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	<title>Ossip Mandelstam &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Ossip Mandelstam &#8211; tell</title>
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		<title>Satz für Satz 2: Aufladung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Apr 2016 07:00:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Satz für Satz]]></category>
		<category><![CDATA[Joseph Brodsky]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ossip Mandelstam]]></category>
		<category><![CDATA[W. H. Auden]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie erkennt man große Literatur? An der Aufladung der Sprache, meint Ezra Pound. Am Vergnügen, meint W. H. Auden – und daran, dass man sie auf verschiedene Weise lesen kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="http://tell-review.de/satz-fuer-satz-1-mit-dem-koerper-lesen/" target="_blank" rel="noopener">Körper </a>liefert uns beim Lesen Signale, doch er kann nicht sprechen. Über die Merkmale dessen, was ihn in Erregung versetzt, kann er so wenig Auskunft geben wie der Terrier im <a href="http://www.bu.edu/clarion/guides/The-Name-and-Nature-of-Poetry-by-Housman.pdf" target="_blank" rel="noopener">Text von E. A. Housman</a>.</p>
<p>Emil Staigers Aufforderung, wir sollten „begreifen, was uns ergreift“, richtet sich nicht an den Bauch, sondern an den Kopf. Es ist ein intellektuelles Vergnügen herauszufinden, welche Worte und Vorstellungen uns fesseln, erschüttern – oder auch langweilen.</p>
<p>Es ist ein Vergnügen, und es ist Arbeit, denn in dieser Forschung besteht das eigentliche Handwerk der Literaturkritik, überhaupt das Wesen jeder antwortenden Lektüre. Ohne Kriterien und Maßstäbe ist diese Arbeit nicht zu leisten.</p>
<p>Doch woher nehmen? Zum Beispiel von denen, die die Texte schreiben, die wir untersuchen, also den Autorinnen und Autoren.</p>
<blockquote><p>Das Vergnügen ist keineswegs ein unfehlbarer kritischer Leitfaden, aber es ist der am wenigsten fehlbare.</p></blockquote>
<p>So W. H. Auden in seinem Essay <em>Reading</em>. Das Kriterium des Vergnügens („pleasure“) nennt er nicht ohne Vorbehalt, denn es ist nah am Bauch. Das Vergnügen steht als Kriterium jedem Leser zur Verfügung: Kinder lassen sich in ihrer Lektüre noch ganz von ihrem Vergnügen leiten, darauf verweist Auden sogleich,  allerdings unterscheide das kindliche Vergnügen noch nicht zwischen Genres und Ansprüchen. Ab vierzig, so Auden weiter, könne man seine Lektüre wieder am eigenen Vergnügen ausrichten, „sofern wir bis dahin unser authentisches Selbst nicht gänzlich verloren haben“.</p>
<p>Ästhetische Urteilskraft ist für Auden eine Frage der persönlichen Reife: In den Jahren zwischen zwanzig und vierzig seien wir damit beschäftigt herauszufinden, wer wir seien. Wenn daher jemand in diesem Alter sage, er wisse, was ihm gefalle, sage er in Wahrheit: <em>Ich habe keinen eigenen Geschmack, sondern akzeptiere den Geschmack meines kulturellen Milieus.</em> Das sicherste Zeichen dafür, dass jemand in diesem Alter in Sachen Kunst einen genuin eigenen Geschmack habe, bestehe gerade in der Unsicherheit.</p>
<p>Auden nennt in diesem Essay ein weiteres Kriterium:</p>
<blockquote><p>Ein Zeichen dafür, dass ein Buch literarisch von Wert ist, besteht darin, dass man es auf verschiedene Weisen lesen kann.</p></blockquote>
<p>Den minderen Wert von Pornografie wiederum erkenne man daran, dass man „zu Tränen gelangweilt“ werde, wenn man sie auf eine andere als die intendierte Weise zu lesen versuche.</p>
<p>Was ist die Voraussetzung dafür, dass ein Werk verschiedene Lesarten zulässt? Laut Ezra Pound zeichnet sich Dichtung dadurch aus, dass  sie Sprache „effizient verwendet“:</p>
<blockquote><p>Große Literatur ist schlicht Sprache, die bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen ist.</p></blockquote>
<p>Wenn Sprache bis zum Äußersten mit Bedeutung („meaning“) aufgeladen ist, dann transportiert sie mehr als nur einen Sinn.</p>
<blockquote><p>Jedes Wort ist ein Strahlenbündel.</p></blockquote>
<p>Dieser Satz von Osip Mandelstam über Dante wirkt wie ein Echo zu Ezra Pounds Theorie der Aufladung von Sprache. Mandelstam erklärt, wie das Wort seine Bedeutungen abstrahlt:</p>
