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	<title>William H. Gass &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>William H. Gass &#8211; tell</title>
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		<title>Page-101-Test: Friederike Mayröcker</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Jun 2021 08:24:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Friederike Mayröcker]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[William H. Gass]]></category>
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					<description><![CDATA[In ihren Gedichten schafft Friederike Mayröcker Raum zwischen Poesie und Alltagssprache: Die Wörter sind nicht mehr die gleichen wie zuvor. Wir nehmen einzelne Zeilen aus dem Band „Benachbarte Metalle“ unter die Lupe und schauen der Dichterin bei ihrer Arbeit zu. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Ich halte Friederike Mayröckers <em>Benachbarte Metalle</em> in der Hand, eine Auswahl ihrer Gedichte, zusammengestellt von Thomas Kling, einem Gewährsmann für Lyrik. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Seite 99 aufschlage, erschrecke ich:</p>



<div style="height:23px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="102201" data-permalink="https://tell-review.de/mayroecker_seite-99-3/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?fit=720%2C961&amp;ssl=1" data-orig-size="720,961" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Mayroecker_Seite-99" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?fit=720%2C961&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?w=255&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-102201"  srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?w=720&amp;ssl=1 720w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-99-edited-1.png?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" /></figure></div>



<p class="wp-block-paragraph">Ist das Friederike Mayröckers Art, mir zu sagen, dass ich sie verschonen soll? Bei jedem anderen Autor hätte ich schulterzuckend die Seite 98 genommen, doch hier traue ich mich nicht recht. Das Gedicht auf Seite&nbsp;98 trägt den Titel <em>(modell&nbsp;9 / euterpe)</em>, es ist das letzte Gedicht eines Zyklus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Überhaupt ist der Page-99-Test für Gedichte nicht gedacht. Doch warum eigentlich nicht? Wenn ich in der Buchhandlung stehe, blättere ich schließlich auch in Gedichtbänden erst einmal prüfend herum, bevor ich mich für ein Buch entscheide.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Page-99-Test darf ich nicht kneifen, so lautet meine selbstauferlegte Regel, also muss ich es wagen. Da die Seite&nbsp;100 leer ist, entscheide ich mich für die Seite&nbsp;101: <em>Text mit Giotto</em>.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="900" height="676" data-attachment-id="102203" data-permalink="https://tell-review.de/mayroecker_seite-100-und-101-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?fit=959%2C720&amp;ssl=1" data-orig-size="959,720" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Mayroecker_Seite-100-und-101" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?fit=900%2C676&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?resize=900%2C676&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-102203" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?w=959&amp;ssl=1 959w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/Mayroecker_Seite-100-und-101-edited.png?resize=768%2C577&amp;ssl=1 768w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure></div>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gedicht beginnt so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„.. die blau-gehörnten gepinselt (Schweine) fleischig hündchen-<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; treu</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Anführungszeichen werden erst auf der Seite 102 geschlossen, nach dem letzten Wort des Gedichts. Das Gedicht ist also als Zitat markiert, allerdings ohne Quellenverweis. Die Dichterin scheint sich selbst zu zitieren. Ich lese es als distanzierte Sprechweise: Die Anführungszeichen machen den Text nachdenklicher, sie verleihen ihm das Echo des schon einmal Gesagten, Gedachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf das Anführungszeichen folgen zwei Punkte, und auch sie tauchen am Ende auf Seite 102 wieder auf. Ein verkürztes Auslassungszeichen, zwei statt drei Punkte? Wir springen in einen Sprachfluss, wie wenn man das Radio