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	<title>Thomas Mann &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Thomas Mann &#8211; tell</title>
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		<title>Die Hunde im Souterrain</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2025 06:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Manns Homosexualität steht im Zentrum von Tilmann Lahmes aktueller Biografie. Dabei werden nicht nur neue Quellen ausgewertet. Es geht auch um die Verwandlung des unterdrückten Begehrens in Literatur – und um die Versäumnisse der Germanistik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Mit dem Erscheinen dieses Buches seien alle vorherigen Biografien „verwelkt“, meint Gustav Seibt in einem Facebook-Beitrag zu Tilmann Lahmes neuer Biografie über Thomas Mann. Lahmes Fokus liegt dabei eindeutig auf Manns unterdrückter Homosexualität. Vor allem neu ausgewertete Briefe an Manns Schulfreund Otto Grautoff sowie bisher fehlende Tagebuchpassagen – beide werden im Anhang erstmals abgedruckt – sorgen hier für Klarheit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die &#8222;konträre Sexualempfindung&#8220;</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahme stellt anhand dieses Materials unumstößlich klar, dass Thomas Mann nicht „auch“ homosexuelle Neigungen hatte, dass er nicht „bisexuell“ gewesen ist, nicht nur eine „homosexuelle Achillesferse“ hatte oder wie die Formeln noch heißen mochten. Thomas Mann war schlicht homosexuell. Seine sechs Kinder, die er mit seiner Ehefrau Katia gezeugt hat, belegen nicht das Gegenteil. Vielmehr ist seine Ehe Ausdruck des Zeitgeistes, in dem sich Homosexuelle Ende des neunzehnten Jahrhunderts behaupten mussten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies gilt auch für den medizinischen Zeitgeist, das damalige medizinische „Konzept“ der Homosexualität. Nach diesem Konzept wurde die Homosexualität, damals auch „konträre Sexualempfindung“ genannt, als therapiebedürftige Störung verstanden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nach all den Spekulationen zuvor in der Forschung, was Thomas Mann gekannt haben könnte von den beginnenden wissenschaftlichen Diskursen seiner Zeit um die „conträre Sexualität“, sorgen hier zwei Briefe für Klarheit: Er las noch in der Lübecker Jugendzeit die beiden zentralen Bücher von Krafft-Ebing und Moll zum Thema Homosexualität.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mann kommt nach der Lektüre zur niederschmetternden Conclusio: „degenerative Hirnerkrankung, Perversion, schwer heilbar“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sublimation durch das Schreiben</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahmes Fokus auf die Homosexualität ist legitim und nachvollziehbar. Allerdings bleibt dadurch anderes auf der Strecke. Über das wichtige Thema Thomas Mann und die Juden liest man bei Lahme nichts substanziell Neues. Dabei war etwa die Ehe mit Katia Mann nicht nur die Ehe eines Homosexuellen mit einer Frau, sondern auch die Ehe eines für den Antisemitismus Verführbaren mit einer Jüdin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Otto Grautoff, so erfährt man bei Lahme, ließ sich in der Praxis von Albert Moll in Berlin hypnotisieren. In Beschwörungsformeln muss er der angeblich krankmachenden Masturbation abschwören. Thomas Mann hingegen verordnet sich bewusste Entsagung, kaltes Duschen und diätetische Maßnahmen. Die Nietzsche-Formel aus <em>Jenseits von Gut und Böse</em> wird zu einer entscheidenden Metapher: Man habe „die Hunde im Souterrain“ gefälligst an „die Kette“ zu legen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Thomas Mann läuft das Kupieren der Begierde schließlich zum einen auf eine Ehe mit einer Frau hinaus; er nennt das selbst „sich eine Fassung geben“. Zum anderen werden die unterdrückten Wünsche klassisch freudianisch sublimiert: mit Hilfe des Schreibens. Im Laufe seines Lebens jedoch drängen die unterdrückten Wünsche immer wieder nach oben. Schon auf der Hochzeitsreise nach Genf notiert sich Thomas Mann in seinem Notizbuch die Namen zweier Psychiater und eines Hypnotiseurs. