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	<title>Russland &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Tue, 26 May 2020 08:26:28 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Russland &#8211; tell</title>
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		<title>Einblick in die Blackbox Russland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Viktoriya Stukalenko]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2020 08:26:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[Russland entschlüsseln – das ist das Ziel der Online-Plattform dekoder seit ihrer Gründung 2015. Das dekoder-Jahrbuch 2019 sammelt Texte, die die russische Debattenlandschaft der letzten Jahre geprägt haben.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Was wissen wir über Russland? Was denkt Russland über sich selbst und über die Welt? Und was wird in Russland über Russland geschrieben? Der Blick auf das riesige Land mit seinen 145&nbsp;Millionen Einwohnern wird in den westeuropäischen Medien häufig auf einzelne Aspekte oder Personen fokussiert, oft wird unsere Wahrnehmung durch Klischees und Mythen geformt und dadurch verengt. Die 2015 von Wissenschaftlern und Journalisten ins Leben gerufene Internet-Plattform <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dekoder.org/" target="_blank">dekoder.org </a>will dazu ein Gegengewicht schaffen: Sie übersetzt Texte aus den unabhängigen russischen Medien, die den deutschsprachigen Lesern sonst nirgendwo zugänglich sind. „Russland entschlüsseln“ heißt das lakonisch formulierte Ziel, das fast schon wie eine Utopie klingt – es bietet einen spannenden Querschnitt des zivilgesellschaftlichen Diskurses.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Soundmix unabhängiger Stimmen</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir wollen, dass die Leserinnen und Leser in der deutschsprachigen Gesellschaft mehr über Russland erfahren: als Sachwissen, aber als Sachwissen mit Kopf und Herz.</p></blockquote>



<p>Mit diesen Worten präsentieren Chefredakteurin Tamina Kutscher und Übersetzungsredakteurin Friederike Meltendorf das erste <em>dekoder</em>-Jahrbuch, das 2019 im Verlag Matthes &amp; Seitz erschienen ist. </p>



<p>Ziel ist es,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>einen Textkörper zusammenzubauen, der die mittlerweile fast fünf Jahre dekoder abbildet: das, was in Russland passiert ist, das, was Russland ausmacht, das, was in Russland gedacht wird und nicht zuletzt das, was in Russland zu sehen ist.</p></blockquote>



<p>Im Jahrbuch werden Texte aufgeführt, die für die Debattenlandschaft Russlands von 2015 bis 2019 kennzeichnend waren. Die Autoren repräsentieren verschiedene Generationen russischer Journalisten, Wissenschaftler und Schriftsteller. Der Band enthält neben journalistischen Essays und Hintergrundartikeln zur Kultur auch Reportagen und Interviews. Es gibt auch ungewöhnliche Formen wie Debattenschauen, Fotostrecken und die Transkription eines anonymen Handymitschnitts. Ein spannender Soundmix aus unabhängigen Stimmen.</p>



<p>Um den Lesern das Fremde und Unverständliche näher zu bringen, werden Texte nicht nur übersetzt, sondern mit kurzen Einleitungen, Kommentaren, Fußnoten, Fotos und Verweisen auf ergänzende Materialien versehen. Das Buch wird damit zu einem Wegbegleiter, der die Orientierung im „Kosmos Russland“ erleichtert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Szenen aus der Tiefe</h3>



<p>„Der FSB und mein riesiger rosa Schwanz“ lautet der Titel des Essays, der den Band eröffnet. In parodistischer Form entwirft die Journalistin und Schriftstellerin Olga Beschlej die emotionale Logik der Überwachungsangst. Wie soll man sich verhalten, wenn man einen Anruf vom FSB (Föderaler Sicherheitsdienst Russlands) bekommt? „Den erfahrenen Kollegen zufolge soll man sofort, nachdem der FSB einen kontaktiert und einen Gesprächstermin vorgeschlagen hat, in allen sozialen Netzen darüber berichten.“ Voller Ironie erzählt Beschlej über ihre persönliche Erfahrung des Kontakts mit den Geheimdiensten.</p>



<p>Die Petersburger Journalistin Maria Tarnawskaja begibt sich in die Welt der Obdachlosen und berichtet von deren Leben. Beim Lesen dieser „Szenen aus der Tiefe“ bewegt man sich zwischen Entsetzen und Mitleid, Neugier und Staunen. Wer sind diese Menschen? Warum sind sie im Abseits? Einige Geschichten scheinen absurd zu sein, wie die von dem ehemaligen Schneider Wassili. Nach dem Umbruch der neunziger Jahre hat er quasi aufgehört zu existieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ein sehr sympathischer Mann, der Anfang der 1990er Jahre im Gefängnis landete und als er rauskam, war es, als hätte es ihn nie gegeben: Er tauchte in keiner Datenbank auf, keinem Dokument, weder beim Standesamt noch bei seinen ehemaligen Arbeitgebern noch in der Poliklinik – nirgends. Seitdem versucht Wassili zu beweisen, dass es ihn gibt, doch die Sache geht nur schleppend voran.“ </p></blockquote>



