<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kindheit &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/kindheit/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Sat, 06 May 2017 08:41:23 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Kindheit &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Stickschrei in der Kehle</title>
		<link>https://tell-review.de/stickschrei-in-der-kehle/</link>
					<comments>https://tell-review.de/stickschrei-in-der-kehle/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 May 2017 08:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Irland]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=9941</guid>

					<description><![CDATA[Eimear McBrides Roman "Das Mädchen ein halbfertiges Ding" berichtet mit herber Schönheit von der menschlichen Hässlichkeit. Ein Buch für unerschrockene Leser, die der Autorin (und ihrer Übersetzerin) folgen bis ins tiefste Dunkel. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="9945" data-permalink="https://tell-review.de/stickschrei-in-der-kehle/cover-amazon/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?fit=164%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="164,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Amazon" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?fit=164%2C266&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-9945 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?resize=164%2C266" alt="" width="164" height="266" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?w=164&amp;ssl=1 164w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w" sizes="(max-width: 164px) 100vw, 164px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>Zwei ich. Vier du oder fünf. Ich falle. Tischbein auf Hocker. Gesicht tief in ihre Kissen. Kreisch. Baby voll Rotz und Tränen. Du kneifst mir ganz kurz die Seiten. Ich würge schreckliche Kitzelhickser. Immerfort rucken und purzeln. Ich falle mit Krach. An den Kopf. Hoppla.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">H</span>oppla indeed. Was ist das für eine Sprache? Wer kann, wer will so was lesen? Geht das immer so weiter?<br />
Ja, so geht es immer weiter. Wir sind im Kopf eines Mädchens (zwei Jahre alt, in der Szene oben). Die junge irische Autorin Eimear McBride treibt Landsmann und Vorbild Joyce vor sich her. „Stream of consciousness“? Pah. Stream of pre-consciousness!</p>
<h3>Die Phrasen dieser Welt</h3>
<p>Selbstverliebtes Sprachgeklingel langweilt mich schnell. Doch was hier geschieht, hat einen literarischen und erzählerischen Sinn. Wahrnehmungen, Gedanken, Aufgeschnapptes, Wiedergekäutes – der Text liest sich wie angeschlossen an die Hirnströme eines Menschen. Da müssen Gedanken nicht zu Ende formuliert werden, das Mädchen braucht sie sich nicht selbst zu erklären. Fertig sind hier nur die Versatzstücke und Phrasen, mit denen die Welt auf sie eindrängt: Mutter, Lehrer, Ärzte, Priester.</p>
<blockquote><p>Das Kind war letztes Jahr zur Erstkommunion und kann nicht mal das Ave  Maria. Wo ist deine Moral hin? Ich meine was ist das für eine Art deinen Sohn zu erziehen? Aber du bist ja eine ganz Gescheite. Ich vergaß. Zu gut um einen Mann zu heiraten der seine Kinder gottesfürchtig erziehen will.</p></blockquote>
<p>Ansonsten gilt: <em>Das Mädchen ein halbfertiges Ding</em>. So lautet der Titel von McBrides Debütroman von 2013, der in der englischsprachigen Literaturszene gefeiert wurde.</p>
<h3>Betreten auf eigene Gefahr</h3>
<p>Die Welt, in die wir hineingezogen werden, ist die irische Provinz mit allen wenig überraschenden Ingredienzien – Armut, Strampeln ums Überleben, Gewalt, Suff, Bigotterie. Betreten auf eigene Gefahr. Die Mutter des Mädchens, von ihrem Mann sitzengelassen, hat ein weiteres Kind großzuziehen, den schwer behinderten Bruder der Ich-Erzählerin. Ihm gilt die ganze Liebe des heranwachsenden Mädchens, er wird nicht alt werden. Das Aufwachsen in einer Umgebung, wo nichts als Druck herrscht – Herumgeschubse daheim, Mobbing in der Schule, Demütigungen durch Autoritäten –, ist deprimierend.</p>
<p>Warum ist es die Lektüre nicht?</p>
