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	<title>Rezension &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Rezension &#8211; tell</title>
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		<title>Blinde Zeichen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jun 2016 08:06:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Senthuran Varatharajah]]></category>
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					<description><![CDATA[Valmira stammt aus dem Kosovo, Senthil aus Sri Lanka. Als Kinder kamen sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sieben Tage lang lässt ihr Autor sie miteinander chatten. Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen" ist ein Roman aus Facebook-Dialogen. Funktioniert das?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor zwei Jahren klagte Maxim Biller in der <a href="http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller"><em>Zeit</em></a>, der deutschsprachigen Literatur fehlten „lebendige literarische Stimmen von Migranten“. Was er lese, sei saft- und kraftlos, die Literaten passten sich an „und kassieren Wohlfühlpreise.“ Als Provokation und Ansporn mag das hingehen, doch inzwischen hat sich die Lage geändert.</p>
<p>Mit seinem Debüt <em>Vor der Zunahme der Zeichen</em> ist der 1984 in Sri Lanka geborene Autor Senthuran Varatharajah eine stille Stimme im Chor der Literatur über Flucht. Obwohl es um Fremdsein und Asyl geht, würde Maxim Biller wohl die Lebendigkeit von Varatharajahs Roman bezweifeln. Kammerspielartig und in ruhigem Ton erzählen die beiden Figuren dieses Buches, der Tamile Senthil Vasuthevan und die Albanerin Valmira Surroi, einander im Facebook-Chat ihre Geschichte. Der komplette Roman besteht aus ihren Dialogen – wir lesen also einzig, was Valmira und Senthil einander berichten, eine Erzählerstimme gibt es nicht.</p>
<p>Er ist Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Noch im Kindesalter waren sie mit ihren Eltern als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – Valmira aus dem serbischen Kosovo, Senthil aus Sri Lanka. Beide eint ihre Fremdheit und die Erfahrungen, die sie in den 80er und 90er Jahren in Deutschland als Asylanten gemacht haben, der alltägliche Rassismus als Reaktion auf die dunkle Hautfarbe, die das Anderssein auf den ersten Blick anzeigt. Deutliche und sichtbare Zeichen.</p>
<p>In der Notunterkunft wird Senthils Familie von den Zeugen Jehovas besucht. Sie helfen beim Asylantrag und Behördengängen, und die Familie tritt der Gemeinschaft bei. Die Behausungen, in denen sie anfangs unterkommen, nennen sie „Asyllandheim“, wie Senthil in seinem durchwegs kleingeschriebenen Chat erklärt:</p>
<blockquote><p>es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das wort <em>asyllandheim</em>, das nicht nur meine eltern immer noch benutzen, das nach schullandheim, nach ausflug und ausgelassenheit klingt, eigentlich <em>asylantenheim</em> heißt.</p></blockquote>
<p>Bei diesem Satz stocke ich, denn ich hatte „land“ überlesen. Deutschland als Asylland, Landheim – erst beim zweiten Lesen erkenne ich den Doppelsinn. Immer wieder baut Varatharajah in seine oft lyrisch anmutende Prosa solche Verstörungen ein, er spielt mit der Erfahrung von Differenz.</p>
<blockquote><p>dass sinn und stoff, dass bezeichnendes und bezeichnetes nicht übereinstimmen (…) dass, wie ich später zu sagen lernte, signifikant und signifikat nicht kongruent sind</p></blockquote>
<p>– dieser Satz steht, ausgerechnet, auf der <a href="http://tell-review.de/tag/page-99-test/" target="_blank">Seite 99</a>.</p>
<p>Als Flüchtlingskinder lernen Valmira und Senthil, die Codes der neuen Gesellschaft instinktiv zu erfassen, ihre Zeichen, ihre Sprache und auch die Ausgrenzung. Früh merken beide, dass sie wegen ihrer Hautfarbe auf Ablehnung stoßen. Im Kindergarten macht die Erzieherin Senthil sein Anderssein klar, als die Kinder Menschen malen. Es müssen weiße Kinder sein:</p>
<blockquote><p><em>diese farbe nennen wir hier hautfarbe</em>, und wir sprachen es ihnen nach.</p></blockquote>
<p>Sieben Tage schreiben Senthil und Valmira einander, erzählen sich ihr Leben als Migrantenkinder – solche, die es in der Gesellschaft geschafft haben. Alles was zwischen ihnen passiert, geschieht in Sprache, begegnen werden sie sich nicht. Es ist ein Zwiegespräch ohne Ziel, zwei Geschichten, die am Ende im Leeren verhallen. Ihre Biografien entspinnen sich für den Leser erst nach und nach, aus verschiedenen Fäden weben sich Episoden: Plaudereien über gemeinsame Uni-Bekannte, Geschichten von ihrer Ankunft in der BRD, das Leben in ihrer alten Heimat, die Sorgen der Eltern.</p>
<p>Diese Geschichten und die Reflexionen darüber klingen jedoch keineswegs wie typische Facebook-Dialoge:</p>
<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   18:43<br />
Ich weiß nicht warum ich Dir schreibe.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan</strong>                          18:45<br />
die gegenstände, die wir berühren, berühren uns zurück, an stellen, an denen wir taub für sie sind. die dinge, die wir sehen, sehen zurück, an stellen, an denen wir blind für sie sind.<br />
wir fassen sie ins auge. sie stechen uns ins auge.<br />
aber wir merken nichts.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan                          </strong>18:49<strong><br />
