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	<title>Trauma &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Trauma &#8211; tell</title>
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		<title>Krieg und Trauma</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Apr 2022 09:26:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<category><![CDATA[Holodomor]]></category>
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		<category><![CDATA[Ukraine-Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Krieg Russlands gegen die Ukraine findet auf einem traumatisierten Gelände statt. Doch kaum jemand spricht über den Holodomor und Tschernobyl. Die Lektüre von Oksana Sabuschkos Essayband „Planet Wermut“ (2012) bringt die unterirdischen Traumafelder ins Bewusstsein. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Walter Benjamin spricht in seinen Thesen zum Begriff der Geschichte vom Trümmerfeld der Vergangenheit. Der Engel der Geschichte könne die einzelnen Trümmer deshalb nicht wieder zusammenfügen, da ihn ein Sturm fortträgt, der aus dem Paradies herüber weht und den man den Fortschritt nennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gegenwärtige Trümmerfeld der bombardierten ukrainischen Städte wächst, nicht nur durch den Beschuss aus der Luft, sondern auch von unten her, heraus aus einem weiteren Feld, das manche als Traumafeld bezeichnen, welches sich über die Jahrhunderte in der gesamten Region zwischen Riga, Lwiw und Wladiwostok ausgebildet hat. Darüber wird in diesen Tagen kaum gesprochen, und doch wäre gerade dies so dringlich, wenn wir der Spirale von Gewalt und Hass entkommen wollen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zurück zum Eisernen Vorhang</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten zwei Wochen des Krieges haben in mir schieres Entsetzen, Angst und Trauer ausgelöst. Die Trauer trat zunehmend in den Vordergrund: Trauer um das Leid der Menschen und die im Krieg Getöteten und zugleich um den Verlust der Welt, wie wir sie kannten. Trauer darüber, dass die Logik des Militärischen uns übertölpelt und jene Welt pulverisiert, die seit den 1970er Jahren unter Namen wie Entspannung, friedliche Koexistenz, Wandel durch Handel die Hoffnung auf Verständigung und sogar Partnerschaft zwischen Ost und West genährt hatte. Trauer darüber, innerhalb von wenigen Stunden sich zurück katapultiert zu finden in die Welt des Eisernen Vorhangs und der atomaren Bedrohung. Plötzlich in eine scheinbare Alternativlosigkeit von Waffenlieferungen und Aufrüstung gestoßen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gab es einen ersten Lichtblick: ein Interview mit Alexander Kluge in der <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2022-03/alexander-kluge-krieg-ukraine-europa-frieden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ZEIT</a> eine Woche nach Kriegsausbruch. Krieg, so Kluge, sei unberechenbar, unbeherrschbar und nebelhaft. Man könne Krieg nicht durch Krieg besiegen. Und dann: „Man kann den Krieg nur beenden, wenn man den Möglichkeitsraum findet, in dem Frieden möglich wäre.“ Wo öffnen sich also Möglichkeitsräume? Oder – ein beliebter Topos bei Kluge – die Notausgänge?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verstrickung durch Ignoranz</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schauen wir einmal auf das unterirdische Traumafeld, das sich rhizomartig von Ost nach West erstreckt, auch über die Elbe hinaus. Auch wir sind darin verstrickt, ob wir es wahrnehmen möchten oder nicht. Im Jahre 1941 haben ukrainische und litauische Parteien und Militärverbände die Nazis als Befreier begrüßt, mit deren Hilfe sie die Herrschaft der Sowjets abzuschütteln hofften. Wieder einmal wurde der Ritter, der auszog, den Drachen zu bekämpfen, im Zuge des Kampfes selbst zum Drachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ging unsere Verstrickung durch Ignoranz weiter. Die politischen Eliten des Westens wollten nichts hören von den Traumata des Ostens, sie setzten auf Fortschritt und wollten siegen und vergessen. Die Integration des westlichen mit dem östlichen Europa ist misslungen, weil auf beiden Seiten der Sturm vom Paradies stärker war als die Mühsal, Scherben aufzulesen und hier und da zusammenzufügen. Ich selbst kenne gut die polnischen Befindlichkeiten, die russischen dagegen weit weniger. Über die Ukraine wusste ich bisher nicht allzu viel außer den Klischees einer scharfen kulturellen Trennlinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kosmische Katastrophen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vor ein paar Tagen nun habe ich auf Empfehlung eines Freundes den Essayband der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko gelesen, der vor zehn Jahren unter dem Titel <em>Planet Wermut</em> erschienen ist. Die Essays sind von einer beschwörenden und mitreißenden Poesie getragen, wie man es selten antrifft, und die Lektüre wirkte wie das Entzünden einer ganzen Batterie von Leuchtstrahlern. Plötzlich schien ich zu verstehen, worum es in diesem Krieg geht: Die Ukraine ist die schwelende Wunde im kollektiven Gedächtnis Russlands.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Sabuschkos Essays tut sich ein schockierend klarer und tiefer Blick in die Seelenlandschaft der Ukraine auf. Im Mittelpunkt stehen zwei „kosmische“ Katastrophen: Der als Holodomor bezeichnete Hungermord der Jahre 1932/33 und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl des Jahres 1986. Der Holodomor existierte in der offiziellen Propaganda der Sowjetunion genauso wenig, wie es heute in den russischen Staatsmedien einen Krieg gibt. Die Ermordung von 4 Millionen Menschen (oder 6 oder 8 oder 10 Millionen?) durch die Liquidierung der Bauern und die Beschlagnahme der letzten Lebensmittel hat in der russischen Geschichtsschreibung bis heute so gut wie nicht stattgefunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Gott im Kreml</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Weshalb nun bezeichnet Sabuschko den Holodomor als kosmische Katastrophe, vergleichbar mit einer atomaren Auslöschung? Seit Jahrhunderten, so sagt sie, habe es im Bewusstsein der Ukrainer so etwas wie ein Grundvertrauen in die Natur und die göttliche Schöpfung gegeben: Was immer auch an Krieg und menschengemachter Gewalt über das Land hereinbrechen