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	<title>Jugendsprache &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Page-99-Test: Benjamin von Stuckrad-Barre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2023 06:55:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendsprache]]></category>
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					<description><![CDATA[Ist Benjamin von Stuckrad-Barres neuer Roman Literatur, oder geht es in „Noch wach?“ nur um die schmutzige Wäsche? Ein Blick auf die Seite 99 zeigt, dass der Autor nicht nur die gesprochene Rede beherrscht, sondern auch das Register wechseln kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Benjamin von Stuckrad-Barres Roman <em>Noch wach?</em> ist der Hype der Stunde. „Mein Buch ist Literatur und kein Klatsch“, sagt er in seinem Interview im <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/kultur/benjamin-von-stuckrad-barre-ueber-noch-wach-wie-viel-wahrheit-steckt-in-dem-metoo-roman-a-39e992cc-b35f-4d36-9a4c-fa28996e3dd0" target="_blank">Spiegel</a>. Er interessiere sich nicht „für diesen Typen“ (den Namen Julian Reichelt nimmt er nicht in den Mund), „sondern für einen bestimmten Typus Mensch“, und von dem erzähle er in seinem Roman. „Ich habe einen Roman geschrieben, wirklich einen Roman, und der ist fiktiv“, wenn auch inspiriert von der Wirklichkeit; das gesamte Personal sei „anhand der Wirklichkeit frei erfunden“ – wieder und wieder muss von Stuckrad-Barre auf die Fiktionalität seines Romans pochen, die Interviewer lassen nicht nach mit ihren Schlüsselroman-Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre in diesem Roman tatsächlich alles erfunden, gäbe es keinen Hype. Niemand interessiert sich für das <em>Wie </em>dieses Romans, alle Scheinwerfer zielen auf das <em>Was</em>: die schmutzige Wäsche des Springer-Verlags, die derzeit auf allen Kanälen gewaschen wird.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://tell-review.de/wp-content/uploads/2023/04/Cover-2.jpg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seite 99</a> von <em>Noch wach?</em> hat zwei Hälften, getrennt durch eine Leerzeile. Es beginnt mit einer launigen Ich-Erzählerpassage:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich kniete da echt vor meinem Drucker und hab auf einmal so einen derben Lachflash gekriegt, das war so befreiend, Alder, habe ich gedacht und konnte echt nicht mehr vor Lachen, Alder, was für eine Scheißaktion.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist, abgesehen vom konventionellen „echt“, das gleich zwei Mal vorkommt, und der mündlichen Zeitform des Perfekt, mehr als die handelsübliche Umgangssprache. „Lachflash“ ist schon mal gut, und „derb“ ist ein gutes Adjektiv: Man erwartet es nicht, und doch passt es. „Alder“ ist in dieser Schreibweise weder im Duden noch im <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dwds.de/?q=Alder&amp;from=wb" target="_blank">Digitalen Wörterbuch</a> verzeichnet, obwohl es schon 2011 eine Konferenz mit dem Titel „Is ja Hamma, Alder“ gab.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Und dann habe ich, obwohl es schon total spät war, ganz laut Katie Melua angemacht, ich weiß, supercheesy, aber was soll’s, und hab mir echt vorm Schlafengehen – ich meine, wie sinnlos ist das, bitte? – die Haare geglättet.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Wendung „total spät“ meckert Word („Prägnanz: Versuchen Sie, überflüssige Adjektive zu vermeiden“), es wirkt etwas kindlich mit seiner hilflosen Verstärkung, auch eine Musik „anmachen“ ist kein Erwachsenensprech. Ich muss gestehen: Katie Melua musste ich googeln, klingt ganz nett, bisschen Kitsch – „supercheesy“ eben. Der Einschub „wie sinnlos ist das, bitte“ ist eine kleine Variation zum gebräuchlicheren „wie sinnlos ist das denn?“ Das „bitte“ wirkt ein bisschen zu wohlerzogen – aber vielleicht ist das gerade der Witz?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Haare glätten laufen dem Ich-Erzähler Tränen übers Gesicht,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">aber so gute Tränen, wisst ihr, wie ich meine? So euphorische Tränen.