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	<title>Armut &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Armut &#8211; tell</title>
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		<title>Der Geruch des Schicksals</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Plath]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Dec 2019 11:01:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>
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					<description><![CDATA[Andor Endre Gelléri (1906–1945) erzählt in dem Band "Stromern" vom Leben der Armen in den Randbezirken von Budapest. So präzise die Beobachtungen, so märchenhaft ist der Ton dieser durchweg kurzen Erzählungen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Andor
Endre Gelléri muss ein überaus freundlicher Mensch gewesen sein. Seine Erzählungen
aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind jedenfalls von einer zärtlichen
Zuwendung zu denen geprägt, die am Rande des Existenzminimums leben und nicht
selten auch darunter. Wenn diese Menschen aus den elenden Vorstädten Budapests noch
Arbeit haben, dann ist sie schlecht bezahlt. Meist aber sind sie arbeitslos und
bleiben es. Manche betteln, ohne viel Erfolg. Bauen sie sich ein Heim aus Müll,
wird es von den Landbesitzern herzlos zerstört. Die Vermögenden lassen aus
Angst vor einem Aufstand auch Todesurteile gegen aufmüpfige Arme verhängen. Gelléri
verleiht den traurigen Schicksalen Farbe und Geruch, Individualität und Würde,
und siehe da: Eintönig ist Armut nicht, abstoßend sowieso nicht.</p>



<p>31
Erzählungen enthält der schön und schlicht gestaltete Band <em>Stromern</em>, und
beinahe alle variieren das Thema Arbeit. Meist fehlt sie. Die Geschichte „Bei
den Lieferern“ beginnt mit den Worten: „Ich war ohne Arbeit“, weshalb der
Erzähler seit sechs „bitteren“ Wochen „brotlos“ ist. So schwach ist er, dass
die Packer, bei denen er endlich als Aushilfe arbeiten kann, ihm erst einmal etwas
zu essen geben. Sonst ließe er die schwere Last fallen, so fürchten sie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Leben der Ärmsten</h3>



<p>Andor
Endre Gelléri kannte sich aus in dieser Welt: Der Sohn einer jüdischen
Arbeiterfamilie, geboren 1906 im dörflichen Zentrum Alt-Buda der ungarischen
Hauptstadt, konnte Zeit seines Lebens nicht vom Schreiben leben. Zwar
verkauften sich seine Erzählungsbände gut, und 1934 wurde ihm der angesehene Baumgartner-Preis
zugesprochen. Doch um die vierköpfige Familie durchzubringen, musste Gelléri in
Schlossereien, Wäschereien, als Fuhrmann und technischer Zeichner schuften. Mit
dem Rechtsruck im Ungarn der Zwanziger- und Dreißigerjahre gerieten er und
seine Familie in Gefahr. 1938 schränkte Reichsverweser Mikloś Horthy die Rechte
der Juden ein, 1941 wurde die Zeitschrift „Nyugat“ eingestellt, in der viele
von Gelléris Erzählungen erschienen waren. Seit jenem Jahr musste er in Ungarn Zwangsarbeit
verrichten. Noch 1945 trieben ihn die Nazis auf einen Todesmarsch nach
Mauthausen. Nach der Befreiung des KZ starb Andor Endre Gelléri Mitte Mai an
Flecktyphus in einem US-Militärspital.</p>



<p>Seine größten literarischen Erfolge hatte Gelléri nach der Weltwirtschaftskrise 1929: Eindrücklich beschreibt er in seinen Erzählungen deren Auswirkungen auf das Leben der Ärmsten. György Dalos weist im Nachwort zu Recht auf die Nähe der Geschichten zu Hans Falladas Roman <em>Kleiner Mann – was nun?</em> hin. Anders als Fallada gelingt es Gelléri jedoch nicht, einen größeren Handlungsstrang zu entwickeln. Seine Erzählungen sind meist vier bis acht Seiten lang; auch sein Roman <em>Die Großwäscherei</em>, vor drei Jahren ebenfalls von Timea Tankó in ein unsentimentales, warmes Deutsch übersetzt, besteht aus solchen kurzen Texten. Ihr Gestus ist freundlich zugewandt und ungekünstelt direkt: „Jetzt will ich von der Hinrichtung der beiden Ukrainer berichten, so wie sie sich zugetragen hat“, beginnt die Erzählung „Hinrichtung der Ukrainer“. Gelléri leiht den Armen eine Stimme, seine Erzähler gehören fast durchweg zu ihnen. Manchmal hat es den Anschein, als ob Gelléri die Geschichten aus dem ostjüdischen Schtetl nun in den Randbezirken der ungarischen Metropole findet. Damit stünden die Geschichten auch für die Assimilation der magyarischen Juden, denn der religiöse Hintergrund wird durch den sozialen ersetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein feenhafter Realist</h3>



