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	<title>Christoph Brumme &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Christoph Brumme &#8211; tell</title>
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		<title>Ein Meister des Kitschs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Dec 2018 08:20:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kitsch]]></category>
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					<description><![CDATA[Claas Relotius schrieb seine Reportagen, als wären es Romane. Er erzählt aus der Perspektive des allwissenden Erzählers – und er zieht alle Register des Kitschs. Eine Stilkritik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">S</span>o beginnt die SPIEGEL-Reportage <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/islamischer-staat-wie-der-is-aus-zwei-kindern-attentaeter-machte-a-1135424.html" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Löwenjungen&#8220;</a> von Claas Relotius. Ob die Augen des zwölfjährigen Selbstmordattentäters „gerötet“ waren, als er sich und andere mit genau „neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod reißen“ wollte, kann der Reporter nicht wissen.</p>
<p>Claas Relotius schreibt die Reportage wie einen Roman, er begibt sich in die Pose des allwissenden Autors, der in die Figuren hineinsehen kann. In Romanen werden Ereignisse geschildert, die passiert sein könnten und demnach auch psychologisch plausibel sein müssen. Im Roman ist es egal, ob die Ereignisse in der geschilderten Weise stattgefunden haben oder ob der Autor sich etwas ausgedacht hat. Von einer Reportage jedoch erwartet man, dass sie das Spiegel-Motto befolgt: „Sagen, was ist!“ Fakten sind nicht nur Zahlen, Entfernungen oder korrekte Zitate. Sie betreffen nicht nur das Messbare, sondern auch die dargestellte Situation: die Frage, wer wann was gesagt haben könnte, etc.</p>
<h3>Die flackernde Glühbirne</h3>
<p>Als Romancier ist Claas Relotius ein Meister des Kitschs, und er hat ein neues Genre erfunden: Terrorismus-Kitsch, ein wollüstiges Baden im Schrecken. Die Gefängniszelle liegt „am Ende eines langen Flurs“, sie ist „ein kalter Raum hinter einer Eisentür“, normgerecht „1,8 Meter lang, 2,5 Meter breit, ohne Fenster“. Relotius weiß um die orgiastische Wirkung des Kitschs bei seinen Liebhabern. Deshalb muss die Glühbirne „flackern“ und „aus einem Loch im Boden, der Toilette,“ muss „ein übler Geruch steigen“. Der gefangene zwölfjährige Junge Namid muss „gegen die Decke starren“, er muss eine „hohe Stimme“ und „tiefe Augenränder“ haben. Jede Nacht, so sagen es die Wachmänner, „kreist er im Dunkel seiner Zelle wie ein Tier“. Koran-Verse sagt er „nacheinander auf, wie schüchterne Kinder Gedichte aufsagen, zu Boden sehend, atemlos“. Dabei hat Namid „keinen dieser Verse vergessen“, die ihm als Gefangenem des IS beigebracht worden waren – denn der Lehrer dort „war ein Mann, der sich Imam nennt und beim Predigen ein Messer in der Hand hält“.</p>
<h3>Unplausibles</h3>
<p>So unwahr wie die Worte ist das, was Relotius uns mit ihnen weismachen will. Zwei Monate lang drückte sich Namid im Gefängnis angeblich nur durch Zeichnungen aus, er kann niemandem außer seinem Arzt in die Augen sehen, vor allem „sieht er keinem Fremden, der in seine Zelle tritt, je in die Augen, er weicht allen Blicken aus“.<br />
Dann kommt der deutsche Reporter in die Gefängniszelle (doch wohl mit einem Dolmetscher?), und Namid fasst sofort Vertrauen und erzählt „hastig wie ein Kind und manchmal kalt und fluchend wie ein Greis“.</p>
