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	<title>Flüchtlinge &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Flüchtlinge &#8211; tell</title>
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		<title>Das Zeitalter der Flüchtlinge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 May 2022 08:01:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Gabriele Tergit hat ihren Roman "So war's eben" in den 1960er Jahren geschrieben. Doch damals wollte niemand ein Buch über den deutschen Antisemitismus veröffentlichen. Letztes Jahr ist der Roman erschienen, er spannt den Bogen vom Kaiserreich bis in die Nachkriegszeit.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Gabriele Tergit (1894-1982) emigrierte 1938 nach London, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Sie hat drei Romane geschrieben: <em>Käsebier erobert den Kurfürstendamm</em> erschien 1931 und wurde sogleich ein Erfolg, <em>Effingers</em> fand 1951 wenig Beachtung, wurde jedoch 2019 mit großem Erfolg neu aufgelegt. Ihr dritter und letzter Roman <em>So war´s eben</em> erschien erstmals 2021, über ein halbes Jahrhundert nach seiner Vollendung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Publikationsgeschichte dieses dritten Romans ist abenteuerlich, und über sein Grundthema, nämlich die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland ab dem Kaiserreich, verrät diese Geschichte fast genauso viel wie der Roman selbst. Ein Verlag nach dem anderen lehnte Tergits Roman in den 1960er Jahren ab. Fritz J. Raddatz, damals Lektor bei Rowohlt, begründete seine Ablehnung ästhetisch wegen eines vermeintlich altbackenen Stils. Im Ablehnungsbrief des Verlags Kiepenheuer und Witsch steht gar, Gabriele Tergit errichte mit ihrem Roman „eine Mauer gegen das deutsche Volk“. Diese Dinge erfährt man in Nicole Hennebergs vorzüglichem Nachwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sieht sie nun aus, diese „Mauer gegen das deutsche Volk“, stilistisch und thematisch?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Journalistische Epik</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Stilistisch bleibt Raddatz‘ Urteil rätselhaft. Gabriele Tergit war bis zu ihrer Emigration aus Deutschland im Jahr 1933 Gerichtsreporterin. Ihren im Journalismus geschulten sachlichen Schreibstil verwendet sie in dem Roman, um ein episches Thema zu bewältigen. Wie schon bei <em>Effingers</em> handelt es sich bei <em>So war’s eben</em> in großen Teilen um einen Dialogroman: Auch vor Gericht spielt sich ja das Drama in mündlicher Rede ab. Es ist ein Roman mit vielen gleichberechtigt agierenden und sprechenden Personen, Handlung wird über die direkte Rede geschildert und kommentiert, das beigefügte Personenverzeichnis, wie man es auch von Dostojewskis Romanen kennt, ist notwendig. Man kann das Verfahren zusammenfassend als journalistische Epik beschreiben. Das macht den Roman ungemein lesbar, zugleich wird das Thema vergegenwärtigt, wird die Vergangenheit in die Gegenwart geholt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist im Jahr 1933 mit den Deutschen passiert? Und vor allem: Wann hatte es angefangen? Das ist Gabriele Tergits Lebensthema seit 1933. Für das deutsche Selbstverständnis, in dem die Jahre 1933 bis 1945 mit dem übrigen Deutschland nichts zu tun haben sollen, ist ihre Antwort ernüchternd: Die Ausgrenzung der deutschen Juden begann im Kaiserreich, auf der Höhe der Macht Deutschlands. Darüber lässt Tergit ihre Figuren in diesem Roman schärfer und genauer reflektieren als in <em>Effingers</em>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der jüdische Standpunkt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Exemplarisch dafür ist ein Gespräch beim Familientreffen der Fabrikantenfamilie Markus über eine Neuerscheinung des Jahres 1901:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Siegmund bog ab, sprach von einem neuen Roman, &#8218;Buddenbrooks&#8216;: „Bisschen viel Krankheitsbeschreibung, und bisher haben wir die Kunst für höher als Kaufmannstum gehalten, aber der neue Schriftsteller Thomas Mann findet Beschäftigung mit Kunst ein Verfallszeichen.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Manfred Markus wirft ein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Der einzige Jude, der darin vorkommt, isst Gänseleberpastete auf seiner Schulsemmel und verdrängt die edlen Patrizier durch seine Geschäftstüchtigkeit.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgerechnet der Jude Siegmund Jacoby verteidigt Thomas Mann:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Doch ein guter Roman“, sagte Siegmund, „man muß nicht alles vom jüdischen Standpunkt aus sehen.“</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Völkisches Gift</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das wird für die jüdischen Figuren dieses Romans, die sich als deutsche Patrioten fühlen, nicht so bleiben. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft wird sie zu diesem Standpunkt zwingen. Spätestens im Ersten Weltkrieg trifft diese Illusion auf die Wirklichkeit. Gabriele Tergit zeigt das Zerschellen der Illusionen so knapp, wie es nur geht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Schlacht um Verdun. Stern war stolz, es zum Vize gebracht zu haben, Jacoby wurde bitter, nicht befördert, dachte „als Jude“.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Gabriele Tergit beschreibt nicht nur deutsche Juden und ihre patriotischen Illusionen, sondern auch das völkisch-geopolitische Gift, das sich seit dem Kaiserreich in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausbreitete. Am trefflichsten gelingt ihr dies in der Person des völkischen Intellektuellen Friedrich Wilhelm von Runke, eine Figur, die man sich gut im Dunstkreis der sogenannten Konservativen Revolution vorstellen kann. Ohne große Zusätze, fast eins zu eins, könnte man sich ihn heute als Schriftsteller des rechtsextremen Antaios-Verlages von Götz Kubitschek denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gabriele Tergit lässt von Runke schwadronieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir stehen nicht nur vor der Neuordnung Europas, sondern […] vor der Neuverteilung des Erdballs. Fest steht, daß Deutschland die tragende Stellung im eurasischen Raum inne hat, so bedrängt diese heute auch noch erscheinen mag. Neue Weltwende wirft ihre Schatten voraus.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Verfolgung und Flucht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die Stimmung, die zum 30. Januar 1933 führt. Eindringlich schildert Gabriele Tergit die Zeit der Verfolgung und der Flucht, ihr journalistisches Verfahren ist dem Stoff gewachsen. Die engen Wohnungen der Emigranten, die prekären Lebensverhältnisse, die ständig wechselnden Umgebungssprachen, die den schulpflichtigen Kindern zu schaffen machen – all das hat sie selbst erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Kluft zwischen der deutschen und der jüdischen Emigration wird sichtbar, etwa im Gespräch zwischen dem Kommunisten Schwarz und dem Juden Otto Jacoby.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Australien ist ganz gut“, sagte Otto.<br>„Ich weiß“, sagte Schwarz.<br>„Vor Ihnen sollte ich es gar nicht sagen, aber die katholische Kirche rettet Tausende unter der Bedingung der katholischen Taufe. Die Pfarrer, die Juden taufen, tun es unter Lebensgefahr. Helden. Aber man kann Menschen nicht unter Bedingungen retten.“<br>„Damit muß man sich abfinden“, sagte Schwarz lächelnd, fand Otto kindisch.<br>„Muß man? Ein Mensch fällt ins Wasser. Treffen Sie ein Abkommen, bevor Sie ihn herausziehen?“<br>„Jedes Land nimmt nur die Leute, die ihm nützen.“<br>„Genau. Nur ein Schritt zu Hitler. Unter dem Gesichtspunkt des Nutzens muß man Alte und Kranke umbringen.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es liegt nahe, dass die Autorin einst selbst Zeugin eines solchen Gespräches war.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fatales Nützlichkeitsdenken</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gehört zu den moralischen Stärken des Romans, dass Gabriele Tergit die Morde Stalins nicht verschweigt, so ist ihr das Ende des Kommunisten Schwarz in Stalins Gulag ein Kapitel wert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Stalins Morde führt sie, ebenso wie die Morde des Nationalsozialismus, auf das zurück, was aus ihrer Sicht jedem politischen Mord zugrunde liegt: Zu der ideologischen Ablehnung ganzer Menschengruppen kommt das Bewerten von Menschen nach reinen Nützlichkeitskriterien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grete Jacoby – im Roman das alter ego Gabriele Tergits – resümiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Wenn man die Menschen nach ihrer Nützlichkeit wertet, werden die meisten umgebracht.“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nach dem Krieg verschwindet dieses Denken nicht. Über die Rolle der Juden in Deutschland muss Grete Jacoby sich Sätze wie diese anhören:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Frau Jacoby, Sie sind immer ein gerechter Mensch gewesen, die Juden haben doch eine zu große Rolle im deutschen Kulturleben gespielt. Kein Volk kann sich überfremden lassen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Grete Jacoby denkt dann nur:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[…} sie saß in der Wohnung, in der sich ihre Mutter vor der Deportierung das Leben genommen hat. Sie kam in die Stadt, aus der sie und ihre Freunde vertrieben worden waren, und sie wurde angegriffen.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Aktualität des Romans</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende des Romans treffen sich die Überlebenden in New York wieder, der Stadt, die im und nach dem Krieg gewissermaßen, neben Los Angeles, das Erbe Berlins angetreten hat als Heimat für die heimatlos Gewordenen. Auch hier überwiegt die Trauer: Randelhofer – ein Zeitungskollege aus Berlin – ist verhungert. Martin Zuckermann bemalt während des Gesprächs Porzellanuhren: Heimarbeit, um zu überleben. Die „Logenplätze des Exils“, von denen die Mitglieder einer selbsternannten „inneren Emigration“ hin und wieder sprachen, waren für die meisten ein Sperrsitz im Parkett ganz außen. Das wird in Gabriele Tergits Roman immer wieder deutlich. Nach dem Krieg gibt es kein Zurück. Nichts wird auf Anfang gestellt. Das jüdische Berlin, das jüdische Deutschland war tot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man hat das zwanzigste Jahrhundert als das Jahrhundert der Flüchtlinge beschrieben. Das war zumindest voreilig. Wie sich nun zeigt, knüpft das einundzwanzigste Jahrhundert da an, wo das zwanzigste aufhörte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das macht Gabriele Tergits Aktualität aus.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey, Bahnübergang</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph"><br><br>Gabriele Tergit<br><strong>So war&#8217;s eben</strong><br>Roman<br>Schöffling 2021 · 624 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3895614743   </p>



