<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Jürgen Kiel &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/author/juergen-kiel/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Mon, 26 Jul 2021 04:39:07 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Jürgen Kiel &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Der Kanon in den Köpfen</title>
		<link>https://tell-review.de/der-kanon-in-den-koepfen/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-kanon-in-den-koepfen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jürgen Kiel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jul 2021 07:58:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kanon]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=102809</guid>

					<description><![CDATA[Die Zeiten des repräsentativen Bildungskanons sind vorbei – das scheint allgemeiner Konsens zu sein. Und doch erlangen manche Werke kanonische Bedeutung. Wie ist das zu erklären?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Minderheiten fordern mehr Repräsentation in Institutionen. Das gilt auch für den Literaturbetrieb: Jurys, Preisvergaben und Verlagsprogramme werden unter Identitätsaspekten geprüft. Auch der literarische Kanon, so heißt es, passe nicht mehr zur Realität von heute.</p>



<p>Ein Bildungskanon spiegle zwar die gesellschaftlichen Verhältnisse vergangener Zeiten wider, schrieb unlängst Thomas Ribi in der <em>NZZ</em> (3.6.2021), doch dürfe das nicht dazu führen, dass man die Kunst vergangener Zeiten mit einem Bann belege, weil nur bestimmte Künstler zum Zuge gekommen seien und andere nicht. Überhaupt gebe es keinen repräsentativen Kanon mehr. Das bedauert der Autor, da es somit auch keinen Reiseführer zu jenen Werken gibt, die bis heute gegenwärtig seien.</p>



<p>Doch wie erkennt man, was gegenwärtig ist?</p>



<p>Wer Kanon sagt, meint in der Regel eine offizielle oder zumindest einflussreiche Zusammenstellung literarischer Werke, die von Schulämtern beglaubigt, von Literaturpäpsten abgesegnet und von Buchverlagen veröffentlich wird. Es scheint allgemeiner Konsens zu sein, dass es so etwas nicht mehr geben kann, zumindest nicht mit ernsthaftem Anspruch auf Repräsentanz. Es fehlen der gemeinsame Bildungshorizont und die von allen anerkannten Autoritäten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Empfehlungslisten im Internet</h2>



<p>Was einst Bildungskanon war, hat sich in unzählige Empfehlungs- und Lieblingslisten aufgelöst, die im Internet veröffentlicht werden oder in die monatliche Bestenliste, die nicht mehr ist als eine Kurzfassung positiver Rezensionen.</p>



<p>Dennoch liest und hört man immer noch, dass ein Autor oder eine Autorin zu den kanonisierten gehöre, ohne dass gleich Protest ertönen würde.</p>



<p>Das nährt den Verdacht, dass es doch so etwas wie einen Kanon gibt. Für ihn gilt das Kanon-Paradox: Wenn mich niemand nach ihm fragt, so bin ich mir seiner sicher; soll ich ihn aber aufstellen, so kann ich es nicht.</p>



<p>Diese Art des Kanons wird nicht von Autoritäten erstellt und nicht durch demokratische Abstimmungen entschieden. Er steckt in den Köpfen. Sichtbar macht ihn allein die Zeit, „unbestechlich und vollkommen in ihrer schaffenden Destruktivität“ (Hans Wollschläger). Ständig verändert er sich, doch er hat einen Glutkern, der sich nur allmählich wandelt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Männlich und weiß</h2>



<p>Man mag zu Recht einwenden, dass die traditionellen westlichen Bildungskanons einseitig, nämlich männlich und weiß geprägt waren. Dies verwundert nicht, da auch die Kultur des Westens männlich und weiß dominiert war. Letzteres ändert sich bekanntlich rapide, und die Auswirkungen auf die Vorstellung vom literarisch Wichtigen werden sich zeigen.</p>