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der verschwiegene Freund</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erlebnisse – zum Beispiel auf dem Lübecker Schulhof, mit Klaus Heuser auf Sylt, mit einem polnischen Jungen in Venedig vor dem ersten Weltkrieg oder mit dem bayrischen Kellner Franzl Westmeier 1950 in Zürich – sind hinreichend bekannt. Tilmann Lahme zeichnet die verschlungenen Wege vom Erleben und Erleiden zum sublimierenden Gestalten dezidiert und kenntnisreich nach. Die frühe Liebe auf dem Lübecker Schulhof wird in „Tonio Kröger“ verarbeitet und dann noch einmal in <em>Der Zauberberg</em> (Pribislav Hippe), der junge Pole in Venedig wird Anlass zum „Tod in Venedig“ sein. Und der Amphytrion-Essay respektive der Michelangelo-Essay spiegeln die Bekanntschaften mit Klaus Heuser und Franzl.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann Katia Mann, geb. Pringsheim, von der geheimen Neigung ihres Mannes erfuhr, ist letztlich unbekannt. Sicher ist aber, dass sie schließlich Bescheid wusste. Im Tagebuch spricht Thomas Mann von der „armen Katia“, der er die „letzte Geschlechtslust“ nicht bereiten könne. Und von seiner „Dankbarkeit“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Verdrängen der eigenen Homosexualität bedeutete für Mann auch das Verschweigen des Freundes, mit dem er sich wie mit keinem sonst offen über seine Homosexualität ausgetauscht hat. Das Ende des Kontaktes mit Otto Grautoff – von belanglosen Briefen abgesehen – wirft auf Thomas Manns Charaktereigenschaften kein günstiges Licht. Freilich hängt dieses Ende auch damit zusammen, dass ihr gemeinsames Thema damals kein öffentliches sein durfte. Thomas Mann dürfte schlicht Angst vor Enttarnung gehabt haben. Dass diese Freundschaft ihm wichtig gewesen ist, bezeugt die Widmung des elften und letzten Teils von <em>Die Buddenbrooks</em>: „Meinem Freunde Otto Grautoff“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Ignoranz der Germanistik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engagiert rückt Tilmann Lahme seinen Germanisten-Kollegen zu Leibe, die das „Problem“ der Homoerotik bei Thomas Mann größtenteils übergingen, dies obwohl die Fakten längst auf dem Tisch lagen und auch der breiteren Öffentlichkeit im Feuilleton beispielsweise durch Marcel Reich-Ranicki oder auch durch Hans Mayer nach der Veröffentlichung der Tagebücher mitgeteilt worden waren. Es gab Ausnahmen. Lahme erwähnt die mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetauchte Doktorarbeit von Karl Werner Böhm (1991!), die verdienstvollen Arbeiten von Gerhard Härle sowie Heinrich Deterings wunderbares Buch <em>Juden, Frauen und Literaten</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jenseits dieser Ausnahmen aber schwankten die Gelehrten zwischen Ignoranz und Unverschämtheit: Manche bemühten sogar das Wortungetüm „Homosexualitätskeule“, die von einer „bestimmten Klientel“ geschwungen werde. Thomas Manns Biografie und seine Literatur sind von diesem Konflikt geprägt wie von nichts anderem. Seine „Lebensbeichte“ im <em>Doktor Faustus</em> ist wortwörtlich zu verstehen: Er „durfte nicht lieben“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Tilmann Lahme übernimmt die Formulierung am Ende seiner Biografie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann 1910 <br> ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0057 </h6>
