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	<title>Sowjetunion &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Sowjetunion &#8211; tell</title>
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		<title>Nachwirkungen eines vergessenen Kriegs</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2020 08:38:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[In seinem Buch "Der vergessene Sieg" zeigt Stephan Lehnstaedt die Folgen des Polnisch-Sowjetischen Kriegs von 1919 bis 1921: Um die damalige Staatenbildung in Osteuropa geht es dabei ebenso wie um die heutigen nationalistischen Tendenzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">In den Wirren der sich auflösenden Monarchien Ost- und Mitteleuropas begann im Jahr 1919 der Polnisch-Sowjetische Krieg. Sein Ausgang 1921 hat die weitere Entwicklung Osteuropas entscheidend geprägt. Doch im Westen sehen ihn viele als Fußnote.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über diese Fußnote hat der Historiker Stephan Lehnstaedt nun ein schmales, aber wichtiges Buch verfasst. Im Norden zog sich dieser vergessene Krieg bis ins Baltikum, im Süden bis weit in die Ukraine. Dass die Frage nach einer ukrainischen Nation danach siebzig Jahre lang nicht mehr auf der Tagesordnung stand, ist ein Ergebnis dieses Kriegs, denn über die nationalen Bedürfnisse der ukrainischen Bevölkerung hatte der Sozialismus gesiegt. Damit ist einer der zentralen Gedanken des Buches angedeutet: die Frage nach dem Motiv der Staatenbildung. Nationalismus oder Sozialismus – diese beiden Prinzipien prallen direkt aufeinander, wenn man die Folgen dieses Kriegs analysiert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehnstaedt schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das eigene Vaterland war den meisten Osteuropäern ausgangs des 19. Jahrhunderts eine geliebte Idee – aber keine, mit der sie auf einen eigenen Nationalstaat hoffen konnten. Zu fest saßen die Kaiser in Wien, St. Petersburg und Berlin auf ihren Thronen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das änderte sich mit dem Ende der Monarchien. Zunächst kam der Sozialismus nicht gegen die enormen Bindekräfte nationaler Identitäten an, das war dem sowjetischen Politkommissar der Südfront, Josef Stalin, klar. Lenin und Trotzki dagegen wollten mit der Roten Armee den Sozialismus über Polen nach Westen tragen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein verheerendes Vorhaben, wie Lehnstaedt resümiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Mit Blick auf den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts lässt sich wohl sagen, dass es eine ganz und gar kontraproduktive Entscheidung war, denn kaum je wurden Sympathien für den Sozialismus so gründlich bereits in ihren Ansätzen erstickt.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch aus dieser Erfahrung
heraus entwickelt Stalin später das Konzept des „Sozialismus in einem Land“,
was wiederum die Voraussetzung dafür war, dass er den Zweiten Weltkrieg als den
„Vaterländischen Krieg“ im kollektiven Gedächtnis der Sowjetunion verankern
konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausführlich thematisiert Lehnstaedt die Leiden der Zivilbevölkerung, besonders die der Juden im Kriegsgebiet. Beide Seiten verübten Pogrome, allerdings begingen die polnischen Truppen dabei die größeren Verbrechen. Die Ursache dafür sieht Lehnstaedt in den Nationalbewegungen, dem Traum von ethnisch homogenen Staaten – „in denen für Juden kein Platz mehr war“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus folgte fast
zwangsläufig eine gewisse Sympathie der osteuropäischen Juden für den
