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	Kommentare zu: Satz für Satz 3: Genauigkeit	</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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		<title>
		Von: juttareichelt		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-266</link>

		<dc:creator><![CDATA[juttareichelt]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jun 2016 10:24:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Bei Jurek Becker bin ich dem Bild von Autoren (Vögeln) und Literaturwissenschaftlern (Ornithologen) zum ersten Mal begegnet und vielleicht liegt es an dem notwendig anderen Blick aufs Schreiben, auf die entstehenden Texte, wenn mir Genauigkeit im Schreibprozess so wichtig ist - aber auf eine andere Weise, als es hier in der spannenden, langen Auseinandersetzung zumeist verhandelt wurde. 
Weniger die Frage, ob ein sprachlicher Ausdruck genau genug auf etwas in der äußeren Welt verweist interessiert mich (obwohl das natürlich auch vorkommt: &quot;gespenstische Birke&quot; ist eben auch genauer als &quot;gespenstischer Baum&quot;), als die Frage: Ist, was da steht, genau das, was ich zum Ausdruck bringen wollte oder ist es mir nur als erstes eingefallen?
Und dann ist ja eine Herausforderung fast jeden kreativen Prozesses, dass er offen ist in viele Richtungen und Genauigkeit dann auch etwas mit Klärung zu tun hat: Für (genau) welche der sich anbietenden und oft schwer zu trennenden Ideen und Verläufe und Figuren entscheide ich mich?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Jurek Becker bin ich dem Bild von Autoren (Vögeln) und Literaturwissenschaftlern (Ornithologen) zum ersten Mal begegnet und vielleicht liegt es an dem notwendig anderen Blick aufs Schreiben, auf die entstehenden Texte, wenn mir Genauigkeit im Schreibprozess so wichtig ist &#8211; aber auf eine andere Weise, als es hier in der spannenden, langen Auseinandersetzung zumeist verhandelt wurde.<br />
Weniger die Frage, ob ein sprachlicher Ausdruck genau genug auf etwas in der äußeren Welt verweist interessiert mich (obwohl das natürlich auch vorkommt: &#8222;gespenstische Birke&#8220; ist eben auch genauer als &#8222;gespenstischer Baum&#8220;), als die Frage: Ist, was da steht, genau das, was ich zum Ausdruck bringen wollte oder ist es mir nur als erstes eingefallen?<br />
Und dann ist ja eine Herausforderung fast jeden kreativen Prozesses, dass er offen ist in viele Richtungen und Genauigkeit dann auch etwas mit Klärung zu tun hat: Für (genau) welche der sich anbietenden und oft schwer zu trennenden Ideen und Verläufe und Figuren entscheide ich mich?</p>
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		<title>
		Von: Manuel		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-188</link>

		<dc:creator><![CDATA[Manuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 May 2016 21:46:36 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ich finde es plausibel, dass hier im Forum (und im nächsten Beitrag von Sieglinde) zum Begriff der &quot;Stimmigkeit&quot; fortgeschritten worden ist - denke aber immer wieder darüber nach, ob mit &quot;Genauigkeit&quot;, gerade auch im Sinne der von ziggev en passant gebrauchten Formulierung &quot;konstitutiv für das Ganze&quot; nicht doch auch noch mehr und anderes gemeint sein kann, was nicht im Stimmigkeits-Begriff aufgehoben wird. Interessanterweise sind ja die Stimmigkeits-Beispiele vor allem Negativbeispiele - das heißt wo ist es eben NICHT stimmig. Und es sind Beispiele aus der Figurenrede oder -beschreibung, also aus dem Feld denotativer Qualitäten von Sprache, auch immer aus Prosa. Genauigkeit fällt mir aber am schnellsten anhand von Lyrik ein, und eben auch als konstitutiv. Zwei berühmte klassische Beispiele, einfach deshalb weil ich diesen Lyriker - Rilke - noch viel auswendig mit mir rumtrage. 