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</div></div>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Das Problem sind wir</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tomas Bächli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Nov 2021 08:03:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[In Erik Marquardts Buch "Europa schafft sich ab" geht es um Gewalt gegen Flüchtlinge und um die Gleichgültigkeit Europas. Damit stellt es auch die Frage, wer wir sein wollen. Eine Lektüre als Selbstversuch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Eine Kritik gleich zu Beginn: Der Titel von Erik Marquardts Buch ist missraten. Die Anspielung <em>Europa schafft sich ab</em> ist zu viel Ehre für Thilo Sarrazins Machwerk, auf dessen Niveau es ohnehin nichts zu diskutieren gibt. Ansonsten ist das Buch ausgesprochen lesenswert. Auch das erwähne ich im Voraus. Denn es geht mir nicht darum, das Buch zu rezensieren. Es geht um die Zustände, die in diesem Buch geschildert werden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wer sind wir, wenn wir dem Wunsch anderer Menschen nach Freiheit und einem Leben in Demokratie und Wohlstand nur noch Ablehnung oder im schlimmsten Fall den Tod im Mittelmeer anbieten? Und wer wollen wir eigentlich sein?</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading">Westeuropa schaut weg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage stellt Erich Marquardt, Mitglied des Europäischen Parlaments für Die Grünen/Europäische freie Allianz, in seinem Buch. Es handelt von der Gewalt gegen Geflüchtete, und teilweise geht es dabei um Tatsachen, die wir längst kennen und verdrängen: die Lager, die Pushbacks, die Missachtung der Flüchtlingskonvention – nach der Lektüre ist man auf dem neusten Stand. Anderes dagegen lässt sich nur vermuten, da uns Informationen gezielt vorenthalten werden, in den Lagern in Griechenland beispielsweise sind Journalist:innen nicht zugelassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Entwicklung hat zu dem grotesken Spektakel geführt, das wir dieser Tage erleben: Zwei Regierungen, die eine davon eine offene Diktatur, die andere mit schweren Demokratiedefiziten behaftet, demonstrieren ihren Machismo, indem sie Tausende von Menschen in der Kälte hin- und hertreiben, sie bewusst der Gefahr des Erfrierens aussetzen und sich dabei gegenseitig die Schuld zuweisen. Westeuropa schaut zu, beziehungsweise weg.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Selbstmitleid und Empörung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was aber löst die Lektüre dieses Buchs aus? Ich betrachte mich beim Lesen als Testperson und beschreibe, wie es mir bei der Lektüre ergangen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich empfinde die geschilderten Zustände als „unerträglich“, doch darin zeigt sich nur mein Selbstmitleid: Es geht um meine Befindlichkeit, ich mag diese Lektüre nicht. Ich kann das Buch zuklappen, ein Geflüchteter jedoch hat keine Möglichkeit, aus der unerträglichen Situation auszusteigen, die er, im Gegensatz zu mir, durchlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann mich empören: über dummdreiste Politikersprüche, demagogische Meinungsmacher in den Medien, über perfide Kampagnen rechter Parteien. Doch auch das ist müßig, denn sie sind nicht das wirkliche Problem. Das Problem sind wir, die wir untätig bleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also fantasiere ich von einer spektakulären Tat. Zum Beispiel könnte man das Holocaustmahnmal okkupieren, oder man könnte einen verantwortlichen Politiker entführen und ihn im Mittelmeer in ein Schlauchboot setzen. Doch auch das würde das Problem nicht lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Constantin Seibt schrieb einmal in der <a href="https://www.republik.ch/2020/11/05/es-gibt-kein-zurueck">Republik</a>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>In den Filmen, Büchern und in der Fantasie hat der Kampf gegen autoritäre Regimes einen gewissen Glanz. In der Wirklichkeit ist er eine endlose, langweilige, geist­tötende Angelegenheit, als würde man jeden Morgen, statt die Nachrichten zu lesen, verkrusteten Kot aus fremden Toiletten kratzen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das gilt auch für die Bekämpfung von Vorurteilen gegenüber Geflüchteten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Sich Gehör verschaffen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erik Marquardt zählt die Gründe dafür auf, dass sich unser politischer Kompass so weit nach rechts verschoben hat, bis nun sogar der massenhafte Tod von Menschen in Kauf genommen wird:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>das unbewiesene Narrativ vom Pull-Faktor</li><li>die Mythologisierung der sogenannten Flüchtlingskrise 2015</li><li>der Rassismus</li><li>die Ängstlichkeit der Politiker vor der populistischen Konkurrenz</li></ul>



<p class="wp-block-paragraph">Der letzte Punkt der Aufzählung birgt auch eine Chance: Man mag den Opportunismus von Politikern verurteilen, doch ihre Appeasementhaltung gegenüber den Rechtspopulisten zeigt, dass man ihre Entscheidungen auch von der Gegenseite her beeinflussen könnte – wenn der Druck gross genug wäre. Dazu braucht es Durchhaltevermögen, die Bereitschaft, sich zu organisieren. Es geht darum sich immer wieder Gehör zu verschaffen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Trial and error</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Hinsicht haben die Rechtspopulisten leider die Nase vorn. Eine Linke, die sich immer noch dem Weltschmerz über gescheiterte Utopien hingibt, kann dem wenig entgegenhalten. Vor utopischen Forderungen warnt Marquardt gleichermaßen wie vor simplen Schuldzuweisungen an die EU und an Frontex.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das Handeln der Grenzschutzagentur ist mehr Symptom für die Verhältnisse als die Ursache für die Probleme. Wäre sie nicht da, würden die nationalen Behörden mit weniger europäischer Kontrolle das Gleiche tun.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ratschläge, die Marquardt uns Lesern mitgibt, sind unspektakulär: diskutieren, demonstrieren, Öffentlichkeit schaffen, in die Parteien gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe mir nach dieser Lektüre vorgenommen, wenigstens einen davon zu beherzigen: Ich will Mitglied einer Partei werden, wahrscheinlich bei den Grünen, die demnächst Regierungsverantwortung übernehmen. Es wird sich weisen, ob eine Koalition aus drei Parteien, von denen die eine sich als sozialdemokratisch, die andere als ökologisch und die dritte als liberal bezeichnet, eine Flüchtlingspolitik betreiben wird, die besser ist als die brutale Menschenverachtung der schwarzgrünen Regierung in Österreich. Trial and error eben, wie so oft in der Politik.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: via Flickr <a href="https://www.flickr.com/photos/syriafreedom/21364025156" target="_blank" rel="noopener noreferrer"> Syrische Flüchtlinge 2015</a>, <a href="https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/">Lizenz CC</a><br></h6>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Erik Marquardt<br><strong>Europa schafft sich ab</strong><br>Rowohlt Polaris 2021 · 240 Seiten · 14 Euro<br>ISBN: 978-3-499-00707-1<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="171" height="266" data-attachment-id="104204" data-permalink="https://tell-review.de/das-problem-sind-wir/cover-20/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/11/Cover.jpg?fit=171%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="171,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/11/Cover.jpg?fit=171%2C266&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/11/Cover.jpg?resize=171%2C266&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104204" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/11/Cover.jpg?w=171&amp;ssl=1 171w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/11/Cover.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w" sizes="(max-width: 171px) 100vw, 171px" /></figure>


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		<title>Empathie und Kontrolle</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veniamin Itskovich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Sep 2021 07:27:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gerald Knaus]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[„Welche Grenzen brauchen wir“ fragt Gerald Knaus im Titel seines Sachbuchs über Migration. Der menschenwürdige Umgang mit Flüchtlingen stand nie im Fokus der Politik - obwohl es Lösungen gäbe, wie Knaus aufzeigt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Vor siebzig Jahren wurde die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. Ihr Kernversprechen besteht im Gebot der Nichtzurückweisung aller Menschen, denen im Heimatland politische Verfolgung droht. Doch an die illegalen Pushbacks durch die libysche und griechische Küstenwache scheint sich die europäische Bevölkerung inzwischen ebenso gewöhnt zu haben wie an die fortwährende Hölle in den Lagern auf der Ägäis und an das Sterben im Mittelmeer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Zukunft kann das Abkommen angesichts der permanenten Verstöße in Europa noch haben? Dieser Frage geht der Migrationsforscher Gerald Knaus in <em>Welche Grenzen brauchen wir?</em> nach. Seit seinem Erscheinen im Herbst des vergangenen Jahrs hat das Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fehlende Konzepte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus, den die Geschichte seiner eigenen Familie an die Themen Flucht und Asyl bindet, will mit seinem Buch eine „lösungsorientierte Debatte“ stiften im Hinblick auf die Grenz- und Migrationspolitik in Europa und anderswo. Er fragt, welche Möglichkeiten wir haben, die aktuellen Missstände in absehbarer Zeit zu verändern. Das internationale Asylsystem von heute in seinem ruinösen Zustand vergleicht er mit der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz: Noch hundert Jahre nach der Errichtung des Kirchenschiffs fehlte dem Bau das entscheidende Element, nämlich die Kuppel.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>So stand im Jahr 1400 das Schiff ihrer Kirche, doch bei jedem Unwetter regnete es auf den Hauptaltar. Wo eine Kuppel sein sollte, war ein Loch.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso verhalte es sich mit dem internationalen System zum Schutz von Flüchtlingen: Zu seiner Fertigstellung mangle es weder an einem Bauplan (der besteht in der Genfer Flüchtlingskonvention) noch an tragenden Strukturen (Institutionen wie dem UNCHR und den nationalen Asylbehörden). Was fehlt, seien Konzepte und Mechanismen, die sicherstellen, dass das Asylsystem den Menschen tatsächlich Schutz gewähren kann, ohne populistischen Anstürmen ausgesetzt zu sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist mehrheitsfähig?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In knapp fünfzig kompakten Kapiteln präsentiert Knaus zahlreiche Ideen, wie diese Aufgabe in naher Zukunft politisch angegangen werden könnte. Die Suche führt „von Westafrika bis Südostasien, vom Alpenrhein zur Oder, über die Ukraine und die Türkei nach Libyen und Marokko“, für Knaus gilt dabei fortwährend das Kriterium demokratischer Mehrheitsfähigkeit. Europäische Mehrheiten verlangen von der Politik sowohl einen humanen Umgang mit Schutzsuchenden als auch Kontrolle über Grenzen und Migrationsbewegungen, daher gelte es, politische Ideen zu erarbeiten, die beides verbinden: „Empathie <em>und </em>Kontrolle“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus präsentiert zahlreiche Vorschläge, die diesem Anspruch genügen sollen:</p>



<ul class="wp-block-list"><li>Abkommen der EU mit nord- und westafrikanischen Ländern</li><li>eine Reorganisation der Seenotrettung</li><li>eine neue Einigung mit der Türkei</li><li>eine lösungsorientierte Kooperation europäischer Asylbehörden</li><li>„faire und schnelle“ Asylverfahren in Europa (die allerdings einen „Abschiebungsrealismus“ zur Bedingung hätten)</li><li>eine internationale Koalition, um die Neuansiedlung Schutzbedürftiger wiederzubeleben</li></ul>



