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	<title>Migration &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Migration &#8211; tell</title>
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		<title>Empathie und Kontrolle</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veniamin Itskovich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Sep 2021 07:27:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gerald Knaus]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[„Welche Grenzen brauchen wir“ fragt Gerald Knaus im Titel seines Sachbuchs über Migration. Der menschenwürdige Umgang mit Flüchtlingen stand nie im Fokus der Politik - obwohl es Lösungen gäbe, wie Knaus aufzeigt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Vor siebzig Jahren wurde die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. Ihr Kernversprechen besteht im Gebot der Nichtzurückweisung aller Menschen, denen im Heimatland politische Verfolgung droht. Doch an die illegalen Pushbacks durch die libysche und griechische Küstenwache scheint sich die europäische Bevölkerung inzwischen ebenso gewöhnt zu haben wie an die fortwährende Hölle in den Lagern auf der Ägäis und an das Sterben im Mittelmeer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Zukunft kann das Abkommen angesichts der permanenten Verstöße in Europa noch haben? Dieser Frage geht der Migrationsforscher Gerald Knaus in <em>Welche Grenzen brauchen wir?</em> nach. Seit seinem Erscheinen im Herbst des vergangenen Jahrs hat das Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fehlende Konzepte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus, den die Geschichte seiner eigenen Familie an die Themen Flucht und Asyl bindet, will mit seinem Buch eine „lösungsorientierte Debatte“ stiften im Hinblick auf die Grenz- und Migrationspolitik in Europa und anderswo. Er fragt, welche Möglichkeiten wir haben, die aktuellen Missstände in absehbarer Zeit zu verändern. Das internationale Asylsystem von heute in seinem ruinösen Zustand vergleicht er mit der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz: Noch hundert Jahre nach der Errichtung des Kirchenschiffs fehlte dem Bau das entscheidende Element, nämlich die Kuppel.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So stand im Jahr 1400 das Schiff ihrer Kirche, doch bei jedem Unwetter regnete es auf den Hauptaltar. Wo eine Kuppel sein sollte, war ein Loch.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso verhalte es sich mit dem internationalen System zum Schutz von Flüchtlingen: Zu seiner Fertigstellung mangle es weder an einem Bauplan (der besteht in der Genfer Flüchtlingskonvention) noch an tragenden Strukturen (Institutionen wie dem UNCHR und den nationalen Asylbehörden). Was fehlt, seien Konzepte und Mechanismen, die sicherstellen, dass das Asylsystem den Menschen tatsächlich Schutz gewähren kann, ohne populistischen Anstürmen ausgesetzt zu sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist mehrheitsfähig?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In knapp fünfzig kompakten Kapiteln präsentiert Knaus zahlreiche Ideen, wie diese Aufgabe in naher Zukunft politisch angegangen werden könnte. Die Suche führt „von Westafrika bis Südostasien, vom Alpenrhein zur Oder, über die Ukraine und die Türkei nach Libyen und Marokko“, für Knaus gilt dabei fortwährend das Kriterium demokratischer Mehrheitsfähigkeit. Europäische Mehrheiten verlangen von der Politik sowohl einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden als auch Kontrolle über Grenzen und Migrationsbewegungen, daher gelte es, politische Ideen zu erarbeiten, die beides verbinden: „Empathie <em>und </em>Kontrolle“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus präsentiert zahlreiche Vorschläge, die diesem Anspruch genügen sollen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Abkommen der EU mit nord- und westafrikanischen Ländern</li><li>eine Reorganisation der Seenotrettung</li><li>eine neue Einigung mit der Türkei</li><li>eine lösungsorientierte Kooperation europäischer Asylbehörden</li><li>„faire und schnelle“ Asylverfahren in Europa (die allerdings einen „Abschiebungsrealismus“ zur Bedingung hätten)</li><li>eine internationale Koalition, um die Neuansiedlung Schutzbedürftiger wiederzubeleben</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Rückblick in die Geschichte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anschaulich stellt Knaus zentrale Episoden aus der modernen Geschichte von Flucht und Asyl dar, häufig anhand von Interviewmaterial und biografischen Einlassungen. Ein humaner Umgang mit Schutzsuchenden stand im vergangenen Jahrhundert selten im Fokus der Politik, das zeigten das brutale Grenzregime der Schweiz im zweiten Weltkrieg und der rassistische Umgang der französischen Regierung mit den algerischen Harkis in den 60ern ebenso wie die bis in die Gegenwart reichenden Pushbacks sowie Abschreckungslager vor den Küsten Australiens. