<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Fotografie &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/fotografie/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 15 Feb 2023 08:58:53 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Fotografie &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Mit Fotografien Geschichten erzählen</title>
		<link>https://tell-review.de/mit-fotografien-geschichten-erzaehlen/</link>
					<comments>https://tell-review.de/mit-fotografien-geschichten-erzaehlen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Jaeckel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Feb 2023 08:58:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Nan Goldin]]></category>
		<category><![CDATA[Transgender]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=114690</guid>

					<description><![CDATA[Ihre Schauplätze sind Clubs, Garderoben, Hotelzimmer: Seit den 1980er Jahren fotografierte Nan Goldin Menschen, die gesellschaftliche Grenzen überschritten. Anlässlich des Käthe-Kollwitz-Preises zeigt die Akademie der Künste eine Ausstellung mit Bildern aus fünf Jahrzehnten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Nan Goldins Fotos leuchten. Nicht nur aus sich selbst heraus, sondern auch unterstützt durch die Präsentation: Die Ausstellungsräume sind in Dunkelheit getaucht, aus der sich die Bilder im Scheinwerferlicht herausheben. Heilig wirken sie, aber auch verrucht, denn die Aufnahmen zeigen intime Momente zwischen Menschen in Clubs, Hotelzimmern, Backstage-Räumen, voller Rauch, Flitter und Glamour. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Düster und bonbonbunt</h3>



<p>Wobei die Menschen stets Freund:innen oder Weggefährt:innen der Fotografin sind; ihre „chosen family“ , wie Nan Goldin sie nennt. Die eigenen Eltern verlässt sie mit vierzehn, nachdem Vater und Mutter versuchen, den Selbstmord der älteren Schwester zu vertuschen. Nan sucht nach Wahrheit. Die Kamera wird ihre ständige Begleiterin.</p>



<p>Von den frühen Arbeiten aus Boston sind vier Schwarz-Weiß Porträts ihrer damaligen Mitbewohnerin Ivy zu sehen, einer sehr dünnen großäugigen Transfrau, die in ihrer Zerbrechlichkeit bildschön erscheint. Schon diese ersten Fotos zeigen alle Merkmale der späteren Künstlerin, vor allem ihren Respekt vor Menschen, die auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit Grenzen überschreiten. Spätestens in New York, wohin sie 1978 zieht, findet Goldin ihre düstere, zugleich bonbonbunte Ästhetik. Von der Reportagefotografie trennen sie ein Zuviel an Liebe und ein schriller Glanz, den sie von der zeitgenössischen Modefotografie und den Filmen Andy Warhols übernimmt. Die in den frühen 1980er Jahren begonnene Arbeit <em>The Ballad of Sexual Dependency</em> wird ihre berühmteste Fotoserie: keine bloße Bilderfolge, sondern eine mit Musik unterlegte Diashow, die sie privat oder in Clubs zeigt, später auch in Museen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Undergroundszene entwachsen</h3>



<p>Die Ausstellung in der Akademie der Künste am Hanseatenweg lässt sich als Retrospektive verstehen, gleichzeitig markiert sie den zweiten Höhepunkt von Nan Goldins Karriere. Denn nach dem Jahrtausendwechsel wird es erst einmal still um die Fotografin. Sie konzentriert sich auf die Sichtung ihrer immensen Archive, bleibt nach jahrzehntelanger Heroinabhängigkeit clean und merkt, dass sie den Underground-Szenen entwachsen ist. „They treat me like a crazy old lady“ sagt sie lachend und zugleich ungläubig in einem Interview aus jener Zeit. “I look like a punk grandma.”</p>



<p>Dann holt sich das Leben die Künstlerin zurück: Nach einer Operation erhält Nan Goldin das Schmerzmittel Oxycotin, von dem sie abhängig wird. 2017 nimmt sie den Kampf gegen den Pharmakonzern Purdue auf. Ein Kampf zwischen „Goldin und Goliath“ &nbsp;– so der Titel eines Zeitungsartikels – den sie am Ende gewinnt, auch weil das Drama unübersehbar geworden ist: Mehr als eine halbe Million Amerikaner:innen sterben an dem von der Firma Purdue in den Markt gedrückten Opioid. Zusammen mit Laura Poitras dreht Nan Goldin einen Dokumentarfilm über ihren Kampf: <em>All the Beauty and Bloodshed</em> gewinnt 2022 in Venedig den Goldenen Löwen. Er ist der künstlerische Erfolg ihres Engagements und zeigt, wie sie mit der politischen Arbeit auch ihre kreative Energie wiedergefunden hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Menschen- zu Himmelsbildern</h3>