Eins der Sonette an Orpheus: &quot;Wandelt sich rasch auch die Welt / wie Wolkengestalten, / alles Vollendete fällt / heim zum Uralten. // Über dem Wandel und Gang, / weiter und freier, / währt noch dein Vor-Gesang, / Gott mit der Leier. // Nicht sind die Leiden erkannt, / nicht ist die Liebe gelernt, / und was im Tod uns entfernt, // ist nicht entschleiert. / Einzig das Lied überm Land / heiligt und feiert.&quot;

Das Positivbeispiel für Genauigkeit ist für mich hier in Vers 3 des zweiten Quartetts. Als ich einmal, als 19-Jähriger auf einer Busreise durch ein Hochgebirge, das Gedicht vor mich hinmurmelte, fiel mir die Silbe vor dem Wort &quot;Gesang&quot; nicht mehr ein. &quot;Ur&quot;-Gesang? Nein, das konnte es nicht sein, denn &quot;Ur&quot; war schon gesagt worden und seine Wiederholung wäre guruhaft. &quot;Lob&quot;-Gesang? Zu sehr gedoppelte Apotheose (das ganze Gedicht ist ja schon eine, da darf es die gelobte Kunst selber nicht nochmal sein), und nicht kosmisch genug. Ich grübelte und grübelte über diese eine Silbe nach... und fand, als endlich die Lösung in den Sinn kam, sie nicht nur die EINZIG Mögliche, sondern in dieser fast schon intellektualistischen Nischen-Ausnutzung (&quot;Vor-Gesang&quot; ist ja schließlich ein ziemlich unorganisches, intellektuell aus einem Gedanken heraus erzeugtes Wort) dem Gedicht auch noch eine Prise Präzision selbst in den Gehalt mitgebend, die ihm ansonsten, in all seinem Wohllaut und seiner Feierlichkeit, vielleicht fehlen würde. Witzigerweise aber auch gleichzeitig (!) Mythos und Metaphysik. Also das ist für mich &quot;konstitutive Genauigkeit&quot;.

[Mein einziges Problem mit dem Gedicht habe ich übrigens bei dem Wort &quot;Leiden&quot;... das ich immer durch &quot;Schmerzen&quot; ersetzen möchte... aber damit würden wir in ein anderes Feld hinüberwechseln, das mehr mit Sprachwandel zu tun hat und der Belastetheit von Worten durch die literarischen und sonstigen Gebräuche selber.]

Zweites Beispiel, nochmal Rilke, das Aller-, Aller-Berühmteste, &quot;Archaischer Torso&quot;, selbst auch wieder ein Kunstwerk über Kunst, und über wie selbst ein Torso (als Werk-Teil begriffen, nicht nur als Körper-Teil) von der Stimmigkeit des Ganzen zehrt und sie perpetuieren kann... ich zitiere nur die beiden Terzette: &quot;Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; // und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.&quot;

Hofmannsthal hat das Gedicht das &quot;Allervollendetste&quot; der Neuen Gedichte genannt, aber hinzugefügt, die letzte Zeile sei leider nicht völlig gelungen: Die fünf letzten Worte seien als Gedanke frappierend, aber die Zeile (mit dem Enjambement vorher) könne nicht als rhythmische Einheit aufgefasst werden: &quot;das könnte sie nur, wenn der kleine Schlusssatz, auf dem das ganze Gewicht liegt, als eine Folgerung (oder gefolgter Zusammenfassung) auf den ersten Halbvers folgte: da er aber adversativ zu diesem steht, so sind wir genötigt, eine Gedankenpause zu machen, die den Vers zerbricht.&quot;