anschaltet und mitten in einem Satz der Sprecherin landet. So jedenfalls deute ich die beiden Punkte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Springen ist eine gute Metapher für diesen besonderen Lesevorgang. Das konventionelle Nacheinander führt hier in die Sackgasse. Das ist eine Zumutung – und zugleich eine Freiheit: Ich darf mitspielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Zeile ruft Bilder wach. Ich sehe gepinselte/gemalte Schweine mit blauen Hörnern vor mir – und gleich wird klar, dass die Spielregeln bei diesem Gedicht kein Übersetzen erlauben: „blau-gehörnt“ ist viel zaubriger, fast erotisch, „mit blauen Hörnern“ wirkt dagegen trivial. Warum das so ist? &#8222;Dichten&#8220; kommt zwar nicht von dicht (sondern von dictare), das ändert nichts daran, dass die Schönheit aus der Verdichtung entsteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort „Schweine“ steht in Klammern, es gehört also nicht zur poetischen Aussage, sondern ist nur eine Verständnishilfe. Die Passage besteht im Wesentlichen aus Adjektiven:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>blau-gehörnt</li><li>gepinselt</li><li>fleischig</li><li>hündchen-treu</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Mensch vor und nach Friederike Mayröcker würde je auf diese Liste kommen (das gilt selbstredend für das ganze Gedicht).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nehme mir die Freiheit, gleich ans Ende des Absatzes zu springen. Dort kommt wieder ein Tier vor (das Schwein von oben?):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>kralliges Tier rosa Tier die Stadt ungeheuerlich feurig<br>fast wie wimpel hoch klar tannig (wenn Esther tausend finger ..)<br>zehnstimmig Blumenblätter in einem einzigen flimmernden stern</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hier gibt es so vieles, was auffällt, ich fange mit den Kleinigkeiten an. Am Ende der Klammerbemerkung finden sich wieder die beiden Punkte. Lässt Mayröcker den dritten Punkt einfach weg, weil er überflüssig ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Groß- und Kleinschreibung scheint willkürlich.</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Tier</li><li>Stadt</li><li>Blumenblätter</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">versus</p>



<ul class="wp-block-list"><li>wimpel</li><li>finger</li><li>stern</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Ist es ein Zufall, dass je drei Substantive groß und drei klein geschrieben sind? Bei diesen sechs Wörtern ist der Fall klar, doch insgesamt hat die deutsche Grammatik das Problem der Groß-/Kleinschreibung bis heute nicht befriedigend gelöst. Anerkennt diese sorgfältig inszenierte Willkür augenzwinkernd die Vergeblichkeit orthografischer Bemühungen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenden wir uns dem sogenannten Inhalt zu. Man kann diese Zeilen fast singen, der Rhythmus ist klar, und doch lässt er mir Freiheiten beim Lesen (typisch Mayröcker: Ich will vom Inhalt reden und lande bei der Musik!).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Szenerie ist aufgeladen. Ich folge noch einmal der Spur der Adjektive:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>ungeheuerlich feurig</li><li>hoch klar tannig</li><li>zehnstimmig</li><li>flimmernd</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Das knistert. Adjektive haben zu Unrecht einen <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs/" target="_blank">schlechten Ruf</a>: Hier sieht man, was sie leisten, wenn man sie arbeiten lässt und nicht zu Dekorationszwecken missbraucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zehnstimmigen Blumenblätter wurden wohl von der Klammerbemerkung herbeigerufen, Esthers „tausend finger“. Die zehn Finger, an die wir dabei denken, gehen an die Blume, und damit wir nichts lesen, was wir schon wissen, beginnen die Blumenblätter zehnstimmig zu singen. Lesend schaue ich der Dichterin bei der Arbeit zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der nächste Absatz (Strophe?) ist voller Rätsel. Das ganze Gedicht, so nehme ich an, beschreibt, erzählt, singt ein Bild von Giotto. Welches, erfahren wir nicht. Wir sollen selber lesen, sehen, hören.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>die Armut aber und der Hunger um die Ecke<br>Hökerwolken aus Hökerwolken : leichte kommunikation<br>Kind mein Samt (ist Verlangen grosz)<br>o mond Unterlasz verwaist : you are no longer the same my dear!