<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Medizin &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/medizin/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 15 Aug 2018 10:00:04 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Medizin &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Die Poesie der Erkenntnis</title>
		<link>https://tell-review.de/die-poesie-der-erkenntnis/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-poesie-der-erkenntnis/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Aug 2018 09:18:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=13624</guid>

					<description><![CDATA[Dass Operationen heute kein Horror mehr sind, verdanken wir nicht nur der Anästhesie, sondern auch der Keimfreiheit. In ihrem Buch „Der Horror der frühen Medizin“ erzählt Lindsey Fitzharris die Geschichte von Joseph Lister, der die Antisepsis in der Medizin durchsetzte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie Medizinhistorikerin und YouTuberin Lindsey Fitzharris hat mit <em>Der Horror der frühen Medizin</em> eine kurze Biografie über Joseph Lister vorgelegt, den Begründer der Keimarmut in der Chirurgie. Der reißerische Titel des Buchs verweist stilistisch auf den YouTube-Kanal der Autorin: Dort schildert sie unter dem Titel <a href="https://www.youtube.com/user/UnderTheKnifeShow" target="_blank" rel="noopener"><em>Under the Knife</em></a> in kurzen Videos plastisch die heute monströs anmutende chirurgische Praxis der Ära vor Narkose und Keimfreiheit. Denn bevor die sogenannte Antisepsis sich in der medizinischen Praxis durchsetzte, glichen chirurgische Eingriffe in der Tat einem Horrortrip.</p>
<h3>Das „Zeitalter der Qualen“</h3>
<p>Aus dem Fundus ihres Youtube-Kanals schöpft Fitzharris im ersten Teil des Buchs. Sie erzählt etwa vom berüchtigten Anatom Knox, der dem Mangel an Leichen durch gedungene Mörder abhalf oder von Amputationen ohne Narkose, die deswegen schnell und unexakt ablaufen mussten – und durch Blutverlust oder postoperative Infektionen oft tödlich endeten.</p>
<p>Die Chirurgie des frühen Viktorianischen Zeitalters nennt Fitzharris daher das <em>„</em>Zeitalter der Qualen<em>“. </em>Zwar beseitigte das 1846 neu aufgekommene Narkoseverfahren mit Äther ein großes Hindernis auf dem Weg zur chirurgischen Therapie, doch das Risiko der postoperativen Infektionen blieb. Man riecht den Infektionsgestank förmlich durch die Seiten ziehen, so drastisch schildert die Autorin die damaligen Zustände. Zugleich legt sie kundig dar, wie die Frage der postoperativen Infektion die Medizin in zwei Lager spaltete. Die dominante Fraktion der Befürworter der Mismentheorie sah die Ursache von Infektionen in vergifteter Luft (Malaria heißt nichts anderes als „schlechte Luft“), während die damaligen Außenseiter, die Kontagionisten, an die Übertragung von Giftstoffen oder die Auslösung von Infektionen durch sehr kleine Lebewesen glaubten.</p>
<h3>Der Kampf gegen die Keime</h3>
<p>Der junge Arzt Joseph Lister, ein Quäker, war durch seinen Vater im Mikroskopieren geschult und gehörte zur letzteren Gruppe. Einschneidend waren für ihn die Erkenntnisse des Chemikers Louis Pasteur, der nachgewiesen hatte, dass Mikroorganismen bei der alkoholischen Gärung eine entscheidende Rolle spielten. Der erste Chirurg, der das Revolutionäre in Pasteurs Arbeiten erkannte, war allerdings nicht Lister, sondern Thomas Spencer Wells, der Leibarzt von Queen Victoria. Er hielt 1863 einen Vortrag vor der British Medical Association über Pasteurs bahnbrechende Erkenntnisse. Aber ihm fehlte offenbar noch der unerschütterliche Glaube an diese Entdeckung. Jedenfalls verfolgte er seine Gedanken nicht weiter, wie Fitzharris darlegt:</p>
<blockquote><p>Leider stieß Wells&#8216; Vortrag nicht auf die erhoffte Begeisterung. Seine Kollegen blieben skeptisch, […] und wie die meisten anderen […] unternahm er keinen Versuch, die Erkenntnisse über den Zusammenhang von Fäulnis und Keimen praktisch umzusetzen.</p></blockquote>
