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	<title>Ukraine &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Ukraine &#8211; tell</title>
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		<title>Krieg und Trauma</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Apr 2022 09:26:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Holodomor]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Krieg Russlands gegen die Ukraine findet auf einem traumatisierten Gelände statt. Doch kaum jemand spricht über den Holodomor und Tschernobyl. Die Lektüre von Oksana Sabuschkos Essayband „Planet Wermut“ (2012) bringt die unterirdischen Traumafelder ins Bewusstsein. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Walter Benjamin spricht in seinen Thesen zum Begriff der Geschichte vom Trümmerfeld der Vergangenheit. Der Engel der Geschichte könne die einzelnen Trümmer deshalb nicht wieder zusammenfügen, da ihn ein Sturm fortträgt, der aus dem Paradies herüber weht und den man den Fortschritt nennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gegenwärtige Trümmerfeld der bombardierten ukrainischen Städte wächst, nicht nur durch den Beschuss aus der Luft, sondern auch von unten her, heraus aus einem weiteren Feld, das manche als Traumafeld bezeichnen, welches sich über die Jahrhunderte in der gesamten Region zwischen Riga, Lwiw und Wladiwostok ausgebildet hat. Darüber wird in diesen Tagen kaum gesprochen, und doch wäre gerade dies so dringlich, wenn wir der Spirale von Gewalt und Hass entkommen wollen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zurück zum Eisernen Vorhang</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten zwei Wochen des Krieges haben in mir schieres Entsetzen, Angst und Trauer ausgelöst. Die Trauer trat zunehmend in den Vordergrund: Trauer um das Leid der Menschen und die im Krieg Getöteten und zugleich um den Verlust der Welt, wie wir sie kannten. Trauer darüber, dass die Logik des Militärischen uns übertölpelt und jene Welt pulverisiert, die seit den 1970er Jahren unter Namen wie Entspannung, friedliche Koexistenz, Wandel durch Handel die Hoffnung auf Verständigung und sogar Partnerschaft zwischen Ost und West genährt hatte. Trauer darüber, innerhalb von wenigen Stunden sich zurück katapultiert zu finden in die Welt des Eisernen Vorhangs und der atomaren Bedrohung. Plötzlich in eine scheinbare Alternativlosigkeit von Waffenlieferungen und Aufrüstung gestoßen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gab es einen ersten Lichtblick: ein Interview mit Alexander Kluge in der <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2022-03/alexander-kluge-krieg-ukraine-europa-frieden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ZEIT</a> eine Woche nach Kriegsausbruch. Krieg, so Kluge, sei unberechenbar, unbeherrschbar und nebelhaft. Man könne Krieg nicht durch Krieg besiegen. Und dann: „Man kann den Krieg nur beenden, wenn man den Möglichkeitsraum findet, in dem Frieden möglich wäre.“ Wo öffnen sich also Möglichkeitsräume? Oder – ein beliebter Topos bei Kluge – die Notausgänge?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verstrickung durch Ignoranz</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir einmal auf das unterirdische Traumafeld, das sich rhizomartig von Ost nach West erstreckt, auch über die Elbe hinaus. Auch wir sind darin verstrickt, ob wir es wahrnehmen möchten oder nicht. Im Jahre 1941 haben ukrainische und litauische Parteien und Militärverbände die Nazis als Befreier begrüßt, mit deren Hilfe sie die Herrschaft der Sowjets abzuschütteln hofften. Wieder einmal wurde der Ritter, der auszog, den Drachen zu bekämpfen, im Zuge des Kampfes selbst zum Drachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging unsere Verstrickung durch Ignoranz weiter. Die politischen Eliten des Westens wollten nichts hören von den Traumata des Ostens, sie setzten auf Fortschritt und wollten siegen und vergessen. Die Integration des westlichen mit dem östlichen Europa ist misslungen, weil auf beiden Seiten der Sturm vom Paradies stärker war als die Mühsal, Scherben aufzulesen und hier und da zusammenzufügen. Ich selbst kenne gut die polnischen Befindlichkeiten, die russischen dagegen weit weniger. Über die Ukraine wusste ich bisher nicht allzu viel außer den Klischees einer scharfen kulturellen Trennlinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kosmische Katastrophen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vor ein paar Tagen nun habe ich auf Empfehlung eines Freundes den Essayband der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko gelesen, der vor zehn Jahren unter dem Titel <em>Planet Wermut</em> erschienen ist. Die Essays sind von einer beschwörenden und mitreißenden Poesie getragen, wie man es selten antrifft, und die Lektüre wirkte wie das Entzünden einer ganzen Batterie von Leuchtstrahlern. Plötzlich schien ich zu verstehen, worum es in diesem Krieg geht: Die Ukraine ist die schwelende Wunde im kollektiven Gedächtnis Russlands.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Sabuschkos Essays tut sich ein schockierend klarer und tiefer Blick in die Seelenlandschaft der Ukraine auf. Im Mittelpunkt stehen zwei „kosmische“ Katastrophen: Der als Holodomor bezeichnete Hungermord der Jahre 1932/33 und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl des Jahres 1986. Der Holodomor existierte in der offiziellen Propaganda der Sowjetunion genauso wenig, wie es heute in den russischen Staatsmedien einen Krieg gibt. Die Ermordung von 4 Millionen Menschen (oder 6 oder 8 oder 10 Millionen?) durch die Liquidierung der Bauern und die Beschlagnahme der letzten Lebensmittel hat in der russischen Geschichtsschreibung bis heute so gut wie nicht stattgefunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Gott im Kreml</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Weshalb nun bezeichnet Sabuschko den Holodomor als kosmische Katastrophe, vergleichbar mit einer atomaren Auslöschung? Seit Jahrhunderten, so sagt sie, habe es im Bewusstsein der Ukrainer so etwas wie ein Grundvertrauen in die Natur und die göttliche Schöpfung gegeben: Was immer auch an Krieg und menschengemachter Gewalt über das Land hereinbrechen würde – die Menschen auf diesem Flecken Erde würden es überleben. Denn das Land sei durch die Natur in einzigartiger Weise begünstigt, hier befindet sich ein Viertel der weltweiten Ressourcen jener ungewöhnlich fruchtbaren Schwarzerde. Sabuschko schreibt, dass es Stalin, neben den polit-ökonomischen Zielen der Kollektivierung, vor allem darum gegangen sei, bei den Menschen der Ukraine dieses Grundvertrauen in die Natur und in Gott zu zerstören. Er selbst, Stalin, sei schließlich Gott, der den Menschen die Nahrung gibt – und sie ihnen eben auch nehmen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den nationalen Widerstand der Ukrainer im Allgemeinen und den sozialen der Bauern im Besonderen zu brechen, war fraglos das Ziel des Holodomor, doch damit jeglicher Widerstand tatsächlich auf Dauer ausgerottet sei, bedurfte es eines besonders grausamen Zeichens an die Menschen. Etwa in dieser Weise: Natur und Gott werden euch nicht mehr helfen, ihr habt buchstäblich keinen Boden mehr unter den Füßen. Entweder ihr anerkennt den neuen Gott im Kreml, oder des Grauens ist kein Ende.