Sozialismus.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Attraktivität des Kommunismus als internationale, nicht religiöse Ideologie für Juden bestand nun gerade im Gegensatz zu den Nationalbewegungen, die die Juden ausschlossen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Juden, die in den Kampfgebieten der Ukraine und den Masuren lebten, sprachen überdies russisch, aber nicht polnisch. Dies mag ebenfalls zur Attraktivität des Kommunismus beigetragen haben – obwohl auch die Sowjetunion antisemitisch agierte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lehnstaedt fasst die Auswirkungen dieses Krieges in seinem Buch gut zusammen. Sie reichen von den stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion und ihrer Militärstrategie im Zweiten Weltkrieg bis zur heutigen Identitätsfindung der Ukraine, ja bis zu den nationalistischen Tendenzen in Polen und bei den Identitären im Westen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im August 1920 gelang es Polen, die Rote Armee zurückzuschlagen – dieses „Wunder an der Weichsel“ war für Polen in der Zwischenkriegszeit identitätsstiftend. Es war Anlass für die Erinnerung an 1683, als Jan Sobieski den entscheidenden Schlag gegen die Türken vor Wien geführt hatte, denn mit dem Sieg über die Rote Armee konnte sich Polen ein weiteres Mal als Retter Europas vor einer Invasion aus dem Osten feiern lassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Ende des Sozialismus wird nun dieser unterdrückte Mythos reaktiviert. Die Dritte Polnische Republik nach 1989 knüpfte identitätspolitisch an die Zweite Polnische Republik von 1919 bis 1939 an. Allerdings zeigt sich in den polnischen Populisten um PIS auch die aggressive, ausschließende Variante dieser identitätspolitischen Volte: Wer auf einen Mythos rekurriert, wendet sich dabei oft gegen jene Menschen, die in diesem Mythos nicht vorkommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so darf man sich nicht darüber wundern, dass Polens zweimalige „Abendlandsrettung“ sich auch in den Köpfen der europäischen Identitären und bei PEGIDA wiederfindet. Auch hier ist die Jahreszahl 1683 präsent, ähnlich wie der Kampf der Spartaner am Thermopylen-Pass. Gemeint ist freilich mit dieser „Rettung“ nichts anderes als die Abwehr derjenigen, die vermeintlich nicht zu Europa gehören sollen. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Polnische Truppen in Kiew 1920, <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Polish_troops_in_Kiev.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikimedia Commons</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p class="wp-block-paragraph">Stephan Lehnstädt<br><strong>Der vergessene Sieg </strong><br>Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919-1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa<br>Verlag C. H. Beck 2019 · 217 Seiten · 14,95 Euro<br>ISBN:  9783406740220 </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Die Kunst zu vergessen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Jan 2019 09:47:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[GULag]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[Warlam Schalamow entwickelte in seinen „Erzählungen aus Kolyma“ eine neue Ästhetik, um das Grauen der Lager des Gulag schildern zu können. Im Band "Über die Kolyma" sind nun auch die Erinnerungen in deutscher Übersetzung erschienen, die er ab Anfang der 1960er Jahre notiert hatte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">J</span>urist hatte Warlam Schalamow werden wollen, Künstler wurde er – erst ein „Künstler der Schaufel“ im Archipel Gulag, dann einer des lange Zeit ungedruckt bleibenden Wortes. Als Angehöriger der linken Opposition musste Schalamow bereits mit 22 Jahren, von 1929 bis 1931, Zwangsarbeit im Ural verrichten. Von 1937 bis 1953 überlebte er eine zweite Haftzeit im äußersten Osten Sibiriens, in der Kolyma. Am „Kältepol der Grausamkeit“ schürfte Schalamow bei bis zu minus 55 Grad Gold und Kohle, fällte Bäume, hackte gefrorene Erde. Immer wieder war er dem Tod näher als dem Leben. Auch nach der Entlassung und der Rückkehr nach Moskau ließ ihn das Lagersystem mit seinen 20 Millionen Häftlingen nicht mehr los. Schreibend protestierte er gegen das offizielle Schweigen. Schalamows <em>Erzählungen aus Kolyma</em> berichten von dem, was sich dem Bericht verweigert: lakonisch, detailliert, ohne jede Psychologie und mit einer überfallartigen Knappheit, die das Analogon zum völligen Ausgeliefertsein des Häftlings darstellt. Es ist eine fast unerträgliche Lektüre.</p>
<h3>Widersprüche aushalten</h3>
