<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Deutschland &#8211; tell</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/tag/deutschland/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Sun, 03 Jan 2021 16:11:23 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	

<image>
	<url>https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/02/cropped-favicon_tell-1.png?fit=32%2C32&#038;ssl=1</url>
	<title>Deutschland &#8211; tell</title>
	<link>https://tell-review.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
<site xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">108311450</site>	<item>
		<title>Die dunkle Seite unserer Seele</title>
		<link>https://tell-review.de/die-dunkle-seite-unserer-seele/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-dunkle-seite-unserer-seele/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 10 Dec 2020 08:43:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=99686</guid>

					<description><![CDATA[Zwischen 1926 und 1936 war Thomas Wolfe sechs Mal in Deutschland. In den Briefen, Notizen und Artikeln, die im Band "Eine Deutschlandreise" gesammelt sind, beschreibt er ein Land, in dem das Schöne und das Böse nahe beieinander liegen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Für den jungen amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe war Deutschland eine zweite Heimat, es war die Herkunft seiner Vorfahren väterlicherseits. Zwischen 1926 und 1936 besuchte er Deutschland sechs Mal – das Ergebnis war eine geradezu unerschütterliche Liebe.</p>



<div style="height:20px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h3 class="wp-block-heading">Das „kindlichste“ Volk der Welt</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den Briefen und Beschreibungen, die in diesem Band versammelt sind, spart Wolfe nicht mit Lob für die Schönheit des Landes, er ist fasziniert von den Städten, von der Pracht ihrer gotischen Architektur. Bei den Deutschen fühlt sich nicht fremd, er schwärmt von ihrer Ehrlichkeit und Großzügigkeit, sie sind „das kindlichste“ Volk der Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch 1935 bemerkt er etwas, was ihn beunruhigt. In einem Brief an seinen Lektor Maxwell Perkins schreibt er:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Diese Nation ist heute jenseits des Schattens eines Restzweifels voll von Uniformen und dem Stampfen marschierender Männer – ich habe es gestern mit meinen eigenen Augen auf zweihundert Meilen in hundert Städten und Dörfern im friedlichsten, hübschesten und am freundlichsten wirkenden Land gesehen, das ich je besucht habe. Tausende von Gruppen, zahllose Divisionen von Menschen, angefangen von achtjährigen Kindern bis ihn zu Männern um die fünfzig, alle jenseits jeden Zweifels erfüllt von Hoffnung, Enthusiasmus und inspiriertem Glauben an eine fatale und zerstörerische Sache – und die Sonne schien den ganzen Tag, und die Felder sind so ungeheuer grün, die Wälder so überaus bezaubernd, die kleinen Städte so ungemein sauber und die Gesichter der Menschen die freundlichsten, die mir je begegnet sind; was kann man also sagen?</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Hinweise auf das Unheil</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was diesen Brief so unheimlich macht, ist der Kontrast zwischen der Schönheit des Landes und der Zerstörungskraft, die sich in diesem Marsch ankündigt. Noch hat sich das fatale Unheil nicht entwickelt, das fünf Jahre später den ganzen Kontinent in Brand setzen wird, aber Wolfe sieht die ersten Hinweise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Wolfe hat diesen Brief auf der Wartburg geschrieben, ein Ort von immenser symbolischer Kraft: Zufluchtsort Luthers und Schauplatz von Wagners <em>Tannhäuser</em>, und damit ein „Erinnerungsort“ Deutschlands (im Sinn von Étienne François und Hagen Schulzes <a rel="noreferrer noopener" href="https://mojoreads.de/book/Deutsche-Erinnerungsorte-3-Baende/801432" target="_blank">dreibändigem Werk</a>). Es scheint also kein Zufall zu sein, dass Wolfe seine zwiespältigen Betrachtungen über Deutschland, das deutsche Volk und den Einfluss Hitlers, den er übrigens nie namentlich nennt, gerade an diesem Ort schreibt: „ein großartiger, legendärer Berg“ in der Nähe von Weimar, ein Ort, der „so viel vom Geist des großartigsten Deutschlands in sich trägt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Böse und die Hoffnung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist für mich erstaunlich, wie Wolfe bereits zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung alle Hinweise lesen konnte für das, was danach geschah, ohne Scheu vor dem Widerspruch, den die Deutschen für ihn verkörperten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Aber ich möchte Dir sagen, dass mir gänzlich unverständlich ist, wie jemand, der hierherkommt so wie ich, es fertigbringen könnte, dieses Land, seine edle gotische Schönheit, und seine lyrische Anmut nicht lieb zu gewinnen oder die Deutschen nicht zu mögen, die, wie ich glaube, die reinsten, freundlichsten, warmherzigsten und achtbarsten Menschen sind, die ich in Europa kennengelernt habe.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dieser Bewunderung für „alles, was wunderbar und schön und erregend war“, erkennt er im gleichen Atemzug den Abgrund, der sich hier auftut. Wolfe schreibt seinem Verleger (hier im Original):</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Now I so much want to see you and tell you what I have seen and heard, all that has been wonderful and beautiful and exciting, and about those things that are so hard to explain because one feels they are so evil and yet cannot say so justly in so many words as a hostile press and propaganda would, because this evil is so curiously and inextricably woven into a kind of wonderful hope which flourishes and inspires millions of people who are themselves, as I have told you, certainly not evil, but one of the most childlike, kindly and susceptible people in the world.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Leider wird in der deutschen Fassung die Ausdruckskraft dieses Briefs nicht ganz wiedergegeben, und die Übersetzung von „evil“ mit „grundböse“ bleibt fragwürdig. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich würde Dich jetzt sehr gern treffen und Dir erzählen, was ich gesehen und gehört habe, alles, was wunderbar und schön und erregend war, und all die Dinge, die so schwer zu erklären sind, weil man spürt, wie grundböse sie sind, und die man dennoch nicht angemessen in Worte fassen kann, wie es eine feindliche Presse und Propaganda täte, weil dieses Böse so eigentümlich und untrennbar mit einer Art wunderbarer Hoffnung verwoben ist, die Millionen Menschen aufblühen lässt und inspiriert, die ihrerseits, wie ich Dir bereits schrieb, gewiss nicht böse sind, sondern vielmehr das kindlichste, freundlichste und am leichtesten zu beeindruckende Volk der Welt.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Unfassbare Widersprüche</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Wolfe versucht die Eigenschaften, den Charakter des deutschen Volkes zu erfassen – und er formuliert dabei Widersprüche, die für viele bis heute unfassbar geblieben sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sieht voraus, dass aus dieser „wunderbaren Hoffnung“, aus dieser Schönheit und Kindlichkeit eine Katastrophe entstehen wird.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">[Es] würde womöglich das größte Unglück und Leid über die Menschen bringen, die ich hier kennengelernt habe und die mir allerliebenswürdigste Gastfreundschaft erwiesen haben.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Was meint Wolfe mit der „wunderbaren Hoffnung“? Welche Art von Hoffnung kann Menschen einerseits „aufblühen“ lassen und andererseits mit dem Bösen verwoben sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist die Hoffnung auf eine Auferstehung in einem fast religiösen, metaphysischen Sinn. Das Volk bewegt sich freudig in Richtung Katastrophe, weil es leicht zu beeinflussen ist. Es folgt dem „Dark Messiah&#8220;, Wolfes Bezeichnung für Adolf Hitler in seinem posthum publizierten Roman <em>You Can&#8217;t Go Home Again</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Wir sind alle miteinander verdammt“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Wolfe weiß auch, dass das nicht nur die Deutschen betrifft:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich glaube mehr und mehr, dass wir alle verbunden und befleckt sind mit jedweder Schuld und allem Bösen, das in dieser Welt sein mag, und dass wir andere nicht beschuldigen und verdammen können, ohne dass dies letztendlich als Anklage unserer selbst auf uns selbst zurückfällt. Wir sind alle miteinander verdammt und werden alle vom selben Stock geteert, und für das, was hier geschah, sind wir in gewissem Maß alle verantwortlich.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Er spricht in der Vergangenheitsform über etwas, was sich noch nicht ereignet hat – weiß er schon 1935, was geschehen wird?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich sind die Deutschen für ihn, und das scheint mir noch wichtiger, nicht anders als alle anderen Menschen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Wir sind alle verantwortlich.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Im Widerspruch zwischen der Freundlichkeit der Menschen und dem Bösen, zu dem dieselben Menschen fähig sind, erkennt Thomas Wolfe ein Symptom von etwas, das die ganze Menschheit in sich trägt. Schon 1934 beschreibt er Deutschland in seiner Novelle <em>Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit</em> als „jenes unbekannte Land, nach dem unser Geist sich in der Jugend so leidenschaftlich sehnt, das die dunkle Seite unserer Seele ist“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Deutschland, so heißt es weiter, „haben wir, was wir haben, wissen wir, was wir wissen, sind wir, was wir sind“. Deutschland, so könnte man schließen, fasziniert Thomas Wolfe gerade deshalb, weil es alles einschließt, wozu die Menschen fähig sind.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Kurf%C3%BCrstendamm_007631A.jpg">Willy Pragher</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0">CC BY 3.0</a>, via Wikimedia Commons<br>Buchcover: Verlag</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Thomas Wolfe<br><strong>Eine Deutschlandreise</strong><br>Literarische Zeitbilder 1926-1936 <br>Aus dem Englischen von Renate Haen, Irmgard Wehrli und Barbara von Treskow. Herausgegeben von Oliver Lubrich<br>Manesse Verlag 2020 · 416 Seiten · 25 Euro<br>ISBN: 978-3717524243<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783717524243&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" width="168" height="266" data-attachment-id="99690" data-permalink="https://tell-review.de/die-dunkle-seite-unserer-seele/cover-deutschlandreise/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/12/Cover-Deutschlandreise.jpg?fit=168%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="168,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover-Deutschlandreise" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;drei&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/12/Cover-Deutschlandreise.jpg?fit=168%2C266&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/12/Cover-Deutschlandreise.jpg?resize=168%2C266&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-99690" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/12/Cover-Deutschlandreise.jpg?w=168&amp;ssl=1 168w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2020/12/Cover-Deutschlandreise.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w" sizes="(max-width: 168px) 100vw, 168px" /></figure>





<hr class="wp-block-separator"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/die-dunkle-seite-unserer-seele/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>5</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">99686</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Grenzen erzählen Geschichte(n)</title>
		<link>https://tell-review.de/grenzen-erzaehlen-geschichten/</link>
					<comments>https://tell-review.de/grenzen-erzaehlen-geschichten/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Agnese Franceschini]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Aug 2018 07:43:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Grenzen]]></category>
		<category><![CDATA[Nationen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=13737</guid>

					<description><![CDATA[Kein Land in Europa hat mehr Grenzen als Deutschland. In ihrem Gemeinschaftswerk „Deutsche Grenzen“ besuchen Burkhard Müller und Thomas Steinfeld die früheren und heutigen Landesgrenzen. Eine Geschichtsschreibung der anderen Art. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">E</span>s gibt eine Reihe von Büchern, die Deutschland und die deutsche Identität zu erklären versuchen.<br />
