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	Kommentare zu: Page-99-Test: Peter Handke	</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<item>
		<title>
		Von: Christoph Schatte		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6250</link>

		<dc:creator><![CDATA[Christoph Schatte]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 03 Nov 2019 10:22:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die RezensntIn wähnt sich in deutscher Syntax wohl sicher, wobei zu bezweifeln steht, ob sie sich mit dieser je näher befaßte: &quot;Gleich zu Anfang des Satzes unterläuft Handke ein grammatischer Fehler. Er benutzt ein Adverb als Adjektiv. Was da steht ist: `Der Zug hatte sich übervoll in Bewegung gesetzt´.“

Sogar die Permutation in sog. Normalstellung gelingt ihr. Unbekannt ist ihr allerdings das prädikative Attribut zum Subjekt*. Sie ist offenbar doch VollblutlitaratIn.

*Nachhilfe zu prädikatives Attribut zum Subjekt: &quot;Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt.&quot; Auflösung: &quot;Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt ... und war übervoll&quot;. Also das inkriminierte Adjektiv steht als Rest eines seiner Kopula beraubten (zweiten) Prädikats.

Auch wenn die RezensentIn das Duden-Wörterbuch und sogar das DWDS konsultiert, sitzt sie der Ottokraviedh-Reform voll auf. Handke (wie halt Handke) betriebt gern krampfige Wortfindung (kein großer Wortschöpfer vor dem Herrn) und -schreibung. Er schreibt also hie und das etwas zusammen, damit es neu aussieht. Und schon sucht die RezensentIn im Wörterbuch. Läse sie neben hoher Literatur ab und zu deutsche Tagespresse, ginge ihr das Licht auf, daß die Journaille seit erwähnter Schreibdestruktion hanebüchen schräg schreibt, d.h. in demselben Text dasselbe Wort in mindestens drei Schreibungen. Dagegen ist Handke ein Waisenknabe.

Sie selbst setzt Zitationszeichen zu spät, d.h. z.B. am Ende eines in den Satz eingeschlossenen Zitats erst nach dem satzschließenden Punkt.

Auch in Phraseologismen scheint sie nicht ganz sattelfest: &quot;[...] pfeife ich bald selbst aus dem letzten Loch&quot;. Wahrscheinlich ein Mauseloch. Journis und sogar Journalisten schreiben ja auch seit langem etwas über die &quot;erste Garde&quot;, die es nie gab, klingt aber ähnlich wie &quot;erste Gar ... nitur&quot;. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Daß Handkes Schreibe ihren &quot;Reiz&quot; zumeist aus verschrobenen Wortbildungen und Nominationen bezieht, ist rundum und allerorten bekannt. Manchmal deucht ihn Dagewesenes eigene Erfindung, die nur etwas inzwischen Veraltetes aus der Versenkung holt. Wahrscheinlich prüft er nicht jeden seiner Einfälle im DWDS wie die felißige, aber nicht unbedingt beflissene RezensentIn.

Es gibt nach Goethe eine ganze Reihe Autoren, die mit berückenden und teils Schlaglichter werfenden Wortbildungen treffen und faszinieren. Handke gehört gewiß nicht zu ihnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die RezensntIn wähnt sich in deutscher Syntax wohl sicher, wobei zu bezweifeln steht, ob sie sich mit dieser je näher befaßte: &#8222;Gleich zu Anfang des Satzes unterläuft Handke ein grammatischer Fehler. Er benutzt ein Adverb als Adjektiv. Was da steht ist: `Der Zug hatte sich übervoll in Bewegung gesetzt´.“</p>
<p>Sogar die Permutation in sog. Normalstellung gelingt ihr. Unbekannt ist ihr allerdings das prädikative Attribut zum Subjekt*. Sie ist offenbar doch VollblutlitaratIn.</p>
<p>*Nachhilfe zu prädikatives Attribut zum Subjekt: &#8222;Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt.&#8220; Auflösung: &#8222;Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt &#8230; und war übervoll&#8220;. Also das inkriminierte Adjektiv steht als Rest eines seiner Kopula beraubten (zweiten) Prädikats.</p>
<p>Auch wenn die RezensentIn das Duden-Wörterbuch und sogar das DWDS konsultiert, sitzt sie der Ottokraviedh-Reform voll auf. Handke (wie halt Handke) betriebt gern krampfige Wortfindung (kein großer Wortschöpfer vor dem Herrn) und -schreibung. Er schreibt also hie und das etwas zusammen, damit es neu aussieht. Und schon sucht die RezensentIn im Wörterbuch. Läse sie neben hoher Literatur ab und zu deutsche Tagespresse, ginge ihr das Licht auf, daß die Journaille seit erwähnter Schreibdestruktion hanebüchen schräg schreibt, d.h. in demselben Text dasselbe Wort in mindestens drei Schreibungen. Dagegen ist Handke ein Waisenknabe.</p>
<p>Sie selbst setzt Zitationszeichen zu spät, d.h. z.B. am Ende eines in den Satz eingeschlossenen Zitats erst nach dem satzschließenden Punkt.</p>
<p>Auch in Phraseologismen scheint sie nicht ganz sattelfest: &#8222;[&#8230;] pfeife ich bald selbst aus dem letzten Loch&#8220;. Wahrscheinlich ein Mauseloch. Journis und sogar Journalisten schreiben ja auch seit langem etwas über die &#8222;erste Garde&#8220;, die es nie gab, klingt aber ähnlich wie &#8222;erste Gar &#8230; nitur&#8220;. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.</p>
<p>Daß Handkes Schreibe ihren &#8222;Reiz&#8220; zumeist aus verschrobenen Wortbildungen und Nominationen bezieht, ist rundum und allerorten bekannt. Manchmal deucht ihn Dagewesenes eigene Erfindung, die nur etwas inzwischen Veraltetes aus der Versenkung holt. Wahrscheinlich prüft er nicht jeden seiner Einfälle im DWDS wie die felißige, aber nicht unbedingt beflissene RezensentIn.</p>
<p>Es gibt nach Goethe eine ganze Reihe Autoren, die mit berückenden und teils Schlaglichter werfenden Wortbildungen treffen und faszinieren. Handke gehört gewiß nicht zu ihnen.</p>
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			</item>
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		<title>
		Von: Wolfgang Stauch		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6207</link>

		<dc:creator><![CDATA[Wolfgang Stauch]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Oct 2019 15:44:52 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Volle Zustimmung für die Sichtweise von Lars Hartmann. Danke.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Volle Zustimmung für die Sichtweise von Lars Hartmann. Danke.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>
		Von: holio		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6166</link>

		<dc:creator><![CDATA[holio]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Oct 2019 14:56:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6162&quot;&gt;Fritz Iff&lt;/a&gt;.