<p>Spätestens mit dem Film macht Goldin deutlich, wie sehr sie nach einer Form des Erzählens strebt. Tatsächlich betont sie in fast allen Interviews, dass nicht die Fotos den eigentlichen Reiz ihrer Arbeit ausmachen, sondern deren Zusammenstellung: „It‘s all about the editing process“, so Goldin. Die Bilderserien möchte sie als eine Art visuelles Tagebuch verstanden wissen: als Story, nicht als Momentum.</p>



<p>Doch genau an dieser Stelle schwächelt die Ausstellung. Denn auch wenn der Wunsch, Werke aus allen Jahrzehnten von Goldins Schaffens zu zeigen, einsichtig und die Auswahl gelungen ist, bleiben sie in der Schau vereinzelt. Mit einzelnen Bildern ist die Erzähldichte der Bilderserien aus ihren Büchern oder Diashows nicht einzufangen, auch wenn es sich dabei längst um Ikonen der zeitgenössischen Fotografie handelt. </p>



<p>Dennoch lohnt sich der Besuch. Allein die handgefertigten Abzüge zeigen, zu was die Analog-Fotografin Nan Goldin in der Lage ist: Sie rechtfertigen die fast schon sakrale Atmosphäre der Ausstellung. Im neuen Format der Grid-Bilder passt Goldin mehrere Fotos eines Shootings oder einer Person in eine Gitterstruktur ein; doppelt belichtete Fotos wiederum unterstreichen die Vergänglichkeit von Momenten, aber auch die Mehrschichtigkeit von Begegnungen. Ihre Landschafts- und Himmelspanoramen kommentiert sie mit dem Satz: „The sky is the most magical thing in our lives, the best art.“ Es scheint, dass die „punk grandma“ mit den Himmelsbildern ein neues Thema gefunden hat, das es in Dramatik und Schönheit mit ihren Menschenbildern aufnehmen kann.</p>



<p class="has-small-font-size">Die Ausstellung <em>Käthe-Kollwitz-Preis 2022. Nan Goldin</em> ist noch bis zum 19. März 2023 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg in Berlin zu sehen</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Niklaus Bächli, Blick in die Ausstellung.



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/mit-fotografien-geschichten-erzaehlen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">114690</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Eine Übung in Langsamkeit</title>
		<link>https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/</link>
					<comments>https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Sep 2018 09:06:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Mythos]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=13824</guid>

					<description><![CDATA[„Das Sehen war anders“, sagt Teju Cole, nachdem er vorübergehend erblindet war. Sein Foto-Text-Band „Blinder Fleck“ ist das Ergebnis dieser Erfahrung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er „blinde Fleck“ ist die Stelle des Auges, an welcher der Sehnerv austritt. Er ermöglicht das Sehen, doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Die Sicht entsteht also aus einer partiellen Blindheit. Normalerweise bleibt dieser Ausfall des Gesichtsfeldes unbemerkt, denn das Gehirn ergänzt die fehlenden Bildteile. Bei Teju Cole steht der Buchtitel <em>Blinder Fleck</em> zugleich für eine partielle Erblindung, die den Autor und Fotografen 2011 ereilte – glücklicherweise nur vorübergehend. Aus dieser Situation heraus entstand das Buch.</p>
<p>Das Wort Phantasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Erscheinung“, aber auch „Einbildung“ und „Vor-Augen-Stellen“. Eine Fotografie zeigt uns etwas, sie bringt etwas zum Erscheinen, aber erst die Interpreten des Betrachters und, in Coles Fall, die des Erzählers vermag es, sie mit einer besonderen Bedeutung aufzuladen.</p>
