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	<title>paradoxe Intervention &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Die Macht der Verweigerung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Feb 2022 12:14:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[paradoxe Intervention]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
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					<description><![CDATA[Was hilft gegen einen atomar bewaffneten Psychopathen? Druck von außen und von innen. Ein überraschender Vorschlag für die Entmachtung des Tyrannen stammt aus dem 16. Jahrhundert.]]></description>
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<p class="has-drop-cap">Am Donnerstag, den 24. Februar 2022, hat eine jener Epochen begonnen, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Über allem, worüber wir reden und über allem, was wir tun, hängt ein „eigentlich“: Angesichts der Katastrophe in der Ukraine scheint auf einmal alles müßig.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Ernstfall</h2>



<p>Der Ausnahmezustand erreicht unser Bewusstsein, auch wenn wir nicht dazu verurteilt sind, ihn zu leben. Den meisten von uns dürfte dieser Zustand nicht ganz unvertraut sein, sei es wegen der Pandemie oder, viel grundlegender und schon viel länger, angesichts der Erderwärmung. Apokalyptisch anmutende Waldbrände in den USA, Sibirien, Griechenland, Überschwemmungen und Dürre, der Verlust von Grönland-Eis und Regenwald – es verstört nicht nur mich, dass all das bisher nicht genügt hat, um den Ernstfall auszurufen.</p>



<p>Seit diesem verfluchten Donnerstag, den 24. Februar 2022, sitzt uns der Ernstfall in den Knochen. Es war ein Ernstfall, mit dem wir nicht rechnen wollten, trotz der furchtbar präzisen Vorhersagen der Geheimdienste. Dass eine Atommacht einen Krieg vom Zaun brechen könnte gegen ein Land, von dem keinerlei militärische Bedrohung ausgeht, überforderte unsere Vorstellungskraft. Nun sind wir aus dem &#8222;Nie-wieder-Krieg-Dornröschenschlaf&#8220; erwacht, wie es meine Freundin Stephanie Jaeckel auf ihrem <a rel="noreferrer noopener" href="https://klunkerdesalltags.blog/2022/02/26/1352-km-bis-zum-krieg/" target="_blank">Blog</a> ausdrückt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Niemand kann sich Macht nehmen</h2>



<p>„Putin is small and pale, so cold as to be almost reptilian”, notierte sich Madeleine Albright nach ihrer ersten Begegnung im Jahr 2000. Wie kann es sein, dass so ein kleiner Mann, emotional verkrüppelt und paranoid, das Schicksal Europas in der Hand hat? Niemand kann sich Macht nehmen. Sie wird ihm gegeben, und behalten kann er sie nur solange, wie andere tun, was er sagt. Jede Rakete, die in Kiew einschlägt, wurde von jemandem bedient, der tut, was man ihm sagt. Den atomaren Sarkophag von Tschernobyl hat nicht Putin „erobert“, sondern seine Handlanger. Es sind Handlanger, die wissen, was sie damit möglich machen (noch etwas, was wir uns lieber nicht vorstellen wollen).</p>



<p>Was tun? Man müsste Putin das Handwerk legen – das schreibt sich so leicht hin und scheint doch so unmöglich. Erstaunlicherweise gibt es einen Text, der dafür eine Anleitung liefert. Er stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde von dem damals wohl kaum 18-jährigen Étienne de la Boétie verfasst: <em>Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft</em>. Michel de Montaigne war vier Jahre mit Étienne de la Boétie befreundet, bevor dieser mit 32 Jahren starb, wahrscheinlich an der Ruhr. Mit seinem Essay „Von der Freundschaft“ setzte Montaigne dem Freund ein Denkmal und rettete ihn damit für die Nachwelt, für uns. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Den Tyrannen verdorren lassen</h2>