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als positives Beispiel nennt Knaus dagegen etwa das private Patenschaftssystem, das seit 1979 in Kanada für erhöhte Aufnahmequoten von Schutzsuchenden sorgt, trotz politischem Gegenwind. Daran hätten sich europäische Staaten ein Beispiel zu nehmen, um die Umsiedlung von Flüchtlingen aus Griechenland oder der Türkei im Rahmen von „Resettlement“ voranzubringen und zugleich die irreguläre Migration über die gefährlichen Meeresrouten zu verringern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Irreführende Rhetorik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Energisch arbeitet sich Gerald Knaus an <em>idées reçues</em><em><strong> </strong></em>und Mythen zum Thema Grenzen, Flucht und Migration ab. Vehement kritisiert er etwa „die Angewohnheit, Flucht und Migration als Phänomene in der Sprache der Physik und Hydraulik zu beschreiben“. Diese Rhetorik sei nicht nur irreführend, sondern leugne auch die reale Verantwortung der Politik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nicht technisches Unvermögen oder irgendein Naturgesetz der Migrationsphysik hält Regierungen davon ab, größere Migrationsbewegungen zu stoppen, sondern ihre Werte und die Interessen, die sie verfolgen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Kritisch wendet sich Knaus auch gegen die Vorstellung eines angeblichen „Migrationsdrucks“ aus armen Ländern:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Manche Europäer fürchten eine irreguläre Massenimmigration, die es nicht gibt, und sehen nicht, dass reguläre Mobilität aus Afrika nicht nur sehr gering ist, sondern seit einem Jahrzehnt zurückgeht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Sterben im Mittelmeer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus, der seine Argumentation gerne mit Zahlentabellen untermauert, spricht hier von „apokalyptischen Migrationsmythen“. Dagegen setzt er sich für eine „faktengestützte“ Berichterstattung ein sowie für eine Migrationsforschung, die bei der Analyse von Fluchtursachen ins Detail geht und die Erfahrungen kleiner Gruppen anschaulich beschreibt. Prognosen für die nächsten Jahrzehnte seien von diesen Analysen allerdings nicht zu erwarten. &nbsp;Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Knaus mögliche Fluchtbewegungen in der Zukunft (etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel) nicht diskutiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von zentraler Bedeutung ist für den Autor die Frage, wie das Sterben im Mittelmeer beendet werden kann. Seenotrettung allein reiche dafür nicht aus: Im Jahr 2016 ertranken mehr Menschen im Mittelmeer als je zuvor, obwohl durch die Kampagne „Mare Nostrum“ der italienischen Marine eine Rekordzahl Schiffbrüchiger in Sicherheit gebracht werden konnten. Sowohl die australische als auch die europäische Grenzpolitik sei Knaus zufolge in einem „Dilemma“ gefangen: zwischen dem Nichtstun angesichts des Sterbens auf dem Meer einerseits und „Abschreckungslagern“, wie sie an den europäischen Außengrenzen bestehen, andererseits. Schon 2016 sprach sich Sebastian Kurz dafür aus, Schutzsuchende „idealerweise auf einer Insel“ zu internieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abschreckungspolitik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der von Knaus mitgestaltete EU-Türkei-Deal sollte eine dritte Möglichkeit schaffen. Der Autor analysiert, warum das Abkommen letztlich scheiterte und damit zur Überfüllung der ägäischen Lager führte sowie zu den unter den Augen der EU-Regierungen durchgeführten Pushbacks auf dem Meer.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die katastrophalen Bedingungen waren das Ergebnis der nie korrigierten Diskrepanz zwischen der Zahl der Ankommenden und der getroffenen Entscheidungen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So sei Europa auf die australische Option einer „gewollten“ Abschreckungspolitik an der griechisch-türkischen Grenze verfallen. Knaus plädiert für eine Wiederbelebung der Türkei-Vereinbarung, unter der Bedingung fairer und schneller Asylverfahren in Griechenland sowie einer Verbesserung des türkischen Systems durch Unterstützung von Seiten der EU.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das „Nächstmögliche“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen den Türkei-Deal gibt es verbreitete Einwände – dass Knaus diese kaum kritisch diskutiert, wirkt tendenziös, gerade angesichts seiner eigenen Beteiligung an dem Deal. In einem Satz verweist er zwar auf die „lange Tradition“ der Türkei, Asylsuchenden Aufenthalt zu gewähren, er geht aber an keiner Stelle auf die Tatsache ein, dass Geflüchtete in der Türkei rechtlich nur „temporären Schutz“ genießen und daher den Machtspielen der AKP-Regierung schutzlos ausgeliefert sind.