<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kunst und Moral &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/kunst-und-moral/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 16 Mar 2022 09:45:17 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Kunst und Moral &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Es geht auch ohne sie</title>
		<link>https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/</link>
					<comments>https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Mar 2022 07:06:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst und Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=105885</guid>

					<description><![CDATA[Soll man Musiker für ihre politische Haltung haftbar machen? In der Diskussion über Anna Netrebko und Valery Gergiev geht es weniger um Moral als um Ästhetik: Will man sie sich noch anhören?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Die Diskussionen über Macht und Moral, über Politik und Kunst, die jetzt anlässlich von Anna Netrebkos und Valery Gergievs Nähe zu Putin aufkommen, kennt man bereits aus der Nachkriegszeit. Damals ging es um die Verstrickungen des Dirigenten Wilhelm Furtwängler oder der Pianistin Elly Ney mit der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beschädigt das politische Versagen eines Musikers seine künstlerische Leistung, oder sollte man die beiden Bereiche so gut wie möglich auseinanderhalten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage lässt sich nicht trennen von der Rolle der ausführenden Musiker im musikalischen Prozess. Mir ist die deutsche Bezeichnung „Interpret“ suspekt, der angelsächsische Ausdruck „Performer“ liegt mir näher. Ich will die Bedeutung der ausführenden Musiker:innen keineswegs kleinreden, ich bin sogar der Meinung, dass sie eine Partitur im Voraus interpretieren, also verstehen müssen. Aber im Moment der Aufführung sind Musiker Performer und keine Hohepriester.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darum sträubt sich auch etwas in mir, wenn ausführende Musiker als Künstler bezeichnet werden. Die Performer sind keineswegs so unersetzlich, wie uns der kommerzielle Musikbetrieb weismachen will. Bei Komponist:innen ist das anders. Wer sich mit der Musik des neunzehnten Jahrhunderts beschäftigt, kommt an Richard Wagner nicht vorbei, trotz seiner antisemitischen Pamphlete, und das musikalische zwanzigste Jahrhundert wiederum ist undenkbar ohne Anton Webern, auch wenn er in der Zeit der Naziherrschaft ein politischer Geisterfahrer war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gilt für die Performer viel weniger. Klar gibt es auch bei Geigern und Pianistinnen Ausnahmeerscheinungen. Aber selbst für die größten Überflieger gilt, dass sie zwar sehr viel können – aber andere können eben auch viel. Wenn ein Musikliebhaber behauptet, er könne sich Mozart nur mit einem bestimmten Sänger oder einer bestimmten Pianistin anhören, dann hat das für mich einen leichten Geschmack von Bildungsspießertum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was heißt das nun für Netrebko und Gergiev? Sie sind gut. Aber es geht auch ohne sie. Ist das unfair gegenüber Musikern, die niemals in politisch heikle Situationen geraten sind? Natürlich ist das unfair, aber es gibt nun einmal kein Recht auf eine störungsfreie Karriere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im westlichen Musikbetrieb wird eifrig diskutiert, ob es rechtens sei, angesichts der russischen Invasion die Putinunterstützer zu canceln. Für mich stellt sich eine andere Frage: Will ich mir diese Musiker:innen noch anhören? Gerade bei Performern ist es schwierig, künstlerischen Ausdruck und politische Haltung zu trennen. Das hat mehr mit Ästhetik zu tun als mit Moral. Anna Netrebko kann als Opernsängerin Emotionen auslösen – das führt automatisch zur Frage, welche Emotionen mitspielten, als sie in den Separatistengebieten den imperialen Geist Neurusslands beschwor. Da wurde aus dem Spiel mit den Gefühlen Ernst. Wenn der Dirigent Gergiev seine Musiker durch die standardisierten Hits der Symphonik peitscht, fällt es mir schwer, nicht an seinen Präsidentenfreund zu denken, der mit denselben Führungsqualitäten in der Ukraine Geburtskliniken, Holocaustgedenkstätten und Atomkraftwerke bombardiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass die ausführenden Musiker physisch präsent sind, dank Youtube kann man ihnen bei der Arbeit zuschauen. Vielleicht wird auch die Zeit etwas ändern. Die alten Aufnahmen des Pianisten Alfred Cortot höre ich mir gerne an, trotz seiner fatalen Rolle im Vichy-Regime.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: 18percentgrey via iStock (bearbeitet)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/es-geht-auch-ohne-sie/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">105885</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Der Nazi an der Wand</title>