Handkes Wortwahl der Daherrennenden würde ich defensiv lieber allein als Richtungsangabe ohne Wertung verstehen. Her = zum Sprecher hin, hin = vom Sprecher weg. Später hat er Dahergehetzte. In seiner Epopöe vom Verschwinden der Wege hat Handke keinen Ich-Erzähler, sondern erzählt von einem Er. Dass es er selbst ist, wird spätestens klar, als er beiläufig seinen Kampf mit den Feuilletons um seine Jugoslawientexte erwähnt. Er gelte seitdem als &quot;derjenige, welcher&quot;. Seinen Er beschreibt er dort, vergebens dem einstigen Weg folgen wollend, der durch einen Waldbrand zerstört ist, als &quot;Irrenden, Stolpernden und manchmal auch schwindlig Dahintorkelnden&quot;. Dahin, weil wir ihn vor uns her gehen sehen, so empfinde ich die Stelle, vielleicht wie in einem Film, in Tarkowskis Stalker vielleicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6162">Fritz Iff</a>.</p>
<p>Handkes Wortwahl der Daherrennenden würde ich defensiv lieber allein als Richtungsangabe ohne Wertung verstehen. Her = zum Sprecher hin, hin = vom Sprecher weg. Später hat er Dahergehetzte. In seiner Epopöe vom Verschwinden der Wege hat Handke keinen Ich-Erzähler, sondern erzählt von einem Er. Dass es er selbst ist, wird spätestens klar, als er beiläufig seinen Kampf mit den Feuilletons um seine Jugoslawientexte erwähnt. Er gelte seitdem als &#8222;derjenige, welcher&#8220;. Seinen Er beschreibt er dort, vergebens dem einstigen Weg folgen wollend, der durch einen Waldbrand zerstört ist, als &#8222;Irrenden, Stolpernden und manchmal auch schwindlig Dahintorkelnden&#8220;. Dahin, weil wir ihn vor uns her gehen sehen, so empfinde ich die Stelle, vielleicht wie in einem Film, in Tarkowskis Stalker vielleicht.</p>
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		<item>
		<title>
		Von: Fritz Iff		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6162</link>

		<dc:creator><![CDATA[Fritz Iff]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Oct 2019 10:40:15 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=95885#comment-6162</guid>

