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	<title>Rassismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Wer darf, wer soll, wer kann?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Mar 2021 07:42:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzen]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Darf Marieke Lucas Rijneveld – weiß und nicht-binär – die schwarze Frau Amanda Gorman übersetzen? Und wie wird darüber debattiert? Versuch einer Klärung jenseits von schwarz und weiß.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Drei Anliegen vermengen sich in der Debatte um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht: Chancengleichheit, Redefreiheit und die Kunst des Literaturübersetzens. Es lohnt sich zu differenzieren. Je nach Kriterium fällt die Antwort, ob Marieke Lucas Rijneveld Amanda Gorman übersetzen „darf“, etwas anders aus.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gleiche Chancen und Rechte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Seit Jahrhunderten sind unsere westlichen Gesellschaften von Privilegien geprägt – in Bezug auf sozialen Status, Bildung, Geschlecht, Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung. Einiges davon steht mittlerweile als nicht zu duldende Ursache von Diskriminierung in der Verfassung. Die Verweigerung gleicher Chancen und Rechte durch die Privilegierteren <em>ist</em> Diskriminierung. Chancengleichheit bedeutet gleicher Zugang unter gleichen Bedingungen: zu Bildung, zu Ressourcen, zu Posten, zu Aufträgen, zu Macht. All das misst sich auch an der medialen Aufmerksamkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Missverhältnisse sind immer noch eklatant, die Veränderung hat erst begonnen. Wir können den Wandel mitgestalten, und wir sollten es tun. Für uns Privilegiertere heißt das: sensibler nachdenken und abgeben lernen, auch in einem so status-unverdächtigen Bereich wie dem literarischen Übersetzen. Sollte Rijneveld also Gorman übersetzen oder nicht? In diesem politischen Kontext: besser nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Engagement oder Entmündigung?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Demokratie darf sich jede:r äußern. Doch so einfach ist es nicht: Aufmerksamkeit und Redezeit sind begrenzt. Wer erhält das Wort, wer wird gefragt, gefeaturet? Immer noch überwiegend weiße ältere Männer? Das Bemühen um Fortschritt, um Teilhabe von Minderheiten an der (Deutungs-)Macht, um Chancengleichheit verschiebt allmählich die Kriterien. Wer reden darf, das wird – und zwar zu Recht – immer mehr nach Glaubwürdigkeit beurteilt: nach Mitreden-Können aus Erfahrung. Bei diesem Fortschritt gibt es eine entscheidende Differenzierung: Für andere und deren Anliegen <em>einzutreten</em>, ist Engagement, für sie zu <em>sprechen</em> ist Entmündigung. Ein schmaler Grat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings kommt es auch darauf an, wovon die Rede ist. Nicht bei jedem Thema ist Glaubwürdigkeit gleichbedeutend mit Kompetenz. Ein weiterer schmaler Grat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Betroffenheitscredits?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wo Erfahrungen bezeugt werden, ist Zuhören geboten, und geht es um Erfahrungen von Diskriminierung, ist besonderer Respekt beim Zuhören geboten. Doch Respekt kann nicht nur aus Schweigen bestehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt die Meinung, es wäre <em>woke</em> und wir Privilegierteren wären bessere Verbündete der weniger Privilegierten, wenn wir einfach mal die Klappe halten würden. Ich verstehe warum, finde das aber falsch. Nach dem Zuhören ist es, im Sinne des Engagements für Chancengleichheit <em>und</em> im Sinne der Redefreiheit, dringend nötig, dass sich die Privilegierteren nicht wegducken, sondern mittun beim Verändern. Ich sehe uns in der Pflicht: Wir können es uns am leichtesten leisten, für die Veränderung den Mund aufzumachen. (Das kann auch durch Übersetzen geschehen, dazu später.) Manchmal aber wirkt es, als müsste Redezeit nach „Leidensverdienst“ erworben werden, durch das Vorweisen der richtigen Betroffenheitscredits.