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus&#8216; Argumentation lässt einen mit solchen Fragen und Einwänden bisweilen allein, wohl auch weil sie zumeist in Erzählform vorgebracht wird. Trodzem liest man das Buch mit Gewinn: Neben zahlreichen Fakten erfährt man viel über die Geschichte von Flucht und Migration im 20. und 21. Jahrhundert. Der Migrationsforscher vermittelt einen Sinn für das „Nächstmögliche“: für das, was in naher Zukunft getan werden kann, um eine Kuppel für das internationale System zum Schutz von Flüchtlingen zu erbauen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20151030_Syrians_and_Iraq_refugees_arrive_at_Skala_Sykamias_Lesvos_Greece_2.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Flüchtlinge bei der Ankunft auf Lesbos (2016)</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Wikimedia Commons</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Gerald Knaus<br><strong>Welche Grenzen brauchen wir?</strong><br>Zwischen Empathie und Angst &#8211; Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl<br>Piper 2020 · 336 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: ‎ 978-3492059886<br></p>



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</div></div></div> </div></div>
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		<title>Wenn mehr Menschen am Tisch sitzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Oct 2018 09:23:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[Alle fordern Integration, doch manche Probleme beginnen damit erst. In „Das Integrationsparadox“ zeigt der Soziologe Aladin El-Mafaalani verborgene Widersprüche auf. Allerdings greift seine Argumentation oft zu kurz.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er Soziologe Aladin El-Mafaalani ist Sohn von Migranten, Experte und Entscheidungsträger: Seit 2018 koordiniert er die Integrationspolitik Nordrhein-Westfalens als Abteilungsleiter des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration.</p>
<p>Je mehr Integration, desto mehr Konflikte, so lautet seine These. Der Grund dafür ist offensichtlich: Je mehr Integration, desto mehr Teilhabe für Minderheiten, desto mehr Mitsprache bei Gestaltungsprozessen – und desto mehr Gegenwehr auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft. Integration verstärke den Rassismus in einer Gesellschaft, so El Mafaalani, da Privilegien geteilt oder aufgegeben werden müssen. Das ist ein Paradox – und für ihn zugleich ein Grund für Optimismus.</p>
<h3>Ohne Migration keine Entwicklung</h3>
<p>Um das zu zeigen, analysiert El-Mafaalani unsere Gesellschaft, die deutsche und die westliche, unter dem Gesichtspunkt der inneren und äußeren Offenheit.</p>
<blockquote><p>Äußere und innere Offenheit werden in der Figur des Migranten eins, weil sie Migration und Integration verkörpert.</p></blockquote>
<p>Was die „innere Offenheit“ betrifft, seien wir auf dem Weg zur offenen Gesellschaft, das heißt hin zur „Verschiebung von Grenzen der Teilhabe und Zugehörigkeit“. Mit anderen Worten: Integration. Mit dem Begriff „äußere Offenheit“ meint El-Mafaalani wiederum die „Verschiebung von Grenzen zwischen verschiedenen Gesellschaften“. Mit anderen Worten: Globalisierung.</p>
<p>El-Mafaalani sieht in der Migration ein unvermeidliches globales Phänomen. Migration habe immer existiert und werde immer existieren. Ohne Migration gebe es keine Entwicklung, sie sei der Motor unserer Gesellschaft:</p>
<blockquote><p>Das Erfolgsgeheimnis von Einwanderungsgesellschaften liegt darin, dass sie alle Kompetenzen der Welt innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft schon haben, dass sie alle Probleme und Konflikte, alle Denk- und Handlungsmuster, die es gibt, schon kennen.</p></blockquote>
<p>Deshalb seien diejenigen Länder, die am meisten Einwanderung erfahren hätten, auch wirtschaftlich am erfolgreichsten. Wenn in Einwanderergesellschaften über Missstände und Ungleichheit geklagt werde, so nur deshalb, weil Ungleichheit und Missstände im gesellschaftlichen Diskurs umso mehr auffielen, je geringer sie werden. In Deutschland etwa herrsche zwar noch keineswegs Chancengleichheit, doch sei die Bildungsteilhabe von Minderheiten in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Das versetze sie in die Lage, deutlicher auf ihre Benachteiligung hinzuweisen.</p>
<h3>Tisch-Metapher</h3>