<h3 class="wp-block-heading">Rückblick in die Geschichte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anschaulich stellt Knaus zentrale Episoden aus der modernen Geschichte von Flucht und Asyl dar, häufig anhand von Interviewmaterial und biografischen Einlassungen. Ein humaner Umgang mit Schutzsuchenden stand im vergangenen Jahrhundert selten im Fokus der Politik, das zeigten das brutale Grenzregime der Schweiz im zweiten Weltkrieg und der rassistische Umgang der französischen Regierung mit den algerischen Harkis in den 60ern ebenso wie die bis in die Gegenwart reichenden Pushbacks sowie Abschreckungslager vor den Küsten Australiens. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als positives Beispiel nennt Knaus dagegen etwa das private Patenschaftssystem, das seit 1979 in Kanada für erhöhte Aufnahmequoten von Schutzsuchenden sorgt, trotz politischem Gegenwind. Daran hätten sich europäische Staaten ein Beispiel zu nehmen, um die Umsiedlung von Flüchtlingen aus Griechenland oder der Türkei im Rahmen von „Resettlement“ voranzubringen und zugleich die irreguläre Migration über die gefährlichen Meeresrouten zu verringern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Irreführende Rhetorik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Energisch arbeitet sich Gerald Knaus an <em>idées reçues</em><em><strong> </strong></em>und Mythen zum Thema Grenzen, Flucht und Migration ab. Vehement kritisiert er etwa „die Angewohnheit, Flucht und Migration als Phänomene in der Sprache der Physik und Hydraulik zu beschreiben“. Diese Rhetorik sei nicht nur irreführend, sondern leugne auch die reale Verantwortung der Politik:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Nicht technisches Unvermögen oder irgendein Naturgesetz der Migrationsphysik hält Regierungen davon ab, größere Migrationsbewegungen zu stoppen, sondern ihre Werte und die Interessen, die sie verfolgen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Kritisch wendet sich Knaus auch gegen die Vorstellung eines angeblichen „Migrationsdrucks“ aus armen Ländern:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Manche Europäer fürchten eine irreguläre Massenimmigration, die es nicht gibt, und sehen nicht, dass reguläre Mobilität aus Afrika nicht nur sehr gering ist, sondern seit einem Jahrzehnt zurückgeht.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Das Sterben im Mittelmeer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus, der seine Argumentation gerne mit Zahlentabellen untermauert, spricht hier von „apokalyptischen Migrationsmythen“. Dagegen setzt er sich für eine „faktengestützte“ Berichterstattung ein sowie für eine Migrationsforschung, die bei der Analyse von Fluchtursachen ins Detail geht und die Erfahrungen kleiner Gruppen anschaulich beschreibt. Prognosen für die nächsten Jahrzehnte seien von diesen Analysen allerdings nicht zu erwarten. &nbsp;Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Knaus mögliche Fluchtbewegungen in der Zukunft (etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel) nicht diskutiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von zentraler Bedeutung ist für den Autor die Frage, wie das Sterben im Mittelmeer beendet werden kann. Seenotrettung allein reiche dafür nicht aus: Im Jahr 2016 ertranken mehr Menschen im Mittelmeer als je zuvor, obwohl durch die Kampagne „Mare Nostrum“ der italienischen Marine eine Rekordzahl Schiffbrüchiger in Sicherheit gebracht werden konnten. Sowohl die australische als auch die europäische Grenzpolitik sei Knaus zufolge in einem „Dilemma“ gefangen: zwischen dem Nichtstun angesichts des Sterbens auf dem Meer einerseits und „Abschreckungslagern“, wie sie an den europäischen Außengrenzen bestehen, andererseits. Schon 2016 sprach sich Sebastian Kurz dafür aus, Schutzsuchende „idealerweise auf einer Insel“ zu internieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Abschreckungspolitik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der von Knaus mitgestaltete EU-Türkei-Deal sollte eine dritte Möglichkeit schaffen. Der Autor analysiert, warum das Abkommen letztlich scheiterte und damit zur Überfüllung der ägäischen Lager führte sowie zu den unter den Augen der EU-Regierungen durchgeführten Pushbacks auf dem Meer.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die katastrophalen Bedingungen waren das Ergebnis der nie korrigierten Diskrepanz zwischen der Zahl der Ankommenden und der getroffenen Entscheidungen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So sei Europa auf die australische Option einer „gewollten“ Abschreckungspolitik an der griechisch-türkischen Grenze verfallen. Knaus plädiert für eine Wiederbelebung der Türkei-Vereinbarung, unter der Bedingung fairer und schneller Asylverfahren in Griechenland sowie einer Verbesserung des türkischen Systems durch Unterstützung von Seiten der EU.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das „Nächstmögliche“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen den Türkei-Deal gibt es verbreitete Einwände – dass Knaus diese kaum kritisch diskutiert, wirkt tendenziös, gerade angesichts seiner eigenen Beteiligung an dem Deal. In einem Satz verweist er zwar auf die „lange Tradition“ der Türkei, Asylsuchenden Aufenthalt zu gewähren, er geht aber an keiner Stelle auf die Tatsache ein, dass Geflüchtete in der Türkei rechtlich nur „temporären Schutz“ genießen und daher den Machtspielen der AKP-Regierung schutzlos ausgeliefert sind.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Knaus&#8216; Argumentation lässt einen mit solchen Fragen und Einwänden bisweilen allein, wohl auch weil sie zumeist in Erzählform vorgebracht wird. Trodzem liest man das Buch mit Gewinn: Neben zahlreichen Fakten erfährt man viel über die Geschichte von Flucht und Migration im 20. und 21. Jahrhundert. Der Migrationsforscher vermittelt einen Sinn für das „Nächstmögliche“: für das, was in naher Zukunft getan werden kann, um eine Kuppel für das internationale System zum Schutz von Flüchtlingen zu erbauen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20151030_Syrians_and_Iraq_refugees_arrive_at_Skala_Sykamias_Lesvos_Greece_2.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Flüchtlinge bei der Ankunft auf Lesbos (2016)</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Wikimedia Commons</a><br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Gerald Knaus<br><strong>Welche Grenzen brauchen wir?</strong><br>Zwischen Empathie und Angst &#8211; Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl<br>Piper 2020 · 336 Seiten · 18 Euro<br>ISBN: ‎ 978-3492059886<br></p>



Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783492059886&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783492059886&amp;ref=tell" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="332" height="499" data-attachment-id="103359" data-permalink="https://tell-review.de/empathie-und-kontrolle/41u4zssqw5l-_sx330_bo1204203200_/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?fit=332%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="332,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?fit=332%2C499&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?resize=332%2C499&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-103359" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?w=332&amp;ssl=1 332w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2021/09/41u4ZsSqw5L._SX330_BO1204203200_.jpg?resize=300%2C451&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 332px) 100vw, 332px" /></a></figure>


</div></div></div> </div></div>
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		<title>Unser Verbrechen gegen die Menschlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Dec 2020 08:49:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Lager]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Zustände in Lagern wie Kara Tepe entsprechen Folterbedingungen. Das geht alle Europäer etwas an. Denn die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln sind uns ausgeliefert. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Jeden Abend, wenn ich unter meine Decke krieche, denke ich daran, wie es sein muss, bei unter zehn Grad im Zelt zu übernachten, im Schlamm, mit Ratten und ohne warme Mahlzeit. Der Gestank soll unerträglich sein, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.falter.at/zeitung/20201223/warum-kinder-in-europa-von-ratten-gebissen-werden/_b6e40bf55e" target="_blank">so lese ich</a>, ab halb sechs Uhr abends herrscht Finsternis bis zum Sonnenaufgang, denn in Kara Tepe gibt es kein Licht. Ein Drittel der Bewohner – oder wie soll man es nennen? – sind Kinder, die Mehrheit von ihnen ist unter zwölf.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein verhallter Aufschrei</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem ausgesucht höflichen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.medico.de/moria-brief" target="_blank">Weihnachtsgruß aus Moria II</a> haben die Menschen von Kara Tepe die EU-Kommission und uns alle darauf aufmerksam gemacht, dass die Bedingungen im Lager nicht einmal den Mindeststandards für die Tierhaltung entsprechen. Der Aufschrei ist verhallt, denn wir waren damit beschäftigt, die Geburt eines Flüchtlingskindes zu feiern. Wir haben uns sehr leid getan, weil die Pandemie uns das Fest vermasselt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan“, sagte dieses Flüchtlingskind später. Eine Gemeinschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Gehören die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea zu uns? Ja, denn sie sind uns ausgeliefert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Umgang mit diesen Schwestern und Brüdern kommt einer 24-Stunden-Folter gleich. Kinder werfen ihren Eltern vor, dass sie geflüchtet sind. Von einer syrischen Bombe getötet zu werden, sei besser, als in dieser Hölle zu leben. Viele Kinder hören auf zu sprechen und zu spielen, manche gehen schlafwandelnd ins Meer, andere wollen sich umbringen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Verbrechen ohne Täter</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was in Kara Tepe und anderswo geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: „ein unmenschlicher Akt gegen die Zivilbevölkerung“, auch wenn kein Genozid oder Mord verübt wird. Es ist ein Verbrechen ohne Täter, dafür mit umso mehr Zuschauern. Niemand von uns kann sagen, er oder sie habe nichts davon gewusst. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt keine Täter, doch es gibt Verantwortliche: Es gibt Politiker und Politikerinnen, mit Namen und Adresse, die diese Zustände beenden könnten. „War is over, if you want it. War is over. Now&#8220;,  heißt es am Ende von John Lennons Weihnachtslied. Wir könnten die Menschen aus Kara Tepe evakuieren, wenn wir wollten. Aber wir wollen halt nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Den Druck erhöhen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Tat gilt ein Land für um so zivilisierter, je umsichtiger und wirksamer jene Gesetze sind, die den Elenden daran hindern, allzu elend zu sein, und den Mächtigen allzu mächtig“, heißt es in Primo Levis <em>Ecce homo</em>. Was tun? Wir, die wir nicht mehr ruhig schlafen, müssen den Druck erhöhen auf diejenigen, die etwas ändern könnten. Erst, wenn auch sie nicht mehr ruhig schlafen, wird sich etwas ändern. Und sei es nur, weil sie selbst wieder ruhig schlafen wollen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild von <a href="https://www.flickr.com/photos/qwrrty/15394765154/">Tim Pierce </a> <br> Lizenz <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">cc-by-2.0</a> <br></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Identifikationslektüre für Zeitgenossen</title>
		<link>https://tell-review.de/identifikationslektuere-fuer-zeitgenossen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Apr 2018 09:03:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Populismus]]></category>
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					<description><![CDATA[In Zeiten des "Wir/Sie"-Denkens möchte man sich beheimaten, entweder bei den einen oder bei den anderen. Dem entspricht im politischen Sachbuch ein Trend zum Erbaulichen, sowohl links wie rechts. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">W</span>arum lesen wir Sachbücher? Weil wir uns über einen Gegenstand informieren wollen, weil wir uns mit den Gedanken von anderen die Welt erschließen, und manchmal, weil wir einen historischen Resonanzraum brauchen. Doch manche Sachbücher, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, sind anders, darunter:</p>
<ul>
<li>Herfried und Marina Münkler: <em>Die neuen Deutschen</em></li>
<li>Harald Welzer: <em>Wir sind die Mehrheit</em></li>
<li>Heribert Prantl <em>Gebrauchsanweisung für Populisten</em></li>
<li>Per Leo, Daniel-Pascal Zorn, Maximilian Steinbeis: <em>Mit Rechten reden</em></li>
<li>Erhard Eppler: <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/erhard-eppler-trump-und-was-tun-wir-ueber-die-abschaffung.1270.de.html?dram:article_id=410944" target="_blank" rel="noopener"><em>Trump – und was tun wir?</em></a></li>
</ul>
<blockquote><p>Wir haben ein politisches Buch geschrieben, kein erbauliches.</p></blockquote>
<p>Herfried und Marina Münkler distanzieren sich in der Einleitung ihres Buchs vom Erbaulichen, gerade weil sie wissen, dass ihr Buch so gelesen werden kann, zumindest von denjenigen, die an eine offene Gesellschaft glauben.</p>
