwarte ich, dass sie Geschichten als &#8222;relative Wahrheit&#8220; erzählt.<br />
</span>Die Grundthemen sind immer noch dieselben, aber WIE ihre Muster heute durchgespielt und erzählt werden, hat sich so aufgesplittert, dass ich den Begriff des Mythos dafür überdehnt finde und deshalb nicht mehr fruchtbar. Die Heldenreise ist ja nur ein mögliches Muster, und sie muss auch nicht an die ursprüngliche mythische Kraft gebunden werden, um interessant zu sein.  Deshalb ist mir der literaturdefinierende Satz &#8222;Kunst ist die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln&#8220; zu eng.<br />
Literatur befriedigt in diesem Zusammenhang zwei Bedürfnisse: einerseits Vergewisserung, Verankerung, Sicherheit, also das Vertraute, Orientierung: &#8222;so geht Leben&#8220;, und andererseits Neugier, Offenheit, Dazulernen, Vertrautes Relativieren, also Alternativen, Entdeckungen: &#8222;so könnte Leben auch gehen&#8220; (positiv wie negativ). Von der literarischen Kunst erwarte ich, dass sie Geschichten als &#8222;relative Wahrheit&#8220; erzählt, mit genug Tiefe, Widersprüchlichkeit, aber auch Nachvollziehbarkeit, um glaubwürdig zu sein. Vom Mythos ist da nur noch eine Hülle übrig geblieben, glaube ich.</p>
<p><strong>Sieglinde Geisel: </strong>Du hast meinen Satz von der Literatur als Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln erhellend weitergedacht – danke! <span class="pull-right">Für mich ist der Begriff Mythos nicht verbraucht oder obsolet.<br />
</span>Wir Menschen sind ja Tiere, die erst lernen müssen, wie Leben geht. Literatur zeigt: „so geht Leben“ bzw. „so könnte Leben gehen“. Das ist zwar wunderbar auf den Punkt gebracht, doch bleibt es ganz im Diesseits: In einem säkular erzählten Leben gibt es nur psychologische und soziologische Parameter. Und genau das begrenzt für mich viele Literatur unserer Zeit: Sie ist psychologisch und soziologisch hoch interessant, raffiniert und kunstreich verfertigt, aber sie verweigert uns eine letzte Deutung. Die es natürlich nicht gibt (und wenn, dann wird sie ideologisch verengt), aber das heißt nicht, dass man sie nicht anstreben könnte, dass sie nicht als Idee gegenwärtig sein könnte in diesem Raum, den uns die Literatur mit Worten erschafft.<br />
Der Begriff „Mythos“ hat für mich einen Hallraum, der das Nur-Menschliche sprengt. Wenn mir ein Buch beim Lesen den Atem raubt, mich aus meiner Existenz herausholt, sozusagen mein Bewusstsein erweitert (zum Beispiel Dževad Karahasans <a href="http://tell-review.de/der-paradiesblick/" target="_blank"><em>Der Trost des Nachthimmels </em></a>oder Meral Kureyshis<em><a href="http://tell-review.de/zwischen-abschied-und-aufbruch/" target="_blank"> Elefanten im Garten</a>)</em>, dann gewinnt es eine mythische Qualität. Für mich ist der Begriff Mythos nicht verbraucht oder obsolet, im Gegenteil: Er wird immer wieder neu und anders aufgeladen.</p>
<p><strong>Frank Heibert: </strong>Was uns unterscheidet, ist nicht nur unser jeweiliges Verhältnis zum Metaphysischen, sondern vor allem, inwieweit wir an Literatur die Erwartung letzter Deutungen richten. Für mich klingt es so, als sei für dich Literatur erst dann wahre Kunst, wenn sie dir letzte Deutungen liefert. <span class="pull-left">Das zerrt den für mich sehr fragilen und privaten Bereich des Spirituellen ins Rampenlicht.</span>Natürlich finde ich Literatur spannend, die Menschheitsfragen aus dem Diesseits herausarbeitet <em>und</em> dabei Perspektiven ins Metaphysische eröffnet. Eröffnen also, aber nicht gleich „letzte Deutungen“, das ist mir zu präskriptiv; da reichen Denkangebote, die ins Metaphysische weisen, die Deutung aber mir als Leser überlassen. Bücher, die das schaffen, sind aufregend und großartig, aber alle anderen Bücher herunterzustufen ins fußgängerische Diesseits, das läuft für mich auf eine Überfrachtung dessen hinaus, was man von Kunst erwarten darf. Die ideologische Verengung, von der Du sprichst, ist genau das Problem jedes Textes, der in Sachen Metaphysik mehr versucht, als Türen und Perspektiven zu eröffnen.<br />
