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		<title>Gefährliches Denken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anselm Bühling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Aug 2016 08:36:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[das Böse]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstmordattentat]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie kommt es, dass Menschen Böses tun? Liegt es an unzulänglichem Denken? Keineswegs, meint Bettina Stangneth in ihrem philosophischen Essay <em>Böses Denken</em>. Sie plädiert dafür, Täter als Denker ernst zu nehmen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span class="dropcap">D</span>enken gilt in der modernen Gesellschaft als Kardinaltugend. Der „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ – so Kants berühmte Definition der Aufklärung – führt über das eigenständige Denken. Wie viele andere Aufklärer setzt Kant darauf, dass der Mut, sich des eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, die Menschheit auch in moralischer Hinsicht voranbringen werde. Denn als Vernunftwesen haben wir immer schon einen inneren Maßstab für richtiges Handeln.</p>
<p>Bettina Stangneth ist erklärte Kantianerin. Den Optimismus in Bezug auf die per se tugendfördernde Wirkung des Denkens teilt sie jedoch nicht. Sie sieht hier im Gegenteil einen blinden Fleck in der Tradition der Aufklärung, der bis heute nachwirkt: Wir beschäftigen uns zwar intensiv mit bösen Taten, nehmen das Denken, das ihnen zugrunde liegt, aber nicht wirklich ernst. Wir sind schnell bereit, Täter für intellektuell unterlegen zu halten – denn, so nehmen wir an, sie hätten ihre Taten doch sicherlich nicht begangen, wenn sie fähig oder bereit gewesen wären, die Dinge richtig zu durchdenken.</p>
<h4><strong>Eichmann war nicht banal</strong></h4>
<p>Als prominentes Beispiel einer solchen Fehleinschätzung führt Stangneth die Charakterisierung Adolf Eichmanns durch Hannah Arendt an. Arendt hat unter dem Eindruck des Jerusalemer Prozesses den Begriff der „Banalität des Bösen“ geprägt. Er zielt auf den Typus des Täters, dem es am nötigen Urteilsvermögen fehlt, um zu erkennen, dass Pflichteifer, Gehorsam und Fleiß im Dienst des organisierten Massenmords moralisch falsch sind.<span class="pull-left">Wir müssen damit rechnen, dass Täter philosophisch satisfaktionsfähig sind.</span> Stangneth verteidigt die philosophische Relevanz von Arendts Begriff. Auf Eichmann – so argumentiert sie – trifft er jedoch gerade nicht zu. In ihrem 2011 erschienenen Buch <em><a href="http://www.amazon.de/dp/3716026697/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank">Eichmann vor Jerusalem</a></em> hat sie Belege zusammengestellt, die nahelegen, dass der Massenmord an den europäischen Juden ihm auch ein persönliches Anliegen war und dass er ihn mit erheblicher Kreativität und Eigeninitiative organisiert hat. Der gedankenlose Befehlsexekutor, als der Eichmann im Prozess erscheint, ist ihrer Überzeugung nach eine Rolle, die er bewusst gespielt hat, um das Gericht zu täuschen und seine eigene Situation zu begünstigen. Wenn das zutrifft, wäre Arendt – mit vielen anderen damaligen Beobachtern – auf eine Selbstinszenierung hereingefallen.</p>
<h4><strong>Arten des bösen Denkens</strong></h4>
<p>Stangneth zieht aus dieser Analyse eine klare Schlussfolgerung: Wenn wir uns von Tätern nicht instrumentalisieren lassen wollen, dann dürfen wir sie intellektuell nicht unterschätzen. Wir müssen damit rechnen, dass sie philosophisch satisfaktionsfähig sind. Wir müssen anfangen, die Arten des „bösen Denkens“ systematisch zu erkunden.</p>
<p>Der Essay <em>Böses Denken</em> soll den Weg für dieses Unternehmen bahnen. Er beginnt mit der Rekonstruktion des „radikal Bösen“ bei Kant und der „Banalität des Bösen“ bei Arendt. Anschließend folgt eine Charakterisierung verschiedener „Denkarten“ (ebenfalls ein von Kant entlehnter Begriff), die unter dem Begriff des bösen Denkens zusammengefasst werden können.</p>
<h4><strong>Das radikal Böse</strong></h4>
<p>Bei dieser Charakterisierung orientiert sich Stangneth eng am Begriff des „radikal Bösen“. Kant meint damit, wie sie in ihrer Rekonstruktion darlegt, etwas ganz Elementares: dass es zur Natur des Menschen gehört, manchmal wider die eigene bessere moralische Einsicht zu handeln. Es geht also nicht darum, dass der Mensch seinem Wesen nach abgrundtief schlecht wäre. Das „radikal Böse“ zeigt sich schon dort, wo ich mich an der Supermarktkasse vordrängle, obwohl ich weiß, dass andere es vielleicht eiliger haben.</p>