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein therapeutischer Schock</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgte, so Sabuschko, sei nur noch lähmende Angst gewesen – und zwar für eine Zeitspanne von fünfzig Jahren. Menschen hätten die Sprache verloren. Wen wundert es, denn es durfte über das Geschehene nicht gesprochen werden. Okasana Sabuschko berichtet von einer Frau, die zu jenen gehörte, denen es 1933 die Sprache verschlagen hatte und die plötzlich im Jahre 1986 wieder anfing zu sprechen, im Angesicht der neuen Katastrophe, die der Reaktorunfall von Tschernobyl darstellte. Dieser Unfall wirkte wie „ein therapeutischer Schock“, so Sabuschko. Dieser Ausdruck bezieht sich zum einen auf die Reaktivierung eines alten Traumas, das nun plötzlich in der Erinnerung so präsent wird, dass es benannt werden kann. Es gab aber noch andere Elemente dieses – letztlich einen Ausweg weisenden – Schocks: Die Angst war gewichen, sie wurde überblendet von der Wut auf jene zur Lächerlichkeit geschrumpften Politbüro-Kader, die im Gegensatz zu 1933 nichts mehr verheimlichen konnten und nun stotternd und unbeholfen aus ihren Büros vor die Kameras stolperten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort Tschernobyl bedeutet Wermut, darauf bezieht sich auch der Titel <em>Planet Wermut</em>. „Und der dritte Engel blies seine Posaune“, heißt es im Johannes-Evangelium, „und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns hieß Wermut.“ Innerhalb von Stunden, so Oksana Sabuschko, sei dieser Bibeltext in Kiew von Mund zu Mund getragen worden. Keiner habe gewusst, wer ihn zuerst ausgesprochen hatte, aber er wurde zum Menetekel für das kommunistische System, eine biblische Prophezeiung hatte auf einmal mehr Gewicht als jedes Wort aus den Zentren der sowjetischen Macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die russische Wunde</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Text führt mich nun noch einmal zu Alexander Kluge und seiner Grundannahme: Krieg könne nicht durch Krieg besiegt werden, sehr wohl aber gebe es in jeder Situation Möglichkeitsräume jenseits einer Spirale von Gewalt und Hass, wie sie durch politische und militärische Aktionen am Laufen gehalten wird. Kluge spricht dabei oft von der „Lücke, die der Teufel lässt“ oder dem „Notausgang“. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl könnte man als eine solche „Lücke des Teufels“ verstehen, so könnte man Oksana Sabuschko interpretieren. Mit dem therapeutischen Schock von 1986 war ein Bann gebrochen. Die Angst wich, die Sprache kehrte zurück, und plötzlich kam etwas ganz und gar Unerwartetes in Bewegung – bis hin zum Kollaps des sowjetischen Systems.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was könnte dies für die Gegenwart bedeuten? Die weitere Aufrüstung der Ukraine mag irgendwann zu einem Waffenstillstand führen – um welchen Preis auch immer. Damit wären jedoch die Wunden des Traumafeldes nicht nur nicht geheilt, sondern vertieft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage stünde weiter im Raum, wodurch eigentlich die russische Führung sich von Seiten der Ukraine bedroht sieht. Wäre die Ukraine eine Person, der Putin in die Augen blickte: Was sähe er? Ist es ähnlich wie beim Blick des Bären in die Augen eines Menschen, in dem das Tier einen anderen Teil seiner selbst erkennt, der ihn so erschreckt, dass er den Menschen angreift? Beim Blick in die Augen der Ukraine lodert dem Betrachter das große Verbrechen entgegen, die nie geheilte Wunde des Holodomor, die an die eigene, die russische Wunde rührt, an schwere Schuld und Scham, seit fast einem Jahrhundert schwärend und beschwiegen. Liegt in dem Entsetzen im Angesicht der Wunde, die Russland sich durch das begangene Verbrechen selbst zugefügt hat, vielleicht die verborgene Wurzel jener Obsession, das Geschaute zu vernichten?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Arbeit am Trauma</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre es so, dann werden die politischen und militärischen Lösungsansätze dieses Konflikts versanden. Dann bedarf es tatsächlich einer anderen Sprache, die es der russischen kollektiven Seele erlaubt, sich den Verbrechen der Stalin-Ära zu stellen und diese Zeit nicht weiter zu glorifizieren. Kunst und Spiritualität hätten ihre therapeutische Wirkung zu bezeugen. Ich zitiere noch einmal Alexander Kluge. Es sei absurd, so sagte er kürzlich, wenn <a href="https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anna Netrebko</a> nicht mehr auftreten dürfe  – sie solle gerade jetzt umso mehr auf die Bühne und Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ singen, um die Menschen zum Weinen zu bringen. Dann hätte man einen Moment der Trauer: „Wir können trauern, können Versteinertes verflüssigen. Das Auge fängt an zu laufen und verflüssigt den Blick. Ist das Teleskop oder die Träne der bessere Verstärker des Auges? Die Kunst würde antworten: die Träne. Die Wissenschaft würde Ihnen sagen, selbstverständlich das Mikroskop, das Fernrohr und die Brille. Beide Antworten sind wahr. Aber um Emotion mit Einsicht zu verbinden, dazu ist Trauer nötig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeit am Trauma wird nur durch den Schmerz hindurch gelingen. Auch wenn dieser Weg sich lang erstrecken mag, auf lange Sicht ist er derjenige, der den Frieden verheißen kann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ein bewaffneter Komsomolze bewacht ein Lagerhaus mit Saatgut und Versicherungsgeldern bei Charkiw (1934). Gemeinfrei,  via <a href="https://uk.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%9A%D0%BE%D0%BC%D1%81%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D0%BB%D0%B5%D1%86%D1%8C.jpg">[Wikimedia Commons]</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Oksana Sabuschko<br><strong>Planet Wermut</strong><br>Essays<br>Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochwil<br>Droschl 2012 · 168 Seiten · 19 Euro<br>ISBN: 978-3854207955<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783854207955&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Page-99-Test: Serhij Zhadan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Apr 2022 06:23:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Roman "Internat" (2018) von Serhij Zhadan spielt im Krieg im Donbass. Die Seite 99 zeigt, mit welchen Stilmitteln man den Krieg in der Literatur erlebbar machen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Zitat zugeschrieben Ford Madox Ford)<br>Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.<br><strong>Warnung</strong>: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.</p>


