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	<title>Sexismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Sexismus &#8211; tell</title>
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		<title>Katharina Blum revisited</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2017 11:07:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[#metoo]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum 100. Geburtstag ist Heinrich Böll überraschend aktuell: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" zeigt, wie nah uns die 1970er Jahre sind. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">A</span>uf dem Höhepunkt der ersten Terrorwelle Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik veröffentlichte Heinrich Böll 1974 <em>Die verlorene Ehre der Katharina Blum, oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann</em>. Diese Erzählung war sein Kommentar zum Sympathisantenvorwurf, der ihm und anderen Intellektuellen von konservativer Seite gemacht wurde. Sie hätten dem Terror der RAF Vorschub geleistet, so hieß es damals.<br />
Mit seiner Erzählung dreht Böll den Spieß um. Im Wirken der „ZEITUNG“, in der unschwer die BILD-Zeitung zu erkennen ist, sieht er eine Ursache der Gewalt.</p>
<blockquote><p>Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der „BILD“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.</p></blockquote>
<p>So heißt es süffisant in der Vorrede. Die Praktiken der ZEITUNG, wie Böll sie schildert, bestehen in Manipulation und einseitiger Interpretation der Fakten.</p>
<p>Die Titelfigur Katharina Blum ist eine geschiedene Frau, die im Cateringservice arbeitet. Sie hat sich scheiden lassen wegen der körperlichen Zudringlichkeit ihres Ehemanns, eine Zudringlichkeit, die sie auch in ihrem Beruf erfährt, durch Angehörige der feiernden und sich betrinkenden Oberschicht. Ihre Standfestigkeit bringt ihr den Spitznamen Nonne ein.</p>
<p>Die „Nonne“ aber verliebt sich, und zwar in den bereits überwachten Straftäter Ludwig Götten. Nachdem sie eine Nacht mit ihm verbringt und ihm bei der Flucht hilft, gibt die Polizei diese Ermittlungsinformation unter der Hand an die ZEITUNG weiter. Diese sorgt im Handumdrehen dafür, dass aus der „Nonne“ eine „Nutte“ wird, ein „Räuber-Flittchen“, die ZEITUNG weiß von häufigen „Herrenbesuchen“ zu berichten. Nun beginnt für Katharina Blum der Terror der anonymen Briefe und Telefonanrufe.</p>
<p>Die handlungsstarke Geschichte ist voller Gewalt: legale, illegale, halblegale Gewalt, und zwar in Tat und Wort:</p>
<blockquote><p>Hat er dich denn gefickt?</p></blockquote>
<p>fragt der Polizist Beizmenne, als er den bereits geflohenen Götten in Katharinas Wohnung verhaften will.</p>
<blockquote><p>Nein, ich würde es nicht so nennen.</p></blockquote>
<p>Die Geschichte endet mit der Ermordung des Journalisten der ZEITUNG, der für die entehrende Berichterstattung verantwortlich ist. Katharina verspricht ihm ein Interview und lässt ihn in ihre Wohnung. Im Bericht für ihren Anwalt beschreibt sie die Situation folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>Nun, ich sah sofort, welch ein Schwein er war, ein richtiges Schwein. Und dazu hübsch. [..] &#8230;und er kam mir nach und sagte: „Was guckst du mich denn so entgeistert an, mein Blümelein – ich schlage vor, daß wir jetzt erst einmal bumsen.“ Nun, inzwischen war ich bei meiner Handtasche, und er ging mir an die Kledage, und ich dachte:“Bumsen, meinetwegen“, und ich hab die Pistole rausgenommen und sofort auf ihn geschossen. […] Ja, nun müssen Sie nicht glauben, daß es etwas Neues für mich war, daß ein Mann mir an die Kledage wollte – wenn Sie von ihrem vierzehnten Lebensjahr an, und schon früher, in Haushalten arbeiten, sind Sie was gewohnt. Aber dieser Kerl und dann Bumsen; und ich dachte: Gut, jetzt bumst´s.“</p></blockquote>
<p>Nur vier Jahre später sagte Böll dem französischen Journalisten René Wintzen im Interviewband <em>Eine deutsche Erinnerung</em>:</p>
<blockquote><p>Katharina Blum ist mir sehr weit entrückt, weil diese Erzählung natürlich einen pamphletistischen Zug hatte.</p></blockquote>