<p>Auch Ulrich Greiners Essay <a href="https://tell-review.de/unheilige-allianzen/" target="_blank" rel="noopener"><em>Heimatlos</em> </a>gehört in diese Kategorie, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Wer eine Heimat im Konservativen sucht, wird sich in diesem Büchlein geborgen fühlen. Und auch unter den Büchern des Antaios-Verlags findet sich Erbauungsliteratur – für rechts außen.</p>
<h3>Appell an die Gefühle</h3>
<p>Erbauungsliteratur ist Identifikationslektüre. Erbaulich wirkende Sachbücher sind symptomatisch für Zeiten der Verunsicherung und der Spaltung. Deutschland ist im Vergleich zu anderen westlichen Demokratien noch verhältnismäßig wenig gespalten: Immerhin haben nur knapp 13 Prozent AfD gewählt. Doch anderswo wurden Schicksalswahlen – wie Brexit, Trump oder die Schweizer Volksinitiative „Gegen Masseneinwanderung“ – äußerst knapp entschieden. Zeitgenosse sein heißt dazuzugehören, und in Zeiten der Spaltung heißt es: zu den einen zu gehören und nicht zu den anderen. Identifikationslektüre signalisiert ein Denken in den Kategorien von „Wir gegen sie“.</p>
<p>Kennzeichen der Erbauungsliteratur ist der Appell an Gefühle, auf beiden Seiten. Ulrich Greiner tut das in <em>Heimatlos</em> ganz offensiv: Bei seinem Konservativsein gehe es ihm um ein Lebensgefühl, nicht um eine politische Haltung, sagt er ausdrücklich. In <em>Wir sind die Mehrheit</em> stützt sich Harald Welzer zwar auf Argumente und Zahlen, doch letztlich appelliert auch er an unsere Gefühle. Im Gegensatz zu Greiner jammert Welzer nicht: Er haut mit der Faust auf den Tisch. Er ist empört über den Angriff auf die Demokratie von rechts, zugleich will er uns schon im Titel seiner Kampfschrift beruhigen: <em>Wir sind die Mehrheit</em>. Während die Rechten an die Angst appellieren, appellieren die Linken an die Zuversicht. Heribert Prantl schreibt am Ende seiner <em>Gebrauchsanweisung für Populisten</em> gar: &#8222;Es gibt eine Pflicht zur Zuversicht.&#8220;</p>
<h3>Linke Erbauungsliteratur</h3>
<p>Ich zähle mich in diesem Wir/Sie-Schema zu den Linken, und ich muss zugeben, dass mir der Appell an die Zuversicht guttut, ebenso die Passagen, in denen der deutsche Herbst des Jahres 2015 als Erfolgsgeschichte erzählt wird, wie bei Harald Welzer:</p>
<blockquote><p>Eine Gesellschaft gerät unter Stress, und die Bürgerinnen und Bürger überlegen nicht lange, sondern kommen spontan ihrer Verantwortung nach, organisieren praktische Hilfe, sammeln Kleider und Geld und machen darüber hinaus etwas ganz und gar Unglaubliches: Sie heißen die Ankommenden willkommen, demonstrativ, human, menschenfreundlich.</p></blockquote>
<p>Genau so habe ich es auch selbst erlebt, als im Dezember 2015 in der Turnhalle in meiner Straße im Prenzlauer Berg über Nacht 200 Flüchtlinge <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/fluechtlinge-in-berlin-endlich-sind-sie-da.1005.de.html?dram:article_id=340400" target="_blank" rel="noopener">einquartiert</a> wurden. Trotzdem hatte ich fast vergessen, dass man es so sehen kann. Offenbar hat die Angst-Rhetorik von rechts außen auch mich erreicht.</p>
<p>Wie würde ich diese Bücher lesen, wenn ich auf der anderen Seite stünde? Diese Frage begleitet mich ständig, wenn ich „linke Erbauungsliteratur“ lese. Taugen diese Bücher zum Dialog zwischen dem Wir und dem Sie? Herfried und Marina Münkler haben mit <em>Die neuen Deutschen</em> ein politisch engagiertes Buch geschrieben, in ihrem Erzählen und Erklären bleiben sie jedoch betont sachlich. Auch Heribert Prantl verzichtet in seiner <em>Gebrauchsanweisung für Populisten</em> auf Freund-Feind-Rhetorik.</p>
<h3>Die Faust auf dem Stammtisch</h3>
<p>Harald Welzer geht in <em>Wir sind die Mehrheit</em> einen Schritt weiter. Er ist kein Elfenbeinturm-Wissenschaftler, sondern mischt sich ein. Mit seiner Stiftung <a href="https://futurzwei.org/" target="_blank" rel="noopener">„Futur Zwei“</a> und der <a href="https://www.die-offene-gesellschaft.de/" target="_blank" rel="noopener">„Initiative Offene Gesellschaft“</a> engagiert er sich für den politischen Wandel. Dies merkt man seiner Polemik an. Als rechte Leserin müsste ich mir die Anrede „Menschenfeind“ gefallen lassen und noch einiges mehr. „Ekelhaft, wirklich. Versagt in der ersten Prüfung. Sollte das Europa, das europäische Projekt sein?“, heißt es etwa über Europas Umgang mit den Flüchtlingen. Die Faust saust auf den Stammtisch, um den wir Leser so einig versammelt sitzen.</p>
<p>Genau darin besteht die Schwäche aller Erbauungsliteratur: Sie wendet sich an die Bekehrten. Ein politisches Buch dagegen will verändern, was es beschreibt, deshalb verwahren sich Herfried und Marina Münkler gegen das Erbauliche. Wenn ein Buch politisch wirken soll, muss es auch für Gegenseite lesbar sein. Womit noch lange nicht gesagt ist, ob die Gegenseite es überhaupt zur Kenntnis nehmen wird.</p>
<p>Harald Welzer bringt durchaus Argumente und Zahlen, mit denen sich die Gegenseite auseinandersetzen müsste. Er verweist etwa auf die Situation nach 1945 in der BRD: 8 Millionen Binnenflüchtlinge und 12 Millionen Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten, während in Europa bei der Flüchtlingskrise von 2015 auf 510 Millionen EU-Bürger nur 1 Million Flüchtlinge kommt. „Stellen Sie sich einen Saal vor, in dem 510 Menschen sind, und zwei oder drei kommen dazu.“ Welzer erinnert daran, dass „die Offene Gesellschaft“ (durchweg mit großem O geschrieben) „die zivilisierteste Form von Gesellschaft“ sei, die es in der Menschheitsgeschichte je gegeben habe.</p>
<blockquote><p>Ich und alle anderen meiner Generation, die das Glück hatten, im reichen Westen aufzuwachsen, haben ein halbes Jahrhundert lang auf das Prächtigste von all dem profitieren dürfen, was andere zuvor geschaffen haben.</p></blockquote>
<p>Das ist nicht neu, doch wir vergessen es jeden Tag aufs Neue. Es müsste die Rechten interessieren, dass sie den Dschihadisten ähnlich sind: Beide verachten Demokratie und Pluralismus, beide trennen die Menschen in Freund und Feind, sie operieren mit Angst, Manipulation und Ausgrenzung. Und sie brauchen einander.</p>
<blockquote><p>Sie bauen sich gegenseitig die Bühne, auf der sie sich dann als die Retter vor den jeweils anderen inszenieren können.</p></blockquote>
<h3>Dialog oder Herrschaft?</h3>
<p>In der Danksagung am Ende des Texts wendet sich Welzer an „unsere Offene-Gesellschaft-Gemeinde“. Die Formulierung ist verräterisch, sie passt zu gut zum predigenden Ton, als dass man sie als Unachtsamkeit durchgehen lassen dürfte. Geht es, bei allen Argumenten und Zahlen, also letztlich doch um Glaubenssätze? Um in sich geschlossene Weltbilder, die keinen Dialog zulassen? Er sei überzeugt, so Welzer, „dass man rechte Demokratiefeinde nicht mit Verständnis und Dialog bekämpfen kann, sondern nur mit Haltung, Konfliktbereitschaft, Eintreten für die Demokratie&#8220;. Geht es um Dialog oder um Herrschaft? Verständigen wir uns mit der Gegenseite über die Wirklichkeit, oder suchen wir nach Strategien, wie wir diese Gegenseite ausschalten? Erbauungsliteratur lebt vom Wir gegen Sie, und damit reproduziert sie die Spaltung, gegen die sie ankämpft. Auch wenn ich mich in diesem widerspruchsfreien Raum aufgehoben fühle und mich durch Zeilen nicke, es hat etwas von einer Notversorgung für die geschundene linke Seele. Wirkungsvoller jedoch ist eine politische Essayistik, die ihre Leserschaft auf produktive Weise verunsichert.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zu den Büchern</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"></div></div><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Herfried und Marina Münkler<br />
<strong>Die neuen Deutschen</strong><br />
Ein Land vor seiner Zukunft<br />
Rowohlt 2016 · 336 Seiten · 19,95 Euro<br />
ISBN: 978-3-87134-167-0<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3871341673/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12723" data-permalink="https://tell-review.de/identifikationslektuere-fuer-zeitgenossen/u1_xxx-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?fit=1512%2C2469&amp;ssl=1" data-orig-size="1512,2469" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;U1_XXX.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?fit=631%2C1030&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12723 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=184%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="184" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=768%2C1254&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=631%2C1030&amp;ssl=1 631w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=1300%2C2123&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?resize=300%2C490&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/04/muenkler_cover_978-3-87134-167-0.jpg?w=1512&amp;ssl=1 1512w" sizes="auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a></div></div></div><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Harald Welzer<br />
<strong>Wir sind die Mehrheit</strong><br />
Für eine Offene Gesellschaft<br />
S. Fischer 2017 · 128 Seiten · 8,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-596-29915-7<br />
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Heribert Prantl<br />
<strong>Gebrauchsanweisung für Populisten</strong><br />
Ecowin 2017 · 64 Seiten · 14,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-71100-130-6<br />
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn<br />
<strong>Mit Rechten reden</strong><br />
Ein Leitfaden<br />
Klett-Cotta 2017 · 183 Seiten · 14,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-60896-181-2<br />
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</div></div><br />
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Ulrich Greiner<br />
<strong>Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen</strong><br />
Rowohlt Verlag 2017 · 160 Seiten · 19,95 Euro<br />
ISBN: 978-3-49802-536-6<br />
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</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3498025368/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="11235" data-permalink="https://tell-review.de/unheilige-allianzen/u1_978-3-498-02536-6-indd/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?fit=1506%2C2469&amp;ssl=1" data-orig-size="1506,2469" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;U1_978-3-498-02536-6.indd&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="U1_978-3-498-02536-6.indd" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?fit=628%2C1030&amp;ssl=1" class="wp-image-11235 size-medium aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=183%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="183" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=183%2C300&amp;ssl=1 183w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=768%2C1259&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=628%2C1030&amp;ssl=1 628w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=1300%2C2131&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?resize=300%2C492&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/09/Greiner_Cover.jpg?w=1506&amp;ssl=1 1506w" sizes="auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a></div></div></div><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Erhard Eppler<br />
<strong>Trump &#8211; und was tun wir? Der Antipolitiker und die Würde des Politischen</strong><br />
Dietz Verlag 2018 · 128 Seiten · 12,90 Euro<br />
ISBN: 978-3801205294<br />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
Beitragsbild: William Henry Fox Talbot, "Die Lektüre", 1841<br />
(ImageZeno.org, ID number 20001905376) [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Talbot,_William_Henry_Fox_-_%C2%BBDie_Lekt%C3%BCre%C2%AB_(Zeno_Fotografie).jpg">via Wikimedia Commons</a><br />
Buchcover: Verlage</h6>
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		<title>Magische Fluchten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jan 2018 11:56:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
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					<description><![CDATA[Der pakistanische Autor Mohsin Hamid hat mit „Exit West“ einen surrealistisch gefärbten Zeitroman geschrieben: Zwei Liebende fliehen aus ihrem muslimischen Heimatland – und landen in einem utopischen Großbritannien.