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Frage der Deutungsmacht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Rijneveld bezeichnet sich als nicht-binär, ordnet sich, wie die beiden Vornamen signalisieren, nicht einem Geschlecht zu. Das fällt aus dem heteronormativen Mainstream heraus und hat Rijneveld im Jugendalter offenbar Diskriminierung eingebracht. &nbsp;Kann oder muss diese Diskriminierung nun aufgerechnet werden gegen die Hautfarbe? Gehört Gorman zum heteronormativen Mainstream, und wenn ja: Ist das überhaupt von Interesse? Und was ist mit mir als älterem weißem Mann, der hier das Wort ergreift? „Genügen“ meine eigenen Diskriminierungserfahrungen als Schwuler dafür, dass ich mich in dieser Debatte äußern darf, oder sollte ich den schlimmer Diskriminierten den Vortritt lassen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den USA hat eine schwarze Frau sich als Dichterin, zugleich aber auch politisch geäußert, also an der öffentlichen Deutungsmacht teilgehabt. Soll Rijneveld als weiße, privilegiertere, weniger diskriminierte Person darauf verzichten, diesen Text zu übersetzen, damit schwarzen Menschen in den Niederlanden nicht die Chance genommen ist, an der Deutungsmacht in Form einer Übersetzung teilzuhaben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das könnte eine interessante politische Frage sein – wenn das Übersetzen von Literatur auch Teilhabe an der Deutungsmacht, an der Redefreiheit wäre. Aber diesen Stellenwert hat es gar nicht. Und wer Rijneveld vorwirft, mit ihrer Übersetzung illegitimerweise an Stelle von Menschen mit schwarzer Erfahrung zu sprechen, hat überdies ein falsches Verständnis vom Literaturübersetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kunst der Einfühlung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wer übersetzt, spricht nämlich <em>immer</em> für jemanden, an seiner oder ihrer Stelle – in einer anderen Sprache. Es gehört zum Ethos, zur Verantwortung dieses Berufs, sich so gewissenhaft wie möglich in das Andere einzufühlen und den neu geschriebenen Text so überzeugend wie möglich zu gestalten. Ich muss mich selbst prüfen, ob ich zu dieser Einfühlung in der Lage bin, und es gehört zur übersetzerischen Professionalität, den Auftrag abzulehnen, wenn ich das nicht kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer übersetzt, muss daran glauben, dass Einfühlung grundsätzlich möglich ist. Wir Menschen haben mehr gemeinsam, als was uns trennt. Um uns einfühlen zu können, müssen wir nicht identisch sein mit dem Anderen, ja wir müssen nicht einmal Ähnliches erlebt haben: Wer den <em>Ödipus</em> übersetzt, muss nicht zuvor den Vater umbringen und mit der Mutter schlafen. Wir wissen alle, wie sich Ungerechtigkeit anfühlt, wir können kleine von großen Ungerechtigkeiten unterscheiden. Jedes neue Einfühlen erfordert Hintergrundwissen, Recherche und Nachfragen. Aber grundsätzlich gehört zum Übersetzungstalent die Fähigkeit, sich allen möglichen Varianten von Anderem anzuverwandeln, mit Respekt und im Dienst des Originals. Reiz und Antrieb dieses Berufs bestehen auch in dieser nie nachlassenden Neugier auf das Andere unserer Mitmenschen aus der ganzen Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, manchmal ist es in der Tat besser, eine Frau von einer Frau (oder auch einen Mann von einem Mann) übersetzen zu lassen, bei Texten, die von kürzeren Einfühlungswegen profitieren. Aber ‚Identitätsäquivalenz‘ als feste Regel? Hier blitzt das alte, nie befriedigend erörterte Thema auf, ob es weibliches (queeres, schwarzes) Schreiben gibt, jenseits des rein Inhaltlichen. Eine literarische Stimme ist nicht nur dadurch charakterisiert, WAS sie sagt, sondern WIE sie es sagt, und das WIE ist jedes Mal individuell und neu. Beim Übersetzen findet der Transfer zu dem übersetzenden, sich einfühlenden Menschen immer statt, der Faktor der anderen Kultur, des anderen Individuums wird immer drin sein – auch wenn es eine schwarze Europäerin ist, die Amanda Gorman übersetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Übersetzerische Kompetenz</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Literaturübersetzen reichen Empathie und Neugier allerdings nicht aus. Dieser Sprach- und Kulturtransfer verlangt vor allem Formulierungsfertigkeit und stilistische Kompetenz. Die Annahme liegt nahe, wer