<p>Weit entrückt? Pamphletistisch? Das mag ihm so erschienen sein – umso aktueller dagegen ist sein Roman heute, am hundertsten Geburtstag des Autors. Fake news, #metoo und das weltweite Erstarken des Überwachungsstaats: Unsere Zeit ist den 70er Jahren auf eine unheimliche Weise nah.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Heinrich Böll<br />
<strong>Die verlorene Ehre der Katharina Blum</strong><br />
Erzählung<br />
dtv 1976 · 160 Seiten · 8,90 Euro<br />
ISBN: 978-3423011501<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3423011505/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783423011501" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="11831" data-permalink="https://tell-review.de/katharina-blum-revisited/boell_katharina-blum/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="314,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Böll_Katharina Blum" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-11831" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum-189x300.jpg?resize=189%2C300" alt="" width="189" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/12/B%C3%B6ll_Katharina-Blum.jpg?w=314&amp;ssl=1 314w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></div></div></div>
</div></div>
<hr />
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		<title>Im Inneren des Gedichts</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jonathan Schaake]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Sep 2017 09:38:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konkrete Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach Sexismus-Vorwürfen soll an der Berliner Alice Salomon Hochschule eine Fassade umgestaltet werden, die das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer trägt. Die Medien schalten reflexhaft auf Eskalation. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine Interpretation des Gedichtes.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em><span class="dropcap">a</span>venidas</em> steht seit 2011 auf der Südfassade der Hochschule im Berliner Stadtteil Hellersdorf. Angebracht wurde es im Rahmen der Verleihung des Alice Salomon Poetik-Preises an Eugen Gomringer, eine der Leitfiguren der Konkreten Poesie. Das Gedicht selbst stammt aus den Fünfzigerjahren und sieht an Ort und Stelle so aus:</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="11198" data-permalink="https://tell-review.de/im-inneren-des-gedichts/avenidas/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?fit=577%2C769&amp;ssl=1" data-orig-size="577,769" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="avenidas" data-image-description="&lt;p&gt;Eugen Gomringer: avenidas&lt;br /&gt;
Fassade Alice-Salomon-Hochschule Berlin Hellersdorf&lt;br /&gt;
Foto: (c) Jonathan Schaake&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?fit=577%2C769&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-11198 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?resize=577%2C769" alt="" width="577" height="769" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?w=577&amp;ssl=1 577w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?resize=60%2C80&amp;ssl=1 60w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?resize=225%2C300&amp;ssl=1 225w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/avenidas.jpg?resize=300%2C400&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 577px) 100vw, 577px" /></p>
<p>In einer Stellungnahme des AStAs der Alice Salomon Hochschule wird das Gedicht so übersetzt:</p>
<blockquote><p>Alleen<br />
Alleen und Blumen</p>
<p>Blumen<br />
Blumen und Frauen</p>
<p>Alleen<br />
Alleen und Frauen</p>
<p>Alleen und Blumen und Frauen und</p>
<p>ein Bewunderer</p></blockquote>
<p>Kritisch vermerkt der AStA in seinem offenen Brief bereits 2016:</p>
<blockquote><p>Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* <em>[sic]</em> ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.</p></blockquote>
<p>Das ist eine klare Positionierung der Studierenden der Hochschule, die denn auch die treibende Kraft hinter dem Senatsbeschluss zur Neugestaltung der Fassade waren. Und doch wird in dieser Stellungnahme auf eine Analyse, geschweige denn Interpretation von <em>avenidas</em> verzichtet, von einer kurzen Inhaltsangabe abgesehen.</p>
