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	<title>Drittes Reich &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Drittes Reich &#8211; tell</title>
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		<title>Die bejubelte leere Hand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Sep 2022 07:09:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Irmgard Keun schrieb 1936 einen erstaunlichen Roman über die Verfassung der faschistisch gewordenen deutschen Gesellschaft. Als Zeitzeugin erzählt sie in "Nach Mitternacht" von Verschwörungstheorien und Denunziantentum.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Irmgard Keuns Roman <em>Nach Mitternacht</em> ist 1936 noch in den letzten Monaten ihrer inneren Emigration entstanden. Wie kaum ein zweites Buch erzählt er von der inneren Verfasstheit einer Gesellschaft, die durch Führergefolgschaft und Rassenwahn gekennzeichnet ist. Hierbei kommt Irmgard Keun zugute, dass sie selbst die Transformation der deutschen Gesellschaft in den ersten Jahren der Hitlerdiktatur aus nächster Nähe sehen konnte: Sie emigrierte erst Anfang 1937, anders etwa als Klaus Mann, der Deutschland unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung verlassen hatte und der daher in seinen Romanen Keuns Tiefenschärfe naturgemäß nicht erreichen konnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Phrasen der Hitlerdiktatur</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Plottragender Rahmen ist ein sogenannter Führerbesuch in Frankfurt am Main (wahrscheinlich im Jahr 1936) und die Folgen dieses Besuches für die psychische Konstellation der Stadtbewohner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptperson ist die Ich-Erzählerin Susanne, genannt „Sanna“. Mit ihrem betont naiven Ton ist sie prädestiniert dafür, die hohlen Phrasen der Hitlerdiktatur zu demaskieren. Sie lebt in Frankfurt am Main, davor in Köln, kommt aber aus dem ländlichen Moselgebiet, ein persönlicher Hintergrund, dank dem sie schon den ersten performativen Widersprüchen der Nazis auf die Schliche kommt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der „Führerrede“ sitzt sie mit Freunden in einer Kneipe und reflektiert Hitlers Hang zum Ruralen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>&#8230; ich habe tausendmal lieber eine große Stadt. Man darf so was ja nicht sagen heutzutage wegen der Weltanschauung und der Regierung. Es ist nicht gut und edel, eine Stadt lieber zu haben und schöner zu finden.<br>[…]<br>Trotzdem werden die Städte immer größer gebaut, und Autostraßen werden angelegt auf den dampfenden Erdschollen. Der Sinn der Erdschollen besteht darin, dass die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Eine Gesellschaft im Rausch</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was in den Städten und mit den Menschen seit Hitlers Machtergreifung los ist, das beschreibt Irmgard Keun in ihrem Roman. Die Nazis und insbesondere Adolf Hitler haben eine ganze Gesellschaft in einen Rausch hineingezogen, in Ekstase versetzt, ja hypnotisiert. Die Schilderung des „Führerbesuchs“ gleicht der Schilderung eines heutigen Pop-Konzerts: dieselbe Begeisterung, dieselbe Verehrung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanna beschreibt die Minuten auf dem Frankfurter Opernplatz bevor der Führer kommt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Rechts auf der Seite vom Opernplatz, wo es so parkartig ist, hatte sich ein schwarzes Meer von Menschen gebildet, die bewegten sich auf und ab in langen Wellen. Über ihnen schwamm müdes Licht.<br>[…]<br>Manchmal wurden aus dem Meer von Menschen ohnmächtige Frauen von SS-Männern fortgetragen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Eine halbe Seite später erscheint dann Hitler selbst:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Heil Hitler, näher kam der Mengen Ruf herangewellt, immer näher.<br>[…]<br>Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hitler hat der Welt nichts zu geben, er bietet nur eine leere Hand. Was für eine Metapher! Diese bejubelte leere Hand wird die Welt, das ahnte damals die Mehrheit der Deutschen nicht, teuer bezahlen müssen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Rassegesetze“ im Alltag</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sanna erzählt von einer „Reihendurchbrecherin“. Es sind in Szene gesetzte Kinder, die es, vorherbestimmt und geplant, „schaffen“, die Absperrungen zu durchbrechen, um dann mit einem Blumenstrauß dem Führer entgegenzulaufen. In <em>Nach Mitternacht</em> ist die zuvor bestimmte „Reihendurchbrecherin“ schwer erkältet, sie schafft es nur bis zu einem SS-Mann und wird später hochfiebernd an Entkräftung sterben. Diese Sequenzen, die Trauer der zuvor so stolzen Familie, sind die stärksten in diesem erstaunlichen Roman.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Rassegesetzgebung wirkt in Sannas Alltag hinein. So „geht“ Sannas Freundin Gerti mit einem „Mischling erster Klasse“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Jedenfalls darf die Gerti nichts mit ihm zu tun haben, weil doch Rassegesetze sind.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Gerti „hat mit ihm zu tun“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später hört Sanna einen Nazi und Stürmerleser – sie nennt ihn „Stürmermann“ – die Welt erklären:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Stürmermann hat Neues über Juden und Freimaurer herausgefunden, und zwar daß die Fünf- und Zehnpfennigstücke in einem furchtbaren Zusammenhang mit dem Judentum stehen und damit mit den Freimaurern.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Nazis nährten die großen Verschwörungserzählungen – und sie ernährten sich ihrerseits davon.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das inszenierte Nichts</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser gesellschaftlichen Stimmung, einer explosiven Gemengelage aus Verschwörungserzählungen und enthemmter Freude, wird jeder schief angeschaut, der nicht mitmacht. In der Folge gedeiht das Denunziantentum:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>„Mütter zeigen ihre Schwiegertöchter an, Töchter ihre Schwiegerväter, Brüder ihre Schwestern, Schwestern ihre Brüder, Freunde ihre Freunde, Stammtischgenossen ihre Stammtischgenossen, Nachbarn ihre Nachbarn. Und die Schreibmaschinen klappern, klappern, klappern&#8230;“</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das furiose Finale dieses Romans findet, titelgebend, nach Mitternacht statt. Eine merkwürdige Mischung aus „verbotenen“ Menschen findet sich nach dem Kneipengelage zu einer privaten Fete zusammen. Sannas Liebe hat sich angekündigt, der Franz aus Köln. Das weiß der Leser seit Beginn des Buches, und nun löst sich das Geheimnis seiner Abschieds-Andeutungen: Franz muss Deutschland verlassen, denn er hat&nbsp;einen SA-Mann getötet, der ihn zuvor als Kommunisten denunziert hatte. Und Sanna wird mitgehen&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die popähnliche Inszenierung des Nichts, die Ungeheuerlichkeit der sogenannten Rassegesetze, die Verschwörungserzählungen und zuletzt das eklige Denunziantentum: Das alles wirkt, als habe ein historisch versierter Erzähler von heute die wichtigsten Facetten des Dritten Reichs zusammengetragen und in Form eines inneren Monologs literarisch aufgearbeitet. Aber es war eine Zeitzeugin ohne Quellenstudium: Ihre einzige Quelle war ihr Erleben.&nbsp;Denn man muss davon ausgehen, dass Irmgard Keun alle geschilderten Situationen in <em>Nach Mitternacht</em> so oder ähnlich selbst erlebt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Wunsch nach Veröffentlichung dieses Romans war ein Bleiben in Deutschland nicht mehr möglich. Die Autorin Irmgard Keun floh, wie ihre Hauptperson und Ich-Erzählerin Susanne, ins Exil. Im Amsterdamer Querido-Verlag veröffentlichte sie 1937 einen der erstaunlichsten Romane der deutschen Emigrationsliteratur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun liegt er erstmals seit langem wieder vor, mit einem vorzüglichen Nachwort von Heinrich Detering.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Reichsparteitag 1934</a> <br> Bundesarchiv</a></h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="wp-block-paragraph">Irmgard Keun<br><strong>Nach Mitternacht</strong><br>Roman<br>Claassen 2022 · 208 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3546100342<br></p>