<p>Wie findet man aus der Tiefe wieder heraus? Die Journalistin spricht nicht nur mit Betroffenen, sondern auch mit dem Leiter der Hilfsorganisation „Notschleshka“ (etwa: Nachtasyl). </p>



<p>Der Sozialarbeiter erzählt von seinen Erfahrungen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Obdachlose verlieren ziemlich schnell ganz normale Fähigkeiten: Verantwortung für etwas zu übernehmen, etwas zu vereinbaren – sie brauchen das nicht. Auf der Straße sind andere Fertigkeiten gefragt: Wichtig ist, dass man sich bei minus 20 Grad richtig anzieht und mit zwei Stunden Schlaf am Tag auskommt.</p></blockquote>



<p>Schätzungsweise 60 000 Menschen leben in Sankt Petersburg auf der Straße. Nicht jeder bekommt eine zweite Chance.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der unsichtbare Staat</h3>



<p>Liest man die Texte aus dem Abschnitt „Politik, Patriarch, Putin“, überkommt einen das Gefühl, dass Russland auch aus der Innenperspektive weiße Flecken aufweist. Der Analytiker Maxim Trudoljubow berichtet über einen ‚anderen‘, unsichtbaren Staat, der parallel zum ‚gewöhnlichen‘ Staat funktioniert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir kennen seine Dimensionen nicht, wissen nicht, wie viel Geld und wie viel Leben durch ihn aus dem gewöhnlichen Staat abgezapft werden und dann in der Blackbox des parallelen, privaten Staates verschwinden.</p></blockquote>



<p>Die Rhetorik des Rätselhaften und Unbestimmbaren sei zur Strategie der staatlichen Politik geworden, so der Journalist Sergej Medwedew, der in seinem Beitrag „Exportgut Angst“ das archetypische Bild des bedrohlichen Russlands untersucht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Russland hat einen schillernden Raum der Unbestimmtheit geschaffen, in dem seine Rolle dämonisiert und, aller Wahrscheinlichkeit nach, überzeichnet wird – aber genau das ist offenbar, worauf Putin es angelegt hat.</p></blockquote>



<p>Während viele Journalisten sich mit Russland als „Staat des Zaren“ befassen, kritisiert die Kulturhistorikerin und Publizistin Irina Prochorowa die „Putinfixiertheit“ der Medien und verweist auf die Notwendigkeit, den Blick zu erweitern und den Staat als komplexen Mechanismus zu betrachten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gehört Russland zu Europa?</h3>



<p>Die Texte aus dem Abschnitt „Russland und der Westen“ reflektieren die Rolle Russlands im internationalen Kontext. Die ewigen Identitätsfragen, die schon im 19. Jahrhundert von Westlern und Slawophilen diskutiert wurden, sind nach wie vor aktuell. Gehört Russland zu Europa? Sind europäische Ideologien produktiv oder eher schädlich? Der Politiker Wladislaw Surkow, der in den russischen Medien als „graue Eminenz“ der russischen Politik gilt, stellt fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das russische und das europäische Kulturmodell haben bei aller äußeren Ähnlichkeit eine unterschiedliche Software und inkompatible Schnittstellen. Sie fügen sich nicht in ein gemeinsames System.</p></blockquote>



<p>Diese grundsätzliche Differenz der Kulturmodelle erkläre die schon seit Jahrhunderten andauernde „geopolitische Einsamkeit“ Russlands. Es sei höchste Zeit, diese „Einsamkeit“ als „Schicksal“ anzuerkennen, so Surkow.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Geister der Vergangenheit</h3>



<p>Viele der im Buch aufgeführten Texte sind der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an die Geschichte der Gewalt in der Sowjetunion gewidmet: Wie prägen diese Geister der Vergangenheit das russische Leben? Wie ist es zu erklären, dass Stalin in Umfragen heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten Russlands genannt wird? </p>



<p>Mit dieser Frage setzt sich die russische Politologin Ekaterina Schulmann in ihrem Beitrag „Stalin – eine aufgezwungene Liebe“ auseinander:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wenn man die Aktionen, Maßnahmen und Bekundungen anschaut, die sich als Anzeichen einer schleichenden Re-Stalinisierung oder einer Rehabilitierung Stalins deuten lassen, dann zeigt sich: Jeder dieser Fälle ist direkt oder indirekt von staatlicher Seite initiiert.</p></blockquote>