<h3>Die verweigerte Deutung</h3>
<p>In diesem hochschulpolitischen Zusammenhang ist das sicherlich erst einmal zu verschmerzen. Betritt man jedoch das Parkett der gesellschaftlichen Debatte, wird die Verweigerung einer Gedichtinterpretation problematisch. Dies zeigt die Verteidigungsrede von Eugen Gomringers Tochter, der Lyrikerin Nora Gomringer, <a href="https://www.facebook.com/noraeugenie.gomringer/videos/vb.625066818/10155002505906819/?type=2&amp;theater" target="_blank" rel="noopener">auf Facebook</a>. Statt einer Interpretation begnügt sich Nora Gomringer in ihrer Empörung über die Vorwürfe mit vagen Behauptungen: Der Text sei „absolut entfernt von jeder Emotionalität“, jedoch sei „die Auswahl der bewunderten Menschen und Gegenstände eindeutig“ und überhaupt „alles von außen, nichts von innen“.</p>
<p>Der „Bewunderer“ („un admirador“) beherrsche das Gedicht mitnichten, wenn auch an prominenter Stelle (dem Ende) stehend, sodass die angesprochenen Frauen („mujeres“) sein Urteil nicht zu fürchten bräuchten. Vielmehr sei es die Konkretheit der Aufzählung, die „auf Werte verweist, die mitten im Leben, mitten in Berlin 2017 Gültigkeit haben und Schönheit besitzen“, nämlich „dass wir verbunden sind in der Welt, wir alle miteinander“. Wie könne man, fragt Gomringer, ein solches Gedicht einfach „loswerden“ wollen?</p>
<p>Die Münchener Literaturprofessorin Barbara Vinken schließlich verweigert <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/barbara-vinken-ueber-eugen-gomringer-gedicht-wenn.1270.de.html?dram:article_id=395076" target="_blank" rel="noopener">auf Deutschlandfunk Kultur</a> geradezu ostentativ eine Deutung. Sie finde <em>avenidas</em> ein „sehr bewundernswürdiges Gedicht, das die Schönheit der Welt einfach in fünf Wörtern erblühen lässt“. Die „unschöne“ und „bedenkliche“ Reaktion des Sexismus-Vorwurfs lasse sich als „Symptom“ einer auf Sexismus fokussierten „homosozialen“ Lebenswelt verstehen, in der wahre Bewunderung nicht mehr vorstellbar sei. „Da kann aber das Gedicht nichts dafür“, so Vinken.</p>
<p>Ist das wirklich so? Kann <em>avenidas</em> nichts für seine eigene Interpretation? Ich meine, es lassen sich sehr wohl Strukturen in diesem Gedicht identifizieren, die den Sexismus-Vorwurf wenn nicht begründen, so zumindest verständlich werden lassen. Man muss hierzu aber bereit sein, sich auf die Ebene der Wörter und der in ihnen kodierten Symbolik zu begeben – gewissermaßen ins Gedicht-Innere, entgegen dem Diktum Nora Gomringers.</p>
<h3>Straßen und Blüten</h3>
<p>Gerade die Tiefenschichten des Gedichtes haben es in sich. Hierzu soll für einen kurzen Moment der Blick weggeleitet werden von den Begriffen „mujeres“ und „admirador“, die für die meiste Aufregung im Gedichtstreit gesorgt haben. Die wichtigeren Bedeutungsträger sind in der Assoziationskette nämlich zwei andere Ausdrücke: „avenidas“ und, vor allem, „flores“.</p>
<p>Das spanische Wort „avenidas“ ist keineswegs nur mit „Straßen“ oder „Alleen“ zu übersetzen. „Avenidas“ kann auch „Zugang“, „Zufahrt“ oder „Zustrom“ bedeuten. Der Verweis von manchen Diskussionsteilnehmern auf den angeblich verbrieften Beschreibungsgegenstand, die Promenade „Las Ramblas“ im Zentrum von Barcelona, verdeckt so gesehen die erotische Konnotation dieses Begriffes.</p>
<p>Die „flores“ („Blumen“ oder „Blüten“) sind ein noch deutlicheres Symbol. Man denke etwa an „Defloration“ (Entjungferung) ­– schon der deutsche Minnesang kennt dafür die Wendung „bluomen brechen“. Weiteren Aufschluss gibt ein Zitat aus dem „Blumentraum einer Patientin“, das sich in Sigmund Freuds <em>Traumdeutung</em> (1899) findet. Dort begegnet man sogar der gleichen Kombination aus Straßen und Blüten.</p>
<p>In besagtem Traumprotokoll sieht Freuds Patientin vor sich einen Kirschblütenbaum, von dem es heißt:</p>
<blockquote><p>Andere Arbeiter haben solche Äste aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen kann.</p></blockquote>
<p>Freuds lapidare Fußnote hierzu:</p>
<blockquote><p>Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i.e. masturbieren.</p></blockquote>
<h3>Zwielichtige Atmosphäre</h3>