</div></div>
</div></div>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan harrt in Charkiw aus, auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/serhiy_zhadan" target="_blank">Twitter </a>berichtet er in Echtzeit aus dem Kriegsgebiet. Über den Krieg im Donbass hat er einen Roman geschrieben: <em>Internat</em> ist 2018 auf Deutsch erschienen, aus dem Ukrainischen übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Harmlos ist auf dieser Seite nur der erste Satz.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Pascha atmet erleichtert auf.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Schon der nächste Satz bringt die Konfrontation mit dem Feind.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Da aber hält einer plötzlich inne, dreht sich um, schaut wieder direkt auf Pascha, als könne er ihn im Dunkel sehen, ihn in dieser Schwärze unfehlbar erkennen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wir befinden uns mitten in einer Szene, in der sich zwei Menschen in der Wohnung eines Hochhauses verstecken. Pascha und Vera fürchten um ihr Leben. Ein Mann steigt die Treppe hoch, er hat Granaten dabei, Pascha hört, wie sie aneinanderschlagen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Angst schärft die Wahrnehmung. Um diese Anspannung in Sprache umzusetzen, greift der Autor zu einer Reihe von Stilmitteln. Da wäre als Erstes die Wiederholung. Ein heikles Verfahren: Dinge zwei Mal zu sagen, erzeugt oft keine Intensivierung, sondern Langweile. Nicht so auf dieser Seite: Hier braut sich in der Wiederholung das Unheil zusammen. (In den Beispielsätzen habe ich die Wiederholungen fett markiert.)</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Da aber hält einer plötzlich inne, dreht sich um, schaut wieder direkt auf Pascha, als könne er <strong>ihn im Dunkel </strong>sehen, <strong>ihn in dieser Schwärze </strong>unfehlbar<strong> </strong>erkennen.</p><p>Man kann hören, <strong>wie</strong> der Mann das Treppenhaus betritt, <strong>wie</strong> unter seinen schweren Stiefeln die Glasscherben trocken knirschen.</p><p><strong>Er hört </strong>es, ahnt Pascha, <strong>er hört </strong>alles.</p><p><strong>Wir müssen rennen</strong>, denkt Pascha panisch, <strong>wir müssen </strong>die Treppe hoch<strong>rennen</strong> und uns dort irgendwo verstecken. <strong>Wieder</strong> will er sich aufrichten, <strong>wieder</strong> zieht Vera ihn scharf zurück.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wiederholungen haben einen rhythmischen Drive, und sie werden zu einer Metapher für die Falle, in der die beiden sitzen (und mit ihnen wir Leser).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Stilmittel ist das fehlende Subjekt. Kein Substantiv, kein Name oder Pronomen schützt uns vor der Wucht des nackten Verbs. Die physische Präsenz des Eindringlings ist zum Greifen nah.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock.</p><p>Horcht wieder.</p><p>Zögert, ob er weitergehen soll oder nicht.</p><p>Dreht sich um, stapft schwer die Treppe hinunter.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Um wie viel harmloser, ja geradezu banal wäre die Lektüre, wenn es stattdessen hieße: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock. </p><p>Er horcht wieder. </p><p>Er zögert, ob er weitergehen soll oder nicht.</p><p>Er dreht sich um und stapft schwer die Treppe hinunter.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Ukrainischen muss das Pronomen nicht ausgesprochen werden, es steckt bereits im konjugierten Verb. Im Deutschen bewirkt das Weglassen des Pronomens dagegen eine Aufladung. Die Auslassung des Subjekts ist eine Entscheidung der Übersetzer, sie nutzen im Deutschen ein zusätzliches Stilmittel, um die Intention des Textes zu verstärken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich sind Serhij Zhadan und seine Übersetzer Meister des Tempowechsels.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Er macht die Taschenlampe nicht an, geht im Dunkeln. Vorsichtig, geübt. Eine Stufe, zwei, drei, vier, fünf. Er zieht an einer Wohnungstür, dann an der nächsten. Alles zu. Alles still.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sätze beginnen langsam. Dann geht es in schnellen Schritten die Treppenstufen hoch, und nachdem der Soldat keine der Wohnungstüren öffnen kann, bleibt der Text stehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem nächsten Satz kommt die Gefahr wieder näher.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Mann steigt noch eine Stufe höher, dann noch eine. Stoppt zwischen Erdgeschoss und erstem Stock, direkt unter Pascha und Vera.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Pascha will sich aufrichten, Vera zieht ihn ein zweites Mal „scharf“ zurück. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Mann steigt noch eine Stufe<strong> </strong>hoch, stoppt. Zögert, ob er weitergehen will oder nicht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Zögern des Mannes ist ein Schicksalsmoment. Davon, ob der Mann weitergeht oder nicht, hängt das Überleben von Pascha und Vera ab. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Plötzlich geht unten die Tür auf.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Bis zu dem Moment, als unten die Tür aufgeht, gibt es auf dieser Seite keine Außenwelt. Das Wort Angst kommt von Enge, und diese Enge, das Eingesperrtsein, spüren wir hier in jeder Zeile. Das „Plötzlich“ signalisiert paradoxerweise keinen Schrecken, sondern das Gegenteil. Endlich geschieht etwas, es gibt einen Ausweg aus der Enge.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Ich komme“, antwortet der Mann von oben. Dreht sich um, stapft schwer die Treppe hinunter. Die Metalltür quietscht schrill.