<blockquote><p>Der Sinn bricht in verschiedene Richtungen aus ihm hervor und eilt nicht auf den einen, offiziellen Punkt zu.</p></blockquote>
<p>Wenn ein Satz mehrere Bedeutungen abstrahlt, liest man automatisch langsamer. Erst nach und nach erfasst man, womit die Worte aufgeladen sind. An anderer Stelle spricht Pound von „energetisierter Sprache“, und Virginia Woolf teilt Texte danach ein, ob sie ihr Lebensenergie entziehen oder zukommen lassen. Diesen Energiezufluss oder –abfluss nimmt man spontan mit dem Körper wahr, etwa indem man beim Lesen einschläft.</p>
<p>Aufgeladene Sprache ist kein bloßes Vehikel für den Transport von „Inhalt“, kein Werkzeug der Mitteilung. Sie gewinnt Autonomie. Weil sich die Bedeutungsvielfalt der Kontrolle des Autors entzieht, ist ein guter Text „klüger als sein Autor“ (so eine Floskel aus der Literaturwissenschaft). Ein offenes Kunstwerk entwickelt ein Eigenleben. Deshalb lässt sich Literatur, die etwas wert ist, nicht erschöpfend deuten. Sie entfaltet für jeden neuen Leser und bei jeder neuen Lektüre einen neuen Sinn. Diese nie erlahmende schöpferische Kraft eines Werks offenbart sich allerdings oft erst mit der Zeit.</p>
<h6><span style="text-decoration: underline;">Quellen:</span></h6>
<ul>
<li>
<h6>Emil Staiger: Die Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literaturgeschichte. Zürich, 1961</h6>
</li>
<li>
<h6>W.H. Auden: Reading. In: W.H. Auden: The Dyer’s Hand and Other Essays. New York, 1989</h6>
</li>
<li>
<h6>Ezra Pound: How to Read. In: T. S. Eliot (ed.): Literary Essays of Ezra Pound. London 1968</h6>
</li>
<li>
<h6>Ossip Mandelstam: Gespräch über Dante. In: Ossip Mandelstam: Gespräch über Dante. Gesammelte Essays 1925-1935. Frankfurt am Main 2004</h6>
</li>
</ul>
<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><a href="http://tell-review.de/category/satz-fuer-satz/" target="_blank" rel="noopener">Alle Beiträge der Reihe <em>Satz für Satz</em></a></div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bild:<br />
<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lightning_cloud_to_cloud_%28aka%29.jpg" target="_blank" rel="noopener">Gewitter über Zwickau, via Wikimedia Commons</a><br />
Von <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Aka" target="_blank" rel="noopener">André Karwath aka Aka</a><br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 2.5</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&#038;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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		<title>Die Angst des Kritikers vor seinem Urteil</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Mar 2016 22:20:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst der Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ossip Mandelstam]]></category>
		<category><![CDATA[Virginia Woolf]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Dinge muss eine Rezension leisten: den Inhalt wiedergeben und ein literaturkritisches Urteil fällen. Die Inhaltsangabe ist in den meisten Rezensionen kein Problem: Oft ist die Nacherzählung in der Aufbereitung von Handlung, Personal, Milieu und Zeitumstände raffiniert bis virtuos. Anders [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">Z</span>wei Dinge muss eine Rezension leisten: den Inhalt wiedergeben und ein literaturkritisches Urteil fällen. Die Inhaltsangabe ist in den meisten Rezensionen kein Problem: Oft ist die Nacherzählung in der Aufbereitung von Handlung, Personal, Milieu und Zeitumstände raffiniert bis virtuos.<span id="more-885"></span></p>
<p>Anders verhält es sich mit kritischen Würdigung eines Werks. Im Herbst 2015 habe ich mir die Buchbeilagen zur Frankfurter Messe daraufhin durchgesehen: Das durchschnittliche Verhältnis von Inhaltsangabe und Kritik lag, bestenfalls, bei 9 : 1. Oft erschöpft sich die Kritik in argumentfreien Leerformeln („ein Meisterwerk!“ „elegant erzählt!“), manchmal fehlt sie ganz. In ihrem Essay <a href="http://tell-review.de/das-drama-der-meinungen/" target="_blank">„On the Decline of Book Reviewing“</a> (1959) zitiert <b>Elizabeth Hardwick</b> eine Untersuchung, die den Anteil von „non-committal reviews“ auf 44, 7 Prozent beziffert.</p>
