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	<title>Kiwus (Karin) &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Kiwus (Karin) &#8211; tell</title>
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		<title>Vers für Vers 5: Witzig, gemein, verspielt, lakonisch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hartmut Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 May 2017 07:38:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Vers für Vers]]></category>
		<category><![CDATA[Alltagsgedicht]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry Slam]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
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					<description><![CDATA[In den 1970er-Jahren entdeckte die Lyrik den Alltag. Karin Kiwus‘ Gedicht „Im ersten Licht“ sagt du zu uns. Ein Gedicht von heute, das in jedem Poetry Slam bestehen könnte. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Wenn wir uns gedankenlos getrunken haben<br />
aus einem langen Sommerabend<br />
in eine kurze heiße Nacht<br />
wenn die Vögel dann früh<br />
davonjagen aus gedämpften Färbungen<br />
in den hellen tönenden frischgespannten Himmel</p>
<p>wenn ich dann über mir in den Lüften<br />
weit und feierlich mich dehne<br />
in den mächtigen Armen meiner Toccata</p>
<p>wenn du dann neben mir im Bett<br />
deinen ausladenden Klangkörper bewegst<br />
dich dumpf aufrichtest und zur Tür gehst</p>
<p>und wenn ich dann im ersten Licht<br />
deinen fetten Arsch sehe<br />
deinen Arsch<br />
verstehst du<br />
deinen trüben verstimmten ausgeleierten Arsch<br />
dann weiß ich wieder<br />
daß ich dich nicht liebe<br />
wirklich<br />
daß ich dich einfach nicht liebe.</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">Copyright:<br />
Schöffling &amp; Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2014</h6>
<hr />
<p><span class="dropcap">K</span>arin Kiwus&#8216;<em> Im ersten Licht</em> ist eines der bekanntesten Gedichte der 1970er Jahre. Es wurde erstmals 1976 veröffentlicht (Suhrkamp), und es findet sich in so gut wie jeder relevanten Anthologie. Auch in Ulla Hahns <em>Stechäpfel, </em>einem Band mit 300 Gedichten von Frauen (ein Gedicht pro Dichterin), ist Karin Kiwus mit <em>Im ersten Licht</em> vertreten.</p>
<p>Doch Freundinnen und Freunde der Lyrik sind rar gesät; ich unterstelle, dass die meisten von Ihnen das Gedicht noch nicht kannten. Die Kennerinnen und Kenner bitte ich, bei dem folgenden Gedankenexperiment mitzumachen: Nehmen wir einmal an, wir würden das Gedicht heute Abend bei einem Poetry Slam hören, als ein im Jahr 2017 verfasstes Gedicht, in Konkurrenz mit Gedichten etwa von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=MCo77MagzQM" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Xochil A. Schütz</a>.</p>
<p>Wären Sie überrascht?</p>
<p>Nicht wirklich, oder? Das Gedicht ist, in seiner ganzen Kunstart, ein typisches Slam-Gedicht, und wegen seiner Qualitäten wäre es – hoffentlich – der Sieger des Abends. Das Gedicht sagt sozusagen „du“ zu uns, vielleicht auch „Ey, du“. Jedenfalls ist sein Klang vertraut. Das hat Gründe, stil- und literaturgeschichtliche, aber auch allgemeingeschichtliche.</p>
<h3>Nach dem Rausch</h3>
<p>Verständnisschwierigkeiten sollten sich vorderhand nicht einstellen. Ein Paar erlebt eine Sommernacht und verliert sich in ihr, hat Sex, und im ersten Licht gewinnt die Frau sich wieder, nachdem sich beide in der Liebesnacht noch „gedankenlos getrunken haben“. Ihr erster klarer Gedanke nach dem Rausch ist: Nein! Dieser hier ist es nicht. Kein glückliches Lallen, sondern ein präzises Benennen von Defiziten. Keine Sehnsucht nach dem schönsten Tag im Leben einer Frau, sondern ein sachliches, selbstbewusstes und anrührend unverschämtes Bewerten und Aussortieren.</p>
<p>Was noch? Einiges! SIE hat die Toccata (eine ausgeschriebene Improvisation) komponiert, in deren „mächtigen Armen“ sie sich dehnt, SIE bespielt IHN, nicht umgekehrt, er ist ihr Instrument! Und am Ende hat sie ihn gewogen und für zu leicht befunden. Sein „Klangkörper“ bürgt wenig für Harmonie – „trübe“, „dumpf“, „verstimmt“, „ausgeleiert“ ist sein „Arsch“. Aber nicht nur das lyrische Frauen-Ich macht hier im wahrsten Sinn des Wortes die Musike – auch die Autorin Karin Kiwus dreht die etablierte Rollenverteilung um: ER ist IHRE Muse, wird zu einem großartigen Gedicht vernutzt, und dann auch noch zu einem, das ihm einigermaßen herzlos den Laufpass zustellt.</p>