<p>Nur berichtend erzählt Gelléri freilich nicht von der „Hinrichtung der Ukrainer“ oder anderen Ereignissen. Im Keller eines Schneiders verwandelt </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>sich das Elend in eine Katze [&#8230;], die man streichelte, mit der man spielte.</p></blockquote>



<p>Die Reserve gegenüber einem seltsamen Verwandten lässt das Begrüßungslächeln „wie Speiseeis“ ausfallen. Ein Junge, soeben mit einem schlechten Zeugnis aus der Schule heimgekehrt, liegt nach dem Geständnis gegenüber dem Vater </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>mit halbgeschlossenen Augen in der feuchten Wolke der abendlichen Dunkelheit.</p></blockquote>



<p>Und als sich der Bettler Hele verzweifelt vor ein Auto wirft, stößt die </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow"><p>Bremse [&#8230;] einen schrecklichen Schrei aus und will das Auto anhalten, doch dieses rollt noch weiter, unter ihm brechen schwere menschliche Schmerzenslaute hervor. </p></blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Ein anrührender Ton</h3>



<p>Einen „feenhaften Realisten“ hat der berühmte Kollege Dezső Kosztolányi Gelléri genannt, und tatsächlich sind die Erzählungen gewirkt aus präzis beobachtetem Elend und einem manchmal märchenhaften Ton. Dieser Ton verleiht den Figuren Würde, ohne etwas zu beschönigen oder gar Rettung zu verheißen. Wenn die Menschen gar zu einsam werden, lässt Gelléri manchmal Dinge, eine Autobremse etwa, sprechen und Bäume „schlottern“. Es ist ein seltener, ferner und anrührender Ton in dieser Prosa. Allerdings erklingt er auf allen 250 Seiten von <em>Stromern</em>, so dass man den Band besser nicht in einem Zug durchliest. </p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Budapest: Obstmarkt an der Donau.<br>Atelier Lévy &amp; ses fils, Paris, um 1900.<br><a href="http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=11341223" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Österreichische Nationalbibliothek</a> (gemeinfrei)</h6>



<hr class="wp-block-separator"/>





<p>Andor Endre Gelléri<br><strong>Stromern</strong><br>Erzählungen<br>Aus dem Ungarischen von Timea Tankó<br>Mit einem Nachwort von Györgi Dalos<br>Guggolz Verlag 2018 · 272 Seiten · 24 Euro<br>ISBN:  978-3-945370-18-6<br></p>



Bei <a href="https://mojoreads.de/book/?isbn=9783945370186&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei mojoreads unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">mojoreads</a> oder im lokalen Buchhandel





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<hr class="wp-block-separator"/>



