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	<title>Essay &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Essay &#8211; tell</title>
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		<title>Körperwärme und Schriftlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 May 2019 06:35:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Unter dem Titel „Leni weint“ veröffentlicht Péter Nádas Essays aus den Jahren 1989 bis 2014. In ihnen verbindet sich begriffliche Schärfe mit Grenzüberschreitung; unerbittliche Selbsterforschung geht einher mit teilnehmender Beobachtung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Morgens schrieb Péter Nádas stets Prosa. Viele seiner Erzählungen
und die umfangreichen Romane <em>Parallelgeschichten</em>
und <em>Aufleuchtende Details</em> sind so in
Budapest und im Dorf Gombosszeg nahe der slowenischen Grenze entstanden. Der
Nachmittag war unter anderem Essays vorbehalten – ein kräftezehrendes Pensum,
das sich der 1942 geborene Ungar inzwischen nicht mehr auferlegt. Péter Nádas‘
essayistisches Werk umfasst mehrere tausend Seiten, die selbst die ungarische
Werkausgabe nur in einer Auswahl präsentieren wird. Die jetzt auf Deutsch
erschienene Sammlung <em>Leni weint</em> ist
noch stärker fokussiert: Nádas beschränkt sich auf dreißig Essays aus den
Jahren 1989 bis 2014, sechs davon werden in dem Band erstmals auf Deutsch
veröffentlicht. Es ist ein klug komponiertes Buch, das einen ungewöhnlich
politischen Autor zeigt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Urschleim der eigenen Dumpfheit</h3>



<p>Im Zentrum von Nádas‘ früheren Essays standen oft C. G. Jungs Archetypen. Sie bildeten einen festen Kontrapunkt zum Gleiten, dem Weg- und Ineinandergleiten von Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, deren Zusammenhang eine höchst bewegliche Sprache auch mit stilistischer Mimikry nachzeichnete. Die neueren Texte haben an begrifflicher Schärfe gewonnen, zielen aber weiterhin auf Grenzüberschreitungen, wie schon die Überschriften „In der Körperwärme der Schriftlichkeit“ oder „Streifzüge in den Quellgebieten des Vertrauens“ ankündigen. Nur die Synthese von Körperwärme und Schriftlichkeit ergebe, so Nádas, eine wahrhaftige Mitteilung, zudem zeuge sie von der täglich aufs Neue notwendigen Erhebung aus dem morgendlichen „Urschleim der eigenen Dumpfheit“. Und mit den poetisch klingenden „Streifzügen“, einem Vortrag, den Nádas am 15. September 2008 in Budapest gehalten hat, warnte er niemand anderen als die Angestellten der ungarischen Nationalbank, wie schlecht es um das Vertrauen in Demokratie und Kapitalismus bestellt sei. Am Tag nach dem Vortrag ging die nordamerikanische Bank Lehman Brothers pleite, was das Vertrauen nicht erhöht haben dürfte.</p>



<p>Der Aufstieg des Rechtspopulisten Viktor Orbán und die
Selbstdemontage der ungarischen Oppositionsparteien haben sicher ihren Teil
dazu beigetragen, dass sich der Band <em>Leni
weint</em> fast ausschließlich auf Fragen der Demokratie in Europa konzentriert.