<p>Schalamows Erzählungen sind ein sowjetisches Gegenstück zur Prosa von Imre Kertész, Primo Levi, Jean Améry, Tadeusz Borowski und anderen, die über die nationalsozialistischen Konzentrationslager geschrieben haben. Dass sie hierzulande als solches erkennbar wurden, ist das Verdienst der von Franziska Thun-Hohenstein herausgegebenen Werkausgabe im Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin. Dort ist nun der Band mit Schalamows Erinnerungen unter dem Titel <em>Über die Kolyma</em> erschienen.</p>
<p>Was aber kann vom Sterben und Leben im Gulag noch erzählt werden, wenn schon die <em>Erzählungen aus Kolyma</em> „streng dokumentarisch“ sind, wie Schalamow wiederholt schreibt? Als Künstler verzichtet er radikal auf Erfindung, Entwicklung und Charaktere, also auf die gesamte realistische Literaturtradition, auf die Psychologie und das Ich, um vom Grauen der Lager eine Ahnung zu vermitteln. Warum beginnt er dann Anfang der 1960er Jahre, Erinnerungen aufzuschreiben, obwohl diese in seinem ästhetischen Konzept eigentlich keinen Platz haben? „Die Kunst zu leben ist die Kunst zu vergessen“, schreibt Schalamow einmal in den <em>Erinnerungen</em>. Aber vermutlich ist die Kunst zu leben auch die Kunst, Widersprüche auszuhalten, sie möglicherweise produktiv werden zu lassen. Den <em>Erzählungen</em> widmet Schalamow weit mehr ästhetische Überlegungen als den <em>Erinnerungen</em> – geschrieben werden müssen aber offenbar beide.</p>
<h3>Jenseits der Schattenlinie</h3>
<p>Zu Lebzeiten durfte Warlam Schalamow nur Gedichte veröffentlichen – <em>ein</em> Lagerautor war für die Sowjetunion offenbar genug. Nach Alexander Solschenizyns Erzählung <em>Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch</em> im Jahr 1962 waren weitere Texte über den Gulag nicht erwünscht. Schalamow hat Solschenizyn harsch kritisiert; er warf ihm vor, dass sein christlicher Traditionalismus und Humanismus der Wirklichkeit der Lager Hohn spreche. Seine eigenen <em>Erzählungen</em> von der „zersetzenden“, „negativen Schule“ der Lager sind allerdings so verstörend, dass sie erst in der Perestroika Ende der 1980er Jahre erscheinen konnten. Zusammengestellt hatte die Erzählungen noch der Autor, der 1982 verwirrt und verarmt starb.</p>
<p>Die kurzen Texte der <em>Erinnerungen</em>, die es nach ästhetischen Maßstäben nicht hätte geben dürfen, hat die russische Herausgeberin chronologisch angeordnet. Ihre deutsche Kollegin Franziska Thun-Hohenstein zeichnet im Nachwort noch einmal den biografischen Hintergrund nach, die Stationen der Lagerhaft. Dafür ist man ihr dankbar, denn die Erzählungen, Minitaturen, Essays und Skizzen der Erinnerungen <em>Über die Kolyma</em> folgen unverbunden aufeinander und sind in einigen Fällen schwer zugänglich, weil sich der Erzähler jenseits der Schattenlinie zu befinden scheint: im Lager. Schalamow vermochte auch Jahrzehnte nach der Entlassung nicht, einen Zusammenhang in seinem Leben zu stiften. Im Buch erscheint es zersplittert in Szenen, grausame Anekdoten, kurze Geschichten.</p>
<h3>Dem Erinnerten standhalten</h3>
<p>Thun-Hohenstein bezeichnet die <em>Erinnerungen</em> zu Recht als einen „Steinbruch“ für die <em>Erzählungen aus Kolym</em>a. Manche Erinnerungstexte hätte Schalamow auch in die Erzählungsbände aufnehmen können. Vielleicht waren sie ihm zu nah oder zu intim, wie etwa die zarte Liebesszene mit erfrorenen Fingern. Andere wirken unfertig. Dafür verantwortlich sind nicht nur die Arbeitspausen, die die chronischen Krankheiten des Überlebenden erzwangen. Oft dürfte es Schalamow ungeheuer schwergefallen sein, dem Erinnerten erst standzuhalten und es dann festzuhalten. Gerade im Vergleich mit den kühl und fraglos vom Grauenhaften handelnden <em>Erzählungen aus Kolyma</em> lassen die <em>Erinnerungen</em> erahnen, welch beschwerlichen Weg Schalamow am Schreibtisch zurücklegen musste. Schließlich erzählt er von sich und anderen „Menschen ohne Biographie, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft“. Von solchen, die das Krankenlager noch mehr zu fürchten hatten als die Arbeit, die sie vernichten sollte.</p>
