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	<title>Bukarest &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Bukarest &#8211; tell</title>
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		<title>Höllensturz und Himmelfahrt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Feb 2020 07:51:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Bukarest]]></category>
		<category><![CDATA[Rumänien]]></category>
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					<description><![CDATA[Mircea Cărtărescus Roman „Solenoid“ spielt in einem fantastisch aufgeladenen spätsozialistischen Bukarest. Insekten, Menschen und Riesen besiedeln Welten, die sich ineinander verschieben. Dabei verschmelzen Hochkultur und Horror, Mystik und Moderne. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap wp-block-paragraph">Schwarze Farbe auf dem Buchschnitt schmückt den Roman <em>Solenoid</em> von Mircea Cărtărescu und klebt die 900 Seiten oben und unten zuverlässig zusammen, sie schützend wie ein Tabernakel die nahrhafte Speise. Mehrere hundert Mal muss der Leser die miteinander verklebten Seiten dieses voluminösen Buchs voneinander lösen, mehrere hundert Mal dringt er erst mit dem Finger, dann mit Augen und Verstand ein in eine Welt voller Schönheit und Gefahr. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lesen als Teilhabe am Ritus – Mircea Cărtărescu, der bekannteste Schriftsteller Rumäniens, dürfte die sinnfällige Gestaltung der deutschen Ausgabe begeistert aufgenommen haben. Denn Cărtărescu, der auf üppig phantasmagorische Weise Fantasy und Insektenkunde, Hochkultur und Horror, Mystik und Moderne miteinander verschmilzt, erzählt von der vierten Dimension. Und in neue Dimensionen stößt der Leser seines Romans beständig vor, wenn er die zweidimensionalen Buchseiten aus höchst angenehmem Dünndruckpapier vorsichtig splittet und sich damit aus der Fläche einen zuvor nicht vorhandenen Raum eröffnet, auf dass aus zwei Seiten vier werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die melancholischste Stadt der Welt</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Vorsicht! Die Zwischenräume bergen Höllenstürze wie Himmelfahrten.
Für Cărtărescu ist der Mensch ein zwiespältiges Wesen – einerseits eine
„larvenähnliche Existenz“ mit zwei Öffnungen zur Aufnahme und zum Ausscheiden
von Lebensmitteln bzw. deren Abbauprodukten, und andererseits eine geistige
Existenz, die über das Gefängnis der Welt hinaus strebt. Der Schauplatz von <em>Solenoid
</em>ist Ausdruck dieser Ambivalenz: Das ruinöse Bukarest des Spätsozialismus,
von Cărtărescu schon in seiner Trilogie <em>Die Wissenden</em> zum
weltliterarischen Schauplatz gemacht, ist im neuen Roman „die melancholischste
Stadt“ der Welt. Und doch verbirgt sich auch in ihr schrecklich Wunderbares, wird
sie selbst am Ende schrecklich wunderbar, wenn in einer irren Sequenz ein Teil
von ihr in den Himmel schwebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Vorstadtlehrer an der Schule Nr. 86 ist der Erzähler des
Romans. Mit seinem ersten Langgedicht „Der Niedergang“ ist er, anders als Cărtărescu
selbst in den späten 1980er Jahren, in einem Literaturzirkel der Universität gescheitert.
Er schreibt weiter, nun aber nur für sich, getrieben von einem Gefühl der
Vorbestimmtheit und dem Wunsch, die seltsamen Vorkommnisse seines Alltags später
einmal verstehen zu können. Deren Zahl ist, während der ärmliche Schulalltag
deprimierend vorhersehbar verläuft, Legion: Der Lehrer verirrt sich im großen eigenen
Haus, nie liegen die Räume am selben Ort. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Verzerrte Größenverhältnisse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Solenoid genannter Elektromagnet unter dem Haus hebt
dieses und alles in ihm auf Knopfdruck ein wenig in die Lüfte, was dem Lehrer