Nádas argumentiert allerdings nie vordergründig politisch, sondern zugleich ethnologisch,
soziologisch, mythologisch, anthropologisch – und persönlich. Hinzu kommt eine
aufs Ganze zielende unerbittliche Selbsterforschung, die ihren Konterpart in
Leni Riefenstahl findet. Hitlers Hofkünstlerin ist, rechtzeitig unterrichtet, keineswegs
zufällig im eben von der Wehrmacht überfallenen Polen vor Ort, bricht jedoch angesichts
einer Massenexekution von Zivilisten in Tränen aus. „Leni weint“ heißt der Titel
des Essays, aber Riefenstahl hält den Überfall auf Europa „für die natürlichste
Sache der Welt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Regression und Demokratie</h3>



<p>Nádas‘ Darstellung des eigenen Dorfes in „Behutsame Ortsbestimmung“ ist ein Paradebeispiel für teilnehmende Beobachtung: Der Zugezogene beschreibt, wie die Dorfbewohner kollektiv handeln, denken und Bescheid wissen. Wie sie miteinander sprechen (nämlich alle gleichzeitig und laut), Verbrechen sanktionieren (drakonisch, gemeinsam und unter sich), wie familiäre und nachbarschaftliche Loyalitäten und Abmachungen Gesetze ersetzen – und dass die Welt hinter dem nächsten Hügel endet.</p>



<p>In diesem magisch-mythischen Universum regiert die
„Findigkeit“: Um des Überlebens willen betrügen die Beherrschten die Betriebe
der sozialistischen Mangelwirtschaft. Institutionen und Prinzipien, Recht und
Besitz gelten nichts, und an dieser immer noch lebendigen
Regressionsmentalität, so Nádas, kann die über die Menschen gekommene
Demokratie nur scheitern. Sein Lob der westlichen Demokratie mit Institutionen,
Regeln sowie Kreativität statt Findigkeit zeichnet allerdings – trotz des
Hinweises auf den Zwang zum Lächeln bis zum Tod – ein Ideal nach; es fällt sehr
überschwänglich aus. Auch der Essay zur Debatte über Martin Walsers
Paulskirchenrede mit der Formulierung einer „Moralkeule“ namens Auschwitz
überzeugt nicht – vielleicht, weil Nádas auf nur 11 Seiten zu viel verhandelt: den
Hass auf die Deutschen nach 1945 als „legitimen Rassismus“, die problematische
Formulierung der nationalen Identität Deutschlands, den Selbsthass seiner
Bewohner, die fehlende Konfrontation der Ostdeutschen mit der „Lingua Tertii Imperii“,
die Kluft zwischen dem kulturellen und dem politischen Selbstverständnis
Deutschlands, die mangelnde Unterscheidung von historischer und persönlicher
Verantwortung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit</h3>



<p>Die plausible Annahme, alles hänge miteinander zusammen, auch der Körper sei ohne das Gedächtnis der Seele nicht zu verstehen, lässt fast alle Texte kunstvoll und reich werden. Die Leserin der Romane dürfte allerdings manchen Essay zu Fotografie und Wahrnehmung vermissen (etwa den Essay „Aufleuchtende Details“, der zentrale Fragestellungen mit dem gleichnamigen Roman teilt und den Nádas zusammen mit eigenen Fotografien im Band <em>Lichtgeschichten</em> veröffentlicht hat). Sie kann sich aber trösten mit dem Essay „Der Mensch als Schöpfer und Überlebender“ – Nádas betrachtet darin Claude Monets Gemälde „Seerosen“, als wäre es einer seiner Romane. Auch die Miniaturen „Spurensicherung“ über beängstigende Begegnungen mit der ungarischen Stasi fehlen, dafür führt die beklemmend eingestandene Faszination beim wiederholten Betrachten des Filmes über die Hinrichtung von Nicolae und Elena Ceaușescu („Großes weihnachtliches Morden“) direkt ins Zentrum des Bösen. Mit „Der eigene Tod“ schließt der Band. Nádas, der mit knapper Not einen Herzinfarkt überlebt hat, staubsaugt in seiner Wohnung und nimmt die Riffelungen des Staubsaugerschlauchs wahr. Nicht nur den Leser erinnern sie an den „Geburtskanal“, in dem Nádas wenige Seiten davor dem Tod entgegen zu rutschen meinte, Anfang und Ende des Lebens gleichsetzend. </p>



<p>Auf dieselbe Weise schließt sich auf den letzten Seiten des Bandes der Kreis: Der magisch-mythischen Welt des Dorfes, mit deren Beschreibung <em>Leni weint</em> anfängt, sowie den Phänomenen in Alltag und Wirtschaft, Politik und Kunst stellt Nádas der Schriftlichkeit mit der Körperwärme eine Ordnung existenzieller Dringlichkeit entgegen. Dieser täglich und an jedem Gegenstand, nicht zuletzt am eigenen Leben, aufs Neue zu wiederholende Vorgang strukturiert die einzelnen Essays ebenso wie die Sammlung selbst. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Ian Dury: Florfliege (Chrysopa oculata), [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Chrysopa_oculata_2.JPG">via Wikimedia Commons</a></h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Péter Nádas<br><strong>Leni weint</strong><br>Essays · Aus dem Ungarischen von Akos Doma, Heinrich Elsterer u.a.<br>Rowohlt Verlag 2018 · 528 Seiten · 36 Euro<br>ISBN:  978-3-498-04699-6 <br></p>