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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 4</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jun 2022 08:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[In Nachkriegsdeutschland greifen Verlage gern auf Bewährtes zurück. Michail Soschtschenko hilft das nicht mehr, doch seine Übersetzerin Grete Willinksy weiß es für sich zu nutzen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Neue Gewänder</h1>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Im April 1947 druckt die Münchner Zeitschrift <em>Der Simpl</em> – eine Nachfolgepublikation des 1944 eingestellten <em>Simplicissimus</em> – eine <a href="https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067" target="_blank" rel="noreferrer noopener">kurze Satire</a>, als deren Autor ein „Fjodor Ukrainow“ firmiert. Sie trägt die Überschrift „Genosse Kommissar“ und handelt davon, wie ein Lehrer den Wohnungskommissar mit einer Schachtel Zigaretten bestechen muss, um eine unerwünschte Einquartierung zu vermeiden. Es folgt ein „Nachwort des Übersetzers“:</p>


<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="361" height="170" data-attachment-id="105140" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/maerker/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" data-orig-size="361,170" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Maerker" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?fit=361%2C170&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=361%2C170&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-105140" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?w=361&amp;ssl=1 361w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=300%2C141&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Maerker.png?resize=80%2C38&amp;ssl=1 80w" sizes="(max-width: 361px) 100vw, 361px" /></figure>
</div>


<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Märker, der hier als „Übersetzer“ zeichnet, ist in Wirklichkeit der Autor des Textes und außerdem verheiratet mit der Soschtschenko-Übersetzerin Grete Willinsky. Er nutzt die ihm wohlbekannte Form der „russischen Satire“, um sich in verdruckst-plumper Sprache über unerwünschte Einquartierungen von Flüchtlingen aus dem Osten zu beschweren, die infolge des Krieges in großer Zahl in Westdeutschland eintreffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Märker, in den 1920er Jahren Dramaturg und Theaterkritiker, war seit 1930 mit Veröffentlichungen zu Charakterkunde und Physiognomik hervorgetreten. Nach der Machtübernahme der Nazis wusste er die Gunst der Stunde zu nutzen. Sein 1934 erschienenes Buch <em>Charakterbilder der Rassen: Rassenkunde auf physiognomischer und phrenologischer Grundlage</em> wurde auf der Bauchbinde als „wertvolle und eigenartige Ergänzung rassenkundlichen Schrifttums“ beworben – ein Zitat aus dem <em>Völkischen Beobachter</em>. Nach dem Krieg kommt die „Rassenkunde“ in den Titeln von Märkers Publikationen nicht mehr vor, doch er befasst sich unbeirrt weiter mit Physiognomik: 1949 gibt er Lavaters <em>Physiognomische Fragmente</em> heraus und 1971 veröffentlicht er das Buch <em>Die Kunst, aus dem Gesicht zu lesen</em>. Daneben widmet er sich der Verbandstätigkeit und gründet 1956 die „Verwertungsgesellschaft für literarische Urheberrechte“, eine Vorläuferorganisation der zwei Jahre später gegründeten VG Wort. 1959 erhält er dafür das Große Bundesverdienstkreuz.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">* * *</p>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="wp-block-paragraph">Für Grete Willinsky erweist sich der in seiner Heimat verfemte Soschtschenko auch in den Nachkriegsjahren als sichere Bank. 1947 bringt sie eine Auswahl seiner Satiren in einem der ersten Literaturverlage unter, die in der US-Besatzungszone eine Konzession erhalten: Die Anthologie <em>Der redliche Zeitgenosse</em> erscheint im Kasseler Harriet Schleber Verlag, der auch frühe Texte von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und Marie-Luise Kaschnitz publiziert. Nur ein Jahr danach veröffentlicht der Zürcher Werner Klassen Verlag unter dem Titel <em>Russischer Alltag</em> gleichfalls Satiren von Soschtschenko, und wieder firmiert Willinsky – neben einer Kollegin namens Hedwig Sörensen – als Übersetzerin.  </p>
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<p class="wp-block-paragraph">Während Willinsky sich in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod 1983 vor allem als Autorin von Kochbüchern betätigt, bleiben ihre Soschtschenko-Übersetzungen in der Bundesrepublik Deutschland verlässliche Longseller. Der Verlag Langen Müller, in dem kurz darauf auch Ephraim Kishons Satiren auf Deutsch erscheinen, übernimmt 1959 den Band <em>Der redliche Zeitgenosse</em> und bringt einen weiteren mit dem Titel Der <em>Rettungsanker</em> heraus. </p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="wp-block-paragraph">Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, an dem sich Hitler und seine Entourage 1940 delektiert hatten, ist bereits seit 1953 mit leicht gekürzter und abgewandelter Textauswahl und einem erneut angepassten Nachwort als Taschenbuch wieder auf dem Markt –&nbsp;nicht mehr bei Rowohlt, sondern im Verlag „Das Goldene Vlies“. Dieser geht kurz darauf im Ullstein Verlag auf, wo der Band mit wechselnden, zum jeweiligen Zeitgeist passenden Covergestaltungen jahrzehntelang neu aufgelegt wird. </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter"><div data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="643" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104905" data-id="104905" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1.jpg?resize=643%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=643%2C1030&amp;ssl=1 643w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1950-1-scaled.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, 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swiper-slide"><figure><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="678" height="1030" alt="" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-104935" data-id="104935" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1.jpg?resize=678%2C1030&#038;ssl=1" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=678%2C1030&amp;ssl=1 678w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=197%2C300&amp;ssl=1 197w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=768%2C1167&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_196_-1-scaled.jpg?resize=1010%2C1536&amp;ssl=1 1010w, 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<p class="wp-block-paragraph">Die letzte Ausgabe erscheint Mitte der 1970er Jahre. Um diese Zeit bringt Ullstein auch ein neues Werk seines Erfolgsautors Albert Speer heraus: die <em>Spandauer Tagebücher</em> aus seiner zehn Jahre zuvor zu Ende gegangenen Haftzeit, in denen Speer sich unter anderem daran erinnert, wie Adolf Hitler ihm einmal ein Buch empfohlen hat.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Buchcover: Anselm Bühling.<br>Screenshot „Der Simpl“ Nr. 6/1947: Universität Heidelberg: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; Neue Gewänder</p>