</strong>ich habe ins leere geschrieben. und du schreibst zurück, an stellen, an denen ich blind und taub für dich bin.</div></div>
<p>Mit der Messlatte des Realismus würde man diese Dialoge verfehlen, obwohl es in dem Roman auch anrührende Szenen gibt, die einfach erzählen, was ist – etwa wenn Senthil beschreibt, wie er seinem Freund aus Kindertagen wiederbegegnet, der ein Nazi-Skinhead wurde, oder wenn Valmira erzählt, wie die anderen Kinder Angst hatten, sie zu berühren, weil ihre dunkle Haut ansteckend sein könnte wie eine Krankheit.</p>
<blockquote><p>Wenn uns jemand versehentlich anfasste, lief er im Hof zu den anderen, und mit einer Berührung gab er unsere Erreger weiter.</p></blockquote>
<p>Varatharajah schildert diese Momente knapp und lakonisch. Hier liegt die Stärke des Romans: Auch die Schilderung aus der ehemaligen Heimat gerät plastisch, die Figuren gewinnen Kontur.</p>
<p>Diese Sprache – eigentlich sind es zwei Sprachen, die von Senthil und die von Valmira – erzählt nicht bloß, sondern sie verdichtet in sprachphilosophischer Weise die Erfahrung von Fremdheit. Häufig aber läuft diese Sprache leer und ergeht sich in raunenden Allgemeinplätzen:</p>
<blockquote><p>niemand wird wissen, von welchen rändern aus wir sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.</p></blockquote>
<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   08:40<br />
Wir müssen uns zwischen den Zeilen und Zeichen erraten.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan</strong>                          08:41<br />
wir werden uns zwischen den zeilen und zeichen verraten.</div></div>
Varatharajah spielt ebenso mit der Unschärfe von Sprache wie mit ihrem Zwang, Identität festzuschreiben. Zeichen verweisen, sie zeigen etwas oder stehen in einem Verhältnis der Analogie: „Das V ähnelt der Vulva, der weiblichen Scham“, schreibt Valmira. Doch häufig bleiben solche Beobachtungen abstrakt. Die Diskurse zu den Zeichen gehen über die Theorie nicht hinaus. Wir haben eine in die Literatur hineingepresste Philosophie.</p>
<p>Ebenso sind Alltagsszenen mit einem Anspruch aufgeladen, an dem Varatharajahs Sätze oft scheitern. Wenn Valmira an einem Seminar mit dem Titel „Die Biographie des Asyls – Das Asyl der Biographie“ teilnimmt, dann ist dies ein zu deutliches Zeichen. Oder wenn Senthil in der Schule schreiben lernt und seine Schrift die Linien nicht halten kann – und also Bezeichnetes und Bezeichnendes nicht zur Deckung kommen:</p>
<blockquote><p>meine sprache verrutschte. und in die zeichen und zeilen ging kein geräusch.</p></blockquote>
<p>Varatharajah dekliniert Positionen der Sprachphilosophie von Wittgenstein, Peirce und Derrida in Bildern durch, allerdings tut er dies in der Rolle des Skeptikers:</p>
<blockquote><p>die welt ist, einer gewendeten rede zufolge, alles, was der fall, ein fall sei, vielleicht war es der der sünde.</p>
<p>unsere mutter sagte, so würden wir die sprache erlernen; wenn wir die worte der anderen, wenn wir fremde wörter für die eigenen halten.</p></blockquote>
<p>Nur in seltenen Szenen wird das Leben dieser beiden jungen Menschen anschaulich. In den Dialogen entstehen keine Bilder, viele Begebenheiten liefern nur einen Vorwand für sprachphilosophische Fragen. Am Beginn des Romans stehen nichtssagende, zerhackte Alltagsdialoge:</p>
<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   15:01<br />
Bist Du hier?</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:03<br />
ich bin auf einer tagung</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:05<br />
in einer stunde beginnt das panel, auf dem ein freund sprechen wird.</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:40<br />
ich hatte den raum nicht gefunden und kam zu spät zur einführungsveranstaltung für studierende des neuen masterstudiengangs.</div></div>
<p>Diesen Chats fehlt etwas. Nach Immanuel Kant sind Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben blind. Diese beiden Ebenen kommen in dem Roman nicht zur Deckung. Zu oft proklamiert der Roman, anstatt im Erzählen zu zeigen, was er philosophisch sagen möchte. Varatharajah hat nicht den einfachen Weg gewählt. Der Roman schwimmt gegen den Strom. Es ist ein schwieriges und seltsames Buch.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Senthuran Varatharajah<br />
<strong>Vor der Zunahme der Zeichen: Roman</strong><br />
Roman<br />
Verlag S. Fischer 2016 · 256 Seiten · 17,99 Euro<br />
ISBN: 978-3-10-002415-2<br />
Bestellen bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="nofollow" href="http://www.amazon.de/gp/product/310002415X/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=310002415X&#038;linkCode=as2&#038;tag=wwwtellreview-21">Amazon</a><img decoding="async" src="http://ir-de.amazon-adsystem.com/e/ir?t=wwwtellreview-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=310002415X" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><A HREF="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&#038;site=3780&#038;type=text&#038;tnb=14&#038;prd=yes&#038;suchwert=9783100024152" TARGET="_blank">buecher.de</a><IMG SRC="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&#038;ref=776227&#038;b=0&#038;type=text&#038;tnb=14" BORDER="0" WIDTH="1" HEIGHT="1"><!-- END PARTNER PROGRAM --><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis Beitragsbild:</em><br />
<em> Senthuran Varatharajah</em><br />