</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder springen mir als Erstes die Kleinigkeiten ins Auge. Der Doppelpunkt wird beidseitig von einem Leerschlag gepolstert, das mildert seine didaktische Verweisfunktion. Und dann natürlich das Mayröckersche „sz“, mit dem sie das „ß“ („Eszett“) wieder in seine ursprüngliche Form zurückverwandelt. Das verleiht dem Text etwas leicht Widerständiges, egal worum es geht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann diese Passage nicht entschlüsseln, hier wird ein anderes Spiel gespielt. Also hasche ich nach den „Hökerwolken“. Das Wort Höker muss ich nachschlagen: „Händler, der auf der Straße oder in einer Bude Waren mit geringem Umsatz verkauft, Kleinhändler“, so das <a href="https://www.dwds.de/wb/H%C3%B6ker">Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache</a>. Die Etymologie liefert den Schlüssel: Das Wort ist abgeleitet von der Hucke, in welcher der Händler die Ware zum Markt trägt. Also sind es Rucksackwolken. Aua – was für ein unpoetisches Wort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrike Mayröcker schafft Abstand zwischen der Poesie und den profanen Verwendungsformen der Sprache. Zugleich ist ihr nichts heilig, d.h. sie verbietet sich nichts. Beim ersten Lesen hatte mich die Wendung „leichte kommunikation“ gestört, ich empfand es als Fremdkörper. Doch das war engstirnig gelesen, im Kosmos dieses Gedichts ist auch dafür Raum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zurück zum Text:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>o mond Unterlasz verwaist : you are no longer the same my dear!</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wer denkt bei: „o mond Unterlasz“ nicht an: „ohne Unterlass“? Wir benutzen das Wort „Unterlass“ gar nicht mehr ohne dieses ohne. Ist es deshalb „verwaist“? Die Dichterin gibt ihm einen neuen Satelliten mit: den „mond“. Um dann festzustellen: „you are no longer the same my dear!“ Eigentlich ist das eine Definition von Poesie: Die Wörter sind nicht mehr die gleichen wie vor dem Gedicht, die Dichterin hat aus ihnen etwas „gemacht“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist natürlich alles spekulativ. Ob die Dichterin gemeint hat, was ich in ihre Zeilen hineindichte, weiß ich nicht – doch ihr Spiel erlaubt mir diese Lesart. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fange an zu lesen wie ein Kind: Ich nehme die Wörter in die Hand, schraube sie auseinander und probiere aus, was ich mit ihnen machen kann. Jedes lesende Kind wird sich andere Wörter, andere Zeilen und Verse aussuchen für sein Spiel, bei jeder Lektüre entstehen neue Landschaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite 101 ist ein ganzes Buch, aus jeder Zeile quillt und sprudelt es. Friederike Mayröcker schöpft aus dem gesamten Reservoir von Sprache, aus allen Epochen, aus allen Stillagen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Page-99-Test-Verfahren kann ich nur einzelne Zeilen gegens Licht halten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>rohr-verschönt : eine Frau steghart süsz eine Frau<br>Leib licht Blätter Kranz fern so brief raschelnd südherz</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wühle in dem Satz herum, sehe auf den ersten Blick, dass „Leib licht“ aus „leiblich“ entstanden sein muss (bezogen auf die Frau aus der vorherigen Zeile). Versuchsweise google ich „steghart“, in der Annahme, dass nicht einmal Google dieses Wort kennt – und erhalte über 3000 Treffer. Wenn man Steghart nämlich groß schreibt, ist es ein Name (so viel zu der Sache mit der Groß- und Kleinschreibung).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch „südherz“ hat ein Leben außerhalb der Mayröckerschen Sprachwelt. Eine Vereinigung von Bioweingütern aus der Südsteiermark nennt sich Südherz („die Südherzler“). Und in Wien gibt es ein Immobilienprojekt mit diesem Namen, „Wohnflair das verbindet“ (sic!): „Das Neubauvorhaben Südherz verbindet sowohl emotional, als auch infrastrukturell über alle Maßen.“ Befindet man sich im Hallraum von Friederike Mayröckers Gedicht, wird alles zum Artefakt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">William H. Gass hat einmal gesagt, dass literarische Texte eine bewusstseinsverändernde Qualität haben, ähnlich wie ein Stück von Mozart: „Art constructs new consciousness.“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Zeilen Mayröcker, und man liest wie neugeboren. Jedes Wort schaut anders zurück.