<blockquote><p>So ein stilles Haus danach. Das Auto sengt die Straße weg. Sie mit dem Gesicht in den Händen und Stickschrei in der Kehle. Gequetschte Luft. Zitternd vor Tränen. Gespannt wie Flitzebögen saßen wir da. Gesichter über der Treppe. Unser böses Haus am Sirren. Hier gibt es Banshees.</p></blockquote>
<p>Gerade war der bigotte Großvater zu Besuch, hat alle heruntergeputzt und ist empört wieder abgerauscht. Die Sprache, mit der McBride Situationen und Stimmungen anreißt und aufreißt, ist ungemütlich, aufregend, gnadenlos. Sie erzählt eine alte Elendsgeschichte schmerzhaft neu. Sie macht wach.</p>
<h3>Lustvoll die Sprache triezen</h3>
<p>Spätestens hier muss gesagt werden: Ich rede von der Sprache, mit der Miriam Mandelkow den Roman der Autorin auf Deutsch neu geschrieben hat. Wenn praktisch kein Satz vollständig ist, wenn Klang und Rhythmus, Bildlichkeit und Neuschöpfungskraft auf kürzestem Raum zwingende Situationen herstellen sollen, dann muss jedes Element bedacht, abgewogen, gestaltet werden. Bei konventioneller erzählten Romanen entwickelt der Text einen eigenen Fluss, der trägt – den Übersetzer zunächst, der sich dem Flow anvertraut und ihn an die Leser weitergibt, als Einladung, sich auf die Welt der Erzählung einzulassen. In dieser Welt jedoch gibt es kein blindes Vertrauen, die Sätze bocken und lassen den Leser genauso abstürzen wie die Wirklichkeit, die sie erfassen. Das ist ein wilderer Flow. Um all das in der Übersetzung nachzugestalten, braucht es Wagemut, Frechheit, Rhythmusgefühl, es braucht analytische Schärfe und Sprachinstinkt – und eine Lust daran, die eigene Sprache zu triezen. McBride und Mandelkow haben all das gemeinsam, erkämpfen es gemeinsam.</p>
<h3>Durch den Sprachnebel</h3>
<p>Die Lektüre ist eine Reise in die Dunkelheit, man lässt sich auf ein ungewohntes Lesegefühl ein – als hätte ich meine Brille nicht auf und bewegte mich tastend durch einen Sprachnebel, aus dem immer wieder etwas auftaucht und verschwindet, sobald ich es umrundet oder mich daran gestoßen habe.</p>
<blockquote><p>Ich sehe dich. Hinten, selbstvergessen schlackernd Arme Beine hinein ins Haifischbecken. Sehe wie sie sich nach dir recken schnappen. Durchgekaut wieder ausspucken. In diesem Bus. Und rufen hierher Neuer. Du, sehe ich, siehst mich gehst vorbei. Kletterst auf das Rudel Schultaschen. Lavierst dich an den Rückenlehnen. Deine Füße ertrinken als es losgeht. Dich eintunkt. Dich hinschmeißt. Hart aufs Gesicht. Auf deine Knie. Heftiger Fall von dem du nicht hochkommst. Tja. Kein Entkommen. Busdreck an deinen Händen. Sabber auf deinem Gesicht. Sie grölen, schnüffeln. Sehen dein Blut strömen durch den Gang zu ihnen. Schnappen. Kauen an deinen Händen und Füßen. Ha ha ha ausatmen Spasti. Spastisturz. Kann Spasti nicht laufen?</p></blockquote>
<p>Dass der behinderte Bruder im Schulbus gemobbt wird, ist schnell klar.  Diese Information lässt sich in einem einzigen Satz mitteilen. Wie es sich anfühlt, als Schwester ohnmächtig zuschauen zu müssen, vermittelt die aufgeraute Sprache.</p>
<p>Die Schönheit dieses Romans, der von der menschlichen Hässlichkeit berichtet, ist herb und anstrengend. Mit dem Heranwachsen des Mädchens nimmt das Grauen noch ganz andere Gestalt an, löst die festen Formen der Sprache streckenweise noch weiter auf. Als unerschrockener Leser bleibe ich dran, gehe mit bis in die tiefste Dunkelheit.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"></div><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Eimear McBride<br />
<strong>Das Mädchen ein halbfertiges Ding</strong><br />
Roman · Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow<br />
Verlag Schöffling 2015 · 256 Seiten · 21,95 Euro<br />
ISBN: 978-3-89561-292-3<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3895612928/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783895612923" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img decoding="async" class="auvdskmlzgbqmvkmlezr gmutuugnzvbbnudegjtq" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Von <a href="https://pixabay.com/de/users/tasarimci06-870657" target="_blank" rel="noopener noreferrer">tasarimci06</a><br />
