<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Linke &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/linke/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Linke &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Der Verlust der Glaubwürdigkeit</title>
		<link>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=13099</guid>

					<description><![CDATA[Die linken Kräfte in Deutschland sind in der Krise. Manche sind anfällig für Verschwörungstheorien, sie betreiben Sozialabbau und zeigen Sympathien für das mafiöse Russland. Von außen gesehen erscheint Deutschland als Paradies – doch eines, in dem die Menschen nicht glücklich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie letzten drei sich als links bezeichnenden Menschen, die ich in Deutschland traf, äußerten am Kneipentisch derart abstruse Meinungen, dass ich die Runde bald wieder verließ. Einer von ihnen, ein Deutscher aus Venezuela, war in seiner Jugend in die DDR übergesiedelt, um echten Sozialismus und die deutsche Arbeiterklasse kennen zu lernen. Statt zu studieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr lang freiwillig als Bauarbeiter in einer sozialistischen Brigade. Bald musste er schockiert feststellen, dass die Bauarbeiter das Wort Sozialismus nicht hören wollten, es löste Schreikrämpfe und Hohngelächter aus, gefolgt von sexistischen Flüchen. Also studierte er Philosophie und errang den Titel eines Doktors.</p>
<h4>Der Informierte</h4>
<p>In unserem Gespräch meinte er, an der Inflation und dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Venezuela seien die USA schuld. Die USA wollten das dortige sozialistische Experiment scheitern lassen. Meinen Einwand, dass es möglicherweise auch Gründe gebe, die in Venezuela zu suchen seien, verwarf er kategorisch. Das Reich des Bösen sind die USA, und basta!</p>
<p>Ich wagte einen zweiten Einwand und fragte, ob es nicht immer schwerer werde, solche komplexen Vorgänge wie Staatskrisen zu beurteilen, im Zuge der Globalisierung, der Digitalisierung etc. Nein, meinte er, es werde immer einfacher, globale Entwicklungen zu beurteilen, weil man sich im Internet informieren könne.</p>
<h4>Der Rebell</h4>
<p>Sein Freund und Kollege, ein treuer Wähler der Partei Die Linke, wollte diese Aussage offenbar beweisen und behauptete, „das deutsche Volk soll ausgetauscht werden“. Das sei ein alter transatlantischer Plan, der jetzt verwirklicht werde. Den Grund für das angebliche Austauschprogramm glaubte er auch zu kennen – „die Afrikaner und Araber sind fügsamer als die Deutschen, nicht so rebellisch, dankbarer für den Wohlstand“. Er selbst war vor mehr als dreißig Jahren ein einziges Mal im Ausland gewesen, zu einer Bergwanderung in der Hohen Tatra, eine Fremdsprache beherrscht er nicht.</p>
<p>Ich fragte ihn, wohin denn das deutsche Volk getauscht werden solle, ob nach Madagaskar, wie es Hitler kurzzeitig mit den Juden geplant habe. Man darf ja gar nichts mehr sagen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, antwortete er. Er lasse sich das Reden nicht verbieten. Ich sah mich gezwungen, ihn darauf hinzuweisen, dass ich ihm nichts verboten, sondern nur sarkastisch widersprochen hatte.</p>
<h4>Die Aktivistin</h4>
<p>An unserem Tisch saß außerdem eine Frau, die sich als Aktivistin in einer basis-ökologischen Partei engagiert und die auf Facebook öffentlich geäußert hatte, sie hoffe auf einen Wahlsieg von Donald Trump, denn Hillary Clinton sei „ein kriegslüsternes Weib“. Außerdem wolle Trump das transatlantische Handelsabkommen TTIP nicht unterschreiben, das freue sie, denn sie habe oft an Demonstrationen gegen dieses Abkommen teilgenommen.</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Treffen verbreitete sie auf Facebook einen Beitrag eines arabischen Senders, in dem ein US-Amerikaner behauptete, an den Kriegen im Nahen Osten sei das jüdische Finanzkapital schuld. Auf meinen Vorwurf, dieser Beitrag sei purer Antisemitismus, lautete ihre Antwort, sie habe den Beitrag ja nicht kommentiert, nur weiterverbreitet. Daraufhin entfreundete ich sie.</p>