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Friederike Mayröcker<br><strong>Benachbarte Metalle</strong><br>Ausgewählte Gedichte<br>Anordnung und Nachwort von Thomas Kling<br>Suhrkamp Verlag 2016 · 192 Seiten · 11,95 Euro<br>ISBN: 978-3-518-24046-5<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518240465&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large is-resized has-filter-sepia"><a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783518240465&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="102204" data-permalink="https://tell-review.de/page-101-test-friederike-mayroecker/benachbarte-metalle_9783518240465_cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?fit=1669%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1669,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="benachbarte-metalle_9783518240465_cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?fit=671%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover.jpg?resize=226%2C347&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-102204" width="226" height="347" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=671%2C1030&amp;ssl=1 671w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=196%2C300&amp;ssl=1 196w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=52%2C80&amp;ssl=1 52w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=768%2C1178&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=1001%2C1536&amp;ssl=1 1001w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=1335%2C2048&amp;ssl=1 1335w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=2000%2C3069&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=1300%2C1995&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?resize=300%2C460&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/06/benachbarte-metalle_9783518240465_cover-scaled.jpg?w=1669&amp;ssl=1 1669w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /></a></figure>


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</div></div>



<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Page-99-Test: William Gaddis</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 May 2016 11:14:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
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		<category><![CDATA[William H. Gass]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein schöner Satz, der nicht aufgeht: Was eine Passage auf Seite 99 über den Stil von William Gaddis offenbart – und was von diesem Stil in der deutschen Übersetzung übrigbleibt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">I</span>ch habe mir vorgenommen, das Thema des „Satz-für-Satz“-Beitrags zur <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-5-reden-auf-papier/" target="_blank">Kunst des Dialogs </a>durch einen Page-99-Test zu vertiefen. Doch die Seite 99 ist eine Überraschungsbüchse: Nicht die Figurenrede ist das Aufregende auf Seite 99 von William Gaddis&#8216; Dialog-Roman <em>JR</em>, sondern eine Beschreibung. In der deutschen Version ist sie für mich unverständlich. Ein Vergleich mit dem Original zeigt, dass auch der Satz von William Gaddis sich kaum entschlüsseln lässt. Allerdings ist hier ein kühner Stil erkennbar, wir erleben etwas in der Sprache selbst. Diesem Stil jedoch machen Marcus Ingendaay und Klaus Modick in ihrer Übersetzung den Garaus – jedenfalls in dieser kurzen Passage auf Seite 99.</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Er stemmte sich gegen die fettdunstende Zumutung eines nach klassischer Hausmacherart zerkochten Lendenstücks, die ihm von innen her nachzog, drückte kurz und entschieden die Tür ins Schloß und folgte, unbehelligt nun, Stella durchs hohe Gras. Stella selbst bewegte sich mit der Sicherheit einer Krankenschwester durch diese Steppe, eine Krankenschwester, die den Stationsflur kurzerhand nach draußen verlegt hatte, vorbei an den verstümmelten Bäumen und dem multi-vegetativen Durcheinander einer Laokoon-Gruppe aus Geißblatt, wildem Wein und Rosen. Mit steinerner Miene würdigte sie kurz den entsetzlichen Versuch eines japanischen Holzapfelbaums, mit seinen unbeschnittenen Ästen vor dem Schindeldach des Studios so etwas wie ein Spalier zu bilden, und rief – hier entlang…? Ohne die Augen von ihren schwingenden Hüften lassen zu können, ging er voran und führte sie um den verwilderten Taxus herum, der die Backsteinterrasse vor der dumpfen Übermacht der Eichen beschützte.</div></div></p>
<p>Nie und nimmer hätte William Gaddis auf Deutsch das geschrieben, was wir hier lesen. Natürlich kann es keinen zweiten William Gaddis geben, weder auf Deutsch noch in einer anderen Sprache. Der Anspruch ist utopisch, und doch muss sich jede literarische Übersetzung an ihm messen lassen.</p>