]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">I</span>n <em>Exit West</em> erzählt der Pakistaner Mohsin Hamid eine Liebesgeschichte, der nach und nach die Liebe ausgetrieben wird von Krieg, Gewalt sowie religiösem und nationalem Fanatismus. Am Ende trennen sich Nadia und Saeed in Freundschaft, die Unterschiede zwischen ihnen haben sich als zu groß erwiesen. Oder wurden sie zu groß durch die extremen Erfahrungen, denen sie auch durch die Flucht ins westliche Ausland nicht entkommen konnten?</p>
<p>Beide gehören zur jungen Elite ihres nicht genannten muslimischen Landes. Die säkulare und emanzipierte Nadia wohnt allein und fährt mit dem Motorrad zur Arbeit. Über Jeans und T-Shirt trägt sie ein weites schwarzes Gewand, aber nur, um sich vor aggressiven Männern zu schützen. Saeed dagegen betet oft, er sucht Halt in Traditionen und bei Autoritäten. Sex kommt für ihn, anders als für Nadia, erst nach der Heirat in Frage.</p>
<h3>Geheimnisvolle Türen</h3>
<p>Doch an eine Vermählung ist nicht zu denken. Überall in der Heimatstadt der beiden Liebenden lagern Flüchtlinge; militante Extremisten verüben wahllos Anschläge und destabilisieren das Land. Der Strom wird rationiert, in den Straßen patrouillieren Soldaten. Nachdem Saeeds Mutter von einem verirrten Projektil der Kopf zerrissen wurde, verlässt Nadia widerstrebend ihre Wohnung und zieht zu ihrem Geliebten. Die Extremisten übernehmen die Macht. Menschen verschwinden spurlos, der Alltag wird zum Dschungel. Nadia und Saeed beschließen zu fliehen, Saeeds Vater will beim Grab seiner Frau bleiben, traurig lassen sie ihn zurück. Ein Schlepper führt sie zu einer der geheimnisumwitterten Türen, durch die allein das Land noch zu verlassen ist.</p>
<p>Diese Türen sind ein fantastisches Element in dem ansonsten realistischen und lakonischen Roman Mohsin Hamids. Die lebensgefährliche Flucht interessiert ihn nicht. Er lässt sein Paar erst auf Mykonos, dann in London und schließlich in der Nähe von San Francisco aus der magischen Tür treten. In der Hauptstadt Großbritanniens besetzen die Flüchtlinge die leerstehenden Häuser reicher Leute. Die Polizei isoliert die Straßenzüge und trennt sie dann vom Handy- und Stromnetz. Nationalisten brechen marodierend ein, es gibt Tote. Doch die von Nadia und Saeed befürchteten kriegerischen Auseinandersetzungen bleiben aus: Großbritannien entwickelt Steuermodelle für die Flüchtlinge und bietet ihnen Wohnungen im Tausch gegen Arbeit.</p>
<h3>Der Drohnenblick des Erzählers</h3>
<p>Noch einmal also überrascht der Roman: Auf das fantastische Element folgt die Utopie. Sie fußt nicht auf der Liebe, Nadia und Saeed leben sich zunehmend auseinander. Hamid ist kein romantischer Autor. Sein lakonischer Ton ist zwar voller Mitgefühl, doch um Gefühle schert er sich nicht. Die Figuren handeln nicht, sie werden nur skizziert. Es herrscht – die äußeren Umstände sind drängend dominant – der Drohnenblick des allwissenden, nichtpsychologischen Erzählers vor. Persönlichkeiten sind für ihn, so heißt es in einer seiner wenigen Reflektionen, nur „beleuchtete Leinwände“, beschienen von der jeweiligen Umgebung.</p>
<p><em>Exit West</em> ist ein Zeitroman, der es mit arg vielen aktuellen Themen aufnimmt, Migrationsursachen werden mit Liebe sowie surrealistischen wie utopischen Elementen verquirlt. Fesselnd sind dem Autor allerdings einige knappe, rätselhafte Passagen gelungen: Flüchtlinge taumeln aus Schranktüren in fremde Schlafzimmer, verharren kurz beim Blick auf eine ruhig Schlafende und ziehen weiter ins Ungewisse.</p>
<p>Mit prallen, funkelnden Geschichten (<em>Der Fundamentalist, der keiner sein wollte</em>, <em>So wirst du stinkreich im boomenden Asien</em>) hatte Mohsin Hamid, der nach einem Studium in Harvard und Princeton sowie Aufenthalten in New York und London wieder in seiner pakistanischen Heimatstadt Lahore lebt, bisher zu Recht großen Erfolg. Doch <em>Exit West</em> lässt einen manchmal wünschen, er hätte dieses Mal keinen Roman, sondern einen wütenden Essay geschrieben.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Mohsin Hamid<br />
<strong>Exit West</strong><br />
Roman · Aus dem Englischen von Monika Köpfer<br />
DuMont 2017 · 222 Seiten · 22 Euro<br />
ISBN: 978-3-8321-9868-8<br />
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</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="11952" data-permalink="https://tell-review.de/magische-fluchten/cover_hamid_exit-west/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/01/Cover_Hamid_Exit-West.jpg?fit=514%2C800&amp;ssl=1" data-orig-size="514,800" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Hamid_Exit West" data-image-description="&lt;p&gt;Mohsin Hamid&lt;br /&gt;
Exit West&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;br /&gt;
Du Mont&lt;/p&gt;
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</div></div></p>
<hr />
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		<title>Vom Glück, sich häuten zu dürfen</title>
		<link>https://tell-review.de/vom-glueck-sich-haeuten-zu-duerfen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jun 2017 08:29:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[Ilija Trojanows "Nach der Flucht" ist eine Collage aus Gedanken, Aphorismen und Geschichten. Wir hören Stimmen, die davon erzählen, wie man sich nach der Flucht neu einrichtet in der Welt. Auf die Widersprüche, die dabei sichtbar werden, kann sich jeder Leser selbst einen Reim machen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er Migrant Ilija Trojanow gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache. 1971 kam er als Sechsjähriger mit seinen Eltern aus Bulgarien, zuerst nach Deutschland, dann nach Kenia, wo der Vater eine Arbeitsstelle fand. Später lebte er unter anderem in Bombay, heute in Wien. Sein Buch <em>Nach der Flucht</em> ist seinen Eltern gewidmet, „die mich mit der Flucht beschenkten“.</p>
<h3>Was ist Flucht, was Heimat?</h3>
<p><em>Nach der Flucht</em> ist weder Essay noch Erzählung, sondern eine Sammlung von Bewusstseinssplittern. Die Zeugnisse und Gedanken dieser Collage stammen aus weit verstreuten Quellen. In kurzen Kapiteln – manchmal ist es nur ein Satz – sehen wir in Köpfe, wir hören Stimmen von Flüchtlingen, manchmal ist es wohl auch der Autor selbst, der seine Erfahrung weitergibt, ohne dass dies besonders gekennzeichnet wäre. Im Hintergrund dieser Einwürfe stehen die Fragen unserer Zeit. Es sind Fragen, die jeder Mensch anders beantwortet. Was bedeutet Flucht, was Heimat? Was für Folgen hat die Flüchtlingskrise für die Welt, in der wir leben? Und in welcher Welt leben wir überhaupt?</p>
<p>Bei Trojanow erscheint diese Welt nicht als ein Ort des Mangels und des Wettkampfs, sondern als Ort der Fülle und der Gemeinschaft, Flucht erscheint nicht nur als Schicksal und Verhängnis. Die Rede ist vom „Glück, sich häuten zu dürfen“, und das Fremde ist eine Ressource.</p>
<blockquote><p>Die Gefahr ist nicht, dass wir überfremdet werden, sondern dass uns die Fremde ausgeht.</p></blockquote>
<p>Eine solche unausgesprochene Weltsicht nennt man heute „frame“. Wie die Linguistin <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/sprachforscherin-elisabeth-wehling-wir-gehen-trump-immer-noch-auf-den-leim/19345710.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Elisabeth Wehling</a> darlegt, können wir die Welt gar nicht wahrnehmen ohne Deutungsrahmen: Ob wir uns Autoritäten unterordnen oder Freiheit fordern, ob wir ein Bedürfnis nach Grenzen haben oder Offenheit wünschen, hängt etwa damit zusammen, ob wir die Welt als einen feindlichen oder einen freundlichen Ort wahrnehmen.</p>
<h3>Das Potenzial der Flucht</h3>
<p>Der Deutungsrahmen, den Trojanow uns in seiner Stimmensammlung anbietet, steht in markantem Gegensatz zu der Weltsicht der gegenwärtigen US-Regierung, die von zwei Beratern des US-Präsidenten in einem <a href="https://www.wsj.com/articles/america-first-doesnt-mean-america-alone-1496187426">Gastkommentar</a> des Wall Street Journal so formuliert wird: „Der Präsident hat seine erste Auslandsreise mit der klaren Haltung angetreten, dass die Welt keine ‚globale Gemeinschaft‘ ist, sondern vielmehr eine Arena, in der Staaten, Nicht-Regierungs-Akteure und Firmen um ihren Vorteil kämpfen. […] Wir ziehen es vor, diese grundlegende Natur internationaler Beziehungen zu bejahen, anstatt sie zu leugnen.“</p>
<p>Obwohl Trojanow gegen die Ignoranz anschreibt, mit der wir den Geflüchteten oft begegnen, verfällt er nicht ins Predigen. Das ist das Besondere an diesem schmalen, dialektisch angelegten Buch, das im ersten Teil „von den Verstörungen“ handelt, im zweiten „von den Errettungen“. Auf die Zumutung der Flucht folgt die Frage nach ihrem Potenzial. Allein durch seine fragmentarische Form zeigt das Buch bereits, dass die Wirklichkeit kompliziert ist und die Dinge nicht sind, wie sie scheinen.</p>
<blockquote><p><em>Geh zurück, wo du hergekommen bist!</em> Würde der Geflüchtete diesen Satz ernst nehmen, müsste er in die Vergangenheit reisen. […]</p></blockquote>
<blockquote><p>Gelegentlich begegnet der Flüchtling Menschen, die Angst vor ihm haben. Er würde sie gern berühren, ihren Arm ergreifen oder seine Hand auf ihre Schulter legen und ihnen zuflüstern: Aber ich bin doch derjenige, der Angst hat. […]</p></blockquote>
<blockquote><p>Das Leben nach der Flucht ist für manchen wie Schrumpfen, wie Verschwinden. <em>In dieser Fremde sterbe ich, und du merkst es nicht…</em> Ein Ausharren im Wartesaal der Wiedergeburt.</p></blockquote>
<h3>Widersprüche sichtbar machen</h3>
<p>Neben solchen Aphorismen, Gedanken und anonymen Erzählfragmenten begegnen wir Zitaten aus Zeitungen und Büchern.</p>
<blockquote><p>Unsere Heimat ist da, wo wir gern gesehen sind, wo wir Arbeit und Brot finden.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Ein alter Schuster, in: Ré Soupault, Katakomben der Seele</h6>
<blockquote><p>Wer bin ich?<br />
Das ist eine Frage, die andere stellen.<br />
Ich bin meine Sprache.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Mahmud Darwisch</h6>
<blockquote><p>But if you believe you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Theresa May in einer Grundsatzrede im Oktober 2016</h6>
<p>Was bedeutet Theresa Mays Absage an das Weltbürgertum? Der Weltbürger Trojanow enthält sich eines Kommentars. Er macht in seiner disparaten Sammlung von Gedachtem und Gesagtem die Widersprüche sichtbar, und er überlässt es den Lesern, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Er hat es dabei gar nicht nötig, an unsere Menschlichkeit zu appellieren. Wir erkennen uns wieder in den Stimmen, die davon erzählen, wie man sich nach der Flucht neu einrichtet in der Welt.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Ilija Trojanow<br />
<strong>Nach der Flucht</strong><br />
S. Fischer 2017 · 125 Seiten · 15 Euro<br />
ISBN: 978-3103972962<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3103972962/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener noreferrer">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783103972962" target="_blank" rel="noopener noreferrer">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" class="ydzilzonqmdqucicrimf jebtvmgffkitmfgtodfu" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="10304" data-permalink="https://tell-review.de/vom-glueck-sich-haeuten-zu-duerfen/cover-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?fit=715%2C1181&amp;ssl=1" data-orig-size="715,1181" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?fit=624%2C1030&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-10304" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover-182x300.jpg?resize=182%2C300" alt="" width="182" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?resize=48%2C80&amp;ssl=1 48w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?resize=624%2C1030&amp;ssl=1 624w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?resize=300%2C496&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/06/Cover.jpg?w=715&amp;ssl=1 715w" sizes="auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Neuenkirchen_(LH)_-_KL_-_ankommen_%26_bleiben_02_ies.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„ankommen &amp; bleiben“</a>, Skulptur von Rupprecht Matthies im Projekt Kunst-Landschaft des Kunstvereins Springhornhof in Neuenkirchen<br />