<p>Auf der einen Seite fördere Integration demnach das Sprechen über Missstände, selbst wenn diese in Ansätzen behoben sind. Auf der anderen Seite verstärke sie jedoch auch den Rassismus, da Privilegien geteilt oder aufgegeben werden müssen. El-Mafaalani erklärt dies mit einer Tisch-Metapher: Die erste Generation der Einwanderer habe noch keine volle „Zugehörigkeit und Teilhabe“ beansprucht.</p>
<blockquote><p>Sie sitzen überwiegend am Katzentisch, während die Einheimischen am Tisch sitzen. Diese Menschen, also die Migranten selbst, sind froh, überhaupt da zu sein, und vergleichsweise anspruchslos. (&#8230;) Die ersten Nachkommen beginnen, sich an den Tisch zu setzen. In der zweiten Generation gelingt Integration zunehmend. Die Migrantenkinder sprechen deutsch, haben nie in einer anderen Heimat als Deutschland gelebt und sehen sich schon als Teil des Ganzen. Egal wie wir Integration definieren, hier findet sie statt. Und deshalb steigt das Konfliktpotenzial. Denn mehr Menschen sitzen jetzt am Tisch, wollen einen schönen Platz und wollen ein Stück vom Kuchen. Es geht hier also um Teilhabe an Positionen und Ressourcen.</p></blockquote>
<p>Mit der Tisch-Metapher will El-Mafaani die Paradoxie der Integration aufzeigen, doch hält sie der Überprüfung nicht stand. Wer mit Migranten der zweiten und dritten Generation zu tun hat, weiß, dass nur ein Bruchteil von ihnen wirklich integriert ist. Auch wenn sie hier geboren sind, sehen sie Deutschland nicht als Heimat. Viele von ihnen möchten „zurück“ in ihre wahre Heimat. Zuhause läuft das türkische oder italienische Fernsehen, an Deutschland haben sie kein großes Interesse. Es ist ihnen nur ein Mittel zum Zweck, um später in ihrem gelobten, wenn auch ihnen kaum vertrauten Herkunftsland leben zu können. Politische Teilhabe bedeutet, wählen zu können, doch obwohl für in Deutschland geborene Kinder die doppelte Staatsbürgerschaft möglich ist, liegt die Einbürgerungsrate immer noch bei zwei Prozent, besonders gravierend ist der Rückgang der Einbürgerungen von Menschen, die aus der Türkei stammen.</p>
<h3>Gegen Pessimisten und Demagogen</h3>
<p>Diese Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Theorie stellt das wesentliche Problem des Buches dar. Schon im Vorwort gibt der Autor ein Versprechen ab:</p>
<blockquote><p>Wem es bisher schwerfiel, in Diskussionen gegen Pessimisten und Demagogen gut dazustehen, findet in diesem Buch die „Waffen“, die dazu nötig sind.</p></blockquote>
<p>Leider sind dies meistens stumpfe Waffen, das zeigt etwa El-Mafaalanis Beitrag zur Kopftuch-Diskussion. Als er noch Schüler war, habe er durchaus Frauen mit Kopftuch in Schulen gesehen, es war offensichtlich kein Problem:</p>
<blockquote><p>Das Kopftuch war okay, weil es ‚Putzfrauen’ trugen. In anderen Bereichen waren es Arbeiterinnen in Fabriken. Es war nicht mehr okay, als die ersten Frauen mit Kopftuch studierten und Lehrerinnen wurden. Erst durch die Bedingungen gelungener Integration wurde das Kopftuch zum Problem. Also erst, als sich erstmal eine Frau mit Kopftuch an den Tisch setzte oder es zumindest versuchte.</p></blockquote>
<p>Hier haben wir es mit einem Trugschluss zu tun, denn El-Mafaalani blendet in seiner Argumentation die Bedeutung des Kopftuches als ‚Instrument der Unterwerfung’ von Frauen vollkommen aus. Es ist durchaus problematisch, wenn Lehrerinnen in ihrer Vorbildfunktion dieses Zeichen der Unterwerfung vor Schülern und Schülerinnen tragen.</p>
<h3>Sprache schafft Werte</h3>
<p>Doch obwohl El-Mafaalanis Gesellschaftsanalyse teilweise am mangelnden Realitätsbezug scheitert, leisten einige seiner Vorschläge einen Beitrag dazu, die Integration von Migranten zu fördern. „Begriffe schaffen Realitäten“ meint El-Mafaalani und versteht darunter Ausdrücke wie „Menschen mit Migrationshintergrund“.</p>
<blockquote><p>Weil für viele die Zuschreibung ‚mit Migrationshintergrund’ wie eine Krankheitsdiagnose klingt, habe ich die Kategorisierung in der Zeit, in der ich als Lehrer an einer Schule Unterricht habe, in ‚Schüler/innen mit internationaler Geschichte’ und ‚Schüler/innen ohne internationale Geschichte’ oder ‚mit nationaler Geschichte’ umbenannt.</p></blockquote>
<p>Sprache schafft nicht nur Wirklichkeiten, sondern auch Werte. Viele seiner Schüler waren von dieser neuen Begrifflichkeit beleidigt, nämlich jene, die keine ‚internationale Geschichte’ aufzuweisen hatten.</p>
<blockquote><p>Eine sagte zu mir: „Das ist voll diskriminierend. Jetzt haben die anderen das coolere Wort.“ Und tatsächlich suchten plötzlich alle in ihrer Familiengeschichte irgendetwas Internationales, weil sie eine internationale Geschichte haben wollte.</p></blockquote>
<p>Das Integrationsparadox besteht darin, „dass eine gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Doch es reicht nicht, diesen Konflikten mit einem leeren Optimismus entgegenzutreten, wie Aladin El Mafaalani es tut. Deshalb kann er auch das Versprechen nicht einlösen, dass sein Buch uns „gegen Multikulti-Romantiker auf der einen und Abschottungsbefürworter auf der anderen Seite“ wappnen werde.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Aladin El-Mafaalani<br />