<p>Immer wieder umkreist Schalamow die ästhetischen Probleme: Eine allzu gründliche Kenntnis des „Materials“, warnt der Gezeichnete, erdrücke den Schriftsteller. Dieser müsse sich vielmehr als „Späher des Lesers“ begreifen. Fremdsein gegenüber sich selbst ist eine unabdingbare Voraussetzung des Schreibens von Erinnerungen. Denn im Lager ist alles verdreht, es feiert den „Triumph der physischen Kraft als moralischer Kategorie“. Die Taiga wird zum Dschungel: Im Gulag herrscht allein das Recht des Stärkeren.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Laufkarren an der „toten Trasse“ (Polarkreiseisenbahn in Nordsibirien)<br />
Ernst Ivanov<br />
Lizenziert nach <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC-BY-SA-3.0</a> via <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Файл:Мёртвая_дорога_Тачка.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia Commons</a></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">Warlam Schalamow</p>
<p><strong>Über die Kolyma<br />
</strong>Erinnerungen<br />
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold<br />
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein<br />
Werke in Einzelbänden, Band 7<br />
Matthes &amp; Seitz Berlin 2018 · 286 Seiten · 24 Euro<br />
ISBN: 978-3-95757-540-1<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3957575400/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783957575401" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div><div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3957575400/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="14729" data-permalink="https://tell-review.de/die-kunst-zu-vergessen/cover-9783957575401/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/01/cover-9783957575401.jpg?fit=1512%2C2480&amp;ssl=1" data-orig-size="1512,2480" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="cover-9783957575401" data-image-description="&lt;p&gt;Cover Warlam Schalamow: Über die Kolyma&lt;br /&gt;
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<hr />
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		<title>Oszillierende Stimmen</title>
		<link>https://tell-review.de/oszillierende-stimmen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Apr 2018 10:37:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Litauen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Gesprächsband „Der magnetische Norden“ erzählt der litauische Dichter Tomas Venclova vom Überleben in den Grenzräumen Osteuropas – und von der existenziellen Bedeutung der poetischen Sprache auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">L</span>itauen liegt am Rande Europas, wie Irland, und wie das Gälische vom Englischen, so wurde die litauische Sprache vom Polnischen bedrängt. Beide Sprachen waren im 19. Jahrhundert vom Aussterben bedroht. Diesen Vergleich zieht der litauische Dichter Tomas Venclova in dem Buch <em>Der magnetische Norden</em>, einem 600 Seiten langen Gespräch mit der amerikanischen Autorin Ellen Hinsey. Bei der Lektüre begegnet uns eine weitere Ähnlichkeit der beiden Länder am nordöstlichen und westlichen Rand Europas: Litauen und Irland haben in Europa, proportional zur Bevölkerung, die meisten Dichter hervorgebracht. Dies hat offenbar mit der Bedrohung und dem Überleben der eigenen Sprache zu tun, und zugleich mit dem Überleben der Menschen – diesen Eindruck gewinnt man durch die Gespräche von Tomas Venclova.</p>
<h3>Das Jerusalem des Nordens</h3>
<p>Litauen gehört zu den Grenzräumen Osteuropas, die im 20. Jahrhundert „verheerende Erdbeben“ erlebt haben, wie es Venclovas Freund Czesław Miłosz formuliert. Für Ellen Hinsey gehört der europäische Nordosten zu jenen Orten auf der Erde, deren „Magneterz einige der gewaltsamsten Erdbeben der Geschichte überdauert hat“. Kommt auch die Sprache aus den Tiefen dieser magnetischen Erde? Der Dichter Venclova schöpft nicht zuletzt aus den Mythen und Erzähltraditionen seiner Heimat. Man kann <em>Der magnetische Norden </em>in seiner Gesamtheit als Venclovas Antwort auf die Frage nach dem Überleben lesen. In einem Land, dessen Hauptstadt das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde und stark polnisch geprägt war, konnte es dem Dichter nie nur um das Überleben des „eigenen“ Volkes gehen. Ellen Hinsey betont, dass Venclova der erste Schriftsteller war, der sich – in seinem Essay „Juden und Litauer“ – des schmerzlichen Themas der litauischen Kollaboration bei den Verbrechen an den Juden angenommen hatte. Doch inmitten der Fülle an anschaulichen und für den westlichen Leser erhellenden biografischen Einzelheiten kommt Venclova immer wieder auf das Thema Sprache zurück.</p>