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schreck lässt nach, doch die nackten Verben sind noch da, als Reminiszenz an das eben Ausgestandene (mit Dank an die Übersetzer!).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schluss ist musikalisch komponiert wie eine Coda, Serhij Zhadan ist auch Musiker. Er rundet die Szene ab durch einen Satz, der geschmeidig ausschwingt, als wäre nichts gewesen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-left is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Hinter dem Fenster laufen zwei Schatten vorbei und verschwinden in der Nacht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seite endet mit drei Zeilen. Eine zweite Coda, aufs Äußerste verknappt, samt einer winzigen, tröstlichen Prise Ironie.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>“Weg?“<br>„Scheint so.“<br>„Gehen wir auch?“</p></blockquote>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Serhij Zhadan<br><strong>Internat</strong><br>Roman<br>Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr<br>Suhrkamp · 300 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3518428054</p>



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		<title>Ein postmodernes Epos für Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Jan 2021 09:24:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Galizien]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Exzentrische Figuren, karnevalistisches Erzählen - in „Die Lieblinge der Justiz“ lässt der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch eine quasi-mythologische Vergangenheit seines Landes erstehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Galizien sei ein Geisteszustand, so behauptet der ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle Juri Andruchowytsch im Essayband <em>Das letzte Territorium </em>aus dem Jahr 2003. Der westliche Teil der Ukraine, einst Kronland der k. u. k. Monarchie, sei ein „Transitraum“ voller Ruinen, Fragmente, Zitate. Die Geschichte existiere in diesem „letzten Territorium“ nur als eine Variante der im Übermaß vorhandenen Mythologie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kriminelle aus vier Jahrhunderten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich liest sich Andruchowytschs Prosa als postmoderne Fortschreibung galizischer Mythologie. Sein jüngster Roman versucht nun gar, den doch tatsächlich, so Andruchowytsch empört, in der Ukraine erhobenen Vorwurf zu entkräften, wonach Galizien nicht einmal über ein Epos verfüge. Mit <em>Die Lieblinge der Justiz</em> besitzt es nun eins. Und was für eins: ein Epos voller Krimineller aus vier Jahrhunderten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Lieblinge der Justiz</em> ist laut Untertitel ein „Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln“, die Erzählung springt zwischen dem 17. und dem 21. Jahrhundert hin und her. Alle neun Geschichten tragen sich in den Städten Galiziens zu, in Lemberg, Druhobrytsch, Iwano Frankiwsk bzw. Stanislau oder Kolomea (die Schreibweise entspricht der jeweiligen Zeitebene). Die Hauptfiguren sind exzentrisch, meist Kanaillen, Schlagetots, Geschäftemacher und Verräter, und exzentrisch ist auch die Erzählweise.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Schwarzfahrer zum KGB-Agenten</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Denn Andruchowytsch hält es weniger mit der Justiz als mit den Lieblingen. Die nicht selten recht blutigen Kapitalverbrechen erwähnt er eher beiläufig, auch wenn ihnen Prominente wie der österreichische Statthalter in Galizien, Graf Andrzej Potocki, oder der in der Ukraine trotz seiner Kollaboration mit den Nazis hoch angesehene Unabhängigkeitskämpfer Stepan Bandera zum Opfer fallen. Auf fragmentarische Weise erzählt Andruchowytsch eine etwas andere Geschichte der Ukraine.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die Lieblinge der Justiz</em> hebt an mit Samijlo Nemyrytsch, den Andruchowytsch nicht zum ersten Mal ehrt. In diesem Roman ist Nemyrytsch ein „zu früh verdorrter und unglücklich vergessener Spross am Baum unseres nationalen Banditentums“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der überaus begabte Mann hätte </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>in Amerika Präsident werden können, in Rom Papst […], in Deutschland Bismarck oder sogar Goebbels. In der Ukraine aber hatte er nur die Wahl zwischen Bandit oder Aufrührer.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Solch bedauerliche Alternativlosigkeit, vom Erzähler auf die schmerzlich fehlende Unabhängigkeit der Ukraine zurückgeführt, gilt auch für diejenigen, die Nemyrytsch nachfolgen: Einer bringt es vom Schwarzfahrer zum mordenden KGB-Agenten, ein anderer bestiehlt Klosterbrüder, und ein dritter entgeht der Deportation nach Sibirien nur, weil er alle Freunde verrät.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Turboschwurbeleien</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ihnen lässt Andruchowytsch nun poetische Gerechtigkeit widerfahren: Nemyrytsch liebt ein zartes Mädchen so sehr, dass er neben vielen anderen auch denjenigen umbringen muss, den die Auserwählte ihm vorzuziehen wagt. Der KGB-Agent entbrennt ebenfalls für eine Frau und flieht mit ihr in den Westen. Der Klosterdieb schließt einen Pakt mit dem Teufel, der den Seelenverkauf mitsamt Befreiung allerdings falsch in seinen Kalender einträgt und daher zu spät am Scheiterhaufen erscheint. Und der Mann, der seinen Kopf aus der Schlinge zieht, indem er die Freunde verrät, wurde zuvor selbst von seiner Ehemaligen verraten. Vorzuwerfen wären diesen liebenden Scheusalen allenfalls übermäßige Gefühle und eine etwas pedantische Pakttreue.