					<description><![CDATA[Zunächst einmal bin ich immer wieder erfreut, wenn sich jemand so mit dem Makroobjektiv über einen Text beugt. Bei Handke, so viel kann man sagen, ist die Naheinstellung jedenfalls noch lohnend, weil nicht eindeutig. Nehmen wir mal das etwas überraschende &quot;Daherrennen&quot;. Das steht da &lt;i&gt;nicht&lt;/i&gt; wegen des Klangs. 
Das Präfix &quot;daher-&quot; ist kein hohler Schaum. Man hört es am häufigsten, glaube ich, im &quot;dahersagen&quot; - &quot;das ist doch nur so dahergesagt&quot; oder auch &quot;dahergeschrieben&quot;. Es fehlt solchen Daher-Tätigkeiten Überlegung und Überzeugung, sie sind von Automatismen und Gewohnheit geprägt. Es gibt zudem einen starken Nebensinn von &quot;sinnleer&quot;.  
Die Sprachkritik war hier, scheint mir, schon auf die Pointe eingestellt, die im PS folgt. Ob ich es besser weiß, wie sich Handke beim Schreiben diese Sätze ergeben haben? Ich kann nur von meiner Leseerfahrung berichten. Ich hatte jahrelang mit Handke genau die Schwierigkeiten, die hier aus der Analyse herausklingen. Etwas plump gesagt: Es liest sich einfach nicht so &quot;daher&quot; bzw. herunter. 
Vor einigen Jahren habe ich es dann noch einmal versucht mit dem &quot;Pilznarren&quot;. Erster Eindruck: Viel Stocken im Schreiben, eine regelrechte Verweigerung von &quot;glatt daher fließen&quot;. Wie wenn jedes Wort, jedes Wendung, dreimal überlegt sein soll. Doch dann nach einigen Seiten, in der Erinnerung irgendwo auf Seite 20 oder 25, plötzlich das Wort &quot;mittelprächtig&quot;. Ich war sauer, weil ich dachte, jetzt schreibt der auch noch solche dahergesagten &quot;Schrottworte&quot;?! Wieso lässt er sich so eine Schludrigkeit durchgehen?! Ich las noch etwas weiter, ob etwa noch so ein Lapsus auftauchen würde, bis mir plötzlich einfiel... &quot;mittelprächtig&quot;, ist das nicht auch Kritikersprache in ihrer flachsten Form? Ich las die Stelle noch einmal, und so hatte ich allein wegen dieser Assoziation einen Zugang zum Text und worum es da ging. Das Buch hat mich ab dort begeistert, weil sich für mich plötzlich eine ineinandergeschachtelte Metaphernwelt ergab (ganz simpel gesagt, ist der Pilznarr eben eigentlich ein Büchernarr, vielleicht auch ein Wörternarr, man beachte auch die Ähnlichkeit des Vornüberbeugens über das, was man mit den Augen absucht). 
Wie auch immer, man muss bei Handke meiner Erfahrung nach aufpassen beim Lesen. Das Nichtleichte ist ein Mit-Ziel seiner Literatur, weil es - paradoxerweise - den gewöhnlichen Sprachfluss ins Stocken bringt. 
Das muss nicht jeder mögen. Ich mag fast nur noch Texte lesen, die möglichst ohne Fertigteile auskommen. So eine Szene wie die, die Handke sich hier vorgenommen hat, ist inhaltlich nah am Klischee. Mir kommt es vor, als würde es ihm gelingen, die Szene einerseits ziemlich dicht (kurz), andererseits unklischiert vors Auge zu bringen. Nicht leicht - wäre ein schöne Übung für Schreibschulen ;) 
Für Handke prägend ist, so meine Vermutung, sein Furor auf Imitate, Abgeschriebenes, Memoriertes, Nachgequatsches, schon tausend Mal ähnlich Gelesenes. Möglicherweise hat dies dazu beigetragen, dass er im Konflikt der ehemaligen jugoslawischen Ländern ebenso eine Reflexionsstufe weiter sein wollte als alle anderen. Das ist lehrreich schiefgegangen. Auch lehrreich insofern, als die literarische Qualität damit noch keineswegs erledigt ist. Wenn ich mich nicht täusche, so würde ich sagen: Handke bleibt der wohl grundsätzlichste Herausforderer der deutschen Literatur. Wobei ich nicht glaube, dass er wirklich virtuos schreibt (das Blasebalg-Bild ist, finde ich, wirklich ein krummes Ding). Er ist, wie jede(r) SchriftstellerIn, die auf das Materialproblem scharf sellen, auch jemand, der in &quot;Versuchen&quot; stecken bleibt. Ich stelle mir Handke jedenfalls als jemanden vor, der mit seinen Texten nie ganz zufrieden ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zunächst einmal bin ich immer wieder erfreut, wenn sich jemand so mit dem Makroobjektiv über einen Text beugt. Bei Handke, so viel kann man sagen, ist die Naheinstellung jedenfalls noch lohnend, weil nicht eindeutig. Nehmen wir mal das etwas überraschende &#8222;Daherrennen&#8220;. Das steht da <i>nicht</i> wegen des Klangs.<br />
Das Präfix &#8222;daher-&#8220; ist kein hohler Schaum. Man hört es am häufigsten, glaube ich, im &#8222;dahersagen&#8220; &#8211; &#8222;das ist doch nur so dahergesagt&#8220; oder auch &#8222;dahergeschrieben&#8220;. Es fehlt solchen Daher-Tätigkeiten Überlegung und Überzeugung, sie sind von Automatismen und Gewohnheit geprägt. Es gibt zudem einen starken Nebensinn von &#8222;sinnleer&#8220;.<br />
Die Sprachkritik war hier, scheint mir, schon auf die Pointe eingestellt, die im PS folgt. Ob ich es besser weiß, wie sich Handke beim Schreiben diese Sätze ergeben haben? Ich kann nur von meiner Leseerfahrung berichten. Ich hatte jahrelang mit Handke genau die Schwierigkeiten, die hier aus der Analyse herausklingen. Etwas plump gesagt: Es liest sich einfach nicht so &#8222;daher&#8220; bzw. herunter.<br />
Vor einigen Jahren habe ich es dann noch einmal versucht mit dem &#8222;Pilznarren&#8220;. Erster Eindruck: Viel Stocken im Schreiben, eine regelrechte Verweigerung von &#8222;glatt daher fließen&#8220;. Wie wenn jedes Wort, jedes Wendung, dreimal überlegt sein soll. Doch dann nach einigen Seiten, in der Erinnerung irgendwo auf Seite 20 oder 25, plötzlich das Wort &#8222;mittelprächtig&#8220;. Ich war sauer, weil ich dachte, jetzt schreibt der auch noch solche dahergesagten &#8222;Schrottworte&#8220;?! Wieso lässt er sich so eine Schludrigkeit durchgehen?! Ich las noch etwas weiter, ob etwa noch so ein Lapsus auftauchen würde, bis mir plötzlich einfiel&#8230; &#8222;mittelprächtig&#8220;, ist das nicht auch Kritikersprache in ihrer flachsten Form? Ich las die Stelle noch einmal, und so hatte ich allein wegen dieser Assoziation einen Zugang zum Text und worum es da ging. Das Buch hat mich ab dort begeistert, weil sich für mich plötzlich eine ineinandergeschachtelte Metaphernwelt ergab (ganz simpel gesagt, ist der Pilznarr eben eigentlich ein Büchernarr, vielleicht auch ein Wörternarr, man beachte auch die Ähnlichkeit des Vornüberbeugens über das, was man mit den Augen absucht).<br />
Wie auch immer, man muss bei Handke meiner Erfahrung nach aufpassen beim Lesen. Das Nichtleichte ist ein Mit-Ziel seiner Literatur, weil es &#8211; paradoxerweise &#8211; den gewöhnlichen Sprachfluss ins Stocken bringt.<br />
Das muss nicht jeder mögen. Ich mag fast nur noch Texte lesen, die möglichst ohne Fertigteile auskommen. So eine Szene wie die, die Handke sich hier vorgenommen hat, ist inhaltlich nah am Klischee. Mir kommt es vor, als würde es ihm gelingen, die Szene einerseits ziemlich dicht (kurz), andererseits unklischiert vors Auge zu bringen. Nicht leicht &#8211; wäre ein schöne Übung für Schreibschulen ;)<br />
Für Handke prägend ist, so meine Vermutung, sein Furor auf Imitate, Abgeschriebenes, Memoriertes, Nachgequatsches, schon tausend Mal ähnlich Gelesenes. Möglicherweise hat dies dazu beigetragen, dass er im Konflikt der ehemaligen jugoslawischen Ländern ebenso eine Reflexionsstufe weiter sein wollte als alle anderen. Das ist lehrreich schiefgegangen. Auch lehrreich insofern, als die literarische Qualität damit noch keineswegs erledigt ist. Wenn ich mich nicht täusche, so würde ich sagen: Handke bleibt der wohl grundsätzlichste Herausforderer der deutschen Literatur. Wobei ich nicht glaube, dass er wirklich virtuos schreibt (das Blasebalg-Bild ist, finde ich, wirklich ein krummes Ding). Er ist, wie jede(r) SchriftstellerIn, die auf das Materialproblem scharf sellen, auch jemand, der in &#8222;Versuchen&#8220; stecken bleibt. Ich stelle mir Handke jedenfalls als jemanden vor, der mit seinen Texten nie ganz zufrieden ist.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Lars Hartmann		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6136</link>