Von Frank Vincentz<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><span class="cc-license-identifier">CC BY-SA 3.0</span></a></h6>
]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Die Zukunft vor Augen</title>
		<link>https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2016 14:24:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellungen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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					<description><![CDATA[Heike Steinweg wagt mit ihrer Ausstellung „Frauen im Exil“ einen Blick hinter die Fassade der gängigen Opferrhetorik. In ihren Porträts schauen uns geflüchtete Frauen ins Gesicht. Sie erzählen uns, was es bedeutet, im Exil zu leben.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie Frauen erwarten kein Mitleid, sondern eine Begegnung von gleich zu gleich. Krieg, Gewalt und Flucht haben sie nicht gebrochen. Mit ihrer Ausstellung <em>Frauen im Exil</em> im Tempelhof Museum (bis zum 15. Januar 2017) fordert uns die Fotografin <a href="http://www.heikesteinweg.de/" target="_blank">Heike Steinweg</a> dazu auf, Flüchtlinge und insbesondere geflüchtete Frauen nicht als Opfer zu betrachten, sondern als Menschen mit Gefühlen und Träumen, auch jenseits der Erfahrung von Angst, Gewalt, Flucht und Tod. Frau sein bedeutet, Leben hervorzubringen, und dank dieser naturgegebenen Macht sind Frauen vielleicht stärker als Männer mit dem Wissen verbunden, dass die Zukunft besser werden kann, wenn man es will.</p>
<p>So, wie Heike Steinweg diese Frauen fotografiert hat, strahlen sie Macht und Handlungsfähigkeit aus, einige vermögen es sogar, ihren Peinigern zu verzeihen. Fadwas Blick ist direkt und ernst, fast einschüchternd.</p>
<hr />
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/FadwaCSteinweg.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5952" data-permalink="https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/fadwacsteinweg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/FadwaCSteinweg.jpg?fit=1535%2C2307&amp;ssl=1" data-orig-size="1535,2307" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;3.2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Heike Steiweg&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1469206425&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Heike Steinweg www.heikesteinweg.de&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;1000&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.00625&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="fadwacsteinweg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&lt;/p&gt;
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<p><strong>Fadwa</strong>:<em><br />
</em>&#8222;Es geht um Vergebung. Ich möchte, dass keine Mutter mehr ihren Sohn verliert, keine Schwester ihren Bruder, keine Tochter ihren Vater und keine Ehefrau ihren Mann. Nur wenn wir einander vergeben, können wir uns versöhnen und unser Land wiederaufbauen.&#8220;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<p>Die Bilder verraten uns nicht, woher die Frauen kommen. Zu jeder Fotografie gibt es einen Text: Die Frauen sprechen uns an, und sie sagen uns, dass das Leben auch unter den schwierigsten Umständen gut sein kann, solange wir nur eine Zukunft vor Augen haben.</p>
<hr />
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/AskaluCSteinweg.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5954" data-permalink="https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/askalucsteinweg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/AskaluCSteinweg.jpg?fit=1535%2C2301&amp;ssl=1" data-orig-size="1535,2301" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;3.5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Heike Steiweg&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;CORPORATION&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1470654899&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Heike Steinweg www.heikesteinweg.de&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;800&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.008&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="askalucsteinweg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&lt;/p&gt;
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<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Askalu</strong>:<em><br />
</em>&#8222;Auf der Überfahrt von Libyen hatten wir vier Tage lang nichts zu essen. Aber es war nicht schlimm, ich habe keinen Hunger gespürt, weil ich Europa vor Augen hatte.&#8220;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h4>Wenn die Heimat nicht mehr sicher ist</h4>
<p>Heike Steinweg fordert uns mit ihrer Ausstellung dazu auf, aktiv zu werden. Zwei große Alben liegen auf dem Tisch, sie enthalten keine Fotos, sondern Texte auf Deutsch, Englisch und Arabisch, von Hand geschrieben, manche umfassen viele Seiten. Man sollte Zeit und Mut mitbringen, sie zu lesen.</p>
<p>Hier findet man die biografischen Angaben, auf die Heike Steinweg bei den Porträts verzichtet, weil sie uns die Frauen als Menschen zeigen will, unabhängig von ihrem Schicksal. In dem Buch berichten die Frauen über die Reise nach Deutschland, sie erzählen von Grausamkeiten und Gefängnis, aber auch von der Hoffnung, endlich in Sicherheit zu gelangen. Unter ihnen finden sich Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und auch Journalistinnen. Die syrische Schriftstellerin Kefah Ali Deeb schreibt über die Bedeutung von Heimat:</p>
<hr />
<p><strong>Kefah Ali Deeb</strong>:<a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5971" data-permalink="https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/kefah_ali_deebcsteinweg-2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?fit=1535%2C2307&amp;ssl=1" data-orig-size="1535,2307" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;3.2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Heike Steiweg&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;CORPORATION&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1464096543&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Heike Steinweg www.heikesteinweg.de&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;800&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.008&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="kefah_ali_deebcsteinweg" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?fit=685%2C1030&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-5971 alignright" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1-200x300.jpg?resize=200%2C300" alt="kefah_ali_deebcsteinweg" width="200" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=768%2C1154&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=685%2C1030&amp;ssl=1 685w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=1200%2C1804&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=1300%2C1954&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?resize=300%2C451&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/Kefah_Ali_DeebCSteinweg-1.jpg?w=1535&amp;ssl=1 1535w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a></p>
<p>&#8222;Heimat ist das Gefühl der Verantwortung gegenüber einer bestimmten Geografie und das Bedürfnis, sie zu verteidigen und ein schöneres Bild von ihr zu gestalten, auch während sie in der Hölle des Krieges steckt.&#8220;</p>
<h4></h4>
<hr />
<h4>Die Frauen sind uns näher, als wir denken</h4>
<p>Heike Steinweg ist es wichtig, diese Texte auch auf Arabisch zur Verfügung zu stellen: Die Texte sollen Flüchtlinge ermutigen, die sich die Ausstellung anschauen. Unter den Blicken der lebensgroß porträtierten Frauen blättern wir in dem Buch und erfahren, was es bedeutet, im Exil zu sein.</p>
<hr />
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/HendCSteinweg.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5953" data-permalink="https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/hendcsteinweg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/HendCSteinweg.jpg?fit=1535%2C2307&amp;ssl=1" data-orig-size="1535,2307" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;3.2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Heike Steiweg&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;CORPORATION&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1471182378&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Heike Steinweg www.heikesteinweg.de&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;320&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.005&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="hendcsteinweg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&lt;/p&gt;
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<p><strong>Hend</strong>:<br />
&#8222;Im Exil lebe ich meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur selben Zeit. Meine Vergangenheit zieht mich mit aller Macht zurück und will, dass ich ihre Gefangene bleibe – das macht mir nichts aus, denn es gibt mir ein warmes Gefühl, auch wenn es nicht echt ist. &#8230; Ich erinnere mich ständig, wie meine Mutter mich, als wir auf dem Todesboot waren (so werden sie genannt), auf Trab hielt, um am Leben zu bleiben, und mich das Wasser aus dem Boot schöpfen ließ &#8230; Nun bin ich also hier &#8230; und versuche, die Sehnsucht aus meiner Seele zu schöpfen &#8230; versuche, stark zu sein &#8230; und hoffe zu leben &#8230; zu arbeiten &#8230; es zu schaffen &#8230; zu lieben.&#8220;</p>
<hr />
<p>Die meisten dieser Texte sind nicht digital erfasst, man kann sie nicht mitnehmen oder reproduzieren. Und so sind wir in dieser Ausstellung selbst wie Flüchtlinge: Wir können nur das Wesentliche mitnehmen, unsere Erinnerungen und Gefühle. <em>Ich habe mich nicht verabschiedet</em> lautet der Titel der Ausstellung, und wenn wir die Texte lesen, im Buch oder unter den Fotografien, spüren wir, dass diese Frauen uns näher sind, als wir denken.</p>
<p>A. dreht uns in ihrem Porträt den Rücken zu, wir erfahren keinen Namen und sehen kein Gesicht, sondern nur langes dunkles Haar. Sie spricht für alle:</p>
<hr />
<p><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5960" data-permalink="https://tell-review.de/die-zukunft-vor-augen/a-csteinweg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?fit=1535%2C2307&amp;ssl=1" data-orig-size="1535,2307" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Heike Steiweg&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;\u0080&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;No image is to be published copied duplicated modified or redistributed in whole or part without the prior written permission from Heike Steinweg, only in in Context with the exhibition  Ich habe mich nicht verabschiedet | FRAUEN IM EXIL&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1466108653&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Heike Steinweg www.heikesteinweg.de&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;2000&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.008&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="a-csteinweg" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?fit=685%2C1030&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-5960 alignright" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg-200x300.jpg?resize=200%2C300" alt="a-csteinweg" width="200" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=768%2C1154&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=685%2C1030&amp;ssl=1 685w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=1200%2C1804&amp;ssl=1 1200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=1300%2C1954&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?resize=300%2C451&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/11/A.CSteinweg.jpg?w=1535&amp;ssl=1 1535w" sizes="auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><br />