<div id="attachment_13632" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-13632" data-attachment-id="13632" data-permalink="https://tell-review.de/die-poesie-der-erkenntnis/joseph_lister_zugeschnitten/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?fit=694%2C472&amp;ssl=1" data-orig-size="694,472" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Joseph_Lister_zugeschnitten" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?fit=694%2C472&amp;ssl=1" class="wp-image-13632 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?resize=300%2C204&#038;ssl=1" alt="" width="300" height="204" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?resize=300%2C204&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?resize=80%2C54&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?resize=235%2C160&amp;ssl=1 235w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Joseph_Lister_zugeschnitten.jpg?w=694&amp;ssl=1 694w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-13632" class="wp-caption-text">Der Chirurg Joseph Lister (1827-1912)</p></div>
<p>Es war Joseph Lister, der sich an die praktische Umsetzung machte.</p>
<p>Lindsey Fitzharris zeichnet den Erkenntnisweg Listers nach – seine Geduld, seine Beharrlichkeit und auch den Starrsinn, der so notwendig ist, wenn man in der Medizin eine grundsätzlich neue Therapie etablieren möchte. Hier verzichtet die Autorin nun auf die Schockeffekte, die einem bei der Lektüre des ersten Teils des Buchs gehörig auf die Nerven gingen – und gerade deshalb gelingt es ihr, die Poesie des Erkenntnisgewinns zu zeigen.</p>
<h3>Anfeindungen</h3>
<p>Detailliert schildert sie die Anfeindungen der Kollegen, die Lister nach der Veröffentlichung von <em>On a New Method of Treating Compound Fracture, Abscess, etc. With Observations on the Conditions of Suppuration</em> im Jahr 1867 erhielt. Die Leserbriefe, die sein Konkurrent Simpson anonym an die heute noch renommierte medizinische Fachzeitschrift <em>The Lancet</em> geschrieben hatte, erinnern durchaus an Diskussionen, wie wir sie heute im Netz beobachten. So weist Simpson etwa darauf hin, dass die von Lister propagierte Karbolsäure keineswegs dessen Erfindung sei. Dies jedoch hatte Lister nie behauptet, neu war nur die Art der Anwendung. Etwas zu widerlegen, was nie behauptet worden ist, war offenbar schon damals eine gängige Vernebelungstaktik. Lister antwortet ruhig und sachlich, wie es sich für einen Quäker gehört. Wie alle großen Forscher wusste er, dass er die Fakten auf seiner Seite hatte.</p>
<p>Wenn es damals auch noch keine großen statistisch angelegten Studien gab, so war die Wirkung der Antisepsis im Operationssaal dermaßen evident, dass es solcher Studien gar nicht bedurfte. Es war die Zeit, in der das Drehen an einer einzigen Schraube im chirurgischen Vorgehen die Letalität im zweistelligen Prozentbereich senken konnte – und genau das bewirkte Listers Antisepsis in der Chirurgie.</p>
<p>Noch vor der Jahrhundertwende hatte sich seine Methode weltweit etabliert. Dass die meisten Patienten heute einer Operation gelassen entgegensehen können, verdanken wir zu einem großen Teil dem medizinischen Engagement von Joseph Lister.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Lindsey Fitzharris<br />
<strong>Der Horror der frühen Medizin</strong><br />
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg<br />
Suhrkamp 2018 · 276 Seiten · 14,95 Euro<br />
ISBN: 978-3518468869<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3518468863/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518468869" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="13627" data-permalink="https://tell-review.de/die-poesie-der-erkenntnis/cover-9/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?fit=312%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="312,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?fit=312%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-13627" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?resize=188%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="188" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?resize=188%2C300&amp;ssl=1 188w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?resize=300%2C480&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover.jpg?w=312&amp;ssl=1 312w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<hr />