<h4>Das Elend der deutschen Linken</h4>
<p>In Deutschland sind alle mir bekannten linken Kräfte und Parteien, mit Ausnahme der Grünen, in einer grotesken Weise unglaubwürdig. Der „linke“ Flügel der SPD möchte in der Außenpolitik am liebsten eine freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehung zu dem Mafia-Staat Russland aufbauen. Die „Osterweiterung“ der NATO, die in der Amtszeit des heutigen Russlandfreundes und SPD-Alt-Kanzlers Schröder durchgeführt wurde, wird abgelehnt. Man vertritt die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität osteuropäischer Staaten.</p>
<p>In der Sozialpolitik hat die SPD mit den HARTZ-IV-Gesetzen für viele Menschen erniedrigende und beschämende Regeln durchgesetzt, außerdem elementare rechtsstaatliche Prinzipien, etwa die Unschuldsvermutung, außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig hat die SPD das Rentensystem so reformiert, dass künftig viele eine Rente unterhalb des Existenzminimums erhalten werden. Dass zahlreiche Menschen jetzt aus Wut lieber die AfD wählen, ist nicht erstaunlich. Zwar war die SPD nicht allein verantwortlich für diese beiden Reformen, aber im Auftrag der SPD wurden sie verfasst und beschlossen.</p>
<p>Die Partei Die Linke war wohl noch nie links im Sinne des Fortschritts. Sie hat die therapeutische Aufgabe übernommen, nach dem Fall der Mauer enttäuschte aufrechte Kommunisten zu trösten. Die Anerkennung der im Namen ihrer Ideen begangenen Verbrechen und Morde (50 Millionen!) hat nicht etwa dazu geführt, ihre Moskau-Hörigkeit zu beenden, lieber denunzieren sie die ukrainische Arbeiterklasse als nationalistisch, weil die Maidan-Revolution ja „sogar gegen ukrainische Gesetze verstoßen“ habe, so Gregor Gysi im Bundestag.</p>
<h4>So viel Zukunft war nie</h4>
<p>Bündnis 90/Die Grünen erreichen in neuesten Umfragen 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, vertreten also, wenn man die Nicht-Wähler dazurechnet, maximal acht Prozent der Wahlberechtigten. Diese Partei hat neben der CDU sicherlich das Potential, weiterhin die Vernunft als Richtschnur politischen Handelns zu nutzen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, autoritären und repressiven Gelüsten zu widerstehen, mit den Möglichkeiten der Zukunft in einer verspielten Weise zu experimentieren.</p>
<p>Welche „linke“ oder „liberale“ Utopie könnte Strahlkraft entfalten und Mehrheiten begeistern? Soll es ein Kommunismus im neuen Gewand werden, Grundeinkommen weltweit für alle?</p>
<p>Aber der Kapitalismus vermehrt ja schon ständig den Wohlstand und verschafft immer mehr Menschen immer mehr Möglichkeiten, schafft immer mehr Märkte. Heutzutage kann man Klingeltöne verkaufen und kaufen, oder die Gesänge der Wale. Immer weniger Menschen werden Opfer in Kriegen oder von Gewaltverbrechen. So viel Zukunft war nie.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>* * *</strong></p>
<h3>Deutschland von außen betrachtet</h3>
<p>Vor einigen Jahren traf ich an der Wolga einen Mann, der in seiner Jugend vierzig Liter Blut gespendet hatte, um auf dem Schwarzmarkt Schallplatten mit westlicher Rock &#8217;n&#8216; Roll-Musik zu kaufen zu können. Mir erklärte er, warum ich ein naiver und dummer Westler sei. Mein Fehler: Mir gefiel es in Russland. Ich mochte den operettenhaften Charme spontaner Feiern, die vielen Absurditäten, aber ich musste dort ja nicht leben, sondern war freiwillig da und konnte jederzeit wieder ausreisen.</p>
<p>Der alte Rock &#8217;n&#8216; Roller hatte in seinem Leben alle möglichen Drogen konsumiert, harte und weiche. Als junger Mann hatte er auf Inseln in der Wolga Partys mit mehreren hundert Jugendlichen organisiert, natürlich ohne Genehmigung von Komsomol oder KGB. Mich lachte er aus, weil ich nie ein Buch vom „Drogenkönig und Hellseher“ Castañeda gelesen hatte. Unter einem Putin-Bild bekreuzigte er sich und murmelte „unser lieber Pate“. Russland nannte er Dummkopf-Land, das von Deutschen regiert werden müsse. Die Russen könnten nicht effizient handeln. „Die Menschheit entwickelt sich rückwärts. Nach dem Christentum kam der Kommunismus, jetzt herrscht der Satanismus.“</p>