<p>Diese Feststellung wirft Fragen auf: Welche Ziele werden durch die Staatspropaganda verfolgt? Wem nutzt die Wiederbelebung der alten Mythen?</p>



<p>Das kollektive Gedächtnis scheint unzuverlässig zu sein, daher sind biografische Berichte von Zeitzeugen von unschätzbarer Bedeutung. Im Mai 2017, kurz vor seinem Tod, veröffentlichte die <em>Novaya Gazeta</em> ein Interview mit dem Schriftsteller Daniil Granin. Er hebt darin die Unzulänglichkeit der offiziellen Kriegsgeschichte hervor: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Den Krieg, den ich erlebt habe, findet man nicht in Dokumenten. Auch was konkrete Ereignisse angeht, ist da nicht viel.</p></blockquote>



<p>Es müssen also neue Antworten auf alte Fragen gesucht werden. Die Kriegsgeschichte muss revidiert und neu gelesen werden, und das bedeutet, Fehler einzusehen und zuzugeben. Doch wer übernimmt die Verantwortung dafür? Diese Frage hängt schon lange in der Luft. &nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der naphtalingetränkte Teppich an der Wand</h3>



<p>Das <em>dekoder</em>-Jahrbuch schlägt einen Bogen von der Geschichte über die Politik bis zum Alltag. Diese Verbindung spürt man besonders deutlich in dem Abschnitt „Neues Wohnen“. Welche Bewusstseinsstrukturen, Rituale und Lebensstile hat die sowjetische Wohnpolitik geprägt? Sind diese bis heute gesellschaftlich wirksam? Die Slawistin Sandra Evans schreibt über die Geschichte der <em>Kommunalka</em> (etwa: Gemeinschaftswohnung). Nach der russischen Revolution wurden die großen Wohnungen der Oberschicht neu aufgeteilt und Familien der Arbeiterklasse zur Verfügung gestellt. Diese (Schicksals-)Gemeinschaften haben den Zerfall der Sowjetunion überlebt. Auch heute wohnt ein Fünftel der Bevölkerung von Sankt-Petersburg in <em>Kommunalkas</em>.</p>



<p>Die Schlüsselsymbole der materiellen sowjetischen Kultur erzählen viel über das Verhältnis der sowjetischen Vergangenheit zur Gegenwart Russlands. Die Schweizer Historikerin Monika Rüthers zeigt, wie sich die kulturellen Konnotationen des Wandteppichs im Laufe der Zeit gewandelt haben. Einst ein Symbol für Wohlstand, wurde er in postsowjetischen Zeiten zum Zeichen der Geschmacklosigkeit und „<em>sovok“ </em>(eine abwertende Abkürzung für das Sowjetische). Doch nach und nach kehrt der naphtalingetränkte Teppich wieder an die Wände der russischen Wohnungen zurück. Warum haben die alten Symbole eine solch starke Anziehungskraft? Woher kommt die Sehnsucht nach der Sowjetunion?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kontrolle der Sprache</h3>



<p>Das <em>dekoder</em>-Buch wendet sich darüber hinaus an alle, die sich für die russische Alltagssprache interessieren. Mehrere Texte bieten Einblick in die aktuelle Entwicklung des russischen Lexikons. Der prominente Kulturhistoriker und Philologe Gasan Gusejnov beschäftigt sich mit Metamorphosen der russischen Sprache nach dem Zerfall der UdSSR. In seinem Beitrag „Der Geist der Korruption“ beantwortet er etwa die Frage, warum es in der russischen Sprache so viele Jargon-Ausdrücke und Euphemismen für Schmiergeld und Korruption gibt.</p>



<p>Der Linguist Daniel Bunčić wiederum setzt sich mit den soziokulturellen Funktionen der russischen Vulgärsprache (russ.: „<em>mat</em>“) auseinander. „Seit 2013 stellen Gesetze die Verwendung von ‚obszöner Lexik‘ in den Medien unter Strafe“. Was ist so gefährlich an der Sprache? Rutscht damit die ‚subversive Kunst‘ in die Illegalität, fragt Bunčić. Staatliche Kontrolle der Sprache und Literatur hat in Russland allerdings eine lange Geschichte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein Fenster ins heutige Russland</h3>



<p>Der abschließende Teil mit dem Titel „Haste Töne“ enthält drei sogenannte Gnosen. Bei den Gnosen handelt es sich um eine neue journalistische Form, die von <em>dekoder</em> eigens entwickelt wurde, eine Mischung zwischen Fußnote und Hintergrundartikel. Eine davon ist Iwan Turgenjew gewidmet. Turgenjew hatte viel Zeit in Deutschland und England verbracht und war sein ganzes Leben lang auf der Suche nach den Verbindungslinien zwischen Russland und Westeuropa. Er wollte Russland für die Westeuropäer verständlich machen und war damit einer der wichtigsten Botschafter der russischen Kultur in Europa.</p>