		<link>https://tell-review.de/der-nazi-an-der-wand/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-nazi-an-der-wand/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Florian Knoeppler]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Jan 2021 09:43:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst und Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=100194</guid>

					<description><![CDATA[Was tun, wenn sich der Maler des Bilds an der Wand als Nationalsozialist entpuppt: Hängenlassen oder abhängen? Eine Selbsterforschung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Gleich unterhalb von Friedrich Hebbel hängt er, der Nazi, bei mir im Arbeitszimmer an der Wand. Oben die hübsch verzierte Abschrift des Gedichts „Sommerbild“, die mir meine 16-jährige Tochter zum Geburtstag geschenkt hat, darunter die Radierung „Das Haus am Deich“ von Otto Thämer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh. Erstaunlich schön“, dachte ich, als ich das Bild in einem Stapel alter Holzrahmen entdeckte, den ich ein paar Jahre zuvor in einem Trödelladen gekauft hatte. Die anderen Rahmen waren mit Kätzchen und Blümchen bestückt. Ja, ich finde es schön, dieses Bild, genauer gesagt interessant, auch jetzt noch. Eigentlich für meinen Geschmack zu volkstümlich, aber auch kraftvoll und mit einem Himmel, wie er mir gefällt.</p>



<div class="wp-block-image"><figure class="aligncenter size-large"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" width="900" height="689" data-attachment-id="100196" data-permalink="https://tell-review.de/der-nazi-an-der-wand/bild-otto-thaemer/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?fit=2560%2C1960&amp;ssl=1" data-orig-size="2560,1960" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;2.2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;iPhone 6s&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1609771722&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.15&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;40&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.03030303030303&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="" data-image-description="&lt;p&gt;Otto Thämer: Das Haus am Deich, an der Wand bei Florian Knöppler&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?fit=900%2C689&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer.jpg?resize=900%2C689&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-100196" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1030%2C789&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=300%2C230&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=80%2C61&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=768%2C588&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1536%2C1176&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=2048%2C1568&amp;ssl=1 2048w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=2000%2C1531&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?resize=1300%2C995&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/01/Bild-Otto-Thaemer-scaled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure></div>



<h2 class="wp-block-heading">Verherrlichung des ‚arischen Menschen‘</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Leider weiß ich inzwischen, wer Otto Thämer (1892-1975) war. Nicht nur der Grafiker und Maler aus Hamburg, der schon lange vor dem Dritten Reich erfolgreich war und auch in der Bundesrepublik als Künstler geachtet wurde. Sondern eben auch der Nationalsozialist, der Propagandaschriften illustrierte und Fresken malte, bei denen einem schlecht wird, so selbstgewiss verherrlichen sie den ‚arischen Menschen‘. Will man Werke eines solchen Mannes an der Wand hängen haben? Sollten sie heute noch in Kiel und anderswo ausgestellt werden? Und wenn ja, sollte man sie mit entsprechenden Vermerken versehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man macht es sich zu einfach, wenn man behauptet, Kunstwerke stünden ganz für sich selbst und müssten nur nach ihrer Ästhetik beurteilt werden. Niemand würde guten Gedichten oder Bildern von Adolf Hitler ein Forum bieten wollen, wenn es sie denn gäbe. Andererseits fällt es schwer, das Verhalten der Menschen im Dritten Reich mit allzu großer Eindeutigkeit und Klarheit zu beurteilen, zumindest, solange sie niemanden denunziert, angegriffen oder gedemütigt haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Frage der Verführbarkeit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was also darf man von einem Menschen wie Otto Thämer erwarten, wenn eine Diktatur entsteht, in der seine Werke