Dazu gehören Bände wie:<br />
&nbsp;</p>
<ul>
<li><em>Die Erfindung der Deutschen</em>. Wie wir wurden, was wir sind. Hg von Klaus Wiegrefe und Dietmar Pieper (Deutsche Verlags-Anstalt 2007)</li>
<li><em>Die Deutschen und ihre Mythen</em>. Von Herfried Münkler (Rowohlt 2010)</li>
<li><em>Die deutsche Seele</em>. Von Thea Dorn und Richard Wagner (Knaus 2011)</li>
<li><em>Der deutsche Genius</em>. Von Peter Watson (btb 2014)</li>
<li><em>Deutsche Erinnerungsorte</em>. Band 1-3. Hg. Von Etienne François und Hagen Schulze (C.H. Beck 2001)</li>
</ul>
<p>Was ist Deutsch? Das ist die Frage, die alle diese Bücher auf die eine oder andere Weise stellen. Kein Italiener würde über die „Erfindung“ der Italiener reden, dies obwohl Italien ebenfalls eine „späte“ Nation ist.</p>
<h3>Reich an Grenzen</h3>
<p>Nun also ein weiteres Buch über das Wesen der Deutschen – diesmal von den Grenzen ihres Landes her gesehen. „Reisen durch die Mitte Europas“ – mit diesem Untertitel machen Burkhard Müller und Thomas Steinfeld klar, dass es in <em>Deutsche Grenzen</em> nicht nur um Deutschland geht, sondern um den ganzen Kontinent, als dessen Herz sie Deutschland sehen.</p>
<p>Deutschland ist eines der an Grenzen reichsten Länder der Welt: Kein anderes Land grenzt in Europa an mehr andere Länder. <em>Deutsche Grenzen</em> versammelt elf Reisen, auf denen die Autoren „deutsche Grenzen in Augenschein nehmen“.</p>
<blockquote><p>Das Wort „Grenze“ klingt, als wäre es ein urdeutsches Wort. Aber das ist es nicht. Vielmehr ist es selbst ein Grenzgänger. Es kommt herüber von jenseits der unbeständigsten und wildesten unter den vielen Grenzen dieses Landes: aus dem Slawischen, genauer, aus dem Polnischen.</p></blockquote>
<p>Es waren die Ordensritter, die im 13. Jahrhundert das polnische Wort „greniz“ in den Westen brachten. Das deutsche Wort für Grenze war damals das Wort „Mark“:</p>
<blockquote><p>Es bezeichnet keine Linie, sondern einen Grenzraum, ganz besonders aber den Grenzwald, den zwei potenziell feindliche Volksgruppen zwischen sich stehen lassen um sich nicht in die Haare zu geraten.</p></blockquote>
<p>Die ersten Zeilen geben den Ton des ganzen Buches wieder. Mit Leichtigkeit und Ironie betreten die Autoren das verminte Gelände der deutschen Geschichte.</p>
<h3>Vieldeutige Grenzen</h3>
<p>Das Buch ist, trotz des Untertitels, kein klassisches Reisebuch, sondern ein „Gemeinschaftswerk“ der beiden Autoren, manchmal habe der eine, manchmal der andere das eigentliche Schreiben übernommen. Wenn die Biografie der Autoren eine Rolle spielt, wird manchmal auch die Ich-Form benutzt:</p>
<blockquote><p>Jeder kommt irgendwoher. Thomas Steinfeld aus Ostwestfalen, ich aus Unterfranken. Zur Herkunft gehört es, dass sie ihre Grenzen in sich trägt und dass ein Kind sie nicht erkennt, weil seine Welt diesseits endet.</p></blockquote>
<p>Gerade diese Ungewissheit der Grenzen scheint es auch bei erwachsenen Deutschen zu geben, das zeigt auch die immer wieder neu gestellte Frage nach der deutschen Identität. Deswegen möchten Burkhard Müller und Thomas Steinfeld die Vieldeutigkeit der deutschen Grenzen sichtbar machen. „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ – die Grenzen Deutschlands, wie sie in der heute aus der Öffentlichkeit verbannten ersten Strophe der Nationalhymne einst besungen wurden, sind das Thema des längsten Kapitels. Zunächst war diese Strophe Programm, später Realität. Wie viele Menschenleben diese Grenzen gekostet haben, ist allen bewusst. Weniger bekannt ist dagegen, dass diese Hymne vor der Entstehung Deutschlands als Nation geschrieben wurde und überdies außerhalb der deutschen Grenzen: 1841 auf Helgoland, unter englischer Besatzung.</p>
<h3>Was Ortsnamen erzählen</h3>
<p>Die Autoren zeigen uns, wie beweglich die Grenzen des Landes bis vor siebzig Jahren waren. Regionen wie Schlesien oder Preußen, die eine stiftende Bedeutung für die deutsche Nation hatten und gewissermaßen die Wurzeln Deutschlands darstellen, befinden sich außerhalb der heutigen Grenzen. Die Reise ins Memelland – die den Autoren einen großen Umweg um die russischen Enklave Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, abverlangte – zeigt noch etwas anderes, und zwar die Ortsnamenänderungen, die die Ausdehnung und das Schrumpfen Deutschlands zur Folge hatten. Zum Beispiel der litauische Ort Taurage:</p>
<blockquote><p>Dieser Name sagt: hier verlief einst die Grenze zwischen der Wildnis und ihrer Verwertung. Der deutsche Name, Tauroggen, zugleich jünger, weil er dem litauischen sich erst anverwandelte, und älter, weil er seit fast hundert Jahren nicht mehr gilt (das nationalsozialistische Intermezzo einmal abgerechnet), knüpft halb unbewusst an andere Dinge an: den Roggen, das Charaktergetreide des ostelbischen Ackerbaus, und den Tau, Inbegriff der Morgenfrühe, in der bäuerlicher Fleiß sich bereits zu regen beginnt. Ein Name des Aufbruchs.</p></blockquote>
<p>Auf ehemals preußischem Gebiet findet man viele dieser Namensänderungen, die von einer bewegten Geschichte erzählen: Nidden/Nida, Memel/Klaipeda, und Thorn/Torun:</p>
<blockquote><p>Torun ist die Heimatstadt von Nikolaus Kopernikus. Keine Einigung wurde je erzielt, ob es sich bei ihm um einen Deutschen oder Polen handelt. Er selbst hat sich zu dieser Frage nicht geäußert.</p></blockquote>
<h3>Trennung der Konfessionen</h3>
<p>Burkhard Müller und Thomas Steinfeld betrachten den Begriff Grenze unter mehreren Blickwinkeln. Es gibt politische und geografische Grenzen wie den Limes, die innerdeutsche Grenze oder den Rhein als Deutschlands Strom und manchmal auch Deutschlands Grenze. Das Kapitel über die deutsche Kleinstaaterei beschreibt mit viel Wissen und Ironie die Exzesse des deutschen Partikularismus, wobei auch religiöse Grenzen eine Rolle spielen: Am Beispiel der Gemeinde Euerbach („Ein Dorf als Staat“) wird veranschaulicht, wie die Trennung zwischen katholisch und protestantisch nicht nur Bundesländer, sondern auch Dörfer spaltet.</p>
<p>Doch das Buch von Müller und Steinfeld ist viel mehr als eine Sammlung von verschiedenen Arten von Grenzen. Denn hinter allen Geschichten und Anekdoten gibt es einen grundlegenden Gedanken: Grenzen erzählen Geschichte, und die deutschen Grenzen erzählen die bewegliche und tragische Geschichte der Mitte Europas.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Burkhard Müller, Thomas Steinfeld<br />
<strong>Deutsche Grenzen. Reisen durch die Mitte Europas</strong><br />
Die Andere Bibliothek 2018 · 400 Seiten · 42 Euro<br />
ISBN: 978-3847703983<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3847703986/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783847703983" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div><br />
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="13742" data-permalink="https://tell-review.de/grenzen-erzaehlen-geschichten/cover-10/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?fit=285%2C498&amp;ssl=1" data-orig-size="285,498" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?fit=285%2C498&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-13742" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?resize=172%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="172" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?resize=172%2C300&amp;ssl=1 172w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?resize=46%2C80&amp;ssl=1 46w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/08/Cover-1.jpg?w=285&amp;ssl=1 285w" sizes="(max-width: 172px) 100vw, 172px" /></div></div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis<br />
Grenzdenkmal Hötensleben<br />
Von Axel Hindemith (via <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Grenzdenkmal_H%C3%B6tensleben_mit_Grenzpfahl_Mauer.jpg" target="_blank" rel="noopener">Wikimedia</a>)<br />
Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode" target="_blank" rel="noopener">CC</a></h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/grenzen-erzaehlen-geschichten/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">13737</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Der Verlust der Glaubwürdigkeit</title>
		<link>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Jun 2018 10:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Linke]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=13099</guid>

					<description><![CDATA[Die linken Kräfte in Deutschland sind in der Krise. Manche sind anfällig für Verschwörungstheorien, sie betreiben Sozialabbau und zeigen Sympathien für das mafiöse Russland. Von außen gesehen erscheint Deutschland als Paradies – doch eines, in dem die Menschen nicht glücklich sind.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>ie letzten drei sich als links bezeichnenden Menschen, die ich in Deutschland traf, äußerten am Kneipentisch derart abstruse Meinungen, dass ich die Runde bald wieder verließ. Einer von ihnen, ein Deutscher aus Venezuela, war in seiner Jugend in die DDR übergesiedelt, um echten Sozialismus und die deutsche Arbeiterklasse kennen zu lernen. Statt zu studieren, arbeitete er erst einmal ein Jahr lang freiwillig als Bauarbeiter in einer sozialistischen Brigade. Bald musste er schockiert feststellen, dass die Bauarbeiter das Wort Sozialismus nicht hören wollten, es löste Schreikrämpfe und Hohngelächter aus, gefolgt von sexistischen Flüchen. Also studierte er Philosophie und errang den Titel eines Doktors.</p>
<h4>Der Informierte</h4>
<p>In unserem Gespräch meinte er, an der Inflation und dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Venezuela seien die USA schuld. Die USA wollten das dortige sozialistische Experiment scheitern lassen. Meinen Einwand, dass es möglicherweise auch Gründe gebe, die in Venezuela zu suchen seien, verwarf er kategorisch. Das Reich des Bösen sind die USA, und basta!</p>
<p>Ich wagte einen zweiten Einwand und fragte, ob es nicht immer schwerer werde, solche komplexen Vorgänge wie Staatskrisen zu beurteilen, im Zuge der Globalisierung, der Digitalisierung etc. Nein, meinte er, es werde immer einfacher, globale Entwicklungen zu beurteilen, weil man sich im Internet informieren könne.</p>
<h4>Der Rebell</h4>
<p>Sein Freund und Kollege, ein treuer Wähler der Partei Die Linke, wollte diese Aussage offenbar beweisen und behauptete, „das deutsche Volk soll ausgetauscht werden“. Das sei ein alter transatlantischer Plan, der jetzt verwirklicht werde. Den Grund für das angebliche Austauschprogramm glaubte er auch zu kennen – „die Afrikaner und Araber sind fügsamer als die Deutschen, nicht so rebellisch, dankbarer für den Wohlstand“. Er selbst war vor mehr als dreißig Jahren ein einziges Mal im Ausland gewesen, zu einer Bergwanderung in der Hohen Tatra, eine Fremdsprache beherrscht er nicht.</p>
<p>Ich fragte ihn, wohin denn das deutsche Volk getauscht werden solle, ob nach Madagaskar, wie es Hitler kurzzeitig mit den Juden geplant habe. Man darf ja gar nichts mehr sagen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, antwortete er. Er lasse sich das Reden nicht verbieten. Ich sah mich gezwungen, ihn darauf hinzuweisen, dass ich ihm nichts verboten, sondern nur sarkastisch widersprochen hatte.</p>
<h4>Die Aktivistin</h4>
<p>An unserem Tisch saß außerdem eine Frau, die sich als Aktivistin in einer basis-ökologischen Partei engagiert und die auf Facebook öffentlich geäußert hatte, sie hoffe auf einen Wahlsieg von Donald Trump, denn Hillary Clinton sei „ein kriegslüsternes Weib“. Außerdem wolle Trump das transatlantische Handelsabkommen TTIP nicht unterschreiben, das freue sie, denn sie habe oft an Demonstrationen gegen dieses Abkommen teilgenommen.</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Treffen verbreitete sie auf Facebook einen Beitrag eines arabischen Senders, in dem ein US-Amerikaner behauptete, an den Kriegen im Nahen Osten sei das jüdische Finanzkapital schuld. Auf meinen Vorwurf, dieser Beitrag sei purer Antisemitismus, lautete ihre Antwort, sie habe den Beitrag ja nicht kommentiert, nur weiterverbreitet. Daraufhin entfreundete ich sie.</p>
<h4>Das Elend der deutschen Linken</h4>
<p>In Deutschland sind alle mir bekannten linken Kräfte und Parteien, mit Ausnahme der Grünen, in einer grotesken Weise unglaubwürdig. Der „linke“ Flügel der SPD möchte in der Außenpolitik am liebsten eine freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehung zu dem Mafia-Staat Russland aufbauen. Die „Osterweiterung“ der NATO, die in der Amtszeit des heutigen Russlandfreundes und SPD-Alt-Kanzlers Schröder durchgeführt wurde, wird abgelehnt. Man vertritt die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität osteuropäischer Staaten.</p>