<h6 style="text-align: right;"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></h6>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweise<br />
Beitragsbild: <em>Joseph Lister besprüht eine Operationswunde mit Phenol – </em>via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/89/Lister_spraying_phenol_over_patient.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a><br />
Porträt Joseph Lister – via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/Joseph_Lister%2C_1st_Baron_Lister_%281827_%E2%80%93_1912%29_surgeon_Wellcome_M0005214.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a><br />
<em>Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 4.0</a></em></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/die-poesie-der-erkenntnis/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">13624</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Vergesst die Gene! Vergesst die Umwelt!</title>
		<link>https://tell-review.de/vergesst-die-gene-vergesst-die-umwelt/</link>
					<comments>https://tell-review.de/vergesst-die-gene-vergesst-die-umwelt/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jul 2017 09:18:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Epigenetik]]></category>
		<category><![CDATA[Genetik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Vererbung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=10720</guid>

					<description><![CDATA[Peter Spork überträgt in seinem Buch "Gesundheit ist kein Zufall" die bahnbrechenden Erkenntnisse der Epigenetik auf die Medizin. Das Gen gilt nicht mehr als Schlüssel zu dem, was wir sind. Im Gegenteil: Nach der neusten Forschung scheint die Frage "nature or nuture" überholt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">S</span>eit der Entschlüsselung der DNA durch James Watson und Francis Crick im Jahr 1952 galt es als ausgemacht, dass die angeborene Zufälligkeit der Gene uns mehr beeinflusst als alles andere. Nature or nurture? Genetische oder kulturelle Prägung? Jahrzehntelang waren sich die Biologen einig: Nature natürlich!</p>
<p>Diese Sicht auf den Forschungsgegenstand der Biologie – das Leben – gipfelte in den Neunzigerjahren in einer Untersuchung, die zum „Jahrhundertprojekt“ hochgeschrieben wurde: dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Humangenomprojekt" target="_blank" rel="noopener">Human Genome Project</a> (HGP). 100.000 Gene des menschlichen Genoms wollte man finden. Habe man diese erst einmal entschlüsselt, würden sich weitere Erkenntnisse wie von selbst ergeben.</p>
<h3>Wechselspiel zwischen Vererbung und Umwelt</h3>
<p>Wer in diesem auf Genetik fokussierten Forschungsklima geltend machen wollte, dass auch die Umwelt die Entwicklung des menschlichen Lebens maßgeblich beeinflusse, wurde schnell als unwissenschaftlich abgetan. Auch moralische Wertungen fehlten nicht, wie Peter Spork darlegt:</p>
<blockquote><p>Die wenigen Experten, die das anders sahen […], wurden verächtlich in die esoterische Ecke gestellt.</p></blockquote>
<p>Dabei hatte Conrad Hal Waddington schon in den 1940er Jahren ein Wechselspiel zwischen Vererbung und Umwelt postuliert. Von ihm stammt der Begriff „Epigenetik“ für das Zusammenwirken von Epigenese und Genetik bei der Entwicklung eines Lebewesens. Hier hätte man damals anknüpfen können, aber die Wucht der Watson/Crickschen Entdeckung zehn Jahre später war offenbar zu groß. Das Gen allein schien der Schlüssel zu sein. Dabei hatte es immer Warnungen vor einer einseitig genetischen Sicht gegeben – unter anderem von praktischen Ärzten, die dieses biologische Paradigma bei ihren Patienten keineswegs 1:1 wiederfanden.</p>