würde – die Menschen auf diesem Flecken Erde würden es überleben. Denn das Land sei durch die Natur in einzigartiger Weise begünstigt, hier befindet sich ein Viertel der weltweiten Ressourcen jener ungewöhnlich fruchtbaren Schwarzerde. Sabuschko schreibt, dass es Stalin, neben den polit-ökonomischen Zielen der Kollektivierung, vor allem darum gegangen sei, bei den Menschen der Ukraine dieses Grundvertrauen in die Natur und in Gott zu zerstören. Er selbst, Stalin, sei schließlich Gott, der den Menschen die Nahrung gibt – und sie ihnen eben auch nehmen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den nationalen Widerstand der Ukrainer im Allgemeinen und den sozialen der Bauern im Besonderen zu brechen, war fraglos das Ziel des Holodomor, doch damit jeglicher Widerstand tatsächlich auf Dauer ausgerottet sei, bedurfte es eines besonders grausamen Zeichens an die Menschen. Etwa in dieser Weise: Natur und Gott werden euch nicht mehr helfen, ihr habt buchstäblich keinen Boden mehr unter den Füßen. Entweder ihr anerkennt den neuen Gott im Kreml, oder des Grauens ist kein Ende.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein therapeutischer Schock</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgte, so Sabuschko, sei nur noch lähmende Angst gewesen – und zwar für eine Zeitspanne von fünfzig Jahren. Menschen hätten die Sprache verloren. Wen wundert es, denn es durfte über das Geschehene nicht gesprochen werden. Okasana Sabuschko berichtet von einer Frau, die zu jenen gehörte, denen es 1933 die Sprache verschlagen hatte und die plötzlich im Jahre 1986 wieder anfing zu sprechen, im Angesicht der neuen Katastrophe, die der Reaktorunfall von Tschernobyl darstellte. Dieser Unfall wirkte wie „ein therapeutischer Schock“, so Sabuschko. Dieser Ausdruck bezieht sich zum einen auf die Reaktivierung eines alten Traumas, das nun plötzlich in der Erinnerung so präsent wird, dass es benannt werden kann. Es gab aber noch andere Elemente dieses – letztlich einen Ausweg weisenden – Schocks: Die Angst war gewichen, sie wurde überblendet von der Wut auf jene zur Lächerlichkeit geschrumpften Politbüro-Kader, die im Gegensatz zu 1933 nichts mehr verheimlichen konnten und nun stotternd und unbeholfen aus ihren Büros vor die Kameras stolperten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort Tschernobyl bedeutet Wermut, darauf bezieht sich auch der Titel <em>Planet Wermut</em>. „Und der dritte Engel blies seine Posaune“, heißt es im Johannes-Evangelium, „und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns hieß Wermut.“ Innerhalb von Stunden, so Oksana Sabuschko, sei dieser Bibeltext in Kiew von Mund zu Mund getragen worden. Keiner habe gewusst, wer ihn zuerst ausgesprochen hatte, aber er wurde zum Menetekel für das kommunistische System, eine biblische Prophezeiung hatte auf einmal mehr Gewicht als jedes Wort aus den Zentren der sowjetischen Macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die russische Wunde</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Text führt mich nun noch einmal zu Alexander Kluge und seiner Grundannahme: Krieg könne nicht durch Krieg besiegt werden, sehr wohl aber gebe es in jeder Situation Möglichkeitsräume jenseits einer Spirale von Gewalt und Hass, wie sie durch politische und militärische Aktionen am Laufen gehalten wird. Kluge spricht dabei oft von der „Lücke, die der Teufel lässt“ oder dem „Notausgang“. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl könnte man als eine solche „Lücke des Teufels“ verstehen, so könnte man Oksana Sabuschko interpretieren. Mit dem therapeutischen Schock von 1986 war ein Bann gebrochen. Die Angst wich, die Sprache kehrte zurück, und plötzlich kam etwas ganz und gar Unerwartetes in Bewegung – bis hin zum Kollaps des sowjetischen Systems.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was könnte dies für die Gegenwart bedeuten? Die weitere Aufrüstung der Ukraine mag irgendwann zu einem Waffenstillstand führen – um welchen Preis auch immer. Damit wären jedoch die Wunden des Traumafeldes nicht nur nicht geheilt, sondern vertieft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage stünde weiter im Raum, wodurch eigentlich die russische Führung sich von Seiten der Ukraine bedroht sieht. Wäre die Ukraine eine Person, der Putin in die Augen blickte: Was sähe er? Ist es ähnlich wie beim Blick des Bären in die Augen eines Menschen, in dem das Tier einen anderen Teil seiner selbst erkennt, der ihn so erschreckt, dass er den Menschen angreift? Beim Blick in die Augen der Ukraine lodert dem Betrachter das große Verbrechen entgegen, die nie geheilte Wunde des Holodomor, die an die eigene, die russische Wunde rührt, an schwere Schuld und Scham, seit fast einem Jahrhundert schwärend und beschwiegen. Liegt in dem Entsetzen im Angesicht der Wunde, die Russland sich durch das begangene Verbrechen selbst zugefügt hat, vielleicht die verborgene Wurzel jener Obsession, das Geschaute zu vernichten?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Arbeit am Trauma</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre es so, dann werden die politischen und militärischen Lösungsansätze dieses Konflikts versanden. Dann bedarf es tatsächlich einer anderen Sprache, die es der russischen kollektiven Seele erlaubt, sich den Verbrechen der Stalin-Ära zu stellen und diese Zeit nicht weiter zu glorifizieren. Kunst und Spiritualität hätten ihre therapeutische Wirkung zu bezeugen. Ich zitiere noch einmal Alexander Kluge. Es sei absurd, so sagte er kürzlich, wenn <a href="https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Anna Netrebko</a> nicht mehr auftreten dürfe  – sie solle gerade jetzt umso mehr auf die Bühne und Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ singen, um die Menschen zum Weinen zu bringen. Dann hätte man einen Moment der Trauer: „Wir können trauern, können Versteinertes verflüssigen. Das Auge fängt an zu laufen und verflüssigt den Blick. Ist das Teleskop oder die Träne der bessere Verstärker des Auges? Die Kunst würde antworten: die Träne. Die Wissenschaft würde Ihnen sagen, selbstverständlich das Mikroskop, das Fernrohr und die Brille. Beide Antworten sind wahr. Aber um Emotion mit Einsicht zu verbinden, dazu ist Trauer nötig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeit am Trauma wird nur durch den Schmerz hindurch gelingen. Auch wenn dieser Weg sich lang erstrecken mag, auf lange Sicht ist er derjenige, der den Frieden verheißen kann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ein bewaffneter Komsomolze bewacht ein Lagerhaus mit Saatgut und Versicherungsgeldern bei Charkiw (1934). Gemeinfrei,  via <a href="https://uk.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%9A%D0%BE%D0%BC%D1%81%D0%BE%D0%BC%D0%BE%D0%BB%D0%B5%D1%86%D1%8C.jpg">[Wikimedia Commons]</a></h6>