		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Oct 2019 09:12:28 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6117&quot;&gt;Lars Hartmann&lt;/a&gt;.

In Ihrer politischen Einschätzung muß ich Ihnen widersprechen: ich habe alle diese Texte Handkes zum Jugoslawienkrieg gelesen und ich sehe und finde darin nichts Problematisches. Im Gegenteil ist Handke für diesen Nobelpreis auch moralisch aufgrund dieser Schriften geeignet, weil er eine Sichtweise anbringt, die vom Gros der damals öffentlich Geäußerten abweicht und eine Position ins Spiel bringt, die ebenfalls mitzudenken ist. Leugnung von Massakern und Genozid gibt es bei Hanke nicht, sehr wohl aber eine differenzierte Sicht, daß hier in diesem Krieg nicht einfach mit dem Mustern schwarz/weiß zu arbeiten ist. Und auch im nachhinein stellt er klar – man lese nur „Tage und Werke“, die Seiten 35 ff. Man kann in der Beurteilung und in den Details von Handkes Sichtung durchaus unterschiedlicher Meinung sein, moralisch fragwürdig sind sie nicht - zumal man ja bei einem solchen Urteil zunächst mal angeben muß, was da die einzelnenBegriffe überhaupt bedeuten und wer wie festlegt was moralisch und was fragwürdig ist. Dieses aber steht nicht per se fest und auch nicht, weil das Gerücht über die Handke-Texte zu Serbien inzwischen an die Stelle der Sache selbst getreten ist. Eine wie ich finde unheilvolle Tendenz.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6117">Lars Hartmann</a>.</p>
<p>In Ihrer politischen Einschätzung muß ich Ihnen widersprechen: ich habe alle diese Texte Handkes zum Jugoslawienkrieg gelesen und ich sehe und finde darin nichts Problematisches. Im Gegenteil ist Handke für diesen Nobelpreis auch moralisch aufgrund dieser Schriften geeignet, weil er eine Sichtweise anbringt, die vom Gros der damals öffentlich Geäußerten abweicht und eine Position ins Spiel bringt, die ebenfalls mitzudenken ist. Leugnung von Massakern und Genozid gibt es bei Hanke nicht, sehr wohl aber eine differenzierte Sicht, daß hier in diesem Krieg nicht einfach mit dem Mustern schwarz/weiß zu arbeiten ist. Und auch im nachhinein stellt er klar – man lese nur „Tage und Werke“, die Seiten 35 ff. Man kann in der Beurteilung und in den Details von Handkes Sichtung durchaus unterschiedlicher Meinung sein, moralisch fragwürdig sind sie nicht &#8211; zumal man ja bei einem solchen Urteil zunächst mal angeben muß, was da die einzelnenBegriffe überhaupt bedeuten und wer wie festlegt was moralisch und was fragwürdig ist. Dieses aber steht nicht per se fest und auch nicht, weil das Gerücht über die Handke-Texte zu Serbien inzwischen an die Stelle der Sache selbst getreten ist. Eine wie ich finde unheilvolle Tendenz.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Lars Hartmann		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6135</link>

		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Oct 2019 09:08:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[„Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel.“

Die legst Du aber nicht dar. Du nimmst Dir zwei Seiten, füllst sie mit Deinen doch sehr voraussetzungsreichen Überlegungen und leitest daraus ein grundsätzliches Urteil ab. Das ist aus den genannten Gründen problematisch. Zumal man diese Befunde in einer anderen Lektüre eben auch ganz anders auslegen kann. Und diese Diskrepanz eben zeigt, daß in dieser Form der Kritik etwas nicht funktioniert: Entweder ist die Kritik beliebig und der eine sieht das so, und der andere eben anders: dann haben wir in der Literaturkritik eine Frage des persönlichen Geschmacks, und zwar nicht im kantischen Sinne eines sensus communis, sondern des bloßen Meinens. Und dann ist ein Debattieren zwecklos. Oder aber wir müssen uns, wenn wir diese Subjektivierung nicht teilen, eine andere Methode, eine andere Art von Literaturkritik überlegen. Ein Drittes wäre, daß die Literaturkritik eben in der Debatte und in der Konfrontation unterschiedlicher Lesarten besteht, die zunächst mal keinen Anspruch auf Gültigkeit erheben können, ohne daß geprüft wurde, und dann muß man mit Argumenten und Lektüre ausmachen, welche Interpretation funktioniert. Verschachtelte Sätze, die man als Verschrobenheiten deutet, sind da sicherlich kein Kriterium und man könnte die in böser Zunge auch als Verschrobenheit des Lesers zurückspiegeln, der diesen Sätzen nicht gewachsen sich zeigt.

