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	<title>Italo-Svevo-Preis &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Italo-Svevo-Preis &#8211; tell</title>
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		<title>Das richtige Lesen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Schimmang]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Sep 2021 05:37:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Italo-Svevo-Preis]]></category>
		<category><![CDATA[Jochen Schimmang]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Jochen Schimmang hat den diesjährigen Italo-Svevo-Preis erhalten. Nach der Laudatio von Sieglinde Geisel veröffentlichen wir jetzt die Preisrede des Autors. Er spricht vom Leser, dem eigentlichen Protagonisten im erotischen Akt des Lesens.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Lieber Wolfgang Hegewald, liebe Sieglinde Geisel, liebe Regina Moths, lieber Rainer Moritz als Gastgeber dieses Abends und liebe Freunde und Gäste, ich freue mich ganz besonders, mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, dessen Namensgeber ich 1978 über ein ihm gewidmetes Heft der Zeitschrift <em>Akzente</em> kennenlernte und den ich dann seit Beginn der Werkausgabe im Rowohlt Verlag <em>hingerissen</em> gelesen habe, mit Wiederholungslektüren und auch der Rezeption der Neuübersetzungen von Barbara Kleiner.</p>



<p><em>Hingerissen</em> von diesen passiven, handlungsgehemmten und hochkomischen Helden, die sich erst über mehrere Seiten selbst analysieren, bevor sie auch nur irgend etwas unternehmen. <em>Hingerissen</em> von den falschen Entscheidungen, die sie treffen, wenn man sie überhaupt Entscheidungen nennen kann, und die sich im Nachhinein dann plötzlich doch als die richtigen herausstellen. Eine Konstellation, die Svevo selbst in dem spät verfassten Text <em>Autobiographisches Profil</em>, in dem er über sich selbst in der dritten Person schreibt, so zusammenfasst: „Alles in allem war sein Leben schließlich nicht so unglücklich, wie er befürchtet hatte.“</p>



<p><em>Hingerissen</em> schließlich auch vom unverbrüchlichen Festhalten vieler seiner Protagonisten an der Literatur, obwohl sie als Autoren über Jahrzehnte völlig erfolglos bleiben. Der autobiografische Aspekt dieses Motivs ist bekannt und muss hier nicht noch einmal erläutert werden. Ebenso wissen wir, dass Svevo im Kontrast zu seinen Helden, meistens kleine Angestellte, ab 1899 durch Eintritt in die Firma seiner Schwiegereltern ein erfolgreicher und weltgewandter Geschäftsmann wurde, der mit der Unbeholfenheit seiner Helden wenig gemein hatte. Dieser Idealtypus eines Bourgeois, dessen Werk gleichwohl eine deutliche Ahnung der Dämmerung des bürgerlichen Zeitalters verrät, dieser Prototyp des realitätstüchtigen und erfolgreichen Bürgers konnte nach eigenem Bekunden auf sein „tägliches Gekritzel“ nicht verzichten. „Kurzum“, heißt es in der bekannten Notiz vom 2. Oktober 1899, „außerhalb der Feder ist kein Heil.“ Das heißt, wörtlich übersetzt: Die Literatur ist größer als das Leben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was ein Buch lebendig werden lässt</h2>



<p>So sieht es auch für sich der Angestellte Mario Samigli in der späten Erzählung „Ein gelungener Scherz“ aus dem Jahr 1925. Dieser wird gleich im ersten Satz als Schriftsteller vorgestellt, dessen Werk im zweiten Satz so charakterisiert wird: „Vor vierzig Jahren hatte er einen Roman veröffentlicht, den man wohl mit Recht hätte tot nennen dürfen, wenn sterben könnte, was nie gelebt hat.“ Da er den Glauben an den kommenden Ruhm nie aufgibt, wird er Opfer eines üblen Scherzes seitens einer seiner Bekannten, der in seiner Jugend selbst literarische Ambitionen hatte, seinen Traum dann aber entschlossen tötete und Geschäftsreisender wurde. </p>



<p>Er haßt Mario dafür, dass dieser an seinen Träumen festhält, denn der Desillusionierte will immer auch Desillusionierer sein; sind die eigenen Träume gestorben, gönnt er sie auch den anderen nicht. Deshalb bietet er sich als Agent an und schwindelt von einem deutschen Verleger, der eine sagenhafte Summe für Marios 40 Jahr alten Roman zahlen wolle. Wie sich diese Geschichte weiter entwickelt und für Mario am Ende wenigstens finanziell als Glücksfall endet, der mit dem wechselhaften politischen Schicksal Triests am Ende des Ersten Weltkrieges zusammenhängt, muss hier nicht weiter referiert werden. </p>