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<p class="wp-block-paragraph">Oksana Sabuschko<br><strong>Planet Wermut</strong><br>Essays<br>Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochwil<br>Droschl 2012 · 168 Seiten · 19 Euro<br>ISBN: 978-3854207955<br></p>



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		<title>Das Trauma wachhalten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Feb 2019 08:40:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Jugoslawien]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Zoltán Danyis Roman „Der Kadaverräumer“ schildert eindringlich das Trauma des Jugoslawienkriegs. Im unaufhörlichen Monolog versucht der Protagonist, sich sein Leben zu erzählen. Doch es will sich nicht mehr zu einer Geschichte fügen lassen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">I</span>n diesem Roman herrscht ununterbrochen Traumazeit. Ein junger Mann lebt in einem Danach. Die traumatisierenden Ereignisse liegen lange zurück, doch die „alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre“ sind ständig präsent. Wortreich versucht der Verwüstete und Ausgebeinte in Zoltán Danyis Roman <em>Der Kadaverräumer</em>, die Stücke seines zerbrochenen Lebens zusammenzuklauben.</p>
<p>Der junge Mann aus Novi Sad, Angehöriger der ungarischen Minderheit im nördlichen Serbien wie auch der Autor selbst, schmuggelt in den ersten Monaten der jugoslawischen Kriege Benzin aus Ungarn über die nahe Grenze. Als Soldat bricht er den Widerstand in den durch die Serben eroberten Gebieten: Er plündert, vergewaltigt und wird Zeuge von Exekutionen. Mit zwei Kollegen räumt er Tierkadaver von den serbischen Straßen; einmal gerät er zwischen gärende menschliche Kadaver in Plastiksäcken, zuhauf abgeworfen in einem Straßengraben. Er reist nach Berlin, um von dort in die USA auszuwandern.</p>
<p>Die Reihenfolge dieser Erlebnisse ist unklar. Sicher ist nur, dass der in einem fort redende junge Mann bei jeder Gelegenheit furzen und ständig „dringend pissen“ muss, ohne sich je erleichtern zu können. Der Grund für diese Funktionsstörung kommt bald zur Sprache: Im Krieg wurde der junge Mann Zeuge zweier Morde. Als er gerade an eine Hauswand pinkeln will, wird ein Kroate, der die serbischen Soldaten verhöhnte, indem er die Hose herunterzog und grinsend furzte, umstandslos erschossen. Auch eine Kroatin wird während ihrer Vergewaltigung erschossen, und beide Male durchdringen die Kugeln auf ihrem Weg zum Kopf die Geschlechtsorgane. Die Szenen gehören zum Schockierendsten, was ich bisher gelesen habe.</p>
<p>Zoltán Danyi, der 1972 geborene Lyriker, Lektor, Hochschullehrer und Rosenzüchter, hat selbst nicht in den Kriegen gekämpft. Er erzählt also nicht von seinen, sondern von den Traumata einer Gesellschaft. Wie diese auf <em>Der Kadaverräumer</em> reagiert, wenn die gegenwärtig entstehende Übersetzung ins Serbische gedruckt ist, mag ich mir nicht ausmalen. In Ungarn ist der Roman bereits mit dem angesehenen Miklós-Mészöly-Preis ausgezeichnet worden.</p>
<p>Von der brutalen Gewalt, der Drastik der Ereignisse sowie den körperlichen Funktionsstörungen in der Sexualität und bei der Produktion von Fäkalien erzählt Zoltán Danyi auf höchst raffinierte Weise. Die Logorrhoe des jungen Mannes erzeugt keinen routinierten Bernhardschen Monolog, wie er unter manch jüngeren Schriftstellern in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens Nachahmer gefunden hat. Zoltán Danyi lässt seine Hauptfigur im fortwährenden Sprechen nicht zu sich finden. Er hält das Trauma wach durch einen Erzähler. Dieser ist dem jungen Mann nah und gibt seine Monologe und Gedanken mal in direkter, mal in indirekter Rede wieder, seien sie nun vor einem halb schlafenden und nichts verstehenden deutschen Obdachlosen oder in einer Bar über Eiswürfeln vor sich hingesprochen oder auch nur gedacht. Der beständige Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive, Gegenwart und Vergangenheit, von Terézia Mora rhythmisch und zupackend übertragen, verweigert dem Traumatisierten die Wiedererlangung der verlorenen Einheit.</p>
<p>Auch dem Leser wird jede beruhigende Eindeutigkeit versagt. Der Kadaverräumer ist sowohl Opfer wie Täter, er war Soldat, brandschatzte und vergewaltigte – und wurde doch durch die perfiden Morde an der vergewaltigten Frau und dem Mann, der sich über die Angreifer lustig machte, traumatisiert. Auf den Straßen von Novi Sad verziert er das Staatswappen Serbiens heimlich mit Penissen, in der protzigen Villa eines serbischen Mafioso in Split verlegt er das Staatswappen wiederum als Mosaik. Beides ist nicht ungefährlich – in Serbien wird das Hoheitszeichen von vielen hymnisch verehrt, im kroatischen Split ist es verhasst. Aber auch die Kadaverräumer kümmerten sich wohl – der mit allen Traumawassern gewaschene Erzähler vermag es nur anzudeuten – nicht nur um Tiere auf den Straßen, sondern auch um Menschen. Mit Bulldozern.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: Exhumierungsort im Čančari-Tal.<br />
Aus dem Dokumentarmaterial des Internationalen Strafgerichtshofs der UN für das ehemalige Jugoslawien.<br />
[<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Exhumation_Site_in_%C4%8Can%C4%8Dari_valley.jpg">via Wikimedia Commons</a></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">Zoltán Danyi<br />
<strong>Der Kadaverräumer<br />
</strong>Roman · Aus dem Ungarischen von Terézia Mora<br />
Suhrkamp Verlag 2018 · 256 Seiten · 24,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-518-42835-1<br />
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Suhrkamp 2018&lt;br /&gt;
