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	<title>Feminismus &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Feminismus &#8211; tell</title>
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		<title>Vom Schreiben in Mann-Form</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Leonard Nadolny]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 May 2021 08:14:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Männlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
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					<description><![CDATA[Ist Max Frisch noch unser Zeitgenosse? Beim Wiederlesen der 1975 erschienenen Erzählung „Montauk“ melden sich aus feministischer Sicht Zweifel: Das Werk erscheint vor allem als Dokument der Begrenztheit des männlichen Blicks.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Max Frisch wurde vor gut 110 Jahren geboren. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Schweizer Autor auch vielen Menschen ein Begriff, die keine passionierten Leser:innen sind. Das mag daran liegen, dass er bis heute den Schulkanon prägt. Ob <em>Homo faber</em>, <em>Andorra</em>, <em>Stiller</em> oder <em>Mein Name sei Gantenbein</em> – viele seiner Werke werden nach wie vor im Deutschunterricht als Beispiele komplexer Identitätssuche behandelt. </p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Erkundung der „terra incognita“</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Frisch hat fast sein gesamtes Werk der Ich-Erforschung gewidmet, der Erkundung der „terra incognita“, wie er sein Inneres nennt. In seinen Werken trifft man sowohl auf Figuren, die ihm selbst ähneln, als auch auf deutlich erkennbare Personen aus seinem unmittelbaren Umfeld. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie lesen sich diese literarischen Klassiker heute, dreißig Jahre nach Frischs Tod? Ist er noch unser Zeitgenosse?</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/montauk-revisited/" target="_blank">Erzählung <em>Montauk</em></a> (1975), die 2017 von Volker Schlöndorff verfilmt wurde, formuliert Frisch nicht nur explizit einen autobiografischen Anspruch, er verwendet darüber hinaus Klarnamen wie die von Ingeborg Bachmann, seiner Frau Marianne Oellers oder auch Christa Wolf. Vordergründig geht es in dem Buch um einen Ausflug, den der Ich-Erzähler Max Frisch zusammen mit einer jungen Frau nach Montauk auf Long Island unternimmt. Ein alternder Mann blickt auf sein Leben zurück, vor allem auf sein Verhältnis zu und seine Verhältnisse mit Frauen. Wenn man <em>Montauk</em> exemplarisch im Hinblick auf die Aktualität des Autors untersuchen möchte, liegt es nahe, seine Beziehung zu Frauen in den Fokus zu nehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Unüberbrückbare Fremdheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erste Ansätze für eine solche Lesart lassen sich bereits in Christa Wolfs Essay <em>Max Frisch, beim Wiederlesen oder: Vom Schreiben in Ich-Form </em>aus dem Jahr 1975 erkennen. In dem Text, den Wolf für den <em>text &amp; kritik</em>-Band über Max Frisch verfasst hat, schreibt sie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ein Mensch – ein männlicher Mensch – leidet unter Erlebnisentzug; unter Bindungslosigkeit, unter der Unfähigkeit, zu lieben und sich lieben zu lassen: unter der unüberbrückbaren Fremdheit zum Nächsten, zur Frau, die er durch Angst, Schuldgefühl, Anbetung, Eifersucht auf Distanz hält.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Urteil, mit dem Wolf eigentlich auf Frischs gesamtes Werk zielt, lässt sich nur zu gut an <em>Montauk</em> nachvollziehen, immerhin ist das Buch im gleichen Jahr wie der Essay erschienen. In der Tat lesen sich manche von Frischs Auslassungen aus heutiger Sicht befremdlich, zumindest dann, wenn man mit geläufigen Feminismen sympathisiert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei scheint der Ich-Erzähler in <em>Montauk</em> dem Feminismus gegenüber prinzipiell aufgeschlossen zu sein. So anerkennt er beispielsweise, „daß das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sich ändert, daß andere Liebesgeschichten stattfinden werden“. Darüber hinaus äußert er Sympathie für das Anliegen der „woman’s Liberation“, und er bekundet Einsicht in sein eigenes patriarchalisches Verhalten: „Mein Laster: Male Chauvinism.