<p>In der Sozialpolitik hat die SPD mit den HARTZ-IV-Gesetzen für viele Menschen erniedrigende und beschämende Regeln durchgesetzt, außerdem elementare rechtsstaatliche Prinzipien, etwa die Unschuldsvermutung, außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig hat die SPD das Rentensystem so reformiert, dass künftig viele eine Rente unterhalb des Existenzminimums erhalten werden. Dass zahlreiche Menschen jetzt aus Wut lieber die AfD wählen, ist nicht erstaunlich. Zwar war die SPD nicht allein verantwortlich für diese beiden Reformen, aber im Auftrag der SPD wurden sie verfasst und beschlossen.</p>
<p>Die Partei Die Linke war wohl noch nie links im Sinne des Fortschritts. Sie hat die therapeutische Aufgabe übernommen, nach dem Fall der Mauer enttäuschte aufrechte Kommunisten zu trösten. Die Anerkennung der im Namen ihrer Ideen begangenen Verbrechen und Morde (50 Millionen!) hat nicht etwa dazu geführt, ihre Moskau-Hörigkeit zu beenden, lieber denunzieren sie die ukrainische Arbeiterklasse als nationalistisch, weil die Maidan-Revolution ja „sogar gegen ukrainische Gesetze verstoßen“ habe, so Gregor Gysi im Bundestag.</p>
<h4>So viel Zukunft war nie</h4>
<p>Bündnis 90/Die Grünen erreichen in neuesten Umfragen 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen, vertreten also, wenn man die Nicht-Wähler dazurechnet, maximal acht Prozent der Wahlberechtigten. Diese Partei hat neben der CDU sicherlich das Potential, weiterhin die Vernunft als Richtschnur politischen Handelns zu nutzen, sich für Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, autoritären und repressiven Gelüsten zu widerstehen, mit den Möglichkeiten der Zukunft in einer verspielten Weise zu experimentieren.</p>
<p>Welche „linke“ oder „liberale“ Utopie könnte Strahlkraft entfalten und Mehrheiten begeistern? Soll es ein Kommunismus im neuen Gewand werden, Grundeinkommen weltweit für alle?</p>
<p>Aber der Kapitalismus vermehrt ja schon ständig den Wohlstand und verschafft immer mehr Menschen immer mehr Möglichkeiten, schafft immer mehr Märkte. Heutzutage kann man Klingeltöne verkaufen und kaufen, oder die Gesänge der Wale. Immer weniger Menschen werden Opfer in Kriegen oder von Gewaltverbrechen. So viel Zukunft war nie.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>* * *</strong></p>
<h3>Deutschland von außen betrachtet</h3>
<p>Vor einigen Jahren traf ich an der Wolga einen Mann, der in seiner Jugend vierzig Liter Blut gespendet hatte, um auf dem Schwarzmarkt Schallplatten mit westlicher Rock &#8217;n&#8216; Roll-Musik zu kaufen zu können. Mir erklärte er, warum ich ein naiver und dummer Westler sei. Mein Fehler: Mir gefiel es in Russland. Ich mochte den operettenhaften Charme spontaner Feiern, die vielen Absurditäten, aber ich musste dort ja nicht leben, sondern war freiwillig da und konnte jederzeit wieder ausreisen.</p>
<p>Der alte Rock &#8217;n&#8216; Roller hatte in seinem Leben alle möglichen Drogen konsumiert, harte und weiche. Als junger Mann hatte er auf Inseln in der Wolga Partys mit mehreren hundert Jugendlichen organisiert, natürlich ohne Genehmigung von Komsomol oder KGB. Mich lachte er aus, weil ich nie ein Buch vom „Drogenkönig und Hellseher“ Castañeda gelesen hatte. Unter einem Putin-Bild bekreuzigte er sich und murmelte „unser lieber Pate“. Russland nannte er Dummkopf-Land, das von Deutschen regiert werden müsse. Die Russen könnten nicht effizient handeln. „Die Menschheit entwickelt sich rückwärts. Nach dem Christentum kam der Kommunismus, jetzt herrscht der Satanismus.“</p>
<p>Weil er von seiner Rente nicht leben konnte, arbeitete er als Nachtwächter. Nur einmal war er im Ausland gewesen, als Feuerwehrmann im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten.</p>
<h4>Schafft die Demokratie sich ab?</h4>
<p>Aber vielleicht hatte der Mann von der Wolga recht und die „Kräfte des Bösen“ werden gewinnen, die Demokratie wird sich selbst abschaffen, die Freiheit wird in Zukunft von Gesichtserkennungs-Software verwaltet werden? Oder man denke an Wladimir Putins kryptische Worte: „Wenn jemand Russland droht, dann wird die Antwort für die ganze Menschheit schrecklich sein, denn wozu braucht man die Welt ohne Russland?“</p>
<p>Als mein Freund Oskar aus der ukrainischen Stadt Poltawa zum ersten Mal nach Deutschland reiste, glaubte, er werde dort glückliche oder mindestens zufriedene Menschen treffen. In seiner Vorstellung ist Deutschland ein soziales Paradies mit einem fantastischen Gesundheitswesen, staunenswerter Technik und Infrastruktur, Sicherheit vor willkürlicher Verhaftung, ehrlicher Polizei, freier Presse, vielen individuelle Freiheiten.</p>
<p>Fast alle Deutschen aber, mit denen Oskar redete, schimpften über ihr angeblich so schreckliches System.</p>
<p>Einer von ihnen hatte seit vielen Jahren Depressionen, weil er Drogen konsumiert und weil er schon lange keine Freundin gehabt hatte. Das System bezahlte ihm die Wohnung und verschaffte ihm Arbeit in einer Frauenbrigade, in einer Wäscherei, wo er seine Arbeitszeit frei wählen durfte. Außerdem half ihm ein Therapeut, und ein Betreuer unterstützte ihn bei der Erfüllung bürokratischer Pflichten gegenüber den Ämtern. In seiner Freizeit schrieb er Rap-Songs, natürlich getrieben vom Hass auf diese schreckliche Gesellschaft, wie er Oskar erklärte.</p>
<p>Auch im Paradies muss offenbar große Verzweiflung herrschen.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rettungszeichen_Notausgang_Links_(alt).svg">via Wikimedia Commons</a></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/der-verlust-der-glaubwuerdigkeit/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">13099</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Die Schizophrenie der Gesellschaftsentwürfe</title>
		<link>https://tell-review.de/die-schizophrenie-der-gesellschaftsentwuerfe/</link>
					<comments>https://tell-review.de/die-schizophrenie-der-gesellschaftsentwuerfe/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Mar 2018 10:42:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://tell-review.de/?p=12561</guid>

					<description><![CDATA[Viele ehemalige DDR-Bürger empfinden eine innere Distanz zum "System". Das kann zur Entfremdung führen. Keine Gesellschaft kann ein „richtiges Bewusstsein“ von sich selbst haben. Hat der Osten dem Westen diese Einsicht voraus?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf Sieglinde Geisels Reportage <em><a href="https://tell-review.de/deutsche-aengste/" target="_blank" rel="noopener">Deutsche Ängste</a></em>.</div></div></p>
<p><span class="dropcap">N</span>ach mehr als dreißig Jahren: Besuch bei früheren Freunden in Lutherstadt-Eisleben. Man lädt zum Brunch am Sonntag. Nach dem zweiten „Prösterchen“ erklärt eine Frau ihrer Nachbarin, sie sei arbeitslos, „weil die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen“. Niemand widerspricht ihr.</p>
<p>Die Frau hatte in der DDR-Zeit am Theater gearbeitet. Damals war es ein Drei-Sparten-Theater, Schauspiel, Ballett und Orchester, achtzig Handwerker und Künstler waren dort beschäftigt. Man führte Sinfonien und Opern auf, die Geiger kamen aus Bulgarien, der Bratschist war Rumäne, einer der drei Tenöre ein Georgier, die Primaballerina kam wohl aus Ungarn.</p>
<p>Vor drei Jahren sollte das Theater geschlossen und in eine Kulturwerkstatt umbenannt und verwandelt werden. Was mit den letzten zwanzig Beschäftigten passieren würde, war wohl lange Zeit unklar. Nach Protesten und Demonstrationen konnte das Land Sachsen-Anhalt überzeugt werden, das Theater weiterhin zu bezuschussen, so dass es, mit nochmals verringertem Personal – nunmehr zehn Schauspieler und offenbar ohne eigene Musiker –, vorläufig weiterbetrieben werden kann. Man spielt Klassiker, Schillers <em>Räuber</em>, und Stücke mit aktuellen Themen wie <em>Terror</em> von Ferdinand von Schirach. Aber ein energetisches, multikulturelles Zentrum wie in der DDR ist das Theater schon lange nicht mehr.</p>
<h3>Distanz gegenüber dem „System“</h3>
<p>Freunde meinten, niemand habe der Frau widersprochen, weil niemand so früh am Vormittag über Politik reden, gar streiten wollte. Jedoch würde in Eisleben wohl mindestens jeder dritte Mensch dieser Aussage zustimmen. Die Wahlergebnisse von 2017 erhärten diesen Befund. Die AfD bekam 23,9 %, die LINKE 18,1 %, die NPD 0,9. Fast jeder dritte Wahlberechtigte hatte nicht an der Wahl teilgenommen.</p>
<p>Diese Passivität oder innere Distanz gegenüber „dem System“ kann ich gut verstehen, weil ich sie bis vor wenigen Jahren teilte. Ich habe nur drei Mal an Wahlen teilgenommen (1990, 2013 und 2017) und wollte „im Westen nicht ankommen“, wie mich Sieglinde Geisel einmal in einer Reportage zitierte. Aber ich war froh, im Westen zu leben, die Vorteile genießen zu können: die Reisefreiheit, den Empfang von Sozialhilfe, die freie Presse, den Schutz vor willkürlicher Verhaftung, die Gewissheit, von keinem Staatssicherheitsdienst überwacht zu werden.</p>
<p>Nie habe ich auch nur eine Sekunde lang gedacht, in der DDR sei es besser gewesen. Aber ich habe auch nie geglaubt, Geschichte oder Gesellschaft beeinflussen zu können.</p>
<h3>Das „Ende der Geschichte“</h3>
<p>Als die Mauer fiel, kamen DDR-Bürger von einer historisch überholten Gesellschaftsform in die nächste: in eine kapitalistische, von der jeder wusste, wie leicht durchschaubar sie war, wie menschen- und zukunftsfeindlich. Der Westen erschien mir als eine rückständige Gesellschaft, die sich einbildete, den Kapitalismus „überwunden“ oder „gezähmt“ und in eine (ewig existierende) soziale Marktwirtschaft verwandelt zu haben. Eine Zeitlang wurde gar vom Ende der Geschichte geredet.</p>
<p>Der Westen habe den Kalten Krieg gewonnen, die Demokratie werde sich als die beste und rationalste Staatsform verbreiten, als Inkarnation des Vernunftbegriffs von Immanuel Kant. Ende der Geschichte war nicht als „das Ende der Ereignisse“ gemeint, sondern als die Ankunft in der fortschrittlichsten aller denkbaren Gesellschaftsformen. Also wieder eine Heilserwartung.</p>
<p>Man muss nicht Dostojewski gelesen haben, um zu verstehen, wie komisch das ist, aber es hilft, beispielsweise <em>Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.</em>  Es hilft, sich begreiflich zu machen, dass kein Subjekt, ob Mensch oder Gesellschaft, ein „richtiges Bewusstsein“ über sich selbst haben kann.</p>
<p>Beispiel Staatsverschuldung. In DDR war der Staatshaushalt immer ausgeglichen, und alle wussten, wie absurd das war. In der BRD war der Staatshaushalt auch in den 90er Jahren defizitär und niemand fand das schlimm oder bedrohlich oder hätte gar für möglich gehalten, dass auch die Gesellschaften des Westens sich durch Leichtsinn und eigene Gier in existenzgefährdender Weise verschulden könnten.</p>
<p>Es gibt keine Entwicklung ohne Irrtümer, keine Wahrheit ohne Selbstbetrug. Eine durch und durch vernünftige, gerechte Gesellschaft kann es nicht geben.</p>
<h3>Das Jahrhundert der Flüchtlinge</h3>
<p>Westliche Gesellschaften fragen nicht nach dem Zweck ihrer Entwicklung, das ist für gelernte DDR-Bürger wie mich immer wieder erschreckend. Es zeigt, dass der „naturwüchsige“ Kapitalismus die schwächlichen demokratischen Institutionen und Rituale dominiert. In den Ozeanen schwimmen Millionen Tonnen Plastik? Das ist das Ergebnis von Arbeitsteilung, daran ist niemand schuld.</p>
<p>Ehemalige DDR-Bürger verwechseln nicht Demokratie mit Kapitalismus. Sie haben nur ein anderes historisches Bewusstsein als ehemalige Westdeutsche: das Bewusstsein vom Verhängnis, vom Scheitern und der Schizophrenie auch der großartigsten Entwürfe, ob sie nun Sozialismus oder Demokratie genannt werden.</p>
<p>Ich nehme die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht als bedrohlich war, sondern sehe keine Alternative zu ihr. Es werden weiterhin Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gespült werden, die Meeresspiegel werden steigen, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Flüchtlinge sein, wie Heiner Müller schon Mitte der 80er Jahre erkannt hat, als er in <em>Anatomie Titus Fall of Rome</em> das Ende des Römischen Reiches und die Rache der Afrikaner und Goten am Westen beschrieb.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:<br />
© Christoph Brumme</em></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/die-schizophrenie-der-gesellschaftsentwuerfe/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">12561</post-id>	</item>
		<item>
		<title>Deutsche Ängste</title>
		<link>https://tell-review.de/deutsche-aengste/</link>
					<comments>https://tell-review.de/deutsche-aengste/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Sieglinde Geisel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Mar 2018 21:46:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgenossenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=12363</guid>