<p>158 Texte stehen neben 158 Fotografien. Eine Bemerkung auf der Impressum-Seite weist darauf hin, dass es sich um ein nicht-fiktionales Werk handelt – anders als Coles Erstlingswerk <em>Jeder Tag gehört dem Dieb</em>, in dem sich ebenfalls Fotos finden. Dort versteht sich das dokumentarische Erzählen bewusst als Fiktion. Erlebnisse und der Alltag in Lagos werden ins Erzählen eingekleidet.</p>
<h3>Reisender mit Kamera</h3>
<p>Das ist in <em>Blinder Fleck</em> nicht der Fall, allein schon durch die Parallelführung von Bild und Text. Die Fotos schaffen einen Bezug zur Wirklichkeit, aber es gibt keine kontinuierliche Geschichte. Die Bilder stammen aus unterschiedlichsten Gegenden aus allen fünf Kontinenten, über den Texten jeweils steht der Name der betreffenden Stadt oder der Region. Cole ist ein Reisender, und er hält mit der Kamera fest, was er an den verschiedenen Orten sieht. Meist sind es unscheinbare Details, Straßenszenen, Häuserwände, Hotelzimmer, Landschaften im Panorama wie das Wadi Qadischa im Libanon: Der Vordergrund zeigt einen Rohbau mit einem schmalen Betonklotz und zwei Ölfässern, weiter entfernt stehen die Häuser des Ortes, in der Ferne breitet sich die grüne Hügellandschaft aus. Im Zusammenspiel von Fotografie und Text geht es nicht zuletzt auch um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Zum Foto von Wadi Qadischa schreibt er:</p>
<blockquote><p>„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt.</p></blockquote>
<p>Coles Bildlektüren leben von diesen Bezügen – Assoziationen aus der Kindheit, wie etwa bei einem Foto aus Lagos, wo der Autor sich daran erinnert, wie seine Mutter ihn zwang, ein Blatt Papier fehlerfrei vollzuschreiben, nachdem er immer wieder Wörter falsch geschrieben und dann durchgestrichen hatte. Dann wieder verbindet Cole Alltagsszenen mit aktueller Politik. Seine Phantasie entzündet sich an zunächst unscheinbaren und vermeintlich harmlosen Details. Über das Foto einer weißen Wand, auf der über einer Blechtür die schwarze Silhouette eines laufenden Cowboys aufgesprüht ist, heißt es:</p>
<blockquote><p>Mit der Schweiz verbinde ich behagliche Ruhe. Es gab zwar mal Krieg, aber das war in der Söldnerzeit, das ist lange her. Heute ist die Schweiz neutral, gesetzt, sicher. Aber ich musste an die neuen schweizerischen Waffen denken und die vielen Orte und Körper, die dem millionenschweren jährlichen Schweizer Waffenabsatz zum Opfer fallen.</p></blockquote>
<p><div id="attachment_13841" style="width: 910px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-13841" data-attachment-id="13841" data-permalink="https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/zurich-july-2015_resampled/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?fit=4818%2C3214&amp;ssl=1" data-orig-size="4818,3214" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Perfection V800/V850&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1452697326&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Zurich July 2015_resampled" data-image-description="&lt;p&gt;Aus: Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 9783446258501&lt;br /&gt;
Foto: Teju Cole&lt;br /&gt;
Nur im Zusammenhang mit dem Buch verwenden!&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Zürich, Juli 2015&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class="wp-image-13841 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=900%2C600&#038;ssl=1" alt="" width="900" height="600" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=2000%2C1334&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=1300%2C867&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-13841" class="wp-caption-text">Zürich, Juli 2015. Foto: © Teju Cole, aus dem besprochenen Band.</p></div></p>
<h3>Sorgen um das Augenlicht</h3>
<p>Die Prosastücke sind meist kurz, nicht einmal eine Seite, vom Stil her fallen sie unterschiedlich aus: Wir lesen von Alltäglichem wie etwa einem Frühlingstag in den USA in dem kleinen Örtchen Tivoli, die zarte Knospen eines Strauchs erinnern Cole an Japan:</p>
<blockquote><p>Selbst in Amerika ist das Frühjahr japanisch. Es sind nicht nur die Blätter, die wachsen. Die Schatten wachsen auch. Alles wächst. Was im Licht liegt und was das Licht malt. Die Welt mehrt sich, alles wuchert wie Nervenfortsätze.</p></blockquote>