<strong>Das Integrationsparadox</strong><br />
Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt<br />
Kiepenheuer &amp; Witsch 2018 · 240 Seiten · 15 Euro<br />
ISBN: 978-3462051643<br />
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<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
People<br />
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Cover: Verlag</h6>
<hr />
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		<title>Partout c’est la guerre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Samuel Hamen]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2017 07:59:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Neonazis]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Ich-Erzähler in Tijan Silas Debütroman "Tierchen unlimited" ist aus dem belagerten Sarajevo nach Heidelberg geflohen. Doch auch im Frieden ist der Alltag von Gewalt durchsetzt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">E</span>s ist nicht einfach, sich zu behaupten, weder in Sarajevo,</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>wo Menschen jeden Morgen mit dem Gedanken aufwachten: &#8218;Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient&#8216;,</p></blockquote>
<p>noch in Heidelberg, der „Stadt voller Flachzangen“, dem „Loch“, das „nicht einmal einen Fußballverein“ aufzuweisen hat. In Tijan Silas Roman <em>Tierchen unlimited</em> bilden die beiden Städte das Koordinatensystem, in dem der namenlose Ich-Erzähler konfus umherstrolcht.</p>
<h3>Umstülpung der Verhältnisse</h3>
<p>Tijan Sila erzählt auf gut 220 Seiten eine Migrationsbiografie: Als 14-Jähriger flieht der Protagonist im Sommer 1994 mit seinen Eltern aus Sarajevo nach Deutschland. Er wird seine Jugend im pfälzischen Haßloch verbringen und später in Heidelberg studieren. Wer sich nun auf eine handelsübliche Fluchtgeschichte aus der Hölle des Balkans hinein ins helldeutsche Paradies einstellt, erlebt gleich zu Beginn eine Überraschung:</p>
<blockquote><p>Ich floh nackt und blutend auf einem Rennrad. Das Blut floss aus Platzwunden, die ich auf den Lippen und Augenbrauen hatte, und aus meiner Nase, es sammelte sich in dunklen Zeilen auf meiner Brust.</p></blockquote>
<p>In einer klugen Umstülpung der Verhältnisse setzt der Roman mit einer entgegengesetzten Fluchtbewegung ein. Denn <em>Tierchen unlimited</em> möchte vor allem eins nicht sein: Migrationsliteratur mit den üblichen Verdächtigen.</p>
<h3>Überall Gewalt</h3>
<p>Nachdem der blutende junge Mann von Seite 1 vom Nazibruder seiner damaligen Freundin Leonie verprügelt wurde, pedaliert er angstdurchsetzt durch die deutsche Pampa, um dem „irren deutschen Zorn“ zu entkommen. „C’est la guerre“ – so wird der Protagonist später seine Kindheit resümieren, die der Leserschaft in Rückblenden erzählt wird und von Bombenhagel, dem Tauschen von Comics und Jungsfreundschaften in Sarajevo handelt. Der Spruch ließe sich nach dem Lesen von <em>Tierchen unlimited</em> leichthin erweitern: „Partout c’est la guerre.“ Auch wenn die deutsche Wirklichkeit oberflächlich glattgebügelt wirken mag, ahnt der Ich-Erzähler, dass „in Deutschland weit mehr Gewalt stattfand, als ich wahrnahm“. Das liegt vor allem an den Nazifiguren, die immerzu im Buch auftauchen, wie Gewitterwolken im August: Alle träumen sie von einem Rechtsruck, alle gehen sie letztlich erbärmlich zugrunde. Die Träume des Ich-Erzählers hingegen sind bescheiden: Er sehnt sich nach ein bisschen Frieden und beschaulichem Warenkapitalismus.</p>
<h3>Deutschland-Diagnosen</h3>
<p>Neben Leonie, Melanie und Grace gehört Sarah zu den Figuren, die sich um den Protagonisten tummeln. Sie ist dessen erste Schulfreundin, wird später Polizistin und ist ihm Bodyguard und Seelenverwandte zugleich. Alle vier Frauenfiguren haben wenig Kontur, sie werden fahrig herbeierzählt und verschwinden schnell wieder im Wust der Handlung. Die mangelnde Erzählstringenz mag der mäandernden und traumatisierten Biografie des Emigranten formal entsprechen, doch sie geht zu Lasten des Lesers. Flott liest man sich durch die Eskapaden hindurch, etwa wenn der Ich-Erzähler zusammen mit Grace in Heidelberger Beamtenwohnungen einbricht, Prügelfahrten zu linken Studenten unternimmt oder beinahe vom Verfassungsschutz verhaftet wird. Doch angesichts dieser und anderer bloß angeditschter Episoden bleibt der Leser unbefriedigt zurück.</p>
<p>Silas Debüt weiß auf anderem Wege zu überzeugen.</p>
<blockquote><p>Jedem Nazi wohnt ein Hermann Löns inne; sie sind verkümmert und untalentiert, haben aber zugleich das intensivste Verlangen nach Kitsch – und wenn dieser in der Natur zu finden sein soll, wird das hässliche Mountainbike aus der Garage gezerrt. Es sieht aus wie ein Panzer.</p></blockquote>