</blockquote>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left wp-block-paragraph">Tilmann Lahme<br><strong>Thomas Mann</strong><br>Ein Leben<br>dtv 2025 · 592 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3423284455<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783423284455&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="682" height="1030" data-attachment-id="119703" data-permalink="https://tell-review.de/die-hunde-im-souterrain/cover-33/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?fit=993%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="993,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?fit=682%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=682%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119703" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=682%2C1030&amp;ssl=1 682w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=199%2C300&amp;ssl=1 199w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=768%2C1160&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?resize=300%2C453&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2025/06/Cover.jpg?w=993&amp;ssl=1 993w" sizes="(max-width: 682px) 100vw, 682px" /></figure>


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		<title>Das demokratische Alphabet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 May 2024 08:12:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Sparrs „Zauberberge“ ist eine Stichwortsammlung zu Thomas Manns „Der Zauberberg“. Von A bis Z geht es durch den Klassiker, ein anregender Zugang mit überraschenden Tiefenbohrungen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Das hundertjährige Jubiläum der Veröffentlichung von Thomas Manns Roman <em>Der Zauberberg</em> nimmt der Lektor und Literaturwissenschaftler Thomas Sparr zum Anlass, ein ebenso kurzes wie kurzweiliges Buch zu schreiben. Grundlage war ein Vortrag, den Sparr im Februar 2024 in Davos gehalten hatte: einmal vor Schülern und einmal abends vor einem älteren, anspruchsvollen Publikum. Das Lebensalter des jeweiligen Publikums spiegle die beiden Lebensalter wider, in denen er selbst den <em>Zauberberg</em> gelesen hatte, so Sparr. Die beiden Lesungen vor den unterschiedlichen Generationen sei daher eine „Selbstbegegnung“ gewesen – ein Gedanke, der Thomas Mann sicher gefallen hätte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Zufall des ABC</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Strukturprinzip von Sparrs Text ist das Alphabet. Von A wie „Ankunft“ bis Z wie „Zauberberge“ findet der Autor zu jedem Buchstaben ein Stichwort, das mit dem Roman korrespondiert.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Reihenfolge der Beiträge sind dem Zufall des ABC geschuldet, manche sind länger, andere eher kurz. Es versteht sich von selbst, dass manche Buchstaben anders oder auch mehrfach zu vergeben gewesen wären.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der „Zufall des ABC“ weist schon auf das geheime Grundmotiv von Sparrs Buch hin. Denn durch diesen Zufall werden alle dargestellten Motive gleich gewichtet. Sie sind gleich wichtig und gleich viel wert, trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Das ist das demokratische Prinzip: Wir sind nicht gleich, aber wir sind gleich viel wert und haben gleiche Rechte. Und genau so nennt Sparr, unter Bezugnahme auf Helmut Jendreieks Thomas-Mann-Studie von 1977, den <em>Zauberberg</em> einen „demokratischen Roman“. Alle anderen Bezeichnungen – Bildungsroman, Zeitroman (im doppelten Sinne, wie Thomas Mann schon selbst dargelegt hatte), Gesellschaftsroman, Ideenroman – würden zwar Aspekte des Romans treffen, seien aber letztlich zu eng gefasst. Hierbei haben Sparr und Jendreiek wiederum Thomas Mann selbst als Gewährsmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mann schrieb im <em>Zauberberg</em> über die Sitzordnung an den sieben Esstischen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an ihnen gereicht, wie an allen anderen […]; und die daran speisenden Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich benahmen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Ein „queerer“ Roman avant la lettre?