<em>© Gerald Zörner, Fotostudio <a href="http://gezett.de/" target="_blank">gezett</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>„Das Grundeinkommen ist kein Anreiz. Auch kein falscher.“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jun 2016 07:49:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Grundeinkommen ist viel mehr als ein ökonomisches Projekt. Es konfrontiert uns mit der Frage, wie wir leben wollen. Eine Rezension des Buchs "Grundeinkommen von A bis Z".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<a href="https://tell-review.de/das-grundeinkommen-ist-kein-anreiz-auch-kein-falscher/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FAhtFr6P1LGs%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p><span class="dropcap">E</span>in utopisches Vorhaben? Die Schweizer machen ernst mit dem, worüber in Deutschland bisher nur diskutiert wird: Am 5. Juni stimmen sie über ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Der Initiativtext sieht vor, dass allen Schweizerinnen und Schweizern sowie allen Personen, die im Besitz einer Niederlassungsbewilligung sind, ein Grundeinkommen von 2&#8217;500 Schweizer Franken zusteht. Allen Personen, die ein höheres Einkommen haben, wird dieser Betrag vom Gehalt zunächst abgezogen und dann wieder ausbezahlt. Für sie würde sich bei einer Annahme der Initiative letztlich nicht viel ändern. Neu ist, dass das Grundeinkommen nicht an Bedingungen geknüpft wird: Es soll allen ausbezahlt werden. Wer allein vom Grundeinkommen leben will, kann das tun. Im Gegensatz zur Sozialhilfe ist es an keinerlei Auflagen gebunden. Die demütigenden Rituale, denen Sozialhilfeempfänger heute ausgesetzt sind, wie etwa der Nachweis erfolgloser Stellenbewerbungen, wären obsolet.</p>
<h4></h4>
<h4>Parlamentsdebatte über das bedingungslose Grundeinkommen</h4>
<p>Was sind die Ideen, die hinter diesem Volksbegehren stecken? Das erfahren wir im Buch <em>Grundeinkommen von A bis Z</em>. Die Verfasser Enno Schmidt, Daniel Straub und Christian Müller sind an der Abstimmungskampagne beteiligt. Das Buch leistet Aufklärungsarbeit – und es stellt Fragen. Der ruhige Tonfall lädt zum Nachdenken ein. Damit unterscheidet sich der Text von der plakativen Propaganda, die bei Abstimmungskämpfen üblich ist. Trotz einiger holpriger Formulierungen hat man beim Lesen den Eindruck, als mündiger Citoyen angesprochen zu werden.</p>
<p>So veröffentlichen die Autoren die Diskussionsbeiträge der Parlamentsdebatte über das Grundeinkommen ohne Namensangabe und Parteizugehörigkeit – ein genialer Einfall. Der Leser oder die Leserin nimmt die Argumente der Parlamentarier ohne die Vorzensur durch das eigene Freund-Feind-Schema zur Kenntnis.</p>
<p>Es muss eine erregte Debatte gewesen sein.</p>
<p>&#8222;<em>2500 Franken fürs Nichtstun sind eine Ohrfeige für jeden in der Schweiz, der um sechs Uhr aufsteht und um sieben den Pickel in die Hand nimmt und arbeitet.&#8220; </em></p>
<p><em>&#8222;Finden Sie nicht, wenn man die Zeit der Finanzkrise und danach anschaut, dass unsere Gesellschaft eher an jenen scheitert, die sich Leistungsträger nennen als an den anderen, die scheinbar keine Leistungsträger sind?&#8220;</em></p>
<h4>Der Mensch als Zweck, nicht als Mittel</h4>
<blockquote><p>Das Grundeinkommen lässt Glaubenssätze wanken. Es zwingt dazu, manches neu anzuschauen und neu zu denken. Das ist unangenehm. Zumindest unbequem. Was wird Leistung sein in der zukünftigen Leistungsgesellschaft?</p></blockquote>
<p>So fragen die Herausgeber des Handbuchs. Voraussetzung für die Idee des Grundeinkommens sei „eine Wahrnehmung, welche in jedem Menschen eine in sich und aus sich selbst bestehende Existenz anerkennt. (…) Ohne diese gibt es zwar Gründe für ein Grundeinkommen, aber nicht für das Bedingungslose.“ Auch aus ökonomischer Sicht also soll der Mensch Zweck sein und nicht Mittel. Die Frage, ob das Grundeinkommen einen falschen Anreiz gebe, stellt sich aus Sicht der Autoren nicht: „Das Grundeinkommen ist kein Anreiz. Auch kein falscher.“ Hier wird der Unterschied zur Sozialhilfe deutlich, die ja immer gezielt sein soll.</p>
<p>Ausführlich gehen die Autoren auf die Wegbereiter der Idee des Grundeinkommens ein. Der neoliberale Ökonom Milton Friedman, der Philosoph Erich Fromm, der Bürgerrechtler Martin Luther King haben dazu beigetragen, aber auch die Globalisierungskritiker von Attac. Ebenso breit gestreut sind die erbitterten Gegner des Grundeinkommens: Das Spektrum reicht vom „Weltwoche“-Verleger Roger Köppel bis zum Enthüllungsjournalisten Günter Walraff, vom wirtschaftsnahen Think Tank <em>Avenir Suisse</em> bis zu den Gewerkschaften. Die Rechte beschwört den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung herauf, die Linke fürchtet um den Stellenwert der Lohnarbeit, des klassischen Druckmittels der Arbeiterbewegung.</p>
<p>Was würde die Annahme der Initiative in der Schweiz verändern? 2‘500 Franken im Monat sind in der Schweiz angesichts des hohen Preisniveaus nicht viel Geld, es reicht zum Überleben, aber nicht zur Teilhabe an der Gesellschaft. Und ist das Grundeinkommen überhaupt finanzierbar? Die Autoren haben die Kosten einer Annahme der Initiative grob geschätzt, natürlich ist es eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Was kostet ein Grundeinkommen, was kann dafür an Sozialhilfe wegfallen? Dennoch scheint mir das Fazit, dass der finanzielle Mehrbedarf zur Finanzierung des Grundeinkommens „einigermaßen überschaubar ist“, plausibel. Doch die Finanzierbarkeit ist nicht der wichtigste Punkt in der Debatte: &#8222;Dass es zu finanzieren ist, ist kein Grund, es auch zu wollen.&#8220;</p>