<p>In den Trump-Jahren wurde de la Boéties Anleitung zur Subversion wieder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.republik.ch/2019/01/16/shakespeares-tyrannen-sind-wieder-im-amt" target="_blank">ausgegraben</a>: Angesichts von Trumps Präsidentschaft drängte sich die Frage auf, warum Wählerinnen und Wähler ihre Stimme einem Herrscher geben, der gegen ihre eigenen Interessen arbeitet und ihre Werte zerstört. (Stoßseufzer: Immerhin ist Trump nicht mehr der mächtigste Mann der Welt, sonst würde er nun den zweitmächtigsten bei seinem Krieg anfeuern und unterstützen.)</p>



<p>Über die Tyrannen schreibt de la Boétie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>je mehr sie zerstören und plündern, je mehr man ihnen gibt und je mehr man ihnen dient, desto stärker und kraftvoller, alles zu zernichten und zu zerstören, werden sie; aber sobald man ihnen nichts mehr gibt, sobald man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie, ohne dass es weiterer Gewalttätigkeit bedarf, nackt und kraftlos da und sind nichts mehr und dörren ab, gleich der Pflanze, welcher man die Feuchtigkeit und Nahrung entzogen hat.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Druck von außen und von innen</h2>



<p>Es wäre suizidal, einen mutmaßlichen Psychopathen, der über Atomwaffen verfügt, militärisch von außen zu bekämpfen. Umso wichtiger ist es, den nicht-militärischen Druck von außen maximal zu erhöhen und auch vor Sanktionen nicht zurückzuschrecken, deren Folgen wir selbst zu spüren bekommen: die Abhängigkeit von russischer Energie beenden (auch abrupt), Russland aus dem SWIFT-System werfen, russische Konten in der Schweiz sperren. </p>



<p>Druck von außen wird Putin nur dann weh tun, wenn er auch uns selbst wehtut. Und er wird allein nicht genügen. Um Putin die Macht zu nehmen, braucht es nicht zuletzt die, die sie ihm bisher gegeben haben: die eigenen Untertanen, seine Soldaten, Köche, Ärzte, Geheimdienstler, sein eigenes Land. Nur sie können seine Energiequellen trockenlegen und ihn verdorren lassen.</p>



<p>Auch wenn wir uns in einer komfortablen Position befinden, sind wir durchaus nicht nur Zuschauer: Es geht um die Freiheit in der Ukraine, in Russland, und letztlich auch bei uns. Wir können nur gemeinsam dafür kämpfen, und wie beim Klimawandel gilt auch hier: Je länger wir den Kampf aufschieben, desto höher der Preis.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verweigerung</h2>



<p>Es erfordert immensen Mut, sich von innen gegen dieses Regime zu stellen, das immer noch von so vielen loyalen Handlangern getragen wird. Doch die Proteste in den russischen Städten, die offenen Briefe von <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.dailymail.co.uk/news/article-10548079/Putins-goddaughter-leads-fury-against-invasion-Ukraine.html" target="_blank">Celebrities</a> und <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/offener-brief-russische-wissenschaftler-wenden-sich-gegen-putin-17833982.html" target="_blank">Wissenschaftlern</a> richten sich auch ans Ausland: Der Druck nach innen steigt, wenn sie von der Welt zurück gespiegelt werden. Die Verbreitung dieser Botschaften gehört erst noch zu den Maßnahmen, die nichts kosten.</p>



<p>Man muss den Tyrannen gar nicht töten, es reicht, ihm nichts mehr zu geben, das ist die gute Nachricht aus dem Text von de la Boétie. Sie könne es vor ihrem Gewissen nicht verantworten, von einem solchen Staat weiterhin ein Gehalt zu beziehen – mit dieser Begründung ist Elena Kovalskaya als Direktorin des Meyerhold-Theaters zurückgetreten. Sie liefert damit ein Vorbild für den gewaltfreien Widerstand. Er könnte eine Macht entfalten, der mit Gewalt nicht beizukommen ist.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: © Jan Buchholz</h6>
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