<p>Ein Trost hinsichtlich der Vergangenheit mag sein, dass die Dominanz weißer, männlicher Autoren naturgemäß bewirkte, dass auch zu den Aussortierten viele weiße, männliche Autoren gehören, darunter manche, von denen man zu ihren Lebzeiten nicht erwartet hätte, dass sie aus dem Kanon entfernt werden würden. Hans Pleschinski erinnerte an den Nobelpreisträger und einstigen Großschriftsteller Paul Heyse (1830 – 1914), indem er ihn zum Gegenstand eines Romans machte. Heyse ist nicht vergessen, doch seine Werke sind im kulturellen Gedächtnis nicht mehr wirklich präsent, ganz anders als sein Zeitgenosse Theodor Fontane. Wilhelm Raabe wiederum gehört zu jenen Autoren, die in der literarischen Öffentlichkeit mal mehr, mal weniger Konjunktur hatten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Geist eines Werks</h2>



<p>Die Zeit macht nicht nur Rangunterschiede zwischen einzelnen Autoren und Werken plausibel, sie hilft auch dabei, in einem Werk das Zeitgebundene von jenen Kompositionsentscheidungen zu trennen, die dessen Geist ausmachen. Darum können wir gewisse alte Texte immer noch mit Vergnügen lesen, darum können sie mit Hilfe von Neuübersetzungen bewahrt werden.</p>



<p>Der Kanon in den Köpfen relativiert die Kategorien der Literaturgeschichte. Verglichen mit Romanen wie <em>Godwi</em> oder <em>Die Kronenwächter</em> erscheint uns E. T. A. Hoffmanns <em>Sandmann</em> bedrohlich nahe. Die Nähe zu Gogol oder Kafka ist für heutige Leser wichtiger als die Einordnung des Autors als Romantiker.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Jenseits der Germanistenpflicht</h2>



<p>Betrachtet man die deutschsprachige Literatur zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung aus der zeitlichen Distanz, so sind die Rollen noch nicht so klar verteilt wie im Fall von Heyse, Raabe und Fontane. Allerdings relativiert sich die Bedeutung der einst so dominanten „Gruppe 47“ im Hinblick darauf, welche Texte immer noch aus originärem Interesse und nicht bloß aus Germanistenpflicht gelesen werden. Autorinnen und Autoren werden erinnert, weil sie etwas literaturgeschichtlich Bedeutsames repräsentieren, zum Beispiel „Kahlschlagliteratur“ (Günter Eich) oder „Schreiben in der DDR-Diktatur“ (Christa Wolf).</p>



<p>Anders jene Werke, die von engagierten Kleingruppen immer wieder gelesen und diskutiert werden. Wenn sich die Fans von Heimito von Doderer oder Arno Schmidt an der Strudlhofstiege oder in der Lüneburger Heide treffen, so mag sich das Feuilleton dafür wenig interessieren, doch sorgt das kontinuierliche Engagement kleiner Gruppen dafür, dass bestimmte Autoren auch für jene präsent bleiben, die ihre Werke gar nicht gelesen haben. Wolfgang Hildesheimer wiederum wäre ein Kandidat für die Wilhelm Raabe-Rolle: als einer, den zu entdecken sich immer wieder lohnt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Originalität als Kriterium</h2>



<p>Die Zeit ist ungleich eifriger im raschen Aussortieren als im späten Einsortieren: Friedrich Hölderlin und Georg Büchner sind berühmte Beispiele für Letzteres, auch die Kanonisierung Walter Benjamins wäre zu nennen, bei ihm trägt die Unklarheit, ob er Philosoph oder Literat sei oder irgendetwas dazwischen, viel zu seiner Originalität bei.</p>



<p>Die Frage, ob ein literarischer Text gelungen sei, stellt sich das Rezensionswesen. Für den Kanon in den Köpfen ist das nicht so relevant. Dieser Kanon interessiert sich vor allem für das künstlerisch Originelle, das nicht durch etwas ähnlich Gutes ersetzt werden kann. Ein Thomas Bernhard mag in mancherlei Hinsicht kein „guter“ Autor gewesen sein, doch er stellte sich mitten in die literarische Landschaft, und niemand kam an ihm vorbei. Er wurde nachgeahmt, dann hat man sich wieder von ihm befreit. Wenn man über ihn schreibt, dann nicht, weil man beweisen möchte, dass seine Werke gut oder doch nicht so gut sind, sondern weil man bei der Beschäftigung mit ihnen auf originelle Gedanken kommt. Je origineller die Gedanken sind, die Menschen zu einem Werk haben, umso mehr spricht dafür, dass das Werk zum informellen Kanon in den Köpfen gehört.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Distanz zur Gegenwart</h2>