Ich denke, die Beobachtung - dass und warum der Vers zerbricht - ist vollkommen richtig, und sie ist auch als Kritik zu nehmen wenn man stabilistische Auffassungen von der Kunst hegt wie Hofmannsthal dies tat. Aber genau diese Auffassungen hegte Rilke natürlich nicht, und DASS der Vers zerbricht, entspricht so sehr seiner Transzendenz heischenden Poetik - und so sehr dem Sinn dieses Gedichtes, in dem diese Poetik sich kristallisiert - dass man es eben niemals GENAUER hätte ausdrücken können - nur durch den Rhythmus!! - als es hier geschehen ist. [Bemerkenswert natürlich auch, dass dies dann zuerst ein &#039;Gegner&#039; der Idee wahrnimmt.] &quot;Konstitutive Genauigkeit&quot;, again. Untrennbarkeit von Denotation und Konnotation, von Referenz und Form, durch bloßes &quot;Aushören&quot;, also genaues Hinhören.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich finde es plausibel, dass hier im Forum (und im nächsten Beitrag von Sieglinde) zum Begriff der &#8222;Stimmigkeit&#8220; fortgeschritten worden ist &#8211; denke aber immer wieder darüber nach, ob mit &#8222;Genauigkeit&#8220;, gerade auch im Sinne der von ziggev en passant gebrauchten Formulierung &#8222;konstitutiv für das Ganze&#8220; nicht doch auch noch mehr und anderes gemeint sein kann, was nicht im Stimmigkeits-Begriff aufgehoben wird. Interessanterweise sind ja die Stimmigkeits-Beispiele vor allem Negativbeispiele &#8211; das heißt wo ist es eben NICHT stimmig. Und es sind Beispiele aus der Figurenrede oder -beschreibung, also aus dem Feld denotativer Qualitäten von Sprache, auch immer aus Prosa. Genauigkeit fällt mir aber am schnellsten anhand von Lyrik ein, und eben auch als konstitutiv. Zwei berühmte klassische Beispiele, einfach deshalb weil ich diesen Lyriker &#8211; Rilke &#8211; noch viel auswendig mit mir rumtrage. </p>
<p>Eins der Sonette an Orpheus: &#8222;Wandelt sich rasch auch die Welt / wie Wolkengestalten, / alles Vollendete fällt / heim zum Uralten. // Über dem Wandel und Gang, / weiter und freier, / währt noch dein Vor-Gesang, / Gott mit der Leier. // Nicht sind die Leiden erkannt, / nicht ist die Liebe gelernt, / und was im Tod uns entfernt, // ist nicht entschleiert. / Einzig das Lied überm Land / heiligt und feiert.&#8220;</p>
<p>Das Positivbeispiel für Genauigkeit ist für mich hier in Vers 3 des zweiten Quartetts. Als ich einmal, als 19-Jähriger auf einer Busreise durch ein Hochgebirge, das Gedicht vor mich hinmurmelte, fiel mir die Silbe vor dem Wort &#8222;Gesang&#8220; nicht mehr ein. &#8222;Ur&#8220;-Gesang? Nein, das konnte es nicht sein, denn &#8222;Ur&#8220; war schon gesagt worden und seine Wiederholung wäre guruhaft. &#8222;Lob&#8220;-Gesang? Zu sehr gedoppelte Apotheose (das ganze Gedicht ist ja schon eine, da darf es die gelobte Kunst selber nicht nochmal sein), und nicht kosmisch genug. Ich grübelte und grübelte über diese eine Silbe nach&#8230; und fand, als endlich die Lösung in den Sinn kam, sie nicht nur die EINZIG Mögliche, sondern in dieser fast schon intellektualistischen Nischen-Ausnutzung (&#8222;Vor-Gesang&#8220; ist ja schließlich ein ziemlich unorganisches, intellektuell aus einem Gedanken heraus erzeugtes Wort) dem Gedicht auch noch eine Prise Präzision selbst in den Gehalt mitgebend, die ihm ansonsten, in all seinem Wohllaut und seiner Feierlichkeit, vielleicht fehlen würde. Witzigerweise aber auch gleichzeitig (!) Mythos und Metaphysik. Also das ist für mich &#8222;konstitutive Genauigkeit&#8220;.</p>
<p>[Mein einziges Problem mit dem Gedicht habe ich übrigens bei dem Wort &#8222;Leiden&#8220;&#8230; das ich immer durch &#8222;Schmerzen&#8220; ersetzen möchte&#8230; aber damit würden wir in ein anderes Feld hinüberwechseln, das mehr mit Sprachwandel zu tun hat und der Belastetheit von Worten durch die literarischen und sonstigen Gebräuche selber.]</p>
<p>Zweites Beispiel, nochmal Rilke, das Aller-, Aller-Berühmteste, &#8222;Archaischer Torso&#8220;, selbst auch wieder ein Kunstwerk über Kunst, und über wie selbst ein Torso (als Werk-Teil begriffen, nicht nur als Körper-Teil) von der Stimmigkeit des Ganzen zehrt und sie perpetuieren kann&#8230; ich zitiere nur die beiden Terzette: &#8222;Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; // und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.&#8220;</p>
<p>Hofmannsthal hat das Gedicht das &#8222;Allervollendetste&#8220; der Neuen Gedichte genannt, aber hinzugefügt, die letzte Zeile sei leider nicht völlig gelungen: Die fünf letzten Worte seien als Gedanke frappierend, aber die Zeile (mit dem Enjambement vorher) könne nicht als rhythmische Einheit aufgefasst werden: &#8222;das könnte sie nur, wenn der kleine Schlusssatz, auf dem das ganze Gewicht liegt, als eine Folgerung (oder gefolgter Zusammenfassung) auf den ersten Halbvers folgte: da er aber adversativ zu diesem steht, so sind wir genötigt, eine Gedankenpause zu machen, die den Vers zerbricht.&#8220;</p>
<p>Ich denke, die Beobachtung &#8211; dass und warum der Vers zerbricht &#8211; ist vollkommen richtig, und sie ist auch als Kritik zu nehmen wenn man stabilistische Auffassungen von der Kunst hegt wie Hofmannsthal dies tat. Aber genau diese Auffassungen hegte Rilke natürlich nicht, und DASS der Vers zerbricht, entspricht so sehr seiner Transzendenz heischenden Poetik &#8211; und so sehr dem Sinn dieses Gedichtes, in dem diese Poetik sich kristallisiert &#8211; dass man es eben niemals GENAUER hätte ausdrücken können &#8211; nur durch den Rhythmus!! &#8211; als es hier geschehen ist. [Bemerkenswert natürlich auch, dass dies dann zuerst ein &#8218;Gegner&#8216; der Idee wahrnimmt.] &#8222;Konstitutive Genauigkeit&#8220;, again. Untrennbarkeit von Denotation und Konnotation, von Referenz und Form, durch bloßes &#8222;Aushören&#8220;, also genaues Hinhören.</p>
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		<title>
		Von: ziggev		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-182</link>