<p>Wichtig ist, dass in dieser Novelle alle Teilnehmer des Literaturbetriebs entweder real oder zumindest in Marios Imagination vorhanden sind: der Autor, der Verleger, der Agent und der Literaturkritiker. Das literarische Quartett ist also komplett, und wie immer fehlt jene geheimnisumwitterte Figur, die man den Leser oder die Leserin nennt. Gemeint ist natürlich die Leserin, die nicht betriebsbedingt liest, weil sie lektorieren, jurieren, rezensieren oder Klappen- und Vorschautexte schreiben muss, in denen davon die Rede ist, dass ein Buch einen <em>Sog</em> entwickele oder ein <em>Lesevergnügen</em> sei. Gemeint ist jene Gestalt, die Virginia Woolf <em>the common reader </em>nannte und die ich mit dem Begriff <em>der richtige Leser </em>oder <em>die richtige Leserin </em>bezeichnen möchte. Ich gendere hier nicht, sondern beschränke mich nur in diesem Fall nicht aufs generische Maskulinum, weil man weiß, dass die Mehrzahl der Leser Leserinnen sind.</p>



<p>Es geht mir hier also um das, was überhaupt erst die Literatur zum Atmen bringt und ein Buch lebendig werden lässt: das richtige Lesen. Wir sind uns einig, dass ein Buch, das nicht gerade irgendwo auf der Welt gelesen wird, von einem <em>richtigen</em> Leser, mausetot ist. Einig sind wir uns vermutlich auch, dass das richtige Lesen eine der denkbar asozialsten Tätigkeiten überhaupt ist, denn wenn wir lesen, können wir keine Gesellschaft gebrauchen, zumindest keine menschliche, und ob unser Lesen jemals der Gesellschaft zugute kommt, steht dahin. Es ist eigentlich auch keine <em>interessante</em> Frage – so wenig übrigens wie die Frage, <em>was</em> man lesen soll. </p>



<p>Der geschätzte Harold Bloom hat vorgeschlagen, nur die besten Bücher zu lesen, und dem schließe ich mich vorbehaltlos an. Die Schwierigkeit besteht nur darin herauszufinden, welche das sind. Die Kanonbildung ist eigentlich nicht mehr en vogue, und das ist gut so. Dasselbe trifft für Versuche der negativen Kanonbildung zu. Mit Bloom kann man allerdings konstatieren, dass über die Qualität von Literatur allein ästhetische Kriterien entscheiden können. Nicht die Aktualität oder die Dignität des Stoffes entscheiden darüber, ob ein Buch zu den besten gehört, vielleicht sogar zur Weltliteratur. Selbstverständlich auch nicht die Systemrelevanz, um eines der Unwörter des vergangenen Jahres zu nennen. Als Autor würde ich mich geradezu schämen, wenn man mir Systemrelevanz nachweisen und mich damit in eine Reihe mit VW oder der Deutschen Bank stellen würde. Schon gar nicht taugt der Begriff der kulturellen Aneignung, der es mir verbietet, aus einer anderen Perspektive als der des weißen alten Mannes zu erzählen, der ich bin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie umarmt man eine Zwirnspule?</h2>



<p>Wären diese Kriterien entscheidend, hätte nämlich mein Lieblingstext aus der Weltliteratur keine Chance. Es sind die zwei Seiten über das zwirnspulenartige Wesen namens Odradek, die Franz Kafka unter dem Titel „Die Sorge des Hausvaters“<em> </em>immerhin für wert befand, sie noch zu seinen Lebzeiten in dem Band <em>Ein</em> <em>Landarzt</em> zu veröffentlichen. Es ist nicht schwer, mehrere sinnstiftende Lesarten für diesen trotz seines Titels wunderbar heiteren Text zu finden, und dagegen ist nichts einzuwenden. Daran arbeiten Literaturwissenschaftler, und das sollen sie auch tun. </p>



<p>Was mich aber beim ersten Lesen bezaubert hat und bei jedem wiederholten Lesen am meisten einnimmt, was bei mir jedesmal geradezu eine Welle der Sympathie für Odradek erzeugt, den Drang, ihn zu umarmen – aber wie umarmt man eine Zwirnspule? –, das ist die folgende Passage: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man ihm keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn – schon seine Winzigkeit verführt dazu – wie ein Kind. „Wie heißt du denn?“ fragt man ihn. „Odradek“, sagt er. „Und wo wohnst du?“ „Unbestimmter Wohnsitz“, sagt er und lacht; &#8230;&nbsp; <em>&nbsp;</em></p></blockquote>