Via <a href="https://pixabay.com/de/kinder-armut-nat%C3%BCrliches-leben-684212/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Pixabay</a></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/stickschrei-in-der-kehle/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">9941</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Blickwechsel</title>
		<link>https://tell-review.de/blickwechsel/</link>
					<comments>https://tell-review.de/blickwechsel/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Jaeckel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Mar 2017 08:30:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Alkohol]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mutter]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=9405</guid>

					<description><![CDATA[Julia Webers Debütroman „Immer ist alles schön“ handelt von einem schleichenden Familien-Unglück. Zwei Stimmen erzählen aus der Ich-Perspektive: die Tochter und die Mutter. Die Verlorenheit der Kinder wird dabei ebenso greifbar wie die innere Leere der Mutter.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">J</span>ulia Weber schreibt in Bögen. Daraus entsteht ein Text, der an- und abschwillt. Er summt wie das Rauschen von Wind in den Bäumen. Oder wie der Atem einer computer­getriebenen Soundmaschine. Wer das liest, atmet unwillkürlich mit – und wird in den Bann der Geschichte der beiden Geschwisterkinder Anais und Bruno gezogen.</p>
<p><em>Immer ist alles schön</em> ist das Debüt von Julia Weber. Die Autorin hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. Davor absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin, außerdem ist sie Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe „Literatur für das, was passiert“. Wer will, kann daraus einiges über das Buch erfahren. Es ist mit einem Engagement geschrieben, das ersten Büchern eigen ist. Die Mitgliedschaft der Autorin bei „Literatur für das, was passiert“ gibt einen Hinweis darauf, dass es in dem Roman um alltägliche Dinge geht. Ihre Ausbildung als Fotografin spiegelt sich in den passgenauen Beschreibungen flüchtiger Momente ebenso wie in den Handzeichnungen der Autorin, die in dem Buch abgedruckt sind: abstrakte Illustrationen einzelner Szenen, die sich zu einem Bilderbuch ohne Worte zusammenfügen. Am Schluss kann man noch einmal alle Stationen des Erzählten nachschlagen.</p>
<h3>Ein Tanz <em>– </em>und noch ein Tanz</h3>
<p>Der Roman besteht aus sieben Blöcken, die im Titel jeweils die Richtung der Geschichte vorwegnehmen: <em>Innen – Maria – Außen – Mutter – Verschwinden – Nichts – Welt</em>. Die einzelnen Blöcke sind wiederum in Kapitel unterteilt, deren erste Sätze fett gedruckt beginnen, ganz so, als würde jemand mit lauter Stimme loslegen und dann schnell wieder leise werden, um bloß nicht aufzufallen.</p>
<p>Denn was erzählt wird, ist drastisch genug. Der Roman hätte gut und gerne auch <em>Immer ist alles Scheiße</em> heißen können. Tochter Anais beginnt. Sie schildert einen spontanen Urlaub vor den Toren einer nicht näher bezeichneten Großstadt. Schon der erste Satz gibt die Fallhöhe vor. Während sich Anais einen Urlaub weit weg vom Alltag und mit Lagerfeuerromantik vorstellt, wünscht sich ihr kleiner Bruder nur eins: „einen Urlaub ohne Alkohol“. Womit wir bei der Mutter sind, die diesen Wunsch gerade einen Tag lang erfüllen wird. Immerhin gibt es einen Campingplatz am See und Sommerwetter. Doch die Mutter kommt den Kindern schon bald abhanden. Einmal noch suchen Anais und Bruno nach ihr:</p>
<blockquote><p>Wir haben auf dich gewartet, du sagtest, einen Tanz, sage ich. Es ist ja ein Tanz, sagt sie, es ist hier ein großer Tanz, und er tut mir gut, dieser Tanz, ich brauche jetzt unbedingt genau diesen einen Tanz und noch was zu trinken und noch einen Tanz. Ich will noch einen Tanz, den brauche ich auch wegen euch, unter anderem auch wegen euch. Ich finde, ich habe ihn mir verdient, so einen Tanz, einen Tanz, sagt sie. Geht heim, meine Tierchen, geht heim.</p></blockquote>