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In einem demokratischen Roman haben eben alle Platz, und jedes fast schon zufällig gewählte Stichwort darf Anlass sein für weitere Reflexionen. Der Umstand der Homosexualität im Werk Thomas Manns und natürlich auch im <em>Zauberberg</em> ist für Thomas Sparr gewissermaßen der Elefant im Bild, der jahrzehntelang nicht wahrgenommen wurde. Und so wählt er unter dem Buchstaben Q das Stichwort „Queer“, die Buchstaben X und Y wiederum werden zum „XY-Chromosomen“ zusammengefasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In beiden Kapiteln zeigt Sparr dezidiert, wie Leben und Werk bei Thomas Mann ineinandergreifen und die „Problematik der Sexualität“ beinahe alles überlagert. Ebenso zeigt Sparr, wie der Autor diese ‚Problematik‘ im Werk darstellt: häufig verdeckt, im <em>Zauberberg</em> aber mitunter auch unverblümt offen. So schreibt Thomas Mann über eine tuberkulosekranke „ägyptische Prinzessin“, sie sei „eine sensationelle Person mit nikotingelben, beringten Fingern“, die „von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld einer rumänischen Jüdin zuwandte“. Thomas Mann als Erfinder des Marlene Dietrich-Looks.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über Hans Castorps Gefühls- und Objektverwirrung schreibt Thomas Sparr:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das Ineinanderübergehen von Pribislav Hippe und Madame Chautchat lässt die Geschlechter konfundieren: Wen begehrt Hans Castorp denn nun, seinen früheren Schulkameraden Pribislav oder die ältere Frau, die ihn an jenen erinnert?</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">(Eine Beobachtung, die sich übrigens auch in Olga Tokarczuks Roman <em>Empusion</em> wiederfindet, siehe <a href="https://tell-review.de/der-schlesische-zauberberg" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/der-schlesische-zauberberg">meine Rezension</a> auf tell).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Sparr geht gar so weit, zu behaupten, der <em>Zauberberg</em> sei ein „queerer“ Roman „avant la lettre“, der erste in der deutschen Literatur. Dafür spricht in der Tat einiges.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuletzt weist  Sparr noch darauf hin, dass die Thomas-Mann-Forschung „selbst fest in Männerhand“ gewesen und dem Thema Homosexualität „nicht gerecht geworden“ sei – bis Literaturwissenschaftler wie Heinrich Detering, Michael Maar, Gerhard Härle, auch Marita Keilson, sich dem Thema zugewendet hätten. Ein Name fehlt in dieser Reihe, nicht nur bei Thomas Sparr. Vielleicht liegt es daran, dass Marcel Reich-Ranicki kein Literaturwissenschaftler war, sondern „nur“ Literaturkritiker? Immerhin hatte Reich-Ranicki schon in den 80er Jahren auf die Bezüge zur Homosexualität hingewiesen, im Rahmen der Veröffentlichung von Manns Tagebüchern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kompliziertes Verhältnis zu den Juden</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Eintrag zum Buchstaben J reflektiert Sparr auch das Thema der Darstellung von Juden, er nennt den <em>Zauberberg</em> dabei innerhalb des Mannschen Kosmos „ein Werk der Mitte und Mäßigung“, nachdem das Frühwerk eindeutig antisemitische Tendenzen zeigte. Der Roman weist schon auf das Spätwerk hin mit seiner positiven Wendung der Sicht auf Juden, exemplifiziert vor allem in <em>Joseph und seine Brüder</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf zwei Menschen mit einem jüdischen Familienhintergrund geht Thomas Sparr besonders ein, sie stammten jeweils aus Städten, die für Thomas Mann von herausragender Bedeutung waren. Der Philosoph Hans Blumenberg kommt aus Lübeck. Die Germanistin Käte Hamburger (wie Hans Castorp) aus Hamburg, sie promovierte dann in München in Literaturwissenschaft. Blumenberg war als Schüler dabei, als Thomas Mann in Lübeck eine Rede hielt, weiß Sparr zu berichten. In seinem Hauptwerk <em>Arbeit am Mythos</em> zitiert Blumenberg Mann und auch dessen <em>Zauberberg</em> ausgiebig: „Der <em>Zauberberg </em>hatte