<p>Tagebuchnotizen mit lyrischem Einschlag, Beobachtungen, die Unverbundenes verbinden. Wir lesen von Verweisen auf die Kunstgeschichte, dann wieder über Coles Sorgen um sein Augenlicht:</p>
<blockquote><p>Im Frühjahr 2011, kurz vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag, wurde bei mir nach einer vorübergehenden Erblindung eine papilläre Vaskulitis diagnostiziert, und ich musste mich einem Eingriff unterziehen, bei dem einige beschädigte Blutgefäße mit dem Laser verätzt wurden. Danach war das Fotografieren anders. Das Sehen war anders.</p></blockquote>
<p>Häufig klingen politische Themen an, griechische Mythen wie die Geschichte vom (geblendeten) Ödipus sowie christliche Motive. Ein klaffender Riss in einer Kunststofffolie vor dem Fenster einer Wohnung beim Berliner Wannsee führt zu den Wundmalen Jesu und dem ungläubigen Thomas und von dort weiter zu einem Gemälde von Caravaggio im Schloss Sanssouci – das wiederum diese Thomas-Szene zeigt.</p>
<blockquote><p>Aristoteles hat gesagt, die Seele denke nie ohne Bilder. Und Giordano Bruno sprach im Rückgriff auf ihn vom Denken als spekulativem Umgang mit von der Seele entworfenen Bildern.</p></blockquote>
<h3>Subkutane Bedeutung</h3>
<p>Genauso aber finden sich lyrische Reflexionen in den Texten oder einfach nur Komisches. Neben dem Bild unter der Überschrift „Wannsee“ heißt es:</p>
<blockquote><p>Ich schrieb ihr. „Das Haus ist angenehm, aber wenige hundert Meter weiter hat Kleist sich erschossen.“ Sie schrieb zurück: „Überall hat sich wenige Meter weiter jemand erschossen.“</p></blockquote>
<p>Das Sarkastisch-Komische weist auf eine tiefere Schicht in diesem Buch, nämlich das Thema der Gewalt, das diese Foto-Essays immer wieder umkreisen: der IS in Syrien, Massaker in Indonesien, Rassismus in den USA, Waffenhandel. In diesem Sinne ist Coles Buch politisch, ohne Handlungsanweisungen zu liefern. Wir sehen eine Fotografie mit weißen Motorjachten auf dem tiefblauen Mittelmeer: Cole assoziiert dazu die blutige <em>Ilias</em> Homers und denkt dabei an ein Meer des Todes – ein Meer, in dem Menschen ertrinken. Solche Deutung ist einerseits pathetisch, andererseits zeigt sie, wie sich in einer Fotografie Schichten von Bedeutung ineinanderschieben. Das Sichtbare in der Fotografie, das also, was wir für ‚objektiv‘ halten, wird erweitert durch eine zunächst unsichtbare, subkutane Schicht von Sinn, die erst durch den Interpreten hinzutritt. Fotos sind mehr, als was sie unmittelbar zu zeigen scheinen. Zugleich erkennt Cole das Defizit des Fotos im Feld des Politischen:</p>
<blockquote><p>Fotografie taugt nicht zur Darstellung politischer Details oder politischer Tragweite. Die Politik ist eine Frage des Diskurses, und des diskursiven Kompromisses. Die Fotografie kann Gewalt und ihre Folgen zeigen, sie kann lächelnde Gesichter zeigen oder romantische Gefühle. Die Fotografie taugt ganz gut zur Metapher und zur Evokation. Politik aber ist anderswo, schwer in einen Rahmen zu pressen. Allenfalls kann ein fotojournalistisches Motiv etwas vom politischen Theater zeigen. Dabei wird möglicherweise unterschlagen, was an der Politik politisch ist. Leider fasst die Öffentlichkeit solche Bilder oft als politisches Faktum auf.</p></blockquote>
<p><div id="attachment_13825" style="width: 910px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-13825" data-attachment-id="13825" data-permalink="https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/capri-june-2015/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?fit=3330%2C2263&amp;ssl=1" data-orig-size="3330,2263" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1467036722&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Capri June 2015" data-image-description="&lt;p&gt;Aus: Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 9783446258501&lt;br /&gt;
Foto: Teju Cole&lt;br /&gt;