					<description><![CDATA[Deutschland geht es gut, sagen die Statistiken. Doch viele Menschen fühlen sich als Opfer – im Osten wie im Westen, unter den Linken wie unter den Rechten. Warum? Eine Longread-Reportage.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">&#8222;Fahren Sie durchs Land und reden Sie mit klugen Leuten&#8220;, so lautete der Auftrag des Tages Anzeiger-Magazins (Zürich) für eine Deutschlandreportage. Als Berliner Schweizerin lernte ich Deutschland neu kennen: Mit jedem Gespräch wurde das Land widersprüchlicher, deshalb konnte ich mit dem Recherchieren kaum  mehr aufhören.<br />
Die Reportage ist am 20. Januar 2018 in gekürzter Form im <a href="https://www.dasmagazin.ch/2018/01/19/deutsche-angst/?reduced=true" target="_blank" rel="noopener">Magazin</a> erschienen. Hier nun der Writer&#8217;s Cut mit allen 14 Gesprächen.</div></div></p>
<p><strong>Mit Fotografien von <a href="http://tell-review.de/author/lars-hartmann/" target="_blank" rel="noopener">Lars Hartmann</a></strong></p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12409" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/10_07_24_d_300_6558/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?fit=1250%2C830&amp;ssl=1" data-orig-size="1250,830" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;11&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D300&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1279968036&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;32&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;500&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.002&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="10_07_24_D_300_6558" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?fit=900%2C598&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12409 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558-1030x684.jpg?resize=900%2C598" alt="" width="900" height="598" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?resize=1030%2C684&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6558.jpg?w=1250&amp;ssl=1 1250w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>ie Nacht, in der Deutschland ein anderes Land wurde“, hieß eine Schlagzeile nach der Bundestagswahl. Inzwischen hat man sich schon fast daran gewöhnt, dass Deutschland ein anderes Land ist, als wir dachten. „Wir haben kein anderes Land, sondern einen anderen Bundestag“, wendet Heribert Prantl ein, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung in München. „Wir haben jetzt einen Bundestag, der Strömungen abbildet, die bisher nicht abgebildet wurden. Früher war das Potenzial der rechten Wähler in den großen Parteien gebunden.“ Für den Sozialpsychologen und Publizisten Harald Welzer wiederum sind solche Schlagzeilen bereits Teil des Problems: „Es wird nicht davon gesprochen, dass fast 90 Prozent der Wähler das Grundgesetz respektieren.“ Es gebe keinen ersichtlichen Grund, warum eine neurechte Partei bei Bundestagswahl im September über die 5-Prozent-Hürde kommen sollte, so hatte Welzer in seinem Buch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3596299152/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Wir sind die Mehrheit</em></a> (April 2017) noch geschrieben. <span class="pull-right"><em>Wir müssen nicht jeden Furz, den die AfD und Pegida loslassen, ausgiebig beschnüffeln und beschreiben, wie das Ding riecht</em>.</span>Dass er mit seiner Prognose falsch gelegen hat, erklärt er sich damit, dass in den sechs Wochen vor der Wahl in den Medien nur noch über die AfD gesprochen worden sei. „Die AfD wurde in alle Talkshows eingeladen und setzte die Themen, so dass man über das Phantasma des Terrorismus und der inneren Sicherheit diskutierte statt über zukunftsrelevante Themen wie den Klimawandel oder die Digitalisierung.“</p>
<p>Man habe sich von rechten Bewegungen wie der Pegida schon sehr erschrecken lassen, meint Heribert Prantl rückblickend zur Schieflage in der Berichterstattung. „In meinen dreißig Jahren als Journalist habe ich so etwas noch nie erlebt: dass ein paar zehntausend Demonstranten antisemitische Parolen plärren und aggressiven Chauvinismus propagieren.“ So geschehen zum Beispiel in Dresden am 3. Oktober 2016, dem Tag der deutschen Einheit: Demonstranten pöbelten gegen das Kabinett sowie Diplomaten aus aller Welt, Politiker aus Afrika wurden mit Affenlauten bedacht. Natürlich habe man Reporter hingeschickt, die darüber berichteten. Inzwischen springe man ja nicht mehr „über jedes Stöckchen“, das die Rechten einem hinhalten. „Wir müssen nicht jeden Furz, den die AfD und Pegida loslassen, ausgiebig beschnüffeln und wie in einer Konzertkritik darlegen, wie das Ding riecht.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12412" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/13_03_16_lx_7_2214/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_03_16_LX_7_2214-e1519978099589.jpg?fit=500%2C334&amp;ssl=1" data-orig-size="500,334" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;DMC-LX7&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1363453313&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;17.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;800&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.00625&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="13_03_16_LX_7_2214" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_03_16_LX_7_2214-e1519978099589.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12412 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_03_16_LX_7_2214-1030x687.jpg?resize=900%2C600" alt="" width="900" height="600" /><br />
<span class="dropcap">D</span>ass es in Deutschland eine Schicht von Bürgern mit rechtsextremen Einstellungen gibt, ist kein neues Phänomen. Die „Mitte“-Studien der Universität Leipzig und der <a href="http://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/pressemitteilungen/entry/gespaltene_mitte_feindselige_zust%C3%A4nde">Universität Bielefeld</a> versuchen, anhand von Umfragen die gesellschaftliche Mitte im Verhältnis zu den extremen Rändern zu bestimmen. Seit dem Beginn der Umfragen im Jahr 2002 liegt der Anteil der Bevölkerung, die nationalistischen, fremdenfeindlichen und homophoben Ansichten zuneigt, konstant bei etwa einem Viertel. Angesichts dieses empirischen Befundes sei es interessant, dass die AfD ihr Wahlpotenzial mit annähernd 13 Prozent noch gar nicht ausgeschöpft habe, meint die Soziologin Silke van Dyk von der Universität Jena. <em><span class="pull-left">Es wird kaum darüber gesprochen, dass die AfD bei den Männern besonders gut abgeschnitten hat. </span></em> Die CDU sei unter Merkel stärker in die Mitte gerückt, und diesen Modernisierungsprozess machten nicht alle Wähler mit. „Der Atomausstieg, die ‚Ehe für alle‘ und vor allem die Grenzöffnung im Sommer 2015 hatten eine hohe Symbolkraft. Rechts von der CSU hat sich ein Platz aufgetan für Wähler, die am traditionellen Familienbild und traditionellen Geschlechterrollen festhalten und die von Multikulti nichts wissen wollen.“ Zugleich seien nach Jahren der neoliberalen Politik die Arbeits- und Lebensverhältnisse vieler Menschen unsicherer und prekärer geworden, dadurch hätten sich Verteilungskonflikte verschärft.</p>
<p>Dennoch widerspricht Silke van Dyk vehement der These, die Wahl rechter Parteien sei vor allem eine Notwehr der unteren Schichten – eine These, für die Didier Eribons autobiografischer Beststeller <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518072528/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Rückkehr nach Reims</em></a> auch hierzulande als Beleg herangezogen wird. Dies sei ein bequemes Argument, mit dem man sich nach der Wahl habe entlasten wollen, sagt van Dyk: „Man hat AfD-Wähler ganz schnell zu Protestwählern erklärt: Das seien gar keine Rassisten, sie hätten nur nicht anders gekonnt. Indem man die AfD-Wahl zu einer uneigentlichen Wahl erklärte, konnte man das Wahlergebnis entproblematisieren.“ Die These von der Wahl der Abgehängten widerspreche auch den komplexen empirischen Befunden. Hinsichtlich ihres Einkommens unterschieden sich die AfD-Wähler kaum vom nationalen Durchschnitt. „Statt die Wähler rechter Parteien pauschal durch die Notwehr-These zu entlasten, sollten wir ernst nehmen, dass viele genau deshalb die AfD gewählt haben, weil sie die rassistische Programmatik gutheißen“, sagt Silke van Dyk. „Übrigens kann man das auch bei Eribon nachlesen: Die Arbeiter, die jetzt den Front National wählen, waren auch als Kommunisten durchaus fremdenfeindlich, sie sind es nicht plötzlich als Reaktion auf den Neoliberalismus geworden.“ Wenn man die AfD-Wahl als Protest interpretieren wolle, dann müsse man beachten, dass sich der Protest nicht nur gegen soziale Ungleichheiten und prekäre Arbeitsverhältnisse richte, sondern ganz wesentlich gegen eine multikulturelle, geschlechtergerechte Gesellschaft. „Seltsamerweise wird kaum darüber gesprochen, dass die AfD bei den Männern besonders gut abgeschnitten hat.“ Die Wahl der AfD sei, so van Dyk, ebenso wie die Zustimmung zu Trump und anderen rechten Parteien, auch ein Abwehrkampf weißer Männer, die ihre selbstverständlich geglaubten Privilegien verlieren. <em><span class="pull-right">Die Behauptung, etwas sei alternativlos, ist hochgradig demokratiegefährdend.</span></em>Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass alle Untersuchungen zeigten, dass Frauen und Migranten bezüglich Einkommen, Vermögen und Karrierechancen immer noch benachteiligt seien. Zu beobachten sei eine Mischung aus Kulturkampf und sozialem Abwehrkampf, befeuert durch Nationalismus. „Fremdenhass war schon immer ein Identifikationsangebot für diejenigen, die den Abstieg fürchten oder ihn erleben. Man wird aufgewertet gegenüber jenen, die keine Deutschen sind, versprochen wird eine nationale, exklusive Solidarität.“</p>
<p>Silke van Dyk sieht die Demokratie von zwei Seiten im Zangengriff: Sowohl der autoritäre Populismus wie auch der autoritäre Neoliberalismus seien radikal anti-pluralistisch. „Während der Rechtspopulismus behauptet, es gebe nur <em>ein</em> Volk, gibt es für den Neoliberalismus einzig den Markt als Referenzpunkt.“ In der Politik würden Entscheidungen oft nicht mehr diskutiert, sondern als marktbedingter Sachzwang dargestellt. „Die Behauptung, etwas sei alternativlos, halte ich für hochgradig demokratiegefährdend, denn damit wird der politische Streit stillgestellt. Dieser Streit ist aber der Kern jeder Demokratie. In der aktuellen Diskussion über die Rechtswende als Notwehr gegen den Neoliberalismus wird oft übersehen, dass die AfD für einen neoliberalen Rechtspopulismus steht, ebenso wie die FPÖ in Österreich, die SVP in der Schweiz und Trump in den USA.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12417" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-14/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1461422137&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;22&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12417 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4207.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">P</span>olitische Haltungen basieren oft auf Gefühlen. Wir neigen zu der Auffassung, unsere Gefühle seien ein authentischer Ausdruck unseres Innersten, doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Gefühle gelernt werden – und oft auch gemacht. Die Historikerin Ute Frevert ist eine Expertin für solche Zusammenhänge, in ihrem jüngsten Buch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3103972229/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Die Politik der Demütigung</em></a> untersucht sie etwa die Rituale der Beschämung. Sie beobachtet, dass in den Diskursen der neuen Rechten der Begriff der Demütigung eine große Rolle spiele. „Den Bürgern im Osten des Landes bietet man an, dass sie sich durch den Prozess der Vereinigung, der mittlerweile länger als ein Vierteljahrhundert andauert, zutiefst gedemütigt fühlen müssten. Überall seien ihnen Westler vorgesetzt worden, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, die mehr verdienten, die mit einer hochmütigen Haltung in den Osten gekommen waren und sie immer haben fühlen lassen, dass sie Bürger zweiter Klasse seien.“ <em><span class="pull-left">Die AfD-Wähler wollen das Recht, stolz zu sein: stolz auf ihr Vaterland, stolz auf ihre Nation.</span></em>Vor zehn Jahren habe es dieses Demütigungsmotiv noch nicht gegeben, doch heute fühlten sich viele Ostdeutsche darin wiedererkannt. „Es wird ihnen eine Erklärung ihrer Gefühlslage nahegebracht, die sie vorher nicht hatten. Sie entdecken auf einmal, dass sie 27 Jahre lang gedemütigt worden sind. Jetzt erheben sie ihre Stimme und sagen: Das lassen wir uns von dieser westlichen Politikerklasse nicht länger gefallen! Und demütigen selber.“</p>
