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	<title>DDR &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>Das wilde Hin und Her der Ideen im Herbst 89</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Nov 2019 10:05:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
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		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wende]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Herbst 1989 überschlugen sich in der DDR die Ereignisse. Die Tagebuchaufzeichnungen des Leipzigers Radjo Monk und des Dresdners Thomas Rosenlöcher bieten unterschiedliche Perspektiven auf die Wendezeit. Umso aufregender ist die Parallel-Lektüre dreißig Jahre danach.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<blockquote class="wp-block-quote has-text-align-right"><p><span style="font-size: 80%">Ein halbes Jahr ist vergangen, in dem so viel geschehen ist, in dem wir uns so rasant verändert haben und doch dieselben blieben. Wir haben uns nicht an Träumen, nicht an der Zeit gemessen, sondern nur an der Vermessenheit einer Clique von übergeschnappten Greisen. </span></p><cite> <span style="font-size: 80%">Radjo Monk, 21. März&nbsp;1990</span></cite></blockquote>



<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Nicht nur aus aktuellem Anlass seien zwei ältere, wieder zu entdeckende Wendetagebücher empfohlen: Das Tagebuch des Leipzigers Radjo Monk (i.e. Christian Heckel) <em>Blende 89</em> (2006) sowie Thomas Rosenlöchers <em>Die verkauften Pflastersteine – Dresdner Tagebuch</em> (1990). Beide Tagebücher ergänzen und bestätigen sich gegenseitig, und doch widersprechen sie einander subtil. Denn ihre Verfasser haben unterschiedliche DDR-Leben gelebt. Radjo Monk war als Oppositioneller in der Leipziger Liederszene aktiv, veröffentlichte in inoffiziellen Zeitschriften, wurde mehrmals verhaftet und von der Stasi observiert, wie seine dicke Akte zeigt. Thomas Rosenlöcher dagegen war SED-Mitglied, von 1976 bis 1979 Student am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher, kein Staatsdichter, sondern einer aus der großen Riege talentierter DDR-Lyriker, desillusioniert und angepasst zugleich: 1976 unterzeichnete er die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie er im Tagebuch glaubhaft darstellt und selbstkritisch reflektiert. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Täter, die auch Opfer waren</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Autoren, auch Rosenlöcher, befürworten natürlich die Demonstrationen im Herbst 1989, an denen sie selbst auch teilnehmen, sie hoffen auf Reformen, auf Demokratie. Beide sind skeptisch über die von der Krenz-SED hurtig für sich reklamierte “Wende“. </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Das gute alte Kaderwelsch zur Kirchentonart mutiert,</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">schreibt Rosenlöcher am 18.&nbsp;Oktober 1989 über die erste Rede von Egon Krenz. Monk schreibt am 24.&nbsp;Oktober: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie spielen nach wie vor mit der Macht und mit dem Volk Blindekuh.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Autoren berichten empört von Misshandlungen (die friedliche Revolution war mitnichten friedlich; dass es keine Toten gab, ein Wunder), ihre Schilderungen sind quasi austauschbar: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Die Polizisten schlagen noch auf ihn ein, als er schon am Boden liegt. Dann wird er auf den LKW geschleift.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">So Rosenlöcher in Dresden, 6. Oktober 1989. Bei Monk finden sich nahezu identische Passagen. Beide berichten immer wieder, fast wie Wasserstandsmeldungen, die Zahl derjenigen, die ‚heute‘ wieder ‚rübergemacht‘ haben. Und natürlich: Stasi, Stasi, Stasi, eines der wichtigsten Themen damals. „Stasi in die Produktion“, beide dokumentieren aufmerksam diesen Demo-Slogan, den man im Wendeherbst allerorten hören konnte. Interessant, dass Rosenlöcher und Monk auch den Fall Schnur ähnlich bewerten (Wolfgang Schnur, scheinbar Dissident und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, war kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 als IM enttarnt worden). „Eigentlich“, so Rosenlöcher am 13.