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		<title>Eine Übung in Langsamkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lars Hartmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Sep 2018 09:06:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Fotografie]]></category>
		<category><![CDATA[Mythos]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[„Das Sehen war anders“, sagt Teju Cole, nachdem er vorübergehend erblindet war. Sein Foto-Text-Band „Blinder Fleck“ ist das Ergebnis dieser Erfahrung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>er „blinde Fleck“ ist die Stelle des Auges, an welcher der Sehnerv austritt. Er ermöglicht das Sehen, doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Die Sicht entsteht also aus einer partiellen Blindheit. Normalerweise bleibt dieser Ausfall des Gesichtsfeldes unbemerkt, denn das Gehirn ergänzt die fehlenden Bildteile. Bei Teju Cole steht der Buchtitel <em>Blinder Fleck</em> zugleich für eine partielle Erblindung, die den Autor und Fotografen 2011 ereilte – glücklicherweise nur vorübergehend. Aus dieser Situation heraus entstand das Buch.</p>
<p>Das Wort Phantasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Erscheinung“, aber auch „Einbildung“ und „Vor-Augen-Stellen“. Eine Fotografie zeigt uns etwas, sie bringt etwas zum Erscheinen, aber erst die Interpreten des Betrachters und, in Coles Fall, die des Erzählers vermag es, sie mit einer besonderen Bedeutung aufzuladen.</p>
<p>158 Texte stehen neben 158 Fotografien. Eine Bemerkung auf der Impressum-Seite weist darauf hin, dass es sich um ein nicht-fiktionales Werk handelt – anders als Coles Erstlingswerk <em>Jeder Tag gehört dem Dieb</em>, in dem sich ebenfalls Fotos finden. Dort versteht sich das dokumentarische Erzählen bewusst als Fiktion. Erlebnisse und der Alltag in Lagos werden ins Erzählen eingekleidet.</p>
<h3>Reisender mit Kamera</h3>
<p>Das ist in <em>Blinder Fleck</em> nicht der Fall, allein schon durch die Parallelführung von Bild und Text. Die Fotos schaffen einen Bezug zur Wirklichkeit, aber es gibt keine kontinuierliche Geschichte. Die Bilder stammen aus unterschiedlichsten Gegenden aus allen fünf Kontinenten, über den Texten jeweils steht der Name der betreffenden Stadt oder der Region. Cole ist ein Reisender, und er hält mit der Kamera fest, was er an den verschiedenen Orten sieht. Meist sind es unscheinbare Details, Straßenszenen, Häuserwände, Hotelzimmer, Landschaften im Panorama wie das Wadi Qadischa im Libanon: Der Vordergrund zeigt einen Rohbau mit einem schmalen Betonklotz und zwei Ölfässern, weiter entfernt stehen die Häuser des Ortes, in der Ferne breitet sich die grüne Hügellandschaft aus. Im Zusammenspiel von Fotografie und Text geht es nicht zuletzt auch um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Zum Foto von Wadi Qadischa schreibt er:</p>
<blockquote><p>„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt.</p></blockquote>
<p>Coles Bildlektüren leben von diesen Bezügen – Assoziationen aus der Kindheit, wie etwa bei einem Foto aus Lagos, wo der Autor sich daran erinnert, wie seine Mutter ihn zwang, ein Blatt Papier fehlerfrei vollzuschreiben, nachdem er immer wieder Wörter falsch geschrieben und dann durchgestrichen hatte. Dann wieder verbindet Cole Alltagsszenen mit aktueller Politik. Seine Phantasie entzündet sich an zunächst unscheinbaren und vermeintlich harmlosen Details. Über das Foto einer weißen Wand, auf der über einer Blechtür die schwarze Silhouette eines laufenden Cowboys aufgesprüht ist, heißt es:</p>
<blockquote><p>Mit der Schweiz verbinde ich behagliche Ruhe. Es gab zwar mal Krieg, aber das war in der Söldnerzeit, das ist lange her. Heute ist die Schweiz neutral, gesetzt, sicher. Aber ich musste an die neuen schweizerischen Waffen denken und die vielen Orte und Körper, die dem millionenschweren jährlichen Schweizer Waffenabsatz zum Opfer fallen.</p></blockquote>
<p><div id="attachment_13841" style="width: 910px" class="wp-caption aligncenter"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-13841" data-attachment-id="13841" data-permalink="https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/zurich-july-2015_resampled/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?fit=4818%2C3214&amp;ssl=1" data-orig-size="4818,3214" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;Perfection V800/V850&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1452697326&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Zurich July 2015_resampled" data-image-description="&lt;p&gt;Aus: Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 9783446258501&lt;br /&gt;
Foto: Teju Cole&lt;br /&gt;