<p>Der schwer traumatisierte Zwölfjährige, der sich zwei Monate geweigert hat zu sprechen, hat sich offenbar innerhalb kürzester Zeit zu einem reflektierenden Erzähler entwickelt, der wie ein Ernst Jünger minutiös und nüchtern seine schrecklichen Erlebnisse schildert. Dabei wird Namid in Einzelhaft gehalten und seine Zellentür nur dreimal am Tag geöffnet: zum Duschen, Essen und für den Besuch des Arztes. Gleichzeitig wird behauptet: „jeden Morgen, sobald es hell wurde, holten ihn Männer in Uniformen, brachten ihn in einen grellen Raum, wo sie ihn neun Stunden am Tag verhörten“. Nadim saß dann „in Handschellen auf einem Stuhl aus Plastik, er sah keinem der Männer in die Augen“.</p>
<p>Womöglich war der Stuhl wirklich aus Plastik gewesen, aber auch das kann der Reporter nur vermuten, nicht aber wissen.</p>
<h3>Märchengold</h3>
<p>Die Reportage „Löwenjungen“ wurde vielfach geprüft, bewundert, als Meisterwerk gefeiert. Sie wurde mit dem Peter Scholl-Latour-Preis ausgezeichnet. Der Laudator Paul-Josef Raue schwärmte, er sei bei der Lektüre „stolz gewesen, Journalist zu sein, denn besser als in dieser Reportage kann Journalismus nicht sein“.</p>
<p>Noch in der vorigen Woche hat der designierte Chefredakteur des SPIEGEL, Ullrich Fichtner, in seiner <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-spiegel-legt-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579.html">Abrechnung</a> mit Relotius diese Reportage als einen „bestürzenden Text“ bezeichnet. Aus solchem Stoff seien die ganz großen Geschichten gemacht. „In solchen Texten zieht sich die Gegenwart [auf] einmal auf ein lesbares Format zusammen, große Linien der Zeitgeschichte werden fassbar und schlagartig wird das Große ganz menschlich verständlich.“</p>
<p>Im Kitsch erkennt man den Stil der Epoche. Kitsch ist repräsentativ, weil er von vielen geliebt wird. Er bedient Vorurteile, bestätigt Erwartungen, schönt die Wirklichkeit, verhindert Erkenntnisse, bedient die Selbstgefälligkeit. „Wer als Reporter über solches Material verfügt, und wer Talent hat für Dramaturgie, kann daraus Gold spinnen wie im Märchen“, erklärt Ullrich Fichtner weiter.</p>
<p>Doch Märchengold löst sich in Luft auf, wenn das Märchen zu Ende ist.</p>
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		<title>Der Verlust der Glaubwürdigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Die linken Kräfte in Deutschland sind in der Krise. Manche sind anfällig für Verschwörungstheorien, sie betreiben Sozialabbau und zeigen Sympathien für das mafiöse Russland. Von außen gesehen erscheint Deutschland als Paradies – doch eines, in dem die Menschen nicht glücklich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie letzten drei sich als links bezeichnenden Menschen, die ich in Deutschland traf, äußerten am Kneipentisch derart abstruse Meinungen, dass ich die Runde bald wieder verließ. Einer von ihnen, ein Deutscher aus Venezuela, war in seiner Jugend in die DDR übergesiedelt, um echten Sozialismus und die deutsche Arbeiterklasse kennen zu lernen. Statt zu studieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr lang freiwillig als Bauarbeiter in einer sozialistischen Brigade. Bald musste er schockiert feststellen, dass die Bauarbeiter das Wort Sozialismus nicht hören wollten, es löste Schreikrämpfe und Hohngelächter aus, gefolgt von sexistischen Flüchen. Also studierte er Philosophie und errang den Titel eines Doktors.</p>
<h4>Der Informierte</h4>
<p>In unserem Gespräch meinte er, an der Inflation und dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Venezuela seien die USA schuld. Die USA wollten das dortige sozialistische Experiment scheitern lassen. Meinen Einwand, dass es möglicherweise auch Gründe gebe, die in Venezuela zu suchen seien, verwarf er kategorisch. Das Reich des Bösen sind die USA, und basta!</p>