&nbsp;März 1990, „ist es Judas, der die Schuld der Anderen auf sich nimmt“. Und Monk, unter gleichem Datum ähnlich milde: Schnur, der ja in einem DDR-Waisenhaus aufgewachsen war, sei „wie so viele Täter und Opfer in einem“. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Geschäftler aus dem Westen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was mich historisch am meisten berührt und was beide Tagebücher so authentisch macht, ist das wilde Hin und Her der Ideen, die auftauchen, um sich schnell wieder zu verflüchtigen: Sozialismus, dritter Weg, die Warnung vor einem Ausverkauf der DDR. Und die wilden Gerüchte, an denen es in revolutionären Zeiten nie mangelt. Honecker soll, Mielke soll, die Stasi soll, die Leute sollen&#8230;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Realistisch war der dritte Weg nicht: Bald schon nehmen Monk und Rosenlöcher, kritischen Sinnes, den Spin in Richtung Wiedervereinigung und vor allem in Richtung Kapitalismus wahr. Bereits im Dezember spricht Rosenlöcher vom „Häuflein der Vereinigungsgegner“, die auf den Demonstrationen gegen ‚Deutschland einig Vaterland‘ nicht mehr den Hauch einer Chance hätten (6. Dezember 1989). Und Monk sieht: „Vor dem Hotel die gepflegten Limousinen der Geschäftler aus dem Westen.“ (21. Februar 1990 über einen Besuch in Dresden) Die schnelle Transformation von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus – man denke an Christa Wolfs Aufruf „Für unser Land“, auch an Rosenlöchers titelgebende Kolumne über die verkauften Pflastersteine – bis hin zum ‚Anschluss‘ und die D-Mark um jeden Preis: Der erdrutschartige Sieg der Allianz hat damals viele bestürzt, die der DDR zumindest Zeit geben wollten. Im März 1990, kurz vor der Volkskammerwahl, schreibt der ein zweites Mal resignierte Rosenlöcher: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Sie [die DDR-Bürger] kommen bei sich selbst an, wenn sie nun wählen werden, was sie eigentlich immer schon wollten, den Westen im Osten, oder, wie ich vor Karlis Bierbude sagen hörte: ‚Ni mehr minderwertsch sein‘.</p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Verlierersprache</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„Ni mehr minderwertsch sein“ – das war die Grundstimmung damals im Osten, das berechtigte Gefühl, betrogen worden zu sein und die Angst, das Leben könne einem weiterhin versagt werden. Denn natürlich hat die ganze DDR immer gewusst, dass allein sie die Kriegszeche bezahlt hat (die BRD hat das übrigens auch immer gewusst!). Drei Länder haben ja bekanntlich, nach einem bitteren englischen Witz, den Heiner Müller gern erzählte, den zweiten Weltkrieg gewonnen: die USA, Westdeutschland und Japan. Hier formierten sich jene Verwerfungen, mit denen die deutsche Gesellschaft bis heute nicht klarkommt. Das wird sich auch nicht ändern, solange Sächsisch „Verlierersprache“ bleibt, wie es in einem witzigen Aufsatz Rosenlöchers heißt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrigens berichten beide Tagebuchschreiber – wiederum fast identisch – auch über erste Versuche westdeutscher Geschäftemacher, Ostdeutsche über den Tisch zu ziehen. Radjo Monk und Edith Tar sind im März&nbsp;1990 auf einer Party eingeladen; Mit dabei sind westdeutsche Geschäftsleute, von denen sich die Gastgeber offenbar eine Zukunftsperspektive erhoffen und die sich unmöglich aufführen. Monk zitiert das Resümee seiner Freundin: „Jetzt weiß ich, wie schnell und leicht die uns in den Sack stecken, sie machen das total sauber, wir haben keine Chance.