<p>Dass Stangneth bei ihrer Erkundung der Erscheinungsformen des bösen Denkens diesen Kantschen Begriff zugrundelegt, hat Konsequenzen. Unter den Begriff „böse“ fallen so nämlich letztlich alle Denkarten, die der Erkenntnis des moralisch richtigen Handelns ein anderes Ziel überordnen. Sie alle sind geeignet, unser Urteilsvermögen zu untergraben. Am Anfang von Stangneths Typologie steht die „sich verspielende Vernunft“ – das zynische, unernste oder ästhetisierende Gedankenspiel. Am Ende steht das manipulative Denken von nationalsozialistischen Ideologen und Massenmördern wie Eichmann oder Albert Speer, das Stangneth als „bösartig“ bezeichnet.</p>
<h4><strong>Sind Selbstmordattentäter Selbstdenker?</strong></h4>
<p>Zwischen diesen beiden Polen finden sich kluge und treffende Analysen zu sehr verschiedenen Phänomenen. Dazu gehören unter anderem der Kult der Selbstoptimierung und Identitätspflege sowie das Selbstmordattentat. Beide folgen für Stangneth „derselben Denkungsart“: Die Jugendlichen, die Selbstmordattentate in die europäischen Städte bringen, sind nach ihrer Überzeugung alles andere als Vertreter einer fremden, archaischen Kultur:</p>
<blockquote><p>Auch der Selbstmordattentäter, der bereit ist, alle Wünsche, alle Träume und sogar sein Leben der Mission zu unterstellen, von der er überzeugt ist, entspricht genau dem Ideal eines moralischen Charakters, wie wir ihn seit inzwischen zweihundert Jahren als Krönung unserer Erziehungskultur gefordert haben. Die unbeirrbare Konsequenz, den eigenen Überzeugungen ohne die Leitung eines anderen zu folgen, erfüllt alle Kriterien von Selbstbestimmung und Selbstdisziplin, die wir als Maßstab für das moralische Handeln verlangt haben.</p></blockquote>
<p>Ausgerechnet der Appell ans Selbstdenken, von dem sich die Aufklärer so viel für den moralischen Fortschritt der Menschheit versprachen, wird missbraucht, um Menschen für böse und vernunftwidrige Zwecke zu instrumentalisieren: Das ist eine Pointe, die in <em>Böses Denken</em> mehrfach wiederkehrt. Im Fall der Selbstmordattentäter halte ich sie für verfehlt. Ihnen geht es gar nicht erst darum, selbstbestimmt ohne die Leitung eines anderen zu denken. Die Ideologie, der sie folgen, verdankt ihre Anziehungskraft im Gegenteil gerade auch dem Versprechen, <em>nicht</em> mehr selbst denken und urteilen zu müssen.</p>
<p>Bei anderen Erscheinungen trifft die Analyse vom Missbrauch des Selbstdenkens jedoch etwas Wichtiges: Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und Klimaskeptiker berufen sich in der Tat darauf – aber auch Lobbyisten und korrumpierte Politiker, Wissenschaftler und Journalisten. Sie alle führen das „Recht auf die eigene Meinung“ ins Feld, um das Urteilsvermögen zu untergraben. Das erlaubt ihnen, gut begründete, fundiert recherchierte und erforschte Sachverhalte in Zweifel zu ziehen, ohne belastbare Argumente liefern zu müssen. An die Stelle der Suche nach Erkenntnis, des eigenständigen Urteilens und des Austauschs mit anderen tritt der „taktische Umgang mit Wissen und Wahrhaftigkeit“ (Stangneth).</p>
<h4><strong>Eine Ethik für das Denken</strong></h4>
<p>Wie lässt sich der Korrumpierung des Urteilsvermögens entgegenwirken? Bettina Stangneth empfiehlt „Pragmatismus, also das Handeln in kleinen Schritten, das aus einem bewussten Denken unter dem Primat der Vernunft folgt“. Wir dürfen als Einzelne unsere moralische Urteilsfähigkeit nicht an andere delegieren und uns dann aus der Verantwortung ziehen. „Systeme morden nicht.“</p>
<p>Am Ende ihres Essays gelangt Stangneth zu dem Schluss, „dass weder das Denken noch die Philosophie ohne eine Ethik auskommt.“ Den ersten Schritt zu einer solchen Ethik hat sie in dieser Sicht unternommen, indem sie Kants moralisches Prinzip als Maßstab an verschiedene Denkarten anlegt.</p>