<p>Tijan Sila stellt jene geistreichen und spitzzüngigen Deutschland-Diagnosen, denen sich das deutsche Publikum in einer Mischung aus Schuld, Lust und Scham so gerne hingibt.</p>
<h3>Zerrüttete Gesellschaft</h3>
<p>Leider bleibt <em>Tierchen unlimited</em> darüber hinaus an vielen Stellen Ankündigungs- und Skizzenprosa, etwa wenn mit Floskeln wie „Das lief folgendermaßen“ die nächste Schilderung vorbereitet wird. Einmal gerät der Ich-Erzähler in eine krimiartig annoncierte Spitzelaffäre. Im Auftrag von Sarah soll er Melanie, eine seiner ehemaligen Freundinnen, in einer Germanistik-Vorlesung beschatten. Eigentlich ermittelt Melanie für den Verfassungsschutz in der Neonazi-Szene, wird aber verdächtigt, selbst zum rechtsterroristischen Untergrund übergelaufen zu sein. Auf einigen wenigen Seiten wird dieser Erzählstrang aufgenommen, zusammengeknüllt und abgewickelt. Dabei ist diese Episode besonders aufschlussreich: In der unverhohlen hanebüchenen Konstruktion zeigt sie, worum es in diesem Debüt eigentlich geht.</p>
<p>Denn wenn der schnoddrige, bisweilen heitere Tonfall auch darüber hinwegtäuschen mag: In seinem soziologischen Prosaeifer präsentiert uns Tijan Sila Kleinstgeschichten über zerrüttete Gesellschaften. Die Brutalität, die er dabei schildert, schwelt im kriegszerfetzten Sarajevo ebenso wie im vermeintlich heimeligen Heidelberg, sie sucht den Ich-Erzähler ebenso heim wie den prügelnden Neonazi von nebenan. Diese illusionslose Sicht bewahrt den Autor letztlich auch davor, die Figuren einem allzu einfachen Opfer- und Täterschema preiszugeben.</p>
<h3>Beobachtungswitz</h3>
<p>Tijan Silas Debüt beeindruckt nicht mit sprachlicher Brillanz oder stilistischem Eigensinn. Was den Roman lesenswert macht, sind die vielen Kommentare über Deutschland und seine Bewohner, über die „BASF-Rentner, die von einem Vereinstreffen heimkehrten,“<br />
die Vorstädte mit ihren „Rollläden, Doppelverglasung, Terrakotta, Maschendraht und Carports“ und die vielen Nazis, diese</p>
<blockquote><p>hässlichen, verkümmerten Hüftspeckmenschen, die in einer Wirtschaft randalieren und friedliche Akademiker verprügeln wollten, aber sich so ernstnahmen, als seien sie Kreuzritter.</p></blockquote>
<p>Derlei Beobachtungswitz befeuerte einst die Erfolge von Christian Krachts <em>Faserland</em> sowie Moritz von Uslars <em>Deutschboden</em> – und er wird voraussichtlich auch <em>Tierchen unlimited</em> zum Durchbruch verhelfen.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Tijan Sila<br />
<strong>Tierchen unlimited</strong><br />
Roman<br />
Kiepenheuer &amp; Witsch 2017 · 224 Seiten · 18 Euro<br />
ISBN: 978-3-462-05026-4<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="9560" data-permalink="https://tell-review.de/partout-cest-la-guerre/tierchen_unlimited_cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?fit=275%2C450&amp;ssl=1" data-orig-size="275,450" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Tierchen_unlimited_Cover" data-image-description="&lt;p&gt;Cover &amp;#8222;Tijan SIla: Tierchen Unlimited&lt;br /&gt;
Kiepenheuer &amp;#038; Witsch&lt;br /&gt;
http://www.kiwi-verlag.de/buch/tierchen-unlimited/978-3-462-05026-4/&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?fit=275%2C450&amp;ssl=1" class="aligncenter size-full wp-image-9560" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?resize=275%2C450" alt="" width="275" height="450" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?w=275&amp;ssl=1 275w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/04/Tierchen_unlimited_Cover.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w" sizes="auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Von Metropolico.org, Lizenz <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank">CC-BY-SA 2.0</a><br />
Buchcover: <a href="http://www.kiwi-verlag.de/buch/tierchen-unlimited/978-3-462-05026-4/" target="_blank">Kiepenheuer &amp; Witsch</a></em></h6>
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		<title>Blinde Zeichen</title>
		<link>https://tell-review.de/blinde-zeichen/</link>
					<comments>https://tell-review.de/blinde-zeichen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Jun 2016 08:06:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Senthuran Varatharajah]]></category>