“</p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Anspruch und Umsetzung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ist Max Frisch also ein früher Feminist? Kann er gar als Vorbild für die in der heutigen Zeit oft geforderte Reflexion des männlichen Privilegs dienen? Wäre dies dann nicht ein Aspekt, der insbesondere im Schulunterricht aufgegriffen werden könnte? Diese Hoffnungen müssen leider enttäuscht werden: Zwischen eigenem Anspruch und literarischer Umsetzung klafft eine Lücke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frisch respektiert zum Beispiel weder Marianne Oellers’ Verbot, sie in der Geschichte darzustellen, („ICH HABE NICHT MIT DIR GELEBT ALS LITERARISCHES MATERIAL, ICH VERBIETE ES, DASS DU ÜBER MICH SCHREIBST.“), noch folgt er dem Rat seiner Mutter, den er in <em>Montauk</em> erwähnt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Als der Sohn fünfundfünfzig war, sagte seine Mutter nicht ohne Strenge: Du solltest nicht immer über Frauen schreiben, denn du verstehst sie nicht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Am deutlichsten wird Frischs Frauenbild, wenn der Ich-Erzähler davon spricht, „sie zu verstehen, die Frauen“, und munter davon erzählt, wie er sie für sich gewinnt: „NIE HABE ICH MIT EINEM MANN SO SPRECHEN KÖNNEN WIE MIT DIR“, sollen seine Geliebten oft zu ihm gesagt haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Die Frau als das Andere</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Um die jeweilige Frau scheint es dem Ich-Erzähler dabei so gut wie nie zu gehen, vielmehr allein um seine persönliche Bestätigung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muß mich nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Erzähler – und mit ihm Frisch – ist folglich jemand, der in bester Absicht handelt, aber nicht begreift, welchen Schaden er dabei anrichtet. In der Theorie hält er feministische Anliegen für unterstützenswert, in der praktischen Umsetzung behindert ihn seine eigene Hilflosigkeit. Der Versuch, seinen männlichen Chauvinismus zu überwinden, scheitert an seinem Narzissmus. Denn wenn Frisch über Frauen schreiben möchte, schreibt er eigentlich nur über sich selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ironischerweise hat Simone de Beauvoir, Vordenkerin der von Frisch ins Spiel gebrachten zweiten Frauenbewegung, genau dieses Verfahren in <em>Das andere Geschlecht </em>aufgedeckt. Sie beschreibt genderspezifisches ›Othering‹:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Indem die Frau als das Andere gesehen wird, erscheint sie zugleich als eine Seinsfülle im Gegensatz zu der Existenz, deren Leere der Mann in sich spürt. Das Andere, in den Augen des Subjekts als Objekt gesetzt, ist als An-Sich gesetzt, das heißt als Sein. In der Frau verkörpert sich in positiver Weise der Mangel, den das Existierende in seinem Herzen trägt, und indem der Mann über sie zu sich finden will, hofft er sich zu verwirklichen.</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Ethisch fragwürdige Poetik</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Damit korrespondiert, dass Frisch in <em>Montauk </em>nur eines möchte: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann. </p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Er unternimmt gar nicht erst den Versuch, etwas über seine weiblichen Bezugspersonen herauszufinden – oder sie gar auf empathische Weise zu verstehen –, sondern er untersucht lediglich das Verfahren, mit dem er Frauen schmeichelt. Dass er dabei sein eigenes Manipulationsvermögen erkennt, mag man ihm als ersten Schritt zur Selbsterkenntnis auslegen. Auch scheint er sich der Begrenztheit seiner männlichen Perspektive