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	<title>GULag &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Die Kunst zu vergessen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Jan 2019 09:47:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[GULag]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
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					<description><![CDATA[Warlam Schalamow entwickelte in seinen „Erzählungen aus Kolyma“ eine neue Ästhetik, um das Grauen der Lager des Gulag schildern zu können. Im Band "Über die Kolyma" sind nun auch die Erinnerungen in deutscher Übersetzung erschienen, die er ab Anfang der 1960er Jahre notiert hatte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">J</span>urist hatte Warlam Schalamow werden wollen, Künstler wurde er – erst ein „Künstler der Schaufel“ im Archipel Gulag, dann einer des lange Zeit ungedruckt bleibenden Wortes. Als Angehöriger der linken Opposition musste Schalamow bereits mit 22 Jahren, von 1929 bis 1931, Zwangsarbeit im Ural verrichten. Von 1937 bis 1953 überlebte er eine zweite Haftzeit im äußersten Osten Sibiriens, in der Kolyma. Am „Kältepol der Grausamkeit“ schürfte Schalamow bei bis zu minus 55 Grad Gold und Kohle, fällte Bäume, hackte gefrorene Erde. Immer wieder war er dem Tod näher als dem Leben. Auch nach der Entlassung und der Rückkehr nach Moskau ließ ihn das Lagersystem mit seinen 20 Millionen Häftlingen nicht mehr los. Schreibend protestierte er gegen das offizielle Schweigen. Schalamows <em>Erzählungen aus Kolyma</em> berichten von dem, was sich dem Bericht verweigert: lakonisch, detailliert, ohne jede Psychologie und mit einer überfallartigen Knappheit, die das Analogon zum völligen Ausgeliefertsein des Häftlings darstellt. Es ist eine fast unerträgliche Lektüre.</p>
<h3>Widersprüche aushalten</h3>
<p>Schalamows Erzählungen sind ein sowjetisches Gegenstück zur Prosa von Imre Kertész, Primo Levi, Jean Améry, Tadeusz Borowski und anderen, die über die nationalsozialistischen Konzentrationslager geschrieben haben. Dass sie hierzulande als solches erkennbar wurden, ist das Verdienst der von Franziska Thun-Hohenstein herausgegebenen Werkausgabe im Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin. Dort ist nun der Band mit Schalamows Erinnerungen unter dem Titel <em>Über die Kolyma</em> erschienen.</p>
<p>Was aber kann vom Sterben und Leben im Gulag noch erzählt werden, wenn schon die <em>Erzählungen aus Kolyma</em> „streng dokumentarisch“ sind, wie Schalamow wiederholt schreibt? Als Künstler verzichtet er radikal auf Erfindung, Entwicklung und Charaktere, also auf die gesamte realistische Literaturtradition, auf die Psychologie und das Ich, um vom Grauen der Lager eine Ahnung zu vermitteln. Warum beginnt er dann Anfang der 1960er Jahre, Erinnerungen aufzuschreiben, obwohl diese in seinem ästhetischen Konzept eigentlich keinen Platz haben? „Die Kunst zu leben ist die Kunst zu vergessen“, schreibt Schalamow einmal in den <em>Erinnerungen</em>. Aber vermutlich ist die Kunst zu leben auch die Kunst, Widersprüche auszuhalten, sie möglicherweise produktiv werden zu lassen. Den <em>Erzählungen</em> widmet Schalamow weit mehr ästhetische Überlegungen als den <em>Erinnerungen</em> – geschrieben werden müssen aber offenbar beide.</p>
<h3>Jenseits der Schattenlinie</h3>
<p>Zu Lebzeiten durfte Warlam Schalamow nur Gedichte veröffentlichen – <em>ein</em> Lagerautor war für die Sowjetunion offenbar genug. Nach Alexander Solschenizyns Erzählung <em>Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch</em> im Jahr 1962 waren weitere Texte über den Gulag nicht erwünscht. Schalamow hat Solschenizyn harsch kritisiert; er warf ihm vor, dass sein christlicher Traditionalismus und Humanismus der Wirklichkeit der Lager Hohn spreche. Seine eigenen <em>Erzählungen</em> von der „zersetzenden“, „negativen Schule“ der Lager sind allerdings so verstörend, dass sie erst in der Perestroika Ende der 1980er Jahre erscheinen konnten. Zusammengestellt hatte die Erzählungen noch der Autor, der 1982 verwirrt und verarmt starb.</p>