geschätzt werden? Sophie Scholl hätte darauf sicher eine klare Antwort, vielleicht auch der Vater von Joachim Fest, der zwar kein Widerständler war, aber standhaft sagte: „Ich nicht“, egal wie sehr er und seine Familie deshalb zu leiden hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine solche Haltung ist bewundernswert. Kann sie als moralischer Maßstab gelten, den man an alle Menschen anlegen darf? Hätte ich mich damals dem Sog entziehen können, ohne das Wissen von heute, ohne die Erziehung meiner Eltern? Je nach persönlicher Anlage, Elternhaus und Bildung waren die Menschen verschieden leicht verführbar, als Männer an die Macht kamen, die einfache Lösungen boten und Gefühle von Aufbruch und Energie erzeugten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kunst und Ideologie</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist mir bisher nicht gelungen herauszufinden, wie Otto Thämer im Innersten zum Nationalsozialismus stand. Die Informationen im Internet beschränken sich auf Fakten und Jahreszahlen. Sogar seine Teilnahme an der nationalsozialistischen „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München scheint niemandem ein paar zusätzliche Worte wert zu sein. Er sei eben ein Künstler dieser Zeit gewesen, heißt es lapidar. Als wäre damit alles erklärt und entschuldigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Otto Thämers Kunst passte hervorragend zur Ideologie der Zeit, das ist wahr. Mit einer Avantgarde à la Klee oder Kandinsky konnte er offenbar wenig anfangen, und man muss davon ausgehen, dass er mit seinen Propagandawerken Hitlers Schreckensherrschaft bewusst unterstützte. Eigentlich reicht das, um die Radierung an meiner Wand abzuhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorerst lasse ich das Bild trotzdem hängen, jedenfalls, bis ich zu seinem Urheber mehr weiß. Die Gründe dafür sind vielleicht viel einfacher, als ich wahrhaben will. Vielleicht möchte ich das Bild nur weiter an meiner Wand hängen haben, weil es mir gefällt, und es kommt mir entgegen, dass ich Otto Thämer mit dem Argument der Verführbarkeit entlasten kann. Dazu würde passen, dass ich bisher nicht viel Aufwand betrieben habe, weitere Details herauszufinden. Ein halbherziger Anruf bei der Kunsthalle in Kiel war alles.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Fähigkeit zum Widerstand</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aber noch einmal zurück zur entscheidenden Frage: Was hätte man von einem Mann wie Thämer erwarten können? Er besaß genug Bildung, um sich in seinen Gedanken und Gefühlen eine Unabhängigkeit zu bewahren. Er hätte erkennen können, was der Nationalsozialismus war und wohin er führen konnte. Er wäre wohl kaum mit einem Berufsverbot belegt worden, wenn er sich der Propaganda verweigert hätte, seine Werke standen nicht im Widerspruch zur nationalsozialistischen Auffassung von Kunst. Auf öffentliche Anerkennung hätte er verzichten müssen, aber er hätte wohl genug private Käufer für seine Bilder gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch bin ich überzeugt, dass es damals sehr schwer war, „Ich nicht“ zu rufen. Mir hätte wohl mein Harmoniebedürfnis im Weg gestanden. Es wäre für mich kaum zu ertragen gewesen, über Jahre mit meinen Meinungen allein dazustehen, in einem beständigen Gegensatz zu fast der gesamten Gesellschaft und ohne Aussicht auf eine Besserung der Verhältnisse. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Werde ich herausbekommen, ob so etwas Ähnliches auch auf Otto Thämer zutrifft?</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/der-nazi-an-der-wand/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>15</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">100194</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Haftet der Künstler für den Privatmann?</title>
		<link>https://tell-review.de/haftet-der-kuenstler-fuer-den-privatmann/</link>
					<comments>https://tell-review.de/haftet-der-kuenstler-fuer-den-privatmann/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Nov 2017 08:00:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kevin Spacey]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst und Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Richard Wagner]]></category>
		<category><![CDATA[Roman Polanski]]></category>
		<category><![CDATA[Veit Harlan]]></category>
		<category><![CDATA[Woody Allen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=11576</guid>