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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 3</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Jun 2022 08:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschärft sich das kulturelle Klima in der Sowjetunion. Der beliebte Satiriker Michail Soschtschenko bekommt das zu spüren: An ihm wird ein Exempel statuiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Für fremd erklärt</h1>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Michail Soschtschenko meldet sich sofort nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Kriegsfreiwilliger, wird jedoch als „nicht verwendungsfähig“ abgelehnt. Er publiziert während des Krieges antifaschistische Glossen und Feuilletonbeiträge. Im Herbst 1941 wird er nach Alma-Ata evakuiert. Dort arbeitet er an einem Buch, das ihn seit langem beschäftigt. Es heißt <em>Vor Sonnenaufgang</em> (deutscher Titel: <em>Schlüssel des Glücks</em>) und hat einen ganz anderen Charakter als die Satiren, für die er bekannt ist. Soschtschenko erkundet darin seine eigene Psyche, er schreibt über die Depressionen und Neurosen, die ihn von Kindheit an geplagt haben. Er hat sich mit den Neurosentheorien Sigmund Freuds und des sowjetischen Verhaltensforschers Iwan Pawlow befasst, und er ist überzeugt, dass seine Erfahrungen mit diesem Thema ihn befähigen, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie Ängste überwinden können. Der erste und zweite Teil erscheinen 1943 in den Sommernummern der Zeitschrift „Oktober“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Abdruck weiterer Teile stoppt die Zensur. Soschtschenko wird aus der Redaktion der Satirezeitschrift „Krokodil“ ausgeschlossen, der er seit 1941 angehörte. Man streicht ihm die Lebensmittelzuteilung für Schriftsteller, und er muss aus dem Moskauer Hotel ausziehen, in dem er seit der Rückkehr aus der Evakuierung gewohnt hat. Im Dezember 1943 verteidigt er sich auf einer Präsidiumssitzung des sowjetischen Schriftstellerverbands: Er habe mit <em>Vor Sonnenaufgang</em> ein antifaschistisches Buch geschrieben. Aber das nützt ihm nichts mehr. Sein Kollege Nikolai Tichonow, der sich begeistert gezeigt hatte, als Soschtschenko ihm während der Arbeit an der Erzählung Kapitel daraus vorlas, schreibt im März 1943 in der Zeitschrift „Der Bolschewik“, das Buch sei „dem Geist und Charakter der sowjetischen Literatur zutiefst fremd“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">In dieser Erzählung wird die Realität aus spießbürgerlicher Sicht dargestellt – hässlich verzerrt, banalisiert, das seichte Hin und Her der subjektiven Gefühle steht im Vordergrund.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im April 1946 erhält Soschtschenko noch, zusammen mit einer Reihe anderer Schriftsteller, die Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Vier Monate später, am 14. August, verabschiedet das Orgbüro des ZK der Kommunistischen Partei einen Beschluss gegen die Zeitschriften „Der Stern“ (Swesda) und „Leningrad“, die Texte von Soschtschenko publiziert hatten. Nun heißt es auf einmal, sein „nichtswürdiges Betragen während des Krieges“ sei noch gut in Erinnerung; er habe „dem sowjetischen Volk beim Kampf gegen die deutschen Invasoren in keiner Weise geholfen“. Und auch die Formel, die Tichonow drei Jahre zuvor verwendet hatte, taucht hier wieder auf. Soschtschenkos Werk sei „der sowjetischen Literatur fremd“:</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="501" height="750" data-attachment-id="104899" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/politbuero-beschluss/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" data-orig-size="501,750" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}" data-image-title="Politbuero-Beschluss" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?fit=501%2C750&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=501%2C750&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104899" style="width:233px;height:348px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?w=501&amp;ssl=1 501w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=200%2C300&amp;ssl=1 200w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=53%2C80&amp;ssl=1 53w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Politbuero-Beschluss.jpg?resize=300%2C449&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px" /></a></figure>
</div></div>
</div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Soschtschenko stellt die sowjetischen Verhältnisse und Menschen in hässlich karikierender Form dar, er schildert die Sowjetmenschen auf verleumderische Weise als primitiv, unkultiviert, dumm, mit spießigen Geschmacks- und Moralvorstellungen. Seine böswillig grobe Darstellung unserer Wirklichkeit wird von antisowjetischen Ausfällen begleitet.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese übelwollende Lesart deckt sich frappierend mit der Soschtschenko-Rezeption Hitlers und seiner Entourage. Es ist leicht auszumalen, was für ein Triumph es für die Ankläger gewesen wäre, wenn sie von den Soschtschenko-Lesungen in der Reichskanzlei und auf dem Obersalzberg gewusst hätten, doch die Tagebücher der NS-Größen werden erst Jahrzehnte später veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer hasserfüllten, vernichtenden Rede des ZK-Sekretärs Andrei Schdanow wird Soschtschenko – ebenso wie die Lyrikerin Anna Achmatowa – aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Damit ist ihm die Existenzgrundlage entzogen; er darf nichts mehr veröffentlichen und sein Name wird in sowjetischen Publikationen nicht mehr genannt. Im Treppenhaus des großen Wohnhauses für Schriftsteller am Leningrader Gribojedow-Kanal <a href="https://friedemannkohler.wordpress.com/2018/06/16/das-haus-der-unfrohen-dichter/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wartet er in den ersten Nächten vergeblich auf seine Verhaftung</a>. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück und gehen ihm bei zufälligen Begegnungen aus dem Weg. Die Zeit des Großen Terrors ist keine zehn Jahre her. Damals hatte schon der Verdacht, die falschen Leute zu kennen, genügt, um erschossen oder zu jahrzehntelanger Lagerhaft verurteilt zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soschtschenko schlägt sich mit Übersetzungen durch und verdient sich als Schuhmacher etwas dazu, ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hat. Nach Stalins Tod 1953 wird er wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, doch ein Jahr darauf fällt er erneut in Ungnade: Bei einem Treffen mit englischen Studenten hat er Kritik am Vorgehen der Partei gegen ihn durchblicken lassen. Die letzten Lebensjahre verbringt er isoliert und in Armut. 1958 stirbt er auf seiner Datscha bei Leningrad.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Anselm Bühling.<br>Beschluss des ZK der WKP(b) gegen Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9E_%D0%B6%D1%83%D1%80%D0%BD%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D1%85_%D0%97%D0%B2%D0%B5%D0%B7%D0%B4%D0%B0_%D0%B8_%D0%9B%D0%B5%D0%BD%D0%B8%D0%BD%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%B4.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; Für fremd erklärt<br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit –  2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2022 07:51:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Einige Monate nach Kriegsbeginn unterhält sich das deutsche Lesepublikum mit Michail Soschtschenkos Satiren aus der Sowjetunion. Auch die NS-Führung amüsiert sich über den Band "Schlaf schneller, Genosse" – auf ihre Weise.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>