<p>Wenn abstrakt von der Zeit die Rede ist, die den Kanon schaffe, sind damit stets konkrete Menschen gemeint: Wer auch immer zitiert, kommentiert, übersetzt, aufführt, umarbeitet, mit anderen Worten: interpretiert, der trägt zum Kanon bei. Der Kanon ist kein Reiseführer, er ist die Reise selbst, was jene enttäuschen mag, die sich Abkürzungen wünschen.</p>



<p>Unabhängig davon, welche Autorinnen und Autoren man als kanonisch erachten mag, gilt, dass sich kein ernstzunehmender literarischer Kanon an Inhalten orientiert. So sorgt jedes Nachdenken über den Kanon für Distanz zu einer Gegenwart, die gelegentlich dazu tendiert, das künstlerisch Bedeutende mit dem inhaltlich Wichtigen zu verwechseln.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Autor unbekannt, Public Domain via <a href="https://www.piqsels.com/de/public-domain-photo-zbuxi" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Piqsels</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/der-kanon-in-den-koepfen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>5</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">102809</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Literatur für Journalisten</title>
		<link>https://tell-review.de/literatur-fuer-journalisten/</link>
					<comments>https://tell-review.de/literatur-fuer-journalisten/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jürgen Kiel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Apr 2021 05:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Leipziger Buchpreis]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=101632</guid>

					<description><![CDATA[Ein Kritiker schaut auf Bücher und vermisst den Debattenanschluss. Was sagt das über die Bücher und was über die Kritik? Ein Einwurf anlässlich der Nominierungen für den Leipziger Buchpreis.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Es gibt drei Perspektiven, unter denen Kritiker literarische Texte betrachten: die der Kunst, die der Unterhaltung und die der Publizistik. In der Regel verwenden sie die Perspektive, die sich für das besprochene Werk am besten eignet. Viele Werke, meistens Romane, erlauben zwei oder alle drei Perspektiven. Fast immer bleibt es den Lesern der Kritik überlassen herauszufinden, welche der Perspektiven sich im Urteil niedergeschlagen hat.</p>



<p>Der Kritiker Dirk Knipphals hat sich in der taz unlängst die Nominierungen für den Leipziger Buchpreis <a rel="noreferrer noopener" href="https://taz.de/Nominierungen-fuer-Leipziger-Buchpreis/!5765017/" target="_blank">angeschaut</a> und war offenbar nicht erfreut. Das lag nicht daran, dass er die nominierten Titel nicht gut fand oder andere besser. Allerdings entsprach die Perspektive der Juroren nicht seinen Wünschen.</p>



<p>Er schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Da haben wir jetzt auf der einen Seite die interessanten literarischen Ansätze und Debatten dieses Frühjahrs: Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus. Und auf einer ganz anderen Seite, wirklich wie davon unberührt, haben wir diese Liste der für den Leipziger Buchpreis nominierten literarischen Autor*innen, die ein Kunststück vollbringt: Es stehen ausschließlich jeweils in sich sehr eigene bis großartige Bücher drauf (mit gewissen Abstrichen bei Christian Kracht), und doch strahlt sie insgesamt etwas Debattenanschlussfreies, fast schon Knarzendes aus. Der deutschsprachige Literaturbetrieb öffnet sich gerade, doch diese Liste macht die Schotten dicht.</p></blockquote>



<p>Was ist gemeint? Wenn Knipphals auf „interessante literarische Ansätze“ hinweist, die seiner Meinung nach in der Liste fehlen, klingt das so, als seien damit literarische Experimente und neue Schreibweisen gemeint, also die künstlerische Perspektive, die zu wenig zum Zuge käme. Doch das ist nicht gemeint. Im Gegenteil, die Liste enthält seiner Meinung nach „sehr eigene bis großartige Bücher“ (Friederike Mayröcker ist dabei!). </p>



<p>Indes kritisiert der Autor ihre zu geringe Aktualität. Es fehlen ihm Themen, die in den Medien debattiert werden: „Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus“. Was Knipphals bemängelt, ist die fehlende „Debattenanschlussfähigkeit“ der ausgewählten Titel, anders gesagt: ihre mangelnde Journalismusförmigkeit. </p>