<p style="text-align: left;">Die Rolle des Opfers sei ambivalent: „Einerseits ist ‚Du Opfer!‘ in der Jugendsprache die schlimmste Beschimpfung, andererseits hat das Opfer auch eine Stärke, denn durch das erlittene Unrecht wird es ins Recht gesetzt.“ Um Mitleid gehe es bei den neuen Diskursen keineswegs, im Gegenteil. „Die AfD-Wähler wollen das Recht, stolz zu sein auf das, was sie geleistet haben: stolz auf ihr Vaterland, stolz auf ihre Nation.“ Der mit einem Gefühlsüberschuss aufgeladene Begriff Heimat spiele dabei eine große Rolle: Auch in Gegenden, wo gar keine Flüchtlinge lebten, gebe es den Eindruck, die Deutschen würden symbolisch enteignet. Hier setze eine politische Botschaft an, die den Wählern suggeriert: Deutschland ist nicht mehr Deutschland, wir erkennen unser Land nicht wieder. „Dann heißt es etwa: ‚Wo sind denn noch deutsche Lokale?‘ Dabei gibt es genug Orte, wo Deutsche unter sich sind, man muss nur mal in die Oper gehen.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12418" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/10_07_24_d_300_6626/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?fit=1250%2C830&amp;ssl=1" data-orig-size="1250,830" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;9&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D300&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1279979155&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;24&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;500&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.004&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="10_07_24_D_300_6626" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?fit=900%2C598&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12418 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626-1030x684.jpg?resize=900%2C598" alt="" width="900" height="598" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?resize=1030%2C684&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_D_300_6626.jpg?w=1250&amp;ssl=1 1250w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><br />
<span class="dropcap">H</span>aben die Ostdeutschen Grund, sich von den Westdeutschen gedemütigt zu fühlen? Um dies herauszufinden, fahre ich nach Dresden. Frank Richter wurde 1987 in Dresden als katholischer Priester ordiniert, er war an der friedlichen Revolution der DDR beteiligt, hat später das Priesteramt aufgegeben, geheiratet, und war bis vor kurzem Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Heute ist er Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche in Dresden. Richter gilt als „Pegida-Versteher“: In Talkshows und Interviews erklärt er den Westdeutschen, wie die Ostdeutschen sich im wiedervereinigten Deutschland fühlen. Das Ressentiment sei schon vor Pegida da gewesen: „Es ist subkutan gewachsen und dann aufgebrochen, allerdings in einer Dimension, wie ich es nicht erwartet hätte.“ <em><span class="pull-right">Je größer die Illusionen, desto größer die Enttäuschung.</span></em>Äußerlich sei der Osten im Westen angekommen: „Auch die letzte Umgehungsstraße ist hier gebaut – viele Westler, die Sachsen besuchen, sagen: Das hätten wir auch gerne.“ Doch innerlich sei der Prozess der Vereinigung nicht vollzogen worden. „Es gab enorme Anpassungsanstrengungen, und nun sehe ich Erschöpfungserscheinungen und Enttäuschungen.“ Mit dem Mauerfall seien große Erwartungen und Hoffnungen verbunden gewesen. Er denke oft an den Satz von Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von Berlin: Heute Nacht sind die Deutschen das glücklichste Volk der Erde. Als Frank Richter den Satz ausspricht, kann er für einen Moment nicht weiterreden, selbst ihn holen die Gefühle ein. „Je größer die Illusionen, desto größer die Enttäuschung.“</p>
<p>Kaum je hat eine Gesellschaft einen so intensiven und schnellen Transformationsprozess durchgemacht wie die Ostdeutschen durch die Wiedervereinigung. „Damals hatte sich für die DDR-Bürger alles geändert, außer der Sprache. Und dass wir die Wiedervereinigung selbst gewollt hatten, macht es nicht einfacher.“ Als Theologe sieht Frank Richter in Ostdeutschland überdies ein spirituelles Vakuum. Die ehemalige DDR ist das säkularste Gebiet Europas, mit Ausnahme von Nordböhmen. „Der Marxismus-Leninismus war als Weltanschauung auch ein Religionsersatz: Es gab eine Ordnung, und in dieser Ordnung hatte der Einzelne seinen Platz. Es gab Ideale, und das waren nicht die schlechtesten – und es gab ein Versprechen: Schutz vor globalen Bedrohungen.“ Diese Ideologie sei sofort weg gewesen, schon drei Wochen nach dem Mauerfall habe nicht einmal mehr die SED vom Marxismus-Leninismus gesprochen. „Schon damals habe ich mich gefragt: Was bleibt an Orientierungswissen in den Köpfen der Menschen übrig?“ Angesichts dieses inneren Vakuums habe sich die neoliberale Marktwirtschaft als neue Weltanschauung angeboten.<em><span class="pull-left">Am Ende heißt es immer: Die Wessis haben uns plattgemacht.</span></em> „Alles hatte sich verändert, nur man selbst war sich geblieben. Also sagten sich viele: Kremple die Ärmel hoch! Vielleicht warst du als Ossi eh ein bisschen faul gewesen – das war ja untergründig als Vorwurf immer da.“ Ein System, das permanent Gewinner suche, produziere auch permanent Verlierer, daher seien die Enttäuschungen vorprogrammiert gewesen. „Egal, wie sehr sie sich anstrengten: In diesem Wettkampf waren die Ostdeutschen mehrheitlich die Verlierer. Die Westdeutschen kannten die neue Ordnung besser, überdies kamen sie aus ganz anderen Vermögensverhältnissen.“</p>
<p>Die Chefetagen sind in Ostdeutschland nach wie vor zu 77 Prozent mit westdeutschen Führungskräften besetzt. „Anfang der 1990er war das akzeptiert, auch wenn es oft demütigend abgelaufen ist.“ Damals gab es westdeutsche Investoren, die etwa Fördermittel in Anspruch nahmen, um einen Betrieb nach wenigen Monaten dann doch abzuwickeln. Richter kann viele Beispiele für diese Art der „Marktbereinigung“ aufzählen: der erste FCKW-freie Kühlschrank etwa, der noch zu DDR-Zeiten in Schwarzenberg im Erzgebirge produziert worden war, oder die Kali-Werke im thüringischen Bischofferode. „Selbst der CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel sagte damals: Hier zeigt der Kapitalismus seine hässlichste Fratze. Wenn sie sich von den Menschen diese Geschichten erzählen lassen, heißt es am Ende immer: Die Wessis haben uns plattgemacht.“ Die Frustration, die jetzt manifest werde, habe sich jahrelang aufgebaut. In den ersten Jahren nach der Wende waren die Kräfte gebunden, man sei damit beschäftigt gewesen, sich neu zu orientieren, habe das neue System erst begreifen müssen. Doch dann hätten viele Ostdeutsche bestätigt gesehen, was sie im Staatsbürgerkunde-Unterricht der DDR über den Kapitalismus gelernt hatten. „Die Demokratie wird oft verwechselt mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die als bedrohlich und gesellschaftszerstörerisch wahrgenommen wird.“ Frank Richter erinnert daran, dass das Wort „Wiedervereinigung“ ein Euphemismus sei, in Wahrheit war es ein „Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD“.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12421" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/10_07_18_d_300_5648/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?fit=1250%2C830&amp;ssl=1" data-orig-size="1250,830" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;14&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D300&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1279444739&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;85&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;640&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.00125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="10_07_18_D_300_5648" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?fit=900%2C598&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12421 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648-1030x684.jpg?resize=900%2C598" alt="" width="900" height="598" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?resize=1030%2C684&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_18_D_300_5648.jpg?w=1250&amp;ssl=1 1250w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><br />
<span class="dropcap">D</span>ie SPD-Politikerin Petra Köpping, seit 2014 Staatsministerin für Gleichstellung und Integration des Landes Sachsen, hat das Zuhören zu einem politischen Prinzip gemacht. Sie stellte sich bei der ersten Pegida-Demonstration im Oktober 2014 dazu, damals war es noch ein Schweigemarsch. „Wenn man Sachsen verstehen will, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Pegida vor der Flüchtlingskrise da war.“ Wir treffen uns im Restaurant des Sächsischen Landtags, der dunkelhaarige Kellner umarmt Petra Köpping zur Begrüßung fast stürmisch. <em><span class="pull-right">&#8222;Integrieren Sie doch erst mal uns, wir sind immer noch Bürger zweiter Klasse!&#8220;</span></em>Er ist einer von zwei homosexuellen Flüchtlingen, die Köpping für ein Vierteljahr bei sich zu Hause aufgenommen hatte, nachdem sie in ihren Heimen von anderen Flüchtlingen gemobbt worden waren. „Ich bekam einen Anruf vom Christopher Street Day Verein, der sich um solche Fälle kümmert. Wir hatten Platz zu Hause, ich sprach kurz mit meinem Mann, und dann kamen die beiden zu uns. Im Restaurant hatten sie schon lange einen Kellner gesucht, so konnte ich einen von ihnen hier unterbringen. Der andere lernt in Leipzig Ton- und Anlagetechniker, sein Vater hatte in Syrien ein Theater, deshalb wollte er wieder in diesem Bereich arbeiten.“</p>
<p>In der DDR hatte Petra Köpping Staats- und Rechtswissenschaften studiert; vier Monate vor der Wende trat sie aus der SED aus, nach der Wende war sie Bürgermeisterin von Groß-Pösna. Damals arbeitete sie, wie viele ehemalige DDR-Bürger, als Versicherungsvertreterin, „das war das Einfachste“. 2002 trat sie in die SPD ein. Die Wende sei noch lange nicht verarbeitet, das zeigten Gespräche. „In den Bürgerforen heißt es oft: ‚Frau Köpping, Sie mit Ihren Flüchtlingen!‘ Der nächste Satz ist dann: ‚Integrieren Sie doch erst mal uns! Wir sind in Gesamtdeutschland doch gar nicht angekommen, wir sind doch immer noch Bürger zweiter Klasse.‘“</p>
<p>Die Enttäuschung der Ostdeutschen kristallisiert sich an Missständen, von denen man im Westen kaum Notiz nimmt. „Fangen wir mit den Renten an.“ 17 Berufsgruppen hätten Rentenansprüche aus DDR-Zeiten, die nun nicht eingelöst würden. Die Reichsbahner etwa, über 120 000 Menschen, bekämen im Schnitt rund 400 Euro monatliche Rente nicht ausbezahlt. „Dies trotz einer Zusicherung im Einigungsvertrag und obwohl das gesamte Vermögen der Reichsbahn – Gleisanlagen, Immobilien, Sachwerte – in den Besitz der Deutschen Bahn übergegangen ist.“ <em><span class="pull-left">Manche Politiker denken: Die sterben aus und damit erledigt sich das Problem von selbst.</span></em>Betroffen sind auch die Angestellten der bergbauverarbeitenden Industrie, die aus der Berufsgruppe der Bergleute herausgelöst wurden und damit den Anspruch auf Zulagen verloren. „Das wurde bei der Wiedervereinigung einfach vergessen. Das kann passieren. Was die Leute aber nicht verstehen, ist, dass es nicht korrigiert wurde. Manche Politiker denken: Die sterben aus und damit erledigt sich das Problem von selbst.“ Oder die 300 000 geschiedenen Frauen der ehemaligen DDR: Sie bekämen weder den Versorgungsausgleich noch die für diese Gruppe im DDR-Recht vorgesehenen besonderen Rentenanwartschaften, mit denen die Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung in der DDR gewürdigt wurde. Sie hätten sich organisiert und seien bis zur Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen vorgedrungen, wo sie die Bestätigung erhielten, dass es sich tatsächlich um Diskriminierung handle – doch geändert habe sich nichts. Und noch ein Beispiel: Allein im Raum Leipzig hatten nach der Wende 100 000 Menschen über Nacht ihre Arbeit verloren. Es folgten Umschulungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die jedes Mal mit Hoffnung verbunden waren. „Und nun bekommen die Leute ihren Rentenbescheid: Zwischen 400 und 690 Euro – diese Zahlen höre ich oft. Sie fühlen sich verraten und betrogen. Manche haben für diese Rente 45 Jahre gearbeitet.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12439" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-22/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;7.1&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1461419640&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;26&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.00625&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12439 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_04_23_P_5_4194.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">E</span>in zweiter wunder Punkt sei die Geschichte der Treuhand-Anstalt, die nach der Wende die volkseigenen Betriebe der DDR privatisierte oder schloss. „Nehmen wir die Margarethenhütte in Großdubrau. Bis zum Tag der Wiedervereinigung exportierte dieses Werk über die Hälfte seiner Produktion von Hochspannungsisolatoren in den Westen – und dann hieß es über Nacht, das Werk sei überaltert und nicht konkurrenzfähig. So etwas vergessen die Leute nicht, sie erzählen es ihren Kindern und Enkeln.“ Viele der ehemaligen Arbeiter könnten immer noch nicht darüber sprechen, so tief sitze die Erinnerung daran, wie man mit ihnen umgegangen sei. „Ich war auf einer Veranstaltung, da konnten viele ihre Sätze nur beginnen und haben dann geweint. Da läuft es Ihnen kalt den Rücken herunter.“ Ein <a href="http://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2017-11-27-zeitgeschichte-die-treuhandanstalt-bad-bank-der-wiedervereinigung" target="_blank" rel="noopener">Bericht der Ruhr-Universität Bochum</a> bestätigt dies: Die Treuhand sei eine „erinnerungskulturelle Bad Bank“, in der alle schlechten Erfahrungen der Transformationsjahre abgelegt würden, so die Autoren. Für viele Menschen im Osten Deutschlands sei die Treuhand daher ein „negativer Gründungsmythos“.</p>