sogar ansatzweise bewusst zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das Wesentliche wird ausgespart, und an dieser Stelle wird Frischs Projekt zum Problem: Die beschriebenen Personen verfügen über ein Eigenleben, das es zu respektieren gilt. Sie sollten mehr sein als Stichwortgeber für Frischs Selbstbetrachtung. Natürlich passt Frischs Vorgehensweise zu seinem eingangs erwähnten Schreibprogramm einer Erforschung seiner inneren „terra incognita“. </p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Krise des Männlichkeitsdiskurses</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch: Wieso sollte eine Poetik, nur weil sie in logischer Hinsicht konsistent ist, nicht in ethischer Hinsicht fragwürdig sein? Oder genauer: Frischs freimütiges Bekenntnis, dass es in seinem Werk vorrangig um eine Auseinandersetzung mit ihm selbst geht, gibt ihm nicht das Recht, sich die Erfahrungen seiner Geliebten anzueignen und sie in egozentrischer Manier literarisch zu verarbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor nun Schnappatmung einsetzt: Nein, man sollte den Autor Max Frisch nicht canceln. Nicht nur, weil in seinen Texten sehr viel mehr steckt, das ihn als Autor lesenswert macht. Sondern auch, weil sich an Texten wie <em>Montauk</em> die Krisenmomente bestimmter Männlichkeitsdiskurse exemplarisch nachvollziehen lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Eklat beim Abendessen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Am 27. September 1986 besucht Christa Wolf Max Frisch in Zürich, in ihrem Jahrestagebuch <em>Ein Tag im Jahr </em>hält sie diesen Tag fest. Eigentlich ist es ein harmonischer Abend unter zwei engen Vertrauten, die sich gegenseitig schätzen. Es wird geplaudert, Frisch kocht gar für Wolf. Doch dann kommt es zum Eklat. Das Thema sind Wolfs <em>Kassandra</em>-Vorlesungen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute gelten sie als Klassiker der Kritik an einem männerdominierten Kanon, insbesondere Wolfs Frage, „was wohl herauskäme, setzte man in die großen Muster der Weltliteratur Frauen an die Stelle der Männer“, hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Frisch hatte damals in mehreren Briefen anklingen lassen, dass er nicht mit allem einverstanden sei, was Wolf in den Vorlesungen äußerte. Er sei teilweise gar so wütend gewesen, dass er das Buch „an die Wand geschmissen“ habe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des gemeinsamen Abends ist diese Kritik zunächst kein Thema, bis Wolf Frisch schließlich zur Rede stellt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Was ärgert dich bloß so, habe seine Freundin ihn gefragt, und er habe gesagt – und das sage er jetzt auch mir: Ich erwähnte meinen Mann gar nicht, mit dem ich doch unterwegs war, der komme nur ein paar Mal kurz mit „G.“ vor, wenn schon Feminismus, dann bitte schön auch richtig, ich verhielte mich zu meinem Mann, wie sonst Schriftsteller zu ihren Frauen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wolf trifft dieser Vorwurf eines Autors, den sie eigentlich als Verbündeten wähnt. Weiter schreibt sie in <em>Ein Tag im Jahr</em>:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich hatte sofort das Gefühl, daß diese beiden Punkte ihn gewiß auch gestört haben, daß sie aber trotzdem nur Vorwände waren, denn aus solchen Gründen wirft man ein Buch nicht an die Wand. Die wirklichen Gründe hat er mir nicht gesagt, dafür hat er, offenbar, weil er selbst verletzt war, versucht, mich zu verletzen, was ihm auch gelang. Ich sagte, was Gerd betreffe, unser Verhältnis zueinander, sei ich so scheu, daß ich ihn nicht in einem Buch darstellen wolle, da treffe sein Vorwurf mich nicht […]. Der Abend ging weiter, aber er hatte einen Riß. Neid, Aggressivität auch von dieser Seite hatte ich wohl nicht erwartet […].