<p>Das Werk von William Gaddis ist ein nahezu unbezwingbares Massiv. Etliche Übersetzer waren gescheitert, bevor sich Marcus Ingendaay seinerzeit an <em>The Recognitions</em> (1955) gewagt hatte. Die Übersetzung erschien 1998 unter dem Titel <em>Die Fälschung der Welt,</em> mehr als vierzig Jahre nach dem Original. Für ein <a href="http://www.deutschlandradiokultur.de/chronist-der-menschlichen-dummheit.974.de.html?dram:article_id=236452" target="_blank">Literaturfeature auf Deutschlandradio Kultur</a> über William Gaddis (2013) habe ich Marcus Ingendaay interviewt. Die Idee, dass die Gestalt des englischen Satzes die Gestalt des deutschen Satzes vorgeben soll, halte er „für absoluten Unsinn“. Das führe nur zu schlechtem Deutsch.</p>
<blockquote><p>Vergessen Sie die Gestalt des Englischen. Man nimmt den Text, zertrümmert ihn in seine Einzelteile und macht aus diesen Einzelteilen wieder etwas Neues.</p></blockquote>
<p>Schauen wir uns die unzertrümmerte Version der Passage auf Seite 99 im Original an. Lesen auf eigene Gefahr: „Wenn der Autor an seinem Werk arbeitet, muss das auch der Leser“, so <a href="http://www.readinggass.org/">William H. Gass</a> über <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/0307262863/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow"><em>A Temple of Texts</em></a>, Champaign 2007).</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">While with the effort of being contested from the other side by the robust emanation from the simmering tenderloin he’d got the door closed against its pursuit and set off on his own where Stella moved over the grown grass with the assurance of a nurse up corridors as though she’d brought the indoors with her, past the invalid trees and that horticultural Laocoön of honeysuckle, grape and roses, pausing inured at an excruciating attempt by Japanese crabapple to espalier its unpruned limbs against the studio’s shingles to call – this way…? and then lead on, returning his eyes to her sawing haunches rounding yew overgrown at the brick terrace that fronted the place against the lowering threat of oak.</div></div></p>
<p>Ein einziger, unaufhaltsam dahinfließender Satz. Man verliert sich darin, denn der Garten, in den der Autor uns lockt, ist ein Labyrinth aus Wörtern. Auf die Wendungen und Windungen dieses Labyrinths käme niemand anders als William Gaddis, sie sind Ausdruck seines Stils. Bei Gaddis ist die Sprache selbst das Ereignis: Man kann jeden Satzteil für sich betrachten, und man wird immer etwas finden, was man nicht gesucht hat.</p>
<blockquote><p>Stella moved over the grown grass with the assurance of a nurse up corridors as though she’d brought the indoors with her</p></blockquote>
<p><em>Sinngemäß &amp; improvisierend den Wörtern entlang übersetzt (im Folgenden &#8222;Wörtlich&#8220;): </em></p>
<blockquote><p>Stella bewegte sich durch das hochgewachsene Gras mit der Sicherheit einer Krankenschwester auf dem Stationsflur, als hätte sie das Drinnen mit hinaus gebracht.</p></blockquote>
<p><em>Ingendaay/Modick: </em></p>
<blockquote><p>Stella selbst bewegte sich mit der Sicherheit einer Krankenschwester durch diese Steppe, eine Krankenschwester, die den Stationsflur kurzerhand nach draußen verlegt hatte.</p></blockquote>
<p>Das Wort „Steppe“ macht aus dem wuchernden Garten eine fremde Landschaft; der Stationsflur ist kein Bild mehr für die Aura von Stella, vielmehr wird diese für einen Moment tatsächlich zu einer Krankenschwester, und der Korridor wird, zumindest sprachlich, „kurzerhand“ in den Garten versetzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>That horticultural Laocoön of honeysuckle, grape and roses</p></blockquote>
<p><em>Wörtlich:</em></p>
<blockquote><p>dieser gärtnerische Laokoon aus Geißblatt, Weinrebe und Rosen</p></blockquote>
<p><em>Ingendaay/Modick:</em></p>
<blockquote><p>dem multi-vegetativen Durcheinander einer Laokoon-Gruppe aus Geißblatt, wildem Wein und Rosen</p></blockquote>
<p>In Gaddis&#8216; Pflanzenskulptur gibt es kein Wort zu viel und keins zu wenig. Das „multi-vegetative Durcheinander“ der deutschen Übersetzung ist nicht nur ein Wortmonster, es zerstört eine bewusst gesetzte Lücke. Gerade dieses Durcheinander spricht Gaddis nicht aus: Es steckt in der Laokoon-Skulptur – und damit in unserer Vorstellung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>an excruciating attempt by Japanese crabapple to espalier its unpruned limbs against the studio’s shingles</p></blockquote>