<h4>Wie wollen wir leben?</h4>
<p>Die Schweizerinnen und Schweizer fällen eine ökonomische Entscheidung, die unser Menschenbild tangiert – das macht die Abstimmung über das Grundeinkommen so spannend. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen. Eine Kalkulation der Kosten allein gibt uns darauf keine Antwort. Zur Disposition steht eine Arbeitsethik, die unser Zusammenleben regelt. Doch gerade in der Lohnarbeit sind diese Glaubenssätze brüchig geworden, wie die Autoren darlegen: „Je mehr Leute arbeiten, desto größer der Wohlstand“, das sei kein ökonomisches Grundprinzip.</p>
<blockquote><p>Es ist eine Vorstellung von Wirtschaft aus dem Agrarzeitalter, dass alle schaffen müssen, damit die Ernte reinkommt. Weil das so gut zu verstehen ist, heißt das aber noch nicht, dass das heute so ist.</p></blockquote>
<p>In Deutschland sei gerade das Gegenteil der Fall:</p>
<blockquote><p>Weite Teile der Bevölkerung verarmen dadurch, dass sie in prekären Arbeitsverhältnissen zu Niedriglöhnen beschäftigt sind. Die Leute werden nur weggeschafft in Erwerbsarbeit. Die falsche Vorstellung schafft nicht Wohlstand, sondern Elend.</p></blockquote>
<p>Ist Nichtstun angesichts dessen eine Alternative? „Sie werden sagen, wenn alle das täten dann läge die Menschheit brach“, singt Georg Kreisler, „wenn alle das täten, dann dächte man über das Brachliegen mehr nach.“ Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen sei Nichtstun durchaus eine Option, das meinen auch die Autoren. Mit Bequemlichkeit sollte man dies allerdings nicht verwechseln:</p>
<blockquote><p>Tatsächlich gibt es kaum eine größere Herausforderung zur eigenen Leistung als die Bedingungslosigkeit. Das kann auch zu Sinnkrisen führen.</p></blockquote>
<h4>Was ist mit dem inneren Schweinehund?</h4>
<p>Es gehört zu den Stärken des Buchs, dass die Autoren die Gegenargumente zur Initiative nicht nur auflisten, sondern sich damit auseinandersetzen. Auf einmal erscheint das protestantische Arbeitsethos nicht nur als Ideologie lustfeindlicher Moralapostel, es zeigt sich, dass Arbeit sozial benachteiligten Gruppen die Möglichkeit der Teilhabe an der Gesellschaft bietet. Alt-Nationalrat Rudolf Strahm betreut ehrenamtlich Jugendliche, die Schwierigkeiten mit dem Schulabschluss und dem Einstieg ins Berufsleben haben. Er sieht im Grundeinkommen einen Anreiz zur Null-Bock-Haltung, dies desavouiere seine Bemühungen. Ähnlich lauten die Einwände von Feministinnen, die im Grundeinkommen eine versteckte „Herdprämie“ sehen: den Versuch, die mühsam erkämpfte Präsenz von Frauen im Berufsleben wieder zunichte zu machen.</p>
<p>Es gibt aber auch Gegenargumente, über die sich die Autoren dezent mokieren. Wer sich auf den inneren Schweinehund des Menschen beruft, dem wird entgegengehalten:</p>
<blockquote><p>Es fehlt die Konsequenz. Wer sagt, der Mensch sei von Natur aus faul, der muss auch sagen, dass er selber von Natur aus faul ist. Wenn die Natur des Menschen Faulheit ist, dann sollte er so leben können.</p></blockquote>
<p>Eine repräsentative <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/grundeinkommen-zwei-von-drei-eu-buergern-wuerden-dafuer-stimmen-a-1093136.html">Umfrage in Deutschland</a> bestätigte kürzlich diese ungleiche Wahrnehmung der Faulheit der anderen: „Während nur vier Prozent aufhören würden zu arbeiten, fürchten mehr als viermal so viele &#8211; 43 Prozent -, dass sich ihre Mitmenschen auf die faule Haut legen könnten.“</p>
<h4>Pilotprojekte in Namibia und Indien</h4>
<p>Ist die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens eine Utopie? Gegenüber anderen Utopien hat sie einen sympathischen Vorzug: Sie will den Menschen nicht verändern, sie will ihm zuhören. Wenn Angst und wirtschaftlicher Druck wegfallen, können wir der Frage, was wir wirklich wollen, nicht mehr ausweichen.</p>
<blockquote><p>In dieser Verantwortung steht jeder Mensch. Darum ist er frei. Und weil er frei ist, steht er in dieser Verantwortung.</p></blockquote>
<p>Diese noble Haltung ist im ganzen Buch zu spüren. Eine Wohltat nach all den grobschlächtigen Abstimmungskämpfen, die die Schweiz in den vergangenen Jahren erlebt hat.</p>
<p>Das Buch beschränkt sich nicht auf die Schweiz, sondern beschreibt auch internationale Politprojekte mit einem Grundeinkommen. Solche Unternehmungen hat es in vier amerikanischen Bundesstaaten sowie in Kanada gegeben, aber auch in Namibia oder Indien. Die Erfahrungen zeigen, dass die Grundeinkommensidee nicht nur für westliche Wohlstandsnationen relevant ist. Das Pilotprojekt in Indien führte zu interessanten Begleiterscheinungen: Frauen mussten ein Konto unter ihrem eigenen Namen eröffnen und sich nicht wie bisher als Ehefrau ihres Mannes oder als Tochter eintragen.</p>
<p>In letzter Konsequenz ist das bedingungslose Grundeinkommen ohnehin nur weltweit durchsetzbar. Hier zeigt sich eine Schwäche der Kampagne: Nicht die Idee, dass der Mensch auch ohne Überlebensangst arbeiten geht, ist utopisch, unrealistisch ist vielmehr, dass dies die politischen Verhältnisse das überall zulassen. Autokraten wie Putin oder Erdogan würden Bedingungslosigkeit nicht in Erwägung ziehen, da ihr einziges Bestreben darin besteht, ihre Bürger in eine von ihnen gewünschte Richtung zu lenken. Wer die Idee des Grundeinkommens weltweit durchsetzen wollte, müsste sich auch mit Machtfragen beschäftigen.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Christian Müller, Daniel Straub, Enno Schmidt<br />