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Geschichten zeigen Andruchowytsch, wie wir ihn kennen: Brutalitäten kommen in zierlicher Kanzleisprache daher, wie immer funkelnd übersetzt von Sabine Stöhr, und die Handlung schlägt höchst pittoreske Volten, sorgsam begründet durch die aufmerksame Interpretation von vermutlich erfundenen Dokumenten. Einmal mehr lassen Andruchowytschs Turboschwurbeleien noch die abstrusesten Actionfilme Hollywoods alt aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Opfer statt Helden</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Autor – ein Karnevalist, der einen Wanderzirkus namens Vagabundo durch alle Geschichten des Bandes ziehen lässt – wird allerdings ernster, je näher die Ereignisse der Gegenwart rücken. Die längste Geschichte handelt vom ukrainischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, es ist ein inszenatorisches Meisterstück und verzichtet auf humoristische Ausweichmanöver. „‚Sansara‘ oder der Aufruhr der Engel“ liest sich wie die aufwändige Recherche eines Historikers, der gut zu erzählen weiß. Er zeigt, dass sich die Nazis und ihre ukrainischen Kollaborateure genauso verhalten wie die zerstrittenen Fraktionen des Widerstands: Einer wie der andere mordet. Die einen wollen mit den Haufen von Toten das Land beherrschen, die anderen den Widerstand anfachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach und nach wird der Geschichtenreigen <em>Die Lieblinge der Justiz</em> zu einem Buch, das den ukrainischen Heldenmythos zerlegt. Mögen andere Autoren den Identitätsbedürfnissen der jungen Nation willfahren, so etwa Oksana Sabuschko, die in <em>Museum der vergessenen Geheimnisse</em> (2014) Stepan Bandera zum Helden verklärt und über seine Kollaboration mit den Nazis schweigt. Andruchowytsch hält es mit den Opfern der nationalen Idee, Helden besingt er nicht. Schließlich wurde er, so verriet er einmal im Gespräch, angeregt von Borges‘ <em>Universalgeschichte der Niedertracht</em>. Andruchowytschs postmodernes Epos in Geschichtenform verweigert Fülle und Vollständigkeit, am deutlichsten im „halben“ Schlusskapitel aus der Jugend des Erzählers mit autobiografischen Zügen. Halb ist dieses Kapitel unter anderem deshalb, weil eine Leiche darin kopflos ist und bleibt. Auch in anderen Geschichten des Buches fehlt etwas: mal ein Kartoffelpuffer, mal eine Frau – und zuweilen eben der Kopf eines Toten.</p>





<p class="wp-block-paragraph">Juri Andruchowytsch<br><strong>Die Lieblinge der Justiz</strong><br>Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln<br>Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr<br>Suhrkamp Verlag 2020 · 299 Seiten · 23 Euro<br>ISBN: 978-3518429068</p>



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<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild von Petar Milošević (via Wikimedia <br> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Lizenz: CC BY-SA 3.0</a><br></h6>



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		<title>Sex, Drugs &#038; Poems</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jan 2020 11:57:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Titel ist Programm in Juri Andruchowytschs Erstling von 1992, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt. In „Karpatenkarneval“ feiern vier exaltierte Dichter in den ukrainischen Bergen ein  „Fest des Auferstehenden Geistes“. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Dem Karneval hat der Ukrainer Juri Andruchowytsch schon
immer gefrönt. Eigentlich sind, mit Ausnahme der Essays, alle seine Schriften
ausgesprochen karnevalesk. Mit der fröhlich-subversiven Umwertung aller Werte
konnten die Schriftsteller im sowjetischen Imperium erträumen, was die KPdSU
stets für bereits vollendet erklärt hatte: die Revolution. Schon Andruchowytschs
erster Roman aus dem Jahr 1992, der nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, trägt
den Mummenschanz im Titel: <em>Karpatenkarneval</em> erzählt von einem „Fest des
Auferstehenden Geistes“ im entlegenen ukrainischen Tschortopyl. Jung und Alt,
seltsam gestrig wirkende Bürgerliche und Adlige reisen ebenso zu diesem Fest
wie die dichterische „Blüte der Nation“. Sie tragen allerlei Fahnen und kommen
zu Fuß, im Zug oder auch mit einem Chrysler-Oldtimer. Organisiert wird die
Mischung aus Woodstock und Geisterbeschwörung, Konzert und Dichterlesung,
Performance und Drogentrip von einem „ORGKOM“, garniert mit der Unterschrift von
Federico Fellini. Oder war es die von Alfred Hitchcock? Egal, Überraschungen
sind hochwillkommen, und Hochstapelei ist bei Festen dieser Art ohnehin unerlässlich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kunst bannt Gespenster</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Treiben in den Karpaten lässt sich hinreichend präzis
mit Sex, Drugs &amp; Poems umschreiben, es ist erst freudig, dann
schreckenerregend. Insbesondere die Drogen führen in eine Vergangenheit, in der
die Bürger der von der Unabhängigkeit träumenden Ukraine eine heitere Zukunft
vor sich wähnten. Bevor sie dann, das ist die Alptraumvariante, eine gewaltsame
Okkupation von Osten befürchteten. Beide Varianten werden von diesem Stationenroman
heftig parodiert, beide erweisen sich allerdings &nbsp;als inszenierte Bestandteile des Festes – schon
in diesem ersten Roman, entstanden während eines zweijährigen Aufenthalts am
Moskauer Schreibinstitut Maxim Gorki Anfang der 90er Jahre, setzt Andruchowytsch
also auf die Kunst. Sie soll die Gespenster bannen und dem Land und nicht
zuletzt den Vasallen der Kunst das Tor zu einer lichten, von Alp und Nostalgie
befreiten Zukunft öffnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sehr verklausuliert kommt dieser Erstling nicht daher. Seine Scherze sind eher deftig-rau, und die Erfindungs- und Kombinationskraft Andruchowytschs läuft noch nicht so hochtourig rund, sie ist noch nicht so weitläufig europäisch wie in den späteren Romanen. Die vier wackeren Dichter, die für die nicht unerhebliche Macht der Dichtung einstehen, sind mit breitem Strich gezeichnet und halb karikiert: Der Dichterstar Martofljak lässt sich hofieren; er hat bereits ein US-Visum in der Tasche und reist mit seiner Ehefrau Marta an, die zurückhaltend als „Sexbombe“ beschrieben wird. Chomskyi ist ein Leningrader mit schillernder sexueller Orientierung, womit er den ukrainischen Machos gleich doppelt als Außenseiter erscheint. Und dann gibt es noch Hrytsch und Nemyrytsch, was nicht zufällig wie Pat und Patachon klingt. Mit ihnen sind die Gespenster der nationalen Unabhängigkeit präsent: Hrytsch, dessen Eltern unter Stalin nach Kasachstan deportiert wurden, lässt sich die langen Haare zur Kosakenlocke scheren und erhält im Tausch für seine „Marmorjeans“ die Uniform der Ukrainisch-Galizischen Armee, die als Teil der Waffen-SS gegen die Rote Armee kämpfte. Nemyrytsch jedoch wird von einem im Chrysler angereisten ukrainischen Emigranten ein Frack zur Verfügung gestellt, damit er auf einem Ball mit adligen und bürgerlichen Honoratioren um sein Leben spielen kann. Ansonsten steht den Dichtern der Sinn nach Alkohol und Frauen, weshalb sie ihre Poeme nur selten zu Gehör bringen. Glücklicherweise, muss man sagen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Burleske, Balagan und Buffonade</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dem lyrischen Quartett mit Sexbombe fehlt in Tschortopyl ein
Gefährte, ein gewisser Andruchowytsch. Er, so wissen die vier Dichterfreunde,
schreibe jetzt Prosa, was natürlich furchtbar viel Zeit koste.