<h3>Metaphern der Alltagslyrik</h3>
<p>Das Gedicht darf als eine Ikone der „Neuen Subjektivität“ gelesen werden. Der Begriff wurde von keinem Geringeren als Marcel Reich-Ranicki geprägt und meint Literatur, die das Sujet „Alltag“ mit scheinbar alltäglichen sprachlichen Mitteln zum Ausdruck bringt. Die Rede ist auch von „Alltagslyrik“, in ihr ging es um (ich tippe das Wort vor Kühnheit zitternd) Authentizität. Die Betonung aber lag immer auf „scheinbar“. Einer der Protagonisten der Alltagslyrik war Jürgen Theobaldy.</p>
<blockquote><p>&#8222;Der metaphysische Zauber, hervorgerufen mit Sprache, ist sowenig das Poetische schlechthin wie Poesie an sich einen Wert darstellt. Viel Mißtrauen in ihr Geschick und in ihre Zukunft ist nötig, will man sich nicht in einen Winkel begeben, aus dem nur mehr poetische Posen hervorkommen. Ich benutze die gewöhnlichen Wörter, wie sie in den Pausen gesprochen werden, in Kneipen, in möblierten Zimmern und in zu engen Wohnungen.&#8220;</p></blockquote>
<p>Das schreibt Jürgen Theobaldy in der Nachbemerkung zu seinem Gedichtband <em>Zweiter Klasse</em>, erschienen 1976 – sozusagen DAS Glaubensbekenntnis der Alltagslyrik. Wie Rudolf Drux 1981 feststellte, beruht Theobaldys These, die Alltagslyrik sei eine quasi metaphernfreie Lyrik, auf einem Selbstmissverständnis. Drux‘ kühler Nachweis, wie metaphernreich Theobaldys Gedicht <em>Ein Bier, bitte </em>in Wahrheit sei, ist vor diesem Hintergrund heute noch ziemlich witzig zu lesen.</p>
<p>Und so auch hier: Karin Kiwus‘ Gedicht spielt den Metaphernbereich der Musik(alität) konsequent durch und verwebt ihn mit Körperlichkeit. Das ist alles andere als bloßes Dokumentieren eines beendeten Liebesspiels. Das sind keine Fakten, das sind nicht bloße Subjektivismen, das ist  hochartifiziell, gerade im Gegensatz zu Karl Krolows irrigem Diktum des „Fehlen[s] von artifiziellem Kalkül“ (so Krolow 1980 im damaligen Standardwerk <em>Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart</em>). Wir haben hier nicht „keine Metaphern“, sondern Alltagsmetaphern, es geht um das Auffinden poetischer Bezüge im Alltag, zugleich aber auch um den Bruch dieser Alltagsbezüge durch „Popeffekte“ (ein Wort von Heinz Piontek, bereits 1972!). Dies sind die Stilaxiome jener Alltagslyrik, die sich (mit Vorläufern in den 1960ern) in den 1970ern etabliert hat und bis heute nachwirkt. Wenn ich sagen müsste, wo ich das Alltagsgedicht seit 1970 stilgeschichtlich ansiedeln möchte, würde ich, neben den üblichen Verdächtigen (Neue Sachlichkeit, Lakonie der Short Story, Brinkmanns ACID-Anthologie), auf ein Bild verweisen: Richard Hamiltons ikonisches „What is it what makes today&#8217;s home so different, so appealing?“ Stil- und literaturgeschichtlich ist das Alltagsgedicht schlicht und einfach Pop-Art. Und das meint ja wohl: Moderne, die um ihre Modernität weiß und mit ihr spielt. Also Postmoderne.</p>
<h3>Hyggelige Prosa?</h3>
<p>So verstanden ist auch das mit der neuen Authentizität cum reichlich grano salis zu verstehen: <em>Im ersten Licht</em> ist nicht authentisch, was immer das sei, sondern reflektiert, also witzig, gemein, verspielt, lakonisch. Zweifellos gibt es seit den 1970ern unzählige Alltagsgedichte, die einfach nur gefühlige Prosa – neuerdings sagt man wohl <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hyggelig">hyggelig</a> – per beliebigem Zeilensprung zum Gedicht veredeln wollen, und die literarisch natürlich nicht in Betracht kommen. Hier soll man sich nichts vormachen: Auch Kristiane Allert-Wybranietz‘ gut gemeinte <a href="https://www.aphorismen.de/gedicht/71107" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„Verschenk-Texte“</a> gehören zum Alltagsgedicht:</p>
<blockquote><p>Anfangs warst du ein Stern,<br />
einer von von vielen,<br />
an meinem Himmelszelt.</p>
<p>Inzwischen bist du<br />
ein Mond geworden<br />
mit einer<br />
unheimlich starken<br />
Anziehungskraft.</p></blockquote>
<p>Sie sind dessen konsumierbare Zerrbilder, also undialektisch. Das spricht aber so wenig gegen das Alltagsgedicht, wie ‚gefühlige‘ neoromantische Filmmusik gegen Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy sprechen könnte.</p>
<h3>Ein feministisches Liebesgedicht?</h3>