<strong>Grundeinkommen von A bis Z</strong><br />
Limmat-Verlag 2016 · 240 Seiten · 24,80 Euro<br />
ISBN: 978-3-85791-806-3<br />
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		<title>Die Geschichte Kolumbiens – erzählt von einer Finca</title>
		<link>https://tell-review.de/die-geschichte-kolumbiens-erzaehlt-von-einer-finca/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sandro Abbate]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Mar 2016 08:45:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Héctor Abad]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumbien]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach dem Tod der Mutter treffen sich die drei Geschwister in der Finca, die sich seit Generationen im Familienbesitz befindet. Sie schwelgen in Erinnerungen: In ihren Ich-Erzählungen lesen wir die Geschichte Kolumbiens. Eine Rezension von Héctor Abads Roman "La Oculta".]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">L</span>a Oculta, die Verborgene – so heißt die Finca der Familie Ángel, verborgen, weil sie sich inmitten der kolumbianischen Berge befindet, abgeschirmt durch Wälder, erst seit kurzem mit dem Auto erreichbar. Hier treffen sich seit Jahrzehnten die Geschwister Pilar, Eva und Antonio mit ihrer Mutter Ana, um Familienfeste zu feiern.</p>
<blockquote><p>Früh an einem düsteren Wintermorgen klingelte bei mir in New York das Telefon. So früh rufen bloß Betrunkene an, die sich verwählt haben, oder jemand aus der Familie, mit einer schlechten Nachricht.</p></blockquote>
<p>Antonios Vorahnung wird bestätigt. Seine Mutter, von ihm liebevoll Anita genannt, ist mit fast neunzig Jahren gestorben, auf der Finca in den kolumbianischen Bergen, die seit Generationen im Besitz der Familie ist. Der aus Spanien eingewanderte, wohl aus einer jüdischen Familie stammende Urahn hatte sich im kolumbianischen Unabhängigkeitskrieg anfangs des 19. Jahrhunderts auf die Seite der Freiheitskämpfer geschlagen, diese mit zahlreichen Waren beliefert und als Gegenleistung ein unwirtliches Stück Land erhalten.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="1792" data-permalink="https://tell-review.de/die-geschichte-kolumbiens-erzaehlt-von-einer-finca/haus-im-wald-kolumbien/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?fit=1280%2C960&amp;ssl=1" data-orig-size="1280,960" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Haus im Wald Kolumbien" data-image-description="&lt;p&gt;Pixabay&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Finca in Kolumbien&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-1792" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien-300x225.jpg?resize=507%2C380" alt="Finca in Kolumbien" width="507" height="380" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?resize=1200%2C900&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Haus-im-Wald-Kolumbien.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w" sizes="(max-width: 507px) 100vw, 507px" /></p>
<p>Nun müssen die Geschwister entscheiden, was mit La Oculta geschehen soll. Jeder der drei hat eine andere Beziehung zum Familienanwesen. In Rückblenden erzählen sie aus wechselnder Perspektive Ereignisse, die sich zu einem Gesamtbild zusammensetzen und tiefe Einblicke in die Geschichte Kolumbiens eröffnen.</p>
<blockquote><p>Meinen Schwestern ist das alles egal, aber mir war es wichtig zu wissen, wie La Oculta einst entstanden ist.</p></blockquote>
<p>Antonio hat viel Zeit in die Rekonstruktion der Geschichte der Familie und des Anwesens gesteckt. Es ist eine Geschichte von Gründergeist und Aufbruchsstimmung, aber auch von Gewalt. Eva schildert die Bedrohungen, Anschläge und Gewalttaten etwa der rechten Paramilitärs, deren Opfer sie selbst einmal fast geworden war. Eines Nachts wurde sie auf La Oculta überfallen, sie entkam nur knapp, indem sie durch den See auf dem Familienanwesen tauchte.</p>
<blockquote><p>Ein Lichtstrahl glitt über meine Schulter, woraufhin ich sofort wieder untertauchte. Im selben Augenblick war ein Schuss zu hören. Um meine Verfolger zu verwirren, wandte ich mich nach links. Ich musste mich beeilen, durfte keine Sekunde verlieren.</p></blockquote>
<p>Man spürt in Abads Roman <em>La Oculta</em> den Einfluss William Faulkners, insbesondere dessen legendäres Werk <em>Schall und Wahn</em>, in dem die Geschichte der Familie Compson von vier Geschwistern erzählt wird, in ineinander verschlungenen Rückblenden, was wiederum die Beziehungen der Geschwister untereinander sichtbar werden lässt. Ebenso verhält es sich in Héctor Abads Roman. Die Handlung gibt nur den Ausschlag für eine viel größere Erzählung – die Geschichte der Familie Ángel und des Landes. Der Leser lernt die Akteure kennen und bekommt ein Gefühl von ihren Eigenheiten, ihrer Werte, ihrer Sicht auf die Dinge. Im Gegensatz zu Faulkner verleiht Abad den drei Stimmen allerdings zu wenig Persönlichkeit, zu wenig eigene Sprache, daher mangelt es den Figuren an Authentizität.</p>