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Direkte Leseransprache, es wird immer interessanter. Die „euphorischen Tränen“ eignen sich perfekt für den Schreibunterricht: Dieses Adjektiv zum Wort Tränen ist garantiert noch niemandem eingefallen (Google findet nur 8&nbsp;Beispiele, das ist beinahe Null). Unkonventionelle Ideen sind noch keine Garantie für literarische Güte, aber immerhin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Ich-Erzähler filmt sich und seine Tränen, und er postet das Video gleich nächtens, wie man das in dieser Stimmung eben tut. Am nächsten Morgen denkt er, es sei alles nur ein Traum gewesen,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">auch weil ich morgens nachm Aufstehen ja dann immer so ne Brokkoli-Frise hab.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist hautnah am Sprechen, genau die richtige Portion Redundanz („ja dann immer so“), und „Brokkoli-Frise“ – hach! (Nicht nur wegen dem Brokkoli, ich dachte „Frise“ hätten nur wir damals in der Schweiz gesagt, zu meinem Erstaunen finde ich es im Duden: „salopp, veraltend“)</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">aber als ich dann Insta gecheckt habe und die ganzen Herzen unter meiner Story gesehen habe, wusste ich, das alles ist echt passiert.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das ist glaubwürdig als gesprochene (bzw. gedachte gesprochene) Rede, gerade auch wegen der stilistisch unschönen Wiederholung von „habe“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Benjamin von Stuckrad-Barre kann <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-5-reden-auf-papier/" target="_blank">schreiben, wie man redet</a> – und das weiß er auch. „Schreiben Sie mit, wenn Sie Menschen reden hören?“, wird er im Spiegel-Interview gefragt, und natürlich tut er das nicht, denn er weiß, dass Mitschreiben nichts nützt. „Nein, ich habe einfach ein recht gutes Gehör und ein seltsam präzises Gedächtnis für gesprochene Sprache. Ich höre wahnsinnig gern zu, wenn Menschen sprechen. Egal wer, egal worüber. Für mich ist das Musik. Helmut Dietl hat immer gesagt: ‚Was einer sagt, ist wurscht. Wie er’s sagt, das ist der Inhalt.‘“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">***</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die untere Hälfte der Seite, nach der Leerzeile, besteht aus einem einzigen Satz (rein syntaktisch sind es mehrere eng aneinandergefügte Sätze, aber das empfindet man nicht so), der nach sage und schreibe 134 Wörtern am dem Ende der Seite immer noch nicht fertig ist, nicht einmal annähernd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir finden uns in einem ganz anderen sprachlichen Universum wieder. Die Atmosphäre ist kühl, die Sprache kontrolliert. Der Ich-Erzähler ist erwachsen, er trägt ordentliche Klamotten, teure Schuhe (so stelle ich ihn mir anhand seiner Sprache vor), sein literarisches Deutsch sitzt ebenso perfekt wie vorhin die pubertär enthemmte Laberschnauze.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sie sah auf, während ihrer gesamten Rede hatte sie vor sich auf den Boden gestarrt, aber jetzt schaute sie hoch, scannte den gesamten Stuhlkreis unserer Selbsthilfegruppe, und als sie mich erblickte, verharrte ihr Blick kurz, wir sahen einander in die Augen, ich hatte meine Hände schon zum Klatschen erhoben, klatschte gerade los, als unsere Blicke sich trafen (…)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Fazit: </strong><br>Man sollte <em>Noch wach?</em> wegen dem Wie lesen, nicht wegen dem Was.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



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<p class="wp-block-paragraph">Benjamin von Stuckrad-Barre<br><strong>Noch wach?</strong><br>Roman<br>Kiepenheuer &amp; Witsch 2023 · 384 Seiten · 25 Euro<br>ISBN: 978-3462004670<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783462004670&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


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