Die Anzahl der Leser übrigens, die eine Handke-Lektüre abgebrochen haben, ist kein Ausweis für irgendwas, zumal eine Gegenzählung zu anderen Ergebnissen kommen kann. Ganz im Gegenteil kann man dieses „Argument“ der Lesermeinung sogar umkehren. Frei nach Lichtenberg „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“ Insofern funktioniert solche rein quantifizierende Sichtung nicht. Was Du, Kannenberger und andere, die Dir das schreiben, für eine Verschrobenheit halten, ist zunächst eine subjektive Einschätzung. Dem könnte man dann frei nach Lichtenberg entgegnen: um so schlimmer für diese Leser. Manche halten auch Joyces Bewußtseinstrom im „Ulysses“ für „Qualschrott“. Das Dafür-halten ist aber kein Kriterium und es ist literaturkritisch unerheblich.

„Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, …“

Methodisch auch wieder fragwürdig: Hier wird bereits vorausgesetzt, daß es so ist, um dann die eigene Voraussetzung zum Maß des Urteils zu machen. Daß &quot;Verschrobenheiten&quot; auch eine literarische Funktion haben können - siehe Joyce -, ist dann noch ein zusätzlicher Punkt.

„Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle …“ 

Das ist aber bei Literatur immer der Fall und deshalb sind Texte zunächst einmal offen, aber eben: nicht beliebig. Und diese „Tiefe“ (ich halte dieses Wort für problematisch, weil es analytisch ungenau ist, aber ich vermute in etwa, was Du damit meinst) kann man in einer Detailanalyse, wozu man aber den ganzen Text dann heranziehen muß, entfalten. 

Worauf all diese Fragen jedoch weisen, ist der Umstand, daß wir eine Literaturkritik brauchen, die übers Meinen und über die Referenzrahmenbestätigung hinausreicht. Und das scheint mir eine grundsätzliche Frage zu sein, die weit über Handke hinausreicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel.“</p>
<p>Die legst Du aber nicht dar. Du nimmst Dir zwei Seiten, füllst sie mit Deinen doch sehr voraussetzungsreichen Überlegungen und leitest daraus ein grundsätzliches Urteil ab. Das ist aus den genannten Gründen problematisch. Zumal man diese Befunde in einer anderen Lektüre eben auch ganz anders auslegen kann. Und diese Diskrepanz eben zeigt, daß in dieser Form der Kritik etwas nicht funktioniert: Entweder ist die Kritik beliebig und der eine sieht das so, und der andere eben anders: dann haben wir in der Literaturkritik eine Frage des persönlichen Geschmacks, und zwar nicht im kantischen Sinne eines sensus communis, sondern des bloßen Meinens. Und dann ist ein Debattieren zwecklos. Oder aber wir müssen uns, wenn wir diese Subjektivierung nicht teilen, eine andere Methode, eine andere Art von Literaturkritik überlegen. Ein Drittes wäre, daß die Literaturkritik eben in der Debatte und in der Konfrontation unterschiedlicher Lesarten besteht, die zunächst mal keinen Anspruch auf Gültigkeit erheben können, ohne daß geprüft wurde, und dann muß man mit Argumenten und Lektüre ausmachen, welche Interpretation funktioniert. Verschachtelte Sätze, die man als Verschrobenheiten deutet, sind da sicherlich kein Kriterium und man könnte die in böser Zunge auch als Verschrobenheit des Lesers zurückspiegeln, der diesen Sätzen nicht gewachsen sich zeigt.</p>
<p>Die Anzahl der Leser übrigens, die eine Handke-Lektüre abgebrochen haben, ist kein Ausweis für irgendwas, zumal eine Gegenzählung zu anderen Ergebnissen kommen kann. Ganz im Gegenteil kann man dieses „Argument“ der Lesermeinung sogar umkehren. Frei nach Lichtenberg „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“ Insofern funktioniert solche rein quantifizierende Sichtung nicht. Was Du, Kannenberger und andere, die Dir das schreiben, für eine Verschrobenheit halten, ist zunächst eine subjektive Einschätzung. Dem könnte man dann frei nach Lichtenberg entgegnen: um so schlimmer für diese Leser. Manche halten auch Joyces Bewußtseinstrom im „Ulysses“ für „Qualschrott“. Das Dafür-halten ist aber kein Kriterium und es ist literaturkritisch unerheblich.</p>
<p>„Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, …“</p>
<p>Methodisch auch wieder fragwürdig: Hier wird bereits vorausgesetzt, daß es so ist, um dann die eigene Voraussetzung zum Maß des Urteils zu machen. Daß &#8222;Verschrobenheiten&#8220; auch eine literarische Funktion haben können &#8211; siehe Joyce -, ist dann noch ein zusätzlicher Punkt.</p>
<p>„Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle …“ </p>
<p>Das ist aber bei Literatur immer der Fall und deshalb sind Texte zunächst einmal offen, aber eben: nicht beliebig. Und diese „Tiefe“ (ich halte dieses Wort für problematisch, weil es analytisch ungenau ist, aber ich vermute in etwa, was Du damit meinst) kann man in einer Detailanalyse, wozu man aber den ganzen Text dann heranziehen muß, entfalten. </p>
<p>Worauf all diese Fragen jedoch weisen, ist der Umstand, daß wir eine Literaturkritik brauchen, die übers Meinen und über die Referenzrahmenbestätigung hinausreicht. Und das scheint mir eine grundsätzliche Frage zu sein, die weit über Handke hinausreicht.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Lars Hartmann		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6134</link>

		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Oct 2019 09:07:53 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=95885#comment-6134</guid>

					<description><![CDATA[Liebe Sieglinde, danke für Deine Antwort. 

Mich störte, neben der in meinen Augen unzureichenden Methode, der apodiktische Ton im P.S., und mich störte auch der Ankündigungstext auf Facebook. Das erzeugt, ob beabsichtigt oder nicht, eine Assoziation: Handke ist als Preisträger schon politisch nicht in Ordnung (was nebenbei nicht stimmt, kaum einer las seine Texte zu Serbien aufmerksam) und es funktioniert nun auch literarisch bei ihm nicht. Anhand von zwei Seiten. 