<p>Die kurzen Texte der <em>Erinnerungen</em>, die es nach ästhetischen Maßstäben nicht hätte geben dürfen, hat die russische Herausgeberin chronologisch angeordnet. Ihre deutsche Kollegin Franziska Thun-Hohenstein zeichnet im Nachwort noch einmal den biografischen Hintergrund nach, die Stationen der Lagerhaft. Dafür ist man ihr dankbar, denn die Erzählungen, Minitaturen, Essays und Skizzen der Erinnerungen <em>Über die Kolyma</em> folgen unverbunden aufeinander und sind in einigen Fällen schwer zugänglich, weil sich der Erzähler jenseits der Schattenlinie zu befinden scheint: im Lager. Schalamow vermochte auch Jahrzehnte nach der Entlassung nicht, einen Zusammenhang in seinem Leben zu stiften. Im Buch erscheint es zersplittert in Szenen, grausame Anekdoten, kurze Geschichten.</p>
<h3>Dem Erinnerten standhalten</h3>
<p>Thun-Hohenstein bezeichnet die <em>Erinnerungen</em> zu Recht als einen „Steinbruch“ für die <em>Erzählungen aus Kolym</em>a. Manche Erinnerungstexte hätte Schalamow auch in die Erzählungsbände aufnehmen können. Vielleicht waren sie ihm zu nah oder zu intim, wie etwa die zarte Liebesszene mit erfrorenen Fingern. Andere wirken unfertig. Dafür verantwortlich sind nicht nur die Arbeitspausen, die die chronischen Krankheiten des Überlebenden erzwangen. Oft dürfte es Schalamow ungeheuer schwergefallen sein, dem Erinnerten erst standzuhalten und es dann festzuhalten. Gerade im Vergleich mit den kühl und fraglos vom Grauenhaften handelnden <em>Erzählungen aus Kolyma</em> lassen die <em>Erinnerungen</em> erahnen, welch beschwerlichen Weg Schalamow am Schreibtisch zurücklegen musste. Schließlich erzählt er von sich und anderen „Menschen ohne Biographie, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft“. Von solchen, die das Krankenlager noch mehr zu fürchten hatten als die Arbeit, die sie vernichten sollte.</p>
<p>Immer wieder umkreist Schalamow die ästhetischen Probleme: Eine allzu gründliche Kenntnis des „Materials“, warnt der Gezeichnete, erdrücke den Schriftsteller. Dieser müsse sich vielmehr als „Späher des Lesers“ begreifen. Fremdsein gegenüber sich selbst ist eine unabdingbare Voraussetzung des Schreibens von Erinnerungen. Denn im Lager ist alles verdreht, es feiert den „Triumph der physischen Kraft als moralischer Kategorie“. Die Taiga wird zum Dschungel: Im Gulag herrscht allein das Recht des Stärkeren.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: Laufkarren an der „toten Trasse“ (Polarkreiseisenbahn in Nordsibirien)<br />
Ernst Ivanov<br />
Lizenziert nach <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC-BY-SA-3.0</a> via <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Файл:Мёртвая_дорога_Тачка.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia Commons</a></h6>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">Warlam Schalamow</p>
<p><strong>Über die Kolyma<br />
</strong>Erinnerungen<br />
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold<br />
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein<br />
Werke in Einzelbänden, Band 7<br />
Matthes &amp; Seitz Berlin 2018 · 286 Seiten · 24 Euro<br />
ISBN: 978-3-95757-540-1<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3957575400/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783957575401" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel</div></div><div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3957575400/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="14729" data-permalink="https://tell-review.de/die-kunst-zu-vergessen/cover-9783957575401/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2019/01/cover-9783957575401.jpg?fit=1512%2C2480&amp;ssl=1" data-orig-size="1512,2480" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="cover-9783957575401" data-image-description="&lt;p&gt;Cover Warlam Schalamow: Über die Kolyma&lt;br /&gt;
Matthes &amp;#038; Seitz 2018&lt;br /&gt;
ISBN 978-3-95757-540-1&lt;/p&gt;
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<hr />
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		<title>Arbeit, Hunger, Kälte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Hohn]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Dec 2016 12:57:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Rubriken]]></category>