und seiner Geliebten wunderbaren Sex erlaubt. In einer kathedralengleichen Fabrikhalle
stößt er auf zahllose Vitrinen mit mutierten Parasiten: Milben, Läusen, Zecken
so groß wie Tiger und Elefanten. Auf den Straßen demonstrieren die „Mahner“,
geführt von Menschen mit Insekten auf den Handflächen. In Fabrikhallen mit
riesenhaften Zahnarztstühlen, unter denen dicke Adern pochen, begierig auf Leid
und Schmerz, begegnen die „Mahner“ gewaltigen Kreaturen, die von oben
einschweben, nachdem sich das Dach wie eine Blüte geöffnet hat. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits im ersten der vier Buchteile erscheinen diese
Elemente und Motive, sie werden verknüpft mit Kindheit und Jugend des Lehrers –
mit seinen Impf- und Zahnarztqualen, einem langen Aufenthalt in einem
Sanatorium als Tuberkulosekranker, einem bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruder,
obsessiven Lektüren eines Buches namens <em>Stechfliege</em> sowie eines Bandes
über Parasiten. In langen Satzperioden mit exquisiten Wendungen, von Ernest
Wichner ausgesprochen elegant übertragen, kommt Cărtărescu in den folgenden
Teilen des Romans auf all das immer wieder zurück. Nur an wenigen Stellen droht
er sich in seiner Eloquenz zu verlieren, wenn das Netz zwischen Neurosen,
Obsessionen, Halluzinationen, Ahnungen, Erinnerungen und Geschehnissen beständig
erweitert und verdichtet wird. Voller Schrecken sieht man der paranoischen Welt
mit ihren panisch verzerrten Größenverhältnissen beim Entstehen zu.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gottessehnsucht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der sozialistischen Stadtruinenlandschaft lässt
Cărtărescu eine Welt verborgener Bezüge erstehen: Die <em>Stechfliege</em> führt zu
bedeutenden Mathematikern des 19. Jahrhunderts, zum rumänischen Forensiker
Nicolae Minovici, der in Eigenversuchen das Erhängen erforschte, zu Kafka und
Borges. Als dem Lehrer und seiner Geliebten eine Tochter geboren wird, weichen
Angst und Hoffnung kurzzeitig der Liebe, als das Regime zum Sammeln von Altglas
und Altpapier aufruft, wird es absurd: Erst fällt der Unterricht aus, weil die
Schüler die Klassenräume bis oben hin mit den begehrten Materialien anfüllen,
dann stellen die Fabriken die Produktion ein – der Handel mit den Wertstoffen
selbst ist ungleich lukrativer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den oft katastrophischen Begegnungen der Welten der
Insekten, Menschen und Riesen ist Gottesfürchtigkeit und Gottessehnsucht spürbar.
Spätestens wenn der Lehrer für eine kleine Parasitenewigkeit in eine Milbe
verwandelt wird und unter Milben lebt, muss man den Roman auch als Reflexion
über Interkulturalität lesen. Oder als Reflexion über die Möglichkeit einer
Verkündungsbotschaft, denn noch der stark verkleinerte Lehrer hat den Milben
etwas mitzuteilen. 

So oder so ist Cărtărescu ein großer christlicher
Mystiker. So sehr seine Leser auch glauben mögen, sie könnten die
Verschiebungsmechanismen zwischen den Welten benennen – sie wissen nie, welche
Ausgeburten seiner überaus sprachmächtigen Angst- und Erlösungsphantasie Cărtărescu
auf den nächsten Seiten auf sie loslassen wird.



</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Milbe in mikroskopischer Aufnahme, von Eric Erbe, digitale Kolorierung von Chris Pooley, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Milben#/media/Datei:Rust_Mite,_Aceria_anthocoptes.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">via Wikipedia</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">gemeinfrei</a>)</h6>





<p class="wp-block-paragraph">Mircea Cărtărescu <br><strong>Solenoid</strong><br>Roman  ·  Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner<br>Zsolnay Verlag 2019 · 906 Seiten · 36 Euro<br>ISBN:  978-3-552-05948-1 <br></p>



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