<p>Doch der  wahre  Protagonist des Romans ist ohnehin keines der drei Geschwister, sondern La Oculta selbst. Die Finca ist ein Sinnbild für das gesamte Land Kolumbien. <span class="pull-right">Die drei Ich-Erzähler nehmen uns in eine Geschichte mit, die immer tiefer wird. </span>An ihr wird die Geschichte des Landes von der Einwanderung der Spanier über den Unabhängigkeitskrieg und die immer wieder aufflammenden bewaffneten Konflikte erzählt, bis in die Gegenwart der Drogenbarone, Guerilleros und Paramilitärs. Kolumbien gilt weltweit als das Land mit den meisten Binnenvertriebenen: Über fünf Millionen Menschen sind vor Gewalt und Verfolgung geflohen; ihre Zahl nimmt jedes Jahr um etwa 200.000 zu.</p>
<p>Auch der Autor Héctor Abad zählt zu den Geflohenen. Nach seinem Studium in Italien kehrte er 1987 nach Kolumbien zurück;  als jedoch sein Vater ermordet wurde, ein bekannter Arzt und Menschenrechtler, sah sich Abad noch im gleichen Jahr gezwungen, das Land wieder zu verlassen. Seit 1992 lebt er wieder in Kolumbien, als Romancier und Journalist.</p>
<div id="attachment_1793" style="width: 209px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1793" data-attachment-id="1793" data-permalink="https://tell-review.de/die-geschichte-kolumbiens-erzaehlt-von-einer-finca/hector-abad/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?fit=2840%2C4272&amp;ssl=1" data-orig-size="2840,4272" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Canon EOS 450D&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1282588385&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;55&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;400&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.008&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Hector Abad" data-image-description="&lt;p&gt;Hector Abad&lt;br /&gt;
by Daniela Abad Lombana, 23. August 2010&lt;br /&gt;
Quelle: Wikimedia, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hector_Abad.jpg&lt;br /&gt;
License CC BY-SA 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Héctor Abad&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?fit=685%2C1030&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-1793" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad-199x300.jpg?resize=199%2C300" alt="Héctor Abad" width="199" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=199%2C300&amp;ssl=1 199w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=768%2C1155&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=685%2C1030&amp;ssl=1 685w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=1200%2C1805&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=1300%2C1955&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?resize=300%2C451&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Hector-Abad.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px" /><p id="caption-attachment-1793" class="wp-caption-text">Héctor Abad</p></div>
<p><em>La Oculta</em> ist der dritte Roman von Héctor Abad, der auf Deutsch erschienen ist, ein vielschichtiges und bewegendes Buch, das den Leser so schnell nicht los lässt. Antonio erforscht die Familiengeschichte zurück bis zu den ersten Ahnen auf dem Kontinent, vielleicht weil ihn sein schlechtes Gewissen darüber plagt, dass er der Familie keinen Nachkommen schenkt. Eva verkörpert das moderne Kolumbien, während Pilar in alten Traditionen und einem tiefen Katholizismus verwurzelt ist. Mit jedem Kapitel, jedem Wechsel der Perspektive wird man stärker in die Handlung hineingesogen: Die drei Ich-Erzähler nehmen uns in eine Geschichte mit, die immer tiefer wird.</p>
<p><em>Im Mai und Juni 2016 ist der Autor auf Lesereise in Deutschland und der Schweiz unterwegs.</em></p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
Héctor Abad<br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<strong>La Oculta</strong><br />
Roman.<br />
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen<br />
Berenberg Verlag 2016 · 352 Seiten · 25,00 Euro<br />
ISBN-13: 978-3946334002<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="1831" data-permalink="https://tell-review.de/die-geschichte-kolumbiens-erzaehlt-von-einer-finca/buchcover-la-oculta/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Buchcover-La-Oculta.jpg?fit=179%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="179,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover La Oculta" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Buchcover-La-Oculta.jpg?fit=179%2C266&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Buchcover-La-Oculta.jpg?resize=179%2C266" alt="Buchcover La Oculta" width="179" height="266" class="aligncenter size-full wp-image-1831" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Buchcover-La-Oculta.jpg?w=179&amp;ssl=1 179w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/03/Buchcover-La-Oculta.jpg?resize=54%2C80&amp;ssl=1 54w" sizes="auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bilder:</em><br />
<em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hector_Abad.jpg" target="_blank">Hector Abad, </a>by Daniela Abad Lombana, 23. August 2010, Quelle: Wikimedia. License <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a></em><br />
<em><a href="https://pixabay.com/en/colombia-house-countryside-293573/" target="_blank">Finca in Kolumbien</a>, Quelle: Pixabay. License: CC0 Public Domain</em></h6>
<hr />
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		<title>Eine Ohrfeige an wen?</title>