Nur im Zusammenhang mit dem Buch verwenden!&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Capri, Juni 2015&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?fit=900%2C612&amp;ssl=1" class="size-large wp-image-13825" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=900%2C612&#038;ssl=1" alt="" width="900" height="612" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=1030%2C700&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=80%2C54&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=300%2C204&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=768%2C522&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=2000%2C1359&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=235%2C160&amp;ssl=1 235w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=1300%2C883&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-13825" class="wp-caption-text">Capri, Juni 2015. Foto: © Teju Cole, aus dem besprochenen Band.</p></div></p>
<h3>Die Schönheit des Hässlichen</h3>
<p>Coles Texte sind Denk-Bilder. Meist gelingt ihm diese Faltung von Fotografie und Gedanke, aber nicht immer. Manche Bezüge bleiben beliebig. Wenn auf einer Fotografie ein VW-Bus vor der Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg parkt, und an der Mauer daneben ragt ein in Stein gemeißelter Jesus am Kreuz in die Höhe, so mag diese Szene vielfältige Bezüge eröffnen, eine zufällige und in gewissem Sinne auch surreale Anordnung. Im Text verkoppelt Cole diese beiden Szenen, doch das liest sich in seiner Interpretation bedeutungsschwerer als es ist: das Auto als unser ständiger Begleiter – mehrfach spielen Autos in den Fotos eine Rolle –, das Kreuz als Sterbebegleiter, der VW als Kraft-durch-Freude-Auto. Doch ist nicht ersichtlich, wie und weshalb das alles zusammengehört. Auch der Abgasskandal und der daraus resultierende Wertverlust von VW-Aktien werden von Cole im Text erwähnt – was sie mit einer Kreuzigungsszene zu tun haben sollen, erschließt sich ebenso wenig.</p>
<p>Aber solche Passagen, in denen die Anordnung brüchig wirkt, sind selten. Cole ist ein hervorragender Fotograf, mit seiner analogen Kamera schafft er kleine Meisterwerke. Die Bilder sind auskomponiert, und obwohl sie oft hässliche oder banale Dinge zeigen, sind sie schön. Auf keiner der Fotografien ist der Autor zu sehen, es gibt kein „Selfie“, und es gibt keine aufdringlichen Foto-Botschaften. Der Betrachter kann sich ein eigenes Bild machen. Als Leser wiederum schaut und wartet man gespannt, wie Cole seine Fotografie interpretiert. Man liest dieses Buch langsam, vertieft sich erst ins Bild, liest dann den Text und lässt schließlich beides im Zusammenspiel auf sich wirken. Vielleicht ist Teju Coles <em>Blinder Fleck </em>gar ein Stundenbuch – der oft christliche Kontext zumindest legt es nahe. Eine Übung in Langsamkeit in unserer hektischen Epoche, man kann die Sinne schulen und dabei die Gedanken schweifen lassen.</p>
<hr />
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Teju Cole<br />
<strong>Blinder Fleck</strong><br />
Aus dem Englischen von Uda Strätling<br />
Hanser Berlin 2018 · 352 Seiten · 38,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-446258501<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3446258507/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783446258501" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3446258507/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="13826" data-permalink="https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/cover_cole_blinder_fleck/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?fit=278%2C391&amp;ssl=1" data-orig-size="278,391" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Cole_Blinder_Fleck" data-image-description="&lt;p&gt;Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 9783446258501&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?fit=278%2C391&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-13826 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=213%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="213" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=213%2C300&amp;ssl=1 213w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=57%2C80&amp;ssl=1 57w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?w=278&amp;ssl=1 278w" sizes="auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px" /></a></div></div></div><br />