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		<title>Stickschrei in der Kehle</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Heibert]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 May 2017 08:41:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lektüretipps]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Irland]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
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					<description><![CDATA[Eimear McBrides Roman "Das Mädchen ein halbfertiges Ding" berichtet mit herber Schönheit von der menschlichen Hässlichkeit. Ein Buch für unerschrockene Leser, die der Autorin (und ihrer Übersetzerin) folgen bis ins tiefste Dunkel. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten.</div></div></p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="9945" data-permalink="https://tell-review.de/stickschrei-in-der-kehle/cover-amazon/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?fit=164%2C266&amp;ssl=1" data-orig-size="164,266" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Amazon" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?fit=164%2C266&amp;ssl=1" class="size-full wp-image-9945 aligncenter" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?resize=164%2C266" alt="" width="164" height="266" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?w=164&amp;ssl=1 164w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2017/05/Cover-Amazon.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w" sizes="(max-width: 164px) 100vw, 164px" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>Zwei ich. Vier du oder fünf. Ich falle. Tischbein auf Hocker. Gesicht tief in ihre Kissen. Kreisch. Baby voll Rotz und Tränen. Du kneifst mir ganz kurz die Seiten. Ich würge schreckliche Kitzelhickser. Immerfort rucken und purzeln. Ich falle mit Krach. An den Kopf. Hoppla.</p></blockquote>
<p><span class="dropcap">H</span>oppla indeed. Was ist das für eine Sprache? Wer kann, wer will so was lesen? Geht das immer so weiter?<br />
Ja, so geht es immer weiter. Wir sind im Kopf eines Mädchens (zwei Jahre alt, in der Szene oben). Die junge irische Autorin Eimear McBride treibt Landsmann und Vorbild Joyce vor sich her. „Stream of consciousness“? Pah. Stream of pre-consciousness!</p>
<h3>Die Phrasen dieser Welt</h3>
<p>Selbstverliebtes Sprachgeklingel langweilt mich schnell. Doch was hier geschieht, hat einen literarischen und erzählerischen Sinn. Wahrnehmungen, Gedanken, Aufgeschnapptes, Wiedergekäutes – der Text liest sich wie angeschlossen an die Hirnströme eines Menschen. Da müssen Gedanken nicht zu Ende formuliert werden, das Mädchen braucht sie sich nicht selbst zu erklären. Fertig sind hier nur die Versatzstücke und Phrasen, mit denen die Welt auf sie eindrängt: Mutter, Lehrer, Ärzte, Priester.</p>
<blockquote><p>Das Kind war letztes Jahr zur Erstkommunion und kann nicht mal das Ave  Maria. Wo ist deine Moral hin? Ich meine was ist das für eine Art deinen Sohn zu erziehen? Aber du bist ja eine ganz Gescheite. Ich vergaß. Zu gut um einen Mann zu heiraten der seine Kinder gottesfürchtig erziehen will.</p></blockquote>
<p>Ansonsten gilt: <em>Das Mädchen ein halbfertiges Ding</em>. So lautet der Titel von McBrides Debütroman von 2013, der in der englischsprachigen Literaturszene gefeiert wurde.</p>
<h3>Betreten auf eigene Gefahr</h3>
<p>Die Welt, in die wir hineingezogen werden, ist die irische Provinz mit allen wenig überraschenden Ingredienzien – Armut, Strampeln ums Überleben, Gewalt, Suff, Bigotterie. Betreten auf eigene Gefahr. Die Mutter des Mädchens, von ihrem Mann sitzengelassen, hat ein weiteres Kind großzuziehen, den schwer behinderten Bruder der Ich-Erzählerin. Ihm gilt die ganze Liebe des heranwachsenden Mädchens, er wird nicht alt werden. Das Aufwachsen in einer Umgebung, wo nichts als Druck herrscht – Herumgeschubse daheim, Mobbing in der Schule, Demütigungen durch Autoritäten –, ist deprimierend.</p>
<p>Warum ist es die Lektüre nicht?</p>
