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	<title>Verschwörungstheorien &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Verschwörungstheorien &#8211; tell</title>
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		<title>Gegen das Tribunaldenken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2024 07:53:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum sind die Diskussionen über die Corona-Pandemie so aufgeheizt? In ihrem Buch „Alles überstanden?“ zeigen Christian Drosten und Georg Mascolo, wie man faktenbasiert streiten kann. Eine Rezension aus der Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Mit Ausnahme des Themas Migration war kein Thema in den Wahlkampfstrategien der Neuen Rechten derart präsent wie die Corona-Pandemie.&nbsp;Es verging im Sommer praktisch kein Tag, an dem in Sachsen nicht von irgendwo her der Rücktritt oder gar die Bestrafung von Entscheidungsträgern, Politiker, Journalisten oder Wissenschaftlern der Pandemie-Zeit gefordert wurde. Die Bestrafungsfantasien reichten teilweise bis zum Galgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Brandenburger Landtagswahlkampf arbeitete die AfD unverhohlen mit diesem Tribunaldenken. Auf Plakaten wurde gefordert, Politiker „endlich für Fehler zu bestrafen“. Der AfD-Kandidat für das Märkische Oderland, Lars Günter, lud in seinem Wahlkampf zu einem Film ein, der die während der Pandemie „schuldig“ gewordenen Eliten „entlarven“ soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und man staunte, welche Zeitgenossen dem Vorschub leisten. Etwa der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, der eine politische Aufarbeitung der Pandemie fordert. Diese durchaus nachvollziehbare Forderung begründet er, wie die AfD, mit den angeblich kompromittierenden „RKI-Files“, obwohl sich in denen bei genauer Betrachtung nichts Wesentliches findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte es dazu kommen, dass eine ganze Gesellschaft sich von Verschwörungsdenkern derart vorführen lässt? Und wie konnte es sein, dass aus dem Wunsch einer politischen Aufarbeitung billigste Rachsucht wurde? Hat dieser Spin – weg von einer vernünftigen Aufarbeitung, hin zum Tribunaldenken – auch etwas mit fehlgegangener Kommunikation zu tun? Begann diese fehlerhafte Kommunikation schon während der Pandemie?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Personen dieser angeprangerten Eliten, Christian Drosten und Georg Mascolo, haben ein Gespräch über genau diese Zeit verfasst. Schnell erfährt man in ihrem Buch <em>Alles überstanden?</em>, dass sich die beiden durchaus nicht immer einig sind. Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus: Beide kritisieren den jeweils anderen und dessen Rolle während der Pandemie, aber es ist eine Kritik, die ganz ohne Verschwörungsdenken auskommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Journalist Georg Mascolo etwa kritisiert die chinesische Informationspolitik und zugleich die Tatsache, dass die Frage nach der Herkunft des Virus‘ derartig ideologisch aufgeladen wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Paper in der Fachzeitschrift <em><a href="https://www.nature.com/nm/">nature science</a></em>, an dem auch Christian Drosten beteiligt war. Darin wurde die Herkunft des Virus aus der Natur als einzige Möglichkeit dargestellt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu Mascolo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das war ein problematischer Vorgang. Das Paper trug dazu bei, dass ein möglicher Labor-Ursprung öffentlich zu einer reinen Verschwörungserzählung erklärt werden konnte. […] Das Vertrauen, man gehe mit allen möglichen Hypothesen offen um, nahm dadurch Schaden.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Vertrauensverlust sei durch die Impfpflichtdiskussion noch verstärkt worden. Zunächst erteilten führende Politiker einer Impfpflicht eine klare Absage, dann aber wurde, ebenfalls von Politikern, eine Impfpflichtdebatte entzündet. Das habe das ohnehin schon angekratzte Vertrauen weiter verspielt, zumal die Impfung dann gegen die Weiterverbreitung des Virus doch weniger wirksam war als ursprünglich angenommen. Gerade in diesem Punkt gebe ich Georg Mascolo recht. Die Impfpflichtdiskussion hat wie keine zweite das Vertrauen in die Regierung untergraben, zumal sie sich im Pandemieverlauf mit der Erfahrung der ökonomischen Existenzbedrohung verband.