<p>Die titelgebende Sorge des Hausvaters besteht nun in der Frage, ob ein Wesen wie Odradek überhaupt sterben könne. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.</p></blockquote>



<p>Wie gesagt, diese Geschichte ist anschlussfähig für die verschiedensten Lesarten, die sich sogar überlagern und überschneiden können und alle ihre Gütligkeit haben. Es gibt zudem ein Wikipedia-Stichwort zu Kafkas Erzählung, und im Netz kann man den Anfang einer mit 1,0 benoteten Seminararbeit im Rahmen der Fachdidaktik Deutsch&nbsp;aus dem Jahr 2007 dazu nachlesen. In der analogen Welt existiert in Berlin eine Buchhandlung Odradek und in Chemnitz ein Lesecafé gleichen Namens. Die Wirkmächtigkeit dieser zwei Seiten scheint erheblich zu sein, auch beim common reader, also dem richtigen Leser.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Den Kopf heben, um zu träumen</h2>



<p>Dieser ist, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.</p></blockquote>



<p>Unzählige Male sind diese Sätze von Marcel Proust zitiert worden. Sie stehen nicht irgendwo in der <em>Recherche</em>, sondern im letzten Band <em>Die</em> <em>wiedergefundene</em> <em>Zeit</em>, als Marcel selbst bereits auf dem Weg ist, endlich zu dem Schriftsteller zu werden, der er von früh an sein wollte. Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht von Marcel Proust, sondern von der Figur Marcel in dessen Hauptwerk.&nbsp;</p>



<p>Der richtige Leser, es sei wiederholt, liest, um etwas über sich selbst zu erfahren, was er noch nicht wusste. Er liest nicht, um sich seine Meinungen oder sein Wissen bestätigen zu lassen, um danach etwa rufen zu können: Habe ich doch gesagt! Oder: Ganz genau so ist es!</p>



<p>Fünfzig Jahre nach Proust schreibt Roland Barthes in einem Text für den <em>Figaro</em> <em>littéraire</em>, dass „wir uns seit Jahrhunderten maßlos für den Autor und überhaupt nicht für den Leser interessieren.“ Und dann der entscheidende Satz: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man versucht herauszufinden, <em>was der Autor sagen wollte, </em>und mitnichten, <em>was der Leser versteht.</em></p></blockquote>



<p>Das ist es: was der Autor sagen <em>wollte</em>, können wir nicht wissen, und daran scheitern zwangsläufig alle Interpretationsaufsätze und -übungen in der Schule. Es ist im Übrigen auch völlig unerheblich, was er sagen <em>wollte</em>. Was er geschrieben hat, steht dagegen nachlesbar im Buch. Was nun der Leser damit anfängt, hängt wesentlich davon ab, ob er jene <em>Lust</em> <em>am</em> <em>Text</em> entwickelt, über die derselbe Roland Barthes ein großartiges Buch gleichen Titels geschrieben hat. </p>



<p>Denn selbstverständlich ist das richtige Lesen nicht nur eine einsame Tätigkeit, sondern auch eine, die von der Lust und dem Begehren gesteuert wird und nicht von der Autorität des anfangs beschriebenen literarischen Quartetts. Das schließt auch ein, dass der richtige Leser, so sehr er der Lust folgt, sich nicht überwältigen lässt und ohnmächtig dahinsinkt, dass er einen Roman keineswegs „verschlingt“. Diese gefräßige Lektüreart ist ihm zuwider, selbst dann, wenn ein Spannungsbogen ihn vorwärts treibt. </p>



<p>Der richtige Leser liest nie, um zu wissen, „wie es ausgeht“. Er liest, indem er laut Barthes „fortwährend den Kopf hebt, um zu träumen“, sein „Lesen löst sich vom Buch, um die Welt zu erforschen: ihre Zeichen, ihre kleinen Sätze, ihre Bilder, ihre Mythen“ und kehrt dann zum Buch zurück, bis zum nächsten Mal, da er aufblickt. </p>



<p>Er hat sich längst vom Autor emanzipiert und ist der eigentliche Protagonist, der dominierende Part bei diesem erotischen Akt, den man Lesen nennt. Dominant ist er auch gegenüber den Protagonisten des Buches. Wenn wir Flaubert lesen, wissen wir immer schon mehr über die arme Emma Bovary als sie selbst und als das, was der Autor bisher erzählt hat. Wenn wir richtige Leser sind, wissen wir sehr früh, dass es keinesfalls „gut ausgeht“. Da das aber nicht unsere Hauptsorge ist, lesen wir dennoch weiter und blicken ab und zu vom Buch auf, um zu träumen.</p>