schreiben könne, könne auch übersetzen, doch der Glaube, Autor:innen seien die idealen Literaturübersetzer:innen, ist ein Trugschluss. Beim Schreiben eigener Texte geht es darum, eine Stimme für die <em>eigene</em> Persönlichkeit und die <em>eigenen</em> Anliegen zu finden; das ist nicht dasselbe, wie eine Stimme für Identität und Anliegen einer <em>anderen</em> Stimme in einer neuen Sprache zu finden. Manche Autor:innen können sehr gut übersetzen, doch dann verfügen sie über ein zweites künstlerisches Talent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem einer Übersetzung des Gorman-Gedichts ins Niederländische durch Rijneveld ist nicht die fehlende schwarze Erfahrung, sondern die fehlende Übersetzungserfahrung. Ob Rijneveld den Text trotzdem überzeugend übersetzt hätte, werden wir nie erfahren. Rijneveld selbst hat früher einmal mäßige Englischkenntnisse zugegeben. Bei der Entscheidung des Meulenhoff-Verlags gab wohl vor allem ein übersetzungsfernes Argument den Ausschlag: Rijnevelds Prominenz durch den International Booker Prize für ihren Roman <em>Was man sät</em> (für, nun ja, die englische Übersetzung des Romans durch Michele Hutchison, unter dem Titel <em>The Discomfort of Evening</em>). Wäre Rijneveld also fachlich gesehen eine gute Besetzung für die niederländische Fassung von Gormans Gedicht gewesen? Eher nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Weiß, schwarz, türkischstämmig</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hoffmann und Campe, Gormans deutscher Verlag, will alles richtig machen und engagiert für die Übersetzung ein Trio aus drei Frauen: Kübra Gümüşay, Hadija Haruna Oelker und Uda Strätling. Welche Kompetenzen kommen hier zusammen – und welche ‚Credits‘? Strätling ist eine erfahrene Literaturübersetzerin (allerdings weiß), Oelker ist Journalistin und Politologin (ohne Übersetzungserfahrung, dafür schwarz), und Gümüşay ist Journalistin und Autorin, berühmt geworden (aha) mit einem Buch über die politische Macht der Sprache (und sie ist türkischer Abstammung).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kostet Überwindung, die Informationen über Hautfarbe und Abstammung aufzulisten. Müssen wir so rechnen, aufrechnen? Stellt eine wegen der Herkunft vorausgesetzte Diskriminierung tatsächlich eine Qualifikation im Kampf gegen Rassismus dar? Geht das, die Erfahrung von Schwarzen in den USA mit der Erfahrung von Türkischstämmigen in Deutschland implizit gleichzusetzen? Erinnert die Prominenz von Gümüşay nicht an Meulenhoffs Kalkül mit Rijnevelds Namen? Und könnte Uda Strätling den Text allein wirklich nicht überzeugend übersetzen, mit der Sorgfalt, für die sie bekannt ist? Ich nehme an, dass sie aus dieser Sorgfalt heraus ohnehin einen <em>sensitivity check</em> gemacht hätte, also jemanden mit schwarzer Erfahrung (z. B. Hadija Haruna Oelker) hätte gegenlesen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Egal, wie politisch aufgeheizt die Debatte ist: Bei einem Übersetzungsauftrag sollte die übersetzerische Kompetenz die wichtigste Rolle spielen, ganz einfach. Doch so einfach ist es offenbar nicht mehr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hautfarbe als Kriterium?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Debatte gehen die Ebenen wild durcheinander. Jeder Shitstorm kriegt seinen Backlash. Bei der Gegen-Empörung schwingt immer auch ein Unwille mit, neu zu denken. Argumentationskeulen werden ausgepackt: Nun müssen die Chinesen sich aber anstrengen, eine schwarze Chinesin mit Legasthenie und einer alleinerziehenden Mutter zu finden, um als Übersetzerin von Amanda Gormans Gedicht qualifiziert zu sein! Oder: Die Aktion gegen Rijneveld sei lupenreiner Rassismus – Ausschluss nur wegen der Hautfarbe! Doch so etwas vertieft nur die Gräben und lenkt von den viel komplexeren politischen und künstlerischen Fragen ab. Debattieren wir konstruktiv, ohne in Lagerdenken zu verfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die schwarze niederländische Aktivistin Janice Deul, die den Shitstorm gegen Rijneveld losgetreten hat, nicht etwa Amanda Gorman selbst. Deul legte eine Liste schwarzer niederländischer Spoken-Word-Poetry-Artists vor, die sie für die Übersetzung vorschlug. Auf der Ebene der Chancengleichheit sieht das genau richtig aus. Endlich gleicher Zugang für alle, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Halt: Gar nicht unabhängig von der Hautfarbe! Diese wurde ja gerade als Äquivalenzkriterium verlangt – plus Autorschaft im gleichen literarischen Genre (Spoken-Word-Poetry kann allerdings auch Marieke Lucas Rijneveld). Auf Deuls Liste stand keine einzige Übersetzerin. Wenn wir uns schon zwischen zwei Autor:innen entscheiden, die beide noch nie übersetzt haben, geben wir dann bitte endlich einer Schwarzen den Auftrag?