<p>Tomas Venclova wurde 1937 im heutigen Klaipeda geboren. Es war die Zeit von Stalins großem Terror; in die Kindheit des Dichters fiel zuerst die sowjetische Besatzung Litauens und dann die Besetzung durch Nazi-Deutschland. Unter beiden Regimes gab es Deportationen und Ermordungen, die Opfer waren Juden, einheimische Bauern, Regimegegner und Intellektuelle. Im ersten Teil des Gesprächsbandes stehen diese Erlebnisse im Zentrum. Venclova gibt einen Einblick in die Lage, in der sich Litauen damals befand:</p>
<blockquote><p>Zum ersten Mal seit der Annexion des Landes [durch die Sowjetunion] zeigte das stalinistische Regime sein wahres Gesicht. In den frühen Morgenstunden des 14. Juni 1941 suchte die Geheimpolizei […] Tausende von Wohnungen auf. Die Familien, die sie ins Visier genommen hatte, bekamen etwa eine Stunde, um die wichtigsten Sachen zu packen, wurden dann auf Lastwagen getrieben, zu Bahnhöfen gefahren und in Viehwaggons geladen. […] Die Deportationen kamen völlig unerwartet. Sie dauerten zwei oder drei Tage. Die Menschen in den Viehwaggons gehörten meist […] zur Elite des Landes: Lehrer, Offiziere, Beamte, Priester, wohlhabende Bauern. […] Die Ereignisse im Juni 1941 gleichen in ihrer Brutalität den Deportationen der Nazis. Die Gestapo übrigens hat Deportationen und Hinrichtungen öffentlich angekündigt. Hier fand alles stillschweigend statt.</p></blockquote>
<p>Als Nazideutschland wenige Tage später der Sowjetunion den Krieg erklärte, sahen viele Menschen darin einen Ausweg:</p>
<blockquote><p>Der Krieg bereitete den Deportationen ein jähes Ende. Nach heutigen Schätzungen wurden etwa siebzehntausend Menschen deportiert. Weitere hätten ihr Schicksal geteilt, wenn die Sowjets an der Macht geblieben wären.</p></blockquote>
<h3>Die Befreiung der Sprache</h3>
<p>Venclovas Mutter Eliza wurde von den Nationalsozialisten verhaftet, während der Vater – als Bildungsminister Litauens – nach Moskau evakuiert wurde. Für einen litauischen Dichter dieser Generation ging es beim Schreiben immer um Leben und Tod, um die Verteidigung der Wahrheit gegen die Lüge der Tyrannei. Das hieß vor allem die Befreiung der Sprache aus ihrer Erstarrung in den Phrasen der Ideologie. Der Dichter muss dazu, diesen Eindruck gewinnt man beim Lesen, nur aus dem Quellgrund der Sprache selbst schöpfen, sich ihren „akustischen Halluzinationen“ hingeben, wie Nadeschda Mandelstam es nannte. Venclova selbst beschreibt es so:</p>
<blockquote><p>[&#8230;] das Phänomen der akustischen Halluzinationen erreichte mich weniger als musikalische Phrasen sensu stricto, sondern eher als rhythmische Einheiten, die auch räumlich verstanden werden können [&#8230;]. In jenen Jahren habe ich meine Gedichte meist nicht am Schreibtisch verfasst, sondern auf langen Spaziergängen durch die verwaisten Gassen von Vilnius oder Moskau. Beim Gehen entsprachen meine Schritte dem aufdringlichen Rhythmus der „akustischen Halluzinationen“ […].</p></blockquote>
<p>Auf diese Weise hat Venclova, wie er erzählt, zunächst zu einer herkömmlichen Schreibweise gefunden. Dabei sei es darum gegangen, den gerissenen Faden der Erinnerung wieder zusammenzuführen und Bezüge zu den alten Topoi und Mythen wieder herzustellen. Zu seinem eigenen Stil habe er erst gefunden, als er sich in die Gedichte von Boris Pasternak verliebt hatte. Zunächst seien ihm diese vollkommen unverständlich erschienen, aber ihr Klang habe es ihm angetan. Und so machte Venclova sich das Diktum Pasternaks zu eigen, wonach die Poesie uns einen Weg eröffne, „die Wahrnehmung zu ent-automatisieren“. Durch die Vermittlung von Anna Achmatowa hatte Venclova als 23-jähriger Dichter Boris Pasternak noch kurz vor dessen Tod persönlich kennen gelernt. Er nimmt an seiner Beerdigung im Frühsommer 1960 teil, die auf eine geradezu mythische Weise zu einer ungeplanten Demonstration gegen das System wird. Von nun an bewegt sich Venclova in der Welt der Dichter, der russischen von Mandelstam bis Brodsky und der litauischen, deren Namen wir im Westen kaum kennen. Aus diesen Begegnungen entstand ein Netzwerk von Freundschaften, eine „alternative Gesellschaft“ aus kleinen Inseln, die wichtig wurde für die Systemveränderungen der 80er Jahre.</p>