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man erkennt an diesen Beispielen das Kontroverse des Gesprächs. Hier findet Aufklärung statt und die beiden schonen sich keineswegs. Das zeigt sich im Weiteren in der Auseinandersetzung über die Rolle der Medien. Mascolo fragt Drosten, wo er Berichterstattung vermisst habe.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich kann Ihnen mal drei Punkte nennen, die mir persönlich fehlten: Wie wurde an der Pandemie verdient? Um welche Themen dreht sich die Pandemie-Nachbearbeitung in anderen Ländern? Und was war eigentlich das politisch-gesellschaftliche Ziel unserer Pandemiekontrolle: Hatten offene Schulen oder hatte die Wirtschaft Priorität?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten kritisiert den Weg des „Economy first“: Die Pendlerzüge waren voll, doch die Schulen wurden geschlossen. Obwohl Christian Drosten dies bis heute falsch findet, wird gerade seine Person mit den Schulschließungen in Verbindung gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Gesprächspartner wünschen eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Coronabeschlüsse. Als Arzt habe ich allerdings einige persönliche Erfahrungen gemacht, die einer solchen Aufarbeitung entgegenstehen. Auch unter meinen Kollegen habe ich undifferenzierte Schuldzuweisungen erlebt, bis hin zu Hassreden gegen Karl Lauterbach. Hier decken sich meine persönlichen Erfahrungen mit den Forschungen der Sozial-Psychologin <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verschwoerungsmythen-hetze-netz-internet-afd-lamberty-e441769/">Pia Lamberty</a>. Verschwörungsdenken gibt es in jeder Gesellschaft, doch mit der Corona-Pandemie und ihren ökonomischen Folgen verließ dieses Denken den <em>lunatic fringe</em> und kam in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Aufklärer gerät man in diesen Debatten schnell an Grenzen: Der Verschwörungstheoretiker weiß eine große Sache und die ganz gewiss, Aufklärer dagegen kennen viele Einzelheiten, und sie haben Fragen, die sie klären möchten. Gewissheit jedoch ist immer attraktiver als abwägendes Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann auch sagen: Verschwörungstheoretiker sind auf einem Kreuzzug. Und Kreuzzügler wollen nicht analysieren, sondern schuldig sprechen, sie wollen nicht aufklären, sondern verurteilen. Ihre Gewissheit, die sie mit Wissen verwechseln, stellen sie gegen die angebliche Dummheit der Welt. Erfahrungsgemäß hilft gegen einen solchen Kreuzzug kein Einspruch der Vernunft, umso weniger, wenn dabei wirtschaftliche Ängste instrumentalisiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um wieder diskutieren zu können, sollte eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Pandemie an drei wissenschaftlich belegte Prämissen geknüpft werden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>1. Prämisse<br></strong>Das Virus war gefährlich. In der <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1422600/umfrage/lebenserwartung-nach-kontinenten-und-weltweit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Statistik</a> der Lebenserwartung zeigt sich für alle Kontinente in den Jahren 2020/21 eine Delle, die nur mit SARS-Cov2 erklärt werden kann.<a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>2. Prämisse<br></strong>Die Impfung war wirksam. Sie verhinderte zwar nicht die Ansteckung, doch Todesfälle, denn sie sorgte für einen milderen Krankheitsverlauf. Im Juni 2024 wurde in der renommierten Fachzeitung <em><a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext#" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Lancet</a></em> eine Studie publiziert, die diese Einschätzung belegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>3. Prämisse<br></strong>Auch die nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie Masken und Kontaktbeschränkungen waren wirksam, Beleg dafür ist ein Text der <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" data-type="link" data-id="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Royal Society</em></a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn diese drei Prämissen akzeptiert werden, dann kann man über Schulschließungen, Impfpflichtdiskussionen, Freiheitsbeschränkungen etc. diskutieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Christian Drosten stellt lapidar fest, was auch meiner Erfahrung entspricht. So schlecht sind wir in Deutschland nicht durch die Pandemie gekommen, trotz unserer überalterten Bevölkerung.