“ Und natürlich berichten beide auch von ersten Erscheinungen von Nazigewalt: „Ausländer seien gejagt worden“, so hat Rosenlöcher gehört, wie er in einer Notiz vom 15. März 1990 notiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spannend sind in den beiden Tagebüchern auch die Schilderungen des Alltags in diesen Tagen der Wende. Das alte Lied: Um die Ecke vollzieht sich Weltgeschichte, aber an Monks Wagen geht der Zylinderkopf kaputt und bei Rosenlöchers regnet es durch. Und doppelt spannend, was diese zwei hellwachen, ständig beobachtenden Zeitgenossen verpassen: Erst nach Tagen hört Rosenlöcher von den Gewaltexzessen am Dresdner Hauptbahnhof, wo Hunderte von DDR-Bürgern die Züge nach Prag hatten stürmen wollen. Monk wiederum verpasst die erste größere Leipziger Demo und muss sich berichten lassen. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Dissident und SED-Genosse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zugleich tut sich zwischen den beiden Tagebüchern ein Spalt auf. Monk notiert am 21.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich fühle mich nicht gesprächsbereit im Sinne der jetzt überall beschworenen Gesprächsbereitschaft […], ich misstraue auch jenen, die sich jetzt anklagen.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und, sehr deutlich, am 22.&nbsp;Oktober 1989: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Ich wurde vergewaltigt, und das vergisst man nicht.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Rosenlöcher, offenkundig zerknirscht und nicht mit sich im Reinen, spricht im Hinblick auf seine DDR-Jahre von seiner „ohnmächtigen Verzweiflung, bei gleichzeitiger Bereitschaft, mich einzurichten im Verfall“. Sehr ehrlich berichtet er, schon in der Rückschau, von einem Anwerbeversuch der Stasi. Er, der so schwer Nein sagen kann, lässt sich, ohne dass er direkt bereit wäre zu spitzeln, unverbindlich auf ein Gespräch ein. Erst Birgit Rosenlöcher rettet die Situation: Käme die Stasi noch einmal ins Haus, reiche sie die Scheidung ein. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven – der verhaftete, bespitzelte Dissident und der lange Zeit nur heimlich nörgelnde, halb kritische, halb resignierte SED-Genosse – machen die Parallellektüre so spannend. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine wirklich zufällige Koinzidenz sei noch erwähnt, an ihr zeigen sich die unterschiedlichen Perspektiven besonders klar: Beide waren während der Wende wegen lange vorher vereinbarter Termine für einige Tage im Westen: Rosenlöcher hatte am 11.&nbsp;November eine Lesung in Freiburg, Monk war im November&nbsp;1989 im Saarland, wo er und Edith Tar Oskar Lafontaine kennenlernten, dem sie gleich einen Fotokopierer fürs Neue Forum abschwatzten. Der ostdeutsche Blick auf die westdeutschen Sieger bereichert beide Tagebücher enorm. Dabei erweist sich – es ist wohl kein Zufall – Rosenlöcher als deutlich ‚westkritischer‘: Der „Westspießer“ sei noch unangenehmer als der aus dem Osten. Am 22.&nbsp;November 1989 notiert Rosenlöcher in Stuttgart:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Es schadet dem Charakter, einer der reichsten Männer der Welt zu sein.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Monk erlebt die schnell einsetzende Reserviertheit der Westdeutschen, urteilt aber anders: Er spricht kurz nach dem Mauerfall mit einigen West-Berlinern über „die Invasion aus dem Osten“ und äußert, in einer Notiz vom 16. November 1989, Verständnis für ihre Reserviertheit: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Angesichts der Bananenfresser vor Supermärkten hatte ich Mühe, meinen Landsleuten Verständnis entgegenzubringen, ihr Benehmen war einfach peinlich.</p></blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Später im Jahr 1990 „meidet“ Monk sogar, wenn er in Berlin ist „den Ostteil indirekt“, wie er am 2. Oktober notiert.  </p>



<p class="wp-block-paragraph">Rosenlöchers Tagebuch endet
mit der Volkskammerwahl am 18.&nbsp;März 1990, bei der er übrigens Wahlhelfer war,
Monks Tagebuch ein halbes Jahr später mit der Wiedervereinigung am 3.&nbsp;Oktober
1990. Beide bieten literarisch wie dokumentarisch faszinierende Einblicke in
die Wendezeit.</p>



<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild: Hartmut Finkeldey<br>(Buchcover Wolle/Mitter: Befehle und Lageberichte des MfS)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>