					<description><![CDATA[Die Debatten um Kunst und Moral kennen wir vor allem aus der Literatur, dort geht es um Urheber. Mit Kevin Spacey ist nun ein Schauspieler durch sein Verhalten unter Druck geraten. Wie steht es um die Moral in Kunst und Showbusiness?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie Frage, ob das Kunstwerk beschädigt wird, wenn sein Urheber sich als Arschloch erweist, wurde bis vor kurzem nur bei Urhebern gestellt. „Böse Männer haben gute Bücher geschrieben“, konstatiert William H. Gass in einem Essay über den Widerspruch von Kunst und Moral, „Wagners Werke sind nicht böse, nur weil er es war“.</p>
<p>Außerhalb der Sphäre der Kunst ist uns die Spaltung vertraut: Wer tut schon, was er predigt? Den Pfarrern gelingt das nicht immer, und manche Ärzte leben ungesund, obwohl sie es besser wissen. Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen: Die Einheit von Denken und Leben dürfte eher der Ausnahmefall sein als die Regel.</p>
<h3>Richtiges Schreiben im falschen Leben?</h3>
<p>Für die Kunst gilt dies erst recht. Die Frage der moralischen Integrität wird vor allem in der Literatur gestellt, denn dort lässt sich Moral leichter nachweisen. <span class="pull-left">Die Gesinnung ist ein Verbrechen des Intellekts, es spielt sich auf dem Feld der Sprache ab, wie die Literatur.</span>Gibt es ein richtiges Schreiben im falschen Leben? In den deutsch-deutschen Literaturstreitereien der 90er Jahre ging es um mangelnden Mut und Verrat: Christa Wolf und Heiner Müller wurden wegen ihrer Stasi-Kontakte angegriffen, Sascha Anderson und Rainer Schedlinski brachten mit ihren IM-Affären die ganze inoffizielle DDR-Literaturszene in Misskredit. Der eigentliche Sündenfall der Literatur war jedoch der Faschismus, denn hier ging es nicht um persönliches Fehlverhalten: Das Böse war die Gesinnung, nicht die Tat. Die Gesinnung jedoch ist ein Verbrechen des Intellekts, es spielt sich auf dem Feld der Sprache ab, wie die Literatur. Pound, Céline, Benn, Hamsun: Die Bücher dieser bösen Männer sind gut, weil sie sich von der Ideologie ihrer Verfasser lösten und ein Eigenleben gewannen.</p>
<p>Mit anderen Worten: Diese Kunst war nicht Propaganda. Nach dem Krieg gab es einen einzigen Künstler, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war: Veit Harlan, der Starregisseur des NS-Kinos, hatte mit <em>Jud Süß</em> einen antisemitischen Film gedreht, der den Nationalsozialisten als „Mordwerkzeug“ gedient habe, so sein Sohn Thomas Harlan. Veit Harlan hatte in den Augen seines Sohnes seine Kunst verraten – Gottfried Benn dagegen sei ein großer Dichter gewesen, so Thomas Harlan, in diesem Fall sei die politische Verblendung Privatsache.</p>
<h3>Die Achillesferse des Filmstars</h3>
<p>Der Fall Kevin Spacey liegt jenseits der künstlerischen Moral. Bei Spacey ist nicht die Gesinnung das Problem, sondern das Tun, und er ist kein Urheber, sondern ein Darsteller. Dies verschiebt die Koordinaten: Seine stupende Fähigkeit, die vierte Wand zu durchbrechen, wird von seinen sexuellen Übergriffen nicht tangiert. Doch für viele Zuschauer sind seine Grapschereien auch auf der Leinwand präsent. <span class="pull-right">Über das Verhältnis von Kunst und Moral können wir aus der Debatte um Spacey nichts lernen.</span>Es erfordert sowohl die Fähigkeit als auch den Willen zur Abstraktion, hier zwischen der Privatperson Kevin Spacey und dem Künstler zu unterscheiden. Die Taten von Roman Polanski und Woody Allen sind mindestens so skandalös, doch als Regisseur können sie hinter der Kamera verschwinden. Die Sichtbarkeit ist die Achillesferse des Filmstars: Ohne Kevin Spacey kein Frank Underwood, wir sind als Zuschauer direkt mit der Person des Schauspielers konfrontiert.  Daher speist sich die Anziehungskraft von Frank Underwood aus der Anziehungskraft des Kevin Spacey.</p>
<p>Im Showbusiness nimmt das Geld Reißaus, wenn Illusionen verdampfen. Kevin Spacey hielt seine Homosexualität unter Verschluss, weil sie seinen Star-Appeal gefährdet hätte. Aus dem gleichen Grund wird er jetzt von jenen fallengelassen, die ihr Geld auf seinen Star-Appeal gesetzt haben. Über das Verhältnis von Kunst und Moral können wir aus der Debatte um Spacey daher nichts lernen. Sehr viel dagegen über die Amoralität des Geschäfts mit der Kunst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:</em><br />
<em> Verwendete Bilder:</em><br />
<em> Spacey_Star.jpg: By Mark Crawley from Southampton, UK (Kevin Spacey&#8217;s star) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASpacey_Star.jpg">via Wikimedia Commons<br />
</a>Spacey_Mural.jpg: Via <a href="https://www.flickr.com/photos/dullhunk/24642031392" target="_blank" rel="noopener">flickr</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC-BY 2.0<br />
</a>Bearbeitung: Anselm Bühling</em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/haftet-der-kuenstler-fuer-den-privatmann/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>5</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">11576</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