<p><em>Wörtlich</em>:</p>
<blockquote><p>ein quälender Versuch eines japanischen Zierapfels, seine unbeschnittenen Glieder zu den Schindeln des Studios hoch spalieren zu lassen</p></blockquote>
<p><em>Ingendaay/Modick:</em></p>
<blockquote><p>den entsetzlichen Versuch eines japanischen Holzapfelbaums, mit seinen unbeschnittenen Ästen vor dem Schindeldach des Studios so etwas wie ein Spalier zu bilden</p></blockquote>
<p>Die Glieder (<em>limbs</em>), die an die verschlungene Laokoon-Figur von vorhin erinnern, fehlen hier. Auch Gaddis‘ mutwillig-elegante Verwandlung des Substantivs „espalier“ in ein Verb wird uns vorenthalten. Stattdessen sehen wir den &#8222;entsetzlichen&#8220; Versuch der Äste, „so etwas wie ein Spalier zu bilden“.</p>
<p>Am meisten irritiert mich ein Satzstück ganz am Anfang der Passage:</p>
<blockquote><p>the robust emanation from the simmering tenderloin</p></blockquote>
<p><em>Ingendaay/Modick</em></p>
<blockquote><p>die fettdunstende Zumutung eines nach klassischer Hausmacherart zerkochten Lendenstücks</p></blockquote>
<p>Die „starke Ausdünstung“ verwandelt sich in eine “fettdunstende Zumutung”, und das Lendenstück, das auf Englisch brav vor sich hinsimmert, wird nicht nur „zerkocht“, sondern dies auch noch „nach klassischer Hausmacherart“. Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Doch hier erfinden die Übersetzer Effekte, die der Autor nicht beabsichtigt hat: Es ist, als würden sie die Lautstärke hochdrehen. Action!</p>
<p>Doch in Gaddis&#8216; Prosa findet die Action woanders statt. Erst in zweiter Linie sind die Worte Bedeutungsträger. In erster Linie dienen sie Gaddis als Material: Er entlockt den Worten Klang, Farbe, Rhythmus.</p>
<blockquote><p>against the lowering threat of oak</p></blockquote>
<p>Mit dem letzten Satz ist diese Prosa bei der Lyrik angelangt. In einem unbeirrbaren Rhythmus erdichtet Gaddis eine sich herabneigende Bedrohung, die „von Eiche“ ausgeht,  als handle es sich dabei um eine Substanz und nicht um eine Baumart. Das lässt sich nicht in Alltagssprache übersetzen. Außer man tut es:</p>
<p><em>Ingendaay/Modick: </em></p>
<blockquote><p>vor der dumpfen Übermacht der Eichen</p></blockquote>
<p>Der „Taxus“ soll den Ort vor dieser Übermacht beschützen, auf Englisch <em>yew</em>, zu Deutsch Eibe. Unerfindlich bleibt, warum hier die lateinische Gattungsbezeichnung gewählt wurde, die uns unsinnigerweise auch noch an ein Taxi denken lässt.</p>
<p>Nicht nur mit den Wörtern erlaubt sich diese Übersetzung fahrlässige Freiheiten, sondern auch mit dem Satzbau. Der laokoonisch verschlungene englische Satz mit nur gerade drei Satzzeichen wird wie mit der Axt in vier Sätze zerschlagen. Verschwunden ist das Labyrinth, es wird ersetzt durch überzeichnete Bilder, die nicht recht passen.</p>
<p>Auch das Original ist zweifelhaft, bei aller Schönheit: Der Satz lässt sich grammatikalisch nicht aufdröseln. Ob Gaddis die Kontrolle über seinen Satz entglitten ist? Ob er sich beim Schreiben von Klang, Farbe und Rhythmus seiner Worte davontragen lassen hat? Habe ich auf Seite 99 zufällig eine Passage erwischt, wo ihm etwas misslungen ist? Vielleicht. Und doch ist der Laokoon-Satz charakteristisch für Gaddis&#8216; stilistischen Anspruch: Er macht mit der englischen Sprache etwas, was keiner vor ihm versucht hat.</p>
<p>Die Übersetzer müssen bei einem unverständlichen Satz natürlich Entscheidungen fällen. Beispielsweise ist nicht klar, wer bei &#8222;lead on&#8220; Subjekt ist, ja nicht einmal, wer die Frage stellt &#8222;this way? – &#8222;: die Frau mit den wiegenden Hüften oder der Mann, der von diesen Hüften die Augen nicht lassen kann.</p>
<p>Dass eine Übersetzung das <em>Was</em> des Originals verändert, ist in einem solchen Fall fast unumgänglich. Was mich irritiert, ist der Umgang mit dem <em>Wie</em>. Bei der Übersetzungsmethode durch Zerlegen und neu Zusammensetzen bleibt von dem, was William Gaddis stilistisch in die Welt gebracht hat, kaum etwas übrig. Interessanterweise hatte Gaddis im deutschen Sprachraum mehr Erfolg als in Amerika, zumindest zur Zeit seiner Entdeckung. Ist dies das Verdienst einer Übersetzung, die uns die Zumutungen des Originals erspart?</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
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</div></div></p>
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<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild: Sieglinde Geisel</em></h6>
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