<p>Auch heute steht die Entschlüsselung kultureller Zusammenhänge in Bezug auf Russland hoch im Kurs. <em>Dekoder</em> bietet mehr als nur einen Schlüssel zum besseren Verständnis der russischen Politik, Kultur und Gesellschaft, das Magazin veranschaulicht auch die zugrunde liegende Dynamik öffentlicher Debatten. Für Leserinnen und Leser eröffnet das <em>dekoder</em>-Jahrbuch ein neues Fenster, das viele spannende Sichtweisen aus und auf das heutige Russland ermöglicht.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Rolltreppe in Moskuaer Metrostation, <br>Foto von <a href="https://www.flickr.com/photos/andrewcurrie/4593203364/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Andrew Currie vie flickr</a>, Lizenz <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 2.0</a><br>Buchcover: Verlag</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Tamina Kutscher / Friederike Meltendorf (Hg.)<br><strong>dekoder</strong><br>Russland entschlüsseln 1<br>Matthes &amp; Seitz 2019 · 335 Seiten · 20,00 Euro<br>ISBN: 978-3-95757-764-1<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783957577641&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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Matthes &amp;#038; Seitz 2019&lt;br /&gt;
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		<title>Ein Gefängnis ohne Dach</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Shibarova]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Sep 2019 08:04:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Gefängnis]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[Schon zur Zarenzeit war Sibirien das Land der Straflager. Dabei ging es auch um Kolonisierung durch Zwangsarbeit. In seinem enzyklopädischen Sachbuch „Das Totenhaus“ erzählt Daniel Beer die Geschichte dieses kaum zu kontrollierenden russischen "Gefängnisreichs".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich; hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche. Es war ein Totenhaus lebend Begrabener, darinnen ein Leben wie sonst nirgendwo; und auch die Menschen waren hier anders. Eben diesen besonderen Ort will ich nun zu beschreiben versuchen.</p></blockquote>



<p class="has-drop-cap">Dieses Zitat aus Fjodor Dostojewskis <em>Aufzeichnungen aus einem Totenhaus</em> steht als Motto am Anfang von Daniel Beers Buch. Dostojewski kannte diese „besondere Welt“ nur zu gut: Vier Jahre hatte er in einem sibirischen Zuchthaus verbracht. <em>Aufzeichnungen aus einem Totenhaus </em>schrieb er nach der Entlassung. Das 1862 publizierte Buch machte in Russland damals Furore. Diesem Urtext der russischen Lagerprosa hat der britische Historiker Daniel Beer nicht nur das Motto entnommen, sondern auch den Titel für sein Werk über die Geschichte der sibirischen Verbannung im zaristischen Russland.</p>



<p>Der 28-jährige Dostojewski wurde im Jahr 1849 in St.&nbsp;Petersburg verhaftet und zum Tod verurteilt, für das Streuen „von verderblichen Lehren, welche im ganzen westlichen Europa Wirren und Revolten hervorbrachten“, wie es hieß. Zusammen mit anderen wartete er auf die Vollstreckung des Urteils. An einem kalten Tag in der Weihnachtszeit brachte man die Gefangenen aus der Peter-und-Pauls-Festung zum Hinrichtungsplatz. Die ersten drei standen bereits an Pfähle gefesselt, das Erschießungskommando brachte die Gewehre in Anschlag. Dostojewski sollte als Nächster drankommen. Da machte ein Wink mit einem weißen Tuch der wohlüberlegten Inszenierung ein abruptes Ende. Nikolaus der Erste schenkte ihnen das Leben. Das neue Urteil hieß: vier Jahre Zwangsarbeit in Sibirien, danach lebenslanger Militärdienst als Soldat. Aus seiner Zelle schrieb Dostojewski einen euphorischen Brief: „Das Leben ist ein Geschenk, das Leben ist ein Glück, jede Minute kann zur Ewigkeit des Glückes werden.“ Mit angelegten Beineisen, im bewachten Schlittenkonvoi, verließ er St.&nbsp;Petersburg. Der glücklich Begnadigte gehörte jetzt zu den Scharen anonymer „Unglücklicher“, wie das Volk unter den Zaren die Zuchthäusler nannte. Ein Jahrhundert später, in der sowjetischen Gulag-Zeit, wurde diese mitfühlende Bezeichnung durch eine karge Abkürzung ersetzt: „Zeka“ für „zakljuchjonnyj“ – „Gefangener“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vorbühne des politischen Kampfes</h3>