Wenn du dieses Eröffnen von Denkräumen unbedingt mit dem für mich etwas imponierverdächtigen Mythos-Begriff verknüpfen willst, kannst du das tun.  Aber die Formulierung „Kunst ist die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln“ – das schließt mir zu viel Literatur aus, und es zerrt überdies den für mich sehr fragilen und privaten, nur zu ertastenden Bereich des Spirituellen ins Rampenlicht, so als sollte er dort (frech gesagt) wie ein veredelndes Raumspray die wahre Literatur mit der richtigen Duftmarke versehen.<br />
Ich glaube, wir sind uns über diese potenzielle Qualität von literarischen Texten einig, es geht nur darum, ob wir sie zum Spreu-vom-Weizen-Trennkriterium machen müssen. Dein Begriff <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/" target="_blank">Tiefe</a> gefällt mir besser als Mythos.</p>
<p><strong>Sieglinde Geisel: </strong>Mir geht es gar nicht so sehr darum, Kunst von Nicht-Kunst zu scheiden. <span class="pull-right">Erwarte ich von der Literatur „letzte Deutungen“? Interessante Frage!<br />
</span> Auch die Fußgänger-Prosa hat in der Gegenwartsliteratur ihren Platz, umso mehr, wenn sie gut gemacht ist. Juli Zehs <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/juli-zeh-ueber-ihren-roman-unterleuten-im-dorf-sind-die-leute-toleranter-ld.115025" target="_blank"><em>Unterleuten</em> </a>etwa spielt eine wichtige Rolle im Gespräch unserer Gesellschaft mit sich selbst, aber ich zweifle daran, dass dieser Roman „ins Metaphysische weist“. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass er (wie so viele andere gegenwartstaugliche Romane) unsere Zeit überleben wird.<br />
Erwarte ich von der Literatur „letzte Deutungen“? Interessante Frage! Das wäre ein Thema für einen eigenen <a href="http://tell-review.de/category/rubriken/satz-fuer-satz/" target="_blank">„Satz-für-Satz“</a>-Beitrag.</p>
<p><strong>Frank Heibert: </strong>Du sagst, viele Literatur unserer Zeit verweigere letzte Deutungen, und das begrenze sie. Das ist für mich ein Wertungskriterium, das heißt, du willst damit zumindest größere von kleinerer Kunst scheiden.<br />
Juli Zehs <em>Unterleuten</em> ist ein super Beispiel. Du sagst: Das ist das Gespräch unserer Gesellschaft mit sich selbst, mehr nicht, wird also mit unserer Epoche vergehen. <span class="pull-left">Ich habe Probleme mit Romanen, die sich an ihrem eigenen Raunen überheben.</span>Ich sage: Juli Zeh hat den Roman nicht als Wegbeschreibung ins Metaphysische angelegt, wofür ich ihr dankbar bin. Aber sie bietet, indem sie bei jeder ihrer Figuren deutlich macht, worin diese den Sinn ihres Lebens sieht (oder einen solchen vermisst), eine Palette von Möglichkeiten an, wie sich Menschen in der Welt verorten und mit der Sinnfrage umgehen. Weitgehend unmetaphysisch nämlich – aber die Kategorie ist trotzdem präsent, teilweise gerade dadurch, dass sie einzelnen Figuren fehlt, andere sich aber daran abarbeiten (man denke nur an das Weltrettungsbedürfnis der Umweltschützer). Natürlich ist <em>Unterleuten</em> mit seinen konkreten Figuren und Problematiken in unserer Epoche verankert, was soll er auch sonst sein. Als Zeugnis unserer Zeit könnte er diese durchaus überleben.<br />
Elemente, die sich als metaphysische Anspielungen deuten lassen, finden sich bei so manchem anderen „gegenwartstauglichen Roman“ (dein Ausdruck!), aber nicht alle schreiten ein solches Panorama der Haltungen ab wie <em>Unterleuten</em>. Umgekehrt habe ich erst recht Probleme mit Romanen, die explizit über das Physische hinausweisen wollen, sich aber an ihrem eigenen Raunen überheben.<br />
Vielleicht ist deine Definition der Kunst – „die Fortsetzung des Mythos mit anderen Mitteln“ – für die Moderne nur dann tauglich, wenn zu diesen anderen Mitteln  auch die Brechung des Mythischen gehört.</p>
<p><strong>Sieglinde Geisel: </strong>Der Kunst ist jedes Mittel recht. Es geht mir um die Frage, ob das Mythische in ihrem Raum noch denkbar ist. Welchen Horizont spannt ein Werk auf? Das Hier&amp;Jetzt ist ungeheuer reich, gerade in einer Welt, die auf so dramatische Weise zusammenrückt, wie wir es heute erleben. Doch ein Werk kann nur überdauern, wenn es seine eigene Gegenwart transzendiert, wenn sich darin ein Bewusstsein für etwas ausdrückt, das jenseits unserer Welt liegt.</p>
<p><strong>Frank Heibert:</strong> So gesagt unterschreibe ich den Gedanken sofort!</p>
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