Cover&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?fit=621%2C1030&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-14865 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=181%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="181" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=181%2C300&amp;ssl=1 181w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=768%2C1273&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=621%2C1030&amp;ssl=1 621w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=1300%2C2155&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?resize=300%2C497&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/02/Danyi_Kadaverr%C3%A4umer_Cover.jpg?w=1453&amp;ssl=1 1453w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" /></a></div></div></div></div></div></p>
<hr />
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		<title>Alptraum Krieg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Nov 2018 16:16:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Erster Weltkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
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					<description><![CDATA[Der britische Dichter Wilfred Owen starb 1918 kurz vor dem Waffenstillstand. Er hat mit „Dulce et Decorum“ eines der ergreifendsten Gedichte über den Wahnsinn des Kriegs geschrieben. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">A</span>nlässlich des einhundertsten Jahrestags der Waffenstillstandunterzeichnung am 11.November 1918 erlauben wir uns, an Wilfred Owen zu erinnern. Owen gehört zu der Gruppe der britischen „War Poets“, die frühzeitig den Irrsinn des Stellungskrieges literarisch darstellten.</p>
<p><div id="attachment_14166" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-14166" data-attachment-id="14166" data-permalink="https://tell-review.de/alptraum-krieg/wilfred_owen_a_larrouaise_2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/11/Wilfred_Owen_%C3%A0_lArrouaise_2.jpg?fit=333%2C518&amp;ssl=1" data-orig-size="333,518" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Wilfred_Owen_à_l&amp;#8217;Arrouaise_2" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Wilfred Owen&lt;/p&gt;
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<p>Die Erinnerung an Owen erscheint uns auch deswegen notwendig, weil man, etwa in den sozialen Medien, gelegentlich auf die Meinung stößt, nur Ernst Jünger habe sich literarisch adäquat zum Ersten Weltkrieg geäußert. Seine pazifistischen Antipoden wie Erich Maria Remarque oder Ludwig Renn stehen dagegen seit je im Verdacht der Trivialliteratur. „Bad men sometimes write good books“, heißt es bei William H. Gass. So wenig sich dieser irritierende Befund bestreiten lässt, der Umkehrschluss trifft nicht zu: Eine moralisch integre Gesinnung führt nicht notwendigerweise zu schlechter Literatur.</p>
<p>Dies belegt unter anderem Wilfred Owens formal hochstehende Lyrik. An der posttraumatischen Belastungsstörung, die wir in seinem Gedicht „Dulce et Decorum est“ miterleben, litt er selbst. Nach einem Lazarett-Aufenthalt in Edinburgh kehrte er 1918 wieder an die Front zurück, eine Woche vor dem Waffenstillstand wurde er bei Ors von einer deutschen Kugel tödlich getroffen.</p>
<p>Wir bringen das Original des Gedichts. Eine deutsche Übersetzung gibt es bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dulce_et_Decorum_est_(Gedicht)">Wikipedia</a>.</p>
<blockquote><p><strong>Dulce et Decorum est</strong></p>
<p>Bent double, like old beggars under sacks,<br />
Knock-kneed, coughing like hags, we cursed through sludge,<br />
Till on the haunting flares we turned our backs<br />
And towards our distant rest began to trudge.<br />
Men marched asleep. Many had lost their boots<br />
But limped on, blood-shod. All went lame; all blind;<br />
Drunk with fatigue; deaf even to the hoots<br />
Of disappointed shells that dropped behind.</p>
<p>Gas! GAS! Quick, boys!&#8211; An ecstasy of fumbling,<br />
Fitting the clumsy helmets just in time;<br />
But someone still was yelling out and stumbling<br />
And floundering like a man in fire or lime.&#8211;<br />
Dim, through the misty panes and thick green light<br />
As under a green sea, I saw him drowning.</p>
<p>In all my dreams, before my helpless sight,<br />
He plunges at me, guttering, choking, drowning.</p>
<p>If in some smothering dreams you too could pace<br />
Behind the wagon that we flung him in,<br />
And watch the white eyes writhing in his face,<br />
His hanging face, like a devil&#8217;s sick of sin;<br />
If you could hear, at every jolt, the blood<br />
Come gargling from the froth-corrupted lungs,<br />
Obscene as cancer, bitter as the cud<br />
Of vile, incurable sores on innocent tongues,&#8211;<br />
My friend, you would not tell with such high zest<br />
To children ardent for some desperate glory,<br />
The old Lie: Dulce et decorum est<br />
Pro patria mori.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;"><strong>Bildnachweise</strong><br />
Beitragsbild:<br />
Royal Irish Rifles ration party. Somme July 1916<br />
Via <a href="https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fupload.wikimedia.org%2Fwikipedia%2Fcommons%2Ff%2Ff" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a>, CC<br />
Porträt Wilfred Owen:<br />
Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wilfred_Owen_%C3%A0_l%27Arrouaise.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a>, CC</h6>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Vers für Vers 6: Das Trauma des verlorenen Seelenheils</title>
		<link>https://tell-review.de/vers-fuer-vers-6-das-trauma-des-verlorenen-seelenheils/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Oct 2018 10:40:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Dreißigjähriger Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
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					<description><![CDATA[Es ist eines der berühmtesten Gedichte über den Dreißigjährigen Krieg: Andreas Gryphius' „Tränen des Vaterlands 1636“. Wie die Analyse zeigt, negiert die erste, rohere Fassung jede Hoffnung. Sie sagt: Das Seelenheil ist übrigens auch noch futsch!]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote>
<h4>Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes</h4>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben<br />
Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun<br />
daß vom blut feiste Schwerd / die donnernde Carthaun<br />
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben<br />
Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;<br />
Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbegehaun<br />
Die Jungfraun sind geschändt; vnd wo wir hin nur schawn<br />
Jst Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schanz und Korben<br />
Dort zwischen Mawr und Stad / rint allzeit frisches Blut<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt<br />
Von soviel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.<br />
Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">D</span>ieses Sonett dürfte denen, die sich noch an ihren Deutschunterricht erinnern, bekannt vorkommen. In der Tat handelt es sich um eines der berühmtesten deutschen Barockgedichte: Gryphius‘ „Tränen des Vaterlands 1636“, und zwar in der ersten Fassung, die tatsächlich 1636 entstanden ist. Die bekanntere zweite Fassung mit „1636“ im Titel wurde hingegen erst 1645 publiziert (<span class="su-lightbox" data-mfp-src="#traenen36" data-mfp-type="inline" data-mobile="yes"><span style="text-decoration: underline;">klicken Sie hier, um beide Fassungen nebeneinander zu sehen</span></span>). Ich konzentriere mich in diesem Beitrag auf die erste Fassung, nach der bewährten Kriminalistenregel: Die erste Aussage verrät am meisten.</p>
<h3>Erratischer Block</h3>
<p>Formal folgt das Sonett allen Regeln der barocken Poetik. Somit könnte man sagen: ein Gryphius-Sonett unter vielen. Vergleicht man es jedoch inhaltlich mit Gryphius‘ sonstigem Werk, insbesondere mit dem Zyklus eher geistlicher Sonette, erweist es sich als sperrig, ja geradezu als erratischer Block.</p>
<p>Andreas Gryphius (1616-1664) ist eine der herausragenden Gestalten der deutschsprachigen Barockliteratur. Er war ein gläubiger Protestant; Lutheraner, um genau zu sein. Sein Werk ist voll von Auseinandersetzungen mit seinem Glauben. Wieder und wieder beschwört Gryphius in seinen Texten die Nichtigkeit des diesseitigen Lebens, das erst im Jenseits Erfüllung finde. Das Jenseits ist dabei zugleich der Ort, der die Wohlgeordnetheit auch des irdischen Lebens verbürgt.</p>
<p>Speziell das von Gryphius immer wieder bearbeitete biblische Vanitas-Motiv, wonach alles Irdische ‚eitel‘ sei, will mitnichten metaphysische Ortlosigkeit beklagen. Vielmehr ist die Vanitas-Klage im Barock „zentrales Thema religiöser Besinnung“ (Thomas Borgstedt). Mit regelpoetisch vorgegebenen Mitteln wird ein vorgegebenes Thema bearbeitet. Fragen sind rhetorisch zu verstehen, denn „ihre Antwort liegt fest“ (Wolfram Mauser). Immer wieder geht es um „der Sorgen Sturm“, um „dises Lebens schmertzenvolle See“, bei der nur derjenige unbeschadet in den Hafen einfahren kann, der dem „rechten Lauff der GOtt-ergebenen Scharen“ folgt, so Gryphius in seinem Gedicht „Vanitas Mundi“.</p>
<h3>Gewalterfahrungen</h3>
<p>Das Sonett über den Dreißigjährigen Krieg weicht von dieser Motivik ab. Hier geht es nicht um Zuversicht, sondern um den Zusammenbruch aller Ordnung: Plünderung, Zerstörung, Vergewaltigung, Mord – das sind Gewalterfahrungen, die für Gryphius auch den Verlust aller religiösen Orientierung und Heilsaussicht bedeuten. Das Gedicht ist ganz konkret: Es benennt materielle Verluste („was mancher sauer erworben“), und es schildert die Kriegsgeschehnisse realistisch (damals trieben tatsächlich Leichen die Flüsse hinab). Doch vor allem ist es in seiner Aussage ganz diesseitig – gerade der Verlust des Seelenheils ist ja ein Sieg des diesseitigen Prinzips, ein Sieg der Gewalt („abgezwungen“). Und das bedeutet für den gläubigen Christen Gryphius immer: ein Sieg der Gottvergessenheit.</p>
<p>Die Religion wird von Gryphius also deutlich hervorgehoben, nämlich in der letzten Zeile, die im Gedicht ja häufig die entscheidende Wendung anzeigt, zumal im Barockgedicht. Dabei unterscheiden sich beide Fassungen in meinen Augen jedoch in ihrer Deutung des religiösen Aspekts. Die zweite, kanonische Fassung sieht im Verlust der Heilsgewissheit die gleichsam ‚eigentliche‘, die relevante Katastrophe. Das Adverb „auch“ belegt es.</p>
<blockquote><p>Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /<br />
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth<br />
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p>Das ‚Schweigen‘ bezieht sich in der zweiten Fassung ganz eindeutig auf den Glaubensverlust.</p>
<h3>Der Krieg als Alleszermalmer</h3>
<p>Die erste, jugendliche, rohere und literarisch (insbesondere metrisch) sicherlich auch unfertigere Fassung aber scheint mir hier vieldeutiger und interessanter zu sein. Lassen wir die Frage beiseite, wer oder was mit „Strasburg“ gemeint ist – darüber streiten sich die Experten zur Genüge. Mich interessiert die letzte Zeile.</p>
<blockquote><p>Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</p></blockquote>
<p>Der Verlust des Seelenschatzes ist zwar auch hier exponiert. Aber durch das lapidare „und“ anstelle des „auch“ wird er viel stärker in das diesseitige ‚Alltagsgeschäft‘ des Krieges integriert.</p>
<p>Die zweite Fassung entfernt den geistlichen Verlust vom Alltagsgeschehen, eröffnet dadurch aber zugleich eine Art von Hoffnung (man vergleiche Gryphius‘ Sonett „An einen unschuldig Leidenden“): Denn wenn ich mir den Seelenschatz nicht abzwingen lasse, so deutet das Sonett in seiner zweiten Fassung an, bleibt ja noch das Jenseits als Ort der Erlösung. Die lapidarere, dadurch in meinen Augen stärkere, erste Fassung aber sagt nur: Und das Seelenheil ist übrigens auch noch futsch! Eine Zuspitzung, die die Sache auf den Punkt bringt.</p>
<p>Es werden in einer einzigen Aufzählung lauter weltliche Ereignisse geschildert, von Mord, Plünderung, Vergewaltigung, Hunger bis hin zum Glaubensverlust. Der Krieg erscheint hier noch stärker als der große Alleszermalmer, Nivellierer, Sinn- und also Weltzerstörer. Im Gegensatz zur zweiten Fassung ist das ‚Schweigen‘ nicht rhetorisch zu verstehen, nicht im Sinne eines ‚mal ganz zu schweigen von X‘. Das Gedicht schweigt wirklich, es ist nichts mehr zu sagen, denn die weltliche Gewalt hat alle Optionen zerstört. Insbesondere die religiöse Option, die natürlich für den jungen Gryphius zentral bleibt.</p>
<h3>Religiöse Toleranz</h3>