<p>Daniel Beer erzählt in Geschichten. Manche Szenen, wie die der inszenierten Hinrichtung von Dostojewski, wirken wie verlangsamte Filmsequenzen. Das Buch besteht aus 13 umfangreichen Kapiteln. Ein ganzes Kapitel ist Dostojewski gewidmet. Weitere wichtigen Figuren des Buches sind die Dekabristen: die russischen Adligen, die im Dezember 1825 einen Aufstand auf dem Senatsplatz in St. Petersburg anführten und dafür nach Sibirien verbannt wurden. Sie waren die ersten Umstürzler in Russland, die nichts für sich wollten. Manche Dekabristen wurden von ihren Frauen in die Verbannung begleitet. Diese Frauen, die alles opferten, sind als mutige Retterinnen ins kulturelle Gedächtnis eingegangen. Ein weiteres großes Thema für Daniel Beer sind die polnischen Rebellen – und wie sie während ihrer Verbannungszeit Sibirien, den Ort ihrer Bestrafung, zur Vorbühne des politischen Kampfes machten.</p>



<p>Neben den berühmten politischen Exilanten gibt es auch die „Tausende gewöhnlicher Verbrecher“, deren Namen wir nicht kennen. Ihre Spuren galt es, in akribischer Forschungsarbeit in den Polizeiberichten und Gerichtsakten ausfindig zu machen. Sie bilden das Fundament von Beers <em>Das Totenhaus</em>. Anderthalb Jahre hat Daniel Beer in den Archiven von Sankt Petersburg, Moskau und den sibirischen Städten Tobolsk und Irkutsk geforscht. Sein Erzählgewebe ist dicht geflochten aus seinen Archiv-Entdeckungen, aus Memoiren, Tagebüchern und Reiseberichten sowie der Fach-Literatur zum Thema Zuchthaus und Gefängnis. Eine geradezu fesselnde wissenschaftliche Prosa, frei von jeglichem Jargon und von Bernd Rullkötter hervorragend übersetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Strafkolonisation als Staatsprojekt</h3>



<p>Die Geschichte des sibirischen Exils begann gleich nach der Eroberung Sibiriens durch das Russische Reich unter Iwan dem Schrecklichen. Im Jahre 1582 überquerte ein kosakisches Heer den Ural und besiegte den sibirischen Mongolenführer Kütschüm Khan. Damit stand das Tor zur östlichen Terra incognita offen. Die ersten Kolonisten waren Krieger, Pelzhändler, Staatsbeamte und Bauern. Manche wurden durch die Verheißungen des Neulandes angezogen, andere retteten sich als Flüchtling dorthin. Von Anfang an gab es jene, die unfreiwillig gingen. Die entlegenen Territorien waren bestens geeignet, um sich gefährlicher Leute zu entledigen, Staatsfeinde betraf dies ebenso wie Diebe, Räuber und Mörder. „Wie wir schädliche Elemente aus dem Körper entfernen müssen, damit er nicht dahinscheidet, so handeln wir auch in der Gemeinschaft der Bürger“, schrieb 1708 ein sibirischer Bischof, selbst ein Verbannter.</p>



<p>Im Jahre 1753 ließ Zarin Elisabeth die Todesstrafe für alle Delikte abschaffen, mit Ausnahme schwerer Verbrechen gegen die Staatsmacht. Als Alternative zur Todesstrafe gewann die Verbannung nach Sibirien noch an Bedeutung. Die russische Staatsmacht nutzte diese Strafe als Mittel zur Kolonisierung des dünnbesiedelten, rauen Ostkontinents. Die weit entfernten Gegenden brauchten die Arbeit menschlicher Hände. Im späten 18. Jahrhundert, unter Katharina der Großen, wurde das System der Strafkolonisation Sibiriens zu einem Staatsprojekt ausgebaut. Die Kluft zwischen den Plänen und ihrer Realisierung blieb allerdings groß, wie Daniel Beer schreibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Umerziehung durch Zwangsarbeit</h3>