<p>Weil er von seiner Rente nicht leben konnte, arbeitete er als Nachtwächter. Nur einmal war er im Ausland gewesen, als Feuerwehrmann im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten.</p>
<h4>Schafft die Demokratie sich ab?</h4>
<p>Aber vielleicht hatte der Mann von der Wolga recht und die „Kräfte des Bösen“ werden gewinnen, die Demokratie wird sich selbst abschaffen, die Freiheit wird in Zukunft von Gesichtserkennungs-Software verwaltet werden? Oder man denke an Wladimir Putins kryptische Worte: „Wenn jemand Russland droht, dann wird die Antwort für die ganze Menschheit schrecklich sein, denn wozu braucht man die Welt ohne Russland?“</p>
<p>Als mein Freund Oskar aus der ukrainischen Stadt Poltawa zum ersten Mal nach Deutschland reiste, glaubte, er werde dort glückliche oder mindestens zufriedene Menschen treffen. In seiner Vorstellung ist Deutschland ein soziales Paradies mit einem fantastischen Gesundheitswesen, staunenswerter Technik und Infrastruktur, Sicherheit vor willkürlicher Verhaftung, ehrlicher Polizei, freier Presse, vielen individuelle Freiheiten.</p>
<p>Fast alle Deutschen aber, mit denen Oskar redete, schimpften über ihr angeblich so schreckliches System.</p>
<p>Einer von ihnen hatte seit vielen Jahren Depressionen, weil er Drogen konsumiert und weil er schon lange keine Freundin gehabt hatte. Das System bezahlte ihm die Wohnung und verschaffte ihm Arbeit in einer Frauenbrigade, in einer Wäscherei, wo er seine Arbeitszeit frei wählen durfte. Außerdem half ihm ein Therapeut, und ein Betreuer unterstützte ihn bei der Erfüllung bürokratischer Pflichten gegenüber den Ämtern. In seiner Freizeit schrieb er Rap-Songs, natürlich getrieben vom Hass auf diese schreckliche Gesellschaft, wie er Oskar erklärte.</p>
<p>Auch im Paradies muss offenbar große Verzweiflung herrschen.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rettungszeichen_Notausgang_Links_(alt).svg">via Wikimedia Commons</a></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">13099</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Hannah Arendt – Die linke Konservative</title>
		<link>https://tell-review.de/hannah-arendt-die-linke-konservative/</link>
					<comments>https://tell-review.de/hannah-arendt-die-linke-konservative/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jan 2018 10:06:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konservatismus]]></category>
		<category><![CDATA[Konservative]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=11864</guid>

					<description><![CDATA[In ihren Positionen war Hannah Arendt links, in ihrer Grundhaltung jedoch konservativ. Das lässt sich an grundlegenden linken Theoremen zeigen wie etwa der Behandlung des Privaten oder der Unterscheidung von Gewalt und Macht, an der sie festhielt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für unsere kleine &#8222;Hall of Fame&#8220; des Konservatismus, mit der wir unsere Reihe zum <a href="http://tell-review.de/?s=Konservatismus&amp;category_name=&amp;submit=Suche" target="_blank" rel="noopener">Konservatismus</a> fortführen.<br />
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen.</p>
<p>Weitere Beiträge:<br />
<a href="http://tell-review.de/gustav-stresemann-der-aufgeklaerte-konservative/" target="_blank" rel="noopener">Gustav Stresemann – Der aufgeklärte Konservative</a><br />
<a href="http://tell-review.de/norbert-lammert-der-gralshueter/" target="_blank" rel="noopener">Norbert Lammert – Der Gralshüter</a><br />
<a href="http://tell-review.de/theodor-w-adorno-der-heimatbewusste/" target="_blank" rel="noopener">Theodor W. Adorno – Der Heimatbewusste</a><br />
<a href="http://tell-review.de/navid-kermani-der-erzaehler/" target="_blank" rel="noopener">Navid Kermani – Der Erzähler</a><br />
<a href="http://tell-review.de/hans-aeppli-der-distinguierte/" target="_blank" rel="noopener">Hans Aeppli – Der Distinguierte</a><br />