das Thema der Zeit als Vernichtung des Zeitbewußtseins in der exotischen, in der ekstatischen Situation des Todgeweihten beschrieben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Käte Hamburger, mit Thomas Mann in jahrelanger Korrespondenz verbunden, weist in ihrem Hauptwerk, <em>Die Logik der Dichtung</em>, auf den Umstand hin, dass episches Erfinden immer nur in die Vergangenheit hinein funktioniert. Sie nimmt natürlich den Verfasser des <em>Zauberberg</em>, den „raunenden Beschwörer des Imperfekts“, als Kronzeugen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sparrs Hinweise auf Blumenberg und Hamburger, die nicht nur vom Werk des „Zauberers“ inspiriert wurden, sondern auch in sein Lebensnetz eingewoben waren, sind wunderbar angedeutete Hinweise auf Thomas Manns kompliziertes Verhältnis zu Juden. Und auf die erstaunliche Wirkung, die sein Werk gerade auch auf Juden hatte. Mir fallen dazu Marcel Reich-Ranicki, Hans Mayer, Erich von Kahler, Ferdinand Lion, sein Verleger Samuel Fischer und sein erster Lektor Moritz Heimann ein – aber auch Franz Kafka: „Mann gehört zu denen, nach deren Geschriebenem ich hungere.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kann man immer weiter spazieren durch Thomas Sparrs demokratisches <em>Zauberberg</em>-Alphabet. Mitunter referiert Sparr auch über weniger gewichtige Stichworte, etwa unter O über Opulenz. Da geht es um die opulenten Mahlzeiten und über Mynheer Peeperkorns Bedürfnisse. Aber meistens sind es doch die „großen“ Themen. Unter R geht es um Religion. Unter M natürlich um Musik. Und unter T um den Tod.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insgesamt scheint mir dieser Zugang mittlerweile fruchtbarer als der Versuch, den Roman auf eine Formel zu verdichten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey </h6>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Sparr<br><strong>Zauberberge</strong><br>Ein Jahrhundertroman aus Davos<br>Berenberg 2024 · 80 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3949203824<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Die Ambivalenz des Daseins</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Mar 2023 08:54:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Hanjo Kesting erkundet in seinem Essayband „Glanz und Qual“ das Leben und Schaffen Thomas Manns. Dem Werk widmet er sich ebenso wie den biografischen Widersprüchen: der politische Haltung Manns, seinem Verhältnis zu Juden und seiner unterdrückte Homoerotik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><span class="dropcap">A</span>ls es 1975 galt, den 100. Geburtstag Thomas Manns gebührend zu feiern, kam die Mehrheit der Reaktionen des Literaturbetriebs „einer Generaloffensive gleich“ (Marcel Reich-Ranicki). An der Spitze dieser Offensive stand unter anderem der junge Hanjo Kesting, damals Redaktionsleiter des NDR. Er hatte zehn recht despektierliche „Thesen über einen Klassiker“ verfasst und ließ über diese Thesen in einer Radiodiskussion debattieren. Teilnehmer waren, neben ihm selbst, Martin Walser, Walter Boehlich und Peter Wapnewski, der als einziger Thomas Mann verteidigte und damit auf verlorenem Posten stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit nicht genug. Diese Diskussion hörte der <em>Spiegel</em>-Redakteur Hellmuth Karasek, und das führte dazu, dass die Thesen prominent im <em><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.spiegel.de/kultur/thomas-mann-oder-der-selbsterwaehlte-a-4c7324bb-0002-0001-0000-000041521068" target="_blank">Spiegel</a></em> abgedruckt wurden, worauf sich eine <a href="https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41483678" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Flut von Leserbriefen</a> über das Wochenmagazin ergoss.