<p>Ich wagte einen zweiten Einwand und fragte, ob es nicht immer schwerer werde, solche komplexen Vorgänge wie Staatskrisen zu beurteilen, im Zuge der Globalisierung, der Digitalisierung etc. Nein, meinte er, es werde immer einfacher, globale Entwicklungen zu beurteilen, weil man sich im Internet informieren könne.</p>
<h4>Der Rebell</h4>
<p>Sein Freund und Kollege, ein treuer Wähler der Partei Die Linke, wollte diese Aussage offenbar beweisen und behauptete, „das deutsche Volk soll ausgetauscht werden“. Das sei ein alter transatlantischer Plan, der jetzt verwirklicht werde. Den Grund für das angebliche Austauschprogramm glaubte er auch zu kennen – „die Afrikaner und Araber sind fügsamer als die Deutschen, nicht so rebellisch, dankbarer für den Wohlstand“. Er selbst war vor mehr als dreißig Jahren ein einziges Mal im Ausland gewesen, zu einer Bergwanderung in der Hohen Tatra, eine Fremdsprache beherrscht er nicht.</p>
<p>Ich fragte ihn, wohin denn das deutsche Volk getauscht werden solle, ob nach Madagaskar, wie es Hitler kurzzeitig mit den Juden geplant habe. Man darf ja gar nichts mehr sagen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, antwortete er. Er lasse sich das Reden nicht verbieten. Ich sah mich gezwungen, ihn darauf hinzuweisen, dass ich ihm nichts verboten, sondern nur sarkastisch widersprochen hatte.</p>
<h4>Die Aktivistin</h4>
<p>An unserem Tisch saß außerdem eine Frau, die sich als Aktivistin in einer basis-ökologischen Partei engagiert und die auf Facebook öffentlich geäußert hatte, sie hoffe auf einen Wahlsieg von Donald Trump, denn Hillary Clinton sei „ein kriegslüsternes Weib“. Außerdem wolle Trump das transatlantische Handelsabkommen TTIP nicht unterschreiben, das freue sie, denn sie habe oft an Demonstrationen gegen dieses Abkommen teilgenommen.</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Treffen verbreitete sie auf Facebook einen Beitrag eines arabischen Senders, in dem ein US-Amerikaner behauptete, an den Kriegen im Nahen Osten sei das jüdische Finanzkapital schuld. Auf meinen Vorwurf, dieser Beitrag sei purer Antisemitismus, lautete ihre Antwort, sie habe den Beitrag ja nicht kommentiert, nur weiterverbreitet. Daraufhin entfreundete ich sie.</p>
<h4>Das Elend der deutschen Linken</h4>
<p>In Deutschland sind alle mir bekannten linken Kräfte und Parteien, mit Ausnahme der Grünen, in einer grotesken Weise unglaubwürdig. Der „linke“ Flügel der SPD möchte in der Außenpolitik am liebsten eine freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehung zu dem Mafia-Staat Russland aufbauen. Die „Osterweiterung“ der NATO, die in der Amtszeit des heutigen Russlandfreundes und SPD-Alt-Kanzlers Schröder durchgeführt wurde, wird abgelehnt. Man vertritt die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität osteuropäischer Staaten.</p>
<p>In der Sozialpolitik hat die SPD mit den HARTZ-IV-Gesetzen für viele Menschen erniedrigende und beschämende Regeln durchgesetzt, außerdem elementare rechtsstaatliche Prinzipien, etwa die Unschuldsvermutung, außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig hat die SPD das Rentensystem so reformiert, dass künftig viele eine Rente unterhalb des Existenzminimums erhalten werden. Dass zahlreiche Menschen jetzt aus Wut lieber die AfD wählen, ist nicht erstaunlich. Zwar war die SPD nicht allein verantwortlich für diese beiden Reformen, aber im Auftrag der SPD wurden sie verfasst und beschlossen.</p>
<p>Die Partei Die Linke war wohl noch nie links im Sinne des Fortschritts. Sie hat die therapeutische Aufgabe übernommen, nach dem Fall der Mauer enttäuschte aufrechte Kommunisten zu trösten. Die Anerkennung der im Namen ihrer Ideen begangenen Verbrechen und Morde (50 Millionen!) hat nicht etwa dazu geführt, ihre Moskau-Hörigkeit zu beenden, lieber denunzieren sie die ukrainische Arbeiterklasse als nationalistisch, weil die Maidan-Revolution ja „sogar gegen ukrainische Gesetze verstoßen“ habe, so Gregor Gysi im Bundestag.</p>