<h3>Zwischen Wahrheit und Unwahrheit</h3>
<p>In seinem eigenen Schaffen gibt Venclova die Stimmung dieser kleinen Inseln wieder. Er orientiert sich dabei wiederum am Klang:</p>
<blockquote><p>Wenn es etwas gegeben hat, dem zu lauschen sich in diesem Universum des Stillstands und der Abwesenheit von Zeit lohnte, dann waren es die Stimmen der vielen Generationen, die die Geschichte gefällt hatte.</p></blockquote>
<p>Er zitiert einen Vers aus seinem Gedicht „Tag und Nacht sind halb um“:</p>
<blockquote><p>Stimmen, einst verloren, kehren zurück zu uns aus der Welt. Doch auch davon bleiben nur Vergessen, ein Brunnen<br />
der Rand fremder Zeit, fremden Nichtseins.</p></blockquote>
<p>Die poetische Sprache bringe dieses Oszillieren zwischen den verlorenen und zurückkehrenden Stimmen zu Gehör, indem sie stets auf dem Grat zwischen Wahrheit und Unwahrheit schwebe. Die Sprache bewege sich dabei – getreu ihrer zweideutigen Natur – auf der Grenze zur Selbstauflösung: „Halt ein, halt ein – Der Satz, er löst sich auf.“</p>
<p>Venclova zitiert seinen Dichterkollegen Fjodor Tjutschew: Sei ein Gedanke erst einmal geäußert, werde er in diesem Moment unwahr. Und er zitiert seinen Freund Joseph Brodsky: Poesie sei eine Form des Widerstands gegen die Realität. Auf rätselhafte Weise sei die Lyrik mit der Ethik verknüpft und die poetische Disziplin mit der Tapferkeit des Geistes.</p>
<h3>Freundschaft mit Czesław Miłosz</h3>
<p>Gegen Ende des Buches erzählt Venclova auf berührende Weise von der Begegnung mit Czesław Miłosz, der als Pole in Vilnius geboren und aufgewachsen war. Die beiden Dichter treffen sich Ende der 70er Jahre im kalifornischen Exil und entdecken ihre Seelenverwandtschaft. Miłosz glaubt, dass sein Werk unter der jungen Generation in Polen weitgehend unbekannt und in Vilnius völlig unzugänglich sei. Doch nun erzählt ihm Venclova, dass Miłosz’s 1959 verfasstes autobiographisches Werk <em>West und Östliches Gelände</em> seinen Weg nach Vilnius gefunden habe, und zwar durch eine Dame, die während der Nazizeit Kinder aus dem Wilnaer Ghetto geschmuggelt hatte. Nach dem Krieg lebte sie in Paris, unterhielt aber weiterhin Kontakte nach Litauen und schickte Briefe und Päckchen an ihre litauischen Freunde. Jedes Päckchen enthielt eine Seite des Werks von Miłosz, manchmal als Packpapier von Schokolade getarnt. Es dauerte eineinhalb Jahre, bis das ganze Buch in Litauen angekommen war. Ihre Freunde banden es und ließen das Buch zirkulieren, und so erreichte es auch Venclova. Er las es just auf jener Bank an der Neris, von wo aus man unerwünschte Beobachter leicht ausmachen kann – und auf der 1940 auch Czesław Miłosz gesessen und das Einrücken sowjetischer Panzer beschrieben hatte.</p>
<p>Tomas Venclova kommentiert dieses Ereignis folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Es ist ein Sinnbild, aber mehr als das, dieses Land hatte ein unglaubliches Potenzial für das Überleben. Es konnte überdauern, bis dieses Buch eine Stadt erreicht hatte, um gelesen zu werden, an demselben Ort, der in ihm beschrieben war – von einem angehenden Dichter einer anderen Generation. Und das erfüllte mich mit Hoffnung.</p></blockquote>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Tomas Venclova<br />
<strong>Der magnetische Norden</strong><br />
Gespräche mit Ellen Hinsey<br />
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Sinnig<br />
Suhrkamp 2017 · 652 Seiten · 36,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-518-42633-3<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518426338/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518426333" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
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<hr />
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<hr />