Weiterhin: Man kann nicht einerseits auf Details sich kaprizieren, diese im Urteil dann fürs Ganze nehmen, um im nächsten Schritt, wenn dieses Verfahren und vor allem diese Verallgemeinerung kritisiert wird, zurückrudern auf die Position, es sei bloß eine Gewebeprobe und eine Art Spiel. Bei einem Nobelpreis für Literatur reicht kein Page-99-Test aus. Das wäre selbst gegenüber Saša Stanišić, der lediglich für ein einziges Buch einen Preis erhielt, nicht angemessen. Man sollte also bei diesen Tests grundsätzlich nicht aufs gesamte Buch und schon gar nicht auf ein gesamtes Werk schließen. Und das muß sich auch im Urteil eines solchen Tests niederschlagen. Und insofern hat dieser Test, auch aufgrund der aktuellen Debatten, einen unangenehmen Beigeschmack und erfüllt in meinen Augen auch eine rhetoriche Funktion. 

Richtig ist, daß durchs Lesen mit der Lupe Details auffallen können – darin stimme ich Dir zu. Genaues Lesen ist wichtig. Diese Details müssen dann aber in einer übersetzenden und umfassenden Lektüre mit anderen Stellen abgeglichen werden. Möglichst ohne Referenzrahmenbestätigung und mit größter Offenheit für einen Text. Was auch einmal bedeuten kann, von eigenen Lektürevorlieben Abstand zu nehmen.

Für meine Kritik am Test ist die Lektüre Handke zunächst nicht erforderlich, weil sie keine Interpretation liefern will, sondern meine Kritik bezieht sich auf etwas grundsätzlich Methodisches – nämlich ein Verfahren, wie man in der Literaturkritik einen Text sichten kann und wie nicht. (Diese Aspekte will ich hier nicht im Detail darstellen. Einige Überlegungen zum Umgang mit Texten stellt Daniel-Pascal Zorn bei mir im Kommentar dar.) Ansonsten habe ich von Handke einiges gelesen. Er ist mir also kein unbekannter Autor. Eher im Gegenteil.

Was den Stil betrifft, sollte man, wie Daniel-Pascal Zorn das tut, zwischen einer Deskription und einer Präskription unterscheiden – letztere ist meist problematisch, weil sie den Text in ein Korsett preßt. Besser wäre es, Deine Sicht hätte sich auf eine Beschreibung verlegt: mit dieser kann man arbeiten, von dieser aus, vom Befund der Probe her kann sich dann der Leser ein Bild machen. In einem 2-Seiten-Test ist eine Bewertung schwierig und noch problematischer ist eine ästhetische Vorschrift. Es kommt dann nämlich meist das nur heraus, was man vorher hineintat, und so bringt man sich bei der Literatur um das Beste. 

In diesem Sinne einer Kritik der Methode der Kritik ist es vom Verfahren her nicht erforderlich, daß ich zeige, es habe dieser Stil von Handke diesen oder einen anderen ästhetischen Sinn, sondern es ging mir darum zu zeigen, daß diese Art der Sicht, wie Du sie vornimmst, problematisch ist, sofern sie apodiktisch gerät. Für eine erweiterte Lesart müßten wir uns ins Buch begeben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Sieglinde, danke für Deine Antwort. </p>
<p>Mich störte, neben der in meinen Augen unzureichenden Methode, der apodiktische Ton im P.S., und mich störte auch der Ankündigungstext auf Facebook. Das erzeugt, ob beabsichtigt oder nicht, eine Assoziation: Handke ist als Preisträger schon politisch nicht in Ordnung (was nebenbei nicht stimmt, kaum einer las seine Texte zu Serbien aufmerksam) und es funktioniert nun auch literarisch bei ihm nicht. Anhand von zwei Seiten. </p>
<p>Weiterhin: Man kann nicht einerseits auf Details sich kaprizieren, diese im Urteil dann fürs Ganze nehmen, um im nächsten Schritt, wenn dieses Verfahren und vor allem diese Verallgemeinerung kritisiert wird, zurückrudern auf die Position, es sei bloß eine Gewebeprobe und eine Art Spiel. Bei einem Nobelpreis für Literatur reicht kein Page-99-Test aus. Das wäre selbst gegenüber Saša Stanišić, der lediglich für ein einziges Buch einen Preis erhielt, nicht angemessen. Man sollte also bei diesen Tests grundsätzlich nicht aufs gesamte Buch und schon gar nicht auf ein gesamtes Werk schließen. Und das muß sich auch im Urteil eines solchen Tests niederschlagen. Und insofern hat dieser Test, auch aufgrund der aktuellen Debatten, einen unangenehmen Beigeschmack und erfüllt in meinen Augen auch eine rhetoriche Funktion. </p>
<p>Richtig ist, daß durchs Lesen mit der Lupe Details auffallen können – darin stimme ich Dir zu. Genaues Lesen ist wichtig. Diese Details müssen dann aber in einer übersetzenden und umfassenden Lektüre mit anderen Stellen abgeglichen werden. Möglichst ohne Referenzrahmenbestätigung und mit größter Offenheit für einen Text. Was auch einmal bedeuten kann, von eigenen Lektürevorlieben Abstand zu nehmen.</p>
<p>Für meine Kritik am Test ist die Lektüre Handke zunächst nicht erforderlich, weil sie keine Interpretation liefern will, sondern meine Kritik bezieht sich auf etwas grundsätzlich Methodisches – nämlich ein Verfahren, wie man in der Literaturkritik einen Text sichten kann und wie nicht. (Diese Aspekte will ich hier nicht im Detail darstellen. Einige Überlegungen zum Umgang mit Texten stellt Daniel-Pascal Zorn bei mir im Kommentar dar.) Ansonsten habe ich von Handke einiges gelesen. Er ist mir also kein unbekannter Autor. Eher im Gegenteil.</p>
<p>Was den Stil betrifft, sollte man, wie Daniel-Pascal Zorn das tut, zwischen einer Deskription und einer Präskription unterscheiden – letztere ist meist problematisch, weil sie den Text in ein Korsett preßt. Besser wäre es, Deine Sicht hätte sich auf eine Beschreibung verlegt: mit dieser kann man arbeiten, von dieser aus, vom Befund der Probe her kann sich dann der Leser ein Bild machen. In einem 2-Seiten-Test ist eine Bewertung schwierig und noch problematischer ist eine ästhetische Vorschrift. Es kommt dann nämlich meist das nur heraus, was man vorher hineintat, und so bringt man sich bei der Literatur um das Beste. </p>
<p>In diesem Sinne einer Kritik der Methode der Kritik ist es vom Verfahren her nicht erforderlich, daß ich zeige, es habe dieser Stil von Handke diesen oder einen anderen ästhetischen Sinn, sondern es ging mir darum zu zeigen, daß diese Art der Sicht, wie Du sie vornimmst, problematisch ist, sofern sie apodiktisch gerät. Für eine erweiterte Lesart müßten wir uns ins Buch begeben.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Sieglinde Geisel		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6130</link>

