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	<title>schriftliche Rede &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>schriftliche Rede &#8211; tell</title>
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		<title>Page-99-Test: Roman Ehrlich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Apr 2017 08:16:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Page-99-Test]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[Adjektive]]></category>
		<category><![CDATA[Redundanz]]></category>
		<category><![CDATA[schriftliche Rede]]></category>
		<category><![CDATA[stream of consciousness]]></category>
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					<description><![CDATA[Schlampiger Stil oder inszeniertes Gefasel? Auf der Seite 99 von Roman Ehrlichs 640-Seiten Roman "Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens" tauchen wir ein in einen eigenwilligen stream of consciousness. Will der Autor uns damit heimleuchten?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ich war so voll wie lange nicht mehr.</p></blockquote>
<p>So kurz ist der erste Satz auf dieser <a href="http://tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Ehrlich_Seite99_OK.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Seite 99</a>, wenn man alle überflüssigen Wörter weglässt. Im Original besteht der Satz nicht aus 8, sondern aus 18 Wörtern:</p>
<blockquote><p>Ich weiß es nicht, aber ich war so voll wie schon ganz lange nicht mehr in meinem Leben.</p></blockquote>
<p>Das „Ich weiß es nicht“ ist bloße Floskel, das „aber“ hat keine Funktion im Satz (es ist sogar widersinnig), „schon“, „ganz“, „in meinem Leben“ kann man weglassen, ohne dass etwas fehlt. Was wir hier lesen, ist eine <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-5-reden-auf-papier" target="_blank" rel="noopener noreferrer">schriftlich nachgebildete mündliche Rede</a>.</p>
<p>Die Redundanzen auf dieser Seite 99 sind ein Stilmittel, deshalb erlaube ich mir spaßeshalber, sie in den folgenden Zitaten zu streichen.</p>
<blockquote><p>Die Darsteller dürfen sich <span style="text-decoration: line-through;">grundsätzlich</span> nicht <span style="text-decoration: line-through;">haltlos</span> betrinken, weil sie sonst am nächsten Tag <span style="text-decoration: line-through;">einfach</span> nicht mehr zu gebrauchen sind. (…) Also haben wir mit ihnen ein paar Innenaufnahmen gedreht und ein paar Szenen auf dem riesigen Balkon mit der Glasbrüstung, der einen unfassbar schönen Meerblick hatte.</p></blockquote>
<p>„… mit der Glasbrüstung, der einen Meerblick hatte“ – obwohl das Relativpronomen sich grammatikalisch klar auf den Balkon bezieht, stoße ich mir daran den Zeh. Doch das ist nur ein Detail. Was diesen Sätzen die Kraft raubt, sind die leeren Worte. Mit „Darstellern“ werden „Innenaufnahmen“ gedreht und „ein paar Szenen“ auf dem Balkon.</p>
<blockquote><p>Ich glaube, mir sind <del>da</del> ganz ansehnliche Einstellungen gelungen, obwohl ich mir teilweise ein Auge zuhalten musste, um <span style="text-decoration: line-through;">richtig</span> scharf zu sehen.</p></blockquote>
<p>Zu den leeren Worten („ganz ansehnliche Einstellungen“) kommt eine unschöne Assonanz („Einstellungen gelungen“) sowie eine schlampige Formulierung (sich „teilweise“ ein Auge zuhalten).</p>
<p>Verräterisch für die (wohl bewusste) stilistische Nachlässigkeit sind die <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-6-glanz-und-elend-des-adjektivs" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Adjektive</a>. Der Balkon ist „riesig“, der Meerblick „unfassbar schön“. Ein paar Sätze später ist der Ich-Erzähler „unbeschreiblich traurig“. Das Wort „unbeschreiblich“ trifft den Nagel auf den Kopf: Diese Adjektive zeichnen sich dadurch aus, dass sie nichts beschreiben, sie bezeugen vielmehr, dass hier einer keine Worte hat für das, was er erlebt, sieht, denkt.</p>
<p>Roman Ehrlich hat also einen Ich-Erzähler geschaffen, der vor sich hinlabert, ohne viel nachzudenken. Die Seite 99 bietet eine Art ungefilterter <em>stream of consciousness</em>, zu dessen stilistischen Eigenheiten auch die Zeitformen gehören. In der mündlichen Rede ist das Perfekt die normale Vergangenheitsform, wenn wir es jedoch in einem gedruckten Text lesen, verändert sich seine Wirkung.</p>