<p>Zurück in der Stadt ist die Mutter immer noch geistig abwesend. Vielleicht, weil sie sich nach dem Tanz und nach den Männern am See sehnt. Vielleicht weil sie nicht bei sich zu Hause sein kann. Sie ist eine Getriebene, die sich nur zu gerne von sich selbst verabschiedet. In den Alkoholrausch, in lange Nächte, in die Depression. Nicht sie ist es, die die Kinder behütet, sondern umgekehrt. Die Kinder kümmern sich um ihre Mutter wie um ein angeschossenes Reh. Sie bringen sie durch die Tage – bis die Mutter eines Tages verschwindet.</p>
<h3>Innere Leere</h3>
<p>In den drei kursiv gedruckten Textblöcken <em>Maria – Mutter – Nichts</em> erzählt die Mutter: zuerst von ihrer Schwangerschaft mit Anais, ein Versehen, durch das sie in die Ehe mit dem Vater des Kindes getrieben wird und eine Katastrophe. Denn das, was Sicherheit bedeutet, ist für Maria ein Graus. Der Mann bleibt ihr fremd, außer in den wenigen Augenblicken körperlicher Nähe. Im zweiten Teil ist Anais schon auf der Welt. Und alles wird noch grauenvoller. Die Zeit mit ihrem Kind erlebt Maria als Isolation, ihre Langweile steigert sich ins Unermessliche. Im dritten Teil passiert dann das, wovor Maria sich selbst und die Kinder stets gewarnt hat: Sie wird so müde, dass sie eines Tages nicht mehr aufstehen kann. Ihre Erzählung, die aus ihrer inneren Leere kommt, muss monoton bleiben. Insofern sind die Stränge, die die Mutter erzählt, mühevoller zu lesen als die Berichte von Anais. Denn auch wenn sich das Kind schon weitestgehend aus der Realität herausgezogen hat, beobachtet es genau. Die Schlüsse, die es zieht, sind logisch, wenn auch nicht immer mit der Realität vereinbar. Sie sind der eigentliche poetische Inhalt des Buches.</p>
<p>Verlorenheit poetisch zu beschreiben, ist ein Wagnis. Denn alle Versuche, soziale Missstände abzuschildern, müssen an der subjektiven Perspektive scheitern, oder an ihrem Gegenteil, dem Blick von außen. Dagegen greift der Vorwurf zu kurz, Anais und auch ihr Bruder Bruno würden nicht wie Kinder sprechen. Verwahrloste Kinder tragen meist schon das ganze Wissen über ihre Misere in sich: als Bilder, als Gerüche und als komplexere Wahrnehmungen.</p>
<blockquote><p>Mutter wirft ihre Zigarette in eine Blumenkiste, kommt in die Küche, küsst den Mann, legt dann ihr Gesicht an die Scheibe. Die Zigarette raucht in der Blumenkiste; Mutter nimmt den Kopf von der Scheibe, und es bleibt ein Fettfleck.</p></blockquote>
<p>Zum Schluss hin allerdings rollt Julia Weber die Geschichte zu weit aus. Der Mann vom Sozialamt wird zu lieb, die Nachbarin vom unteren Stock zu skurril. Vielleicht sind diese Passagen als märchenhafte Einschübe gedacht. Aber ein Märchen ist etwas anderes, als eine bildhaft geschilderte Katastrophe. Als „sie“ – wahrscheinlich Polizisten – im letzten Satz die Balkontür einschlagen, bin ich erleichtert.</p>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Julia Weber<br />
<strong>Immer ist alles schöm</strong><br />
Roman<br />
Limmat Verlag 2017 • 256 Seiten • 24 Euro<br />
ISBN: 978-3-85791-823-0<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/B01N9RQIW4/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783857918230" target="_blank">buecher.de</a><img decoding="async" class="nyilhhldupgraglzluen" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="http://www.amazon.de/dp/3857918233/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="9409" data-permalink="https://tell-review.de/blickwechsel/808-weber-schoen-10cm/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?fit=710%2C1181&amp;ssl=1" data-orig-size="710,1181" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="808-weber-schoen-10cm" data-image-description="&lt;p&gt;Buchcover Julia Weber: Immer ist alles schön&lt;br /&gt;
Limmat Verlag&lt;br /&gt;
http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/808-immer-ist-alles-schoen.html#mehr&lt;br /&gt;
