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	<title>show don&#039;t tell &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Page-99-Test Annie Ernaux</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Oct 2022 08:03:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Generationenkonflikt]]></category>
		<category><![CDATA[show don&#039;t tell]]></category>
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					<description><![CDATA["Show, don't tell" lautet ein universales Prinzip des kreativen Schreibens. Auf der Seite 99 von Annie Ernaux' Roman "Die Jahre" (2008) kann man mitverfolgen, wie dieses Prinzip umgesetzt wird: Die Schilderung einer Partyszene lässt uns die Entfremdung der Generationen unmittelbar spüren.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Auf der Seite 99 von Annie Ernaux‘ Roman <em>Die Jahre</em> (2008, dt. 2017) befinden wir uns im Bewusstsein einer Ich-Erzählerin. Wir platzen mitten in eine Zusammenkunft, wahrscheinlich eine Party. Die Ich-Erzählerin gehört dabei, wie sie uns mitteilt, zu den unter Dreißigjährigen, und sie schildert uns nun die über Fünfzigjährigen: Sie reden, schwafeln, spotten und lästern, was das Zeug hält.</p>



<p>Dreizehn Namen werden auf den 32 Zeilen dieser Seite genannt:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>der Sänger Antoine</li><li>die Schauspielerin Alice Saptrich</li><li>Jacques Dutronc</li><li>de Gaulle</li><li>Mendès France</li><li>Giscard d’Estaing</li><li>Gaston Defferre</li><li>Michel Rocard</li><li>François Mauriac</li><li>André Malraux</li><li>Georges Bidault</li><li>Antoine Pinay</li><li>Guy Mollet</li></ul>



<p>Nicht nur mir sagen viele dieser Namen nichts.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wenn die Namen von Politikern der Vierten Republik fielen, Georges Bidault, Antoine Pinay, hatte man kein klares Bild im Kopf, sondern nur die Gewissheit, damals „schon auf der Welt gewesen“ zu sein, und daran, wie sehr sich die Älteren noch über sie echauffieren konnten – „Guy Mollet, dieser Lump“ –, merkte man erstaunt, dass sie einst wichtig gewesen waren.</p></blockquote>



<p>Die Ich-Erzählerin benennt präzise, wie wenig sie mit diesen Namen anfangen kann, und sie tut es in einer originellen Formulierung: Sie hätte etwa sagen können, dass sie diese Namen nur vom Hörensagen kenne, stattdessen spricht sie von der bloßen „Gewissheit, damals ‚schon auf der Welt gewesen‘ zu sein“, die diese Namen ihr vermitteln. </p>



<p>Das Wort „man“ kommt auf dieser Seite acht Mal vor: Es geht nicht um private Gefühle, sondern um das, was eine ganze Gruppe (hier: Generation) empfindet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8211; Man machte sich über de Gaulle lustig […]<p>&#8211; Man bewunderte Mendès France für […]<p>&#8211; Man sprang von Thema zu Thema […]</blockquote>



<p>Gerade, weil die Ich-Erzählerin über die ältere Generation innerlich den Kopf schüttelt, gibt sie deren Gespräche lebendig wieder. Wir hören die denunziatorischen Zitate der Spötter, und wir verfolgen ihre Erregung, die für die Jüngeren nur noch befremdlich ist. Es gibt auf dieser Seite zwei Klammerbemerkungen, sie wirken wie ein &#8222;beiseite gesprochen&#8220; im Theater.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Man machte sich über de Gaulle lustig, „Franzosen, ich verstehe euch!“, „Es lebe das freie Québec!“ (ganz so, als hätte die Tatsache, dass er im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit erlangt hatte, seine Senilität offenbart und ihn zum Gespött gemacht, <em>Le Canard enchaîné</em> nannte ihn nur noch &#8222;den Wackelkandidaten&#8220;).</p></blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[man spottete] über André Malraux&#8216; Zucken (man hatte ihn sich wie seinen Ch’en als großen Revolutionär vorgestellt, aber wenn man ihn jetzt bei offiziellen Anlässen in dem weiten Mantel sah, verlor man den Glauben an die Literatur)</p></blockquote>



<p>Das intime Verfahren der Ich-Erzählung lässt uns beim Lesen in doppelter Weise Zeuge werden: Wir erleben nicht nur, was uns die Ich-Erzählerin schildert, sondern auch ihre Wahrnehmung dessen, was sie uns schildert.</p>



<p>Das gilt nicht nur für den Polit-Tratsch, sondern auch für den Krieg, den die Jüngeren nur vom Hörensagen kennen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Gäste jenseits der fünfzig erzählten vom Krieg, allerdings nur noch in Form von persönlichen Anekdoten und Angebereien, die wir unter Dreißigjährigen für Geschwafel hielten. Für so etwas gab es schließlich Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen.</p></blockquote>



<p>Das ist perfektes „show, don’t tell“ (perfekt übersetzt von Sonja Finck). Der letzte Satz offenbart den Abstand zwischen den Generationen: Das Kopfschütteln, das im hingeworfenen „Für so etwas gab es schließlich Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen“ steckt, sitzt in den Worten selbst. Dass die Jüngeren längst in einer anderen Welt leben, verstehen wir, ohne dass es uns gesagt werden muss.</p>



<p>Samuel Beckett schrieb über James Joyce einmal: „His writing is not <em>about</em> something, <em>it is that something itself</em>“. Die Verwandlung von Wirklichkeit in Sprache ist die Essenz literarischen Schreibens. Wenn man die Seite 99 von Annie Ernaux‘ Roman unter die Lupe nimmt, kann man dieses Verfahren live mitverfolgen.</p>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Annie Ernaux<br><strong>Die Jahre</strong><br>Roman<br>Aus dem Französischen von Sonja Finck<br>Suhrkamp 2019 (Taschenbuch) · 255 Seiten · 12 Euro<br>ISBN: 978-3518469682<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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