		<link>https://tell-review.de/eine-ohrfeige-an-wen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Mar 2016 22:08:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Abbas Khider]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[Abbas Khiders Roman „Ohrfeige“ erzählt von den Irakern, die Anfangs des Jahrtausends vor Saddam Hussein geflohen sind. Sie sind der deutschen Bürokratie und ihren Sachbearbeitern ausgeliefert - doch dem Roman gelingt es nicht, uns zu zeigen, was das bedeutet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">L</span>iteratur kann eine Deutungsinstanz sein. Kein Wunder sind derzeit Romane über Flüchtlinge gefragt. Abbas Khiders Roman &#8222;Ohrfeige&#8220; erzählt von Flüchtlingen, doch nicht von jenen, die uns heute  beschäftigen, sondern von den Irakern, die Anfangs des Jahrtausends vor Saddam Hussein geflohen sind, wie übrigens auch Abbas Khider selbst, der mit 19 Jahren erstmals verhaftet worden war, 1996 nach Jordanien und Libyen entkommen konnte und seit 2004 in Deutschland lebt. <a style="color: #333333;" href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/abbas-khider-im-interview-ich-habe-eine-mauer-um-mich-herum-gebaut/12927824.html">Nach eigenen Angaben</a> hat Khider mit dem Roman bereits vor vier Jahren begonnen, die heutige Situation konnte er nicht voraussehen. Die Probleme von Geflüchteten, die in Deutschland Asyl suchen, sind die gleichen geblieben, könnte man sagen. Trotzdem haben die Flüchtlinge von heute andere Probleme.</p>
<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#FAFAFA;border-color:#ffffff;color:#343E47;">Der Protagonist Karim Menzy ist nicht vor Saddam Hussein aus dem Irak geflohen, wie man nach und nach mitbekommt (er spricht nicht gern über den Grund für seine Flucht). Man erfährt in „Ohrfeige“ einiges darüber, wie es in Asylantenheimen in Bayern damals zuging: die Tricks und kleinen Gaunereien, die Langeweile, das Frieren in der „boshaften europäischen Eiseskälte“ und das Aufwärmen im Supermarkt. Als unheimliche Macht im Hintergrund waltet die deutsche Bürokratie, Willkür und Gleichgültigkeit halten sich die Waage.<br />
</div></div>
<p>„Sie, Frau Schulz, gehören zu jenen, die hier darüber entscheiden, auf welche Weise ich existieren darf oder nicht“, sagt Karim, allerdings nur in seiner Fantasie. Die Ohrfeige, die der deutschen Bürokratie gilt, soll stellvertretend Frau Schulz verabreicht werden, in Form der Geschichte, die sie sich nun anhören muss, wehrlos, denn in seinem Tagtraum hat Karim die Sachbearbeiterin in ihrem Amtszimmer an den Drehstuhl gefesselt und geknebelt.</p>
<p>Spannung und Tiefe ergeben sich aus dem Wie des Erzählens, nicht dem Was, deshalb garantiert ein aktueller Stoff nicht, dass die Geschichte tatsächlich zündet. Es beginnt schon damit, dass wir die herbeigeträumte Frau Schulz sofort wieder vergessen. Statt eines anklagenden Monologs lesen wir eine ganz normale Erzählung, und jedes Mal, wenn ein „liebe Frau Schulz“ eingestreut ist, erschrickt man kurz.</p>
<p>Die Langweile beim Lesen hat allerdings verschiedene Gründe. So plätschert Roman über weite Strecken als durchschnittliche Sozialreportage vor sich hin: &#8222;In der Gegend des Münchner Hauptbahnhofs gibt es viele ausländische Supermärkte, Cafés, Imbisse, Restaurants, kleinere Lebensmittelgeschäfte und ebenfalls zahllose Verein verschiedener Volksgruppen. Da sind die Kurden, Turkmenen, Christen, schiitische und sunnitische Muslime&#8220; etc.</p>
<p>Verunglückte Metaphern und eine unbeholfene Ironie verhindern, dass man sich auf den Text einlässt. Karim will nach Finnland, doch was ihn dort erwartet, weiß er noch nicht: &#8222;Meine Beziehungen zu den dortigen Ämtern sind ja noch ganz jungfräulich&#8220; &#8211; als gäbe es hier etwas zu entjungfern.</p>
<p>Die größte Schwäche des Texts allerdings besteht darin, dass Khider nicht erzählt. Er nennt, behauptet, erwähnt, doch wir erleben dabei nichts. Ein Ausruf wie „Wir sind komplett ausgeliefert!“ bleibt leer.<em> Show, don’t tell!</em>, möchte man dem Autor auf jeder Seite zurufen. Zumal er es könnte, denn ab und zu blitzen Sätze auf, die die Tür zum Erzählen aufstoßen könnten:</p>
<blockquote><p>Es geschah viel in dieser Zeit, aber nichts, worauf ich stolz bin.</p></blockquote>
<p>Das sagt Karim Menzy über jene drei Jahre und vier Monate, die er als Flüchtling in Deutschland verbracht hat. Ein Satz, der in seine Seele führen könnte, ebenso wie dieser hier:</p>
<blockquote><p>Was bedeutet es für mich, wenn ich weder in der Heimat noch in der Fremde leben darf? Frau Schulz?</p></blockquote>
<p>Was bedeutet es, wenn einem die Existenz verweigert wird? Wie fühlt sich einer, der aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen wird?</p>
<p>Kommen wir zu der politischen Dimension dieses Romans. &#8222;Vermutlich wäre mir nie im Leben der Gedanke gekommen, mein Land zu verlassen, wenn diese elenden Brüste nicht aufgetaucht wären.“ Beim plastischen Chirurgen erfährt Karim, dass er an Gynäkomastie leidet. Den Behörden darf er von seinen Brüsten nichts erzählen, denn „der Traum, ein normaler Mann zu werden“, ist kein Asylgrund. Stattdessen muss Karim sich „eine Story basteln, die den gesetzlichen Anforderungen entspricht“.</p>
<p>Wir begegnen in diesem Roman ausschließlich jenen Flüchtlingen, die man in manchen Kreisen als „Scheinasylanten“ bezeichnet. Karim ist wegen seinen Brüsten abgehauen, Salim wegen dem eigenen Vater.</p>
<blockquote><p>Es ist doch absurd, dass man erst ernsthaft verfolgt und gefoltert werden muss, um ein Recht auf Asyl zu erhalten</p></blockquote>