<p>Es ist unstrittig, dass Gryphius in diesem Gedicht eigene Erfahrungen reflektiert – Gryphius‘ Vater war protestantischer Pfarrer, die Familie musste nach der zwangsweisen Rekatholisierung Schlesiens 1628 fliehen. Doch Gryphius beklagt keineswegs ausschließlich einen durch die Gegenreformation erzwungenen Religionswechsel von Protestanten. Der Text spricht allein vom Glauben: Die Gewalt als solche zerstört das Christentum als solches. Täter wie Opfer werden nicht näher qualifiziert. Auch ein zeitgenössischer Katholik, der eine schwedische Reiterhorde hatte erdulden müssen, konnte das Sonett auf sich beziehen.</p>
<p>Gryphius (der sich übrigens nachweisbar auch von Jesuiten literarisch hat inspirieren lassen) dachte über religiöse Unterschiede tolerant. Das ist in seinem Werk vielfach belegbar. Am bekanntesten ist sein Zweizeiler „Ueber heutiger Christen Zancksucht“:</p>
<blockquote><p>Christus will daß seine Schaar sich des Fridens soll befleissen.<br />
Und wir zancken / weil wir leider Christen nicht sind / sondern heissen.</p></blockquote>
<p>Mit den Zänkereien sind zweifellos die konfessionellen Konflikte gemeint, die diesen Krieg ideologisch überhaupt erst ermöglichten, ihn dann aufheizten und am Laufen hielten. Diese kritische Sicht auf religiösen Dogmatismus teilt Gryphius mit so gut wie allen zeitgenössischen Künstlern und Intellektuellen seiner Generation, vorneweg der (konvertierte) Katholik Grimmelshausen (geboren 1622), dessen <em>Abenteuerlicher Simplizissimus</em> zusammen mit Gryphius‘ Gedicht zur gültigen literarischen Antwort auf diesen Krieg wurde.</p>
<h3>Kollektives Trauma</h3>
<p>Dass Gryphius hier nicht mehr in konfessionellen Kategorien dachte, wird schon im Titel seines Sonetts deutlich. Es geht nicht um eine Konfessionsgemeinschaft, sondern um das „verwüstete Deutschland“ bzw. in der zweiten Fassung um das „Vaterland“. Innerhalb der Geschichtswissenschaften umstritten ist die Frage, inwieweit es damals schon so etwas wie ein Nationalbewusstsein im heutigen Sinn gab. Was unstrittig ist: Der Dreißigjährige Krieg, dessen Schrecken Gryphius so eindringlich beschreibt, wurde von den Betroffenen als traumatisch erlebt. Deutschland wird zum Teil regelrecht entvölkert, in Gryphius‘ schlesischer Heimat verringert sich die Bevölkerung um bis zu zwei Drittel. Spuren dieses Traumas lassen sich in der deutschen Alltagskultur bis heute nachweisen („Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“). Zugleich führte dieses kollektive Trauma aber auch zu einer ersten überkonfessionellen Identität – vor Plünderung und Mord sind alle gleich, zumal, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Man sollte dieses deutsche Trauma von 1618 nicht kleinreden. Allerdings sollte man es auch nicht, in schlechter Treitschke-Nachfolge, vorsätzlich revitalisieren und – versteckt oder offen – als Ausrede für alle folgenden Fehlleistungen der deutschen Geschichte ins Spiel bringen.</p>
<h3>Deutungen</h3>
<p>Wie Gryphius es persönlich ‚gemeint‘ hat, oder ob der Text hier eher vieldeutig gelesen werden kann – darüber wird in der Forschung lebhaft debattiert. Thomas Borgstedt warnt davor, das Gedicht durch moderne Konzepte „ästhetisch aufzuwerten“. Gryphius sei als Autor aus seiner Zeit zu verstehen, mit seinen Intentionen und mit seinem Text. Sein Gedicht werde nicht schwächer, wenn man es als Klage eines vertriebenen Protestanten deute. Natürlich „dürfe“ man den Text heute anders lesen (wer will‘s denn auch verbieten? – der logische Fehler bei der Kritik am Intentionalismus überhaupt!), aber literaturwissenschaftlich stecke das eben nicht im Text. Nicola Kaminski hingegen plädiert für eine „hermeneutische Offenheit“ von Gryphius‘ Texten. Die vor allem durch Erich Trunz etablierte Sicht auf Gryphius als Dichter, der lediglich, wenn auch auf hohem Niveau, regelpoetisch sein protestantisches Pensum abarbeitet, sei zwar nicht völlig zu revidieren, aber mit Fragezeichen zu versehen.</p>
<p>Eine spannende Debatte, weil sie grundlegende Fragen zu unserem Verständnis von Literatur spiegelt: Wie sollten oder können wir einen Text lesen? Gilt es, die Autorenintentionen zu eruieren, oder weisen Texte Eigengesetzlichkeiten auf, die über die unstrittigen (?) Intentionen der Verfasser hinausreichen, sie vielleicht sogar unterlaufen? Zumindest hier halte ich es als Leser mit Kaminski. Ob Gryphius selber ‚lediglich‘ seinen protestantischen Glauben gegen die ‚Papisten‘ verteidigen wollte, bleibt sich fast gleich: Dann wäre ihm unter der Hand ein beeindruckendes Antikriegsgedicht gelungen, welches den Wahnsinn eines jeden Kriegs, insbesondere den eines identitär aufgeladenen, zeigt.</p>
<p>Als solches wird es heute auch überwiegend gelesen, und zwar, wie ich meine, mit vollem Recht.</p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Josef F. Heyendahl: Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg.<br />
(via Wikimedia)</h6>
<hr />
<h5><strong>Literaturangaben:</strong></h5>
<ul>
<li>Gryphius, Andreas: Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes.<br />
In: Killy, Walter (Gesamtherausgeber): Epochen deutscher Lyrik, Band 4. Herausgegeben von Christian Wagenknecht 1600 – 1700, München 1969</li>
<li>Gryphius, Andreas: Gedichte. Herausgegeben von Thomas Borgstedt, Stuttgart 2012</li>
<li>Borgstedt, Thomas: Kriegsklage im Sonett. <a href="https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22561" target="_blank" rel="noopener">https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22561</a></li>
<li>Kaminski, Nicola: Andreas Gryphius. Stuttgart 1998</li>
<li>Kemper, Hans-Georg: Von der Reformation bis zum Sturm und Drang.<br />
In: Holznagel u. a.: Geschichte der deutschen Lyrik. Stuttgart (Reclam) 2004</li>
<li>Mauser, Wolfram: Was ist dies Leben doch? Zum Sonett „Thränen in schwerer Krankheit“ von Andreas Gryphius.<br />
In: Gedichte und Interpretationen, Band 1: Renaissance und Barock. Herausgegeben von Volker Meid, Stuttgart 1982/2011</li>
<li>Münkler, Herfried: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648. Berlin 2017</li>
<li>Pantle, Christian: Der Dreißigjährige Krieg. Berlin 2017</li>
<li>Schmidt, Georg: Der Dreissigjährige Krieg. München 1995/2018</li>
<li>Trunz, Erich: Andreas Gryphius‘ Gedicht „An die Sternen“.<br />
In: Interpretationen, Band 1: Deutsche Lyrik von Weckherlin bis Benn. Herausgegeben von Jost Schillemeit, Frankfurt/Main 1965</li>
</ul>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<p><div class="su-lightbox-content su-u-trim " id="traenen36" style="display:none;width:70%;min-width:none;max-width:600px;margin-top:40px;margin-bottom:40px;padding:40px;background:#FFFFFF;color:#343E47;box-shadow:0px 0px 15px #333333;text-align:left"><div class="su-row"><br />