<p>Denn nur Literatur, die ausreichend journalismusförmig ist, macht es dem Kritiker möglich, über die Themen zu schreiben, die ihn interessieren. Demnach dürfte die Literatur für den Leipziger Buchpreis zwar subjektiv geschrieben sein, aber nur innerhalb des inhaltlichen Rahmens, den der Kritiker setzt. Also nicht so subjektiv, dass sie sich die Freiheit nimmt, ihren Inhalt durch ihre Form erst zu erschaffen. </p>



<p>Doch so verfährt Kunst.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://pixabay.com/de/users/moritz320-1260270/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=3327315">moritz320</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=3327315">Pixabay</a></h6>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/literatur-fuer-journalisten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">101632</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Kleine Pilzkunde der Literaturkritik</title>
		<link>https://tell-review.de/kleine-pilzkunde-der-literaturkritik/</link>
					<comments>https://tell-review.de/kleine-pilzkunde-der-literaturkritik/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jürgen Kiel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Nov 2020 09:55:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Stilkritik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=99277</guid>

					<description><![CDATA[Der gedankenlose Gebrauch von Adjektiven gilt als Zeichnen für schlechten Stil. Aber wie hält es die Literaturkritik eigentlich selbst damit? Eine taxonomische Übersicht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Unter ernstzunehmenden Autoren haben die Adjektive keinen guten Ruf. Stilratgeber fordern, sie, soweit möglich, aus dem Text zu entfernen. Sind die Substantive die Bäume im Wortwald, so gleichen die Adjektive parasitären Pilzen, die die Kraft der Substantive schwächen.</p>



<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p>Kein Adjektiv wird als Parasit geboren. Es ist der gedankenlose Gebrauch, der dieser Wortart ihren schlechten Ruf eingetragen hat. Gedankenlos heißt: Wir erfahren nichts durch das Adjektiv, es macht lediglich Stimmung, es klebt am Substantiv wie ein lästiger Werbezettel, es macht auf billige Unterhaltung. Wenn sich Literaturkritiker explizit mit der sprachlichen Gestaltung eines literarischen Textes auseinandersetzen, kritisieren sie, neben den sogenannten schiefen Metaphern, mit Vorliebe floskelhafte Adjektive.</p>



<p>Auch Literaturkritiker sind Autoren. Wie halten sie es in ihren eigenen Texten mit den Adjektiven?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zur Sache: das verreißende Adjektiv</h3>



<p>Wer regelmäßig Rezensionen liest, weiß, dass der <a href="https://tell-review.de/der-verriss-eine-selbstreinigungsmassnahme-der-literaturkritik/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Verriss </a>seltener ist als das Lob. Aus Leserperspektive ist das zu bedauern. Negative Rezensionen sind durchweg unterhaltsamer als positive, da sie etwas von der Hellsichtigkeit und der Präzision guter Literatur haben.</p>



<p>Wer negativ urteilt, sieht sich eher bemüßigt, sein Urteil detailliert und mit Sachargumenten zu begründen, und diese Sachlichkeit merkt man den Adjektiven an. Wird ein Text oder Elemente darin als <em>öde</em>, <em>wirr</em>, <em>prätentiös</em>, <em>konstruiert</em>, <em>einfallslos</em>, <em>manieriert</em>, <em>überambitioniert </em>oder <em>redundant </em>bezeichnet, so bedeutet jedes dieser Adjektive etwas anderes.</p>



<p>Interessanterweise schreiben Kritiker eher selten, ein Text sei einfach nur <em>schlecht </em>oder <em>langweilig</em>, sei es, weil diese Adjektive als zu unpräzise für eine Kritik erscheinen, sei es, weil die Zeiten von Marcel Reich-Ranickis triumphalistischem Verriss-Stil definitiv vorbei sind.</p>



<p>Wenn man mehrere Kritiken zum gleichen Buch liest, fällt Folgendes auf: Liest man nach den ersten lobenden Kritiken einen Verriss, so ist es häufig, als öffnete sich hinter der Szene ein Vorhang. Auf einmal erkennt man das eigentliche Bild. Der Verriss ist präziser, weil er auf Mängel deutet, über die die anderen hinweggelesen haben. Oft bringt der Verriss das treffende Zitat, das allein schon beweist, dass sich die Lektüre nicht lohnt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Stimmung! Das lobende Adjektiv</h3>