<p>Muss der Rezensent dem Leser mitteilen, was im Buch steht? Jein. Um das <i>Was</i> kommt man nicht herum, wenn man das <i>Wie</i> kritisch würdigen will. Allerdings muss man vom <i>Was</i> nur so viel erzählen, wie nötig ist für das <i>Wie</i>.</p>
<p>Das Kerngeschäft der Kritik ist, nun ja, die Kritik. Von einer Rezension erwarte ich, dass sie mir zeigt, wie der Text gemacht ist, was der Autor oder die Autorin sich hat einfallen lassen, um eine Geschichte wie „Anna liebt Paul, Paul liebt Lisa“ neu zu erzählen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>Einen Roman zu lesen, ist eine schwierige und komplexe Kunst. Sie müssen nicht nur eine sehr subtile Wahrnehmungsfähigkeit besitzen, sondern auch große Kühnheit der Einbildungskraft, wenn Sie aus allem Nutzen ziehen wollen, was der Erzähler – der große Künstler – Ihnen bietet,</p></blockquote>
<p>so <b>Virginia Woolf</b> in ihrem Essay „Wie man ein Buch lesen sollte“.</p>
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<p>Bei der Lektüre überdies zu ermitteln, was der Text taugt, erfordert Konzentration und Hingabe, Präsenz und Sensibilität, einen sicheren Geschmack sowie eine wache Kenntnis von Tradition und Zeit. „Selbst der neuste und geringste Roman hat das Recht, an den besten gemessen zu werden“, schreibt die sanfte, unerbittliche Virginia Woolf.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="887" data-permalink="https://tell-review.de/die-angst-des-kritikers-vor-dem-eigenen-urteil/osip_mandelstam_russian_writer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?fit=396%2C600&amp;ssl=1" data-orig-size="396,600" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Osip_Mandelstam_Russian_writer" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?fit=198%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?fit=396%2C600&amp;ssl=1" class="wp-image-887 size-medium alignright" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer-198x300.jpg?resize=198%2C300" alt="Osip_Mandelstam_Russian_writer" width="198" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?resize=198%2C300&amp;ssl=1 198w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?resize=300%2C455&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/Osip_Mandelstam_Russian_writer.jpg?w=396&amp;ssl=1 396w" sizes="auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Kritiker habe dem Werk „die Temperatur zu fühlen“ wie ein Arzt, so <b>Osip Mandelstam</b>, der das Kritisieren von Büchern auch mit den Aufgaben eines Botanikers vergleicht: Gehört das Buch zu den Feld-, Wald- und Wiesenblumen oder ist es eine Orchidee? Eine Neuzüchtung oder eine wiedergefundene alte Sorte? Eine Mutation oder eine längst bekannte Art, die unter falschem Namen angepriesen wird?</p>
<p>Es ist viel leichter zu erzählen, was in einem Buch steht, als zu entscheiden, was es taugt. Ob es, zum Beispiel, den Stoff auf eine neue Weise erzählt. Ob die Sprache ihrem Gegenstand gewachsen ist. Ob wir eine neue Stimme hören.</p>
<p>Das ist nicht nur schwieriger, es ist auch riskanter.</p>
<blockquote><p>Er hat sich als erster aufs Eis gewagt.</p></blockquote>
<p>Ein leicht dahingesagter Satz aus einem Gespräch mit einer Literaturredakteurin. Es ging um einen Kritiker, der eine wichtige Neuerscheinung als erster besprochen hatte. Die Metapher ist bemerkenswert. Zum einen ist sie falsch: Nicht der Kritiker geht baden, wenn das Eis bricht, sondern das Buch. Zum anderen ist sie verräterisch: Offenbar riskieren die nachfolgenden Kritiker nichts mehr auf dem Eis – jedenfalls dann nicht, wenn sie den Spuren des Kritiker-Pioniers folgen.</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bilder: Virginia Woolf in Monk&#8217;s House &#8211; Quelle: <a href="http://pds.lib.harvard.edu/pds/view/43891211?n=18 Harvard University library">Harvard University Library</a>, vor 1942<br />
Osip Mandelstam 1914, Fotograf unbekannt<br />
</em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
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