<p>Ich habe über den unbekannten Leser, das geheimnisvolle Wesen gesprochen, weil ich zuverlässig weiß, dass heute ein paar Exemplare davon in diesem Raum sind. Von einem weiß ich sogar, dass Svevos handlungsgehemmte und entschlussunfähige Figuren ihn zum Wahnsinn treiben und er Svevo deshalb nicht weiterlesen kann. Aber immerhin, das ist doch ein sehr starker Affekt!</p>



<p>Ich danke Wolfgang Hegewald als dem Schöpfer dieses Preises, und ich danke der Jury, dass sie ihn mir zugesprochen hat, gerade diesen Preis. Ich danke dem wahren Mäzen, der ihn finanziert und der ungenannt bleiben und ihn nicht mit einem Sponsorensiegel versehen will. Und ich danke all jenen unbekannten Leserinnen und Lesern, die bisher geneigt waren, sich mit meinen Büchern zu beschäftigen und sich hoffentlich mit ihnen auf eigene Wege gemacht haben. Vielen Dank.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: CC0 Public Domain via <a href="https://pxhere.com/de/photo/1188022" target="_blank" rel="noopener noreferrer">PxHere</a></h6>



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		<title>Der Erfinder Westdeutschlands</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Sep 2021 08:28:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Italo-Svevo-Preis]]></category>
		<category><![CDATA[Jochen Schimmang]]></category>
		<category><![CDATA[Westdeutschland]]></category>
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					<description><![CDATA[Jochen Schimmang hat für sein Lebenswerk den Italo-Svevo-Preis 2021 erhalten. Wir bringen die Laudatio auf ein Prosawerk, das kühne Konstruktionen mit stilistischer Raffinesse verbindet. Die Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion bleibt dabei stets durchlässig.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Meine früheste Erinnerung an Jochen Schimmang geht in meine Gymnasialzeit zurück. Es waren die frühen Achtzigerjahre in der Schweiz. Ich hatte damals diese farbigen Taschenbücher entdeckt: Dort erschienen Autoren wie Hermann Hesse, Max Frisch und Isabelle Allende. Auf einem roten Buchrücken hieß es: <em>Das Ende der Berührbarkeit</em>. Der Titel sprang mich an, ich fühlte mich gemeint. Ob ich das Buch damals dann auch gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Doch seither ist mir der Name Jochen Schimmang ein Begriff.</p>



<p>Persönlich kennengelernt habe ich Jochen Schimmang dann viel später. Zwei Mal war ich in meinem Leben bisher in Oldenburg, und der Kulturwissenschaftler Matthias Bormuth hatte beide Male dafür gesorgt, dass ich Jochen Schimmang begegnete. Beide Male ging ich mit einem signierten Buch nach Hause, und beide Male beglückte mich die Lektüre.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Versagen des Literaturbetriebs</h3>



<p>Man dürfe nicht vergessen, schreibt Jochen Schimmang, „daß in der Regel die Autoren diejenigen sind, denen Literaturbetrieb <em>passiert</em>, während andere ihn machen“. Diese Feststellung findet sich, Ironie des Literaturbetriebs, in einem Text über Italo Svevo. Jochen Schimmang hat das Nachwort zu Svevos Erzählung <em>Ein gelungener Scherz</em> geschrieben. Dass diese Erzählung von der fehlenden Anerkennung eines Autors handelt, ist eine weitere Ironie: Denn der Italo Svevo-Preis wird bekanntlich an Autoren verliehen, „deren Ruhm nicht ihrem Rang entspricht“, wie es sein Gründer Wolfgang Hegewald so elegant zu formulieren pflegt. Weniger elegant ausgedrückt: Der Italo-Svevo-Preis geht an Autoren, bei denen der Literaturbetrieb versagt hat.</p>



<p>Jochen Schimmang schreibt wie kein anderer, und das tut er seit über vierzig Jahren: 1979 erschien <em>Der schöne Vogel Phönix</em>, ein Roman über die 68er-Szene in Westberlin. Auf das Debüt folgten Prosawerke aller Gattungen: Romane und Erzählungen ebenso wie Essays, autobiografische Texte, Rezensionen, Radiofeatures, Hörspiele.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gefühle erfinden</h3>