<p>Wie legt ein Verbannter den weiten Weg zu seinem Verbannungsort zurück? Wie sollte man die Strecke ausstatten, damit die Gefangenen unterwegs nicht vor Erschöpfung starben? Wie werden die Zuchthäusler mit Arbeit versorgt, und was passiert mit Frau und Kind? Diese Fragen wurden von der Regierung erst Anfang der 1820er Jahre gestellt, als die Häftlingskonvois schon über zweihundert Jahre gen Osten marschiert waren. Im Jahre 1822 unternahm der Staatsmann Michail Speranski die erste Reglementierung des chaotischen Exilwesens. Dabei hatte er eine humanitäre Vision: Aus den verbannten Verbrechern sollten fleißige Siedler werden. Die Verbannten sollten Sibirien bevölkern, erschließen und damit an Russland binden. Die Behörden mussten jedoch bald feststellen, dass sich der Plan der Regierung nicht verwirklichen ließ: „Ein verbannter Siedler ist jemand, den wir auf der Straße treffen: fast nackt trotz der Grausamkeit des sibirischen Winters, verdorrt vor Hunger, schmutzig, niedergeschlagen und mit einem klaren Ausdruck des Leids in den Augen“, heißt es in einem Bericht. Statt Heerscharen von fleißigen friedlichen Siedlern fand man in Sibirien eine wachsende Armee von Geflohenen. Diese kriminellen Landstreicher terrorisierten die sibirische Bauernschaft und verhinderten somit die Entwicklung des Landes, statt sie zu fördern. Die Idee der Umerziehung durch Zwangsarbeit war schon damals gescheitert. Die apokalyptischen Realitäten der Verbannung, die Daniel Beer beschreibt, unterscheiden sich deutlich vom Bild, das Alexander Solschenizyn in <em>Archipel Gulag</em> vom Bestrafungssystem des Zarenreichs gezeichnet hat. Gegenüber der Bestialität der sowjetischen Lager verharmloste er die Verhältnisse vor der Revolution.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von der Strafkolonie zum Gulag</h3>



<p>Die „besondere Welt“, um die es in Daniel Beers <em>Das Totenhaus </em>geht, ist nicht auf das Zuchthaus beschränkt, sondern meint ganz Sibirien. Es ist ein integraler Teil des Russischen Reiches, doch zugleich ist es ein Nicht-Russland; es ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten und eine Strafkolonie; ein riesiges Gefängnis ohne Dach und ein Laboratorium der Revolution. Im Fokus des Buchs steht zwar das neunzehnte Jahrhundert, doch der Zeitraum umfasst viel mehr: Das Buch beginnt mit den letzten Lebensjahren Iwans des Schrecklichen im späten sechzehnten Jahrhundert und endet mit der Abdankung Nikolaus des Zweiten im März 1917. Was man in diesem wahrhaft enzyklopädischen Werk vermisst, ist eine übersichtlichere Unterteilung der einzelnen Kapitel. Manchmal verliert man beim Lesen die Orientierung.</p>



<p>Nach der Februarrevolution wurde das Verbannungssystem offiziell abgeschafft und Russland zum „freiesten Land der Welt“ erklärt. Allerdings sollten die neuen bolschewistischen Machthaber Sibirien schon sehr bald wieder als einen Ort der Besserungslager und der Ausbeutung entdecken. Die Ära der vergeblichen „Mühen Russlands, seines Gefängnisreiches Herr zu werden“ war zu Ende. Die Ära des Gulags begann.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Nowosibirsk 1895.<br> Fotograf unbekannt, aus: Günter Nerlich: Sibirien, VEB F.A.&nbsp;Brockhaus Verlag, Leipzig, 1961, S.&nbsp;58 (gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NowoSibirsk1895.png?uselang=de">via Wikimedia Commons</a>)</h6>