<h4>So viel Zukunft war nie</h4>
<p>Bündnis 90/Die Grünen erreichen in neuesten Umfragen 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, vertreten also, wenn man die Nicht-Wähler dazurechnet, maximal acht Prozent der Wahlberechtigten. Diese Partei hat neben der CDU sicherlich das Potential, weiterhin die Vernunft als Richtschnur politischen Handelns zu nutzen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, autoritären und repressiven Gelüsten zu widerstehen, mit den Möglichkeiten der Zukunft in einer verspielten Weise zu experimentieren.</p>
<p>Welche „linke“ oder „liberale“ Utopie könnte Strahlkraft entfalten und Mehrheiten begeistern? Soll es ein Kommunismus im neuen Gewand werden, Grundeinkommen weltweit für alle?</p>
<p>Aber der Kapitalismus vermehrt ja schon ständig den Wohlstand und verschafft immer mehr Menschen immer mehr Möglichkeiten, schafft immer mehr Märkte. Heutzutage kann man Klingeltöne verkaufen und kaufen, oder die Gesänge der Wale. Immer weniger Menschen werden Opfer in Kriegen oder von Gewaltverbrechen. So viel Zukunft war nie.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>* * *</strong></p>
<h3>Deutschland von außen betrachtet</h3>
<p>Vor einigen Jahren traf ich an der Wolga einen Mann, der in seiner Jugend vierzig Liter Blut gespendet hatte, um auf dem Schwarzmarkt Schallplatten mit westlicher Rock &#8217;n&#8216; Roll-Musik zu kaufen zu können. Mir erklärte er, warum ich ein naiver und dummer Westler sei. Mein Fehler: Mir gefiel es in Russland. Ich mochte den operettenhaften Charme spontaner Feiern, die vielen Absurditäten, aber ich musste dort ja nicht leben, sondern war freiwillig da und konnte jederzeit wieder ausreisen.</p>
<p>Der alte Rock &#8217;n&#8216; Roller hatte in seinem Leben alle möglichen Drogen konsumiert, harte und weiche. Als junger Mann hatte er auf Inseln in der Wolga Partys mit mehreren hundert Jugendlichen organisiert, natürlich ohne Genehmigung von Komsomol oder KGB. Mich lachte er aus, weil ich nie ein Buch vom „Drogenkönig und Hellseher“ Castañeda gelesen hatte. Unter einem Putin-Bild bekreuzigte er sich und murmelte „unser lieber Pate“. Russland nannte er Dummkopf-Land, das von Deutschen regiert werden müsse. Die Russen könnten nicht effizient handeln. „Die Menschheit entwickelt sich rückwärts. Nach dem Christentum kam der Kommunismus, jetzt herrscht der Satanismus.“</p>
<p>Weil er von seiner Rente nicht leben konnte, arbeitete er als Nachtwächter. Nur einmal war er im Ausland gewesen, als Feuerwehrmann im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten.</p>
<h4>Schafft die Demokratie sich ab?</h4>
<p>Aber vielleicht hatte der Mann von der Wolga recht und die „Kräfte des Bösen“ werden gewinnen, die Demokratie wird sich selbst abschaffen, die Freiheit wird in Zukunft von Gesichtserkennungs-Software verwaltet werden? Oder man denke an Wladimir Putins kryptische Worte: „Wenn jemand Russland droht, dann wird die Antwort für die ganze Menschheit schrecklich sein, denn wozu braucht man die Welt ohne Russland?“</p>
<p>Als mein Freund Oskar aus der ukrainischen Stadt Poltawa zum ersten Mal nach Deutschland reiste, glaubte, er werde dort glückliche oder mindestens zufriedene Menschen treffen. In seiner Vorstellung ist Deutschland ein soziales Paradies mit einem fantastischen Gesundheitswesen, staunenswerter Technik und Infrastruktur, Sicherheit vor willkürlicher Verhaftung, ehrlicher Polizei, freier Presse, vielen individuelle Freiheiten.</p>