<p>Fast immer geht es dabei um das, was man einmal Westdeutschland nannte. Ich wage zu behaupten, dass Jochen Schimmang dieses Westdeutschland erfunden hat. Ich beziehe mich dabei auf einen Satz von Peter von Matt: „Schriftsteller erfinden Gefühle.“ Man könnte auch sagen: „Books are containers of consciousness“, so hat es <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/ich-habe-keine-weisheiten-anzubieten/" data-type="URL" data-id="https://tell-review.de/ich-habe-keine-weisheiten-anzubieten/" target="_blank">William H. Gass</a> formuliert, der große amerikanische Essayist und Romancier, der ebenfalls ein Anwärter für einen amerikanischen Italo-Svevo-Preis gewesen wäre: Er ist 2017 mit 92 Jahren gestorben, ohne je den Ruhm erlangt zu haben, der seinem Rang entsprochen hätte.</p>



<p>Schriftsteller erfinden Gefühle, indem sie sie in Worte übersetzen und damit ins kollektive Bewusstsein heben. So wurde mit den Briefromanen des 18.&nbsp;Jahrhunderts etwa das Reden über das eigene Innenleben erfunden. Franz Kafka erfand eine Sprache für die Entfremdungserfahrung der Moderne.</p>



<p>Und Jochen Schimmang hat Westdeutschland erfunden, auf Englisch würde man sagen: „the West German experience“. Es ist seine eigene Erfahrung, daher ist es nur folgerichtig, dass sein Schreiben von der eigenen Biografie ausgeht. Jochen Schimmang hat eine ganz eigene Form der autobiografischen Prosa entwickelt – nicht von ungefähr erhielt er vor zwei Jahren den erstmals verliehenen Walter-Kempowski-Preis für autobiografisches Schreiben. In den autobiografischen Texten geht er selbst in seinem Leben spazieren, in den Romanen schickt er seine Figuren in den Erfahrungsraum ihres Autors.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Grenzgänger</h3>



<p>Jochen Schimmangs Texte entstehen aus der Distanz. Der Schriftsteller sei „ein Mensch des Zwischenraums“ – dieses Motto von Roland Barthes kann als programmatisch gelten, sowohl für die Romanfiguren als auch für ihren Autor. Jochen Schimmang ist ein Grenzgänger, ein Bewohner der Ränder und Niemandsländer, wie es der Titel des autobiografischen Buchs <em>Grenzen Ränder Niemandsländer</em> nahelegt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die neue Mitte ist dort, wo ich niemals hinwollte.</p></blockquote>



<p>So heißt es in diesem Buch. Das ist erst in zweiter Linie politisch gemeint, zuallererst ist das Unbehagen ästhetischer Natur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Mitte hat zweifellos immer ein bisschen was Obszönes, mit ihrem Leuchten, Locken, Prunken und Prahlen.</p></blockquote>



<p>Jochen Schimmang lockt uns nicht mit Prunk, sondern mit versteckten Anspielungen (oft bis hin zum Schlüsselroman), er lockt uns mit der Raffinesse des Erzählens, dem Sinn fürs (häufig komische) Detail.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Poetik im Roman</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Liebesgeschichten sind ein alter Hut. Was erzählenswert an ihnen ist, scheint nicht die Geschichte selbst zu sein, die allen anderen gleicht, sondern das Detail, der Unterschied, das Autonome, der Schnörkel, das Überflüssige und zugleich Unverwechselbare, das sich nur in dieser Geschichte unterbringen lässt und in keiner anderen.</p></blockquote>



<p>Das ist eine Poetik, formuliert hat sie der Student Murnau, Jochen Schimmangs erste Figur. <em>Der schöne Vogel Phönix</em> ist ein Behältnis für die Bewusstseinslagen der K-Grüppchen, die im damaligen Westberlin so wortreich daran scheiterten, die Welt zu ändern. Jochen Schimmangs Debüt wurde ein Kultbuch, weil es die Gefühle seiner Leser erfand.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wiedergänger</h3>



<p>Die Reflexion des Erzählens läuft subkutan immer mit, nichts ist hier selbstverständlich. Der Autor und seine literarischen Alter Egos misstrauen der Mehrheit, dem Frieden, der Vernunft. Die Figuren haben keine Antworten, sondern Zweifel. Und sie sind Wiedergänger: Der orientierunglose Student Murnau aus <em>Der schöne Vogel Phönix</em> kehrt 23&nbsp;Jahre später im Roman <em>Die Murnausche Lücke</em> wieder, diesmal als schlafloser Mathematiker. Gregor Korff wiederum ist der Protagonist der Romane <em>Das Beste, was wir hatten</em> (2009) und <em>Altes Zollhaus, Staatsgrenze West</em> (2017). Alles, was Gregor Korff jemals wollte, war, „ein halbwegs zufriedenes Leben zu führen im jeweiligen Strom der Zeit“.</p>