<h1 class="wp-block-heading">Lektüre für den Führer</h1>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Am 16. März 1940 notiert Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Präsident der Reichskulturkammer, in seinem Tagebuch:</p>



<div style="height:31px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sowjetrussische Satiren von Sostschenko u.a. „Schlaf schneller, Genosse!“ Sie sollen witzig sein, entrollen aber für meinen Geschmack nur ein grauenvolles Gemälde bolschewistischer Unkultur, sozialen Elends und organisatorischer Unfähigkeit.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Goebbels ist seit dem Machtantritt der Nazis 1933 der Hauptverantwortliche für die Steuerung des kulturellen Lebens im Deutschen Reich. Ähnlich wie in der Sowjetunion unter Stalin ist auch in NS-Deutschland die Medienlandschaft weitgehend gleichgeschaltet, und das gilt ganz besonders für die Satire. Schon wenige Tage nach der Machtübernahme im März 1933 waren die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ von der SA überfallen worden; kurz darauf wurden die jüdischen und politisch exponierten Mitglieder aus der Redaktion gedrängt, während die restlichen eine Loyalitätserklärung unterschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der „Simplicissimus“ hatte bereits in der Weimarer Republik vereinzelt <a href="http://www.simplicissimus.info/index.php?id=7&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bpersonid%5D=3776&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Baction%5D=nameFilter&amp;tx_lombkswjournaldb_pi2%5Bcontroller%5D=PersonRegister&amp;cHash=55ed539d95f015be55c16ac519024605" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Satiren von Soschtschenko</a> gebracht. Bezeichnenderweise können diese dort auch nach der Gleichschaltung weiter erscheinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Kritik an der gesellschaftlichen Realität des eigenen Landes findet sich im „Simplicissimus“ der NS-Zeit hingegen nicht einmal in Ansätzen – ebenso wenig wie in anderen Medien. Dafür sorgt Goebbels. So verbietet er die Zeitschrift „Der Querschnitt“, als sie 1936 einen <a href="https://iiif.arthistoricum.net/mirador/#f84beb48-9d69-48c7-8d4a-22fc9d9f89ec" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Beitrag</a> mit der Überschrift „Fremdwörterbuch“ veröffentlicht, der Definitionen enthält wie „Absurd: wenn einer auf bessere Zeiten hofft“, „Journalismus: Seiltanz zwischen den Zeilen“ und „Makulatur: die öffentliche Meinung von gestern“. Und im Januar 1939 verhängt er ein Auftrittsverbot über das Gesangstrio „Die drei Rulands“, nachdem es im „Kabarett der Komiker“ die nationalsozialistischen Umbaupläne für die Reichshauptstadt Berlin aufs Korn genommen hat. Selbst eine Intervention von Albert Speer, auf den die Kritik zielte und der sie als unverfänglich empfand, kann daran nichts ändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass in der Sowjetunion Satiren erscheinen dürfen, die die alltäglichen Verhältnisse in so drastischer Form anprangern, registriert der Propagandaminister mit kühler Verachtung. Er sieht darin</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[den] Beweis dafür, daß den Bolschewiken auch jedes Gefühl für das Abstoßende dieser Darstellungen fehlt. Da haben wir uns den richtigen Bundesgenossen angelacht. Wenn uns nicht das Wasser bis zum Halse gestanden hätte, [&#8230;]</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Am 28. April 1940 hält Goebbels im Tagebuch eine Lagebesprechung vom Vortag fest und vermerkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Der Führer amüsiert sich sehr über Sostschenkos Buch „Schlaf schneller, Genosse!“, das ich ihm gegeben hatte. Ich lese eine Anekdote daraus vor. Wir lachen sehr darüber.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den Teilnehmern der Besprechung ist auch Alfred Rosenberg, der ‚Chefideologe‘ der NSDAP, der wenige Monate darauf mit seinem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ den Raub von Kulturgütern in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas organisieren wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er trägt für den 27. April 1940 in sein <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1554%2C150%2C5211%2C2745" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Tagebuch</a> ein:</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p> </p><p>Während des Essens wurde mit Gelächter die Übersetzung des russischen Buches „Schlaf schneller, Genosse“ besprochen. Der Führer hat eine halbe Nacht darangesetzt, um diese Bilder des Elends a. d. Sowjetunion, „humoristisch“ geschildert, durchzulesen. Die Bücher wurden gleich für jene besorgt u. verteilt, die die Schrift noch nicht kannten.</p><p></p></blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-full"><a href="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="900" height="649" data-attachment-id="104860" data-permalink="https://tell-review.de/rosenberg/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=983%2C709&amp;ssl=1" data-orig-size="983,709" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Rosenberg" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?fit=900%2C649&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=900%2C649&#038;ssl=1" alt="Ausschnitt aus dem handgeschriebenen Tagebuch von Alfred Rosenberg, Eintrag vom 30.04.1940" class="wp-image-104860" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?w=983&amp;ssl=1 983w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=300%2C216&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=80%2C58&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Rosenberg-e1641832763462.jpg?resize=768%2C554&amp;ssl=1 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></a></figure>
</div>