(konvertiert von tif nach jpg)&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?fit=619%2C1030&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-9409 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm-180x300.jpg?resize=180%2C300" alt="" width="180" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?resize=180%2C300&amp;ssl=1 180w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?resize=619%2C1030&amp;ssl=1 619w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?resize=300%2C499&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/03/808-weber-schoen-10cm.jpg?w=710&amp;ssl=1 710w" sizes="auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px" /></a></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em>Beitragsbild: © Stephanie Jaeckel</em><br />
<em>Buchcover: <a href="http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/808-immer-ist-alles-schoen.html#mehr" target="_blank">Limmat Verlag</a></em></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/blickwechsel/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">9405</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Eingesperrter Engel</title>
		<link>https://tell-review.de/eingesperrter-engel/</link>
					<comments>https://tell-review.de/eingesperrter-engel/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Nov 2016 11:08:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=5639</guid>

					<description><![CDATA[Buenos Aires, 50er Jahre: In César Airas Novelle "Wie ich Nonne wurde" zwingt ein Mann seine Tochter, vergiftetes Erdbeereis zu essen. Wie ein Wunder überlebt die sechsjährige Erzählerin. Doch wie flieht man vor der traumatischen Wirklichkeit?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ich war schon als Jugendlicher ein Connaisseur des Ungewissen: Nur, was ich nicht verstand, erschien mir der Lektüre würdig.</p></blockquote>
<p>Ein Satz aus der Eröffnungsrede von César Aira am diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin, der neugierig macht auf seine Bücher. Ich entscheide mich für seine Novelle <em>Wie ich Nonne wurde</em>.</p>
<p>Wird sie Nonne, wie es der Titel behauptet? Ist es eine <em>Sie</em>? Die Ich-Erzählerin, ein sechsjähriges Mädchen im Buenos Aires der fünfziger Jahre, wird immer wieder als Junge angesprochen, sogar mit dem Namen des Autors. Es sind unter anderem diese Unschärfen, die Airas Novelle ungemein spannend machen. Das erste Lesen gewinnt denn auch überraschend an Fahrt, es ist die typische Sogwirkung einer gekonnt geschriebenen Erzählung, die ihr Tempo fortwährend zu beschleunigen scheint, was nicht nur an den häufig verwendeten „…“ liegt. Groteske Geschichten, aus der Perspektive eines Kindes erzählt und in einer Abfolge, bei der man kaum abwarten kann, wie sich die Spirale des Absurden schneller dreht.</p>
<p>Das birgt die Gefahr, einige Ebenen der überaus tiefsinnigen und kunstvoll komponierten Novelle zu überlesen. Auf der ersten Schicht des Textes lesen wir die Abenteuer des Kindes – von ihm selbst erzählt, mal erstaunt, mal naseweis, mal komisch, mal traurig. Zugleich wird die persönliche Erfahrung der Traumatisierung immer wieder auf die gesellschaftliche Ebene hinüber gespielt. Ferner werden die großen Fragen in den Text gewoben: Tod und Leben, Wirklichkeit und Traum, Identität, Zeit und Erinnern und schließlich das Transzendente. Auf einer weiteren Ebene wird nun all dies in der Sprache reflektiert: zwischen Autor und Leser wird das Lesen und Schreiben dabei selbst zum Thema.</p>
<h4>Sprachverlust?</h4>
<p>Am Anfang jedoch war das Erdbeereis. Als das 6-jährige Mädchen, die Protagonistin, sich weigert, das „ekelhafte Zeug“ weiter zu schlecken, wendet der Vater Gewalt an, erst verbal – der Göre hat das Eis gefälligst zu schmecken –, dann stopft er es dem Kind in den Mund. Es wehrt sich, schreit, heult, schluchzt und kann schließlich nur noch aufstoßen – statt zu sprechen. Steht am Anfang des Traumas ein Verlust der Sprache? Das Eis ist verdorben, das Kind erleidet eine Zyanidvergiftung, und der Vater stopft nun etwas Anderes in eine Öffnung: den Kopf des Eismanns in den Kübel mit dem vergifteten Erdbeereis.</p>
<p>Wie durch ein Wunder überlebt das Kind die Vergiftung – davon kann es jetzt erzählen. Was aber heißt hier überleben? Ein Kind als Wiedergänger? Als Untote(r) in einer Scheinwelt wandelnd? Lebendig und zugleich tot? Das überlebende Kind wird deswegen zum „Wunder“, weil die meisten anderen nicht überleben:</p>