<p>Was heißt es, Mensch zu sein – in der jeweiligen Zeit, am jeweiligen Ort? Für Jochen Schimmang gibt es keinen Zweifel, </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>dass geografische wie historische Räume die Denkweisen derjenigen mitprägen, die in ihnen leben. Darum geht es hier doch dauernd, lieber Leser, wenn ich mal kurz das Wort an dich richten darf.</p></blockquote>



<p>So heißt es in <em>Grenzen Ränder Niemandsländer</em>, einem Buch mit 51 „Geländegängen“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Nachkriegskindheit</h3>



<p>Das Westdeutschland, das Jochen Schimmang in seinen Büchern erfindet, ist ein Produkt der Nachkriegszeit. Schimmang ist 1948 im niedersächsischen Northeim geboren, und er bezeichnet es als „persönliche Geburtsgnade“, dass er kein Kind der Bundesrepublik ist, sondern eins der britischen Zone.</p>



<p>Was heißt es, ein deutsches Nachkriegskind zu sein? Es bedeutet, ein Erbe anzutreten. In den Sechzigerjahren wurde Erwin Leisers Dokumentarfilm <em>Mein Kampf</em> für den Schulunterricht empfohlen, und so kam es, dass Jochen Schimmang bereits in der sechsten Klasse bei einer Filmvorführung die Leichenberge von Auschwitz, Treblinka und anderswo zu sehen bekam – eine traumatische Erfahrung. Seither, so schreibt er in <em>Grenzen Ränder Niemandsländer</em>, werde sein Leben von einer Depression grundiert: dem Bewusstsein, „einem Tätervolk anzugehören, dem schlimmsten der Geschichte“.</p>



<p>Die Empörung – über die Geschichte und über das, was danach kam –, überlässt Jochen Schimmang seinen Lesern. Er belässt es dabei zu sagen, wie es damals war, in schlichten, perfekt austarierten Sätzen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man sprach zum Beispiel nicht darüber, was viele getan hatten, in der gerade zurückliegenden Zeit. Nicht nur die großen Verbrecher, sondern ebenso die eigenen Eltern und unser kranker Nachbar auch.</p></blockquote>



<p>Oder:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Dass da etwas sehr Schlimmes gewesen war, worüber die Meisten etwas wussten und worin viele verstrickt waren, worüber aber keiner so recht reden wollte, das war es, was mir in die Kindheit schien.</p></blockquote>



<p>Die Zitate sitzen, gerade weil sie so unauffällig daherkommen. Der Verweis auf Matthias Claudius und Ernst Bloch öffnet einen Resonanzraum: Man kann sich diesen Sätzen nicht entziehen, einfach weil man sie kennt. Auf einmal sind wir gemeint.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Westdeutscher Wenderoman</h3>



<p>Jochen Schimmang nimmt uns mit in ein Land, das normal sein will und doch den Ballast nicht loswird. Gregor Korff bescheinigt sich selbst eine „innere Westbindung“, den Silvester 1989 verbringt er allein in einer Hütte oberhalb von Königswinter, während im Nachbarhaus laut gefeiert wird. Seine Gedanken nehmen uns mit auf Streifzüge durch die westdeutsche Vergangenheit. </p>



<p><em>Das Beste, was wir hatten </em>wurde von der Kritik als westdeutscher Wenderoman gefeiert. Denn mit der Wende ist nicht nur die DDR untergegangen. Wer „ehemalige DDR“ sagt, müsse auch vom „ehemaligen Westdeutschland“ sprechen, schreibt Jochen Schimmang irgendwo. Ob in einem Roman oder einem autobiografischen Text habe ich vergessen, und es ist auch egal, denn Autor und Figur können jederzeit die Rolle wechseln.</p>



<p>Des Öfteren legt der Autor den Romanfiguren Sätze in den Mund, die seine Poetik offenbaren. Zeigt der Student Murnau in Schimmangs Debütroman am Beispiel von Liebesgeschichten, wie effektives Erzählen funktioniert, geht es in <em>Altes Zollhaus, Staatsgrenze West</em> um den Umgang mit verschiedenen Zeitebenen. Gregor Korff bewundert die Gleichzeitigkeit in den Erzählungen seines neunzigjährigen Nachbarn:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die früheren Zeiten können jederzeit präsent werden, und dann leuchten sie, als sei es gerade gestern geschehen.</p></blockquote>



<p>Auch in den Romanen mischt sich die Vergangenheit unter die Gegenwart, auf unmerkliche Weise, denn so kühn die Konstruktion dabei auch ist, man sieht sie nie durchschimmern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wechsel der Erzählperspektive</h3>