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><strong>Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes</strong></p>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben<br />
Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun<br />
daß vom blut feiste Schwerd / die donnernde Carthaun<br />
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben<br />
Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;<br />
Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbegehaun<br />
Die Jungfraun sind geschändt; vnd wo wir hin nur schawn<br />
Jst Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schanz und Korben<br />
Dort zwischen Mawr und Stad / rint allzeit frisches Blut<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt<br />
Von soviel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.<br />
Jch schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt<br />
(Du Strasburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth<br />
vnd daß der Seelen-Schatz gar vielen abgezwungen.</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-2"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><strong>Thränen des Vaterlandes / Anno 1636</strong></p>
<p>Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!<br />
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun<br />
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /<br />
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.<br />
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.<br />
Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /<br />
Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun<br />
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.<br />
Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.<br />
Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt /<br />
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.<br />
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /<br />
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth<br />
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.</div></div></div></div></p>
]]></content:encoded>
					
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		<title>Eingesperrter Engel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Nov 2016 11:08:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
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					<description><![CDATA[Buenos Aires, 50er Jahre: In César Airas Novelle "Wie ich Nonne wurde" zwingt ein Mann seine Tochter, vergiftetes Erdbeereis zu essen. Wie ein Wunder überlebt die sechsjährige Erzählerin. Doch wie flieht man vor der traumatischen Wirklichkeit?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ich war schon als Jugendlicher ein Connaisseur des Ungewissen: Nur, was ich nicht verstand, erschien mir der Lektüre würdig.</p></blockquote>
<p>Ein Satz aus der Eröffnungsrede von César Aira am diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin, der neugierig macht auf seine Bücher. Ich entscheide mich für seine Novelle <em>Wie ich Nonne wurde</em>.</p>
<p>Wird sie Nonne, wie es der Titel behauptet? Ist es eine <em>Sie</em>? Die Ich-Erzählerin, ein sechsjähriges Mädchen im Buenos Aires der fünfziger Jahre, wird immer wieder als Junge angesprochen, sogar mit dem Namen des Autors. Es sind unter anderem diese Unschärfen, die Airas Novelle ungemein spannend machen. Das erste Lesen gewinnt denn auch überraschend an Fahrt, es ist die typische Sogwirkung einer gekonnt geschriebenen Erzählung, die ihr Tempo fortwährend zu beschleunigen scheint, was nicht nur an den häufig verwendeten „…“ liegt. Groteske Geschichten, aus der Perspektive eines Kindes erzählt und in einer Abfolge, bei der man kaum abwarten kann, wie sich die Spirale des Absurden schneller dreht.</p>
<p>Das birgt die Gefahr, einige Ebenen der überaus tiefsinnigen und kunstvoll komponierten Novelle zu überlesen. Auf der ersten Schicht des Textes lesen wir die Abenteuer des Kindes – von ihm selbst erzählt, mal erstaunt, mal naseweis, mal komisch, mal traurig. Zugleich wird die persönliche Erfahrung der Traumatisierung immer wieder auf die gesellschaftliche Ebene hinüber gespielt. Ferner werden die großen Fragen in den Text gewoben: Tod und Leben, Wirklichkeit und Traum, Identität, Zeit und Erinnern und schließlich das Transzendente. Auf einer weiteren Ebene wird nun all dies in der Sprache reflektiert: zwischen Autor und Leser wird das Lesen und Schreiben dabei selbst zum Thema.</p>
<h4>Sprachverlust?</h4>
<p>Am Anfang jedoch war das Erdbeereis. Als das 6-jährige Mädchen, die Protagonistin, sich weigert, das „ekelhafte Zeug“ weiter zu schlecken, wendet der Vater Gewalt an, erst verbal – der Göre hat das Eis gefälligst zu schmecken –, dann stopft er es dem Kind in den Mund. Es wehrt sich, schreit, heult, schluchzt und kann schließlich nur noch aufstoßen – statt zu sprechen. Steht am Anfang des Traumas ein Verlust der Sprache? Das Eis ist verdorben, das Kind erleidet eine Zyanidvergiftung, und der Vater stopft nun etwas Anderes in eine Öffnung: den Kopf des Eismanns in den Kübel mit dem vergifteten Erdbeereis.</p>
<p>Wie durch ein Wunder überlebt das Kind die Vergiftung – davon kann es jetzt erzählen. Was aber heißt hier überleben? Ein Kind als Wiedergänger? Als Untote(r) in einer Scheinwelt wandelnd? Lebendig und zugleich tot? Das überlebende Kind wird deswegen zum „Wunder“, weil die meisten anderen nicht überleben:</p>
<blockquote><p>Es war die große Welle von lebensgefährlichen Lebensmittelvergiftungen, die damals über Argentinien und seine Nachbarländer hinweg rollte… am stärksten traf es die Kinder… die Mütter verzweifelten. Das eigene Kind vergiftet mit Babybrei! Es war ein Lotteriespiel… die Friedhöfe füllten sich mit kleinen Grabsteinen, auf denen liebevolle Inschriften standen… unser Engel ist zum Herrgott gefahren… in ewiger Trauer Mama und Papa. Ich kam billig davon. Ich überlebte. Ich konnte davon erzählen… aber trotzdem um einen hohen Preis. Nicht umsonst heißt es: billig kommt teuer.</p></blockquote>
<h4>Preisgabe der Wirklichkeit</h4>