		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Oct 2019 22:34:58 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=95885#comment-6130</guid>

					<description><![CDATA[(Ich kopiere hier meine Antwort, die ich auf Lars Hartmanns Kommentar bereits auf Facebook gepostet habe.)

@lars Darf ich eine Frage vorausschicken? Aus deinen Zeilen geht nicht hervor, ob du schon einmal ein Buch von Handke ganz gelesen hast. Hast du?
Der Page-99-Test ist eine Gewebeprobe, keine Rezension (ich hatte in der ursprünglichen Fassung die Vorbemerkung vergessen, habe ich jetzt nachträglich eingefügt). Du hast Recht: Die Funktion der aufgefundenen Merkmale im Textganzen kann mit dieser Methode nicht eruiert werden. Die von dir aufgeworfene Frage etwa, ob die Dehumanisierung durch die substantivierten Partizipien eine Strategie des Textes sei, müsste anhand der Lektüre überprüft werden. Nur: Ohne das Lesen mit der Lupe wäre mir dieses Merkmal wohl kaum aufgefallen.
Woraus schließt du, dass die Handkeschen Stil-Marotten einen ästhetischen Mehrwert/Sinn ergeben? Du äußerst nur den Verdacht, dass dem so sei, Argumente dafür bringst du keine.
Dass mein Fazit zu apodiktisch daherkommt - geschenkt! Der Page-99-Test ist ja auch ein Spiel und soll durchaus Diskussionen, wie wir sie hier führen, anregen. Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel. Siehe dazu auch unten den Kommentar von Michael Kannenberg: Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, und dies vor dem Hintergrund der Lektüre von immerhin fast 500 Seiten, was der Hälfte von &quot;Mein Jahr in der Niemandsbucht&quot; entspricht. (Inzwischen erreichen mich übrigens so viele Berichte von abgebrochenen Handke-Lektüren, dass ich mich frage, ob eigentlich auch mal jemand ein Buch von ihm freiwillig zu Ende gelesen hat.)
Was du zum Gemachten und dem griechischen &quot;poiein&quot; schreibst, stimmt natürlich, doch es trifft nicht ganz das, was ich sagen wollte. Auch die Kongruenz von Inhalt und Form kann zum Klischee gerinnen (und bei der vorliegenden Passage geschieht m. E. genau das). Wenn ich sage, die Deckung von Inhalt und Form müsse &quot;von allein&quot; geschehen, meine ich damit das, was entsteht, wenn ein Autor sich nicht mehr an seine Absichten klammert. Ich unterscheide zwischen dem Gemachten und dem Erschaffenen (&quot;poiein&quot; kann wohl beides bedeuten). Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle, und das ist es, was der Literatur Tiefe verleiht.
Dies alles sind keine privaten Wünsche, sondern überprüfbare Kriterien. Woran bemisst du denn die Qualität von Literatur?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(Ich kopiere hier meine Antwort, die ich auf Lars Hartmanns Kommentar bereits auf Facebook gepostet habe.)</p>
<p>@lars Darf ich eine Frage vorausschicken? Aus deinen Zeilen geht nicht hervor, ob du schon einmal ein Buch von Handke ganz gelesen hast. Hast du?<br />
Der Page-99-Test ist eine Gewebeprobe, keine Rezension (ich hatte in der ursprünglichen Fassung die Vorbemerkung vergessen, habe ich jetzt nachträglich eingefügt). Du hast Recht: Die Funktion der aufgefundenen Merkmale im Textganzen kann mit dieser Methode nicht eruiert werden. Die von dir aufgeworfene Frage etwa, ob die Dehumanisierung durch die substantivierten Partizipien eine Strategie des Textes sei, müsste anhand der Lektüre überprüft werden. Nur: Ohne das Lesen mit der Lupe wäre mir dieses Merkmal wohl kaum aufgefallen.<br />
Woraus schließt du, dass die Handkeschen Stil-Marotten einen ästhetischen Mehrwert/Sinn ergeben? Du äußerst nur den Verdacht, dass dem so sei, Argumente dafür bringst du keine.<br />
Dass mein Fazit zu apodiktisch daherkommt &#8211; geschenkt! Der Page-99-Test ist ja auch ein Spiel und soll durchaus Diskussionen, wie wir sie hier führen, anregen. Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel. Siehe dazu auch unten den Kommentar von Michael Kannenberg: Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, und dies vor dem Hintergrund der Lektüre von immerhin fast 500 Seiten, was der Hälfte von &#8222;Mein Jahr in der Niemandsbucht&#8220; entspricht. (Inzwischen erreichen mich übrigens so viele Berichte von abgebrochenen Handke-Lektüren, dass ich mich frage, ob eigentlich auch mal jemand ein Buch von ihm freiwillig zu Ende gelesen hat.)<br />
Was du zum Gemachten und dem griechischen &#8222;poiein&#8220; schreibst, stimmt natürlich, doch es trifft nicht ganz das, was ich sagen wollte. Auch die Kongruenz von Inhalt und Form kann zum Klischee gerinnen (und bei der vorliegenden Passage geschieht m. E. genau das). Wenn ich sage, die Deckung von Inhalt und Form müsse &#8222;von allein&#8220; geschehen, meine ich damit das, was entsteht, wenn ein Autor sich nicht mehr an seine Absichten klammert. Ich unterscheide zwischen dem Gemachten und dem Erschaffenen (&#8222;poiein&#8220; kann wohl beides bedeuten). Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle, und das ist es, was der Literatur Tiefe verleiht.<br />
Dies alles sind keine privaten Wünsche, sondern überprüfbare Kriterien. Woran bemisst du denn die Qualität von Literatur?</p>
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		<title>
		Von: Meinolf Reul		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6129</link>