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schluss mit blinden Flecken</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Identität ist kein Garant für Kompetenz. Deuls Annahme lautet: Schreibkompetenz plus passende Identität = ideale Übersetzerin. Diese Annahme ist genauso ungenügend wie diejenige des Verlags: Schreibkompetenz plus Prominenz = ideale Übersetzerin. Dass die ideale Übersetzerin überhaupt erst einmal Übersetzerin sein sollte, daran hat Deul nicht gedacht. (Dieser blinde Fleck in der Wahrnehmung von Übersetzung an sich, der auch vielen Kommentaren vorzuhalten ist, tritt häufig auf: Es ist der Diskriminierungs-Credit der immer wieder übersehenen Übersetzer:innen.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso wenig wird Deul darüber nachgedacht haben, was ihre Forderung nach äquivalenter Identität zur Folge hätte: Schwarze Übersetzer:innen dürften nur noch Originaltexte schwarzer Autor:innen übersetzen. Rijneveld wurde via Facebook bereits empfohlen, lieber das Werk einer jungen nicht-binären weißen Person zu übersetzen. Hier wird der Kampf um Chancengleichheit an der falschen Stelle und mit den falschen Mitteln gekämpft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Chancengleichheit gehören die gleichen kritischen Maßstäbe bei der Betrachtung jedes Einzelfalls. Klischeehafte positive Diskriminierung bringt keine ausgleichende Gerechtigkeit, im Gegenteil. Gleiche Chancen nicht nur für schwarze, sondern für <em>alle</em> bisher ausgeschlossenen Übersetzer:innen erreichen wir schlicht durch mehr Diversität beim Übersetzer-Casting, und zwar unabhängig von der Frage äquivalenter Identitäten. Und dann betrachten wir die jeweilige Übersetzung: kritisch, sensibel und <em>competence</em>&#8211;<em>woke</em>.</p>



<p class="has-small-font-size wp-block-paragraph">PS: Unter Literaturübersetzer:innen wird das Thema, wer was übersetzen darf, derzeit kontrovers, spannend und respektvoll debattiert, unter anderem auf der Toledo-Website unter der Rubrik <em><a rel="noreferrer noopener" href="https://www.toledo-programm.de/talks/1346/beruhrungsangste" target="_blank">Toledo Talks: Berührungsängste</a></em>.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Zebramuster via Pixabay<br>Lizenz: CC0 Public Domain<br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Abschied vom Familienstammbaum</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Jan 2019 12:23:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Genetik]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
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					<description><![CDATA[In „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat“ zeigt der britische Genomiker Adam Rutherford, dass Genetik sich nicht für einfache Kausalerklärungen eignet. Vielmehr ist es so, dass uns alle mehr miteinander verbindet, als gedacht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><span style="font-size: 80%;"><em>Unwissenheit erzeugt viel häufiger Sicherheit, als es das Wissen tut.</em><br />
Charles Darwin</span></p>