<p>Diese unsichtbare Konstruktion spannt sich oft über mehrere Bände hinweg. Gregor Korff lernen wir ein erstes Mal im Wenderoman <em>Das Beste, was wir hatten kennen</em>, als Philosophiedozent ohne Ambitionen, dann wird er Redenschreiber eines Ministers der Bonner Republik. Acht Jahre später erscheint <em>Altes Zollhaus, Staatsgrenze West</em>, und hier begegnen wir ihm wieder. Gregor Korff ist älter geworden, im Ruhestand nun, er bezieht ein Zollhaus an der niederländischen Grenze. Sein Autor trifft eine kühne Entscheidung, denn er wechselt die Erzählperspektive: Kennengelernt hatten wir Gregor Korff in der dritten Person, nun wird er zum Ich-Erzähler.</p>



<p>Zwischen diesen beiden West-Romanen ist 2011 der satirisch-dystopische Zukunftsroman <em>Neue Mitte</em> erschienen. Hier gewährt Jochen Schimmang seinem Protagonisten eine Art Cameo-Apperance. Wir schreiben das Jahr 2030, und Deutschland ist dabei, sich nach zehn Jahren Junta-Herrschaft zu berappeln. Ulrich Anders soll in der Berliner Trümmerlandschaft eine Bibliothek einrichten. Seiner Freundin liest er abends aus einem 800 Seiten dicken Politthriller vor. Der Autor von <em>Das Sonja-Komplott</em> ist ein gewisser Gregor Korff, 2018 in Paris verstorben – und, so stellt sich heraus, wohl der Vater, den Ulrich Anders nie kennengelernt hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Literarischer Salto mortale</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Auf den Gedanken, selbst ein Buch zu schreiben, wäre ich nie gekommen.</p></blockquote>



<p>Das behauptet Gregor Korff nun wiederum in <em>Altes Zollhaus, Staatsgrenze West</em>. Anlass für diese Bemerkung ist <em>Das Sonja-Komplott</em>. Korff hat seinen Namen nur als verkaufsförderndes Pseudonym für den Umschlag zur Verfügung gestellt, geschrieben hat das Buch ein anderer. In dem Thriller geht es übrigens um eine Episode aus Gregors eigenem Leben, die wir bereits aus <em>Das Beste, was wir hatten</em> kennen.</p>



<p>Zurück zu <em>Altes Zollhaus, Staatsgrenze West</em>. Dass der Ich-Erzähler Gregor Korff nun behauptet, er wäre nie auf den Gedanken gekommen, selbst ein Buch zu schreiben, ist eine glatte Lüge. Er schreibt nämlich sehr wohl ein Buch, und zwar den Roman, den wir gerade lesen. Er sagt es uns durch die Hintertür: Er lobt die schöne Handschrift seines Nachbarn und meint dann, diese sei </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Lichtjahre entfernt von meinem eigenen Gekritzel, mit dem ich in unregelmäßigen Abständen diese Seiten hier fülle. </p></blockquote>



<p>Kaum haben wir umgeblättert, setzt er noch eins drauf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In früheren Romanen hätte ich gegen den alten Pfarrer oder den ehemaligen Schulmeister oder auch den Arzt des Dorfes regelmäßig Schach gespielt, sagen wir jeden Mittwochabend um sieben Uhr, dazu der obligate <em>erlesene Wein</em>. (&#8230;) Für hier und heute passt das nicht mehr.</p></blockquote>



<p>Was so harmlos und geradezu leutselig daherkommt, ist in Wahrheit ein literarischer Salto Mortale: Gregor Korff outet sich als sein eigener Autor.</p>



<p>In seinem jüngsten Band <em>Mein Ostende</em> dreht Jochen Schimmang die Schraube noch eine Drehung weiter. Auch Gregor Korff hatte sich in den früheren Romanen zeitweise in Ostende eingemietet, er bezeichnet die belgische Hafenstadt als „köstliches Halbzuhause“, wobei er „Halbzuhause“ definiert als einen Ort, „an dem man sich wohlfühlt, und den man, wenn die Zeit gekommen ist, ohne Schmerz verlassen kann“. In den essayistischen Texten von <em>Mein Ostende</em> erfindet der Ich-Erzähler Jochen Schimmang nun einen Autor namens Gregor Korff, dem wir zuschauen, wie er seinen Ostende-Krimi schreibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Melancholie und Komik</h3>