</div></div></p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild und Bilder im Text:<br />
©Teju Cole, aus dem besprochenen Band<br />
Buchcover: Hanser Berlin</h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">13824</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Das Verschwinden festhalten</title>
		<link>https://tell-review.de/das-verschwinden-festhalten/</link>
					<comments>https://tell-review.de/das-verschwinden-festhalten/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Nov 2017 13:31:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Intertextualität]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=11513</guid>

					<description><![CDATA[Cécile Wajsbrot spannt in ihrem Roman <em>Eclipse</em> ein feines Netz von Verweisen. Fotografie, Songs und Texte erhellen einander und bringen im allmählichen Erscheinen und Verlöschen das Unsichtbare in uns zum Vorschein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">C</span>écile Wajsbrots Roman <em>Eclipse</em> ist Teil eines vierbändigen Zyklus zur zeitgenössischen Kunst. In diesem Band geht es um Fotografie und Songs. „Total eclipse of my heart“, der Song von Bonnie Tyler ist nur einer von mehreren möglichen Namensgebern für den Titel des Romans. Doch am Anfang steht eine andere „Verfinsterung“: die atomare Verwüstung Hiroshimas, die nur ein einziger Ginkgo-Baum überlebt. Damit setzt die Autorin einen von vielen Themensträngen, die sich durch das ganze Buch ziehen: die Wüste und der Baum des Überlebens.</p>
<p>Was haben die Wüste oder die Verwüstung, was hat das Überleben mit der Fotografie zu tun? Die Ich-Erzählerin ist Fotografin, sie hätte gern ihr endgültiges Foto in Hiroshima aufgenommen. Doch wie das Verschwinden und das Überleben im Foto festhalten? „Du hast nichts gesehen in Hiroshima“ – wenn man Cécile Wajsbrots Texte kennt, würde man dieses Zitat erwarten, in dem Marguerite Duras die Schwierigkeit der Zeugenschaft benennt. <span class="pull-left">Was also zeigt ein Foto, was verbirgt es? Was sehen wir, wenn wir nichts sehen?</span>Doch stattdessen erscheint 140 Seiten später der Satz „Nichts kann vom Desaster zeugen“.</p>
<p>Zunächst aber schwenkt der Text von Hiroshima nach Paris, und zwar zur Beschreibung der ersten Fotografie von Louis Daguerre, auf der fast nichts zu sehen ist: ein breiter Boulevard ohne Menschen und Fuhrwerke. Paris nach einer nuklearen Katastrophe? Zeigt das Foto die Vergangenheit oder die Zukunft? So fragt sich die Fotografin. Doch zur Zeit der ersten Fotografie war die lichtempfindliche Platte noch nicht in der Lage, Bewegung abzubilden, und deswegen sieht man nichts außer der Straße und den Häuserfassaden. Was also zeigt ein Foto, was verbirgt es? Was sehen wir, wenn wir nichts sehen? Diese Fragen, die mal implizit, mal explizit den Auftakt des Buches bilden, scheinen den Leser zunächst auf die Spur eines Essays zur Ästhetik zu führen.</p>
<h3>Das Unsichtbare in uns</h3>
<p>Dann jedoch beginnt eine Geschichte: Die Ich-Erzählerin hört ein Lied von Leonard Cohen, das sie an ihren ehemaligen Geliebten erinnert. Wir erfahren, dass es sich um einen ungarischen Dichter handelt. Doch sogleich wird der Fortgang der Geschichte wieder unterbrochen von eingestreuten Überlegungen zur Erinnerung und Wahrnehmung, und in dem beständigen Wechsel zwischen Erzählung und Essay taucht ein weiterer Themenstrang auf, der das Buch durchwebt: Was unterscheidet Fotografie und Songs hinsichtlich der Wahrnehmung von Zeit und Bewegung? Die Fotografin hat lange versucht, Gesichter zu fotografieren, ihren Ausdruck einzufangen. Doch in seiner Unbeweglichkeit und Erstarrung kann das Bild das Entscheidende nicht zeigen: „Ein Gesicht wird sichtbar durch den Prozess des allmählichen Erscheinens und Verlöschens.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt die Fotografin durch das Hören der Musik:</p>
<blockquote><p>&#8230;ein Lied richtet sich an das Unsichtbare in uns … es lassen sich verschwommene Konturen erkennen, die im Raum schweben wie die Stimme Leonard Cohens.</p></blockquote>