		<category><![CDATA[GULag]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Warlam Schalamow war 17 Jahre lang Häftling im GULag. Seine Erzählungen gehen an die Grenze des Erträglichen. In dichter Sprache schildert Schalamow den Überlebenskampf in den Lagern.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="5928" data-permalink="https://tell-review.de/arbeit-hunger-kaelte/durch-den-schnee-cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Durch-den-Schnee-Cover.jpg?fit=160%2C261&amp;ssl=1" data-orig-size="160,261" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="durch-den-schnee-cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Durch-den-Schnee-Cover.jpg?fit=160%2C261&amp;ssl=1" class="aligncenter size-full wp-image-5928" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Durch-den-Schnee-Cover.jpg?resize=160%2C261" alt="durch-den-schnee-cover" width="160" height="261" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Durch-den-Schnee-Cover.jpg?w=160&amp;ssl=1 160w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Durch-den-Schnee-Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w" sizes="(max-width: 160px) 100vw, 160px" /></p>
<blockquote><p>Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? Ein Mann geht voran, schwitzend und fluchend, setzt kaum einen Fuß vor den anderen und bleibt dauernd stecken im lockeren Tiefschnee.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">W</span>er sich mit Warlam Schalamow (1907-1982) in den GULag am eisigen Fluss Kolyma begibt, wird als Leser nicht geschont: &#8222;Das Lager ist eine Negativerfahrung, eine negative Schule, es wirkt zerstörerisch auf alle – auf Natschalniks und Häftlinge, auf Begleitposten und Zuschauer, auf Passanten und Leser von Belletristik.&#8220; So Schalamow in seinem Essay <em>Über Prosa</em>. Die Intensität der Erzählungen geht an die Grenze des Erträglichen: Schalamow zieht auch die Leser in den Vernichtungssog dieser negativen Schule.</p>
<blockquote><p>Golubew erinnerte sich an das große Krankenzimmer im Bergwerk, wo er vor einem Jahr gelegen hatte. Dort wickelten beinahe alle Kranken nachts ihre Verbände ab, streuten rettenden Schmutz hinein, echten Schmutz vom Fußboden, kratzen die Wunden auf, brachten sie zum Eitern.</p></blockquote>
<p>Mich berührt die dichte Sprache, in der Schalamow vom Überlebenskampf erzählt. Er konzentriert sich auf die Beschreibung des Körperlichen, des Sichtbaren, um eine Welt darzustellen, in der er siebzehn Jahre seines Lebens verbracht hat – manchmal dem Tod näher als dem Leben. Unerbittlich konfrontiert Schalamow den Leser mit Arbeit, Hunger, Kälte. Unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen bleibt nur Raum für Handlungen, die zum Überleben notwendig sind. Immer wieder markiert die Nahrungsaufnahme den Höhepunkt einer Erzählung und erscheint in einem ungewohnten Licht, wie zum Beispiel in der (vom Autor erdachten) Beschreibung der letzten Mahlzeit des sterbenden Ossip Mandelstam, der schon zu schwach zum Kauen ist.</p>
<blockquote><p>Das Stück Brot war zergangen, verschwunden, und das war ein Wunder – eines der vielen hiesigen Wunder. Nein, jetzt regte er sich nicht auf. Doch als man ihm seine Tagesration in die Hände legte, umfaßte er sie mit den blutleeren Fingern und preßte das Brot an den Mund. Er biß das Brot mit den Skorbutzähnen, das Fleisch blutete, die Zähne wackelten, doch er spürte keinen Schmerz. Mit aller Kraft preßte er das Brot an den Mund, stopfte es sich in den Mund, lutschte es, riß und nagte…</p></blockquote>
<p>An der Schwelle zum Tod erscheint die Fähigkeit, ein Stück Brot zu essen, als Wunder. Nüchtern nimmt Schalamow den Brotverzehr unter die Lupe. Ganz nah werden wir herangeholt an die Anstrengung des sterbenden Dichters, das Brot mit <em>blutleeren</em> Fingern an den Mund zu <em>pressen</em>. Der Schmerz beim Versuch, das Brot mit wackelnden Zähnen und blutendem Zahnfleisch zu kauen, wird fühlbar. Und dann erfahren wir, dass Mandelstam dem Tod schon so nahe ist, dass er keinen Schmerz mehr spürt. Mit unaufgeregter Genauigkeit nähert sich Schalamow dem beinahe schon vernichteten Leben eines Menschen an. Er beschreibt, wie der Sterbende am Brot <em>lutscht</em>, <em>reißt</em> und <em>nagt</em>. Gerade in der Nüchternheit der Erzählungen tritt die entmenschlichende Brutalität des Lagers prägnant hervor.</p>