<p>Als dritter Faktor spiele die Deklassierung nach der Wende eine Rolle. Sachsen war das industrielle Zentrum der DDR. „Damals und heute gilt Sachsen als das ‚Land der Ingenieure‘, die Hälfte des gesamten DDR-Wissenschaftspotentials konzentrierte sich auf das heutige Sachsen und Ost-Berlin.“ <em><span class="pull-right">Als ich sagte: Uns geht es doch toll in Sachsen, sind einige Leute aufgestanden und haben mit der Tür geknallt.</span></em>Sechzig Prozent von ihnen wurden nach der Wende entlassen, in der Industrieforschung waren es sogar 85 Prozent, eine direkte Folge des Wirkens der Treuhand. Die meisten Ingenieure oder Betriebsleiter fanden nach der Wende keine Arbeit mehr, die ihrer Qualifikation entsprach. Diplomkräfte mussten als Putzfrau oder als Verkäufer arbeiten, während die Führungskräfte aus dem Westen kamen. Statistisch gesehen ist Sachsen das erfolgreichste der neuen Bundesländer, bei der Pisa-Studie hat das Bundesland fünf Mal in Folge den ersten Platz erreicht. „Doch das kommt bei den Menschen hier nicht an“, sagt Petra Köpping. „Als ich bei einer Veranstaltung sagte: Uns geht es doch toll in Sachsen, wir sind das am geringsten verschuldete Bundesland! Da sind einige Leute aufgestanden, haben den Saal verlassen und mit der Tür geknallt.“ Sachsen sei auch deshalb so erfolgreich, weil es sich als Billiglohnland etabliert habe: Nach Thüringen hat Sachsen die am schlechtesten bezahlten Lehrer in ganz Deutschland.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12423" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/13_08_09_lx_7_10563/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?fit=1250%2C834&amp;ssl=1" data-orig-size="1250,834" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;DMC-LX7&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1376071346&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;4.7&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;320&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.04&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="13_08_09_LX_7_10563" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?fit=900%2C600&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12423 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563-1030x687.jpg?resize=900%2C600" alt="" width="900" height="600" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?resize=1030%2C687&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/13_08_09_LX_7_10563.jpg?w=1250&amp;ssl=1 1250w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>as alles hat mit den Flüchtlingen nichts zu tun, und doch richtet sich das Ressentiment gegen die Fremden. Die Fremdenfeindlichkeit ist ein wunder Punkt. Petra Köpping empfindet die Berichterstattung als einseitig. Auch in Sachsen funktioniere die Integration, gerade in kleinen Städten. Sie erzählt von einer syrischen Familie in Glauchau. „Die Töchter gehen jeden Sonntag in die Kirche – mit ihrem Kopftuch! Die sind neugierig, und in dem Ort ist die Familie hoch akzeptiert.“ Dass Köpping als Gleichstellungsministerin allerdings ein Integrationsprojekt für 50 Millionen Euro geschnürt hat, stößt auf Widerstand, da heiße es: Wer hat denn uns damals geholfen? Natürlich würden die Flüchtlinge auch als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt gesehen, selbst dann, wenn die Einheimischen diese Jobs gar nicht haben wollten. Köpping erzählt von einem Mann, den sie kürzlich auf dem Leipziger Wochenmarkt angehalten habe, er schimpfte darüber, dass hier nur noch Ausländer Gemüse verkaufen würden. „Da habe ich zu ihm gesagt: Soll ich Ihnen so einen Job verschaffen? Wir können gleich zusammen hingehen, Sie können auch Gemüse verkaufen! Sagt er: Nee, ich doch nicht! Tja, wer soll denn nun das Gemüse verkaufen?“ Natürlich kennt Petra Köpping auch Geschichten wie die von dem jungen Mann aus Eritrea, der in Freital einen Ausbildungsplatz bekommen hätte. Er halte es nicht aus, bei jedem Gang zum Supermarkt angepöbelt zu werden und dabei immer ruhig zu bleiben, um eine Eskalation zu verhindern. „Der ist nach Baden-Württemberg gegangen.“</p>
<p>Frank Richter sieht den Nationalismus als Anerkennungsmuster. Zum einen biete dies Orientierung an, zum anderen stecke dahinter die nicht aufgearbeitete Verstrickung mit dem Nationalsozialismus. <em><span class="pull-left">Wenn Sie in Sachsen sind, sind Sie nicht in Westeuropa.</span></em>Eine 68er-Bewegung, die von den Vätern wissen wollte, was sie im NS-Deutschland gemacht hatten, hatte es im Osten nie gegeben, hier steht das Jahr 1968 für den Prager Frühling. „Die Generation der Alten hat in der DDR das Nazi-Schämen nie gelernt“, so formuliert es Richter. „Die DDR erklärte sich per <em>ordre de mufti </em>als antifaschistischer Staat. Die Berliner Mauer war der ‚antifaschistische Schutzwall‘, und damit war geklärt, dass alles, was mit Nazi-Geschichte zu tun hat, auf eine eigentümliche Weise im Westen gelandet ist.“</p>
<p>Sachsen ist ein ausgesprochen homogenes Bundesland, es gibt kaum Alltagserfahrungen mit fremden Kulturen. „Man schottet sich mental ab gegen die multikulturelle Gesellschaft, speziell gegenüber Berlin. Die Zentralmacht wird hier nicht gemocht, das wurzelt schon im sächsisch-preußischen Verhältnis.“ Den Staat Sachsen gibt es viel länger als die Bundesrepublik, gut 800 Jahre geht diese Identität zurück. Geistig orientiere man sich hier an den Višegrad-Staaten: an Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei mit ihrer Ablehnung des Fremden. „Wenn Sie in Sachsen sind, sind Sie nicht in Westeuropa.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12428" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-16/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1442067879&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.003125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12428 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/15_09_12_P_5_5456.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">N</span>icht nur im Osten Deutschlands hat die AfD einen Nerv getroffen. Zu den Überraschungen der Bundestagswahl gehört der Erfolg der AfD in Bayern und Baden-Württemberg. Hier gibt es kein Demütigungsmotiv, im Gegenteil. Es scheint gerade der Wohlstand zu sein, der das Unbehagen nährt. „Man hat etwas zu verlieren“, so erklärt es sich der Berliner Fernsehregisseur und Dokumentarfilmer Volker Heise, der für sein Fernsehprojekt <a href="https://www.24hbayern.de/" target="_blank" rel="noopener">„24 h Bayern: Ein Tag Heimat“</a> im Freistaat Bayern recherchiert hat. Man dürfe nicht vergessen, dass Bayern in den Fünfzigerjahren noch ein Agrarland war, heute sei Bayern bereits weitgehend in die Dienstleistungsgesellschaft übergegangen. <em><span class="pull-right">Im Moment sehen sich alle als Opfer.</span></em>„Das ganz große Geld wird heute nicht mehr in der Industrie von BMW und Siemens verdient, sondern von der Allianz und der Münchner Rück. Es gibt Leute, die fliegen morgens nach Bologna, verhandeln dort über Umweltzertifikate in China – und abends sitzen sie in der Dorfkneipe beim Bier und wollen ihr Bayern wiederhaben. Und dann kommt gleich der Satz: Schuld sind die Ausländer!“ Auch die Gewinner der Globalisierung fühlten sich als Verlierer; durch Slogans wie „Laptop und Lederhose“ würden diese Widersprüche nur notdürftig übertüncht. „Im Moment sehen sich alle als Opfer“, sagt Heise. „Die Linken, die Ex-DDR-Bürger, die Rechten – alle haben ihren Opferdiskurs, doch niemand hat die Einsicht, dass er selbst Teil des Problems ist.“ Man beklage sich etwa darüber, dass die deutschen Fabriken ins Hintertreffen gerieten. „Doch dann fahren sie in ihrem koreanischen Geländewagen nach Hause und schalten den japanischen Fernseher ein.“ Den Widerstand gegen Veränderung kann Heise verstehen. Er kam als junger Mann in den Achtzigerjahren aus einem Dorf in Niedersachsen nach Berlin. „Mir gefiel das alte, arme, räudige Kreuzberg, wo keiner Geld hatte. Jetzt zahlt man hier Wahnsinnsmieten, und wenn ich vors Haus gehe, treffe ich den ganzen deutschen Mittelstand, ich hasse es!“, sagt er lachend. Auch er gehört zum deutschen Mittelstand.</p>
<p>Vor sechs Jahren hat Volker Heise mit seiner Frau zusammen ein Wochenendhaus in Brandenburg gekauft, in der Nähe von Wittenberge, einer Industriestadt, die seit der Wende fast die Hälfte ihrer Bewohner verloren hat. Die Landflucht sei extrem, das sei eine Welt ohne Kinder. „Der Zuzug von Flüchtlingen könnte Dörfer retten, dann gäbe es wieder ein Lebensmittelgeschäft, die Schule müsste nicht schließen. Doch solche Gedanken kommen hier nicht an.“ Er kennt Leute aus Brandenburg, die Angst davor haben, nach Berlin zu fahren. „Wenn man länger mit ihnen redet, kann man das auch verstehen. Wenn sie am Hermannplatz in Neukölln aus der U-Bahn steigen, sind sie in einer fremden Welt: Wie reden die hier, wie riecht das, was essen die?“</p>
<p>Auch für Heribert Prantl ist der Niedergang der Dörfer ein Thema. Er kommt aus der Oberpfalz, und wenn er durch die entkernten Dörfer seiner Heimat fahre, werde er jedes Mal wütend. Auch hier sind die Einheimischen Teil des Problems. <em><span class="pull-left">Ich möchte den Rechten das Wort Heimat wegnehmen.</span></em> Jahrelang seien die Bürgermeister darauf aus gewesen, gewerbesteuerträchtige Unternehmen in ihren Ort zu locken. „Man hat Lidl und Aldi an den Ortsrand gesetzt und sich sehr gefreut. Nur gibt’s fünf Jahre später in der Hauptstraße keine Metzgerei, keine Bäckerei und kein Schuhgeschäft mehr.“ Nicht zufällig steht der Begriff Heimat im Zentrum der Debatten um die AfD. Prantl möchte den Rechten dieses Wort wegnehmen. „Die Rechten haben Blut und Boden in den Begriff Heimat hineingeschüttet. Ich würde gern hineinschütten, dass Dörfer mit schnellen Datenleitungen versorgt werden, dass sich in den Ortskernen Kunsthandwerk ansiedelt, dass es eine Vernetzung gibt.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12424" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/09_08_17_d300_15245/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?fit=1250%2C830&amp;ssl=1" data-orig-size="1250,830" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;13&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;Lars Hartmann&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D300&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1250489711&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;2009&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;25&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;1250&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.0015625&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="09_08_17_D300_15245" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?fit=900%2C598&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12424 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245-1030x684.jpg?resize=900%2C598" alt="" width="900" height="598" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?resize=1030%2C684&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?resize=80%2C53&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?resize=450%2C300&amp;ssl=1 450w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/09_08_17_D300_15245.jpg?w=1250&amp;ssl=1 1250w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>eutschland ging es nie so gut wie heute“, schreibt Harald Welzer in <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3596299152/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Wir sind die Mehrheit</em></a>. Seiner Meinung nach hat die deutsche Gesellschaft den Stresstest vom Sommer 2015 bravourös bestanden, nicht zuletzt dank des Engagements der Zivilgesellschaft. Auch Herfried und Marina Münkler setzen in ihrem Bestseller <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3499632071/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Die neuen Deutschen</em></a> auf Optimismus. Migration sei für die Erneuerung einer Gesellschaft notwendig. Die Vorstellung, die Flüchtlingskrise sei eine noch nie dagewesene Belastung, sei für eine Mediävistin ohnehin absurd, meint Marina Münkler, die in Dresden eine Professur für die Literatur des Mittelalters innehat. „Gesellschaften brauchen alle 25 bis 30 Jahre eine solche Herausforderung, aus der dann das Selbstbewusstsein entsteht: Das kriegen wir hin“, sagt Herfried Münkler, Professor für politische Theorie an der Berliner Humboldt-Universität. <em><span class="pull-right">Trotz der guten Konjunktur haben wir eine frei flottierende Angst.</span></em>Die deutsche Gesellschaft beschreibe sich selbst als eine Geschichte der Generationen. „In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geschah dies als Abfolge von Kriegen: Man hatte eine Vorkriegs-, eine Kriegs- und eine Nachkriegsgeneration – und dann das Ganze noch einmal von vorn. Danach gab es keine Kriege mehr, nun war es die Generation Käfer oder die Generation Golf, benannt nach Konsumprodukten.“ Vielleicht gebe es so etwas wie eine Generation Wiedervereinigung. Münkler ist überzeugt davon, dass wir in der Retrospektive eine Generation Willkommensgesellschaft haben werden, „mit allem, was dazugehört, nicht nur dem Überschwang, sondern auch den Kleinarbeiten über eine lange Zeit hinweg und der Erschöpfung“. Nicht die Realität sei das Problem, sondern die Unwilligkeit, konkrete Probleme zu lösen. „Trotz der guten Konjunktur haben wir eine frei flottierende Angst. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren waren die Probleme viel größer – aber die Menschen hatten nicht viel zu verlieren, und wenn sie in die Zukunft schauten, hatten sie die Vorstellung, dass es nur besser werden kann. Wenn es einem dagegen so gut geht, wie uns derzeit, hat man eher die Erwartung, dass es schlechter werden wird.“ Die Politik habe es versäumt, diese frei flottierende Angst in eine konkrete Furcht umzuwandeln. „Furcht hat man <em>vor</em> etwas. Das kann man benennen, und dann kann man Problemlösungen dafür finden. Doch daran haben die Rechten kein Interesse.“</p>