<p>Fast alle Deutschen aber, mit denen Oskar redete, schimpften über ihr angeblich so schreckliches System.</p>
<p>Einer von ihnen hatte seit vielen Jahren Depressionen, weil er Drogen konsumiert und weil er schon lange keine Freundin gehabt hatte. Das System bezahlte ihm die Wohnung und verschaffte ihm Arbeit in einer Frauenbrigade, in einer Wäscherei, wo er seine Arbeitszeit frei wählen durfte. Außerdem half ihm ein Therapeut, und ein Betreuer unterstützte ihn bei der Erfüllung bürokratischer Pflichten gegenüber den Ämtern. In seiner Freizeit schrieb er Rap-Songs, natürlich getrieben vom Hass auf diese schreckliche Gesellschaft, wie er Oskar erklärte.</p>
<p>Auch im Paradies muss offenbar große Verzweiflung herrschen.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rettungszeichen_Notausgang_Links_(alt).svg">via Wikimedia Commons</a></h6>
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		<title>Die Schizophrenie der Gesellschaftsentwürfe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Mar 2018 10:42:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
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		<category><![CDATA[DDR]]></category>
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					<description><![CDATA[Viele ehemalige DDR-Bürger empfinden eine innere Distanz zum "System". Das kann zur Entfremdung führen. Keine Gesellschaft kann ein „richtiges Bewusstsein“ von sich selbst haben. Hat der Osten dem Westen diese Einsicht voraus?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf Sieglinde Geisels Reportage <em><a href="https://tell-review.de/deutsche-aengste/" target="_blank" rel="noopener">Deutsche Ängste</a></em>.</div></div>
<p><span class="dropcap">N</span>ach mehr als dreißig Jahren: Besuch bei früheren Freunden in Lutherstadt-Eisleben. Man lädt zum Brunch am Sonntag. Nach dem zweiten „Prösterchen“ erklärt eine Frau ihrer Nachbarin, sie sei arbeitslos, „weil die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen“. Niemand widerspricht ihr.</p>
<p>Die Frau hatte in der DDR-Zeit am Theater gearbeitet. Damals war es ein Drei-Sparten-Theater, Schauspiel, Ballett und Orchester, achtzig Handwerker und Künstler waren dort beschäftigt. Man führte Sinfonien und Opern auf, die Geiger kamen aus Bulgarien, der Bratschist war Rumäne, einer der drei Tenöre ein Georgier, die Primaballerina kam wohl aus Ungarn.</p>
<p>Vor drei Jahren sollte das Theater geschlossen und in eine Kulturwerkstatt umbenannt und verwandelt werden. Was mit den letzten zwanzig Beschäftigten passieren würde, war wohl lange Zeit unklar. Nach Protesten und Demonstrationen konnte das Land Sachsen-Anhalt überzeugt werden, das Theater weiterhin zu bezuschussen, so dass es, mit nochmals verringertem Personal – nunmehr zehn Schauspieler und offenbar ohne eigene Musiker –, vorläufig weiterbetrieben werden kann. Man spielt Klassiker, Schillers <em>Räuber</em>, und Stücke mit aktuellen Themen wie <em>Terror</em> von Ferdinand von Schirach. Aber ein energetisches, multikulturelles Zentrum wie in der DDR ist das Theater schon lange nicht mehr.</p>
<h3>Distanz gegenüber dem „System“</h3>
<p>Freunde meinten, niemand habe der Frau widersprochen, weil niemand so früh am Vormittag über Politik reden, gar streiten wollte. Jedoch würde in Eisleben wohl mindestens jeder dritte Mensch dieser Aussage zustimmen. Die Wahlergebnisse von 2017 erhärten diesen Befund. Die AfD bekam 23,9 %, die LINKE 18,1 %, die NPD 0,9. Fast jeder dritte Wahlberechtigte hatte nicht an der Wahl teilgenommen.</p>