</p></blockquote>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Literarische Aneignung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald Frisch also mit tatsächlichem Feminismus konfrontiert wird, fühlt er sich derart verunsichert, dass er mit einem Gegenangriff kontert. Dass Sexismus gegen Männer (analog zu Rassismus gegen weiße Personen) nicht existiert, ist eine Erkenntnis, die Frisch – wie vielen Männern auch heute noch – verwehrt bleibt. Zudem erscheint die literarische Verarbeitung seiner Beziehungen zu Ingeborg Bachmann und Marianne Oellers unter feministischen Gesichtspunkten fragwürdig und eben nicht als ein Ausdruck von Wertschätzung. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch darf man nicht vergessen, dass Ingeborg Bachmann an der Verwendung ihrer Person als Vorlage für eine Figur in Frischs Roman <em>Mein Name sei Gantenbein</em> fast zugrunde ging, wie der Band <em>Male Oscuro </em>eindrucksvoll dokumentiert. Es handelt sich hier um eine Form der unerlaubten literarischen Aneignung, nicht im kolonialistischen, sondern im sexistischen Sinn. Und vielleicht hat gerade das Christa Wolf davon abgehalten, in ihrem Werk mehr über G. zu erzählen.</p>



<h2 class="wp-block-heading" style="font-size:30px">Rein männliche Weltsicht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Max Frisch erforscht die Welt mit einem ausschließlich männlichen Blick, seine Identitätssuche ist eine rein männliche. Vielleicht könnte gerade hier ein Argument für seine Lektüre im schulischen Kontext liegen, lässt sich doch an Frischs Beispiel aufzeigen, wie begrenzt eine rein männliche Weltsicht notwendigerweise sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einer Lektüre im Jahr 2021 drängt sich folglich der Eindruck auf, dass man es mit einem Werk zu tun hat, das, zumindest in Teilen, als ›schlecht gealtert‹ bezeichnen werden kann. Es ›funktioniert‹ nicht mehr, weil sich die Wertvorstellungen verschoben haben. Doch gerade das ist ein Grund zum Wiederlesen von <em>Montauk</em> und mit ihm des ganzen Werks von Max Frisch: als Zeitdokument, in dem sich Vorläufer jener Diskurse andeuten, die uns heute beschäftigen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Jack Metzger, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ETH-BIB-Max_Frisch_in_der_Galerie_Erker,_St._Gallen-Com_A0900-0008.jpg">ETH Library</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA 4.0</a>, via Wikimedia Commons (Bildformat bearbeitet)</h6>



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<p class="wp-block-paragraph">Max Frisch<br><strong>Montauk</strong><br>Eine Erzählung<br>Suhrkamp Taschenbuch 2016 · 224 Seiten · 8 Euro<br>ISBN: 978-3518372005<br></p>



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		<title>Vers für Vers 5: Witzig, gemein, verspielt, lakonisch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2017 07:38:34 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
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					<description><![CDATA[In den 1970er-Jahren entdeckte die Lyrik den Alltag. Karin Kiwus‘ Gedicht „Im ersten Licht“ sagt du zu uns. Ein Gedicht von heute, das in jedem Poetry Slam bestehen könnte. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Wenn wir uns gedankenlos getrunken haben<br />
aus einem langen Sommerabend<br />
in eine kurze heiße Nacht<br />
wenn die Vögel dann früh<br />
davonjagen aus gedämpften Färbungen<br />
in den hellen tönenden frischgespannten Himmel</p>
<p>wenn ich dann über mir in den Lüften<br />
weit und feierlich mich dehne<br />
in den mächtigen Armen meiner Toccata</p>
<p>wenn du dann neben mir im Bett<br />
deinen ausladenden Klangkörper bewegst<br />
dich dumpf aufrichtest und zur Tür gehst</p>
<p>und wenn ich dann im ersten Licht<br />
deinen fetten Arsch sehe<br />
deinen Arsch<br />
verstehst du<br />
deinen trüben verstimmten ausgeleierten Arsch<br />
dann weiß ich wieder<br />
daß ich dich nicht liebe<br />
wirklich<br />
daß ich dich einfach nicht liebe.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Copyright:<br />
Schöffling &amp; Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2014</h6>
<hr />