<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Daniel Beer<br>
<strong>Das Totenhaus</strong><br>
Sibirisches Exil unter den Zaren · Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter<br>
S. Fischer 2018 · 624 Seiten · 28 Euro<br>
ISBN: 978-3103973716<br>
Bei <a href="https://www.amazon.de/dp/3103973713/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a HREF="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783103973716" TARGET="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><IMG SRC="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Der Verlust der Glaubwürdigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
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		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Die linken Kräfte in Deutschland sind in der Krise. Manche sind anfällig für Verschwörungstheorien, sie betreiben Sozialabbau und zeigen Sympathien für das mafiöse Russland. Von außen gesehen erscheint Deutschland als Paradies – doch eines, in dem die Menschen nicht glücklich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie letzten drei sich als links bezeichnenden Menschen, die ich in Deutschland traf, äußerten am Kneipentisch derart abstruse Meinungen, dass ich die Runde bald wieder verließ. Einer von ihnen, ein Deutscher aus Venezuela, war in seiner Jugend in die DDR übergesiedelt, um echten Sozialismus und die deutsche Arbeiterklasse kennen zu lernen. Statt zu studieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr lang freiwillig als Bauarbeiter in einer sozialistischen Brigade. Bald musste er schockiert feststellen, dass die Bauarbeiter das Wort Sozialismus nicht hören wollten, es löste Schreikrämpfe und Hohngelächter aus, gefolgt von sexistischen Flüchen. Also studierte er Philosophie und errang den Titel eines Doktors.</p>
<h4>Der Informierte</h4>
<p>In unserem Gespräch meinte er, an der Inflation und dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Venezuela seien die USA schuld. Die USA wollten das dortige sozialistische Experiment scheitern lassen. Meinen Einwand, dass es möglicherweise auch Gründe gebe, die in Venezuela zu suchen seien, verwarf er kategorisch. Das Reich des Bösen sind die USA, und basta!</p>
<p>Ich wagte einen zweiten Einwand und fragte, ob es nicht immer schwerer werde, solche komplexen Vorgänge wie Staatskrisen zu beurteilen, im Zuge der Globalisierung, der Digitalisierung etc. Nein, meinte er, es werde immer einfacher, globale Entwicklungen zu beurteilen, weil man sich im Internet informieren könne.</p>
<h4>Der Rebell</h4>
<p>Sein Freund und Kollege, ein treuer Wähler der Partei Die Linke, wollte diese Aussage offenbar beweisen und behauptete, „das deutsche Volk soll ausgetauscht werden“. Das sei ein alter transatlantischer Plan, der jetzt verwirklicht werde. Den Grund für das angebliche Austauschprogramm glaubte er auch zu kennen – „die Afrikaner und Araber sind fügsamer als die Deutschen, nicht so rebellisch, dankbarer für den Wohlstand“. Er selbst war vor mehr als dreißig Jahren ein einziges Mal im Ausland gewesen, zu einer Bergwanderung in der Hohen Tatra, eine Fremdsprache beherrscht er nicht.</p>
<p>Ich fragte ihn, wohin denn das deutsche Volk getauscht werden solle, ob nach Madagaskar, wie es Hitler kurzzeitig mit den Juden geplant habe. Man darf ja gar nichts mehr sagen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, antwortete er. Er lasse sich das Reden nicht verbieten. Ich sah mich gezwungen, ihn darauf hinzuweisen, dass ich ihm nichts verboten, sondern nur sarkastisch widersprochen hatte.</p>
<h4>Die Aktivistin</h4>
<p>An unserem Tisch saß außerdem eine Frau, die sich als Aktivistin in einer basis-ökologischen Partei engagiert und die auf Facebook öffentlich geäußert hatte, sie hoffe auf einen Wahlsieg von Donald Trump, denn Hillary Clinton sei „ein kriegslüsternes Weib“. Außerdem wolle Trump das transatlantische Handelsabkommen TTIP nicht unterschreiben, das freue sie, denn sie habe oft an Demonstrationen gegen dieses Abkommen teilgenommen.</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Treffen verbreitete sie auf Facebook einen Beitrag eines arabischen Senders, in dem ein US-Amerikaner behauptete, an den Kriegen im Nahen Osten sei das jüdische Finanzkapital schuld. Auf meinen Vorwurf, dieser Beitrag sei purer Antisemitismus, lautete ihre Antwort, sie habe den Beitrag ja nicht kommentiert, nur weiterverbreitet. Daraufhin entfreundete ich sie.</p>
<h4>Das Elend der deutschen Linken</h4>
<p>In Deutschland sind alle mir bekannten linken Kräfte und Parteien, mit Ausnahme der Grünen, in einer grotesken Weise unglaubwürdig. Der „linke“ Flügel der SPD möchte in der Außenpolitik am liebsten eine freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehung zu dem Mafia-Staat Russland aufbauen. Die „Osterweiterung“ der NATO, die in der Amtszeit des heutigen Russlandfreundes und SPD-Alt-Kanzlers Schröder durchgeführt wurde, wird abgelehnt. Man vertritt die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität osteuropäischer Staaten.</p>