<p>Die 1960er und 1970er Jahre waren von einer ungeheuren Dynamik geprägt. Die Innovationen, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg von der Avantgarde ausformuliert, gefordert und ansatzweise im eigenen Kreis auch verwirklicht wurden, sickerten in den Alltag ein. Kiwus&#8216; lyrische Klage über das Scheitern einer (der?) Liebe liest sich kaum anders als bei den Klassikern, von Goethes <em>Rastlose Liebe</em> über Heines <em>Asra</em> bis zu Benns <em>Astern</em>. Mit einem Unterschied: Hier grenzt sich niemand mehr ab. Der Alltag, der „kleine“ Mann, die „einfache“ Frau, sind nicht mehr die Hintergrundfolie, nicht mehr bloße Staffage, vor der ein Werther oder ein Hanno Buddenbrook noch aufleuchteten. Der Mann und die Frau sind vielmehr selber Gegenstand des Gedichts. Es geht nicht mehr um die oder den andere/n, es geht um alle. Und als Gedicht einer Frau – das Gedicht wurde publiziert als Gedicht einer gewissen „Karin Kiwus“, ist also wohl das Gedicht einer Frau, was immer man jetzt über <em>sex</em> und <em>gender</em> sagen mag – agiert das Gedicht männlich, besser noch: androgyn, wenn es am Ende kühl den Daumen senkt.</p>
<p>Bei Caroline von Günderrode hieß es noch:</p>
<blockquote><p>Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten</p></blockquote>
<p>Karin Kiwus&#8216; lyrisches Ich lebt nicht mehr, ewig Träume zu betrachten. Es lebt, sie lebt, sie artikuliert Bedürfnisse und handelt danach, punkt.</p>
<p>In einem Interview wurde Karin Kiwus die Frage gestellt: &#8222;Ihre Gedichte sind oft so düster&#8230;warum schreiben Sie nicht auch einmal über das Glück?&#8220;</p>
<p>Die Antwort von Karin Kiwus:</p>
<blockquote><p>Weil es so schwierig ist. Weil die Sprache, die man herkömmlicherweise dazu verwenden würde, von der Unterhaltungs- und Werbebranche seit langem unsäglich trivialisiert, kommerzialisiert und verbraucht worden ist. (&#8230;) Es gibt aber noch einen anderen Grund. Und der ist, daß das Glück eine Befindlichkeit innerer Ruhe und sicherlich freudiger Ausgeglichenheit ist. (&#8230;) In Zeiten innerer Unruhe oder gar Verzweiflung glaube ich, wird der Impuls, sich zu artikulieren, viel dringender sein. (&#8230;) &#8222;Das Glück allein ist heilsam für den Geist&#8220;, hat Proust gesagt, &#8222;die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.&#8220;</p></blockquote>
<h6 style="text-align: right;">(in: Klaus Pankow, s.u.)</h6>
<p>Insofern ist dieses Liebesgedicht natürlich auch ein feministisches Gedicht, aber eines, das Emanzipation nicht fordert – nicht als Kampfruf und schon gar nicht als Bitte –, sondern vorführt. Genau deswegen ist dieses über 40 Jahre alte Gedicht eines von heute.</p>
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<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Karin Kiwus<br />
<strong>Das Gesicht der Welt</strong><br />
Gedichte · Mit einem Nachwort von Mirko Bonné<br />
Schöffling-Verlag 2014 · 352 Seiten · 22,95 Euro<br />
ISBN: 978-3895615016<br />
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<p><strong><u>Literatur</u>:</strong></p>
<p><strong>Karin Kiwus:</strong> Im ersten Licht. In: Karin Kiwus, Von beiden Seiten der Gegenwart. Gedichte. Frankfurt am Main 1976</p>
<p><strong>Drux, Rudolf:</strong> Vom Pragmatismus in Lyrik und Politik, in: Jordan, Lothar/Marquardt, Axel/Woesler, Winfried (HG) – Lyrik von allen Seiten. Frankfurt/Main 1981, S. 204 – 218</p>
<p><strong>Krolow, Karl:</strong> Die Lyrik in der Bundesrepublik seit 1945, in: Lattmann, Dieter (Hg), Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart – Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland II, aktualisierte Ausgabe 1980. Frankfurt/ Main, 1980</p>
<p><strong>Pankow, Klaus (Hg): </strong>Das Erscheinen eines Jeden in der Menge – Lyrik aus der BRD, Lyrik aus Westberlin seit 1970. Leipzig 1983</p>
<p><strong>Piontek, Heinz:</strong> Vorwort, zu: Piontek, Heinz (HG), Deutsche Gedichte seit 1960 – Eine Anthologie. Stuttgart 1972</p>
<h6 style="text-align: right;"><em>Bildnachweis</em><br />
<em> Beitragsbild: Nana &#8211; Engel in Zürich HB &#8211; Von JoachimKohlerBremen</em><br />
<em> Lizenz: CC-BY-SA 4.0, via <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46687583" target="_blank" rel="noopener noreferrer">wikimedia Commons</a></em><br />
<em> Buchcover: <a href="https://www.schoeffling.de/buecher/karin-kiwus/das-gesicht-der-welt" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Schöffling &amp; Co.</a></em></h6>
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