<p>Auch Biologen wie Thomas Jenuwein begannen in den 1980er Jahren zu forschen. Was sie fanden, war nichts weniger als „das biologische Substrat für Waddingtons Ideen“.</p>
<h3>Dauerhafte Gen-Veränderungen</h3>
<p>Nicht nur das Vorhandensein eines Gens ist für die Lebensausprägung wichtig, sondern auch die Frage, ob und vor allem wie häufig dieses Gen aktiviert wird. Dieser Aktivierungszustand hängt stark von epigenetischen Faktoren ab, die ihrerseits von der Umwelt beeinflusst sind.</p>
<blockquote><p>Wer Genomik und Epigenomik kombiniert, belauscht das Gespräch aus Erbe und Umwelt, beschäftigt sich mit dem Werden des Lebens, nicht mit seiner Statik.</p></blockquote>
<p>Für diese epigenetischen Effekte im Umfeld der DNA gibt es auf molekularer Ebene mehrere Mechanismen. Von allgemeinem Interesse ist die folgende Erkenntnis: Die epigenetische Modifikation kann dauerhaft werden; damit ist sie keinesfalls nur eine Momentaufnahme, sondern Prägung. Diese dauerhaft geprägte Genregulation nennt Spork „übergeordnete Ebene“. Prägung <em>und</em> Gen sind für das Leben notwendig, das eine ohne das andere nicht denkbar. Diese grundlegende Erkenntnis lässt für Spork nur einen Schluss zu:</p>
<blockquote><p>Vergesst die Gene! Vergesst die Umwelt!</p></blockquote>
<p>Das Wechselspiel ist entscheidend, ohne Dominanz einer Seite, ohne Ranking der einzelnen Faktoren. Der Streit um die Frage „nature or nurture“ gehört damit der Vergangenheit an.</p>
<h3>Molekulare Prägung</h3>
<p>Wir sind die Gesamtheit von allem. Und diese Gesamtheit schließt selbstverständlich auch unsere Gesundheit ein:</p>
<blockquote><p>Ob wir krank werden oder nicht, ob wir frühzeitig altern oder lange fit bleiben, darüber entscheidet […] die übergeordnete Ebene.</p></blockquote>
<p>Das kann sich sogar auf die nachfolgenden Generationen auswirken, denn Forscher haben mittlerweile Belege dafür gefunden, dass es auch in den Keimzellen epigenetische Effekte gibt. Die Keimzellen spiegeln den Zustand zum Zeitpunkt ihres Entstehens. Im Fall der weiblichen Eizelle kann der Einfluss bis in die Enkelgeneration reichen. Berühmtestes Beispiel sind die Keimbahnveränderungen bei Holländern, die im Hungerwinter 1944/45 gezeugt wurden. Sie leiden verstärkt an Diabetes und Übergewicht und zeugen ihrerseits wiederum untergewichtige Kinder. Auch die molekulare Prägung durch ein Trauma wie den Holocaust ist kaum noch zu bestreiten und inzwischen Gegenstand intensiver Forschungen.</p>
<p>Spork gelangt zu dem Fazit:</p>
<blockquote><p>Wir vererben definitiv mehr als unsere Gene.</p></blockquote>
<p>Das ist eine biologische Revolution: Erste Anmerkungen ernsthafter Wissenschaftler gehen schon dahin, Jean-Baptiste de Lamarck mit seiner Theorie der gerichteten, direkt auf die Umwelt reagierenden Evolution in die naturwissenschaftliche Diskussion zurückzuholen. Nun, das ist möglicherweise ein wenig übertrieben, denn der Genpool selbst wird ja nicht verändert, doch die Erkenntnisse der Epigenetik sind mittlerweile in der Fachwelt anerkannt. Selbst Craig Venter, einer der Initiatoren des Human Genome Projects, gibt zu: „Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast schon peinlich ist.“</p>
<h3>Richtungswechsel für die Medizin</h3>
<p>Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass es neben den rein medizinischen Aspekten der Epigenetik auch allgemeinere Fragen aufgreift und hier ganz nebenbei einige liebgewonnene Vorurteile des genetischen Zeitalters in Frage stellt. Da wäre das Merkmal Intelligenz, das manche sicherlich bis heute als ausschließlich vererbt ansehen. Spork erklärt knapp und bündig, dass komplexe Merkmale wie zum Beispiel die Intelligenz oder die Musikalität immer ein Produkt aus Erbe und Umwelt darstellen und keine Summe.</p>
<blockquote><p>Und eine Multiplikation mit null ergibt immer null.</p></blockquote>