&nbsp; Hinterher ist man immer klüger. Drosten erinnert daher an die Voraussetzungen des Nicht-Wissens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein politischer oder gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozess setzt voraus, dass wir die damals herrschende Situation klar vor Augen haben und sie nicht aus einer Warte der überstandenen Gefahr bewerten, sondern aus der Warte der damaligen Bedrohung und Unsicherheit. Denn aus Unsicherheit heraus werden auch beim nächsten Mal die Entscheidungen getroffen werden müssen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: IMAGO/Bihlmayerfotografie </h6>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Christian Drosten, Georg Mascolo<br><strong>Alles überstanden? </strong><br><strong>Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird</strong><br>Ullstein 2024 · 272 Seiten · 14,99 Euro<br>ISBN: 978-3548070322<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Eine Welt ohne Zufall</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Jun 2020 06:47:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Coronakrise zeigt sich erneut: Wo Gewissheiten schwinden, haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Zwei Bücher helfen dabei, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten. Und manchmal auch auf Aktuelles und aktuell Gebliebenes. </div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Ganz aktuell, sozusagen „Corona-aktuell“ sind derzeit Debatten rund um Verschwörungstheorien. Da empfehle ich zwei Bände, die etwas tiefer in die Materie eindringen: Michael Butters <em>Nichts ist wie es scheint – Über Verschwörungstheorien</em> (2018) und Karl Hepfers <em>Verschwörungstheorien – Eine philosophische Kritik der Unvernunft</em> (2015). Beide Autoren kommen in vielen Punkten zu ähnlichen Ergebnissen; spannend wird es, wo sie differieren. Beide Bände sind schon vor einigen Jahren erschienen und sagen naturgemäß nichts zur Corona-Pandemie. Aber desto besser, denn es geht um die Mechanismen verschwörungstheoretischen Denkens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grundlegenden, abstrakten, inzwischen regelrecht ‚standardisierten‘ Kriterien für Verschwörungstheorien werden von beiden Autoren akzeptiert: Verschwörungstheorien sind Wirklichkeitskonstrukte (im weitesten Sinn also tatsächlich Theorien, wenn auch in einem anspruchslosen Sinn des Wortes), die die amorphe Wirklichkeit (bzw. relevante Ereignisse wie etwa Kriegsausbruch, Wirtschaftskrise o.ä.) als das Ergebnis zielgerichteten Tuns einer kleinen Gruppe von Verschwörern beschreibt und erklärt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Im Würgegriff der Verschwörer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Damit verbunden ist eine dichotome Weltsicht: „wir“ (Mehrheit, ‚normal‘, machtlos, im Würgegriff der Verschwörer, also Opfer) gegen „sie“ (Minderheit, mit fast grenzenloser Macht ausgestattet, den eigenen Interessen und letztlich dem Bösen verpflichtet, also Täter). In einer solchen Weltsicht gibt es keinen Zufall, keine Kontingenzen, keine Fehler – alles geschieht, weil „sie“ und ihr Masterplan es so wollen (Politiker X ist nicht verunfallt, weil er betrunken zu schnell gefahren ist – “sie“ hatten ihre Finger im Spiel!). Alle Verschwörungstheorien immunisieren sich gegen Falsifikation, und zwar letztlich mit dem immer gleichen rhetorischen Trick: Einwände gegen eine Verschwörungstheorie kommen von „ihnen“, den anderen, sie ‚beweisen‘ nur, wie tief die Verschwörung schon reicht. „Wir“ Verschwörungsentlarver wiederum erklären uns zu hehren St-Georgs-Reitern, die „tapfer“  gegen eine Welt voller Lügen und voller Blinder („Schlafschafe“ heißt das seit Neuestem) zu Feld ziehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In Michael Butters Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Konspirationismus löst eine vielschichtige und widersprüchliche Wirklichkeit in den manichäischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Der meist kleinen Gruppe von Verschwörern, die letztlich für alles, was geschieht, verantwortlich ist, steht die große Gruppe von Opfern gegenüber, die bis auf wenige Erleuchtete gar nicht begreift, was geschieht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verschwörung und Realität</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Karl Hepfer argumentiert als Philosoph, Michael Butter als Literatur-/Kulturwissenschaftler. Beide Perspektiven sind bereichernd. Hepfer geht systematisch vor: Wie wird für Verschwörungstheorien argumentiert, was hat das mit den klassischen philosophischen Thesen zu Wissenschaft, Handlung, Gesellschaftlichkeit etc. zu tun? Butter wiederum bietet eine hochinteressante Historie der Verschwörungstheorien an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hepfer räumt ein, was Butter – meines Erachtens mit schlechten Argumenten – bestreitet: Dass es natürlich auch Thesen über die Wirklichkeit geben kann, die nach allen Standards als Verschwörungstheorie zu bezeichnen sind, die sich dann aber doch als zutreffend erweisen. Wenn ich im Sommer 1990 gesagt hätte, die Behauptung, irakische Truppen hätten Babys aus Brutkästen gerissen, sei eine PR-Lüge, die einen Krieg stützen soll, wäre ich nach allen rationalen Standards Verschwörungstheoretiker gewesen. Doch ich hätte Recht gehabt. Hepfer sieht das Problem; Butter wiegelt ab, was schade ist, denn es nimmt seinem Buch etwas von seiner Überzeugungskraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau dies ist ja das Problem aller Verschwörungstheorien – dass sie eben (abgesehen von einigen bizarren Fällen wie etwa „Die Amis waren gar nicht auf dem Mond“) gerade <strong>nicht</strong> ersichtlich absurd sind. Man denke an den Komplex NSU/Verfassungsschutz oder an das Oktoberfestattentat. Wissen wir es mit letzter Sicherheit? Nein! Wären wir überrascht, wenn herauskäme, dass der Neonazi-Terror doch Unterstützer innerhalb der Dienste gehabt hat? Wohl kaum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hepfer schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Verschwörungstheorien, ob eingebildet oder ‚echt‘, sind oft weit weniger ‚wirr‘ als es auf den ersten Blick aussieht. Im Gegenteil: zum Teil sind sie sogar hochgradig schlüssig und erfüllen viele der üblichen Kriterien für wissenschaftliche Theorien in vorbildlicher Weise. Ein zweiter Blick auf die Sache lohnt sich also und ist weniger abwegig, als es zunächst erscheint.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich mit Logik und Geschichte von Verschwörungstheorien näher befassen möchte, sollte zu beiden Bänden greifen. Sie ergänzen sich gut, und sie widersprechen einander dort, wo die Debatte stattfindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph" style="font-size:12px"><em>Hinweis: Beide Bände gibt/gab es auch bei der <a href="https://www.bpb.de" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bundeszentrale für politische Bildung</a>. Die Bundeszentrale legt sie immer mal wieder auf; man schaue gelegentlich dort vorbei. Sollte man sowieso ab und an tun.</em></p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Aluhutträger. Von Piratenmensch <a href="https://www.flickr.com/photos/piratenmensch/9705663820" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Flickr</a><br> Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 2.0</a><br>Buchcover: Verlage</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Michael Butter<br><strong>Nichts ist, wie es scheint</strong><br>Über Verschwörungstheorien<br>Suhrkamp Verlag 2018 · 271 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: 978-3-518-07360-5<br></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Karl Hepfer<br><strong>Verschwörungstheorien</strong><br>Eine philosophische Kritik der Unvernunft<br>transcript Verlag 2015 · 192 Seiten · 24,99 Euro<br>ISBN: 978-3-8376-3102-9<br></p>



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