</div>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1949 notiert Albert Speer im Spandauer Gefängnis eine ähnliche Episode, die aber nicht, wie die Besprechung vom 27. April, in Berlin, sondern auf dem Berghof bei Berchtesgaden stattfand. Speer verlegt sie irrtümlich in den Sommer 1939, vor den Beginn des Kriegs und den Erscheinungszeitpunkt des Buchs – das zeigt, wie wenig die Realität des Krieges zu dieser Zeit in seinem Bewusstsein präsent war.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir traten in die Veranda. Und ganz unvermittelt, wie es seine Art war, begann er [<em>Hitler</em>] plötzlich von ganz Banalem zu reden. Seit Monaten war das Buch von Soschtschenko: <em>Schlaf schneller, Genosse!</em> ein Gesprächsgegenstand auf dem Berghof. Wieder erzählte er einzelne Episoden und wurde dabei von Lachen überwältigt. Bormann bekam den Auftrag, einen Fahrer nach München zu schicken und jedem von uns ein Exemplar des Buches zu besorgen. Ich habe übrigens nie herausgefunden, ob er Soschtschenkos Kritik am Sowjetsystem oder Soschtschenkos Humor mehr schätzte. – Aber ich habe damals wohl auch nicht viel darüber nachgedacht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür, dass Hitler Soschtschenkos Humor zu schätzen gewusst hätte, spricht wenig. Die Tagebucheinträge von Goebbels und Rosenberg bekräftigen eher, was ohnehin naheliegt: Für die Herrenmenschen der NS-Führung ist das Buch schlicht ein Anlass, ihrer Häme über die primitiven Zustände in der „jüdisch-bolschewistischen“ Sowjetunion freien Lauf zu lassen und sich im Gefühl der vermeintlichen Überlegenheit zu sonnen.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ein Jahr später, im Mai 1941, läuft der US-Nachrichtenkorrespondent Howard K. Smith trübsinnig über den Wittenbergplatz im Berliner Westen. Die Atmosphäre in NS-Deutschland ist für ihn unerträglich geworden. Er hat seine Kündigung bei United Press eingereicht und wartet nur noch darauf, abreisen zu können. Smith bleibt vor einer Buchhandlung stehen, an der er öfters vorbeikommt. Sie befindet sich auf der Südseite des Wittenbergplatzes, gleich neben der <a href="https://www.alamy.de/alois-ein-stiefbruder-adolf-hitlers-eroffnete-mit-diesem-werbeplakat-sein-restaurant-am-wittenbergplatz-in-berlin-automatisierte-ubersetzung-image446960503.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gaststätte „Alois“</a>, die von <a href="https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/neuer-name-nach-dem-krieg-seine-kneipe-war-beliebter-nazi-treffpunkt-das-bewegte-leben-von-hitlers-halbbruder-alois_id_12969656.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hitlers älterem Halbbruder</a> betrieben wird.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-jetpack-image-compare"><div class="juxtapose" data-mode="horizontal"><img loading="lazy" decoding="async" id="104967" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-II-scaled-e1642162968227.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-before"/><img loading="lazy" decoding="async" id="104968" src="https://i1.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Alois-scaled-e1642163080885.jpg?ssl=1" alt="" width="2336" height="1516" class="image-compare__image-after"/></div></figure>
</div>
</div>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Blick ins Schaufenster der Buchhandlung stutzt Smith: Das Buch <em>Schlaf schneller, Genosse</em>, das dort seit Anfang letzten Jahres ausgelegen hat, fehlt. Er betritt den Laden und fragt nach Büchern über die Sowjetunion. Die Buchhändlerin legt ihm die üblichen Propagandatitel vor. Der beliebte Satirenband ist nicht mehr im Sortiment.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Smith vereinbart ein Treffen mit einem Informanten und erfährt, Hitler habe eine Reihe von Forderungen an Stalin gestellt. Unter anderem solle die Ukraine für 99&nbsp;Jahre an das Deutsche Reich verpachtet werden. Das erweist sich später zwar als ein von der NS-Führung vermutlich gezielt in Korrespondentenkreisen platziertes Gerücht, aber es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich eine Konfrontation mit der Sowjetunion anbahnt. Smith beschließt, in Deutschland zu bleiben und heuert beim Radionetzwerk CBS an. Am 22.&nbsp;Juni wird er nachts aus dem Bett geklingelt und für fünf Uhr morgens zu einer Pressekonferenz im Außenministerium bestellt. Zwei Stunden zuvor hat der Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion begonnen: Auf einer über zweitausend Kilometer breiten Front durchbricht die Wehrmacht mit 121 Divisionen die sowjetische Grenze.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph">Die Hinweise auf die Tagebucheinträge von Rosenberg, Speer und Goebbels gehen auf einen <a rel="noreferrer noopener" href="https://a-dyukov.livejournal.com/1447257.html" target="_blank">Blogeintrag des russischen Historikers Alexander Djukow</a> zurück, der im <a rel="noreferrer noopener" href="https://ru.wikipedia.org/wiki/Зощенко,_Михаил_Михайлович" target="_blank">russischen Wikipedia-Artikel zu Michail Soschtschenko</a> verlinkt ist.</p>


</div></div>
</div></div>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild und Foto der Postkarte: Anselm Bühling<br>Auszug aus dem handschriftlichen Tagebuch Alfred Rosenbergs: <a href="https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn73077#?rsc=131001&amp;cv=404&amp;c=0&amp;m=0&amp;s=0&amp;xywh=-1437%2C-121%2C5611%2C3285" target="_blank" rel="noopener noreferrer">United States Holocaust Memorial Museum</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-1/" target="_blank">Ein Buch macht Karriere</a><br>2 &#8211; Lektüre für den Führer<br>3 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"></a></p></div>
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		<title>Genosse im Strudel der Zeit – 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 May 2022 08:10:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Genosse im Strudel der Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Satire]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetische Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Band mit sowjetischen Satiren erscheint 1940 auf Deutsch. Ursprünglich als NS-Propaganda veröffentlicht, wird er in Deutschland zu einem Longseller. Im Schicksal des Buchs spiegelt sich ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