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Mann als Übervater</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Fast ein halbes Jahrhundert später hat Hanjo Kesting ein Buch über Thomas Mann verfasst, eine Sammlung von Essays mit dem Titel <em>Glanz und Qual</em>, ein Buch für Kenner ebenso wie für Anfänger Heute ist Kesting selbst „einer der größten Verehrer“ von Mann (Kesting über Kesting). Seinen damaligen Exkurs nennt er rückblickend einen „ödipalen Reflex“, den er als „ziemlich unausgegoren“ apostrophiert. Ödipus? Vatermord? Das sind große Worte. Was war es, das Kesting Thomas Mann als eine Art Übervater erkennen ließ? Darüber gibt Kesting in seinem wunderbaren Buch Auskunft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Band ist dreigeteilt und beginnt, unter dem Titel „Werkfahrten“, mit luziden Analysen der Hauptwerke Thomas Manns. Was auffällt, ist allerdings die Aussparung von <em>Doktor Faustus</em>, Thomas Manns „Lebensbeichte“. Man kennt Kestings Kennerschaft aus seinen Vorträgen über die Werke, und in diesem ersten Teil stimmt alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im zweiten Teil „Querfahrten“ untersucht Kesting einerseits besondere Aspekte in Thomas Manns Werk, andererseits die Beziehung zwischen Leben und Werk. Kesting gehört, wie die Mehrheit der Mann-Forscher und -Leser, zu denjenigen, die Manns Leben aus dem Werk und sein Werk aus dem Leben erklären. Vor allem das Kapitel „Thomas Mann und die Musik“ sticht hier hervor. Der Musikkenner Kesting ist sich sicher, was die Bedeutung von Richard Wagner angeht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wagners Musik überlagerte für Thomas Mann alle andere Musik. Nur wenig konnte sich daneben eigenständig behaupten [&#8230;].</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Frage der ethischen Stimmung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die berühmte Rede aus dem Jahr 1945 „Deutschland und die Deutschen“, in der Mann die deutsche Musik der Romantik in Beziehung setzt zum deutschen Jahrhundertverbrechen, wird von Kesting kenntnisreich reflektiert. Thomas Mann, der gerade an <em>Doktor Faustus</em> schrieb, nannte die Musik zwischenzeitlich ein „Teufelswerk“. Diese Rede hörten natürlich auch emigrierte Musiker und waren entsprechend enttäuscht. Ihre Musik soll dem deutschen Irrsinn musikalisch den Boden bereitet haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Mann erinnert die Wirkung seiner Rede später genau: „Noch weiß ich wie ich den betrübten Adolf Busch spät in der Nacht vom Hotel aus anrief, um ihm zu versichern, daß die Bedenklichkeiten, die ich gegen die deutscheste der Künste vorgebracht, nur eine Form der Huldigung sei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hanjo Kesting schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Wie er die Musik letztlich sah – ob als „dämonisches Gebiet“, wie im Frühwerk, als „heiligen Grundtypus der Kunst“, wie in den <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em>, oder als Teufelswerk, wie im <em>Doktor Faustus</em>, das war zuletzt nur eine Frage der „ethischen Stimmung“. Sie war in seiner Lebenszeit vielen Schwankungen unterworfen, erst recht in den Jahren der NS-Herrschaft.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weiteren sticht ein wunderbares Kapitel über Thomas Manns Leben im Hotel heraus. Dessen „fürstlicher Hang zu Repräsentation“ zeigt sich auch in seiner Vorliebe für gehobene Hotels. Seine Notizen über Güte und Mängel der Beherbergungsbranche dürften ein schmales Bändchen füllen, dessen ist sich Hanjo Kesting sicher. Entsprechend unzufrieden war Mann, wenn eine Unterkunft dem nicht entsprach, so notiert er über eine Pension in einem französischen Badeort: „[&#8230;] ich finde in diesem Kulturgebiet alles schäbig, wackelig, unkomfortabel und unter meinem Lebensniveau.