		<dc:creator><![CDATA[ziggev]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Apr 2016 19:14:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[PS: Die Erkenntnis, dass mein aus der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst gewonnene Begriff von Qualität sich in einer gewissen Nähe zu Konzeptionen Adornos bewegt, verdanke ich ausgiebigen Diskussionen mit bersarin auf dessen Blog AISTHESIS.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>PS: Die Erkenntnis, dass mein aus der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst gewonnene Begriff von Qualität sich in einer gewissen Nähe zu Konzeptionen Adornos bewegt, verdanke ich ausgiebigen Diskussionen mit bersarin auf dessen Blog AISTHESIS.</p>
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		<title>
		Von: ziggev		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-181</link>

		<dc:creator><![CDATA[ziggev]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Apr 2016 15:23:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mein Einwand: Angekommen bei &quot;Stimmigkeit&quot;, sind wir mitten im Kreis ästhetischer Kategorien adornoscher Provenienz, wenn mich nicht alles täuscht, wo wir auf die Verwandten &quot;Eigengesetzlichkeit&quot; (der Form), &quot;Formgesetz&quot;, &quot;Autonomie&quot; und dergl. mehr treffen. Schön finde ich insb. &quot;Beredtheit&quot;: das Werk erschafft, gibt sich erst die Sprache, in der zu (uns zu) sprechen es sich gewissermaßen gestattet. Einzelne Elemente oder Aspekte sollen in einem &quot;stimmigen&quot; Verhältnis zueinander stehen. Für meinen privaten Gebrauch stand oder steht dafür das Wort &quot;Qualität&quot;: das geübte Auge (wofür in aller Bescheidenheit ich das meine halte) erkennt sehr schnell, ob es bei einem Werk der Bildenden Kunst mit Qualität zu tun hat, das Werk fordert zum Gespräch, spricht eine eigene und bestimmte Sprache - ist &quot;beredt&quot;. (Eine allzudeutliche Sprache, die Reaktionen des Affekts abnötigt, ermöglicht möglw. lediglich Urteile des Geschmacks.)