<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zu den Büchern</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row">



<p class="wp-block-paragraph">Thomas Rosenlöcher<br><strong>Die verkauften Pflastersteine</strong><br>Dresdner Tagebuch<br>Suhrkamp Verlag 2009 · 115 Seiten · 7 Euro<br>ISBN: 978-3518116357 <span><a href="javascript:"><img decoding="async" title="Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen" class="citavipicker978-3518116357" src="data:image/png;base64,iVBORw0KGgoAAAANSUhEUgAAABAAAAAQCAYAAAAf8/9hAAAAGXRFWHRTb2Z0d2FyZQBBZG9iZSBJbWFnZVJlYWR5ccllPAAAAUlJREFUeNpiZEADV7XlEoBUPBA7oEkdAOKF2lcfLUAWZETSqACk1gOxgUBACAOvkzsDMy8fWO7v508Mn/ftZPiwYQ2IewGIA4EGPUC2VQGI398N9vj//frV/7gASA6kBqQWaiHcgPMgiT+fPsIVv1009/+DhLD/zzsa/v96+hguDlIDNeQ83M9AjGIzSDNIDIZvWOigGA5SC5VLYAIFGMjPHBpacBeB/IwMQPyPEP+DAUgtSA9IL8gAB1CAIQNeJzd4AMLAj5tX0dSA9TiADMBQDLJB/fhlBq0rDxmEYpPAYqxSsihqYHqYGAgAZl5+iAHSMljlmbD5GRl82LgabBvIW+jhAjPgACiRYAPPaooZfj99wiDV2ovhTaieA1ijEZZgQNH3fsNqrAkKFo1YE9KnvTv/P60uQklAOBMSpUmZ4szESGl2BggwAJR/ZVgK6XqqAAAAAElFTkSuQmCC" style="border: 0px none; width: 16px; height: 16px !important; margin-left: 1px !important; margin-right: 1px !important; vertical-align: bottom !important;"></a></span> <br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Radjo Monk<br><strong>Blende 89</strong><br>Edition Büchergilde 2005 · 287 Seiten · 19,90 Euro<br>ISBN: 978-3936428469 <br></p>


</div> </div></div>



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<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Schizophrenie der Gesellschaftsentwürfe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christoph Brumme]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Mar 2018 10:42:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Viele ehemalige DDR-Bürger empfinden eine innere Distanz zum "System". Das kann zur Entfremdung führen. Keine Gesellschaft kann ein „richtiges Bewusstsein“ von sich selbst haben. Hat der Osten dem Westen diese Einsicht voraus?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">Dieser Beitrag ist eine Reaktion auf Sieglinde Geisels Reportage <em><a href="https://tell-review.de/deutsche-aengste/" target="_blank" rel="noopener">Deutsche Ängste</a></em>.</div></div></p>
<p><span class="dropcap">N</span>ach mehr als dreißig Jahren: Besuch bei früheren Freunden in Lutherstadt-Eisleben. Man lädt zum Brunch am Sonntag. Nach dem zweiten „Prösterchen“ erklärt eine Frau ihrer Nachbarin, sie sei arbeitslos, „weil die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen“. Niemand widerspricht ihr.</p>
<p>Die Frau hatte in der DDR-Zeit am Theater gearbeitet. Damals war es ein Drei-Sparten-Theater, Schauspiel, Ballett und Orchester, achtzig Handwerker und Künstler waren dort beschäftigt. Man führte Sinfonien und Opern auf, die Geiger kamen aus Bulgarien, der Bratschist war Rumäne, einer der drei Tenöre ein Georgier, die Primaballerina kam wohl aus Ungarn.</p>
<p>Vor drei Jahren sollte das Theater geschlossen und in eine Kulturwerkstatt umbenannt und verwandelt werden. Was mit den letzten zwanzig Beschäftigten passieren würde, war wohl lange Zeit unklar. Nach Protesten und Demonstrationen konnte das Land Sachsen-Anhalt überzeugt werden, das Theater weiterhin zu bezuschussen, so dass es, mit nochmals verringertem Personal – nunmehr zehn Schauspieler und offenbar ohne eigene Musiker –, vorläufig weiterbetrieben werden kann. Man spielt Klassiker, Schillers <em>Räuber</em>, und Stücke mit aktuellen Themen wie <em>Terror</em> von Ferdinand von Schirach. Aber ein energetisches, multikulturelles Zentrum wie in der DDR ist das Theater schon lange nicht mehr.</p>
<h3>Distanz gegenüber dem „System“</h3>
<p>Freunde meinten, niemand habe der Frau widersprochen, weil niemand so früh am Vormittag über Politik reden, gar streiten wollte. Jedoch würde in Eisleben wohl mindestens jeder dritte Mensch dieser Aussage zustimmen. Die Wahlergebnisse von 2017 erhärten diesen Befund. Die AfD bekam 23,9 %, die LINKE 18,1 %, die NPD 0,9. Fast jeder dritte Wahlberechtigte hatte nicht an der Wahl teilgenommen.</p>