<p>Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: Von Eugenijus Radlinskas, Vilnius, Litauen (Winterpanorama Vilnius, Ausschnitt) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AVilnius_winter_panorama_(3245567956).jpg">via Wikimedia Commons</a><br />
Buchcover: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/der_magnetische_norden-tomas_venclova_42633.html" target="_blank" rel="noopener">Suhrkamp</a></p>
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		<title>Die Irrtümer der Großmächte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Apr 2017 10:35:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Oktoberrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[In "Lenins Zug" erzählt Catherine Merridale die Vorgeschichte und Geschichte der berühmten Zugfahrt Lenins im April 1917 aus der Schweiz nach Russland. Die Irrtümer der Großmächte von damals sind erstaunlich aktuell.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie britische Historikerin Catherine Merridale hatte in den 1980er-Jahren ein Jahr in Moskau studiert und promovierte später in Cambridge über die KPdSU unter Stalin. Sie erzählt mit grundlegender Sympathie für Russland und die Sowjetunion:</p>
<blockquote><p>Das Universum von Marx und Lenin war einmal mein eigenes.</p></blockquote>
<p>Diesen Satz schreibt Merridale, ohne die Verbrechen des Sozialismus zu relativieren. Freilich macht sie auch die Unvermeidlichkeit der russischen Revolution angesichts des Krieges und seiner Folgen deutlich. Beim Lesen ihres ebenso lesbaren wie glänzend recherchierten Buchs entwickelt sich das Bild einer ungeheuerlichen Schachpartie: Agenten und Diplomaten wechseln dabei fast stündlich die Rolle von Spieler und Brettfigur, von handelndem Subjekt und Objekt.</p>
<h3>Instabiles Zarenreich</h3>
<p>Catherine Merridales Erzählung beginnt im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs. Nach den menschen- und materialfressenden Schlachten an der Westfront ist der deutschen Generalität klar, dass es einen Siegfrieden an zwei Fronten nicht geben kann. Oberstes strategisches Ziel ist folglich die Auflösung einer der beiden Fronten. Dafür scheint sich die Front im Osten gegen Russland anzubieten. Allerdings muss das Deutsche Reich als Kriegsgegner ohne diplomatische Vertretung in Russland indirekte Verbindungen knüpfen, um dort destabilisierenden Einfluss ausüben zu können. Die neutralen skandinavischen Länder sollen hierzu als Vehikel dienen.</p>
<p>Nicht nur den Deutschen ist die innere Instabilität des Zarenreiches bekannt, sondern ebenso den Mächten der Entente. Diese haben ein Interesse daran, dass der Krieg an der Ostfront möglichst lange dauert. Als Russlands Verbündete sind sie diplomatisch in Sankt Petersburg vertreten und damit im Vorteil. Unter den Diplomaten und Agenten finden sich auch Literaten wie William Somerset Maugham und Hugh Walpole. Für das Kerngeschäft der Agenten sind sie allerdings nur mäßig geeignet, wie Catherine Merridale anmerkt – der süffisante Ton zieht sich durchs ganze Buch:</p>
<blockquote><p>Beide sammelten eine Menge Material für spätere Bücher, doch keiner machte große Fortschritte, was die russische Öffentlichkeit anging.</p></blockquote>
<p>In scharfem Kontrast dazu steht Lenin, der russische Emigrant in Zürich. Er kann die Dialektik zwischen Gedanken und Tat in einer ganz anderen Spannung halten, und er beherrscht darüber hinaus den „Würgegriff des Proletariats“, so eine damalige Redewendung. Die Deutschen sondieren zunächst noch via Dänemark einen Sonderfrieden mit dem Zaren. Vergebens. Ihr zweiter Plan zielt auf nichts Geringeres als die Auflösung des Zarenreiches. Sie wollen einen Zustand herbeiführen, den man heute wohl als <em>failed state</em> bezeichnen würde – eine Taktik übrigens, die die Deutschen laut Merridale bereits anderswo versucht haben:</p>
<blockquote><p>Schon vor Beginn des Krieges waren deutsche Provokateure von Irland bis Afghanistan intensiv tätig.</p></blockquote>
<h3>Protokoll einer Zugfahrt</h3>