</div></div>
<p><span class="dropcap">Z</span>u Lebzeiten wurde Hannah Arendt kaum je als Konservative wahrgenommen, denn ihre konkreten Inhalte waren häufig links bzw. wirkten auf den ersten Blick doch so.</p>
<h3></h3>
<h5><strong>Hannah Arendt war gegen:</strong></h5>
<ul>
<li>das restaurative Deutschland Adenauers und dessen Persilscheine für die Täter</li>
<li>die rassistischen Gesetze in den Südstaaten der USA</li>
<li>Richard Nixon</li>
<li>den Vietnamkrieg</li>
<li>Menachem Begin</li>
</ul>
<h5><strong>Sie hatte Sympathien für:</strong></h5>
<ul>
<li>Rosa Luxemburg und räterepublikanische Ansätze</li>
<li>zivilen Ungehorsam</li>
<li>die 68er (nun ja: für deren gemäßigten Teil)</li>
</ul>
<p>Als Daniel Cohn-Bendit, der Sohn enger Freunde, 1968 in Frankreich in Schwierigkeiten zu geraten schien – ihm drohte Ausweisung oder Schlimmeres –, bot Hannah Arendt ihm Geld an. Auch zu einigen Schriftstellern der Gruppe 47 – Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson – hatte sie ein herzliches, zugleich kritisches Verhältnis.</p>
<p>Das alles ist richtig und wir müssen es im Hinterkopf behalten. Das Faszinierende an Hannah Arendt ist aber, dass sie all diese Positionen aus einer konservativen Grundhaltung heraus entwickelt hat.</p>
<p>Das lässt sich an ihren Antworten auf drei Theoreme zeigen, die für die Linke im 20. Jahrhundert zentral waren.</p>
<h4>1. „Das Private ist politisch und das Politische privat.“</h4>
<p>Unfug!, so Hannah Arendt. Nichts ist in ihren Augen problematischer als diese Gleichsetzung. Das Private, das Intime, die Ausschließlichkeit, das alles hat privat zu bleiben. Mit Politik, mit dem Raum für Freiheit, mit dem Beginn von etwas Neuem haben private Vorlieben nicht das Geringste zu tun, und sie dürfen damit auch nichts zu tun haben. Es sei „ein Verhängnis“, die Liebe an den politischen Verhandlungstisch zu holen, so Arendt im Gespräch mit Günter Gaus.</p>
<a href="https://tell-review.de/hannah-arendt-die-linke-konservative/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FJ9SyTEUi6Kw%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a><br /><br /></p>
<p id="lrback">Weder im Bereich des Privaten noch im Bereich des Gesellschaftlichen darf man Antidiskriminierung gesetzlich erzwingen. Gleichheit gibt es allein im Bereich des Politischen, dort allerdings ist sie zentral. Um diesen Aspekt, den Hannah Arendt vor allem in ihrem Aufsatz <a href="#lr">„Little Rock“</a> erläutert, macht die heutige Arendt-Rezeption einen großen Bogen. Arendt gesteht Rassisten und Antisemiten das Recht auf ihre private Meinung anstandslos zu, das liest man heute mit Befremden. Aber sie gesteht es ihnen eben nur als private Meinung zu.</p>
<h4>2. „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen.“</h4>
<p id="mgback">Falsch, auf fatale Weise falsch!, so Arendt. Die Gewalt kommt aus den Gewehrläufen, aber nicht die Macht. Macht und Gewalt sind kategorial getrennt. Macht setze eine Gegenseitigkeit voraus, also Kommunikation, Gewalt werde einseitig ausgeübt. Macht beruht auf Zustimmung, und diese Zustimmung „ist niemals bedingungslos“ (<a href="#mg">MG</a>).</p>
<h4>3. „Gesellschaft ist der Grundbegriff, an dem sich alle politische Aktion auszurichten hat. Es  geht um kritische Gesellschaftsanalyse und um Gesellschaftsveränderung!“</h4>
<p id="vaback">Nein!, so Arendt. Natürlich bestreitet sie den massiven Einfluss nicht, den die Gesellschaft, gerade die Massengesellschaft, auf den Einzelnen ausübt. Die überbordende Macht der diffusen „Gesellschaftlichkeit“ deutet sie in der Tat sogar als wesentliches Moment der Moderne, in der alle traditionellen Zusammenhänge zerrissen sind. Gesellschaftliche Strömungen jedoch 1:1 als Kompass zu verwenden, heiße, dem Konformismus – „ein typisches Merkmal jeder Gesellschaft“ (<a href="#va">VA</a>) – Tür und Tor zu öffnen. Dies habe 1933 zu jener Gleichschaltung geführt, die ja überwiegend eine Selbstgleichschaltung gewesen sei: „Diese Gleichschaltung war keine von der Angst genährte Heuchelei, sondern der sehr früh an den Tag gelegte Eifer, ja nicht den Zug der Geschichte zu verpassen.“ (<a href="#pv">PV</a>) Menschliche Freiheit, hier steht Arendt gegen alle progressiven Gesellschaftstheorien des 20. Jahrhunderts, vollziehe sich nicht im gesellschaftlichen Raum, sondern allein in der Sphäre der Politik. Im Politischen, und nur dort, fänden sich Menschen als Gleiche zusammen, um etwas Neues zu beginnen.</p>