<p>empört sich einer.</p>
<p>Angesichts der derzeitigen Debatten könnten sich solche Sätze in eine Ohrfeige für die Flüchtlinge verwandeln. Eigentlich müsste dieser Satz die Frage nach sich ziehen, was es bedeutet, dass wir Westler überall hin dürfen, ohne einen Asylantrag stellen zu müssen, andere Menschen aber nicht. Hier könnte ein Gespräch unserer Gesellschaft mit sich selbst beginnen, doch der Roman lädt nicht dazu ein. Den Figuren fehlt es an Tiefe, dem Roman an gedanklicher Schärfe.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Abbas Khider<br />
<strong>Ohrfeige</strong><br />
Roman<br />
Hanser-Verlag, 2016 · 220 Seiten · 19,90 Euro<br />
<b>ISBN-13:</b> 978-3446250543<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="4329" data-permalink="https://tell-review.de/eine-ohrfeige-an-wen/khider_ohrfeige/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige.jpg?fit=290%2C475&amp;ssl=1" data-orig-size="290,475" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="khider_ohrfeige" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige.jpg?fit=290%2C475&amp;ssl=1" class="aligncenter size-medium wp-image-4329" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige-183x300.jpg?resize=183%2C300" alt="khider_ohrfeige" width="183" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/Khider_Ohrfeige.jpg?w=290&amp;ssl=1 290w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></div></div></div>
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<h6 style="text-align: right;"><em>Foto: Gerald Zoerner<a href="http://www.gezett.de" target="_blank" rel="noopener"> @gezett</a><br />
Buchcover: <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ohrfeige/978-3-446-25054-3/" target="_blank" rel="noopener">Hanser Verlag</a></em></h6>
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		<title>Ein Land auf der Suche nach sich selbst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Mar 2016 21:48:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Afrikanische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kenia]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit ihrer Erzählung "Weight of Whispers" hatte die Kenianerin Yvonne Adhiambo Owuor im Jahr 2003 den renommierten Caine Prize for African Writing gewonnen. Über zehn Jahre dauerte es bis zu ihrem ersten Roman.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er Roman &#8222;Der Ort, an dem die Reise endet&#8220;, beginnt mit einem gewaltsamen Tod: Der begabte junge Ingenieur Odidi wird in den Wirren, die auf die Wahlen 2007 folgen, von der Polizei erschossen. Kenia ist ein Land, &#8222;das sein eigenes Volk erschießt, sich das eigene Herz herausreißt&#8220;, so heißt es im Roman, und es scheint, als würden gerade diejenigen der Gewalt zum Opfer fallen, die von einem anderen Kenia träumen. Odidis Tod führt die Mitglieder der Familie Oganda zusammen, und er konfrontiert sie mit ihrer Entfremdung. In dieser Familiensaga gibt es keine Unschuldigen und keine Helden. Wir erleben starke, widersprüchliche Figuren, Gefangene von Erinnerungen, über die nicht gesprochen wird:</p>
<blockquote><p>Schwüre der Stille, ein langsam wirkendes Gift mit dem verführerischen Versprechen des Vergessens.</p></blockquote>
<p>Yvonne Adhiambo Owuor verfügt über eine Sprache, die vor großen Worten nicht zurückschreckt: „Stille, die finster war wie der brütende Geist der Genesis.“ In ihren Worten erstehen die Landschaften Kenias, schrecklich und schön, voll von Gerüchen, die man als Europäer nicht kennt:</p>
<blockquote><p>Die Reisegefährten riechen immer noch nach ranziger Butter und dem besonderen Schweiß der Wüste.</p></blockquote>
<p>Owuor erzählt mit kühnen Temposchwankungen, nah an den rohen, unmittelbaren Gefühlen. „This language sweats. It bleeds“, schreibt Taiy Selasi in ihrer <a href="http://www.nytimes.com/2014/03/02/books/review/dust-by-yvonne-adhiambo-owuor.html" target="_blank">Rezension in der New York Times</a>. Yvonne Adhiambo Owuors Roman handelt vom Drama eines Landes auf der Suche nach sich selbst – und von den Menschen, die in diesem Drama ihre Rolle suchen.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Yvonne Adhiambo Owuor<br />
<strong>Der Ort, an dem die Reise endet</strong><br />
Roman<br />
Übersetzt von Simone Jakob<br />
Dumont Buchverlag 2016 · 507 Seiten · 22,99 Euro<br />
<b>ISBN-13:</b> 978-3832198206<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="4323" data-permalink="https://tell-review.de/gefangene-der-erinnerung/owuor_reise/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?fit=514%2C800&amp;ssl=1" data-orig-size="514,800" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="owuor_reise" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?fit=514%2C800&amp;ssl=1" class="aligncenter size-medium wp-image-4323" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise-193x300.jpg?resize=193%2C300" alt="owuor_reise" width="193" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?resize=193%2C300&amp;ssl=1 193w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?resize=300%2C467&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/09/owuor_reise.jpg?w=514&amp;ssl=1 514w" sizes="auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px" /></div></div></div>
</div></div>
<hr />
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