<p>Diese Passivität oder innere Distanz gegenüber „dem System“ kann ich gut verstehen, weil ich sie bis vor wenigen Jahren teilte. Ich habe nur drei Mal an Wahlen teilgenommen (1990, 2013 und 2017) und wollte „im Westen nicht ankommen“, wie mich Sieglinde Geisel einmal in einer Reportage zitierte. Aber ich war froh, im Westen zu leben, die Vorteile genießen zu können: die Reisefreiheit, den Empfang von Sozialhilfe, die freie Presse, den Schutz vor willkürlicher Verhaftung, die Gewissheit, von keinem Staatssicherheitsdienst überwacht zu werden.</p>
<p>Nie habe ich auch nur eine Sekunde lang gedacht, in der DDR sei es besser gewesen. Aber ich habe auch nie geglaubt, Geschichte oder Gesellschaft beeinflussen zu können.</p>
<h3>Das „Ende der Geschichte“</h3>
<p>Als die Mauer fiel, kamen DDR-Bürger von einer historisch überholten Gesellschaftsform in die nächste: in eine kapitalistische, von der jeder wusste, wie leicht durchschaubar sie war, wie menschen- und zukunftsfeindlich. Der Westen erschien mir als eine rückständige Gesellschaft, die sich einbildete, den Kapitalismus „überwunden“ oder „gezähmt“ und in eine (ewig existierende) soziale Marktwirtschaft verwandelt zu haben. Eine Zeitlang wurde gar vom Ende der Geschichte geredet.</p>
<p>Der Westen habe den Kalten Krieg gewonnen, die Demokratie werde sich als die beste und rationalste Staatsform verbreiten, als Inkarnation des Vernunftbegriffs von Immanuel Kant. Ende der Geschichte war nicht als „das Ende der Ereignisse“ gemeint, sondern als die Ankunft in der fortschrittlichsten aller denkbaren Gesellschaftsformen. Also wieder eine Heilserwartung.</p>
<p>Man muss nicht Dostojewski gelesen haben, um zu verstehen, wie komisch das ist, aber es hilft, beispielsweise <em>Aufzeichnungen aus dem Kellerloch.</em>  Es hilft, sich begreiflich zu machen, dass kein Subjekt, ob Mensch oder Gesellschaft, ein „richtiges Bewusstsein“ über sich selbst haben kann.</p>
<p>Beispiel Staatsverschuldung. In DDR war der Staatshaushalt immer ausgeglichen, und alle wussten, wie absurd das war. In der BRD war der Staatshaushalt auch in den 90er Jahren defizitär und niemand fand das schlimm oder bedrohlich oder hätte gar für möglich gehalten, dass auch die Gesellschaften des Westens sich durch Leichtsinn und eigene Gier in existenzgefährdender Weise verschulden könnten.</p>
<p>Es gibt keine Entwicklung ohne Irrtümer, keine Wahrheit ohne Selbstbetrug. Eine durch und durch vernünftige, gerechte Gesellschaft kann es nicht geben.</p>
<h3>Das Jahrhundert der Flüchtlinge</h3>
<p>Westliche Gesellschaften fragen nicht nach dem Zweck ihrer Entwicklung, das ist für gelernte DDR-Bürger wie mich immer wieder erschreckend. Es zeigt, dass der „naturwüchsige“ Kapitalismus die schwächlichen demokratischen Institutionen und Rituale dominiert. In den Ozeanen schwimmen Millionen Tonnen Plastik? Das ist das Ergebnis von Arbeitsteilung, daran ist niemand schuld.</p>
<p>Ehemalige DDR-Bürger verwechseln nicht Demokratie mit Kapitalismus. Sie haben nur ein anderes historisches Bewusstsein als ehemalige Westdeutsche: das Bewusstsein vom Verhängnis, vom Scheitern und der Schizophrenie auch der großartigsten Entwürfe, ob sie nun Sozialismus oder Demokratie genannt werden.</p>
<p>Ich nehme die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht als bedrohlich war, sondern sehe keine Alternative zu ihr. Es werden weiterhin Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane gespült werden, die Meeresspiegel werden steigen, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Flüchtlinge sein, wie Heiner Müller schon Mitte der 80er Jahre erkannt hat, als er in <em>Anatomie Titus Fall of Rome</em> das Ende des Römischen Reiches und die Rache der Afrikaner und Goten am Westen beschrieb.</p>
<hr />
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<hr />
<h6 style="text-align: right;"><em>Beitragsbild:<br />
© Christoph Brumme</em></h6>
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