<p>Unklar bleibt, was die Forderung nach einer Ethik für das Denken letztlich erreichen will.<span class="pull-right">Erkenntnis setzt voraus, dass alles angezweifelt und hinterfragt werden kann.</span> Dass Denken, wie jedes Handeln, immer schon dem ethischen Diskurs und der moralischen Beurteilung unterliegt, ist nicht unbedingt eine neue Einsicht. Einige Formulierungen legen jedoch nahe, das Stangneth auf mehr und anderes hinaus möchte. So schreibt sie, dass man „moralische Grenzen noch nicht einmal denkend anfassen“ dürfe. Oder dass wir „das Recht [haben] … alles anzuzweifeln und alles zu hinterfragen. Alles also, bis auf dieses eine: die Moral, die sich von selbst versteht.“</p>
<p>Solche Aussagen klingen, als wolle Stangneth mit Kant hinter Kant zurück – als wolle sie dem „Habe Mut, dich des eigenen Verstandes zu bedienen“ die Einschränkung anfügen: aber wehe, du zweifelst am Kategorischen Imperativ! Die Einsicht, dass Denken nicht immer zum moralisch richtigen Handeln führt, scheint hier in die Forderung umzukippen, das moralische Prinzip als Dogma zu institutionalisieren. Damit wäre nichts gewonnen. Das Denken lässt sich keine Vorschriften machen. Erkenntnis setzt voraus, dass alles angezweifelt, hinterfragt und zum Gegenstand von Gedankenspielen gemacht werden kann – gerade auch das, was als sakrosankt und selbstverständlich postuliert wird. Im Bereich des Menschlichen genügt es nicht, wenn sich etwas von selbst versteht: Auch wir müssen es verstehen.</p>
<p>Am Ende ihres Essays schreibt Bettina Stangneth:</p>
<blockquote><p>Es ist unsere Aufgabe, das gefährliche Denken sichtbar zu machen, offen darüber zu sprechen, was diese Denkwege attraktiv macht, und jedem, der neugierig ist, zu erklären, wie man Denkungsarten kennenlernen kann, ohne sich zu infizieren, denn niemand sollte diese Wege allein gehen. Das Bekenntnis, dass sogar die erfahrensten Philosophen Angst davor verspüren, dieses Gelände zu betreten, und es darum auch nur in Begleitung wagen mögen, das Labyrinth zu vermessen, ist der erste notwendige Schritt zu einer Kritik der dialogischen Vernunft, die etwas ganz anderes ist als eine Theorie des kommunikativen Handelns.</p></blockquote>
<p>Das klingt erstaunlich kleinmütig. Stangneth schreibt hier dem „gefährlichen Denken“ eine fast mystische Ansteckungskraft zu, die sich dem Austausch von Gründen und Gegengründen entzieht. Es ist wahr, dass menschenverachtendes Denken in bestimmten Situationen eine Faszination entwickeln kann, gegen die sich mit Argumenten scheinbar nichts ausrichten lässt. Aber wie lässt sich dem begegnen? Wie sähe eine solche „Kritik der dialogischen Vernunft“ aus? Wir erfahren darüber nichts weiter. Stattdessen scheint der Essay am Ende auf die Forderung hinauszulaufen, dem menschenverachtenden ein betreutes Denken entgegenzusetzen und den Kategorischen Imperativ zur Doktrin zu erklären.</p>
<p>So kann es eigentlich nicht gemeint sein. Denn bei der philosophischen Auseinandersetzung, auch mit „gefährlichen“ Denkarten, käme dies einer Kapitulation gleich. Wer hier nicht auf die langfristige Überzeugungskraft der eigenen Argumente vertraut, hat schon verloren. Wo aber das Feld der Argumente verlassen wird, hilft auch das Postulieren von Dogmen nichts. Dort wird die Auseinandersetzung mit anderen Mitteln geführt.</p>
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Bettina Stangneth<br />
<strong>Böses Denken</strong><br />
Rowohlt Verlag 2015 • 256 Seiten • 19,95 Euro<br />
ISBN: 978-3498061586<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="4021" data-permalink="https://tell-review.de/gefaehrliches-denken/978-3-498-06158-6/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2016/08/978-3-498-06158-6.jpg?fit=416%2C682&amp;ssl=1" data-orig-size="416,682" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="978-3-498-06158-6" data-image-description="&lt;p&gt;Cover Bettina Stangneth &amp;#8222;Böses Denken&amp;#8220;&lt;br /&gt;
Rowohlt Verlag, http://www.rowohlt.de/hardcover/bettina-stangneth-boeses-denken.html&lt;/p&gt;
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<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis:</em><br />
<em> Beitragsbild: Leonardo da Vincis Illustration zu seinem Ausspruch “Böses Denken ist Neid oder Undankbarkeit” (Ausschnitt). Gemeinfrei, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ALeonardo_da_Vinci_Zeichnung_-_B%C3%B6ses_Denken_ist_Neid_oder_Undankbarkeit.jpg">via Wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="http://www.rowohlt.de/hardcover/bettina-stangneth-boeses-denken.html" target="_blank">Rowohlt Verlag</a></em></h6>
<hr />
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