“ Ein „Grand Hotel“ in Venedig nennt Thomas Mann – Kesting zitiert es mit Freude – gar einen „Schwindel, eine anspruchsvolle Spelunke“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das problematische Verhältnis zum „Jüdischen“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das große Thema ‚Thomas Mann und die Juden‘ (oder „das Jüdische“, eine Wendung, die Hanjo Kesting zu Recht in Anführungszeichen schreibt) erhält dagegen kein eigenes Kapitel. Dafür ist es allgegenwärtig. Immer wieder wurde Mann Antisemitismus vorgeworfen. Dagegen half weder, dass er in eine jüdische Familie eingeheiratet hatte noch die Tatsache, dass die Nationalsozialisten ihn „einen großen Freund der Juden“ nannten, wie Kesting anführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kesting belegt das problematische Verhältnis Thomas Manns zu den Juden mit Dutzenden von Beispielen aus Werk und Tagebüchern, etwa seinen Ausführungen über Alfred Kerr und Theodor Lessing. Kurz nach dem Judenboykott schreibt Mann im Tagebuch im April 1933: „Daß die übermütige und vergiftende Nietzsche-Vermauschelung Kerrs ausgeschlossen ist, ist am Ende kein Unglück; auch die Entjudung der Justiz am Ende nicht.“ Über den Philosophen und Schriftsteller Theodor Lessing schrieb Mann nach dessen Ermordung am 31. August in Marienbad: „Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“ Man muss dazu allerdings wissen, dass Kerr und Lessing beide Verehrer Katia Pringsheims gewesen waren, also Konkurrenten auch im persönlichen Bereich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann in Thomas Manns Werk ebenso viele Zitate finden, die seine Judenfeindschaft be- wie eben auch widerlegen, daher ist es schade, dass Kesting diese Ambivalenz nicht weiter ausführt. Auch hier war es eine Frage der „ethischen Stimmung“, wie Thomas Mann Juden und „dem Jüdischen“ entgegentrat. So schreibt Mann in seinem Tagebuch über den windigen Herrenreiter Franz von Papen nach dessen „Marburger Rede“ vom 21.06.1934: „Die Zeitungen reden von der Oppositionsrede Papens. Dieser agile, kleine Reaktionär hat sich zwar allerlei erlaubt. Von den Juden aber und den elenden Rache-Prozessen und von den fortwährenden Kommunisten-Hinrichtungen hat er kein Wort gesagt.“ Mann beklagt hier u.a. von Papens Schweigen über die Drangsalierung der Juden im damaligen Reich. Es gibt etliche Passagen in Manns Tagebüchern mit ähnlichem Tenor, etwa wenn er die Erfahrungen der Nürnberger Buchhändlerin Ida Herz kommentiert, einer Thomas Mann-Verehrerin, die mit ihm im Kontakt stand. Albert Einsteins Bemerkung über Hindenburg („alter Halunke!“) kommentiert Thomas Mann folgendermaßen: &#8222;Die Juden haben eben mehr Wahrheitssinn, ihr Gehirn ist unverkleistert vom Mythus.&#8220;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Manns „Stahlgewitter“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Thomas Manns politische Haltung war ambivalent. Kestings Hinweis auf das Reaktionäre in den <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em> ist stichhaltig.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em> waren eine einzige, trotzige Apologie des Kaiserreiches und seiner Atmosphäre „machtgeschützter Innerlichkeit“.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch, das Ende 1918 erschienen war, sei, „um eine gefährliche Formel zu verwenden“, Thomas Manns „Stahlgewitter“, so Kesting<em>. </em>Wirklich gewandelt habe Thomas Mann sich auch später nicht, davon ist Kesting überzeugt. Im Vorwort zu seiner Rede „Von deutscher Republik“ im Jahr 1922 schrieb Mann den Satz: „Ich habe vielleicht meine Gedanken geändert, &#8211; nicht meinen Sinn.“ Das kommentiert Hanjo Kesting zunächst ebenso schlüssig:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das alte Denkmodell wurde beibehalten, nur die Begriffe wurden neu definiert und umgewertet.