<strong>A.:</strong><br />
&#8222;Ich möchte über meine Gefühle sprechen, meine Gefühle sind universell und jeder kann sie verstehen. Es kommt nicht auf mein Gesicht an, nicht auf meine Nationalität, nicht auf meine Religion und nicht auf meine Hautfarbe. Aber meine Gefühle kann jeder verstehen, meine Traurigkeit darüber, dass ich nicht mehr in meine Heimat zurück kann.&#8220;</p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<hr />
<h6 style="text-align: right;"></h6>
<h6 style="text-align: left;"><em>Heike Steinwegs Ausstellung „Ich habe mich nicht verabschiedet. Frauen im Exil“ ist bis zum 15.1. 2017 im Tempelhof Museum zu sehen. Alt-Mariendorf 43, 12107 Berlin.<br />
Mo bis Do 10–18 Uhr, Fr 10–14 Uhr, So 11–15 Uhr, am ersten Mittwoch im Monat und an Feiertagen geschlossen. Eintritt frei</em></h6>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: &#8222;Kefah Ali Deeb&#8220; © <a href="http://www.heikesteinweg.de/" target="_blank">Heike Steinweg</a></em><em><br />
<em> Portraitfotografien: &#8222;A.&#8220;, &#8222;Askalu&#8220;, &#8222;Fadwa&#8220;, &#8222;Hend&#8220;, &#8222;Kefah Ali Deeb&#8220; © Heike Steinweg </em></em></h6>
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		<title>In der ganzen Welt verstreut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Oct 2016 09:35:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Irak]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Film "Iraqi Odyssey" erzählt der Schweizer Regisseur Samir die weltumspannende Saga seiner irakischen Familie. Wie filmt man die eigene Familie? Und warum kommen so vielen Menschen die Tränen, wenn sie "Iraqi Odyssey" sehen? Ein Interview mit Samir.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Als Achtjähriger kam der irakisch-schweizerische Regisseur Samir mit seiner Familie 1963 in die Schweiz. Der Film <em>Iraqi Odyssey</em> erzählt die Geschichte einer arabischen Mittelstandsfamilie, deren Mitglieder in den Fünfzigerjahren nicht ahnten, dass sie aus Bagdad würden fliehen müssen. Ihre Geschichte steht zugleich exemplarisch für die vier Millionen Iraker, die heute im Exil leben.<br />
Dieser epochale Film hat überraschend wenig Wellen geschlagen. Die Geschichte seiner Veröffentlichung spiegelt die Widersprüche unserer Zeit im Umgang mit den Flüchtlingen. Ursprünglich hätte<em> Iraqi Odyssey</em> im September 2015 in die deutschen Kinos kommen sollen. Doch der Start musste verschoben werden, denn angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise gab es wenig Interesse für einen Film, der die Geschichte der Emigration der letzten fünfzig Jahre erzählt. Im Januar 2016, als der Film dann tatsächlich in die Kinos kam, waren es die Ereignisse von Köln, die die Öffentlichkeit in Atem hielten.<br />
<strong>Am Dienstag, den 1. November 2016 ist der Regisseur Samir mit <em>Iraqi Odyssey</em> zu Gast in der <a href="http://www.adk.de/de/programm/?we_objectID=56028" target="_blank">Akademie der Künste</a> (Hanseatenweg).<br />
Filmvorführung: 19:00, im Anschluss Gespräch von Samir und Rüdiger Suchsland.</strong></div></div></p>
<p><div id="attachment_5467" style="width: 910px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5467" data-attachment-id="5467" data-permalink="https://tell-review.de/in-der-ganzen-welt-verstreut/io_picknick/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/IO_Picknick.jpg?fit=1671%2C760&amp;ssl=1" data-orig-size="1671,760" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="io_picknick" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Picknick im Irak&lt;/p&gt;
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<p><em><strong>Sieglinde Geisel:</strong> Sie haben in „Iraqi Odyssey“ die Geschichte Ihrer eigenen Familie verfilmt. Wie kam es dazu?</em><br />
<strong>Samir</strong>: Im Jahr 2002 hatte ich den Film <a href="https://www.amazon.de/Forget-Baghdad-Shimon-Ballas/dp/B0016LX6SU/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1477870521&amp;sr=8-1&amp;keywords=Forget+Baghdad" target="_blank"><em>Forget Baghdad</em> </a>gedreht. Er handelt von den jüdischen Kommunisten des Irak, von denen mir mein Vater erzählt hatte. Danach blickte ich jeden Morgen in den Spiegel und dachte: Warum machst du einen Film über die Juden im Irak – warum nicht über deine Familie? Das war ja die Generation meiner Eltern: Meine Onkel und Tanten hatten ihr Leben für einen modernen, säkularen, demokratischen Irak eingesetzt – und sie haben diesen Kampf verloren. <em>Iraqi Odyssey</em> ist eine Hommage an sie. Meine Verwandten sind heute in der ganzen Welt verstreut, doch durch die sozialen Medien sind wir enger miteinander verbunden als früher. Wir wissen mehr übereinander als damals, wo wir alle noch in Bagdad gelebt hatten.</p>
<p><em>Wie filmt man die eigene Familie?</em><br />
Es war ein Casting, wie bei einem normalen Film. Ich habe sechs Onkel und Tanten, 25 Cousins und Cousinen sowie deren Kinder, also eine große Auswahl an Darstellern. <em>Iraqi Odyssey</em> ist ein Mosaik aus vielen verschiedenen Geschichten, Sprachen und Menschen. Es ging darum, dass die Figuren den Fluss des Films weitertragen. Ich habe mich für vier Hauptfiguren entschieden. Sie leben in London, Auckland, Moskau und Buffalo. Als Angehörige der gebildeten Mittelklasse gehen sie mit dem Problem der Integration sehr spielerisch um.</p>
<p>
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</p>
<p><em>Warum kommt Ihre Mutter nicht vor?</em><br />
Das wäre ein eigener Film: Eine junge Frau aus der Schweiz geht Anfang der Fünfzigerjahre als Au-pair-Mädchen nach London, verliebt sich dort ausgerechnet in einen irakischen Intellektuellen der oberen Mittelklasse und folgt ihm nach Bagdad. In <em>Iraqi Odyssey</em> ist sie in den Erzählungen meiner Tanten präsent, ich fand diese arabische Sicht interessanter. Meine Mutter hatte sich im Irak perfekt integriert, auch mit uns Kindern sprach sie nicht schweizerdeutsch, sondern arabisch. Man sagte mir, sie käme aus Suizra, wo es hohe Berge mit Schnee gäbe, aber für mich unterschied sie sich einzig durch die etwas hellere Haut von den anderen. Vermutlich stammt der Schweizer Akzent in meinem Arabisch von ihr. Als wir Ende 1961 in die Schweiz emigrierten, war es für mich ein Schock, als sie auf einmal eine andere Sprache sprach, sie war wie ein Alien für mich.</p>
<h3>Emotionale Kälte in der Schweiz</h3>
<p><em>In den 1980er-Jahren kehrte Ihr Vater in den Irak zurück, wo er in den Wirren des Iran-Irak-Kriegs ums Leben kam. Seine sechs Geschwister waren ebenfalls emigriert, doch wie der Film zeigt, sind sie im Ausland glücklich geworden. Warum gelang Ihrem Vater das nicht?</em><br />
Durch die Volksabstimmungen gibt es in der Schweiz ein klar definiertes rassistisches Moment, deshalb erlebt man als Migrant in der Schweiz die Zurückweisung deutlicher als in anderen Ländern. Wir Migranten sitzen in einer Art Glashaus, während über uns verhandelt und abgestimmt wird. Das hat mein Vater irgendwann nicht mehr ertragen, obwohl auch er bestens integriert war.<br />
Die Schweiz steht beim Prozess der Individualisierung weltweit an der Spitze: Das soziale Moment, das den Menschen ausmacht, ist auf ein Minimum reduziert. Man ist sozusagen nur noch sich selbst, und so gibt es keine politische Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit mehr. Dies führt zu einer emotionalen Kälte, die meine Halbschwester Souhair nicht ausgehalten hat. Während des Irak-Kriegs war sie in die USA emigriert, doch sobald sie einen amerikanischen Pass hatte, kam sie zu uns nach Zürich. Sie blieb nur wenige Monate, heute lebt sie wieder in Bagdad.</p>
<p><em>Was ist Ihr eigenes Lebensgefühl heute, als 60-jähriger Sohn eines Immigranten? <img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5472" data-permalink="https://tell-review.de/in-der-ganzen-welt-verstreut/samir2/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?fit=656%2C750&amp;ssl=1" data-orig-size="656,750" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="samir2" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?fit=656%2C750&amp;ssl=1" class="size-medium wp-image-5472 alignright" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2-262x300.jpg?resize=262%2C300" alt="samir2" width="262" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?resize=262%2C300&amp;ssl=1 262w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?resize=70%2C80&amp;ssl=1 70w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?resize=300%2C343&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/Samir2.jpg?w=656&amp;ssl=1 656w" sizes="auto, (max-width: 262px) 100vw, 262px" /></em><br />
Ich weiß, dass ich in der Schweiz fast alles werden kann – aber immer nur Stellvertreter, niemals Chef. Als Nicht-Europäer gehört man nicht dazu. Aber dazu habe ich längst ein ironisches Verhältnis. Dann werde ich halt nicht Chef, so what! Auch im Irak kann ich nicht Chef werden, und wenn mir dort vorgeworfen wird, ich sei eurozentrisch, dann lache ich darüber ebenso.</p>
<p><em>Ist die Position des Außenseiters auch eine Ressource?</em><br />
Es ist die Frage, was man daraus macht. Man kann die Zurückweisung in Wut kanalisieren und behaupten, man sei jetzt fundamentalistischer Moslem und den Idioten des IS nachreisen – die westlichen Dschihadisten sind ja Kinder unseres eigenen Systems. Als junger Mann hatte ich eine enorme Wut. Ich sagte: „Ihr seid alle so dumm hier!“ Dann habe ich angefangen, die Situation zu analysieren, und daraus entstand dann mein erster Dokumentarfilm <em>Babylon 2</em>, in dem ich übrigens den Begriff des Secondo geprägt habe. Bei den Secondos stieß der Film auf Begeisterung, bei den Schweiz-Schweizern wurde er teils kritisch aufgenommen. Für jemanden, der die Erfahrung des Fremdseins im eigenen Land nicht gemacht hat, ist die Wirkung dieser Zurückweisung schwer zu verstehen. Ich kam 1963 als Achtjähriger in die Schweiz, und ich kannte die Populärkultur des Westens, doch dann musste ich feststellen, dass hier niemand die großen arabischen Sängerinnen kannte, die Musik und die Geschichten, mit denen ich aufgewachsen war. Es ist kränkend, wenn Menschen aus einer anderen Kultur trotz all ihrem Wissen über den Westen keine Einladung bekommen, sondern mit einer Herabminderung ihrer Geschichte, ihrer Lebenserfahrung konfrontiert sind. Auch darum geht es in <em>Iraqi Odyssey</em>.</p>
<h3>Verfremdungseffekte</h3>
<p><em>Als ich den Film an der Berlinale 2015 sah, heulte ich ständig, und ich war bei weitem nicht die einzige. Das ist mir noch bei keinem Film passiert. </em><br />
Auch ich heule, wenn ich im Publikum sitze. Bei mir ist es vor allem die Musik, die mich ergreift und die Verzweiflung darüber, dass man alles daransetzt, die Dinge zum Guten zu wenden und dieses menschliche Dasein dafür dann doch nicht ausreicht. Die Tragödie und der Verlust, gebrochen durch den Humor meiner Verwandten – das macht die Emotionalität dieses Films aus.<br />
Dabei wollte ich als Regisseur eine emanzipatorische Filmsprache entwickeln. Durch Verfremdungseffekte wie der Klappe vor der Kamera habe ich versucht, eine Brechtsche Distanz herzustellen, also zu zeigen, dass das gemacht ist, dass ich nicht die Realität zeige, sondern dass ich sie manipuliere. Auch die Entscheidung, den Film in 3D zu drehen, hat mit Distanzierung zu tun. Das Publikum muss eine Brille aufsetzen, und ich verwende Schrift, die ich ebenso wie die Archivbilder aus dem dreidimensionalen Raum löse. All das bricht mit unseren Sehgewohnheiten, aber zu meiner eigenen Verblüffung erzeugt es beim Zuschauer keine Distanz. Sobald wir vor der Kamera Menschen sehen, reagieren wir mit einer Empathie, die über das reflexiv Analytische hinausgeht. Das widerspricht meiner Absicht – gleichzeitig freut es mich, dass die emotionale Inbesitznahme der Seelen des Publikums stärker ist als meine konzeptionellen Überlegungen.</p>
<p><em>Was geschieht dabei?</em><br />
