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	<title>Wahrhaftigkeit &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Wahrhaftigkeit &#8211; tell</title>
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		<title>Satz für Satz 10: Wahrhaftigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 May 2017 09:19:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Das Wort „authentisch“ wird von Literaturkritikern und Lesern gern verwendet, um zu erklären, warum ein Buch sie überzeugt Aber was heißt es eigentlich, authentisch oder wahrhaftig zu schreiben?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>em Kriterium der Wahrhaftigkeit widmet Eduard Engel in <em>Deutsche Stilkunst</em> gleich zu Anfang ein ganzes Kapitel. Eigentlich gebe es nur zwei Hauptstilarten: den „wahrhaftigen“ und den „unwahrhaftigen“ Stil. Engel hängt die Latte denkbar hoch:</p>
<blockquote><p>Jeden Satz, jedes Wort so lauterwahr zu schreiben, als liege man auf dem Sterbebett, das zwingt den guten, den großen Stil herbei.</p></blockquote>
<p>Eduard Engel hat das im Jahr 1911 geschrieben. Heute würde er vielleicht das Wort „authentisch“ benutzen – oder auch gerade nicht. Das Wort hat durch inflationären und unsachgemäßen Gebrauch gelitten. Ein Blick in die <a href="https://www.dwds.de/wb/authentisch" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Etymologie</a> zeigt, wie nützlich der Begriff eigentlich ist. Im griechischen „authentikos“ steckt das Wort „authos“ (selbst). „Authentisch“ bedeutet: „zum Urheber in Beziehung stehend“, also „original, zuverlässig“, später auch „echt“.</p>
<p>Ein Autor ist demnach jemand, der oder die <em>selbst</em> schreibt: in eigener Verantwortung und in Übereinstimmung mit sich selbst. Es geht darum, das zu schreiben, was man denkt und fühlt, ja vielleicht sogar das zu schreiben, was man ist. So einfach es klingt, so schwierig erscheint es in der Ausführung. Oft findet man beim Schreiben erst heraus, was man denkt und fühlt, und umgekehrt merkt man, dass ein Gedanke noch nicht reif ist, ein Gefühl noch nicht plastisch, weil man die richtigen Worte dafür nicht findet. Denn man kann zwar Dinge denken, fühlen und ahnen, die man nicht sagen kann – doch sagen kann man nur, was man denken kann. In der schönen Literatur gibt es Texte, die sich an die Grenzen des Denk- und Sagbaren heranwagen, insbesondere in der Lyrik. Die Sprache ist dann ein Forschungsinstrument: Wer sich der Sprache anvertraue, gerate bisweilen an Orte, wo zuvor noch niemand war, so formuliert es Joseph Brodsky in seiner Nobelpreisrede.</p>
<h3>Arbeit an sich selbst</h3>
<p>Wie entsteht Wahrheit im Schreiben? In ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“ fordert Virginia Woolf die Leser auf, sich die Schwierigkeiten des Schreibens bewusst zu machen:</p>
<blockquote><p>Besinnen Sie sich also auf irgendein Ereignis, das einen deutlichen Eindruck in Ihrem Gedächtnis hinterlassen hat – wie an der Straßenecke vielleicht zwei Menschen im Gespräch standen, als Sie vorübergingen. Ein Baum bebte; ein elektrisches Licht tanzte; der Ton des Gesprächs war komisch, aber auch tragisch; eine ganze Vision, eine in sich vollkommene Konzeption schien in jenem Augenblick enthalten.</p>
<p>Doch wenn Sie versuchen, das innere Bild in Worten zu rekonstruieren, werden Sie finden, daß es in tausend widerstreitende Impressionen zerfällt. Manche müssen gedämpft, andere betont werden; währenddessen wird wahrscheinlich die Grundempfindung Ihrem Zugriff entgleiten.</p></blockquote>