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					<description><![CDATA[Valmira stammt aus dem Kosovo, Senthil aus Sri Lanka. Als Kinder kamen sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sieben Tage lang lässt ihr Autor sie miteinander chatten. Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen" ist ein Roman aus Facebook-Dialogen. Funktioniert das?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor zwei Jahren klagte Maxim Biller in der <a href="http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller"><em>Zeit</em></a>, der deutschsprachigen Literatur fehlten „lebendige literarische Stimmen von Migranten“. Was er lese, sei saft- und kraftlos, die Literaten passten sich an „und kassieren Wohlfühlpreise.“ Als Provokation und Ansporn mag das hingehen, doch inzwischen hat sich die Lage geändert.</p>
<p>Mit seinem Debüt <em>Vor der Zunahme der Zeichen</em> ist der 1984 in Sri Lanka geborene Autor Senthuran Varatharajah eine stille Stimme im Chor der Literatur über Flucht. Obwohl es um Fremdsein und Asyl geht, würde Maxim Biller wohl die Lebendigkeit von Varatharajahs Roman bezweifeln. Kammerspielartig und in ruhigem Ton erzählen die beiden Figuren dieses Buches, der Tamile Senthil Vasuthevan und die Albanerin Valmira Surroi, einander im Facebook-Chat ihre Geschichte. Der komplette Roman besteht aus ihren Dialogen – wir lesen also einzig, was Valmira und Senthil einander berichten, eine Erzählerstimme gibt es nicht.</p>
<p>Er ist Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Noch im Kindesalter waren sie mit ihren Eltern als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – Valmira aus dem serbischen Kosovo, Senthil aus Sri Lanka. Beide eint ihre Fremdheit und die Erfahrungen, die sie in den 80er und 90er Jahren in Deutschland als Asylanten gemacht haben, der alltägliche Rassismus als Reaktion auf die dunkle Hautfarbe, die das Anderssein auf den ersten Blick anzeigt. Deutliche und sichtbare Zeichen.</p>
<p>In der Notunterkunft wird Senthils Familie von den Zeugen Jehovas besucht. Sie helfen beim Asylantrag und Behördengängen, und die Familie tritt der Gemeinschaft bei. Die Behausungen, in denen sie anfangs unterkommen, nennen sie „Asyllandheim“, wie Senthil in seinem durchwegs kleingeschriebenen Chat erklärt:</p>
<blockquote><p>es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das wort <em>asyllandheim</em>, das nicht nur meine eltern immer noch benutzen, das nach schullandheim, nach ausflug und ausgelassenheit klingt, eigentlich <em>asylantenheim</em> heißt.</p></blockquote>
<p>Bei diesem Satz stocke ich, denn ich hatte „land“ überlesen. Deutschland als Asylland, Landheim – erst beim zweiten Lesen erkenne ich den Doppelsinn. Immer wieder baut Varatharajah in seine oft lyrisch anmutende Prosa solche Verstörungen ein, er spielt mit der Erfahrung von Differenz.</p>
<blockquote><p>dass sinn und stoff, dass bezeichnendes und bezeichnetes nicht übereinstimmen (…) dass, wie ich später zu sagen lernte, signifikant und signifikat nicht kongruent sind</p></blockquote>
<p>– dieser Satz steht, ausgerechnet, auf der <a href="http://tell-review.de/tag/page-99-test/" target="_blank">Seite 99</a>.</p>
<p>Als Flüchtlingskinder lernen Valmira und Senthil, die Codes der neuen Gesellschaft instinktiv zu erfassen, ihre Zeichen, ihre Sprache und auch die Ausgrenzung. Früh merken beide, dass sie wegen ihrer Hautfarbe auf Ablehnung stoßen. Im Kindergarten macht die Erzieherin Senthil sein Anderssein klar, als die Kinder Menschen malen. Es müssen weiße Kinder sein:</p>
<blockquote><p><em>diese farbe nennen wir hier hautfarbe</em>, und wir sprachen es ihnen nach.</p></blockquote>
<p>Sieben Tage schreiben Senthil und Valmira einander, erzählen sich ihr Leben als Migrantenkinder – solche, die es in der Gesellschaft geschafft haben. Alles was zwischen ihnen passiert, geschieht in Sprache, begegnen werden sie sich nicht. Es ist ein Zwiegespräch ohne Ziel, zwei Geschichten, die am Ende im Leeren verhallen. Ihre Biografien entspinnen sich für den Leser erst nach und nach, aus verschiedenen Fäden weben sich Episoden: Plaudereien über gemeinsame Uni-Bekannte, Geschichten von ihrer Ankunft in der BRD, das Leben in ihrer alten Heimat, die Sorgen der Eltern.</p>
<p>Diese Geschichten und die Reflexionen darüber klingen jedoch keineswegs wie typische Facebook-Dialoge:</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   18:43<br />
Ich weiß nicht warum ich Dir schreibe.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan</strong>                          18:45<br />
die gegenstände, die wir berühren, berühren uns zurück, an stellen, an denen wir taub für sie sind. die dinge, die wir sehen, sehen zurück, an stellen, an denen wir blind für sie sind.<br />
wir fassen sie ins auge. sie stechen uns ins auge.<br />
aber wir merken nichts.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan                          </strong>18:49<strong><br />
</strong>ich habe ins leere geschrieben. und du schreibst zurück, an stellen, an denen ich blind und taub für dich bin.</div></div></p>