Das Wort Nostalgie ist heikel, wenn es um Kunst geht, aber ich glaube, genau darum handelt es sich. Nostalgie ist ein Gefühl, das sich nur zwischen drei Generationen einstellen kann. Die erste Generation hat eine Zeit aktiv erlebt, die zweite war jung genug, um daran teilzuhaben, die dritte kennt es als Erzählung und kann es weitergeben. Ich selbst gehöre zur dritten Generation. Im Film bin ich nicht nur als Regisseur präsent, ich erzähle aus dem Off auch meine eigene Geschichte. Die Nostalgie in <em>Iraqi Odyssey</em> ist eine subversive Waffe gegen alle, die diese Erinnerungen zerstören wollen.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Film auf DVD</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Samir<br />
<strong>Iraqi Odyssey</strong><br />
EuroVideo Medien 2016 · 163 Minuten · 14,99 Euro<br />
Freigegeben ab 12 Jahren<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/B01AOYLNBG/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow">Amazon</a> oder <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="http://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=44487570" target="_blank">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" src="http://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --></div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="5480" data-permalink="https://tell-review.de/in-der-ganzen-welt-verstreut/dvd-cover/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?fit=354%2C500&amp;ssl=1" data-orig-size="354,500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="dvd-cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?fit=354%2C500&amp;ssl=1" class="alignnone size-medium wp-image-5480" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover-212x300.jpg?resize=212%2C300" alt="dvd-cover" width="212" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?resize=212%2C300&amp;ssl=1 212w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?resize=57%2C80&amp;ssl=1 57w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?resize=300%2C424&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/10/DVD-Cover.jpg?w=354&amp;ssl=1 354w" sizes="auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;"><span style="text-decoration: underline;">Bilder:</span><br />
Screenshots aus <em>Iraqi Odyssey</em>. Mit Genehmigung des Rechteinhabers.</h6>
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		<title>Wo beginnt der Zynismus?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jun 2016 10:27:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Zentrum für politische Schönheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Zentrum für politische Schönheit will "die Gesellschaft mit sich selbst ins Gespräch bringen". Bei der Kunstaktion "Flüchtlinge fressen" wird jede Reaktion der Öffentlichkeit zum Teil der Inszenierung. Was und wer ist hier zynisch?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">W</span>arum kommen die Flüchtlinge eigentlich nicht mit dem Flugzeug?“ Am Geld kann’s nicht liegen.</p>
<p>Diese Kinderfrage weht über der Tiger-Arena vor dem Gorki-Theater. Sie ist uns abhanden gekommen, ohne dass wir es gemerkt haben. Daran, dass Flüchtlinge zu Fuß gehen, haben wir uns gewöhnt, irgendwie gehört das nun mal zu einer Flucht. Das Prinzip des Non-refoulement besagt, gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention, dass Kriegsflüchtlinge nicht zurückgewiesen werden dürfen. Doch dazu müssen sie die EU erst einmal erreichen. Hand aufs Herz: Wem von uns war bewusst, dass es seit 15 Jahren ein Gesetz gibt, dessen Zweck darin besteht, dem Non-refoulement durch ein Beförderungsverbot zuvorzukommen?</p>
<p>Mit seiner Tiger-Agitprop-Show &#8222;Flüchtlinge fressen&#8220; ist es dem <a href="http://www.politicalbeauty.de/" target="_blank">Zentrum für politische Schönheit</a> (ZPS) gelungen, die <a href="http://www.flugbereitschaft.de/#modal-eu" target="_blank">Richtlinie 2001/51/EG</a> – in Deutschland Artikel 63 des Aufenthaltsgesetzes – ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Nun reiben wir uns die Augen, nicht <span class="pull-left">Was ist hier zynisch: die Inszenierung oder die Wirklichkeit?</span> nur über das Gesetz, sondern auch darüber, dass wir es nicht kannten. So schlecht also wissen wir Bescheid über die Welt, in der wir leben. Heute, am 24. Juni 2016, stimmt der Bundestag auf Antrag der Linken über die Abschaffung des Beförderungsverbots ab. Wird das Gesetz abgeschafft, fliegen am 28. Juni einhundert syrische Flüchtlinge von Izmir nach Tegel, der <a href="http://www.flugbereitschaft.de" target="_blank">crowdfinanzierte Flug mit der &#8222;Joachim 1&#8220;</a> ist Teil der Aktion. Wird das Beförderungsverbot dagegen beibehalten, werden Flüchtlinge sich aus Protest den Tigern vor dem Gorki-Theater zum Fraß vorwerfen, so die erpresserische Spielanweisung der Aktion „Flüchtlinge fressen“.</p>
<p>„Unangemessen und zynisch“ sei die Aktion, befand das Innenministerium. Auf diesen Vorwurf hatten die Macher es abgesehen, denn er bereitet die Bühne für ihre Botschaft: Nicht die Inszenierung ist zynisch, sondern die Wirklichkeit, die uns in dieser Inszenierung vor Augen geführt wird. Im Facebook-Chat klingt das so:</p>
<blockquote><p>&#8222;Wie geistesgestört muss man eigentlich sein, um so etwas gut zu heißen?&#8220;</p>
<p>&#8222;Wie geistesgestört muss eine Gesellschaft sein, um Tausende von Menschen ertrinken zu lassen, statt in Flugzeuge steigen zu lassen?&#8220;</p></blockquote>
<p>Auch die unvermeidliche Tierschutz-Debatte, die seit Tagen auf Facebook ausgetragen wird, ist Teil des Spiels: Der Vorwurf, dass uns Tiere mehr am Herzen liegen als Menschen, gehört zu den Leitmotiven des ZPS.</p>
<p>Wenn etwas an der Aktion „Flüchtlinge fressen“ zynisch ist, dann dieses abgekartete Spiel mit der Empörung. Nach diesem Muster wird jede Reaktion Teil der Inszenierung, auch diesmal klappt es wie am Schnürchen. Man wundert sich, wie bereitwillig manche Leute dem ZPS auf den Leim gehen. Die Idee der Aktion ist natürlich hanebüchen – oder glaubt tatsächlich jemand, diese handzahmen Tiger aus dem Saarland würden jemals einen Menschen fressen dürfen? Sie wären danach für den Zirkus nicht mehr zu gebrauchen – ein zynischer Grund, aber einer, der gilt.</p>
<p>Bei den Kunstaktionen des ZPS kommt <span class="pull-right">Es geht nicht um Zustimmung, sondern um Aufmerksamkeit.</span>niemand heil heraus, das ist das Konzept. Auch wer meint, man könne sich auf die Fragen der Ästhetik beschränken, verhält sich zynisch. Diese Inszenierung lässt nicht zu, dass wir nach der Vorstellung zufrieden nach Hause gehen, weil uns die Präsentation ästhetisch so gut gefallen hat.</p>
<p>Die Aktionen des ZPS nutzen die Mechanismen der Werbung: Es geht nicht um Zustimmung, sondern um Aufmerksamkeit.</p>
<p>Dass im Mittelmeer Menschen ertrinken, liest man jeden Tag in der Zeitung. <a href="http://www.deutschlandradiokultur.de/reportage-auf-der-flucht.1270.de.html?dram:article_id=303964" target="_blank">Doch wer von uns begreift, dass das nicht nur in der Zeitung steht, sondern tatsächlich geschieht?</a> Das stumme Bild des ertrunkenen Aylan Kurdi am Strand hatte uns im letzten Herbst für einen Moment aufgeschreckt. Wir ahnten, dass hier ein Verbrechen geschehen ist, worin genau es auch immer bestehen mag. Die Kunst verweigert uns diesen Schrecken meistens: Im griechischen Drama findet die Schlacht abseits der Bühne statt, alles andere wäre geschmacklos, so wie der berüchtigte „Bärli-Song“ in Elfriede Jelineks <em>Die Schutzbefohlenen</em>, mit jenem Vers, der einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht:</p>
<blockquote><p>wenn das Baby beim Ertrinken nach der Mama schreit&#8230;</p></blockquote>
<p>Ein Aylan Kurdi-Moment auf der Bühne, wo sich Wirklichkeit verdichtet und uns zum Hinschauen zwingt. Reflexhaft wehren wir uns mit einem angewiderten „wie zynisch!“. Die Aktion &#8222;Flüchtlinge fressen&#8220; setzt dem noch eins drauf: In der Vorstellung, jemand würde sich vor unseren Augen im Rahmen einer Kunstaktion von einem Tiger zerfetzen lassen, wird die theatralische Verdichtung ins Groteske übersteigert. Geschähe es tatsächlich, wäre es tatsächlich zynisch.</p>
<p>Niemand will zynisch sein, denn das bedeutet die Preisgabe des Menschlichen. Deshalb ist dieser Begriff so wirksam, wenn es darum geht, den Spiegel zurückzuweisen, den die Kunst uns vorhält. Wir wollen keins von beidem: Weder uns vorstellen, wie es ist, wenn ein Baby ertrinkt (ganz zu schweigen von der Vorstellung, es wäre unser Kind, ich bitte Sie!), noch wollen wir uns den kollektiven Zynismus eingestehen, der im Wegschauen besteht.</p>
<p>Dass Kinder ertrinken, wissen wir aus der Zeitung, aber wir wollen uns diesem Wissen nicht aussetzen. Wir wollen nicht bei denen sein, deren Sterben wir akzeptieren. <span class="pull-left">Wir haben Teil an fremder Not, ohne dass wir gefragt worden wären, und das empfinden wir als Zumutung.</span>Wir haben uns stillschweigend darauf geeinigt, dass es anders nicht geht. Wenn die einfach in ein Flugzeug steigen dürften, kämen Hunderttausende, und wo kämen wir da hin? Dafür sind wir nicht zuständig, schließlich können wir nicht das ganze Elend der Welt etc.</p>
<p>Und es stimmt, eine Lösung hat niemand. Wir sind hilflos, doch wer uns mit unserer Hilflosigkeit und unserem schlechten Gewissen konfrontiert, ist der Bote mit der schlechten Nachricht und wird geköpft.</p>
<p>Unser Abwehrzauber ändert nichts daran, dass wir die Welt mit den Gefährdeten teilen. Auf dem Mittelmeer wird dies offenbar. Kreuzfahrtschiffe fahren auf dem gleichen Meer wie die Schlauchboote der Flüchtlinge, ihre Leichen werden am gleichen Badestrand angeschwemmt, an dem Urlauber sich erholen, die mit Easyjet auf die griechischen Inseln geflogen sind. Damit wird das Mittelmeer zu einem metaphorischen Raum für das, was wir seelisch nicht bewältigen. Wir haben Teil an fremder Not, ohne dass wir gefragt worden wären, und das empfinden wir als Zumutung. Wir haben Angst – um uns, nicht um sie.</p>
<p><span class="pull-right">Was uns mit den Flüchtlingen verbindet, ist nicht Schuld, sondern Gegenseitigkeit.</span>Das einzige, was uns retten kann, ist Nachdenken. Der Zweck des pseudo-zynischen Budenzaubers des ZPS ist „das Gespräch der Gesellschaft mit sich selbst“ (Philipp Ruch). Was bedeutet es für Europa, dass es ein Gesetz wie das Beförderungsverbot gibt? Was bedeutet es, dass ein solches Gesetz im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent ist, als hätte es jemand geheim gehalten? Es ist schwer, sich auf die Welt, in der wir leben, einen Reim zu machen, deshalb die verhängnisvolle Anziehungskraft der klaren Worte, der einfachen Weltbilder.</p>
<p>Was geht uns die Not fremder Menschen an? In den Podiumsdiskussionen, die die Aktion „Flüchtlinge fressen“ begleiten, kehren die Formeln wieder, mit denen wir unsere Welt zu deuten versuchen.</p>
<ul>
<li>Unser Wohlstand gründet auf der Ausbeutung der armen Länder.</li>
<li>Armut und Korruption sind eine Folge der Kolonialisierung.</li>
<li>Ein Land, das für die enormen Fluchtbewegungen des zweiten Weltkriegs verantwortlich ist, hat allen Grund, nun seinerseits Flüchtlinge aufzunehmen.</li>
</ul>
<p>Wären diese geborgten Sätze wahr, hieße das, dass wir einen besonderen Grund brauchen, um uns um die Flüchtlinge zu kümmern, eine Schuld, die wir damit ausgleichen. Haben dagegen weder wir noch unsere Vorfahren etwas mit den Ursachen der Flucht zu tun, könnten uns, dieser Logik zufolge, die Flüchtlinge egal sein.</p>
<p>Der Zufall ist uns gnädig: Wir leben auf der anderen Seite des Schicksals. Das könnte sich ändern. Was uns mit den Flüchtlingen verbindet, ist nicht Schuld, sondern Gegenseitigkeit. Letztlich gibt es nur einen Grund dafür, dass wir die Flüchtlinge in Flugzeuge steigen lassen müssen: Wir würden ebenfalls in ein Flugzeug steigen wollen, wenn wir in ihrer Situation wären. Zynismus, also Menschenverachtung, beginnt dort, wo wir anderen nicht zugestehen, was wir für uns selbst in Anspruch nehmen.</p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Beitragsbild: von Sieglinde Geisel</h6>
<hr />
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