<p>Die Dinge aus ihrer Erstarrung lösen – mithilfe der Musik und einer Begegnung im Café findet die Fotografin einen neuen Weg in ihrer künstlerischen Tätigkeit. Von einem Gast des Cafés – er wird später ihr Liebhaber – nimmt sie eine Serie von Bildern auf, die ihn von hinten zeigen, wie er eine Straße hinuntergeht. Sie fotografiert sein Verschwinden. Angeregt dazu wird sie durch die Musik:</p>
<blockquote><p>Ich hatte es für möglich gehalten, das Leben erstarren zu lassen, es wie ein Bild zu fixieren, doch das Lied, das meine Erinnerungen entfachte, bedeutete mir, dass sich mein Leben noch immer in Bewegung befand.</p></blockquote>
<p>Und so erlebt die Protagonistin beim Hören der Lieder von Leonhard Cohen, Joan Baez, Bob Dylan, Sinéad O’Connor, Amy Winehouse, Bruce Springsteen und vielen anderen jeweils eine Stimme, „die sich aus der Tiefe der Zeit erhebt und sich an das Unsichtbare in uns richtet“. Lieder seien wie Briefe, die unbeantwortet blieben und die an jedermann gerichtet seien. Jedes Kapitel von <em>Eclipse</em> trägt als Überschrift den Titel eines Songs, und jeder Song verweist wiederum auf andere Songs und Werke der Literatur. So lässt sich das ganze Buch als ein parataktisch verlaufender Strom gegenseitiger Verweise zwischen Songs und Büchern, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Zerstören, Verschwinden und Überleben lesen, als Verweise zwischen Einsamkeit und Erinnerung beim Hören von Liedern und Texten. „So führt ein Werk zum anderen, eine Kunst zur anderen“, räsoniert die Protagonistin. In einer „Welt der Ungewissheiten, der verhüllten Wirklichkeit“, wie es die Fotografin hinter dem Vorhang eines nicht endenden Regens im Winter erlebt, bleibt vielleicht „nur“ das Zitat oder das Verweisen des Einen auf das Andere.</p>
<h3>Motive in Variationen</h3>
<p>Die Autorin schüttet ein Füllhorn an assoziativen Verweisen aus – von Bruce Springsteen zu John Steinbeck, von Sinéad O‘Connor zu William Butler Yeats, von den Walkabouts zu Paul Bowles. Exemplarisch ist auch Cécile Wajsbrots Art des Schreibens: ein zartes Aneinandertupfen von Sätzen, die zunächst oft als überraschende Sprünge über Zeiten und Räume hinweg erscheinen. So zum Beispiel bei den Verweisen zwischen Yeats und O‘Connor:</p>
<blockquote><p>Heute werde ich die Verse von Yeats‘ Gedicht aufsagen, das den Titel trägt <em>No second Troy</em>. Dezember 1908, Yeats, verbrannt nach einer einzigen Liebesnacht mit jener Frau, die für die Unabhängigkeit Irlands eingetreten war. Eine einzige Nacht, hatte sie gesagt. Sie hieß Maud Gonne, aber Yeats gab ihr den Namen Helena von Troja. Jene, die den Krieg auslöste, so wie Maud ihn gern im Namen der Freiheit ausgelöst hätte. Eine Schönheit, wie sie heutzutage nicht mehr existiert, sagt er, ein Geist, wie er heute nicht mehr existiert……..Gemeinsam erstehen sein Gedicht und das Lied von Sinéad O’Connor aus den Ruinen von Troja auf….Er sagt: <em>Was there another Troy for her to burn</em>? Und Sinéad O’Connor antwortet: <em>There is no other Troy for me to burn</em>. Ich lausche ihrem Dialog durch das 20.Jahrhundert, 1908 – 1987, und füge das Kodizill des 21.Jahrhunderts hinzu. Am besten überleben die Ruinen von Troja.</p></blockquote>
<p>Bei wiederholtem Lesen des Buches zeigt sich ein beinah talmudisch anmutendes Gewebe, in dem sich der Text immer wieder selbst neu zitiert und auf sich verweist. Oder wie ein langes Lied, in dem bestimmte Motive in Variationen je neu auftauchen. Die Wüste und das Überleben – beide Motive des Beginns klingen wie eine Tonfolge durch den Text hindurch wieder und wieder an. Die Protagonistin erlebt die ungarische Sprache ihres ehemaligen Geliebten als Wüste, O’Connors Klage im Lied <em>Troy</em> ist ein „Schrei in der Wüste“, im Lied <em>Travels in the Dustland</em> von den Walkabouts verwüstet die Dürre der 30er Jahre das amerikanische Farmland, Menschen müssen fliehen vor der Trockenheit, auf der Route 66, bevor sie zur mythischen Straße des Rock ’n‘ Roll wurde. An dieser Straße scheint auch das gleichnamige Album der Walkabouts geboren: „Ein aus der Wüste hervorgegangenes Album, das die Wüste durchreist, die Wüste der Hoffnungen, der Gefühle“.</p>