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Erliegen des freien Geistes</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Man könnte somit in der Tat annehmen, dass Thomas Mann sich 1922 und auch später nicht grundlegend gewandelt hat. Doch dann findet man in den Tagebüchern wieder Einträge, die „das alte Denkmodell“ in Frage stellen, die auch die politische Anschauung als ambivalent erkennen lassen. Im Angesicht einer Wagner-Lektüre schreibt Thomas Mann: „Sonnabend, den 27. VI. 36. Abends Lesung […] ‚Die Briefe R. Wagners an Judith Gautier‘. Außerordentlich gefesselt. W‘s Briefe an die Mendes zur Zeit des Krieges – katastrophal. Welch ein Verderb für die Kultur und den Geist sind die Kriege! Das hilflose Erliegen des freien Geistes vor den ‚Taten‘ der Staatsmänner ist erbärmlich zu sehen. Übrigens habe ich 1914 dieselbe Depravierung durchgemacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte er diese Sätze öffentlich gesagt, sie wären sicherlich berühmt bis heute. Möglicherweise war Thomas Mann auch schon in den Zeiten des Kaiserreichs, also vor und während der Niederschrift der <em>Betrachtungen</em>, politisch ambivalenter, als es uns scheint. Leider fehlen hier viele Zeugnisse, vor allem die Tagebücher,</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Peinlichkeit des Lebens</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzte und wichtigste, die innerliche Ambivalenz Thomas Manns, seine der Welt verschwiegene, nur im Werk kompensatorisch „verarbeitete“ Homoerotik, wird von Kesting im dritten Teil „Lebensfahrten“ beleuchtet. Hier stehen die Tagebücher im Zentrum. Kesting weist auf die Tatsache hin, dass es die Veröffentlichung der Tagebücher ab 1977 war, die die öffentliche Wahrnehmung Thomas Manns veränderte: Die „Generaloffensive“, an der Kesting im Jahr 1975 selbst beteiligt war, mündete in eine geradezu sektenartige Verehrung. Hanjo Kesting zitiert Reich-Ranicki, der nach der Veröffentlichung von Manns Tagebüchern schrieb: „Haben seine Notizen – wie man schon hören konnte – tatsächlich die Wirkung einer Droge?“ Laut Reich-Ranicki erreichten die Tagebücher, was dem Werk verwehrt war: „Sie machen aus Bewunderern Angehörige einer Gemeinde.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einiges spricht dafür, dass auch Kesting erst durch die Tagebücher zum „Verehrer“ wurde. In den Tagebüchern kondensiert sich Thomas Manns Problematik noch einmal, hier zeigt sich, dass sein gesamtes Wesen getragen ist von der Ambivalenz des Daseins. Hanjo Kestings titelgebendes Leitmotiv geht auf ein Zitat aus den Tagebüchern zurück: „War nicht das <em>ganze </em>Leben peinlich. Es gab wohl selten ein solches Ineinander von Qual und Glanz.“ Dem äußeren Glanz entsprach die innere Qual. Über sein frühes Urteil schreibt Hanjo Kesting resümierend:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">So ist Thomas Manns Werk, wo immer man es aufschlägt, vom Goldglanz der Vollendung umgeben, der es wie ein magischer Schutzwall umgibt. Vor langen Jahren, als ich meine polemischen Thesen anschlug, habe ich vor allem dieses glänzende Gold gesehen, den Prunkrahmen um das Gemälde des großen Werkes. Doch muss man das Gemälde selbst ins Auge fassen, um zu erkennen, dass es bei allem Glanz über einem Abgrund von Qual, Not und Schmerz errichtet ist.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tagebücher gehören zu diesem Gemälde, zum großen Werk. Sie stehen nahezu gleichberechtigt neben den Romanen und Erzählungen. So manche Ambivalenz im Leben und Werk Thomas Manns wäre uns ohne ihre Kenntnis entgangen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Unbekannter Autor, <br><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R15883,_Thomas_Mann.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Thomas Mann in seinem Heim in München (1932)</a><br> Via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R15883,_Thomas_Mann.jpg">Wikimedia Commons / Deutsches Bundesarchiv / CC-BY-SA 3.0</a></h6>



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<p class="wp-block-paragraph">Hanjo Kesting<br><strong>Thomas Mann</strong><br>Glanz und Qual<br>Wallstein Verlag 2023 · 400 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3-8353-5413-5<br></p>



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