<p><span class="dropcap">I</span>n seinem Buch <em>Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat</em> versucht Adam Rutherford nichts Geringeres als die Widerlegung des Rassismus mit Hilfe der [itg-tooltip href=&#8220;https://tell-review.de/glossary/genomik/&#8220; qtipstyle=&#8220;light&#8220; tooltip-content=&#8220;&lt;p&gt;Unter Genomik versteht man die Erforschung der DNA im Ganzen, also nicht nur der einzelnen Gene und ihrer Produkte. Sondern auch der DNA-Abschnitte, die nicht für ein Protein codieren, möglicherweise aber für das Ablesen eines Gens verantwortlich. Darüber hinaus kann man mit Hilfe des Vergleichs verschiedener Genome bahnbrechende Erkenntnisse über den Ablauf menschlichen Evolution gewinnen. Und auch Wanderungsbewegungen von Menschengruppen in prähistorischer Zeit lassen sich so nachvollziehbar rekonstruieren. Zuletzt zeigt sich in vergleichenden genomischen Studien die Schwierigkeit, Erbgänge für komplexe Merkmale wie Intelligenz aber auch multifaktorieller Erkrankungen nachzuzeichnen.&lt;/p&gt;&#8220;]Genomik[/itg-tooltip]. Diese Forschungsrichtung, früher „Vererbungslehre“ genannt, war seit Francis Galtons Konzept der Eugenik im späten neunzehnten Jahrhundert immer die Basis einer rassistisch ausgrenzenden Weltsicht. Dass dies heute noch gilt, zeigen Bücher von Hobbybiologen wie Thilo Sarrazin oder seinem amerikanischen Geistesverwandten Nicholas Wade.</p>
<h3>Das Reiskorn auf dem Schachbrett</h3>
<p>Der Behauptung, einige Menschengruppen hätten ein wertvolleres Genom als andere, setzt der britische Genetiker Adam Rutherford die neusten genomischen Erkenntnisse entgegen. In spannend zu lesenden Beispielen erläutert er die Unhaltbarkeit der These von „überlegenen Rassen“. Er macht deutlich, weshalb sogar der Rassebegriff auf der Müllhalde der Wissenschaftsgeschichte gelandet ist. Dabei ist Rutherfords grundlegende Überlegung ebenso einfach wie genial. Man muss sich nur das berühmte Reiskorn vergegenwärtigen, das sich auf dem Schachbrett von Feld zu Feld verdoppelt. Die Summe der Reiskörner wächst bekanntlich exponentiell. Ebenso exponentiell müsste die Anzahl unserer Vorfahren wachsen: zwei Eltern, vier Großeltern und so weiter. Jeder Mensch hätte demnach zehn Generationen zurück gerechnet bereits 1024 Vorfahren, zwanzig Generationen zurück wären es über eine Million. Diese Million von Vorfahren wäre mit der Anzahl der heute lebenden Menschen zu multiplizieren, abzüglich eines Geschwister- und Inzestfaktors. Doch um das Jahr 1000 gab es deutlich weniger Menschen als heute.</p>
<p>Rutherford erklärt es so:</p>
<blockquote><p>Sie können sich das vielleicht leichter vorstellen, wenn Sie sich vor Augen führen, dass Sie theoretisch im 11. Jahrhundert Milliarden von Vorfahren hätten haben müssen, damals aber nicht Milliarden von Menschen lebten. Also müssen wir versuchen, irgendwie mit der Zahl von Menschen auszukommen, die damals tatsächlich gelebt haben. Aus dieser vermeintlichen Sackgasse ergibt sich als mathematische Lösung, dass die Milliarden von Abstammungslinien nicht nur in einer kleinen Anzahl von Menschen zusammengelaufen sind, sondern tatsächlich in jedem Mann und jeder Frau, die zu dieser Zeit lebten.</p></blockquote>
<p><em> </em>Konkret ergibt sich daraus Folgendes:</p>
<blockquote><p>Wenn Karl der Große im 9. Jahrhundert lebte (was wir wissen) und es heute noch Nachkommen von ihm gibt (was wir ebenfalls wissen), dann ist er der Ahnherr jedes einzelnen Menschen, der heute in Europa lebt.</p></blockquote>
<h3>Das familiäre Geflecht</h3>
<p>Statt isolierter Familienstammbäume gibt es demnach ein Abstammungsgeflecht: Alle sind mit allen verwandt. So gesehen ist jede Heirat bis zu einem gewissen Grad inzestuös, und jeder Streit ist eigentlich ein Familienstreit.</p>
<p>Rutherford erläutert dies anhand seiner eigenen Familie. Er nimmt sie als Beispiel für seine grundsätzlichen Überlegungen.</p>
<blockquote><p>Ich denke an meine Kinder, Promenadenmischungen mit genetischen Einflüssen aus Südwales und Irland, […] aus dem Nordosten und aus Schottland […], plus einer Prise Südasien, um dem Ganzen Würze zu geben. Sie sind das Nationalgericht des 21. Jahrhunderts, ein sehr britisches Curry.</p></blockquote>
<p>Das widerspricht keineswegs der Tatsache, dass bei einigen geografisch abgetrennten Gruppen, wie beispielsweise den Walisern, das Genommuster ein wenig variiert. Rutherford verweist etwa auf die groß angelegte Studie „People of the British Isles“, die einen Querschnitt der britischen Bevölkerung genomisch untersucht hat. Diese Studie zeige nur einige Variationen, keinesfalls jedoch ein genetisches Muster, das die Definition einer Subspezies rechtfertigen würde.</p>
<blockquote><p>Selbst wenn sie walisischer sind als ihre Nachbarn, betrifft das nur die Details, und sie [die Waliser] sind noch immer teilweise Wikinger, Sarazene, Angel, Sachse und […] Kaiser des Frankenreichs.</p></blockquote>