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<h1 class="wp-block-heading">Ein Buch macht Karriere</h1>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Im Januar 1940 erscheint bei Rowohlt ein kleines rotes Buch, einer von nur neun Titeln, die der Verlag in diesem Jahr herausbringt. Bücher sind damals schwer zu produzieren, werden aber stark nachgefragt. Gut vier Monate zuvor hat NS-Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Lebensmittel und Bedarfsgüter gibt es nur noch auf Bezugsschein. Juden erhalten reduzierte Lebensmittelrationen, ab Februar 1940 streicht man ihnen die Kleiderkarten. Sie müssen ihre Wohnungen aufgeben und in „Judenhäuser“ ziehen, aus denen sie später in die Vernichtungslager deportiert werden.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Titel und Inhalt des Buchs sind für die Zeit ungewöhnlich. Es heißt: <em>Schlaf schneller Genosse – Sowjetrussische Satiren</em>. Der Klappentext wirbt:  </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die in diesem Sammelband vereinigten Kabinettstücke satirischer kleiner Prosa sind von der russischen Presse in alle Schichten des Volkes getragen worden und haben die Namen Sostschenko, Schischkow, Romanow und Katajew bekannt und berühmt gemacht. Der deutsche Leser nimmt durch sie zum erstenmal wieder am geistigen Leben und am ungezwungenen Lachen des neuen Rußland teil.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
</blockquote>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow"><div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="625" height="1030" data-attachment-id="104850" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/ssg_1940-1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=1553%2C2560&amp;ssl=1" data-orig-size="1553,2560" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="ssg_1940-1" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?fit=625%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1.jpg?resize=625%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104850" style="width:302px;height:496px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=625%2C1030&amp;ssl=1 625w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=182%2C300&amp;ssl=1 182w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=768%2C1266&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=932%2C1536&amp;ssl=1 932w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1243%2C2048&amp;ssl=1 1243w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=1300%2C2143&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?resize=300%2C494&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/ssg_1940-1-scaled.jpg?w=1553&amp;ssl=1 1553w" sizes="auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px" /></figure>
</div></div>
</div>



<p class="wp-block-paragraph">Die kurzen Geschichten, die zwischen den frühen 1920er Jahren und 1938 entstanden sind, handeln von Bürokratismus, Misswirtschaft, Wohnungsnot, Armut, Korruption und anderen Missständen des sowjetischen Alltags. Sie sind für ein Publikum geschrieben, das mit diesem Alltag vertraut ist und arbeiten mit unterschiedlichen literarischen Registern – von der Groteske bis zur Tragik, von der Zuspitzung bis zur Verdichtung.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%"><div class="wp-block-image is-style-rounded">
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Texte, mehr als zwei Drittel, stammen von Michail Soschtschenko (so die heute übliche Transkription). Der 1894 geborene Autor erfreut sich damals einer ungeheuren Popularität. Überall in der Sowjetunion strömt das Publikum zu seinen Lesungen. Es kennt seine Texte aus den Zeitungen und der einzigen noch verbliebenen Satirezeitschrift „Krokodil“. Seine Bücher erscheinen in großer Auflage und finden auch im Ausland Anklang. Soschtschenko hat einen ganz eigenen Ton entwickelt. Er schließt an die Tradition des <em>skaz</em> an, der Wiedergabe der gesprochenen Sprache bei Autoren wie Gogol und Nikolai Leskow. Aber bei ihm ist es die Umgangssprache der neuen, sowjetischen Gesellschaft, die Eingang in die Literatur findet.</p>
</div>
</div>



<p class="wp-block-paragraph">Das Nachwort der Rowohlt-Ausgabe zitiert Soschtschenko mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich parodiere nur. Ich parodiere einen von mir erdachten Proletarierschriftsteller, der in gegenwärtiger Zeit bei den herrschenden Lebensbedingungen existieren könnte.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Satiren sind oft aus der Ich-Perspektive geschrieben und skizzieren ihre Charaktere mit mindestens ebenso viel Liebe wie Spott. Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen Autor, Erzähler, Figuren und Publikum hier zu verschwimmen. Alle sitzen im gleichen Boot, alle sind Teil eines umfassenden „Wir“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Soschtschenko kunstvoll mit Distanz und Nähe spielt. Er montiert die Phrasen der neuen Zeit in seine Texte und lässt dabei sprachliche Versatzstücke absichtlich unbeholfen aufeinanderprallen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schlaf schneller, Genosse“, die Titelgeschichte des Rowohlt-Bands, handelt von einem Reisenden, der mit Mühe ein Hotelbett ergattern kann, aber nicht zur Ruhe kommt wegen des schlechten Betts, der Wanzen, der dünnen Wände und des Lärms im Hof. Über dem Bett hängt ein Schild mit der Parole: „Schlaf schneller, Genosse, Dein Kissen benötigt schon ein anderer!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Geschichte sehen die Bewohner bestürzt, in welch elenden Verhältnissen sie leben, als in ihrem Haus eine elektrische Beleuchtung installiert wird. Der Erzähler kratzt das letzte Geld zusammen, um sein Zimmer zu renovieren, doch seine Wirtin schneidet die Stromleitung durch, weil sie ihre dürftigen Räume nicht so grell beleuchtet sehen möchte – sie kann sich ihrerseits eine Renovierung nicht leisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ins Deutsche übertragen wurden die Texte von Grete Willinsky. Sie ist 1906 in der Hafenstadt Libau (heute Liepāja in Lettland) geboren, die damals als Teil des Gouvernements Kurland zum Russischen Reich gehörte. Willinskys deutsche Fassungen wirken deutlich gröber als die russischen Vorlagen. Sie sind teils nicht durchgearbeitet, teils zielen sie auf den schnellen Effekt, und manchmal fehlen ganze Passagen. Trotzdem geht Soschtschenkos Komik nicht ganz verloren. Aber das, was von dieser Komik bleibt, findet sich hier in einem völlig anderen Umfeld wieder.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">*  *  *</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang 1940, als das Buch bei Rowohlt erscheint, sind NS-Deutschland und die UdSSR faktisch Verbündete. Die Unterzeichnung des „deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts“ – bekannt als „Hitler-Stalin-Pakt“ – am 23. August 1939 hat die Voraussetzungen für den deutschen Überfall auf Polen geschaffen, mit dem der Krieg beginnt. Seit Oktober 1939 haben Deutschland und die Sowjetunion das Staatsgebiet der Zweiten Polnischen Republik unter sich aufgeteilt. In dieser politisch-militärischen Großwetterlage passt der Titel gut ins Programm.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="wp-block-paragraph">Dass der Rowohlt-Verlag nach der Unterzeichnung des Pakts und dem Kriegsbeginn nur vier Monate braucht, um das Buch auf den Markt zu bringen, hängt wohl auch damit zusammen, dass die meisten Texte schon fertig auf Deutsch vorliegen. Die Übersetzerin Grete Willinsky hat 1938 bereits den Band <em>Sowjet-Rußland in der Satire</em> herausgegeben – bei „Dr. Hermann Eschenhagen / Ohlau“. Dieser Kleinverlag publiziert sonst unter anderem Bücher zur „Welteislehre“, einer pseudowissenschaftlichen Theorie, zu deren Anhängern Heinrich Himmler und andere führende Nazis zählen. Die sowjetischen Satiren werden hier unmissverständlich in den Dienst der NS-Propaganda gestellt. Auf der Impressumsseite des Buchs findet sich der Hinweis: </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%"><div class="wp-block-image">
<figure class="alignright size-large is-resized"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="692" height="1030" data-attachment-id="104857" data-permalink="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/soschtschenko_1938/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?fit=1707%2C2540&amp;ssl=1" data-orig-size="1707,2540" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Soschtschenko_1938" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?fit=692%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=692%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-104857" style="width:249px;height:369px" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=692%2C1030&amp;ssl=1 692w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=202%2C300&amp;ssl=1 202w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=54%2C80&amp;ssl=1 54w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=768%2C1143&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=1032%2C1536&amp;ssl=1 1032w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=1376%2C2048&amp;ssl=1 1376w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=1300%2C1934&amp;ssl=1 1300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?resize=300%2C446&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2022/01/Soschtschenko_1938.jpg?w=1707&amp;ssl=1 1707w" sizes="auto, (max-width: 692px) 100vw, 692px" /></figure>
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</div>