<p><span class="dropcap">K</span>arin Kiwus&#8216;<em> Im ersten Licht</em> ist eines der bekanntesten Gedichte der 1970er Jahre. Es wurde erstmals 1976 veröffentlicht (Suhrkamp), und es findet sich in so gut wie jeder relevanten Anthologie. Auch in Ulla Hahns <em>Stechäpfel, </em>einem Band mit 300 Gedichten von Frauen (ein Gedicht pro Dichterin), ist Karin Kiwus mit <em>Im ersten Licht</em> vertreten.</p>
<p>Doch Freundinnen und Freunde der Lyrik sind rar gesät; ich unterstelle, dass die meisten von Ihnen das Gedicht noch nicht kannten. Die Kennerinnen und Kenner bitte ich, bei dem folgenden Gedankenexperiment mitzumachen: Nehmen wir einmal an, wir würden das Gedicht heute Abend bei einem Poetry Slam hören, als ein im Jahr 2017 verfasstes Gedicht, in Konkurrenz mit Gedichten etwa von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=MCo77MagzQM" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Xochil A. Schütz</a>.</p>
<p>Wären Sie überrascht?</p>
<p>Nicht wirklich, oder? Das Gedicht ist, in seiner ganzen Kunstart, ein typisches Slam-Gedicht, und wegen seiner Qualitäten wäre es – hoffentlich – der Sieger des Abends. Das Gedicht sagt sozusagen „du“ zu uns, vielleicht auch „Ey, du“. Jedenfalls ist sein Klang vertraut. Das hat Gründe, stil- und literaturgeschichtliche, aber auch allgemeingeschichtliche.</p>
<h3>Nach dem Rausch</h3>
<p>Verständnisschwierigkeiten sollten sich vorderhand nicht einstellen. Ein Paar erlebt eine Sommernacht und verliert sich in ihr, hat Sex, und im ersten Licht gewinnt die Frau sich wieder, nachdem sich beide in der Liebesnacht noch „gedankenlos getrunken haben“. Ihr erster klarer Gedanke nach dem Rausch ist: Nein! Dieser hier ist es nicht. Kein glückliches Lallen, sondern ein präzises Benennen von Defiziten. Keine Sehnsucht nach dem schönsten Tag im Leben einer Frau, sondern ein sachliches, selbstbewusstes und anrührend unverschämtes Bewerten und Aussortieren.</p>
<p>Was noch? Einiges! SIE hat die Toccata (eine ausgeschriebene Improvisation) komponiert, in deren „mächtigen Armen“ sie sich dehnt, SIE bespielt IHN, nicht umgekehrt, er ist ihr Instrument! Und am Ende hat sie ihn gewogen und für zu leicht befunden. Sein „Klangkörper“ bürgt wenig für Harmonie – „trübe“, „dumpf“, „verstimmt“, „ausgeleiert“ ist sein „Arsch“. Aber nicht nur das lyrische Frauen-Ich macht hier im wahrsten Sinn des Wortes die Musike – auch die Autorin Karin Kiwus dreht die etablierte Rollenverteilung um: ER ist IHRE Muse, wird zu einem großartigen Gedicht vernutzt, und dann auch noch zu einem, das ihm einigermaßen herzlos den Laufpass zustellt.</p>
<h3>Metaphern der Alltagslyrik</h3>
<p>Das Gedicht darf als eine Ikone der „Neuen Subjektivität“ gelesen werden. Der Begriff wurde von keinem Geringeren als Marcel Reich-Ranicki geprägt und meint Literatur, die das Sujet „Alltag“ mit scheinbar alltäglichen sprachlichen Mitteln zum Ausdruck bringt. Die Rede ist auch von „Alltagslyrik“, in ihr ging es um (ich tippe das Wort vor Kühnheit zitternd) Authentizität. Die Betonung aber lag immer auf „scheinbar“. Einer der Protagonisten der Alltagslyrik war Jürgen Theobaldy.</p>
<blockquote><p>&#8222;Der metaphysische Zauber, hervorgerufen mit Sprache, ist sowenig das Poetische schlechthin wie Poesie an sich einen Wert darstellt. Viel Mißtrauen in ihr Geschick und in ihre Zukunft ist nötig, will man sich nicht in einen Winkel begeben, aus dem nur mehr poetische Posen hervorkommen. Ich benutze die gewöhnlichen Wörter, wie sie in den Pausen gesprochen werden, in Kneipen, in möblierten Zimmern und in zu engen Wohnungen.&#8220;</p></blockquote>
<p>Das schreibt Jürgen Theobaldy in der Nachbemerkung zu seinem Gedichtband <em>Zweiter Klasse</em>, erschienen 1976 – sozusagen DAS Glaubensbekenntnis der Alltagslyrik. Wie Rudolf Drux 1981 feststellte, beruht Theobaldys These, die Alltagslyrik sei eine quasi metaphernfreie Lyrik, auf einem Selbstmissverständnis. Drux‘ kühler Nachweis, wie metaphernreich Theobaldys Gedicht <em>Ein Bier, bitte </em>in Wahrheit sei, ist vor diesem Hintergrund heute noch ziemlich witzig zu lesen.</p>