<h3>Grenzen der genetischen Kausalität</h3>
<p>Der Rassebegriff ist nicht zu halten. Dabei dröselt Rutherford die Behauptung, manche Gruppen hätten genetisch „bessere“ Eigenschaften, noch von einer anderen Seite her auf. Im Rahmen des Human Genome Projekt wurde die Vererbbarkeit komplexer Merkmale wie Intelligenz, Schönheit oder auch Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose und Krebs untersucht. Dabei konnte bisher kein eindeutiger Kausalbezug zu bestimmten Genen festgestellt werden: Komplexe Merkmale werden komplex vererbt.</p>
<p>Adam Rutherford schreibt dazu:</p>
<blockquote><p>Es ist unerheblich, ob wir über Kriminalität, psychische Merkmale oder psychiatrisch relevante Störungen reden oder über völlig normales menschliches Verhalten wie die politische Einstellung: […]  die durch die Genetik aufgedeckten biologischen Eigenschaften sind weder Ursachen noch Auslöser oder Grundlagen. Sie sind potenzielle Faktoren: Wahrscheinlichkeiten.</p></blockquote>
<p>Genetische Ideologen wie Sarrazin insinuieren heute noch, dass komplexe Merkmale einem einfachen mendelschen Erbgang folgen. Der ZEIT-Titel „Ich werde Kanzler“ (<a href="https://www.zeit.de/2018/43/index" target="_blank" rel="noopener">17.10. 2018</a>) ist nur das jüngste Beispiel für diesen Denkfehler.</p>
<p>Dabei ist es ziemlich einfach: Erbkrankheiten, deren Ursache im Defekt eines einzigen Genes liegen, sind genetisches Schicksal, so etwa Mukoviszidose oder Chorea Huntington. Hier liegt eine rein lineare Kausalität vor: Das defekte Gen erzeugt ein defektes Enzym, das wiederum die Krankheit auslöst. Vielleicht findet man irgendwann die Vererbungsregeln komplexer Merkmale, Rutherford setzt dabei auf große Genom-Datenbanken, auf Big Data in der Biologie. Für Fernsehshows jedoch, die bei Hitler das Böse und bei Marilyn Monroe das Schöne in den Genen suchen, hat er nur Spott übrig.</p>
<blockquote><p>Ist das Böse in der DNA codiert? Wie ist es mit der Intelligenz? Intelligenz hat mit Sicherheit eine signifikante erbliche Komponente, doch diese wird in Populationen gemessen, nicht in Individuen, und die Jagd nach spezifischen genetischen Korrelaten der Intelligenz war bisher nicht sonderlich erfolgreich. Was die Schönheit angeht, nun, Marylin Monroe ist nicht mein Fall, und so geht es wohl vielen Menschen weltweit. Ich bin eher ein Fan von Lauren Bacall. Mir kommt da etwas vom „im Auge des Betrachters“ in den Sinn, das diesen Gedanken auf den Punkt bringt.</p></blockquote>
<p>Das Buch hat den Untertitel „Was unsere Gene über uns verraten“. Sie verraten sehr viel über uns. Nur das, was Rassisten seit anderthalb Jahrhunderten herauslesen wollten, zeigen sie gerade nicht.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: Strangmycel des Weißen Porenschwamms. Von Mätes II. [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a> oder <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC-BY-SA-3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Antrodia_Strangmycel_P7190021.jpg">von Wikimedia Commons</a><br />
Buchcover: <a href="https://www.rowohlt.de/paperback/adam-rutherford-eine-kurze-geschichte-von-jedem-der-jemals-gelebt-hat.html" target="_blank" rel="noopener">Rowohlt Verlag</a></h6>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Adam Rutherford<br />
<strong>Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat</strong><br />
Was unsere Gene über uns verraten<br />
Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Coralie Wink<br />
Rowohlt Verlag 2018 · 464 Seiten · 16,99 Euro<br />
ISBN: 978-3-499-63276-1<br />
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</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="14557" data-permalink="https://tell-review.de/abschied-vom-familienstammbaum/72_9783499632761/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/01/72_9783499632761.jpg?fit=222%2C345&amp;ssl=1" data-orig-size="222,345" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="72_9783499632761" data-image-description="&lt;p&gt;Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat&lt;br /&gt;
Rowohlt 2018&lt;br /&gt;
Coverbild&lt;/p&gt;
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