<p>Mit der Messlatte des Realismus würde man diese Dialoge verfehlen, obwohl es in dem Roman auch anrührende Szenen gibt, die einfach erzählen, was ist – etwa wenn Senthil beschreibt, wie er seinem Freund aus Kindertagen wiederbegegnet, der ein Nazi-Skinhead wurde, oder wenn Valmira erzählt, wie die anderen Kinder Angst hatten, sie zu berühren, weil ihre dunkle Haut ansteckend sein könnte wie eine Krankheit.</p>
<blockquote><p>Wenn uns jemand versehentlich anfasste, lief er im Hof zu den anderen, und mit einer Berührung gab er unsere Erreger weiter.</p></blockquote>
<p>Varatharajah schildert diese Momente knapp und lakonisch. Hier liegt die Stärke des Romans: Auch die Schilderung aus der ehemaligen Heimat gerät plastisch, die Figuren gewinnen Kontur.</p>
<p>Diese Sprache – eigentlich sind es zwei Sprachen, die von Senthil und die von Valmira – erzählt nicht bloß, sondern sie verdichtet in sprachphilosophischer Weise die Erfahrung von Fremdheit. Häufig aber läuft diese Sprache leer und ergeht sich in raunenden Allgemeinplätzen:</p>
<blockquote><p>niemand wird wissen, von welchen rändern aus wir sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.</p></blockquote>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   08:40<br />
Wir müssen uns zwischen den Zeilen und Zeichen erraten.</p>
<p><strong>Senthil Vasuthevan</strong>                          08:41<br />
wir werden uns zwischen den zeilen und zeichen verraten.</div></div><br />
Varatharajah spielt ebenso mit der Unschärfe von Sprache wie mit ihrem Zwang, Identität festzuschreiben. Zeichen verweisen, sie zeigen etwas oder stehen in einem Verhältnis der Analogie: „Das V ähnelt der Vulva, der weiblichen Scham“, schreibt Valmira. Doch häufig bleiben solche Beobachtungen abstrakt. Die Diskurse zu den Zeichen gehen über die Theorie nicht hinaus. Wir haben eine in die Literatur hineingepresste Philosophie.</p>
<p>Ebenso sind Alltagsszenen mit einem Anspruch aufgeladen, an dem Varatharajahs Sätze oft scheitern. Wenn Valmira an einem Seminar mit dem Titel „Die Biographie des Asyls – Das Asyl der Biographie“ teilnimmt, dann ist dies ein zu deutliches Zeichen. Oder wenn Senthil in der Schule schreiben lernt und seine Schrift die Linien nicht halten kann – und also Bezeichnetes und Bezeichnendes nicht zur Deckung kommen:</p>
<blockquote><p>meine sprache verrutschte. und in die zeichen und zeilen ging kein geräusch.</p></blockquote>
<p>Varatharajah dekliniert Positionen der Sprachphilosophie von Wittgenstein, Peirce und Derrida in Bildern durch, allerdings tut er dies in der Rolle des Skeptikers:</p>
<blockquote><p>die welt ist, einer gewendeten rede zufolge, alles, was der fall, ein fall sei, vielleicht war es der der sünde.</p>
<p>unsere mutter sagte, so würden wir die sprache erlernen; wenn wir die worte der anderen, wenn wir fremde wörter für die eigenen halten.</p></blockquote>
<p>Nur in seltenen Szenen wird das Leben dieser beiden jungen Menschen anschaulich. In den Dialogen entstehen keine Bilder, viele Begebenheiten liefern nur einen Vorwand für sprachphilosophische Fragen. Am Beginn des Romans stehen nichtssagende, zerhackte Alltagsdialoge:</p>
<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><strong>Valmira Surroi</strong>                                   15:01<br />
Bist Du hier?</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:03<br />
ich bin auf einer tagung</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:05<br />
in einer stunde beginnt das panel, auf dem ein freund sprechen wird.</p>
<p><strong>Sethil Vasuthevan</strong>                            16:40<br />
ich hatte den raum nicht gefunden und kam zu spät zur einführungsveranstaltung für studierende des neuen masterstudiengangs.</div></div></p>
<p>Diesen Chats fehlt etwas. Nach Immanuel Kant sind Begriffe ohne Anschauung leer, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben blind. Diese beiden Ebenen kommen in dem Roman nicht zur Deckung. Zu oft proklamiert der Roman, anstatt im Erzählen zu zeigen, was er philosophisch sagen möchte. Varatharajah hat nicht den einfachen Weg gewählt. Der Roman schwimmt gegen den Strom. Es ist ein schwieriges und seltsames Buch.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"></p>
<p><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Senthuran Varatharajah<br />
<strong>Vor der Zunahme der Zeichen: Roman</strong><br />
Roman<br />
Verlag S. Fischer 2016 · 256 Seiten · 17,99 Euro<br />
ISBN: 978-3-10-002415-2<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"></div></div></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis Beitragsbild:</em><br />
<em> Senthuran Varatharajah</em><br />
<em>© Gerald Zörner, Fotostudio <a href="http://gezett.de/" target="_blank">gezett</a></em></h6>
<hr />
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