<p>Der Ton in den aktuellen Sachbüchern unterscheidet sich auffällig vom Alarmismus der Tagespresse. Das Sachbuch ist ein nachdenklicheres Medium, hier gibt es keine Klicks zu jagen. Widersprüche werde ausgelotet, und Angst erscheint als Gegenstand der Analyse, nicht als Zustand, in den man sich hineinbegeben kann. Wenn man sich in den sozialen Medien bewegt, könnte man meinen, Deutschland sei in der Krise, doch diesem Eindruck widersprechen alle Statistiken. Heribert Prantl spricht seiner <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3711001300/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Gebrauchsanweisung für Populisten</em></a> gar von einer „Pflicht zur Zuversicht“. Die Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle. Einerseits machen sie uns die gesellschaftliche Realität zugänglich, andererseits formen sie durch die Berichterstattung diese Realität mit. Ob wir „es schaffen“, hängt auch davon ab, ob wir glauben, dass wir es schaffen.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12425" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/16_06_04_lx_7_5822/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;DMC-LX7&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1465051144&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;9.2&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;80&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.00625&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="16_06_04_LX_7_5822" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12425 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_04_LX_7_5822.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">W</span>ie berechtigt sind die Ängste, die so viele Menschen umtreiben? Die Psychoanalytikerin Christiana Udeogu-Gözalan begegnet diesen Ängsten in ihrem therapeutischen Alltag. Ich besuche sie in ihrer Praxis in München. Ihr Vater ist Nigerianer, er hatte in der DDR Medizin studiert und sich in Leipzig in eine Thüringerin verliebt. <span class="pull-left"><em>Diese Menschen konfrontieren sich mit ihren Ängsten, indem sie mich als dunkelhäutige Therapeutin aufsuchen.</em> </span>Als Christiana vier Jahre alt war, ging die Familie nach Castrop-Rauxel ins Ruhrgebiet, als sie zwölf Jahre alt war, zogen sie nach Nigeria, wo die Eltern eine Klinik aufbauten, die sie heute noch leiten. Mit 27 Jahren, nach dem Medizinstudium in Nigeria, zog es Christiana zurück in die alte Heimat. Hier lernte sie ihren Mann kennen, den Unternehmer Johannes Sevket Gözalan, der sich scherzhaft als „Halb-Türken“ bezeichnet. Hat sie als dunkelhäutige Frau nun Angst? „Überhaupt nicht. Immerhin haben 87 Prozent nicht rechts gewählt, das ist doch die große Mehrheit.“ In ihrer psychoanalytischen Praxis erzählen ihr manche Patienten, dass sie zu Pegida-Demonstrationen gehen. „Da wird es für mich wirklich spannend: Diese Menschen konfrontieren sich mit ihren Ängsten, indem sie mich als dunkelhäutige Therapeutin aufsuchen.“ Viele seien verunsichert und versuchten, eine Lösung für sich zu finden. Psychologisch gesehen sei der Fremdenhass eine Projektion: Man verlagere die eigenen dunklen Triebe ins Außen, wo man sich dann über sie aufregen könne. Fremdenfeindlichkeit vermittle Sicherheit: Man fühle sich als besserer Mensch gegenüber den Fremden, vor denen man sich fürchtet. „Genau das hat der Wahlkampf gespiegelt: Es ging immer um die Gefahr von außen, von den Flüchtlingen.“ In Dresden sagte mir Frank Richter: „Das Ressentiment entsteht im Kopf.“ Dämonisieren könne man die Fremden nur dann, wenn man ihnen in der Realität nicht begegne, deshalb sei der Fremdenhass dort besonders stark, wo es keine Fremden gibt. In Ostdeutschland liegt der Ausländeranteil bei 3,9 Prozent, in Westdeutschland bei 11,8 Prozent.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12426" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-15/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;5.6&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1465117630&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;42&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;250&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.0125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12426 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_05_P_5_5866.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>ie Schauspielerin Nina Reithmeier hatte gerade ein Baby bekommen und war in Elternzeit, als die Flüchtlingskrise begann. Im Urlaub in Italien erfuhr sie via Facebook von den unhaltbaren Zuständen am Lageso. „Ich konnte meinen Urlaub gar nicht mehr genießen. Ich wollte etwas tun.“ <em><span class="pull-right">Inzwischen frage ich mich, warum sich deutsche Männer so wenig für kleine Kinder interessieren.</span></em>Ihr Leben habe sich ausschließlich positiv verändert durch das Engagement für die Geflüchteten. Dass sie ein ausgeprägtes Organisationstalent hat, war ihr vorher gar nicht bewusst. Ich habe Nina kennengelernt, als in der Turnhalle in unserer Straße eine Notunterkunft eingerichtet wurde. Nina war einfach zuständig, sie hatte den Überblick, fällte Entscheidungen, immer mit Baby Ella auf dem Arm. Übergriffe habe sie nie erlebt, ihr seien die muslimischen Männer ausnahmslos mit Respekt begegnet, und ihre Tochter sei von Arm zu Arm gereicht worden. „Inzwischen frage ich mich, warum sich deutsche Männer so wenig für kleine Kinder interessieren.“ Wenn man die Realität in den Notunterkünften kenne, werde manches verständlich. „Man ist mit hundert Menschen in einem Raum, manchmal hängen nur Handtücher zwischen den Betten, und dann dieses endlose Warten. Du hast keine Aufgabe, kannst nichts tun. Ich sag&#8217;s jetzt mal grob: Du kannst dir nicht mal in Ruhe einen runterholen! Deine Familie sitzt zu Hause im Krieg, sie haben keine Perspektive und kein Geld, und sie bauen alle Hoffnung auf dich: Kannst du uns Geld schicken, geht&#8217;s vorwärts, findest du Arbeit? Und monatelang kannst du nur sagen: Nein, ich bin noch nicht mal registriert, ich darf nicht arbeiten, ich darf in keinen Deutschkurs, ich hänge hier nur rum. Wer hält das aus?“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12429" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-17/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;10&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P2&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1279961334&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.002&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12429 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5152.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">W</span>ir schaffen das!“ „Der Islam gehört zu Deutschland.“ An diesen beiden Sätzen spaltet sich Deutschland. So könnte man denken, doch so einfach ist es nicht. Der pensionierte Pfarrer Ulrich Laepple hat Freundschaften mit Flüchtlingen geschlossen, mit denen er durch das Kirchenasyl seiner Gemeinde in Kontakt gekommen war. Er erlebt diese Freundschaften als große persönliche Bereicherung, doch im Sommer 2016 hat er der Kanzlerin einen Brief geschrieben, in dem er seiner Sorge über den Islam Ausdruck verleiht. Die handliche Unterscheidungsformel Islam/Islamismus sei nicht realitätsgerecht, so schreibt er, sie sei suggestiv und wolle beschwichtigen. <em><span class="pull-left">Wir unterschätzen die tiefe religiöse Bindung, in der viele Muslime leben.</span></em>Das entscheidende Problem des Terrorismus werde dabei nicht angesprochen, nämlich „warum gerade diese Religion eine gefährlich große Zahl an Menschen hervorbringt, die so handeln“. Als Laepple den Brief schrieb, ahnte er nicht, dass sein Sohn ein halbes Jahr später nur knapp dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt entgehen würde: Sein Sohn trank mit Freunden Glühwein, als zwanzig Meter neben ihm der Tunesier Anis Amri den Lastwagen in die Buden lenkte.</p>
<p>„Ich habe der Kanzlerin diesen Brief geschrieben, weil es keinen Ort gab, wo ich meine Bedenken hätte formulieren können, ohne als Rechter zu gelten.“ Bei den großen Parteien hätten Menschen mit diesen Befürchtungen keine Resonanz gefunden. „Die AfD kam wie gerufen.“ Ulrich Laepple fürchtet den Islam wegen dem, was seine Freunde ihm aus ihren Unterkünften erzählen. Der junge Somalier etwa, der vor den Islamisten der Al-Shabaab nach Europa geflohen ist, müsse sich in seinem Heim rechtfertigen, weil er Asyl in einer christlichen Kirche in Anspruch genommen hatte. Er berichte von Anwerbeversuchen radikaler Moscheen. „Wir unterschätzen die tiefe religiöse Bindung, in der viele Muslime leben“, sagt Laepple. „Darüber wissen wir in unserer säkularen Gesellschaft überhaupt nichts mehr. Bei der Integration denken wir in Zeiträumen von zehn oder zwanzig Jahren, doch religionspsychologisch gesehen geht es um Dimensionen von hundert oder zweihundert Jahren.“</p>
<p><span class="dropcap">A</span>uch der Historiker und Autor Michael Wolffsohn sieht im Islamismus eine große Gefahr. „So wie der Terrorismus in den 70er Jahren von Linksextremisten getragen war, wird er jetzt von Muslimen getragen. Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber fast alle Terroristen sind Muslime. Das ist keine rassistische Feststellung, sondern reine Empirie.“ Wolffsohn befürchtet eine Eskalation von Gewalt und Gegengewalt, denn die extremistische Rechte werde angesichts der Terrorgefahr die Hände nicht in den Schoß legen. Dabei sei die AfD keine Nazi-Partei. „Die AfD ist der NSDAP nur soziologisch ähnlich: Wie diese ist sie eine Volkspartei, die von allen Schichten gewählt wird. Das überwiegende Motiv der AfD ist nicht Fremdenhass, sondern die Angst vor einem militanten Islam. Das ist das Neue. Wir können nicht so tun, als ob führende Mitglieder der AfD alte Nazis wären.“</p>