Selbstreferenzielle Scherze dieser Art sind häufig in <em>Karpatenkarneval</em>:
Unter den Teilnehmern des Festes befinden sich, neben Gottesengeln, Zigeunern,
Kosaken und Bären, auch Bubabisten. Unter dem Namen BuBaBu veranstaltete Andruchowytsch
ab 1985 mit zwei Freunden lyrische Performances; BuBaBu steht für Burleske,
Balagan (Jahrmarktsbude) und Buffonade. Mit der Prosa, die der einstige Drucker
und erfolgreiche Performer dann zu schreiben begann, wurde er auch außerhalb
der Ukraine bekannt. 

Andruchowytsch
spricht fließend Deutsch und verfügt über erheblichen Charme, damit machte er in
den 1990er Jahren sein Land, dessen Literatur und gleich noch einige bildende
Künstler fast im Alleingang bekannt. 2004 nahm er an der Orangen Revolution auf
dem Maidan teil, ein Jahr später erhielt er den Leipziger Preis für europäische
Verständigung. In den letzten Jahren ist es, zumindest im deutschen Sprachraum,
ruhig um ihn geworden. <em>Karpatenkarneval</em> ist nicht mehr als eine hübsche,
raue Fingerübung aus den Anfängen, ohne die amüsante Hochtourigkeit und die Vergnüglichkeiten
späterer Romane dieses Meisters der Postmoderne, jedoch ein hochwillkommenes
Lebenszeichen.



</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ukrainischer Bandura-Spieler, gemeinfrei <a href="https://pxhere.com/en/photo/1204422" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via pxhere</a><br>Buchcover: Verlag</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Juri Andruchowytsch<br><strong>Karpatenkarneval</strong><br>Roman  ·  Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr<br>Suhrkamp Verlag 2019 · 171 Seiten · 16 Euro<br>ISBN:  978-3-518-46941-5 <br></p>



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		<title>Der Verlust der Glaubwürdigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Die linken Kräfte in Deutschland sind in der Krise. Manche sind anfällig für Verschwörungstheorien, sie betreiben Sozialabbau und zeigen Sympathien für das mafiöse Russland. Von außen gesehen erscheint Deutschland als Paradies – doch eines, in dem die Menschen nicht glücklich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie letzten drei sich als links bezeichnenden Menschen, die ich in Deutschland traf, äußerten am Kneipentisch derart abstruse Meinungen, dass ich die Runde bald wieder verließ. Einer von ihnen, ein Deutscher aus Venezuela, war in seiner Jugend in die DDR übergesiedelt, um echten Sozialismus und die deutsche Arbeiterklasse kennen zu lernen. Statt zu studieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr lang freiwillig als Bauarbeiter in einer sozialistischen Brigade. Bald musste er schockiert feststellen, dass die Bauarbeiter das Wort Sozialismus nicht hören wollten, es löste Schreikrämpfe und Hohngelächter aus, gefolgt von sexistischen Flüchen. Also studierte er Philosophie und errang den Titel eines Doktors.</p>
<h4>Der Informierte</h4>
<p>In unserem Gespräch meinte er, an der Inflation und dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Venezuela seien die USA schuld. Die USA wollten das dortige sozialistische Experiment scheitern lassen. Meinen Einwand, dass es möglicherweise auch Gründe gebe, die in Venezuela zu suchen seien, verwarf er kategorisch. Das Reich des Bösen sind die USA, und basta!</p>
<p>Ich wagte einen zweiten Einwand und fragte, ob es nicht immer schwerer werde, solche komplexen Vorgänge wie Staatskrisen zu beurteilen, im Zuge der Globalisierung, der Digitalisierung etc. Nein, meinte er, es werde immer einfacher, globale Entwicklungen zu beurteilen, weil man sich im Internet informieren könne.</p>
<h4>Der Rebell</h4>
<p>Sein Freund und Kollege, ein treuer Wähler der Partei Die Linke, wollte diese Aussage offenbar beweisen und behauptete, „das deutsche Volk soll ausgetauscht werden“. Das sei ein alter transatlantischer Plan, der jetzt verwirklicht werde. Den Grund für das angebliche Austauschprogramm glaubte er auch zu kennen – „die Afrikaner und Araber sind fügsamer als die Deutschen, nicht so rebellisch, dankbarer für den Wohlstand“. Er selbst war vor mehr als dreißig Jahren ein einziges Mal im Ausland gewesen, zu einer Bergwanderung in der Hohen Tatra, eine Fremdsprache beherrscht er nicht.</p>
<p>Ich fragte ihn, wohin denn das deutsche Volk getauscht werden solle, ob nach Madagaskar, wie es Hitler kurzzeitig mit den Juden geplant habe. Man darf ja gar nichts mehr sagen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, antwortete er. Er lasse sich das Reden nicht verbieten. Ich sah mich gezwungen, ihn darauf hinzuweisen, dass ich ihm nichts verboten, sondern nur sarkastisch widersprochen hatte.</p>
<h4>Die Aktivistin</h4>
<p>An unserem Tisch saß außerdem eine Frau, die sich als Aktivistin in einer basis-ökologischen Partei engagiert und die auf Facebook öffentlich geäußert hatte, sie hoffe auf einen Wahlsieg von Donald Trump, denn Hillary Clinton sei „ein kriegslüsternes Weib“. Außerdem wolle Trump das transatlantische Handelsabkommen TTIP nicht unterschreiben, das freue sie, denn sie habe oft an Demonstrationen gegen dieses Abkommen teilgenommen.</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Treffen verbreitete sie auf Facebook einen Beitrag eines arabischen Senders, in dem ein US-Amerikaner behauptete, an den Kriegen im Nahen Osten sei das jüdische Finanzkapital schuld. Auf meinen Vorwurf, dieser Beitrag sei purer Antisemitismus, lautete ihre Antwort, sie habe den Beitrag ja nicht kommentiert, nur weiterverbreitet. Daraufhin entfreundete ich sie.</p>
<h4>Das Elend der deutschen Linken</h4>