<h3>Der Verlust des Ariadnefadens</h3>
<p id="dfback">Hannah Arendt, und das macht sie als Konservative für die Postmoderne so anschlussfähig, hat übrigens mitnichten empfohlen, einfach irgendetwas ‚Gewachsenes‘ künstlich zu revitalisieren (sozusagen die ‚alte Zucht und Ordnung‘ als Korsettstange zu verwenden, wie es so viele Konservative tun, neulich <a href="http://tell-review.de/unheilige-allianzen/" target="_blank" rel="noopener">Ulrich Greiner</a>). Sie wusste, dass wer die Moderne vollzogen hat, „wirklich allein ist“. Orientierung kann einem, wenn man „ohne Geländer denkt“ (<a href="#df">DF</a>), tatsächlich nur noch ein Beharren auf grundsätzlichen moralischen Standards geben.</p>
<p>Denn Arendt weiß natürlich, dass wir (in Rilkes Worten) in der Moderne „nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt“. Auch sie betrauert den zerrissenen Ariadnefaden. Aber sie weiß, dass dieser Verlust endgültig ist. Und sie weiß, dass wir in Teufels Küche kommen, wenn wir auf die Moderne mit Konzepten reagieren, die die alte Wohlgeordnetheit künstlich wiederherstellen möchten, etwa per Volksgemeinschaft.</p>
<h3>Urteilsschärfe</h3>
<p>Sie war immun gegen allen völkischen Tinnef, nicht nur wegen ihrer Erfahrung als Jüdin in einer antisemitischen Gesellschaft, ihrer Erfahrung als „Paria“ (bekanntlich Arendts eigenes Wort), sondern vor allem wegen ihrer Urteilsschärfe. So schrieb sie 1947 (!) an Karl Jaspers:</p>
<blockquote>
<p id="kjback">„Woran mir liegen würde (…) wäre eine solche Änderung der Zustände, daß jeder frei wählen kann, wo er seine politische Verantwortlichkeit auszuüben gedenkt und in welchen kulturellen Zusammenhängen er sich am wohlsten fühlt. Damit endlich die Ahnenforschung hüben und drüben ein Ende hat. (&#8230;) Wenn ein Deutscher sagt, er möchte lieber Italiener sein oder vice versa und danach handelt, warum denn nicht?“</p>
</blockquote>
<h6 style="text-align: right;"><a href="#kj">KJ</a>, Arendt im Brief an Jaspers, 2. Juni 1947</h6>
<p>Mit dieser Einsicht hat sie allen konservativen Ansätzen eine Absage erteilt, Sinn in irgendeiner Form ‚organisch‘ (rassisch, ethnisch, kulturell) zu begründen. Und so verstanden war sie dann doch links: eine linke Konservative.</p>
<hr />
<h5><strong>Zitierte Schriften von Hannah Arendt:</strong></h5>
<ul>
<li id="va">Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München 1982 ( VA) <a href="#vaback">↑</a></li>
<li id="lr">Little Rock, in: Hannah Arendt, In der Gegenwart, Übungen im politischen Denken II. München 2000 (LR) <a href="#lrback">↑</a></li>
<li id="pv">Persönliche Verantwortung in der Diktatur, in: Hannah Arendt, Israel, Palästina und der Antisemitismus. Aufsätze, herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Berlin 1991 (PV) <a href="#vaback">↑</a></li>
<li id="mg">Macht und Gewalt, in: Hannah Arendt, In der Gegenwart (s.o.) (MG) <a href="#mgback">↑</a></li>
<li id="df">Diskussion mit Freunden und Kollegen in Toronto, in: Hannah Arendt, Ich will verstehen – Selbstauskünfte zu Leben und Werk. München 1996 (DF) <a href="#dfback">↑</a></li>
<li id="kj">Briefwechsel mit Karl Jaspers, München 1991  (KJ) <a href="#kjback">↑</a></li>
</ul>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> Ausschnitt aus </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw" target="_blank" rel="noopener">Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt</a></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/hannah-arendt-die-linke-konservative/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">11864</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