<p>Es handele sich „um eine Prosa, die durchlitten ist, wie ein Dokument“, schreibt Schalamow in <em>Über Prosa</em>. Er übt Kritik am Totalitarismus, jedoch ohne Sentimentalitäten oder humanistische Belehrungen, wie man sie etwa bei Solschenizyn findet. Schalamow setzt auf die Eindringlichkeit der Bilder, auf die Wirkung der anschaulich gemachten Erfahrung, und darin liegt seine literarische Leistung. Seine Kritik an den Lagern beansprucht Gültigkeit über die Grenzen des GULag hinweg.</p>
<p>Das wird deutlich an Erzählungen wie „Das Kreuz“, deren Handlung sich außerhalb des Lagers in einer Stadt abspielt. Wir werden Zeugen einer Szene aus dem Leben der Eltern eines Häftlings. Ein blinder Geistlicher und seine Frau leiden an Armut und Hunger. Sie müssen das Gold vom Christuskreuz hacken, um sich Lebensmittel zu kaufen.</p>
<blockquote><p>Das Kreuz lag mit dem Figürchen nach unten. Der blinde Geistliche ertastete das Kreuz und holte mit dem Beil aus. Er tat einen Schlag, und das Kreuz sprang ab und klirrte leise auf dem Boden – der blinde Geistliche hatte danebengeschlagen. Der Geistliche ertastete das Kreuz und legte es wieder auf denselben Platz, wieder hob er das Beil. Diesmal verbog sich das Kreuz, und ein Stück davon ließ sich mit den Fingern abbrechen Eisen ist härter als Gold – das Kreuz zu zerhacken erwies sich als gar nicht schwer.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Warlam Schalamow 1929</em><br />
<em> Via <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/02/1929-ShalamovV.jpg" target="_blank">WikimediaCommons</a><br />
<em> Cover &#8222;Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1&#8220;: <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/cache/buch/covers/978-3-88221-600-4-x160xx400x-1471339114.jpg" target="_blank">Matthes &amp; Seitz Berlin</a></em><br />
<em> Cover &#8222;Über Prosa&#8220;: <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/cache/buch/covers/978-3-88221-642-4-x160xx400x-1449570641.jpg" target="_blank">Matthes &amp; Seitz Berlin</a></em></em></h6>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
Warlam Schalamow<br />
<strong>Erzählungen aus Kolyma</strong><br />
Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein<br />
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold<br />
Matthes &amp; Seitz Berlin<br />
<a href="https://www.amazon.de/Durch-den-Schnee-Erzählungen-Kolyma/dp/388221600X/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1480282059&amp;sr=1-1&amp;keywords=schalamow+durch+den+schnee" target="_blank">Band 1 (2007)</a>, <a href="https://www.amazon.de/Linkes-Ufer-Erzählungen-aus-Kolyma/dp/3882216018/ref=pd_bxgy_14_2?_encoding=UTF8&amp;psc=1&amp;refRID=R5V34MYKFQZFFQQWYK3W" target="_blank">Band 2 (2009)</a>, <a href="https://www.amazon.de/Künstler-Schaufel-Erzählungen-aus-Kolyma/dp/3882216026/ref=pd_bxgy_14_2?_encoding=UTF8&amp;psc=1&amp;refRID=VG1XPNC03BM5CN2Y5XP8" target="_blank">Band 3 (2010)</a>, <a href="https://www.amazon.de/Die-Auferweckung-Lärche-Erzählungen-Kolyma/dp/388221502X/ref=pd_bxgy_14_3?_encoding=UTF8&amp;psc=1&amp;refRID=8W6EEXX7R1T41BEQ1BJ4" target="_blank">Band 4 (2011)</a><br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/388221600X/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783882216004" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="nwvmsolbolsbcyjnaaig" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --><br />
</div></div>
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
Warlam Schalamow<br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
<strong>Über Prosa</strong><br />
Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein<br />
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold<br />
Matthes &amp; Seitz Berlin · 144 Seiten · 12,80 Euro<br />
ISBN: 3882216425<br />
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