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</div>


<p class="wp-block-paragraph">Im Vorwort dieser Ausgabe stimmt Willinsky die Leserschaft entsprechend ein:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">An der Spitze des Rätereiches aber stand eine volksfremde Gewalthaberkaste, die mit der programmmäßigen Vernichtung des Individuums und des Eigentums auch das echte Gemeinschaftsgefühl aus dem russischen Volk ausrottete. Aus den Mietshäusern der Städte, aus den Kommunalwohnungen, in denen auch heute noch ganze Familien in einem Zimmer zusammengepfercht leben, stieg wie übler Geruch Zwietracht empor. Und kein Dichter kann dieses lichtlose Leben des Hasses, der Enge und der Zerstörung zu einem „Hohen Lied“ bolschewistischer Gemeinschaft erklären.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem die NS-Führung kurz vor Kriegsbeginn ein taktisches Bündnis mit der „volksfremden Gewalthaberkaste“ geschlossen hat, ist die Zeit nun offenbar günstig, die Texte bei einem großen Publikumsverlag unterzubringen. Erweitert um neue Übersetzungen, erscheinen sie in professionellerer Aufmachung bei Rowohlt, abgestimmt auf die veränderte Lage und das verlegerische Umfeld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Nachwort findet Grete Willinsky den dazu passenden Tonfall. Jetzt heißt es geradezu verständnisvoll:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Registrierung der Gegenwart in ihren Erscheinungsformen ist der hervorstechendste Zug der neuen russischen Dichtung überhaupt. […] Und weil in den neuen Verhältnissen und werdenden Formen oft noch nicht erreicht ist, was erreicht werden soll, geschieht die Registrierung bei Sostschenko, Katajew und anderen eben in satirischem, ironischem Ton.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das Buch wird ein Erfolg, die erste Auflage von 3000 Exemplaren ist innerhalb weniger Tage ausverkauft. Zu den begeisterten Lesern gehört der Berliner Korrespondent der US-Nachrichtenagentur United Press, Howard K. Smith, der einen ausführlichen Beitrag darüber schreibt. In seinem 1942 erschienenen Bericht <em>Last train from Berlin</em> gibt er den Kommentar einer deutschen Bekannten wieder, der er sein Exemplar ausleiht: „Unglaublich. Kein deutscher Schriftsteller könnte so etwas über Deutschland schreiben. Er würde einen Kopf kürzer gemacht.“ Smith meint, das Buch habe eher dazu beigetragen, das Ansehen der Sowjetunion in Deutschland zu heben. Das mag für einen Teil des Lesepublikums zutreffen. Andere hingegen lesen es mehr oder weniger als realistische Beschreibung sowjetischer Zustände und sonnen sich im Gefühl der eigenen Überlegenheit. Solche Leser finden sich nicht zuletzt in der NS-Führung.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild, Buchcover und Buchausschnitt: Anselm Bühling.<br> Porträtfoto Michail Soschtschenko: Gemeinfrei, via <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:M._Zoshchenko.jpg">Wikimedia Commons</a>.</h6>



<div class="wp-block-group coblocks-animate" data-coblocks-animation="fadeIn"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow">
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">1 &#8211; Ein Buch macht Karriere<br>2 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-2/" target="_blank">Lektüre für den Führer</a><br>3 &#8211; <a href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-3/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Für fremd erklärt</a><br>4 &#8211; <a rel="noreferrer noopener" href="https://tell-review.de/genosse-im-strudel-der-zeit-4/" target="_blank">Neue Gewänder</a></p>


</div></div>
</div></div>
</div></div>



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<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