Nur im Zusammenhang mit dem Buch verwenden!&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Zürich, Juli 2015&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?fit=300%2C200&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class="wp-image-13841 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=900%2C600&#038;ssl=1" alt="" width="900" height="600" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=2000%2C1334&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?resize=1300%2C867&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Zurich-July-2015_resampled.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-13841" class="wp-caption-text">Zürich, Juli 2015. Foto: © Teju Cole, aus dem besprochenen Band.</p></div></p>
<h3>Sorgen um das Augenlicht</h3>
<p>Die Prosastücke sind meist kurz, nicht einmal eine Seite, vom Stil her fallen sie unterschiedlich aus: Wir lesen von Alltäglichem wie etwa einem Frühlingstag in den USA in dem kleinen Örtchen Tivoli, die zarte Knospen eines Strauchs erinnern Cole an Japan:</p>
<blockquote><p>Selbst in Amerika ist das Frühjahr japanisch. Es sind nicht nur die Blätter, die wachsen. Die Schatten wachsen auch. Alles wächst. Was im Licht liegt und was das Licht malt. Die Welt mehrt sich, alles wuchert wie Nervenfortsätze.</p></blockquote>
<p>Tagebuchnotizen mit lyrischem Einschlag, Beobachtungen, die Unverbundenes verbinden. Wir lesen von Verweisen auf die Kunstgeschichte, dann wieder über Coles Sorgen um sein Augenlicht:</p>
<blockquote><p>Im Frühjahr 2011, kurz vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag, wurde bei mir nach einer vorübergehenden Erblindung eine papilläre Vaskulitis diagnostiziert, und ich musste mich einem Eingriff unterziehen, bei dem einige beschädigte Blutgefäße mit dem Laser verätzt wurden. Danach war das Fotografieren anders. Das Sehen war anders.</p></blockquote>
<p>Häufig klingen politische Themen an, griechische Mythen wie die Geschichte vom (geblendeten) Ödipus sowie christliche Motive. Ein klaffender Riss in einer Kunststofffolie vor dem Fenster einer Wohnung beim Berliner Wannsee führt zu den Wundmalen Jesu und dem ungläubigen Thomas und von dort weiter zu einem Gemälde von Caravaggio im Schloss Sanssouci – das wiederum diese Thomas-Szene zeigt.</p>
<blockquote><p>Aristoteles hat gesagt, die Seele denke nie ohne Bilder. Und Giordano Bruno sprach im Rückgriff auf ihn vom Denken als spekulativem Umgang mit von der Seele entworfenen Bildern.</p></blockquote>
<h3>Subkutane Bedeutung</h3>
<p>Genauso aber finden sich lyrische Reflexionen in den Texten oder einfach nur Komisches. Neben dem Bild unter der Überschrift „Wannsee“ heißt es:</p>
<blockquote><p>Ich schrieb ihr. „Das Haus ist angenehm, aber wenige hundert Meter weiter hat Kleist sich erschossen.“ Sie schrieb zurück: „Überall hat sich wenige Meter weiter jemand erschossen.“</p></blockquote>
<p>Das Sarkastisch-Komische weist auf eine tiefere Schicht in diesem Buch, nämlich das Thema der Gewalt, das diese Foto-Essays immer wieder umkreisen: der IS in Syrien, Massaker in Indonesien, Rassismus in den USA, Waffenhandel. In diesem Sinne ist Coles Buch politisch, ohne Handlungsanweisungen zu liefern. Wir sehen eine Fotografie mit weißen Motorjachten auf dem tiefblauen Mittelmeer: Cole assoziiert dazu die blutige <em>Ilias</em> Homers und denkt dabei an ein Meer des Todes – ein Meer, in dem Menschen ertrinken. Solche Deutung ist einerseits pathetisch, andererseits zeigt sie, wie sich in einer Fotografie Schichten von Bedeutung ineinanderschieben. Das Sichtbare in der Fotografie, das also, was wir für ‚objektiv‘ halten, wird erweitert durch eine zunächst unsichtbare, subkutane Schicht von Sinn, die erst durch den Interpreten hinzutritt. Fotos sind mehr, als was sie unmittelbar zu zeigen scheinen. Zugleich erkennt Cole das Defizit des Fotos im Feld des Politischen:</p>
<blockquote><p>Fotografie taugt nicht zur Darstellung politischer Details oder politischer Tragweite. Die Politik ist eine Frage des Diskurses, und des diskursiven Kompromisses. Die Fotografie kann Gewalt und ihre Folgen zeigen, sie kann lächelnde Gesichter zeigen oder romantische Gefühle. Die Fotografie taugt ganz gut zur Metapher und zur Evokation. Politik aber ist anderswo, schwer in einen Rahmen zu pressen. Allenfalls kann ein fotojournalistisches Motiv etwas vom politischen Theater zeigen. Dabei wird möglicherweise unterschlagen, was an der Politik politisch ist. Leider fasst die Öffentlichkeit solche Bilder oft als politisches Faktum auf.</p></blockquote>
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Foto: Teju Cole&lt;br /&gt;
Nur im Zusammenhang mit dem Buch verwenden!&lt;/p&gt;
" data-image-caption="&lt;p&gt;Capri, Juni 2015&lt;/p&gt;
" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?fit=300%2C204&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?fit=900%2C612&amp;ssl=1" class="size-large wp-image-13825" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=900%2C612&#038;ssl=1" alt="" width="900" height="612" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=1030%2C700&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=80%2C54&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=300%2C204&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=768%2C522&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=2000%2C1359&amp;ssl=1 2000w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=235%2C160&amp;ssl=1 235w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?resize=1300%2C883&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Capri-June-2015.jpg?w=2700&amp;ssl=1 2700w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><p id="caption-attachment-13825" class="wp-caption-text">Capri, Juni 2015. Foto: © Teju Cole, aus dem besprochenen Band.</p></div></p>
<h3>Die Schönheit des Hässlichen</h3>
<p>Coles Texte sind Denk-Bilder. Meist gelingt ihm diese Faltung von Fotografie und Gedanke, aber nicht immer. Manche Bezüge bleiben beliebig. Wenn auf einer Fotografie ein VW-Bus vor der Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg parkt, und an der Mauer daneben ragt ein in Stein gemeißelter Jesus am Kreuz in die Höhe, so mag diese Szene vielfältige Bezüge eröffnen, eine zufällige und in gewissem Sinne auch surreale Anordnung. Im Text verkoppelt Cole diese beiden Szenen, doch das liest sich in seiner Interpretation bedeutungsschwerer als es ist: das Auto als unser ständiger Begleiter – mehrfach spielen Autos in den Fotos eine Rolle –, das Kreuz als Sterbebegleiter, der VW als Kraft-durch-Freude-Auto. Doch ist nicht ersichtlich, wie und weshalb das alles zusammengehört. Auch der Abgasskandal und der daraus resultierende Wertverlust von VW-Aktien werden von Cole im Text erwähnt – was sie mit einer Kreuzigungsszene zu tun haben sollen, erschließt sich ebenso wenig.</p>
<p>Aber solche Passagen, in denen die Anordnung brüchig wirkt, sind selten. Cole ist ein hervorragender Fotograf, mit seiner analogen Kamera schafft er kleine Meisterwerke. Die Bilder sind auskomponiert, und obwohl sie oft hässliche oder banale Dinge zeigen, sind sie schön. Auf keiner der Fotografien ist der Autor zu sehen, es gibt kein „Selfie“, und es gibt keine aufdringlichen Foto-Botschaften. Der Betrachter kann sich ein eigenes Bild machen. Als Leser wiederum schaut und wartet man gespannt, wie Cole seine Fotografie interpretiert. Man liest dieses Buch langsam, vertieft sich erst ins Bild, liest dann den Text und lässt schließlich beides im Zusammenspiel auf sich wirken. Vielleicht ist Teju Coles <em>Blinder Fleck </em>gar ein Stundenbuch – der oft christliche Kontext zumindest legt es nahe. Eine Übung in Langsamkeit in unserer hektischen Epoche, man kann die Sinne schulen und dabei die Gedanken schweifen lassen.</p>
<hr />
<p><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Teju Cole<br />
<strong>Blinder Fleck</strong><br />
Aus dem Englischen von Uda Strätling<br />
Hanser Berlin 2018 · 352 Seiten · 38,00 Euro<br />
ISBN: 978-3-446258501<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3446258507/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783446258501" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img loading="lazy" decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><a href="https://www.amazon.de/dp/3446258507/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="13826" data-permalink="https://tell-review.de/eine-uebung-in-langsamkeit/cover_cole_blinder_fleck/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?fit=278%2C391&amp;ssl=1" data-orig-size="278,391" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover_Cole_Blinder_Fleck" data-image-description="&lt;p&gt;Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 9783446258501&lt;br /&gt;
Buchcover&lt;/p&gt;
" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?fit=213%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?fit=278%2C391&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-13826 size-medium" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=213%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="213" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=213%2C300&amp;ssl=1 213w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?resize=57%2C80&amp;ssl=1 57w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/09/Cover_Cole_Blinder_Fleck.jpg?w=278&amp;ssl=1 278w" sizes="auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px" /></a></div></div></div><br />
</div></div></p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild und Bilder im Text:<br />
©Teju Cole, aus dem besprochenen Band<br />
Buchcover: Hanser Berlin</h6>
]]></content:encoded>
					
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