<p>Wenn schon die Wiedergabe einer Alltagsszene mit Worten so komplex ist – um wie viel schwieriger erscheint dann die Übersetzung innerer Zustände in Sprache. Wahrhaftiges Schreiben bedingt die Erforschung der eigenen Wahrnehmung. Die Suche nach dem richtigen Wort ist daher nicht nur Arbeit am Text, sondern auch Arbeit an sich selbst: Zur <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/">Genauigkeit</a> gelangt nur, wer sich in seine <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-8-tiefe/">Tiefe</a> vorwagt, wer also die (eigenen und fremden) Erwartungen, alle Absichten beiseite schiebt und sich ins Unbewusste begibt – wer „das unter dem Herzen Eingeweckte“ (Thomas Harlan) birgt und damit die „ungeheuren Emotionen&#8220; freisetzt, &#8222;die in Kunstwerken gebunden sind“ (Ossip Mandelstam).</p>
<h3>Präzision des Ausdrucks</h3>
<p>Deshalb hat das wahrhaftige Schreiben auch eine therapeutische Wirkung: Beim Schreiben findet man heraus, wer man ist. Das gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch im Alltag.</p>
<blockquote><p>Ich halte es – jetzt und in Zukunft – für ein lohnendes Ziel, seine Sprache präzise zu gebrauchen. (&#8230;) Das soll uns in die Lage versetzen, uns so umfassend und präzise wie möglich auszudrücken. (&#8230;) Denn die Häufung von nicht klar Dargelegtem, nicht richtig Ausgedrücktem kann zur Neurose führen.</p></blockquote>
<p>Diesen Ratschlag gibt Joseph Brodsky in seiner Rede „Speech at the Stadium“ (1988) den Universitätsabsolventen von Ann Arbor mit auf ihren Lebensweg. Man solle sein Vokabular so sorgfältig pflegen wie sein Bankkonto: Die Sprache als Ausdrucksmittel („articulation“) dürfe gegenüber den Erfahrungen nicht im Minus bleiben, denn dieses Defizit schade der Seele.</p>
<p>Ohne das innere Selbstgespräch der Seelenforschung findet man nicht heraus, was man wirklich denkt, fühlt, sieht, sich vorstellt. Wenn man hinschreibt, was einem gerade einfällt, erwischt man oft nur das Naheliegende, und das ist meistens gerade nicht das Eigene, sondern Floskeln, also Dinge, die schon andere gedacht und gesagt haben.</p>
<h3>Vom Erlebten zum Erschriebenen</h3>
<p>Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit, nach Unverfälschtem, ist eine Reaktion auf Verunsicherung, so erklärt sich die derzeitige Konjunktur des Begriffs Authentizität. Viele Leser wünschen sich Bücher, in denen Erlebtes – in der Regel Erlittenes – möglichst direkt zu Papier kommt, ungefiltert und roh. Doch das ist ein Missverständnis, denn die Wahrhaftigkeit entsteht erst durch den Stil, auf dem Weg, den das Erlebte zum Erschriebenen zurücklegt. Wahrheit ist etwas anderes als Wirklichkeit: Märchen und Wundergeschichten sind wahr, auch wenn sie nicht stattgefunden haben, und umgekehrt entsteht oft keine Wahrheit, wenn Wirklichkeit 1:1 wiedergegeben wird. Um es grob zu sagen: Ist es nur hingekotzt (offenbar ein Leitmotiv in der <a href="http://tell-review.de/page-99-test-karl-ove-knausgard/">Selbstbeschreibungsprosa </a>des Karl-Ove Knausgård) oder ist es gestaltet? Hat sich der Autor die Erschütterungen wahrhaftig zu eigen gemacht, sie verwandelt und transzendiert – und ist er oder sie damit durch den Akt des Schreibens zum Autor des eigenen Lebens geworden? Virginia Woolf hat sogar ihre Tagebücher in dieser Haltung geschrieben, denn im Stil sind ihre <em>Diaries</em> keineswegs privat. Sie sind für andere – und damit Kunst.</p>
<h3>Kill your darlings</h3>
<p>Was verhindert Wahrhaftigkeit beim Schreiben? Man könnte sagen: Alles, was den Schreibenden von sich selbst entfernt. Eduard Engel nennt die Eitelkeit, die Pose als größten Feind der Wahrhaftigkeit. Die Eitelkeit schaut auf die Außenwirkung, nicht ins Innere, deshalb trennt die Eitelkeit den Schreibenden von sich selbst. In dem Kapitel über die Wahrheit stellt Engel in seiner Stilkunde einen Katalog der „Schwindelkünste des unredlichen Stils“ auf:</p>