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		<title>Die Wunden eines Psychonauten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Johannes Spengler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 May 2017 09:28:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Die Hundertjährigen]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Drittes Reich]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Erster Weltkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Zweiter Weltkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Erinnerung zur Qual wird? Ernst Jünger stand in zwei Weltkriegen an der Front: Er legt literarisch Zeugnis ab von den Folgen traumatischer Erlebnisse. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">Was verraten uns Klassiker über die Gegenwart? Lohnt es sich, außerhalb des Mainstreams nach Büchern zu suchen? Mit der Reihe &#8222;<a href="http://tell-review.de/author/johannes-spengler/">Die Hundertjährigen</a>&#8220; widmen wir uns Autoren aus dem vergangenen Jahrhundert, die ins Abseits der Literaturgeschichte geraten sind.</div></div></p>
<hr />
<blockquote><p>Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien; wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<h3>Anamnese:<br />
Risikofaktoren in Jugend und Familie</h3>
<p><div id="attachment_9934" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-9934" data-attachment-id="9934" data-permalink="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/ernst_juenger_ww1/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Ernst_J%C3%BCnger_WW1.jpg?fit=189%2C324&amp;ssl=1" data-orig-size="189,324" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;Der Schriftsteller Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg&lt;/p&gt;
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<p><span class="dropcap">F</span>ür knapp 3.300 Deutsche herrscht auch im Jahr 2017 Krieg. Als Bundeswehrsoldaten riskieren diese Männer und Frauen im Ausland nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre seelische Unversehrtheit. Allein im Jahr 2015 sind <a href="https://www.angriff-auf-die-seele.de/cms/informationen/aktuelles/420-einsatzbedingte-psychische-erkrankungen-in-der-bundeswehr-im-jahr-2015-ptbs.html">235 Angehörige der Bundeswehr</a> an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) neu erkrankt. Die Dunkelziffer ist hoch, nur 20 Prozent aller Fälle werden erkannt und behandelt. Zu den Symptomen der PTBS gehören unter anderem Panikattacken, Flashbacks, unkontrollierte Wutausbrüche und der Verlust des Glaubens an die Menschlichkeit – die Krankheit macht ein normales Leben unmöglich.</p>
<p>Ob jemand an einer PTBS erkrankt, hängt maßgeblich vom persönlichen Hintergrund ab. Das individuelle Risiko wird durch Faktoren wie Armut oder mangelnde Bildung erhöht. Ernst Jünger, geboren am 29. März 1895, zeigt bereits in der Jugend Merkmale, die ein späteres Trauma begünstigen können. Der Apothekersohn wird früh entwurzelt, die Familie zieht vier Mal um, bevor sie bei Hannover eine Villa beziehen. Auch die schulischen Leistungen Jüngers lassen zu wünschen übrig. Über die Schulzeit schreibt er später:</p>
<blockquote><p>So war ich bereits dazu übergegangen, mich am Unterricht nicht mehr zu beteiligen und mich statt dessen in afrikanische Reisebeschreibungen zu vertiefen, die ich unter dem Pult durchblätterte. [&#8230;] Ich war im Grunde nur als Stellvertreter eines fernen Reisenden anwesend.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>Afrikanische Spiele</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Die Sehnsucht nimmt bedenkliche Formen an: Mehr als zehn Mal muss Jünger die Schule wechseln. Statt mit Freunden zu spielen, sammelt er Käfer, träumt, liest und trinkt viel. Im Winter 1913 schließlich bricht er mit seinem Umfeld: Der 18-Jährige reißt von Zuhause aus und meldet sich zur Fremdenlegion, wo er auf der Stelle gemustert und nach Algerien verschifft wird. Dort will er desertieren und ein freies Leben führen. Nach zwei Monaten endet das Abenteuer – in Deutschland hat sein Vater die Entlassung verfügt.</p>
<p>Die letzten Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges verbringt Jünger im alten Schultrott. Der Jugendliche wird später als distanziert und kühl, sogar empathielos beschrieben. Zeit seines Lebens sucht er das gesellschaftliche Abseits. Ausgerechnet im Krieg blüht Jünger auf. Endlich gilt es, sich zu beweisen und Abenteuer zu bestehen. Dass er so denkt, überrascht nicht – Zeitgenossen wie Thomas Mann, Hermann Hesse oder Franz Kafka haben sich den Krieg ungefähr so vorgestellt:</p>
<p><a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FIWAf3dQxAfQ%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Trauma:<br />
Kriegszittern an der Westfront</h3>
<blockquote><p>Die Straße war von großen Blutlachen gerötet; durchlöcherte Helme und Koppeln lagen umher. [&#8230;] Ich fühlte meine Augen wie durch einen Magneten an diesen Anblick geheftet; gleichzeitig ging eine tiefe Veränderung in mir vor.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
<p>Im Sommer 1914 wird der „Kriegsmutwillige“, wie Jünger sich nennt, an die Westfront verlegt. Bis zur Kapitulation im Jahr 1918 wird er 14 Mal verwundet und daraufhin mit dem höchsten Orden des Deutschen Kaiserreichs dekoriert. Für den einfachen Frontsoldaten ist der Krieg ein Karriereschub, Jünger bringt es bis zum Kompanieführer. Trotzdem zweifelt auch er am Sinn des Schlachtens. In seinem Kriegstagebuch heißt es:</p>
<blockquote><p>Lange schon bin ich im Krieg, schon manchen sah ich fallen, der wert war zu leben. Was soll das Morden und immer wieder Morden?</p></blockquote>
<p>Erstmals zeigt sich der Krieg in seiner totalen Form. In vier Jahren sterben 10 Millionen Soldaten, weitere 20 Millionen <a href="http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs">werden verletzt oder verkrüppelt</a>. Und die moderne Psychiatrie wird mit einem neuen Phänomen konfrontiert: der Kriegsneurose. Immer mehr Soldaten kehren seelisch gebrochen von der Front zurück. Weil die Belastungsstörung bei einigen Betroffenen auch zu körperlichen Symptomen führt – einem krampfanfallartigen Schütteln –, nennt man sie Kriegszitterer:</p>
<p><a href="https://tell-review.de/die-wunden-eines-psychonauten/"><img decoding="async" alt="YouTube Video" consent-original-src-_="https://tell-review.de/wp-content/plugins/wp-youtube-lyte/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FfE-CLofucRI%2Fhqdefault.jpg" consent-required="104322" consent-by="services" consent-id="104323"></a></p>
<p>Die Behandlung der Kriegsneurotiker ist ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte der Psychiatrie. Sigmund Freud, der sich von den Methoden seiner Kollegen distanziert, berichtet von Elektroschocks, mit denen die Betroffenen gequält werden, um, so wörtlich, &#8222;das Kranksein noch unleidlicher als den Dienst [zu machen]&#8220;. Wer die Behandlung überlebt, darf zurück an die Front. (Aus: <em>Sigmund Freud, Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker</em>)</p>
<p>Ob auch Ernst Jünger im Krieg traumatisiert wurde, kann heute nicht abschließend geklärt werden. Manche seiner Biografen entdecken deutliche Hinweise für eine seelische Verwundung im Leben des Schriftstellers. Er selbst hat sich nicht öffentlich dazu geäußert. In seinem Werk findet Jünger jedoch eindringliche Bilder für die Todesangst, der ein Soldat ausgeliefert ist:</p>
<blockquote><p>Man stelle sich vor, ganz fest an einen Pfahl gebunden und dabei von einem Kerl, der einen schweren Hammer schwingt, ständig bedroht zu sein. Bald ist der Hammer zum Schwung zurückgezogen, bald saust er vor, dass er fast den Schädel berührt, dann wieder trifft er den Pfahl, dass die Splitter fliegen – genau dieser Lage entspricht das, was man deckungslos inmitten einer schweren Beschießung erlebt.</p>
<h6 style="text-align: right;">(Aus: <em>In Stahlgewittern</em>)</h6>
</blockquote>
]]></content:encoded>
					
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