		<dc:creator><![CDATA[Meinolf Reul]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Oct 2019 22:21:25 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=95885#comment-6129</guid>

					<description><![CDATA[Diese respektlose, spöttische, genaue Besichtigung einer Handke-Buchseite gefällt mir! Ich hege Sympathien für Handke, interessiere mich nach wie vor für seine Bücher, halte auch seine Nobelpreis-Wahl für eine erfreuliche und verdiente Sache. Zugleich meine ich aber, dass sich eine ernstzunehmende Literaturkritik keinen Gefallen täte, wenn sie sich ihrem Gegenstand im Modus der Anbetung nähern wollte. Handke selbst hat sich von der Kritik treusorgende Ironie gewünscht.
Meiner Einschätzung nach ist es richtig, wenn die Sprache der Literatur von der alltäglichen Sprache unterschieden ist, ja - vorausgesetzt aber, dass sie der gesprochenen Sprache eingedenk ist und mit ihr verbunden bleibt. Hier liegt, meine ich, ein schwerwiegender Fehler Handkes. Er will die schöne Literatursprache als Absolutes, ganz abgelöst von dem Weltdreck. Die literarische Sprache braucht aber den Schmutz unter den Nägeln (um Thomas Kling zu zitieren, ungefähr), sonst ist sie tot, mindestens gipsern. Mir scheint, dass eine Sprache, die die Rede, das lebendig Gesprochene, in sich unterdrückt, bei allem Kunstwillen formlos, ja bedeutungslos ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diese respektlose, spöttische, genaue Besichtigung einer Handke-Buchseite gefällt mir! Ich hege Sympathien für Handke, interessiere mich nach wie vor für seine Bücher, halte auch seine Nobelpreis-Wahl für eine erfreuliche und verdiente Sache. Zugleich meine ich aber, dass sich eine ernstzunehmende Literaturkritik keinen Gefallen täte, wenn sie sich ihrem Gegenstand im Modus der Anbetung nähern wollte. Handke selbst hat sich von der Kritik treusorgende Ironie gewünscht.<br />
Meiner Einschätzung nach ist es richtig, wenn die Sprache der Literatur von der alltäglichen Sprache unterschieden ist, ja &#8211; vorausgesetzt aber, dass sie der gesprochenen Sprache eingedenk ist und mit ihr verbunden bleibt. Hier liegt, meine ich, ein schwerwiegender Fehler Handkes. Er will die schöne Literatursprache als Absolutes, ganz abgelöst von dem Weltdreck. Die literarische Sprache braucht aber den Schmutz unter den Nägeln (um Thomas Kling zu zitieren, ungefähr), sonst ist sie tot, mindestens gipsern. Mir scheint, dass eine Sprache, die die Rede, das lebendig Gesprochene, in sich unterdrückt, bei allem Kunstwillen formlos, ja bedeutungslos ist.</p>
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		<title>
		Von: Elke Heinemann		</title>
		<link>https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6126</link>

		<dc:creator><![CDATA[Elke Heinemann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Oct 2019 20:04:43 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=95885#comment-6126</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6117&quot;&gt;Lars Hartmann&lt;/a&gt;.

Danke, Lars Hartmann, für diesen Kommentar. Handkes politische Position ist der Kritik würdig und somit kann die Vergabe des Literaturnobelpreises an ihn hinterfragt werden, da der Geehrte auch unter moralischen Gesichtspunkten preiswürdig sein sollte. Auf der anderen Seite ist Handke ein großer Dichter, dessen Prosa über eine derart simple und am Ende diffamierende Kritik erhaben ist. Ich zweifle die Methode &quot;Page 99&quot; an und hoffe, dass sie nicht irgendwann auf einen Roman Kafkas angewandt wird oder auf &quot;Ulysses&quot;. Vermutlich käme Sieglinde Geisel zu ähnlichen Ergebnissen wie bei ihrer Kostprobe aus Handkes wunderbarer Prosa &quot;Die Obstdiebin&quot;.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/page-99-test-peter-handke/#comment-6117">Lars Hartmann</a>.</p>
<p>Danke, Lars Hartmann, für diesen Kommentar. Handkes politische Position ist der Kritik würdig und somit kann die Vergabe des Literaturnobelpreises an ihn hinterfragt werden, da der Geehrte auch unter moralischen Gesichtspunkten preiswürdig sein sollte. Auf der anderen Seite ist Handke ein großer Dichter, dessen Prosa über eine derart simple und am Ende diffamierende Kritik erhaben ist. Ich zweifle die Methode &#8222;Page 99&#8220; an und hoffe, dass sie nicht irgendwann auf einen Roman Kafkas angewandt wird oder auf &#8222;Ulysses&#8220;. Vermutlich käme Sieglinde Geisel zu ähnlichen Ergebnissen wie bei ihrer Kostprobe aus Handkes wunderbarer Prosa &#8222;Die Obstdiebin&#8220;.</p>
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