<p>Die Entwicklung der Intelligenz kann also nicht nur durch genetische Faktoren, sondern auch durch Umweltbedingungen nachhaltig positiv oder negativ geprägt werden. So hat etwa die häufigere Ausprägung des absoluten Gehörs bei Chinesen mit der Sprache zu tun: Im Chinesischen ändert sich die Bedeutung eines Worts mit seiner Betonung. Es ist also die Muttersprache, die das absolute Gehör fördert, nicht irgendein „China-Gen“.</p>
<p>Durch Steuerung positiver Umweltfaktoren kann man im Vorfeld Krankheiten verhindern – das ist die wichtigste medizinische Botschaft des Buchs. Für den praktischen Arzt ist es eine Binsenweisheit: Bewegung, ausreichender Schlaf und maßvolles Essen lassen uns gesünder werden als jedes Medikament. Ganz allgemein gesprochen ist Vorbeugung besser als Therapie. In der aktuell therapiedominierten Humanmedizin wäre eine solche Verschiebung hin zur Prävention – so schlüssig und wenig spektakulär sie auch erscheint – sicherlich eine Revolution des medizinischen Alltags und des ärztlichen Berufes. Doch empfehlenswert ist dieses Buch nicht als medizinischer Ratgeber, sondern weil Peter Spork die neuen Erkenntnisse der Epigenetik so prägnant und zugleich allgemeinverständlich darlegt – und weil er erkennt, welche grundlegende Bedeutung dieser Richtungswechsel für die Medizin hat.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Peter Spork<br />
<strong>Gesundheit ist kein Zufall</strong><br />
Wie das Leben unsere Gene prägt<br />
DVA 2017 • 416 Seiten • 22,99 Euro<br />
ISBN: 978-3-421-04750-2<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3421047502/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783421047502" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="cvvqxtjuuukhxfvuoyop lkdnibzbsflaxjiffjsy" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<p><a href="http://www.amazon.de/dp/3421047502/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10724" data-permalink="https://tell-review.de/vergesst-die-gene-vergesst-die-umwelt/gesundheit-ist-kein-zufall-von-peter-spork/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?fit=1024%2C1633&amp;ssl=1" data-orig-size="1024,1633" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Gesundheit ist kein Zufall von Peter Spork" data-image-description="&lt;p&gt;Buchcover Peter Spork: Gesundheit ist kein Zufall&lt;br /&gt;
DVA&lt;br /&gt;
https://www.randomhouse.de/Buch/Gesundheit-ist-kein-Zufall/Peter-Spork/DVA-Sachbuch/e500997.rhd&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Gesundheit ist kein Zufall von Peter Spork&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?fit=646%2C1030&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-10724 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129-188x300.jpg?resize=188%2C300" alt="" width="188" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?resize=188%2C300&amp;ssl=1 188w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?resize=768%2C1225&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?resize=646%2C1030&amp;ssl=1 646w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?resize=300%2C478&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/07/Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968-e1499371181129.jpg?w=1024&amp;ssl=1 1024w" sizes="auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a></p>
</div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: DNA-Methylierung. Von Christoph Bock, Max Planck Institut für Informatik (Eigenes Werk) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADNA_methylation.jpg" target="_blank" rel="noopener">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="https://www.randomhouse.de/Buch/Gesundheit-ist-kein-Zufall/Peter-Spork/DVA-Sachbuch/e500997.rhd" target="_blank" rel="noopener">DVA</a></em></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/vergesst-die-gene-vergesst-die-umwelt/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>7</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">10720</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