<p>In der Sozialpolitik hat die SPD mit den HARTZ-IV-Gesetzen für viele Menschen erniedrigende und beschämende Regeln durchgesetzt, außerdem elementare rechtsstaatliche Prinzipien, etwa die Unschuldsvermutung, außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig hat die SPD das Rentensystem so reformiert, dass künftig viele eine Rente unterhalb des Existenzminimums erhalten werden. Dass zahlreiche Menschen jetzt aus Wut lieber die AfD wählen, ist nicht erstaunlich. Zwar war die SPD nicht allein verantwortlich für diese beiden Reformen, aber im Auftrag der SPD wurden sie verfasst und beschlossen.</p>
<p>Die Partei Die Linke war wohl noch nie links im Sinne des Fortschritts. Sie hat die therapeutische Aufgabe übernommen, nach dem Fall der Mauer enttäuschte aufrechte Kommunisten zu trösten. Die Anerkennung der im Namen ihrer Ideen begangenen Verbrechen und Morde (50 Millionen!) hat nicht etwa dazu geführt, ihre Moskau-Hörigkeit zu beenden, lieber denunzieren sie die ukrainische Arbeiterklasse als nationalistisch, weil die Maidan-Revolution ja „sogar gegen ukrainische Gesetze verstoßen“ habe, so Gregor Gysi im Bundestag.</p>
<h4>So viel Zukunft war nie</h4>
<p>Bündnis 90/Die Grünen erreichen in neuesten Umfragen 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, vertreten also, wenn man die Nicht-Wähler dazurechnet, maximal acht Prozent der Wahlberechtigten. Diese Partei hat neben der CDU sicherlich das Potential, weiterhin die Vernunft als Richtschnur politischen Handelns zu nutzen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, autoritären und repressiven Gelüsten zu widerstehen, mit den Möglichkeiten der Zukunft in einer verspielten Weise zu experimentieren.</p>
<p>Welche „linke“ oder „liberale“ Utopie könnte Strahlkraft entfalten und Mehrheiten begeistern? Soll es ein Kommunismus im neuen Gewand werden, Grundeinkommen weltweit für alle?</p>
<p>Aber der Kapitalismus vermehrt ja schon ständig den Wohlstand und verschafft immer mehr Menschen immer mehr Möglichkeiten, schafft immer mehr Märkte. Heutzutage kann man Klingeltöne verkaufen und kaufen, oder die Gesänge der Wale. Immer weniger Menschen werden Opfer in Kriegen oder von Gewaltverbrechen. So viel Zukunft war nie.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>* * *</strong></p>
<h3>Deutschland von außen betrachtet</h3>
<p>Vor einigen Jahren traf ich an der Wolga einen Mann, der in seiner Jugend vierzig Liter Blut gespendet hatte, um auf dem Schwarzmarkt Schallplatten mit westlicher Rock &#8217;n&#8216; Roll-Musik zu kaufen zu können. Mir erklärte er, warum ich ein naiver und dummer Westler sei. Mein Fehler: Mir gefiel es in Russland. Ich mochte den operettenhaften Charme spontaner Feiern, die vielen Absurditäten, aber ich musste dort ja nicht leben, sondern war freiwillig da und konnte jederzeit wieder ausreisen.</p>
<p>Der alte Rock &#8217;n&#8216; Roller hatte in seinem Leben alle möglichen Drogen konsumiert, harte und weiche. Als junger Mann hatte er auf Inseln in der Wolga Partys mit mehreren hundert Jugendlichen organisiert, natürlich ohne Genehmigung von Komsomol oder KGB. Mich lachte er aus, weil ich nie ein Buch vom „Drogenkönig und Hellseher“ Castañeda gelesen hatte. Unter einem Putin-Bild bekreuzigte er sich und murmelte „unser lieber Pate“. Russland nannte er Dummkopf-Land, das von Deutschen regiert werden müsse. Die Russen könnten nicht effizient handeln. „Die Menschheit entwickelt sich rückwärts. Nach dem Christentum kam der Kommunismus, jetzt herrscht der Satanismus.“</p>
<p>Weil er von seiner Rente nicht leben konnte, arbeitete er als Nachtwächter. Nur einmal war er im Ausland gewesen, als Feuerwehrmann im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten.</p>
<h4>Schafft die Demokratie sich ab?</h4>
<p>Aber vielleicht hatte der Mann von der Wolga recht und die „Kräfte des Bösen“ werden gewinnen, die Demokratie wird sich selbst abschaffen, die Freiheit wird in Zukunft von Gesichtserkennungs-Software verwaltet werden? Oder man denke an Wladimir Putins kryptische Worte: „Wenn jemand Russland droht, dann wird die Antwort für die ganze Menschheit schrecklich sein, denn wozu braucht man die Welt ohne Russland?“</p>
<p>Als mein Freund Oskar aus der ukrainischen Stadt Poltawa zum ersten Mal nach Deutschland reiste, glaubte, er werde dort glückliche oder mindestens zufriedene Menschen treffen. In seiner Vorstellung ist Deutschland ein soziales Paradies mit einem fantastischen Gesundheitswesen, staunenswerter Technik und Infrastruktur, Sicherheit vor willkürlicher Verhaftung, ehrlicher Polizei, freier Presse, vielen individuelle Freiheiten.</p>
<p>Fast alle Deutschen aber, mit denen Oskar redete, schimpften über ihr angeblich so schreckliches System.</p>
<p>Einer von ihnen hatte seit vielen Jahren Depressionen, weil er Drogen konsumiert und weil er schon lange keine Freundin gehabt hatte. Das System bezahlte ihm die Wohnung und verschaffte ihm Arbeit in einer Frauenbrigade, in einer Wäscherei, wo er seine Arbeitszeit frei wählen durfte. Außerdem half ihm ein Therapeut, und ein Betreuer unterstützte ihn bei der Erfüllung bürokratischer Pflichten gegenüber den Ämtern. In seiner Freizeit schrieb er Rap-Songs, natürlich getrieben vom Hass auf diese schreckliche Gesellschaft, wie er Oskar erklärte.</p>
<p>Auch im Paradies muss offenbar große Verzweiflung herrschen.</p>
<hr />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rettungszeichen_Notausgang_Links_(alt).svg">via Wikimedia Commons</a></h6>
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