<blockquote><p>Es war die große Welle von lebensgefährlichen Lebensmittelvergiftungen, die damals über Argentinien und seine Nachbarländer hinweg rollte… am stärksten traf es die Kinder… die Mütter verzweifelten. Das eigene Kind vergiftet mit Babybrei! Es war ein Lotteriespiel… die Friedhöfe füllten sich mit kleinen Grabsteinen, auf denen liebevolle Inschriften standen… unser Engel ist zum Herrgott gefahren… in ewiger Trauer Mama und Papa. Ich kam billig davon. Ich überlebte. Ich konnte davon erzählen… aber trotzdem um einen hohen Preis. Nicht umsonst heißt es: billig kommt teuer.</p></blockquote>
<h4>Preisgabe der Wirklichkeit</h4>
<p>Wenn es so etwas wie einen roten Faden der Novelle gibt, dann ist es wohl der Preis des Überlebens – auch zuweilen in Gestalt eines Engels als Figur aus einer anderen Wirklichkeit. Wie das Kind dem inneren Gefängnis des kranken Körpers nur durch den Fieberwahn entkommt, so kann es später in den äußeren Gefängnissen wie Krankenhaus, Schule – und einem tatsächlichen Gefängnis – ebenfalls nur überleben, indem es Traum und Wirklichkeit, Fiktion und Wahrheit austauscht oder ineinander verschiebt. Im Krankenhaus lernt es, sich weder von den Schmerzen noch von hilf- oder herzlosen Schwestern und Ärzten beherrschen zu lassen. Es bestimmt mithilfe der Phantasie selbst, ob und wo etwas weh tut: „Ich hatte den Schüssel des Schmerzes….“</p>
<p>Der nächste Schmerz ist ein seelischer: die Mutter besucht sie zwar, aber der Vater nie. Wie könnte er auch, sitzt er doch nach der Affäre mit dem Eismann im Gefängnis. Doch davon weiß die Protagonistin noch nichts. So fallen Sätze wie die folgenden:</p>
<blockquote><p>Mama war aber da, und wie Papas Schatten trug sie den schweren Duft des Schreckens. Ich konnte ihm nicht entgehen, weil ich für immer in das System der Akkumulation eingetreten war, in dem nichts jemals zurückbleibt.</p></blockquote>
<p>Eine für Aira typische Wendung. Mitten in die von einer subtilen Naivität getragene Erzählung des Kindes werden fast abstrakte oder gleichnishaft aufgeladene Sätze gestreut. Wer oder was akkumuliert hier? Was bedeutet es, dass nichts jemals zurückbleibt? Ist es nicht gerade das Thema dieser Novelle, dass die Spuren des Traumas für immer zurückbleiben – im Sinne eines „nie vertilgt werden“? Dass nichts jemals zurückbleibt, sagt ja zugleich, dass eben jenes Trauma immer mitgeschleppt wird – mit allen seinen Folgen, dabei sich selbst stets akkumulierend. Wo ist ein Ausweg?</p>
<p>An einer Stelle flicht der Autor – eher beiläufig – die Bedeutung der Literatur für das Überleben ein. So sagt die Protagonistin:</p>
<blockquote><p>Mein Kunstgriff bestand darin, sie glauben zu machen, ich hätte etwas „Schwieriges“ zu sagen. Ich musste auf das Indirekte, die Allegorie, auf die volle Fiktion abheben. Ich würde sie aufs Glatteis und mit Trick siebzehn hinters Licht führen…</p></blockquote>
<p>Eine ironische Anspielung des Autors auf sein eigenes Wirken? Das Kind, in der Fiktion inzwischen erfahren, lebt unterschiedliche Rollen aus. Einmal wird es zum Radio, dem Gedächtnis, „das ein Gedächtnis in sich enthält“. Das Mädchen kann die sich stets wiederholenden Reklamesprüche inzwischen auswendig, doch die Stimmen aus dem Äther, von weit her kommend, haben die fast magische Kraft, das fragmentierte Leben durch unterschiedliche Fortsetzungsgeschichten zu kitten. Essayistische Überlegungen zu Zeit und Erinnerung bricht der Autor durch die unfreiwillige Komik des Kindes auf, wenn es etwa von der Fortsetzung der Jesus-Geschichte im Radio berichtet:</p>
<blockquote><p>Jesus und seine Bande waren ein sympathischer Haufen, zu dem ein Afrikaner, ein Dicker, ein Stotterer und ein Jungriese gehörten; der kleine Messias war der Anführer, der in jeder Folge für ein kleines, kindliches Wunder sorgte, so als trainiere er schon mal für später… diese Jungs waren meine besten Freunde geworden. Ich bewunderte ihre Abenteuer und lustigen Streiche, die ich in meiner Fantasie in null komma nichts um- und weiterdichtete… für mich war es Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die man nicht sah, aber von der man die Stimmen und Geräusche hörte…</p></blockquote>