<blockquote><p>So ein stilles Haus danach. Das Auto sengt die Straße weg. Sie mit dem Gesicht in den Händen und Stickschrei in der Kehle. Gequetschte Luft. Zitternd vor Tränen. Gespannt wie Flitzebögen saßen wir da. Gesichter über der Treppe. Unser böses Haus am Sirren. Hier gibt es Banshees.</p></blockquote>
<p>Gerade war der bigotte Großvater zu Besuch, hat alle heruntergeputzt und ist empört wieder abgerauscht. Die Sprache, mit der McBride Situationen und Stimmungen anreißt und aufreißt, ist ungemütlich, aufregend, gnadenlos. Sie erzählt eine alte Elendsgeschichte schmerzhaft neu. Sie macht wach.</p>
<h3>Lustvoll die Sprache triezen</h3>
<p>Spätestens hier muss gesagt werden: Ich rede von der Sprache, mit der Miriam Mandelkow den Roman der Autorin auf Deutsch neu geschrieben hat. Wenn praktisch kein Satz vollständig ist, wenn Klang und Rhythmus, Bildlichkeit und Neuschöpfungskraft auf kürzestem Raum zwingende Situationen herstellen sollen, dann muss jedes Element bedacht, abgewogen, gestaltet werden. Bei konventioneller erzählten Romanen entwickelt der Text einen eigenen Fluss, der trägt – den Übersetzer zunächst, der sich dem Flow anvertraut und ihn an die Leser weitergibt, als Einladung, sich auf die Welt der Erzählung einzulassen. In dieser Welt jedoch gibt es kein blindes Vertrauen, die Sätze bocken und lassen den Leser genauso abstürzen wie die Wirklichkeit, die sie erfassen. Das ist ein wilderer Flow. Um all das in der Übersetzung nachzugestalten, braucht es Wagemut, Frechheit, Rhythmusgefühl, es braucht analytische Schärfe und Sprachinstinkt – und eine Lust daran, die eigene Sprache zu triezen. McBride und Mandelkow haben all das gemeinsam, erkämpfen es gemeinsam.</p>
<h3>Durch den Sprachnebel</h3>
<p>Die Lektüre ist eine Reise in die Dunkelheit, man lässt sich auf ein ungewohntes Lesegefühl ein – als hätte ich meine Brille nicht auf und bewegte mich tastend durch einen Sprachnebel, aus dem immer wieder etwas auftaucht und verschwindet, sobald ich es umrundet oder mich daran gestoßen habe.</p>
<blockquote><p>Ich sehe dich. Hinten, selbstvergessen schlackernd Arme Beine hinein ins Haifischbecken. Sehe wie sie sich nach dir recken schnappen. Durchgekaut wieder ausspucken. In diesem Bus. Und rufen hierher Neuer. Du, sehe ich, siehst mich gehst vorbei. Kletterst auf das Rudel Schultaschen. Lavierst dich an den Rückenlehnen. Deine Füße ertrinken als es losgeht. Dich eintunkt. Dich hinschmeißt. Hart aufs Gesicht. Auf deine Knie. Heftiger Fall von dem du nicht hochkommst. Tja. Kein Entkommen. Busdreck an deinen Händen. Sabber auf deinem Gesicht. Sie grölen, schnüffeln. Sehen dein Blut strömen durch den Gang zu ihnen. Schnappen. Kauen an deinen Händen und Füßen. Ha ha ha ausatmen Spasti. Spastisturz. Kann Spasti nicht laufen?</p></blockquote>
<p>Dass der behinderte Bruder im Schulbus gemobbt wird, ist schnell klar.  Diese Information lässt sich in einem einzigen Satz mitteilen. Wie es sich anfühlt, als Schwester ohnmächtig zuschauen zu müssen, vermittelt die aufgeraute Sprache.</p>
<p>Die Schönheit dieses Romans, der von der menschlichen Hässlichkeit berichtet, ist herb und anstrengend. Mit dem Heranwachsen des Mädchens nimmt das Grauen noch ganz andere Gestalt an, löst die festen Formen der Sprache streckenweise noch weiter auf. Als unerschrockener Leser bleibe ich dran, gehe mit bis in die tiefste Dunkelheit.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"><br />
<div class="su-row"></div><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><br />
Eimear McBride<br />
<strong>Das Mädchen ein halbfertiges Ding</strong><br />
Roman · Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow<br />
Verlag Schöffling 2015 · 256 Seiten · 21,95 Euro<br />
ISBN: 978-3-89561-292-3<br />
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</div></div><br />
</div></div></p>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Von <a href="https://pixabay.com/de/users/tasarimci06-870657" target="_blank" rel="noopener noreferrer">tasarimci06</a><br />
Via <a href="https://pixabay.com/de/kinder-armut-nat%C3%BCrliches-leben-684212/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Pixabay</a></h6>
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