<p>Und so auch hier: Karin Kiwus‘ Gedicht spielt den Metaphernbereich der Musik(alität) konsequent durch und verwebt ihn mit Körperlichkeit. Das ist alles andere als bloßes Dokumentieren eines beendeten Liebesspiels. Das sind keine Fakten, das sind nicht bloße Subjektivismen, das ist  hochartifiziell, gerade im Gegensatz zu Karl Krolows irrigem Diktum des „Fehlen[s] von artifiziellem Kalkül“ (so Krolow 1980 im damaligen Standardwerk <em>Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart</em>). Wir haben hier nicht „keine Metaphern“, sondern Alltagsmetaphern, es geht um das Auffinden poetischer Bezüge im Alltag, zugleich aber auch um den Bruch dieser Alltagsbezüge durch „Popeffekte“ (ein Wort von Heinz Piontek, bereits 1972!). Dies sind die Stilaxiome jener Alltagslyrik, die sich (mit Vorläufern in den 1960ern) in den 1970ern etabliert hat und bis heute nachwirkt. Wenn ich sagen müsste, wo ich das Alltagsgedicht seit 1970 stilgeschichtlich ansiedeln möchte, würde ich, neben den üblichen Verdächtigen (Neue Sachlichkeit, Lakonie der Short Story, Brinkmanns ACID-Anthologie), auf ein Bild verweisen: Richard Hamiltons ikonisches „What is it what makes today&#8217;s home so different, so appealing?“ Stil- und literaturgeschichtlich ist das Alltagsgedicht schlicht und einfach Pop-Art. Und das meint ja wohl: Moderne, die um ihre Modernität weiß und mit ihr spielt. Also Postmoderne.</p>
<h3>Hyggelige Prosa?</h3>
<p>So verstanden ist auch das mit der neuen Authentizität cum reichlich grano salis zu verstehen: <em>Im ersten Licht</em> ist nicht authentisch, was immer das sei, sondern reflektiert, also witzig, gemein, verspielt, lakonisch. Zweifellos gibt es seit den 1970ern unzählige Alltagsgedichte, die einfach nur gefühlige Prosa – neuerdings sagt man wohl <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hyggelig">hyggelig</a> – per beliebigem Zeilensprung zum Gedicht veredeln wollen, und die literarisch natürlich nicht in Betracht kommen. Hier soll man sich nichts vormachen: Auch Kristiane Allert-Wybranietz‘ gut gemeinte <a href="https://www.aphorismen.de/gedicht/71107" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„Verschenk-Texte“</a> gehören zum Alltagsgedicht:</p>
<blockquote><p>Anfangs warst du ein Stern,<br />
einer von von vielen,<br />
an meinem Himmelszelt.</p>
<p>Inzwischen bist du<br />
ein Mond geworden<br />
mit einer<br />
unheimlich starken<br />
Anziehungskraft.</p></blockquote>
<p>Sie sind dessen konsumierbare Zerrbilder, also undialektisch. Das spricht aber so wenig gegen das Alltagsgedicht, wie ‚gefühlige‘ neoromantische Filmmusik gegen Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy sprechen könnte.</p>
<h3>Ein feministisches Liebesgedicht?</h3>
<p>Die 1960er und 1970er Jahre waren von einer ungeheuren Dynamik geprägt. Die Innovationen, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg von der Avantgarde ausformuliert, gefordert und ansatzweise im eigenen Kreis auch verwirklicht wurden, sickerten in den Alltag ein. Kiwus&#8216; lyrische Klage über das Scheitern einer (der?) Liebe liest sich kaum anders als bei den Klassikern, von Goethes <em>Rastlose Liebe</em> über Heines <em>Asra</em> bis zu Benns <em>Astern</em>. Mit einem Unterschied: Hier grenzt sich niemand mehr ab. Der Alltag, der „kleine“ Mann, die „einfache“ Frau, sind nicht mehr die Hintergrundfolie, nicht mehr bloße Staffage, vor der ein Werther oder ein Hanno Buddenbrook noch aufleuchteten. Der Mann und die Frau sind vielmehr selber Gegenstand des Gedichts. Es geht nicht mehr um die oder den andere/n, es geht um alle. Und als Gedicht einer Frau – das Gedicht wurde publiziert als Gedicht einer gewissen „Karin Kiwus“, ist also wohl das Gedicht einer Frau, was immer man jetzt über <em>sex</em> und <em>gender</em> sagen mag – agiert das Gedicht männlich, besser noch: androgyn, wenn es am Ende kühl den Daumen senkt.</p>
<p>Bei Caroline von Günderrode hieß es noch:</p>
<blockquote><p>Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten</p></blockquote>