<p>In Deutschland sind alle mir bekannten linken Kräfte und Parteien, mit Ausnahme der Grünen, in einer grotesken Weise unglaubwürdig. Der „linke“ Flügel der SPD möchte in der Außenpolitik am liebsten eine freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehung zu dem Mafia-Staat Russland aufbauen. Die „Osterweiterung“ der NATO, die in der Amtszeit des heutigen Russlandfreundes und SPD-Alt-Kanzlers Schröder durchgeführt wurde, wird abgelehnt. Man vertritt die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität osteuropäischer Staaten.</p>
<p>In der Sozialpolitik hat die SPD mit den HARTZ-IV-Gesetzen für viele Menschen erniedrigende und beschämende Regeln durchgesetzt, außerdem elementare rechtsstaatliche Prinzipien, etwa die Unschuldsvermutung, außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig hat die SPD das Rentensystem so reformiert, dass künftig viele eine Rente unterhalb des Existenzminimums erhalten werden. Dass zahlreiche Menschen jetzt aus Wut lieber die AfD wählen, ist nicht erstaunlich. Zwar war die SPD nicht allein verantwortlich für diese beiden Reformen, aber im Auftrag der SPD wurden sie verfasst und beschlossen.</p>
<p>Die Partei Die Linke war wohl noch nie links im Sinne des Fortschritts. Sie hat die therapeutische Aufgabe übernommen, nach dem Fall der Mauer enttäuschte aufrechte Kommunisten zu trösten. Die Anerkennung der im Namen ihrer Ideen begangenen Verbrechen und Morde (50 Millionen!) hat nicht etwa dazu geführt, ihre Moskau-Hörigkeit zu beenden, lieber denunzieren sie die ukrainische Arbeiterklasse als nationalistisch, weil die Maidan-Revolution ja „sogar gegen ukrainische Gesetze verstoßen“ habe, so Gregor Gysi im Bundestag.</p>
<h4>So viel Zukunft war nie</h4>
<p>Bündnis 90/Die Grünen erreichen in neuesten Umfragen 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, vertreten also, wenn man die Nicht-Wähler dazurechnet, maximal acht Prozent der Wahlberechtigten. Diese Partei hat neben der CDU sicherlich das Potential, weiterhin die Vernunft als Richtschnur politischen Handelns zu nutzen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, autoritären und repressiven Gelüsten zu widerstehen, mit den Möglichkeiten der Zukunft in einer verspielten Weise zu experimentieren.</p>
<p>Welche „linke“ oder „liberale“ Utopie könnte Strahlkraft entfalten und Mehrheiten begeistern? Soll es ein Kommunismus im neuen Gewand werden, Grundeinkommen weltweit für alle?</p>
<p>Aber der Kapitalismus vermehrt ja schon ständig den Wohlstand und verschafft immer mehr Menschen immer mehr Möglichkeiten, schafft immer mehr Märkte. Heutzutage kann man Klingeltöne verkaufen und kaufen, oder die Gesänge der Wale. Immer weniger Menschen werden Opfer in Kriegen oder von Gewaltverbrechen. So viel Zukunft war nie.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>* * *</strong></p>
<h3>Deutschland von außen betrachtet</h3>
<p>Vor einigen Jahren traf ich an der Wolga einen Mann, der in seiner Jugend vierzig Liter Blut gespendet hatte, um auf dem Schwarzmarkt Schallplatten mit westlicher Rock &#8217;n&#8216; Roll-Musik zu kaufen zu können. Mir erklärte er, warum ich ein naiver und dummer Westler sei. Mein Fehler: Mir gefiel es in Russland. Ich mochte den operettenhaften Charme spontaner Feiern, die vielen Absurditäten, aber ich musste dort ja nicht leben, sondern war freiwillig da und konnte jederzeit wieder ausreisen.</p>
<p>Der alte Rock &#8217;n&#8216; Roller hatte in seinem Leben alle möglichen Drogen konsumiert, harte und weiche. Als junger Mann hatte er auf Inseln in der Wolga Partys mit mehreren hundert Jugendlichen organisiert, natürlich ohne Genehmigung von Komsomol oder KGB. Mich lachte er aus, weil ich nie ein Buch vom „Drogenkönig und Hellseher“ Castañeda gelesen hatte. Unter einem Putin-Bild bekreuzigte er sich und murmelte „unser lieber Pate“. Russland nannte er Dummkopf-Land, das von Deutschen regiert werden müsse. Die Russen könnten nicht effizient handeln. „Die Menschheit entwickelt sich rückwärts. Nach dem Christentum kam der Kommunismus, jetzt herrscht der Satanismus.“</p>
<p>Weil er von seiner Rente nicht leben konnte, arbeitete er als Nachtwächter. Nur einmal war er im Ausland gewesen, als Feuerwehrmann im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten.</p>
<h4>Schafft die Demokratie sich ab?</h4>
<p>Aber vielleicht hatte der Mann von der Wolga recht und die „Kräfte des Bösen“ werden gewinnen, die Demokratie wird sich selbst abschaffen, die Freiheit wird in Zukunft von Gesichtserkennungs-Software verwaltet werden? Oder man denke an Wladimir Putins kryptische Worte: „Wenn jemand Russland droht, dann wird die Antwort für die ganze Menschheit schrecklich sein, denn wozu braucht man die Welt ohne Russland?“</p>
<p>Als mein Freund Oskar aus der ukrainischen Stadt Poltawa zum ersten Mal nach Deutschland reiste, glaubte, er werde dort glückliche oder mindestens zufriedene Menschen treffen. In seiner Vorstellung ist Deutschland ein soziales Paradies mit einem fantastischen Gesundheitswesen, staunenswerter Technik und Infrastruktur, Sicherheit vor willkürlicher Verhaftung, ehrlicher Polizei, freier Presse, vielen individuelle Freiheiten.</p>
<p>Fast alle Deutschen aber, mit denen Oskar redete, schimpften über ihr angeblich so schreckliches System.</p>
<p>Einer von ihnen hatte seit vielen Jahren Depressionen, weil er Drogen konsumiert und weil er schon lange keine Freundin gehabt hatte. Das System bezahlte ihm die Wohnung und verschaffte ihm Arbeit in einer Frauenbrigade, in einer Wäscherei, wo er seine Arbeitszeit frei wählen durfte. Außerdem half ihm ein Therapeut, und ein Betreuer unterstützte ihn bei der Erfüllung bürokratischer Pflichten gegenüber den Ämtern. In seiner Freizeit schrieb er Rap-Songs, natürlich getrieben vom Hass auf diese schreckliche Gesellschaft, wie er Oskar erklärte.</p>
<p>Auch im Paradies muss offenbar große Verzweiflung herrschen.</p>
