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	<title>kognitive Dissonanz &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>kognitive Dissonanz &#8211; tell</title>
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		<title>Die Schmerzvermeidung der Querdenker</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Jan 2022 08:13:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Dissonanz]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer Corona-Irrtümern anhängt, muss viel kognitive Dissonanz aushalten. Die Abwehr der inneren Widersprüche führt zu einem zwanghaften Denken – doch wie kann die Befreiung daraus gelingen? Überlegungen aus Sicht eines Arztes.]]></description>
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<p class="has-drop-cap">Wenn man es im eigenen beruflichen Umfeld oder auch in den sozialen Medien mit Querdenkern zu tun bekommt, gewinnt man noch einmal einen ganz anderen Eindruck dieses Phänomens: den Blick aus der Nähe. Er bestätigt die <a href="https://tell-review.de/die-widersprueche-des-querdenkertums/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">gewonnenen Eindrücke</a>, vertieft sie zugleich und lässt Konturen schärfer hervortreten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Volten des Irrtums</h3>



<p>Das Potpourri der Pandemie-Irrtümer habe ich als Arzt selbst erlebt. </p>



<p>Zu Anfang gab es das Virus gar nicht. Dann machte es nicht krank. Dann war die Krankheit „nur eine Grippe“. Dann waren nur die krank, die ohnehin bald sterben. Dann war die Impfung wirkungslos. Dann machte die Impfung krank.</p>



<p>Und über allem schwebte Bill Gates.</p>



<p>Neuste Volte: Die Übersterblichkeit des Herbstes 2021 geht auf die Impfung zurück. Allerdings ergeben sich auch hier wieder Inkonsistenzen zur Faktenlage. So steigt die Übersterblichkeit bis zum Januar 2022 keineswegs an, sie fällt vielmehr ab, und genau das war wegen der gestiegenen Impfquote auch zu erwarten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mentale Geisterfahrer</h3>



<p>War es vielleicht doch so, dass die Impfung schützt? Als ich in den sozialen Medien einen Querdenker auf diesen offenkundigen Widerspruch hinweise, wird mir „Menschenverachtung“ vorgeworfen, in Tateinheit mit der Unterstützung einer Diktatur. Weil ich angeblich eine gesellschaftliche Gruppe, die nur ihre Meinung sagt, für Tote verantwortlich machen würde.</p>



<p>In einem anderen Fall hatte ich es im Krankenhaus mit einer ganzen Querdenkerfamilie zu tun. Der Vater hatte eine lebensbedrohliche Covid19-Infektion, und ich wurde von den erwachsenen Kindern gefragt, welche Krankheit ihr Vater denn nun wirklich habe. Ich antwortete wahrheitsgemäß. Und erhielt eine äußerst aggressive Reaktion: „Das können Sie mir doch nicht erzählen! Unser Vater ist doch nicht so schwer krank wegen einer Grippe!“ Auf Nachfrage gab diese Familie an, dass sie sich in den letzten Monaten überwiegend über russische Staatsmedien informiert hat.</p>



<p>Mir kommt bei diesen absurden Szenen immer der alte Geisterfahrerwitz in den Sinn. Ein Geisterfahrer hört über das Autoradio von einem Geisterfahrer auf der Autobahn und reagiert empört: „Einer? Das sind Hunderte!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gefangen in der eigenen Überzeugung</h3>



<p>Sascha Lobo beschreibt das Phänomen im <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/corona-und-die-radikalisierung-der-impfgegner-die-denkpest-geht-um-kolumne-a-307b0e08-c4fe-43c2-800b-b2da618ec4ca" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Spiegel</a> als „Denkpest“, aber das überzeugt nicht. Zu viel Empörung, zu viel Metapher, zu wenig Analyse.</p>



<p>Näher kommt dem Phänomen das Konzept des Dunning-Kruger-Effektes. Menschen, deren Urteil in einer Fachfrage ihr eigenes Kompetenzniveau übersteigt, sind gerade deswegen nicht zu einer kritischen Revision ihrer Sicht in der Lage. Wer sich in der Materie wirklich auskennt, kennt auch die Einwände und ist bei neuen Erkenntnissen zu einer Neubewertung bereit. Der Laie hingegen bleibt in seiner ursprünglichen Überzeugung gefangen.</p>