<p>Michael Wolffsohn wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn einer 1939 nach Palästina geflüchteten jüdischen Familie geboren und übersiedelte 1954 mit seinen Eltern nach West-Berlin. Bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. <em><span class="pull-right">Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber fast alle Terroristen sind Muslime.</span></em>Seit Jahrzehnten bezeichnet sich Wolffsohn als deutsch-jüdischer Patriot: „Ich bin gerne Deutscher“, heisst es in seinem Buch <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3423348852/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Zivilcourage</em></a> (2016). Es sei falsch, wenn der Staat von seinen Bürgern Zivilcourage erwarte, der Staat habe vielmehr die Aufgabe, seine Bürger zu schützen. Angesichts der aktuellen Terrorgefahr spricht Wolffsohn hier von einer „Krise der Staatlichkeit“. Als Jude sei er von vielen Seiten her gefährdet, vom islamischen Antisemitismus genauso wie von den Rechtsradikalen. Ihn interessiere jedoch nicht, von wem Gewalt ausgehe. „Mich interessiert Gewalt als solche.“ Mit einer Anekdote macht er seine Haltung anschaulich. Vor Jahren habe er mit seiner Tante Judith durchs Westjordanland fahren wollen. Sie müsse keine Angst haben, habe er ihr gesagt, schließlich schmeiße nicht jeder Bewohner mit Steinen auf Juden. Da habe seine Tante ihn gefragt, ob das aufs Sterben angerechnet werde, wenn die Steine sie träfen. „Und genauso ist es: Es wird auf mein oder anderer Leute Sterben nicht angerechnet, ob der Angriff von Rechten kommt oder von extremistischen Muslimen.“</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12431" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-18/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;3.5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P2&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1279965106&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;1000&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.016666666666667&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12431 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/10_07_24_P2_5158.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">B</span>ei meinem Besuch in Dresden hatte ich einen AfD-Wähler getroffen, der sich in einem Leserbrief über einen <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/metoo-warum-die-staendige-empoerung-das-problem-verstellt.1005.de.html?dram:article_id=399215" target="_blank" rel="noopener">Kommentar</a> von mir im Radio geärgert hatte. Seine Eltern waren Regime-Gegner, 1988 zog die Familie in den Westen, damals war er 13 Jahre alt. Er habe nichts gegen Ausländer, doch obwohl er seine halbe Kindheit in Bonn verbracht habe, sei ihm das mit dem Multikulti einfach zu viel. Frauen mit Kopftuch und schwarze Dealer am Dresdner Bahnhof, das habe es früher nicht gegeben. Seit drei Jahren lebt er wieder in Dresden. Ihm gehe es gut, die AfD habe er nur aus Protest gewählt, es sei einfach keine andere Partei in Frage gekommen. Als ich frage, wogegen er protestiere, verheddert er sich in Argumente. Irgendwann höre ich mich sagen: „Sie protestieren gegen die Realität.“</p>
<p>Ich erzähle der Psychotherapeutin Ulrike Leye von dieser Begegnung. <em><span class="pull-left">Diese Frau fragt: Wie geht Gerechtigkeit? Warum bezahle ich Steuern und Amazon nicht?</span></em> „Ich würde gar nicht fragen, wogegen der Protest sich richtet. Mich interessiert der Protest als solcher: Werde ich noch geliebt, wenn ich protestiere, gehöre ich noch dazu? Das ist die Frage hinter dem Protest.“ Die Bundestagswahl zeige, dass viele Menschen das Gefühl hätten, nicht mehr dazuzugehören. Leye erzählt von einer 52-jährigen Erzieherin, zweifache Mutter, geschieden, die sich von ihrem Gehalt keine Wohnung leisten könne und deshalb in einer WG lebe. „Diese Frau denkt nicht über Europa nach. Die fragt: Wie geht Gerechtigkeit? Warum bezahle ich Steuern und Amazon nicht?“</p>
<p>Die Linke habe die Wahl verloren, weil es ihr an einer Vision fehle, so heißt es oft. Sie habe keine Antworten auf die Ängste und die Wut der Bürger. „Wir sind die Generation, der das Wünschen abtrainiert wurde“, meint Ulrike Leye dazu. „Wir sind die Generation, bei der es zuhause hieß: Solange du deine Füße unter meinen Tisch hängst, hast du hier nichts zu melden!“ Die Babyboomer seien eine Generation von Leistungsträgern, die sich forderten bis zum Burnout. „Doch wenn man fragt: Was wünschst du dir? Wie möchtest du denn leben? Dann bleibt es oft sehr still.“</p>
<p>Ulrike Leye sieht in der heutigen Situation eine Folge des Kriegs – allerdings nicht in der Wiederkehr alter Geister, sondern in einem Defizit der Gefühle. „Unsere Eltern sind die Generation der Kriegskinder, diese Generation war mit Überlebensmechanismen beschäftigt: Sie haben den materiellen Wiederaufbau geleistet, ohne Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse.“ Kaum jemand habe sich mit dem auseinandergesetzt, was in der eigenen Familie emotional geschehen sei, das gilt für den Osten wie den Westen. <em><span class="pull-right">Wir sind die Generation, der das Wünschen abtrainiert wurde.</span></em>Die Aufarbeitung habe nur auf der historischen Ebene stattgefunden. „Der emotionale Wiederaufbau beginnt erst jetzt.“ Ulrike Leye erzählt von einer über 80-jährigen Klientin, die zu ihr in die Praxis gekommen sei und gesagt habe: Ich bin eine Mörderin. Die Frau kam aus dem Oderbruch. Als die Flüchtlinge nach dem Krieg über die Oder kamen, hatte sie ihre Tür nicht mehr aufgemacht, und am Morgen lag ein Toter auf ihrer Schwelle. „Jetzt stellt sie sich diesem Schmerz. Da beginnt jemand wieder zu fühlen.“</p>
<p>Vielleicht müssen wir lernen, in anderen Zeiträumen zu denken. Es kann Jahrzehnte dauern, bis gewisse Dinge ins Bewusstsein dringen. Frank Richter zieht eine interessante Parallele. Die Pegida-Bewegung und die 68er, die ideologisch nichts miteinander gemein hätten, seien im gleichen zeitlichen Abstand zu dem Umbruch entstanden, auf den sie reagierten: die Pegida eine Generation nach dem Mauerfall, die 68er-Bewegung eine Generation nach Kriegsende. Wenn es um die Migration geht, sind wir mit dem Begreifen noch ganz am Anfang. Die alten Einteilungen in rechts und links passen nicht mehr, doch wir haben noch keine neue Begrifflichkeit gefunden. Manche sprechen von einer „offenen“ versus einer „geschlossenen“ Gesellschaft, bisweilen ist von „fluid“ versus „statisch“ die Rede oder auch von „zuversichtlich“ versus „ängstlich“. &#8222;Der &#8218;liberalen&#8216; Weltoffenheit steht der &#8218;identitäre&#8216; Wunsch nach Abschottung gegenüber&#8220;, so formulierte es Jürgen Habermas jüngst in der <a href="http://www.zeit.de/2018/10/soziale-ungerechtigkeit-europa-deutschland-juergen-habermas" target="_blank" rel="noopener"><em>Zeit</em></a>.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12432" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-19/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;4&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1416665867&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12432 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/14_11_22_P_5_17923.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">W</span>as für Utopien könnten uns heute helfen? „Verschonen Sie mich damit!“, meint Michael Wolffsohn. Ihm reiche die amerikanische Verfassung mit der Forderung nach „life, liberty and the pursuit of happiness“, mehr dürfe ein Staat nicht wollen. Hilal Sezgin, deren neustes Buch den Titel <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3832198814/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Nichtstun ist keine Lösung</em></a> trägt, hat dagegen kein Problem mit der Frage nach einer linken Vision: „Das wäre für mich das Projekt einer Gesellschaft, die offen ist für Veränderung, mit dem Gedanken einer immer weitergehenden Inklusion. Wem müssen wir noch mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen?“ Dazu gehörten für sie auch Tierrechte. „Es ist für mich ein essenzieller Teil eines linken Projekts zu sagen: Wir bleiben nicht an einer willkürlich gezogenen Grenze stehen.“ Ich besuche Hilal Sezgin in dem 500-Einwohner Dorf in der Lüneburger Heide, wo sie mit ihren Tieren lebt.<em><span class="pull-left">Solche Fragen suggerieren einem, dass man nicht hierhergehört.</span></em> „Das sind tolle Leute“, sagt sie, als sie mir ihre Schafe vorstellt. Obwohl Hilal Sezgin in Frankfurt am Main geboren wurde, ist ihr Alltag von Diskriminierung geprägt. „Als Journalistin mit Migrationshintergrund ist man willkommen, solange man über Migrationsthemen schreibt, am besten übers Kopftuch.“ Wolle man dagegen über Dinge wie Theater oder Philosophie schreiben, werde es schwierig. Auf einer Gartenparty habe sie keine Lust, darüber Auskunft zu geben, ob der Terrorismus mit dem Koran zu tun habe. „Das ist nicht mein Problem, wenn ich gerade Kartoffelsalat esse. Solche Fragen suggerieren einem, dass man nicht hierhergehört.“ In ihrem Dorf übrigens werde sie solche Dinge nie gefragt.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12433" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-20/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;4&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1498686662&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="aligncenter wp-image-12433 size-large" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/17_06_28_P_5_2611.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<p><span class="dropcap">D</span>eutschland hat Angst, doch wovor? Der Sozialpsychologe Harald Welzer macht eine Rechnung auf: Wenn 500 Millionen EU-Bürger eine Million Flüchtlinge aufnehmen, dann ist das, als käme in einem Saal von 500 Menschen eine Person dazu. „Wo ist das Problem?“ Nach 1945 kamen zwölf Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten in die eben gegründete kriegszerstörte Bundesrepublik, diese Zahl gehört zu den Standardargumenten der Debatte. Diese Flüchtlinge seien nicht aus einer fremden Kultur gekommen, und man habe unter ihnen nicht mit Terroristen rechnen müssen, so lautet das ebenso standardisierte Gegenargument.</p>
<p>Fragen wir anders: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden? Jährlich gibt es weltweit etwa 25 000 Terroropfer, nur gerade ein Prozent davon im Westen. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland fast 10 000 Menschen an Haushaltsunfällen, über 3 200 im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 fielen dem Terror 14 Menschen zum Opfer, im Jahr 2017 kein einziger. Trotzdem geben in Umfragen 71% der Deutschen die Angst vor dem Terrorismus als ihre größte Angst an. Das lasse sich nicht gegeneinander aufrechnen, protestiert Michael Wolffsohn. Der Terrorismus sei beabsichtigte Gewalt, die man verhindern könne, während es sich bei Unfällen um unvermeidliche Begleiterscheinungen handle. Ulrich Laepple findet die Betonpoller vor den Weihnachtsmärkten schrecklich, doch er ist froh, dass sie da sind, so fühle er sich sicherer. Ihm sei die Terrorgefahr immer gegenwärtig. Was, wenn jetzt einer mit einer Maschinenpistole hereinkommt?, denke er manchmal unwillkürlich, wenn er im vollen ICE sitze.</p>
<p>Der Angst ist nicht mit Zahlen beizukommen, sie folgt anderen Prinzipien. Während Christiana Udeogu-Gözalan keine Angst hat, dachte ihr Mann nach der Wahl ans Auswandern, er fürchtete, sie seien mit ihren beiden Kindern in Deutschland nicht mehr sicher. „Wo willst du denn hin?“, habe sie ihn gefragt: „In die Türkei? In die Schweiz? Nach Amerika?“ In den meisten Ländern ist die neue Rechte stärker als in Deutschland. <em><span class="pull-right">Es ist an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen.</span></em>Die Situation heute lässt sich nicht mit 1933 vergleichen, darin sind sich meine Gesprächspartner einig. Deutschland geht es gut, wenn auch Heribert Prantl zu bedenken gibt, dass die Statistiken nicht die ganze Wahrheit verraten: „Wir haben unter anderem deswegen Vollbeschäftigung, weil wir eben nicht 12 Euro Mindestlohn haben und weil selbst die prekärsten Beschäftigungsverhältnisse noch als Arbeit gelten. Wer heute aus der Ausbildung kommt, findet oft keine Stelle, mit der sich eine Familie ernähren lässt.“ Trotzdem: Deutschland ist nicht in der Krise.</p>
<p>Darin sieht Ulrike Leye eine Chance. Anders als 1945 und 1989 seien wir nicht mit Überlebensmechanismen beschäftigt, sondern könnten ins Gespräch kommen. „Seit 1989 habe ich nicht mehr so viel über Politik geredet. Es ist, als hätte der Wecker geklingelt. Zeit, die Komfortzone zu verlassen.“<br />
<img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" data-attachment-id="12434" data-permalink="https://tell-review.de/deutsche-aengste/olympus-digital-camera-21/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?fit=1133%2C850&amp;ssl=1" data-orig-size="1133,850" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;7.1&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;E-P5&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1465906665&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.003125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" data-image-description="" data-image-caption="&lt;p&gt;OLYMPUS DIGITAL CAMERA&lt;/p&gt;
" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?fit=900%2C675&amp;ssl=1" class="wp-image-12434 size-large aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913-1030x773.jpg?resize=900%2C675" alt="" width="900" height="675" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?resize=1030%2C773&amp;ssl=1 1030w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?resize=80%2C60&amp;ssl=1 80w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/03/16_06_14_P_5_5913.jpg?w=1133&amp;ssl=1 1133w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></p>
<h6 style="text-align: right;">Copyright für alle Bilder:<br />
© Lars Hartmann</h6>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://tell-review.de/deutsche-aengste/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
		<post-id xmlns="com-wordpress:feed-additions:1">12363</post-id>	</item>
	</channel>
</rss>