<p>Diese Passivität oder innere Distanz gegenüber „dem System“ kann ich gut verstehen, weil ich sie bis vor wenigen Jahren teilte. Ich habe nur drei Mal an Wahlen teilgenommen (1990, 2013 und 2017) und wollte „im Westen nicht ankommen“, wie mich Sieglinde Geisel einmal in einer Reportage zitierte. Aber ich war froh, im Westen zu leben, die Vorteile genießen zu können: die Reisefreiheit, den Empfang von Sozialhilfe, die freie Presse, den Schutz vor willkürlicher Verhaftung, die Gewissheit, von keinem Staatssicherheitsdienst überwacht zu werden.</p>
<p>Nie habe ich auch nur eine Sekunde lang gedacht, in der DDR sei es besser gewesen. Aber ich habe auch nie geglaubt, Geschichte oder Gesellschaft beeinflussen zu können.</p>
<h3>Das „Ende der Geschichte“</h3>
<p>Als die Mauer fiel, kamen DDR-Bürger von einer historisch überholten Gesellschaftsform in die nächste: in eine kapitalistische, von der jeder wusste, wie leicht durchschaubar sie war, wie menschen- und zukunftsfeindlich. Der Westen erschien mir als eine rückständige Gesellschaft, die sich einbildete, den Kapitalismus „überwunden“ oder „gezähmt“ und in eine (ewig existierende) soziale Marktwirtschaft verwandelt zu haben. Eine Zeitlang wurde gar vom Ende der Geschichte geredet.</p>
<p>Der Westen habe den Kalten Krieg gewonnen, die Demokratie werde sich als die beste und rationalste Staatsform verbreiten, als Inkarnation des Vernunftbegriffs von Immanuel Kant. Ende der Geschichte war nicht als „das Ende der Ereignisse“ gemeint, sondern als die Ankunft in der fortschrittlichsten aller denkbaren Gesellschaftsformen. Also wieder eine Heilserwartung.</p>
<p>Man muss nicht Dostojewski gelesen haben, um zu verstehen, wie komisch das ist, aber es hilft, beispielsweise <em>Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.</em>  Es hilft, sich begreiflich zu machen, dass kein Subjekt, ob Mensch oder Gesellschaft, ein „richtiges Bewusstsein“ über sich selbst haben kann.</p>
<p>Beispiel Staatsverschuldung. In DDR war der Staatshaushalt immer ausgeglichen, und alle wussten, wie absurd das war. In der BRD war der Staatshaushalt auch in den 90er Jahren defizitär und niemand fand das schlimm oder bedrohlich oder hätte gar für möglich gehalten, dass auch die Gesellschaften des Westens sich durch Leichtsinn und eigene Gier in existenzgefährdender Weise verschulden könnten.</p>
<p>Es gibt keine Entwicklung ohne Irrtümer, keine Wahrheit ohne Selbstbetrug. Eine durch und durch vernünftige, gerechte Gesellschaft kann es nicht geben.</p>
<h3>Das Jahrhundert der Flüchtlinge</h3>
<p>Westliche Gesellschaften fragen nicht nach dem Zweck ihrer Entwicklung, das ist für gelernte DDR-Bürger wie mich immer wieder erschreckend. Es zeigt, dass der „naturwüchsige“ Kapitalismus die schwächlichen demokratischen Institutionen und Rituale dominiert. In den Ozeanen schwimmen Millionen Tonnen Plastik? Das ist das Ergebnis von Arbeitsteilung, daran ist niemand schuld.</p>
<p>Ehemalige DDR-Bürger verwechseln nicht Demokratie mit Kapitalismus. Sie haben nur ein anderes historisches Bewusstsein als ehemalige Westdeutsche: das Bewusstsein vom Verhängnis, vom Scheitern und der Schizophrenie auch der großartigsten Entwürfe, ob sie nun Sozialismus oder Demokratie genannt werden.</p>
<p>Ich nehme die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht als bedrohlich war, sondern sehe keine Alternative zu ihr. Es werden weiterhin Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gespült werden, die Meeresspiegel werden steigen, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Flüchtlinge sein, wie Heiner Müller schon Mitte der 80er Jahre erkannt hat, als er in <em>Anatomie Titus Fall of Rome</em> das Ende des Römischen Reiches und die Rache der Afrikaner und Goten am Westen beschrieb.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:<br />
© Christoph Brumme</em></h6>
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