<p>Anders sieht es auf dem weiten Feld der positiven Adjektive aus. Das sachlichste Adjektiv in der Literaturkritik ist <em>lesenswert</em>. Dieses knochentrockene Wort bildet (zusammen mit seinem Äquivalent <em>empfehlenswert</em>) den Kern einer Rezension: Kaufen oder nicht kaufen?</p>



<p>Manchen Rezensenten ist das zu sachlich, so dass sie noch ein Intensitätspartikel drankleben. Besonders beliebt ist <em>unbedingt.</em></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Moderatorin: Ziehen wir ein Fazit. Ist Leander Müllers neuer Roman <em>Fluchtpunkt Sankt Pauli</em> lesenswert?</p><p>Rezensent: Unbedingt!</p></blockquote>



<p>Damit könnte man es belassen.</p>



<p>Doch ist eines zu bedenken: Eine Buchbesprechung ist nicht nur eine Analyse, sondern sie versteht sich immer häufiger als ein Unterhaltungsmedium. Ein untrügliches Zeichen dafür ist die Verwendung stimmungsmachender Adjektive.</p>



<p>Ein prominentes Exemplar ist <em>wunderbar</em>. <em>Wunderbar </em>taucht zuverlässig in Rundfunkbesprechungen auf. Was wäre das Rezensionswesen ohne dieses Wort! Doch es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet <em>wunderbar</em> so beliebt ist. Warum sprechen die Rezensenten deutlich seltener von einem <em>großartigen</em> und kaum je von einem <em>herrlichen </em>Roman? Schon gar nicht verwendet man umgangssprachliche Adjektive wie <em>toll</em>, <em>super</em>, <em>saugut</em> und <em>geil </em>oder veraltete wie <em>prächtig </em>oder <em>trefflich</em>. <em>Wunderbar</em> ist zur Konvention geworden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">99 Luftballons: das gefühlige Adjektiv</h3>



<p>Selbstverständlich ist nicht alles <em>wunderbar,</em> was ein Rezensent auf den Tisch bekommt, es kann auch <em>großartig</em>, <em>glänzend</em>, <em>grandios</em>, <em>furios</em>, <em>famos</em> sein, wobei literarische Debuts gern als <em>fulminant </em>bezeichnet werden und seltener als <em>wunderbar</em>. Warum das so ist? Weil man als Kritiker halt so schreibt.</p>



<p>Bei einer anderen Gruppe von Floskeln steht die Gefühlswirkung des besprochenen Textes auf den Kritiker oder die Kritikerin im Vordergrund. Beliebt sind etwa <em>berückend</em>, <em>berührend</em>, <em>bewegend</em>, <em>ergreifend</em>, <em>hinreißend</em>, <em>faszinierend</em> und, als Höhepunkt: die Lektüre<em> macht glücklich</em>.</p>



<p>Derartige adjektivische Luftballons sind Signale dafür, dass das Buch, an das sie gebunden werden, bei Lesern eine individuelle Erfahrung erzeugen könnte, mehr jedoch auch nicht.</p>



<p>Manche Adjektive gehen vor Autor und Werk gleichsam in die Knie: <em>groß</em>, <em>bedeutend</em>, <em>viel diskutiert, wichtig, relevant und anschlussfähig</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Groß und klein: das erhöhende Adjektiv</h3>



<p>Doch<em> groß</em> ist kleiner als man denkt. Wird ein Schriftsteller, bei dem alle wissen, dass er groß ist, als <em>groß</em> bezeichnet, dann ist das ein ironisches Stilmittel, wenn etwa erzählt wird, wie der junge Heine den „großen Goethe“ besucht. Wird umgekehrt ein Schriftsteller, dessen Größe allgemein bezweifelt wird, als <em>groß </em>bezeichnet, drückt der Schreiber dem Leser eine Meinung aufs Auge, die dieser begründungslos zu akzeptieren hat.</p>



<p>Was bedeutet überhaupt die Aussage <em>ein großer Roman</em>? Hat seine Anfertigung viel Mühe bereitet? Ragt er unter den Neuerscheinungen des Jahres hervor? Wird man ihn auch in zehn Jahren noch lesen? Ist der Rezensent der Meinung, dass dieser Roman einst zu den Achttausendern der Literatur gehören wird?</p>