<p>Die Deutschen wissen, wen sie nach Russland entsenden müssen: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Und so beginnt am 09. April 1917 die berühmteste Zugfahrt der Weltgeschichte. Merridale protokolliert sie Tag für Tag, sie ist die Strecke für das Buch noch einmal abgefahren. Diese Zugfahrt zeitigt das erwartete Ergebnis: Lenins Konzept eines „Friedens ohne Annexion“ – so die damalige Formel – führt zum Friedensdiktat von Brest-Litowsk. Lenin vertrat dieses Konzept nicht exklusiv. Er hatte aber den propagandistischen Vorteil, dass er mit seinen Bolschewiki nicht zur Februarrevolution gehörte, die den Krieg weiterführte. So konnten sich die Bolschewiki als einzige Partei profilieren, die den Krieg bedingungslos ablehnte.</p>
<p>Entscheidend war nach Catherine Merridale jedoch Lenins Überzeugungskraft:</p>
<blockquote><p>Während andere Gespräche führten und höfliche Zugeständnisse austauschten, wobei sie über den Pfad der Revolution staksten, als versuchten sie, nicht auf verborgene Minen zu treten, wusste Lenin genau, wohin er sich begeben sollte und warum.</p></blockquote>
<p>Aber Merridale weiß auch, dass Lenins Triumph nicht allein auf Gewalt beruhte:</p>
<blockquote><p>In erster Linie war er auf eine Wahrheit gestoßen, die zu hören die Menschen sich wünschten. Die Einzelheiten des konstitutionellen Wandels interessierten hungrige Arbeiter und ungeduldige Garnisonssoldaten nicht. […] die Menschen auf den Straßen machten Revolution, um sich Frieden, Arbeitsplatz und Brot zu sichern.</p></blockquote>
<h3>Parallelen zur Gegenwart</h3>
<p>Um auf das Bild des Schachspiels zurück zu kommen: Lenin wurde als Bauernopfer ins Spiel gebracht, als reines Objekt – doch dann setzte er als handelndes Subjekt alle anderen matt, ganz <em>en passant</em>. Hier endet Merridales Bericht. Man könnte denken, es sei ein Bericht aus ferner Zeit, aber die Analogien in die Gegenwart hinein sind unübersehbar. Merridale schreibt:</p>
<blockquote><p>Mit Schaudern betrachte ich die heutigen Konflikte in der arabischen Welt. Lenins Zug gehört nicht ausschließlich den Sowjets. Teils ist sie eine Parabel über Großmachtintrigen, und eine Regel besagt, dass Großmächte fast immer Irrtümer begehen.</p></blockquote>
<p>Die „Irrtümer“ der Großmächte gibt es auch heute, und sie gleichen den Irrtümern von damals bis ins Detail. Der Glaube etwa, mit installierten Schachfiguren eine revolutionäre Situation von außen kontrollieren zu können, ist ungebrochen, wie sich im Nahen Osten zeigt.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Catherine Merridale<br />
<strong>Lenins Zug. Die Reise in die Revolution</strong><br />
Sachbuch · Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter<br />
Verlag S. Fischer 2017 · 384 Seiten · 25,00 Euro<br />
ISBN: 978-3100022745<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3100022742/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783100022745" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="przyheffjqcawufwnmeq kkapinxtpbjfuhobnsfu" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="9650" data-permalink="https://tell-review.de/die-irrtuemer-der-grossmaechte/buchcover-lenins-zug/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?fit=722%2C1181&amp;ssl=1" data-orig-size="722,1181" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover Lenins Zug" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?fit=630%2C1030&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-9650" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug-183x300.jpg?resize=183%2C300" alt="" width="183" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?resize=630%2C1030&amp;ssl=1 630w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?resize=300%2C491&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Buchcover-Lenins-Zug.jpg?w=722&amp;ssl=1 722w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Broschüre Fritz Platten: Die Reise Lenins</em><br />
<em> von Cherubino (Eigenes Werk) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AReise_Lenins_durch_Deutschland_(Platten).JPG" target="_blank">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchumschlag: <a href="http://www.fischerverlage.de/buch/lenins_zug/9783100022745" target="_blank">S. Fischer Verlag</a></em></h6>
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