<h4>Als Engel überleben</h4>
<p>Als das Mädchen den Vater im Gefängnis besuchen soll, rettet es sich vor der Begegnung, indem es sich in den Höfen und Gängen des Gebäudes wie im Fieberwahn verliert – einer der Höhepunkte des Textes:</p>
<blockquote><p>Doch plötzlich überwältigte mich meine Magie. Eine melancholische Träumerei trug meine Seele in ein fernes Land…</p></blockquote>
<p>Zunächst verliert sie dabei die Gewissheit des Lebens, sie spürt sich als Tote bei lebendigem Leib, überflutet vom Schuldgefühl: „Wäre ich tot, wäre Papa in Freiheit… ich hatte aber überlebt. Ich kannte mich, Ich war nicht mehr dieselbe wie vorher… womöglich hatte es in Wirklichkeit einen Austausch von Leben gegeben: das Leben des Eismanns für meines. Mit seinem Tod hatte ich zu leben begonnen. Daher kam auch, dass ich mich tot fühlte, tot und unsichtbar…“</p>
<p>Aus dieser Unsichtbarkeit führen weitere Traumlandschaften heraus, und so wird das Mädchen zum Engel, zum Schutzengel aller Gefangenen, „den Verzweifelten, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen, die nicht ihre Kinder umarmen durften…“ Sie schwebt über ihnen:</p>
<blockquote><p>&#8230;alle Gefangenen waren mein Papa. Und ich liebte ihn… es war eine mystische Erfahrung, die mehrere Stunden anhielt. Die Erfahrung der allernächsten Nähe zum Menschen, die nur sein Engel erlebt… nicht einmal die fehlenden Engelsflügel konnten mich von meiner Überzeugung abbringen…</p></blockquote>
<p>Nicht nur an dieser Stelle wird der Leser, während er sich immer weiter in die Perspektive des 6-jährigen Mädchens hinein liest, just aus derselben herauskatapultiert: ist das Kind in seiner tiefen Verletztheit unser Spiegel? Spricht hier das innere Kind in uns? Hilft uns die fiktive Sicht des Kindes, manche existentiellen Fragen neu und anders zu stellen? Die Lektüre von César Airas Novelle wirkt länger nach als das erste – lustvoll temporeiche – Lesen erwarten lässt. Die Frage nach der Nonne bleibt übrigens offen, wie so viele andere auch.</p>
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Milano, Corso Buenos Aires</em><br />
<em> via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Milano%2C_corso_Buenos_Aires_04.jpg" target="_blank">Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Cover &#8222;Wie ich Nonne wurde&#8220;: <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/wie-ich-nonne-wurde.html?cover=1" target="_blank">Matthes &amp; Seitz Verlag</a></em></h6>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
César Aira<br />
<strong>Wie ich Nonne wurde</strong><br />
Novelle<br />
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs<br />
Matthes &amp; Seitz Verlag 2015 · 125 Seiten · 16,00 Euro<br />
ISBN: 3957570808<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3957570808/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=978-3957570802" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --><br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5682" data-permalink="https://tell-review.de/eingesperrter-engel/wie-ich-nonne-wurde/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Wie-ich-Nonne-wurde.jpg?fit=160%2C242&amp;ssl=1" data-orig-size="160,242" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="wie-ich-nonne-wurde" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Wie-ich-Nonne-wurde.jpg?fit=160%2C242&amp;ssl=1" class="alignnone size-full wp-image-5682" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Wie-ich-Nonne-wurde.jpg?resize=160%2C242" alt="wie-ich-nonne-wurde" width="160" height="242" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Wie-ich-Nonne-wurde.jpg?w=160&amp;ssl=1 160w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Wie-ich-Nonne-wurde.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w" sizes="auto, (max-width: 160px) 100vw, 160px" /></div></div></div>
</div></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/eingesperrter-engel/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">5639</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