<p>Wenn es so etwas wie einen roten Faden der Novelle gibt, dann ist es wohl der Preis des Überlebens – auch zuweilen in Gestalt eines Engels als Figur aus einer anderen Wirklichkeit. Wie das Kind dem inneren Gefängnis des kranken Körpers nur durch den Fieberwahn entkommt, so kann es später in den äußeren Gefängnissen wie Krankenhaus, Schule – und einem tatsächlichen Gefängnis – ebenfalls nur überleben, indem es Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Wahrheit austauscht oder ineinander verschiebt. Im Krankenhaus lernt es, sich weder von den Schmerzen noch von hilf- oder herzlosen Schwestern und Ärzten beherrschen zu lassen. Es bestimmt mithilfe der Phantasie selbst, ob und wo etwas weh tut: „Ich hatte den Schüssel des Schmerzes….“</p>
<p>Der nächste Schmerz ist ein seelischer: die Mutter besucht sie zwar, aber der Vater nie. Wie könnte er auch, sitzt er doch nach der Affäre mit dem Eismann im Gefängnis. Doch davon weiß die Protagonistin noch nichts. So fallen Sätze wie die folgenden:</p>
<blockquote><p>Mama war aber da, und wie Papas Schatten trug sie den schweren Duft des Schreckens. Ich konnte ihm nicht entgehen, weil ich für immer in das System der Akkumulation eingetreten war, in dem nichts jemals zurückbleibt.</p></blockquote>
<p>Eine für Aira typische Wendung. Mitten in die von einer subtilen Naivität getragene Erzählung des Kindes werden fast abstrakte oder gleichnishaft aufgeladene Sätze gestreut. Wer oder was akkumuliert hier? Was bedeutet es, dass nichts jemals zurückbleibt? Ist es nicht gerade das Thema dieser Novelle, dass die Spuren des Traumas für immer zurückbleiben – im Sinne eines „nie vertilgt werden“? Dass nichts jemals zurückbleibt, sagt ja zugleich, dass eben jenes Trauma immer mitgeschleppt wird – mit allen seinen Folgen, dabei sich selbst stets akkumulierend. Wo ist ein Ausweg?</p>
<p>An einer Stelle flicht der Autor – eher beiläufig – die Bedeutung der Literatur für das Überleben ein. So sagt die Protagonistin:</p>
<blockquote><p>Mein Kunstgriff bestand darin, sie glauben zu machen, ich hätte etwas „Schwieriges“ zu sagen. Ich musste auf das Indirekte, die Allegorie, auf die volle Fiktion abheben. Ich würde sie aufs Glatteis und mit Trick siebzehn hinters Licht führen…</p></blockquote>
<p>Eine ironische Anspielung des Autors auf sein eigenes Wirken? Das Kind, in der Fiktion inzwischen erfahren, lebt unterschiedliche Rollen aus. Einmal wird es zum Radio, dem Gedächtnis, „das ein Gedächtnis in sich enthält“. Das Mädchen kann die sich stets wiederholenden Reklamesprüche inzwischen auswendig, doch die Stimmen aus dem Äther, von weit her kommend, haben die fast magische Kraft, das fragmentierte Leben durch unterschiedliche Fortsetzungsgeschichten zu kitten. Essayistische Überlegungen zu Zeit und Erinnerung bricht der Autor durch die unfreiwillige Komik des Kindes auf, wenn es etwa von der Fortsetzung der Jesus-Geschichte im Radio berichtet:</p>
<blockquote><p>Jesus und seine Bande waren ein sympathischer Haufen, zu dem ein Afrikaner, ein Dicker, ein Stotterer und ein Jungriese gehörten; der kleine Messias war der Anführer, der in jeder Folge für ein kleines, kindliches Wunder sorgte, so als trainiere er schon mal für später… diese Jungs waren meine besten Freunde geworden. Ich bewunderte ihre Abenteuer und lustigen Streiche, die ich in meiner Fantasie in null komma nichts um- und weiterdichtete… für mich war es Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die man nicht sah, aber von der man die Stimmen und Geräusche hörte…</p></blockquote>
<h4>Als Engel überleben</h4>
<p>Als das Mädchen den Vater im Gefängnis besuchen soll, rettet es sich vor der Begegnung, indem es sich in den Höfen und Gängen des Gebäudes wie im Fieberwahn verliert – einer der Höhepunkte des Textes:</p>
<blockquote><p>Doch plötzlich überwältigte mich meine Magie. Eine melancholische Träumerei trug meine Seele in ein fernes Land…</p></blockquote>
<p>Zunächst verliert sie dabei die Gewissheit des Lebens, sie spürt sich als Tote bei lebendigem Leib, überflutet vom Schuldgefühl: „Wäre ich tot, wäre Papa in Freiheit… ich hatte aber überlebt. Ich kannte mich, Ich war nicht mehr dieselbe wie vorher… womöglich hatte es in Wirklichkeit einen Austausch von Leben gegeben: das Leben des Eismanns für meines. Mit seinem Tod hatte ich zu leben begonnen. Daher kam auch, dass ich mich tot fühlte, tot und unsichtbar…“</p>
<p>Aus dieser Unsichtbarkeit führen weitere Traumlandschaften heraus, und so wird das Mädchen zum Engel, zum Schutzengel aller Gefangenen, „den Verzweifelten, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die nicht ihre Kinder umarmen durften…“ Sie schwebt über ihnen:</p>
<blockquote><p>&#8230;alle Gefangenen waren mein Papa. Und ich liebte ihn… es war eine mystische Erfahrung, die mehrere Stunden anhielt. Die Erfahrung der allernächsten Nähe zum Menschen, die nur sein Engel erlebt… nicht einmal die fehlenden Engelsflügel konnten mich von meiner Überzeugung abbringen…</p></blockquote>
<p>Nicht nur an dieser Stelle wird der Leser, während er sich immer weiter in die Perspektive des 6-jährigen Mädchens hinein liest, just aus derselben herauskatapultiert: ist das Kind in seiner tiefen Verletztheit unser Spiegel? Spricht hier das innere Kind in uns? Hilft uns die fiktive Sicht des Kindes, manche existentiellen Fragen neu und anders zu stellen? Die Lektüre von César Airas Novelle wirkt länger nach als das erste – lustvoll temporeiche – Lesen erwarten lässt. Die Frage nach der Nonne bleibt übrigens offen, wie so viele andere auch.</p>
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Milano, Corso Buenos Aires</em><br />
<em> via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Milano%2C_corso_Buenos_Aires_04.jpg" target="_blank">Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Cover &#8222;Wie ich Nonne wurde&#8220;: <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/wie-ich-nonne-wurde.html?cover=1" target="_blank">Matthes &amp; Seitz Verlag</a></em></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
César Aira<br />
<strong>Wie ich Nonne wurde</strong><br />
Novelle<br />
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs<br />
Matthes &amp; Seitz Verlag 2015 · 125 Seiten · 16,00 Euro<br />
ISBN: 3957570808<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3957570808/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=978-3957570802" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --><br />
</div></div><br />
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