<hr />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rettungszeichen_Notausgang_Links_(alt).svg">via Wikimedia Commons</a></h6>
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		<title>Phantastischer Ort, phantastisches Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Hohn]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2016 13:08:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Frühzeit des Kapitalismus in der Ukraine: Drei Studenten arrangieren sich mit dem Chaos. Serhij Zhadans "Depeche Mode" handelt von Resignation, Rausch und der Suche nach einem Freund.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div></p>
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="6261" data-permalink="https://tell-review.de/phantastischer-ort-phantastisches-leben/zhadan_depeche_mode/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?fit=391%2C640&amp;ssl=1" data-orig-size="391,640" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Zhadan_Depeche_Mode" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?fit=391%2C640&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-6261 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode-183x300.jpg?resize=183%2C300" alt="" width="183" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?resize=300%2C491&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/12/Zhadan_Depeche_Mode.jpg?w=391&amp;ssl=1 391w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a></p>
<blockquote><p>Ich sehe mir gern alte Alben an, mit Fotos aus den Vierzigern oder Fünfzigern, wo diese Kerle fröhlich und mit kurzgeschorenen Haaren in die Kamera grinsen, in Militär- oder Studentenuniform, […] Kinder eines großen Volkes, Fahnenträger, verdammte Scheiße, wohin ist das alles verschwunden, die Sowje [<em>sic!</em>] hat alles Menschliche aus ihnen herausgepreßt und sie in Fast Food für Uncle Sam verwandelt, das ist es, was ich denke. Ich merke doch, mit wieviel Haß und Abscheu sie ihre eigenen Kinder betrachten, sie jagen sie, fangen sie in den tauben Korridoren unseres grenzenlosen Landes. So ist das.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">C</span>harkiw, Juni 1993: Während die postsowjetische Ukraine sich zugunsten des hereinbrechenden Kapitalismus vom Sozialismus verabschiedet, versuchen die drei Studenten Dog Pawlow, Wasja Kommunist und Serhij Zhadan, ein Leben im Einklang mit der gesellschaftlichen Unordnung zu führen. In ungeniertem Tonfall erzählt dieser Zhadan vom anarchischen Dasein der Protagonisten.</p>
<p>Der Jude Dog Pawlow zieht in der Kommune ein, und er besorgt reichlich Rauschmittel:</p>
<blockquote><p>Dann gehen wir für ein paar Tage überhaupt nicht aus dem Zimmer, höchstens um zu pissen oder zu kotzen, aber kotzen kann man im Zimmer. Pissen im Prinzip auch. Ich mag Dog Pawlow, trotz seines Antisemitismus, juckt mich ja nicht. Dog arbeitet aus Prinzip nicht, findet Arbeit Scheiße, sagt, &#8222;ich finde es beschissen, für die auch noch zu arbeiten&#8220;, überhaupt findet er, daß in unserer Republik ein Umsturz stattgefunden hat und Juden an die Macht gekommen sind, Saujuden – sagt er überall Saujuden; ich finde eigentlich, daß er so nicht reden sollte, aber arbeiten will ich auch nicht.</p></blockquote>
<p>In seinem Debütroman <em>Depeche Mode</em> (dt. 2007) erzählt Serhij Zhadan in einer anschaulichen rhythmischen Sprache von der Weltsicht und dem Verhalten der jungen Männer, ohne ihren jugendlichen Trotz zu kaschieren. Die Handlung wechselt abrupt: Auf die Schilderung des Platzsturms während eines Fußballspiels folgt ein Dialog über Erektionen und die Predigt eines amerikanischen Erweckungspriesters:</p>
<blockquote><p>„Damit ihr versteht, daß die göttliche Offenbarung Meeresfrüchten gleicht […] – das Wichtigste ist nicht, sie zu fangen, sondern sie richtig zuzubereiten.“</p></blockquote>
<p>Ebenso wie der ans Mündliche angelehnte Stil zeugt diese Sprunghaftigkeit von Zhadans Anfängen als Lyriker. Die Sprache ist wild und überschreitet Grenzen. An Tiraden diskriminierender Beleidigungen wie „Downie“ oder „schwule Sau“ schließen sich Funktionärssprache und wissenschaftlicher Duktus an. Der Schmuggel von zwei Kisten Wodka über die russische Grenze wird in einem Tonfall geschildert, der die romantische Lyrik parodiert.</p>
<p>Doch gerade dadurch schmiegt die Sprache sich an das Erzählte an, als spiegle sie den Systemwechsel und die instabilen Verhältnisse. Das faszinierende Chaos im Charkiw der Neunzigerjahre wird greifbar.</p>
<blockquote><p>sie durchleiden, genau wie wir, diesen nassen verregneten Sommer in der leeren, mit Gras zugewachsenen und mit Reklame zugeklebten Charkiwer Vorstadt, phantastischer Ort, phantastische Nutten, phantastisches Leben. Homosexualität praktizieren wir nicht, obwohl es darauf zuzulaufen scheint.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Charkiw, Freiheitsplatz</em><br />
<em> via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/Charkiw_(Charkow)_Freiheitsplatz_1941.jpg" target="_blank">Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Cover &#8222;Depeche Mode&#8220;: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/depeche_mode-serhij_zhadan_12494.html" target="_blank">Suhrkamp Verlag</a></em></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
Serhij Zhadan<br />
<strong>Depeche Mode</strong><br />
Roman<br />
Aus dem Ukrainischen von Juri Durchhat und Sabine Stöhr<br />
Suhrkamp Verlag 2007 · 245 Seiten · 12 Euro<br />
ISBN: 978-3518124949<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518124943/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518124949" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --></div></div></p>
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