<blockquote><p>Am Abend sind wir wieder in den Club am Hafen gegangen.</p></blockquote>
<p>Das Perfekt verleiht dem Satz etwas anrührend Naives, als hörten wir ein Kind sprechen, das das Imperfekt noch nicht gelernt hat.</p>
<blockquote><p>Der Barmann hat uns sofort erkannt und begrüßt, und nach ein paar Stunden waren wir wieder voll bis an den Rand und sind mit einem finster dreinschauenden Taxifahrer zurück zur Villa gefahren.</p></blockquote>
<p>Ein paar Zeilen später geht es vom (umgangssprachlichen) Perfekt zum (literarischen) Imperfekt und wieder zurück.</p>
<blockquote><p>Ich habe mich anschließend verabschiedet, habe noch eine kalte Dusche genommen und stand eine Weile nackt vor dem Badezimmerspiegel, schaute auf meinen fleischigen Leib und versuchte, mir einen runterzuholen, was überhaupt nicht funktioniert hat.</p></blockquote>
<p>Das Perfekt im letzten Satz hat etwas Trotziges, verstärkt durch das &#8222;überhaupt&#8220;. Dass eine bloße Zeitform einen anklagenden Ton, ja einen Vorwurf transportieren kann, ist ein interessanter Effekt. In dieser Passage findet sich, endlich, ein überraschendes Adjektiv: „meinen fleischigen Leib“. Mich gruselt ein wenig vor diesem Fleisch, und genau das soll es wohl auch.</p>
<p>Unbeschreiblich traurig macht den Ich-Erzähler,</p>
<blockquote><p>dass ich meinen Körper nicht mehr animieren konnte.</p></blockquote>
<p>Das Wort „animieren“ ist ein Stilbruch. Haben wir es mit einem Intellektuellen zu tun, der sich in die Gosse begibt? Je länger ich dieses Wort anschaue, desto fremder wird es mir und desto weniger kann ich mir vorstellen, dass irgendjemand so redet.</p>
<p>Im letzten Satz auf dieser Seite 99 erleben wir noch einmal einen effektvollen Wechsel der Vergangenheitsformen:</p>
<blockquote><p>Ein paar Minuten stand ich noch vor dem Spiegel &#8230;</p></blockquote>
<p>Ein geradezu elegisches Imperfekt nach der Kapitulation vor dem eigenen Körper, ein Abgesang. Und schon werden wir durch das Perfekt brüsk aus dieser Mikrostimmung herausgerissen.</p>
<blockquote><p>… bis mir mein Anblick richtig widerlich geworden ist, und dann bin ich ins Bett gegangen, wo ich ungefähr zwei Stunden lang geweint habe, ohne wirklich etwas zu spüren.“</p></blockquote>
<p>Ins Literarische geglättet, hieße der Satz:</p>
<blockquote><p>… bis mir mein Anblick widerlich wurde und ich ins Bett ging, wo ich zwei Stunden lang weinte, ohne etwas zu spüren.</p></blockquote>
<p>Die Frage ist nun: Möchte ich diesem vor sich hinfaselnden Ich-Erzähler geschlagene 640 Seiten lang zuhören? Ob er wohl noch andere Register zur Verfügung hat?</p>
<p>Gut möglich, dass Roman Ehrlich in seinem Roman genau dieses Gefasel abbilden will, dass er uns damit heimleuchtet. Der Roman heißt <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens, </em>ein unsäglicher Titel, der mit böser Lust die Redundanz des Adjektivs zelebriert. Das könnte die These bestätigen.</p>
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<h5><strong>Weitere Beiträge zu Roman Ehrlichs <em>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</em>:</strong></h5>
<ul>
<li>Page-99-Test: <a href="http://tell-review.de/ps-zu-roman-ehrlich/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">PS zu Roman Ehrlich</a> (Sieglinde Geisel)</li>
<li>Debatte: <a href="http://tell-review.de/der-weisse-elefant-der-literaturkritik/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Der weiße Elefant der Literaturkritik</a> (Jürgen Kiel und Louisa Chandra Esser)</li>
<li>Rezension: <a href="http://tell-review.de/angst-erzaehlen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Angst erzählen</a> (Samuel Hamen)</div></div></li>
</ul>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Roman Ehrlich<br />
<strong>Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens</strong><br />
Roman<br />
Verlag S. Fischer 2017 · 640 Seiten · 24.- Euro<br />
ISBN: 978-3100025319<br />
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