<p>Als <em>klein</em> wird ein Roman hingegen nicht deshalb bezeichnet, weil er misslungen wäre, sondern weil er entweder ein Nebenwerk ist oder weil er nur einen geringen Umfang hat. Zweifellos gibt es viele schmale Romane, die unter bestimmten Aspekten größer sind als dicke Romane, zum Beispiel Albert Camus&#8216; <em>Der Fremde</em> oder <em>Pedro Páramo</em> von Juan Rulfo.</p>



<p>Das Adjektiv <em>bedeutend</em> sollte die Tageskritik möglichst gar nicht verwenden. <em>Bedeutend</em> ist ein Autor oder ein Text erst durch seine Wirkungsgeschichte: Dass Virginia Woolf bedeutend ist, wissen Literaturinteressierte bereits, deshalb muss man das nicht sagen. Handelt es sich wiederum um eine Autorin, die niemand kennt, möchte der Rezensent uns etwas unterjubeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Allzeit bereit: das zweckdienliche Adjektiv</h3>



<p>Unterhalb der Kategorie des Bedeutenden wieselt das Wort <em>wichtig</em> herum. <em>Wichtig </em>kann alles Mögliche sein, beispielsweise ist für einen Verlag ein Bestsellerautor wichtig, das versteht jeder. <em>Wichtig</em> kann auch <em>viel diskutiert</em> bedeuten. Wer <em>wichtig </em>sagt, postuliert, dass das, was für die Medien wichtig ist, auch für die Literatur wichtig sei und das Lesepublikum dem zu folgen habe. Die Literatur zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass sie das Unwichtige wichtig erscheinen lassen kann.</p>



<p>Mehr über einen Roman und dessen Rezensenten verrät das Adjektiv <em>relevant </em>und sein Kollege <em>anschlussfähig</em>. Lyrik ist nie relevant und kurze Prosa ist es selten. Relevant ist ein Roman, dessen Autor es nicht in erste Linie darum geht, eine Sache in Kunst zu verwandeln. Das hat aus Sicht des Rezensenten den Vorteil, dass er über die Sache plaudern kann, ohne sich mit der Kunst beschäftigen zu müssen. Noch kunstferner ist <em>anschlussfähig</em>. Anschlussfähig woran? An den Diskurs. Wer steuert den Diskurs? Journalisten. Wie nennen Journalisten einen Roman, der das verwurstet, was alle bereits wissen? Richtig: wichtig.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><em>Show, don&#8217;t tell</em> in der Literaturkritik</h3>



<p>Warum ist es für Leser wichtig zu wissen, dass ein Buch <em>erfolgreich</em> ist oder <em>viel beachtet</em> wird? Weil man davon ausgeht, dass es dann auch gut ist? Aber was ist mit erfolgreicher Trivialliteratur? Hat die den falschen Erfolg? Und wo beginnt der Erfolg? Ist es ein Preis, ein Stipendium, eine Auflage von über 3.000 Exemplaren (für Lyrik ein großer Erfolg). Wann ist es sinnvoll, von einem Bestseller zu sprechen? Und was verrät mir das Wort <em>Bestseller</em> über den Text? Soll ich durch diese Information zum Kauf ermuntert oder eher davon abgeschreckt werden?</p>



<p>Zuweilen wird in der Literaturkritik geschrieben, ein Prosatext sei misslungen, weil er nicht zeige, sondern behaupte. „Show, don’t tell“ gilt auch für die Kritik: Wenn sie das Werk in seiner Individualität überzeugend darstellt, etwa mit Zitaten, die für sich selbst sprechen, erübrigen sich lobende Floskeln.</p>



<p>Dann darf man sich gelegentlich sogar ein lobendes Adjektiv gestatten. Franz Kafkas Kommentar zu Robert Walsers Roman <em>Jakob von Gunten</em> lautet schlicht: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ein gutes Buch.</p></blockquote>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Karolina Grabowska via <a href="https://www.pexels.com/photo/food-healthy-wood-texture-5750122/" rel="nofollow">Pexels.com</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/kleine-pilzkunde-der-literaturkritik/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>8</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">99277</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