<p>Am überzeugendsten jedoch bleibt für mich Leon Festingers Konzept der „kognitiven Dissonanz“. Damit beschreibt Festinger das Phänomen, dass Argumente, die der eigenen Überzeugung widersprechen, selbst dann nicht gehört werden, wenn ihre Wahrheit offensichtlich ist. Wichtigstes Ziel eines Menschen ist nämlich, so Festinger, die Vermeidung von Widersprüchlichkeit im eigenen Selbst. Das gilt vor allem dann, wenn Menschen sich öffentlich geäußert haben. Tritt nun der Fall ein, dass allgemeine Erkenntnisse den eigenen Äußerungen diametral entgegen stehen, erlebt der Mensch das als „Inkonsistenz“, als Makel.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Logik des Gruppenzwangs</h3>



<p>Mit dieser Inkonsistenz kann man unterschiedlich umgehen. Man kann den Irrtum eingestehen: „Stimmt. Rauchen macht krank, also höre ich damit auf.“ Man kann die Faktenlage und die eigene Situation jedoch auch uminterpretieren: „Ich inhaliere nicht, also macht meine Art des Rauchens nicht krank.“ Oder man leugnet das Offensichtliche und schließt sich einer Verschwörungstheorie an: „Dass Rauchen krank macht, ist Quatsch! Das behauptet nur die Gesundheitsmafia!“</p>



<p>Fatal wirken diese Mechanismen, wenn sie sich mit einem Gruppenzwang verbinden, zum Beispiel in einer Sekte. Festingers ursprüngliches Beispiel betraf eine Sekte, die am 21. Dezember 1954 pünktlich um Mitternacht ein UFO erwartete, das alle Einsichtigen und Erwählten mitnehmen und damit vor dem Weltuntergang retten würde. Als die Prophezeiung nicht eintraf, führte das keineswegs zur Einsicht. Die Sektenmitglieder drehten den Spieß einfach um: Wegen ihres gegen alle Widerstände durchgesetzten unerschütterlichen Glaubens habe die extraterrestrische Macht den Vernichtungsplan fallen gelassen, die Sekte hatte die Welt vor dem Untergang bewahrt. Gewissermaßen das Präventionsparadox auf außerirdisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schmerzhafte Erkenntnis</h3>



<p>In genau dieser Situation befinden sich die Querdenker. Sie haben sich öffentlich exponiert und stehen nun vor dem Scherbenhaufen ihrer Falschbehauptungen. Um die Behauptung zu retten, dass die Impfung eine Übersterblichkeit verursache, wird in allen Untergruppen der offiziellen Statistik gewühlt: Irgendwo muss doch der Beleg für die längst haltlos gewordene These sein! Unglaubliche Energien werden bei der Durchsuchung der Bildränder verschwendet, um zu beweisen, dass der Elefant im Zentrum des Bildes nicht existiert.</p>



<p>Es ist ein Konzept der Schmerzvermeidung. Denn die Erkenntnis, sich geirrt zu haben, ist schmerzhaft. Erst recht, wenn dieser Irrtum zu einer schweren Erkrankung oder gar zum Tod eines nahen Menschen geführt hat. In der Schmerzvermeidung perpetuiert sich der Irrtum, und gerade das macht es für alle anderen so unerträglich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Problem der Häme</h3>



<p>Die Auflösung einer kognitiven Dissonanz kann nur über die Einsicht in den eigenen Irrtum führen. Für diejenigen, die sich im Irrtum verfangen haben, kann das bitter sein. Die Lösung des Problems tut weh, aber sie befreit auch.</p>



<p>Das ist das Angebot an alle Querdenker: Freiheit vom Gruppenzwang und vom zwanghaften Denken. Denn ein Denken, das nur noch davon bestimmt ist, Inkonsistenz zu vermeiden, wird sehr schnell zum Zwang.</p>



<p>Aber auch der Mehrheit, welche die Infektionsschutzmaßnahmen befürwortet, sei eines mitgegeben: Häme ist nicht angebracht, weder im Privaten noch öffentlich. Wichtig ist die Förderung der Erkenntnis. Und Erkenntnis findet nun einmal im Stillen statt.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Von Sieglinde Geisel, Grafitti auf einer Berliner Hauswand im Sommer 2020<br></h6>



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