<blockquote><p>Der geckenhaft gesuchte Ausdruck, die geistreichelnde Bilderei, das überflüssige Lesefrüchteln, das Prunken mit eilig zusammengerafftem Papierwissen, das eitle Auskramen von Brocken aus allen möglichen fremden Sprachen, die verstiegene Fremdwörtelei, die ‚preziöse‘, sich kostbar machende Vornehmtuerei, die Unnatur des Schwulstes.</p></blockquote>
<p>Wer sich der Vornehmtuerei, der Fremdwörtelei und dem Schwulst hingibt, bemäntelt mit den stilistischen Arabesken oft eine innere Leere: Er bietet ein Feuerwerk der Form, gibt sich jedoch in seinem wahren Selbst nicht zu erkennen. Auch bei Texten, die nicht vornehm tun wollen, ist die Eitelkeit eine Gefahr. Der Spruch „Kill your darlings!“ ist nicht von ungefähr ein Klassiker der Schreibratgeber. Wer kennt das nicht: Man ist stolz auf die brillante Idee, sonnt sich in seinem Satz – und weiß doch insgeheim, dass er besser klingt, als er ist. Gute Lektoren achten nicht nur darauf, dass im Text das steht, was der Autor ausdrücken wollte, sie nehmen auch keine Rücksicht auf dessen allfällige Selbstverliebtheiten. Das ist oft ein Drahtseilakt, denn nicht alle Autoren sind so pragmatisch wie Stephen King, der seine Bücher von seiner Frau Tabby gegenlesen lässt:</p>
<blockquote><p>Gott sei Dank habe ich jemanden, der mir sagt, dass mein Hosenstall offensteht, bevor ich damit raus an die Öffentlichkeit gehe.</p></blockquote>
<h3>Schreiben braucht Mut</h3>
<p>Das Zweite, was dem wahrhaftigen Schreiben im Weg steht, ist die Angst.</p>
<blockquote><p>Angst, davon bin ich überzeugt, ist meistens die Ursache schlecht geschriebener Texte.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Stephen King</span></p>
</blockquote>
<p>Schreiben braucht Mut: zuerst den Mut herauszufinden, was zum Vorschein kommt, wenn man die ganzen Konventionen und Selbsttäuschungen einmal zur Seite räumt, und dann den Mut, sich zu dem, was man ausgegraben hat, auch zu bekennen.</p>
<p>Wahrhaftige Literatur sagt auf immer wieder neue Art:</p>
<blockquote><p>Ich ist ein anderer.</p>
<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;">Arthur Rimbaud</span></p>
</blockquote>
<h5><span style="text-decoration: underline;"><strong>Verwendete Literatur:</strong></span></h5>
<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Eduard Engel: Deutsche Stilkunst</strong><br />
Die Andere Bibliothek 2016 · 976 Seiten · 78 Euro<br />
ISBN: 978-3847703792<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Stephen King: Das Leben und das Schreiben</strong><br />
Heyne Verlag 2011 · 384 Seiten · 10,99 Euro<br />
ISBN: 978-3453435742<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Virginia Woolf: Der ungewöhnliche Leser. Band 2</strong><br />
Aus dem Englischen von Hannelore Faden<br />
S. Fischer 1990 · 324 Seiten · 17 Euro<br />
ISBN: 978-3100925725<br />
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<p><span style="font-size: 80%;"><strong>Joseph Brodsky: Der sterbliche Dichter</strong><br />
Essays<br />
Aus dem Englischen von Sylvia List<br />
S. Fischer 2000 · 320 Seiten · 12,90 Euro<br />
ISBN: 978-3596145973<br />
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Prudentia. Die Klugheit<br />
Illustration zu Johann Amos Comenius: Orbis sensualium pictus — Kapitel CX.<br />
Künstler vermutl. Paul Creutzberger.<br />
Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOrbis-pictus-224.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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