<p>Ist der „admirador“ am Gedichtende vielleicht eine Art Freudscher Arbeiter zwischen blühenden Bäumen? Der Symbolgehalt der „flores“ verleiht der Atmosphäre von <em>avenidas</em> jedenfalls etwas Zwielichtiges. Man fühlt sich an ein ähnlich doppeldeutiges Gedicht der Literaturgeschichte erinnert: Goethes <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Heidenröslein" target="_blank" rel="noopener">„Heidenröslein“</a>.</p>
<p>Dieses Blumengedicht des 21-jährigen Goethe ist exemplarisch dafür, wie in einem Text auf der Symbolebene etwas ganz Anderes gesagt werden kann, als seine unschuldig anmutende Oberfläche zunächst vermuten lässt. Das „Röslein auf der Heiden“, eine junge „morgenschöne“ Blume, wird bei Goethe von einem „wilden Knaben“ gebrochen. Während man darin früher nichts als harmlose Idyllik sah, wird das Gedicht heute oft als verklausulierte Beschreibung einer Vergewaltigung gelesen.</p>
<p>Manifest werden diese völlig konträren Lesarten von „Heidenröslein“ bereits in den beiden populärsten Vertonungen aus dem 19. Jahrhundert. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-VUTUy7rvmw" target="_blank" rel="noopener">Die eine</a> stammt von dem deutschen Volkslied-Komponisten Heinrich Werner und wiegt sich in Walzertakten von bukolischer Harmonieseligkeit. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=CXaAsJp5bvg" target="_blank" rel="noopener">Die andere</a>, nicht minder berühmte, Version von Franz Schubert fügt dem Text als musikalische Deutung einen Moll-Trugschluss auf der Zeile „half ihm doch kein Weh und Ach“ hinzu, was den Eindruck von unterschwelliger Tragik erzeugt.</p>
<h3>Ein unheimlicher Bewunderer</h3>
<p>Trägt Eugen Gomringers <em>avenidas</em> womöglich mehr von „Heidenröslein“ in sich, als seinen Verteidigern im Hellersdorfer Gedichtstreit lieb sein kann? Der Symbolgehalt der „flores“ lässt zumindest die Assoziation mit dem auch bei Goethe vorkommenden Thema „Blumen brechen“ zu. Damit wird zwar nicht automatisch eine bevorstehende Vergewaltigung heraufbeschworen. Jedoch lässt die tiefensymbolische Unbestimmtheitsstelle den „admirador“ nachgerade unheimlich erscheinen.</p>
<p>Ist das Gedicht darum als „sexistisch“ zu werten? <em>avenidas</em> ist kein chauvinistischer Text, doch das Gedicht evoziert mit starker Symbolik ein männliches Subjekt, dessen erotische Phantasie sich an den weiblichen Figuren entzündet – und sie insofern zu Sexualobjekten werden lässt. Wir wissen nicht, wer der „Bewunderer“ wirklich ist. Vielleicht aber gewinnt das Gedicht durch die Möglichkeit des Übergriffigen sogar an ästhetischem Reiz. Wer sagt, dass Kunst nicht beunruhigen darf?</p>
<h3>Der sterilisierte Literaturstreit</h3>
<p>Wenn man bei <em>avenidas</em> also eine sexuelle Aufladung wahrnimmt, reagiert man letztlich nur auf das, was in den Strukturen des Gedichtes angelegt ist. Dass dieser Umstand in der bisherigen Diskussion völlig untergegangen ist, mag dem allgemeinen Debattenreflex geschuldet sein: Alle wollen sich so pointiert wie möglich äußern, aber bitte ohne sich die Hände mit Hermeneutik aufzureißen. Trotzdem bleibt der Eindruck, hier sei ein Literaturstreit im wahrsten Sinne des Wortes sterilisiert worden.</p>
<p>Denn mit der Weigerung, Gedichte zu deuten, wird nicht nur unser Zugang zu tieferen Formen der Symbolik verstellt, sondern auch zu unserem Unbewussten insgesamt. Der Hellersdorfer Literaturstreit macht deutlich: Wir müssen Gedichte ernst nehmen, indem wir sie interpretieren. Erst durch das Interpretieren legen wir jene Strukturen offen, die uns verschiedene Lesarten ermöglichen. So können wir besser verstehen, worüber wir uns eigentlich streiten.</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild<strong>:</strong> Heideröslein_Nozomi_(Onodera_1968).JPG<br />
</em><em>By Huhu. The original uploader was Huhu at German Wikipedia [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHeider%C3%B6slein_Nozomi_(Onodera_1968).JPG">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Hellersdorf mit dem Gedicht </em>avenidas<em>: (c) Jonathan Schaake</em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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