<h3>Geäst, Fächer und Netz</h3>
<p>Eines Tages hört die Protagonistin ein Lied von Françoise Hardy über einen verwüsteten Garten – die Frage der Rückkehr und des Überlebens von Bäumen (und Menschen) in der Wüste taucht erneut auf:</p>
<blockquote><p>Ich bin in den Park zurückgekehrt. Zum ersten Mal habe ich die kahlen Bäume und ihr Wesen, ihre Präsenz gesehen. &#8230; Ich habe ihre flehenden Äste gesehen, die wie Hände zum Himmel gereckt waren, Hände, die versuchen, sich der Last der Stämme und der Wurzeln zu entreißen, ich habe ihre Trauerzweige gesehen, die sich unter des Last des Lebens und des Schicksals beugten. Und ich habe die Harmonie gesehen, das Gleichgewicht der Proportionen und Formen zwischen dem Stamm und dem Geäst, die perfekte Linie, den ergreifenden Fächer, die komplexen Netze, die verzweigter sind als Straßen und Flüsse, Hauptäste, Nebenäste, die auseinanderdriften und sich emporstrecken, wobei zwar jeder versucht, höher zu steigen, aber doch zu einem Ganzen gehört … fern von den komplizierten Herzen der Menschen, näher an der Ausrichtung, dem Aufschwung zu einem Anderswo.</p></blockquote>
<p>Auch der Text selbst erscheint als solch ein feines Geäst, als Fächer und Netz, in dem er Brüche und Katastrophen überlebt. Die Fülle an Verweisen und intertextuellen Zitaten ist so reich, dass man bei jedem Wiederlesen einen neuen Text vor sich zu haben meint. Und dies nicht nur wegen des fortlaufenden Changierens zwischen ästhetischem Essay und poetischer Erzählung. Ist der Text selbst jene „Stimme aus der Tiefe der Zeit, die sich an das Unsichtbare in uns richtet“? Cécile Wajsbrot versteht es, ihre Leser mit leisen Tönen am Geheimnisvollen teilhaben zu lassen.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Cécile Wajsbrot<br />
<strong>Eclipse</strong><br />
Roman · Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer<br />
Matthes &amp; Seitz 2016 · 232 Seiten · 19,90 Euro<br />
ISBN: 978-3-95757-263-9<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3957572630/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783957572639" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="http://www.amazon.de/dp/3957572630/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="11518" data-permalink="https://tell-review.de/das-verschwinden-festhalten/cover_wajsbrot_eclipse/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/11/Cover_Wajsbrot_Eclipse.jpg?fit=160%2C265&amp;ssl=1" data-orig-size="160,265" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Wajsbrot_Eclipse" data-image-description="&lt;p&gt;Cécile Wajsbrot: Eclipse&lt;br /&gt;
Matthes &amp;#038; Seitz 2016&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/11/Cover_Wajsbrot_Eclipse.jpg?fit=160%2C265&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-11518 size-full" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/11/Cover_Wajsbrot_Eclipse.jpg?resize=160%2C265" alt="" width="160" height="265" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/11/Cover_Wajsbrot_Eclipse.jpg?w=160&amp;ssl=1 160w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/11/Cover_Wajsbrot_Eclipse.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w" sizes="auto, (max-width: 160px) 100vw, 160px" /></a></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Sonnenfinsternis am 15. Januar 2010 in Jinan (Volksrepublik China)</em><br />
<em> Von A013231 (Eigenes Werk) [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a> or <a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html">GFDL</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASolar_annular_eclipse_of_January_15%2C_2010_in_Jinan%2CRepublic_of_China.JPG">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/eclipse.html" target="_blank" rel="noopener">Matthes &amp; Seitz</a></em></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/das-verschwinden-festhalten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">11513</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