<p>Karin Kiwus&#8216; lyrisches Ich lebt nicht mehr, ewig Träume zu betrachten. Es lebt, sie lebt, sie artikuliert Bedürfnisse und handelt danach, punkt.</p>
<p>In einem Interview wurde Karin Kiwus die Frage gestellt: &#8222;Ihre Gedichte sind oft so düster&#8230;warum schreiben Sie nicht auch einmal über das Glück?&#8220;</p>
<p>Die Antwort von Karin Kiwus:</p>
<blockquote><p>Weil es so schwierig ist. Weil die Sprache, die man herkömmlicherweise dazu verwenden würde, von der Unterhaltungs- und Werbebranche seit langem unsäglich trivialisiert, kommerzialisiert und verbraucht worden ist. (&#8230;) Es gibt aber noch einen anderen Grund. Und der ist, daß das Glück eine Befindlichkeit innerer Ruhe und sicherlich freudiger Ausgeglichenheit ist. (&#8230;) In Zeiten innerer Unruhe oder gar Verzweiflung glaube ich, wird der Impuls, sich zu artikulieren, viel dringender sein. (&#8230;) &#8222;Das Glück allein ist heilsam für den Geist&#8220;, hat Proust gesagt, &#8222;die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.&#8220;</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">(in: Klaus Pankow, s.u.)</h6>
<p>Insofern ist dieses Liebesgedicht natürlich auch ein feministisches Gedicht, aber eines, das Emanzipation nicht fordert – nicht als Kampfruf und schon gar nicht als Bitte –, sondern vorführt. Genau deswegen ist dieses über 40 Jahre alte Gedicht eines von heute.</p>
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Karin Kiwus<br />
<strong>Das Gesicht der Welt</strong><br />
Gedichte · Mit einem Nachwort von Mirko Bonné<br />
Schöffling-Verlag 2014 · 352 Seiten · 22,95 Euro<br />
ISBN: 978-3895615016<br />
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<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="9909" data-permalink="https://tell-review.de/vers-fuer-vers-5-witzig-gemein-verspielt-lakonisch/g-kiwus-karin-das-gesicht-der-welt/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/g-Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-Welt.gif?fit=150%2C245&amp;ssl=1" data-orig-size="150,245" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="g-Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-Welt" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/g-Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-Welt.gif?fit=150%2C245&amp;ssl=1" class="aligncenter size-full wp-image-9909" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/g-Kiwus-Karin-Das-Gesicht-der-Welt.gif?resize=150%2C245" alt="" width="150" height="245" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<p><strong><u>Literatur</u>:</strong></p>
<p><strong>Karin Kiwus:</strong> Im ersten Licht. In: Karin Kiwus, Von beiden Seiten der Gegenwart. Gedichte. Frankfurt am Main 1976</p>
<p><strong>Drux, Rudolf:</strong> Vom Pragmatismus in Lyrik und Politik, in: Jordan, Lothar/Marquardt, Axel/Woesler, Winfried (HG) – Lyrik von allen Seiten. Frankfurt/Main 1981, S. 204 – 218</p>
<p><strong>Krolow, Karl:</strong> Die Lyrik in der Bundesrepublik seit 1945, in: Lattmann, Dieter (Hg), Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart – Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland II, aktualisierte Ausgabe 1980. Frankfurt/ Main, 1980</p>
<p><strong>Pankow, Klaus (Hg): </strong>Das Erscheinen eines Jeden in der Menge – Lyrik aus der BRD, Lyrik aus Westberlin seit 1970. Leipzig 1983</p>
<p><strong>Piontek, Heinz:</strong> Vorwort, zu: Piontek, Heinz (HG), Deutsche Gedichte seit 1960 – Eine Anthologie. Stuttgart 1972</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Nana &#8211; Engel in Zürich HB &#8211; Von JoachimKohlerBremen</em><br />
<em> Lizenz: CC-BY-SA 4.0, via <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46687583" target="_blank" rel="noopener noreferrer">wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="https://www.schoeffling.de/buecher/karin-kiwus/das-gesicht-der-welt" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Schöffling &amp; Co.</a></em></h6>
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