<p>Ob Roman oder autobiografischer Essay: In Jochen Schimmangs Büchern sind wir im Reich der doppelten Böden. Mit heimlichem Vergnügen zieht der Autor die Fäden, an denen wir zappeln. Der Begriff Ironie greift dafür zu kurz, einmal abgesehen davon, dass Jochen Schimmang dieses Grundgefühl der westdeutschen Intelligenzija bereits dem Philosophieprofessor Ulrich Goergen mitgegeben hat, einem Freund von Gregor Korff: „Ich kann nur Ironie“, bekennt Goergen bei jeder Gelegenheit.</p>



<p>Für die besondere Art der Schimmangschen Doppelbödigkeit gibt es noch kein Wort, man muss eins erfinden. Der Rezensent <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.fr.de/kultur/literatur/adorno-unter-vielen-abwesenden-12879147.html" target="_blank">Martin Oehlen</a> schlägt den Begriff der „Melan-Komik“ vor: Die Erzählungen im Band <em>Adorno wohnt hier nicht mehr</em> (2019) seien von einem „melan-komischen“ Ton getragen. In der Tat schlägt die Melancholie – etwa über das Verschwinden der Menschen und der berühmten Adressen von einst – immer wieder um in Komik.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Filigrane Konstruktion</h3>



<p>Jochen Schimmang ist ein Meister des Understatements, und das Glück beim Lesen seiner Bücher besteht zum Teil in der Erwartung, dass einem jederzeit der Teppich unter den Füßen weggezogen werden kann. Man ist auf alles gefasst, auch auf den gelegentlichen zarten Stromschlag.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So sind die Männer, sie wollen beschützen und vögeln, das ist ihr Programm.</p></blockquote>



<p>Das sagt Anita, Gregors Geliebte (und zugleich Frau seines besten &nbsp;Freunds).</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ja, wir Alten haben eben Angst, dass die Welt nicht mehr unsere ist, dass sie nicht mehr deutlich zu entziffern ist, und so ist es ja auch.</p></blockquote>



<p>Das sagt Ulrich Goergen, dem angesichts des eigenen Sterbens dann doch die Ironie vergeht.</p>



<p>Die Raffinesse, die Anspielungen, die filigrane Konstruktion und die sprachliche Sorgfalt – das sind letztlich nur Beschreibungen der Oberfläche dieser Texte. Das eigentliche Geheimnis von Jochen Schimmangs Schreiben liegt in seiner Haltung als Autor. Es liegt darin, dass er nicht uns „einen Spiegel vorhält“, wie es das Klischee will, sondern dass er selbst mit in den Spiegel blickt: sei es als Ich-Erzähler in eigener Sache, sei es durch die Maske seiner Figuren. Der Autor klagt nicht an, er ruft nicht zur Revolution auf – er sitzt mit uns im Boot.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Auf dem Beobachterposten</h3>



<p>Die DDR hätte man nicht in dieser Tonlage erfinden können. Jochen Schimmang konnte sich für die Erfindung Westdeutschlands auf dem Beobachterposten einrichten, weil dieses Westdeutschland seine Autoren nicht zur Brust nahm: Weder hat es seine Bürger zur Linientreue verpflichtet, noch hat es sie zum Widerstand genötigt. Von seinem Hochsitz aus lässt der Autor seinen Blick schweifen über die Gegenwart und in die Vergangenheit. </p>



<p>Dabei streift er auch die Zukunft. Gregor Korff hat als Redenschreiber die Politik vom Hinterzimmer aus kennengelernt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man stand immer in Bereitschaft und wusste oft nicht genau, wofür. Was aber ein Merkmal von Politik überhaupt ist, dachte Gregor.</p></blockquote>



<p>Das steht in einem Roman von 2009. Doch wer denkt dabei nicht an den Wahlkampf von 2021? </p>



<p>Obwohl seine Bücher vom Politischen handeln, ist Jochen Schimmang kein politischer, sondern ein existenzieller Autor. Er hat eine Literatur geschaffen, die ihre jeweilige Zeit, ihren jeweiligen Ort transzendiert. Dies gelingt ihm mit seinem virtuosen Spiel zwischen Fiktion und Biografie, mit aphoristischen Volltreffern – und nicht zuletzt mit einer Haltung, die uns Leser ganz selbstverständlich mit ins Buch nimmt.</p>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Die Preisrede von Jochen Schimmang erscheint demnächst auf tell.</p>


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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Oldenburg, Niedersachsen. Das Hauptpostamt am Bahnhof. 17. Mai 2012. Von Anaconda74 via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oldenburg_Hauptpost.JPG" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikimedia Commons</a> (CC0)</h6>



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