Die Genauigkeit ist dagegen, bei aller Abstraktheit, wie mir scheint, doch noch konkreter. Wir hatten die schärfer gestellte, entstaubte Brille, den Lichtstrahl einer Taschenlampe, mit der wir in ein Werk hineinleuchten können, aber auch das Weitwinkelobjektiv, womit wir &quot;den Horizont erweitern&quot;, oder die Lupe oder das Mikroskop zum hineinzoomen.

Fürs Aufzommen, für den &quot;Appetit nach Metaphysik&quot; des Kunstwerks scheint mir, nach diesen Vorüberlegungen, eben jene Stimmigkeit oder Beredtheit erforderlich - damit ein Werk gewissermaßen über seine Ränder hinausstrahlen kann, einen an einen anderen Ort versetzen, eine Welt erschaffen, oder welche Bilder wir für dieses Vermögen sonst finden mögen.

- Und diese Stimmigkeit oder Eigengesetzlickeit erfordert wieder in dem Sinne Genauigkeit, als ein Ausdruck, z.B., treffend sein soll, nicht bloß plausibel, sondern &quot;genau richtig&quot;, - und sogar konstitutiv für das Ganze, aus dem sich dann der richtige oder falsche Ausdruck aber eben deshalb nicht wird deduzieren lassen können. Wir haben es also nicht mit logischen Kriterien zu tun. Über eine Art &quot;Stimmigkeitstest&quot; können wir aber weniger treffende Elemente (oder umso mehr  Fremdkörper) aussortieren: Ausdruck X ist vielleicht &lt;i&gt;stimmiger&lt;/i&gt; als Ausdruck Y. In diesem Sinne könnten wir also immer tiefer, fürs umso genauere Urteil, in das Werk hineinzoomen.

Konkreter verstanden jedoch gebietet der genaue, mikroskopische Blick in einigen Fällen über eine eigentümliche Ästhetik, wie wir ihr beispielsweise bei Proust begegnen. Oder, eher an den Klassikern geschult (Marc Aurel) - um zum Eingangszitat zurückkehren - bei Tschechov.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein Einwand: Angekommen bei &#8222;Stimmigkeit&#8220;, sind wir mitten im Kreis ästhetischer Kategorien adornoscher Provenienz, wenn mich nicht alles täuscht, wo wir auf die Verwandten &#8222;Eigengesetzlichkeit&#8220; (der Form), &#8222;Formgesetz&#8220;, &#8222;Autonomie&#8220; und dergl. mehr treffen. Schön finde ich insb. &#8222;Beredtheit&#8220;: das Werk erschafft, gibt sich erst die Sprache, in der zu (uns zu) sprechen es sich gewissermaßen gestattet. Einzelne Elemente oder Aspekte sollen in einem &#8222;stimmigen&#8220; Verhältnis zueinander stehen. Für meinen privaten Gebrauch stand oder steht dafür das Wort &#8222;Qualität&#8220;: das geübte Auge (wofür in aller Bescheidenheit ich das meine halte) erkennt sehr schnell, ob es bei einem Werk der Bildenden Kunst mit Qualität zu tun hat, das Werk fordert zum Gespräch, spricht eine eigene und bestimmte Sprache &#8211; ist &#8222;beredt&#8220;. (Eine allzudeutliche Sprache, die Reaktionen des Affekts abnötigt, ermöglicht möglw. lediglich Urteile des Geschmacks.)</p>
<p>Die Genauigkeit ist dagegen, bei aller Abstraktheit, wie mir scheint, doch noch konkreter. Wir hatten die schärfer gestellte, entstaubte Brille, den Lichtstrahl einer Taschenlampe, mit der wir in ein Werk hineinleuchten können, aber auch das Weitwinkelobjektiv, womit wir &#8222;den Horizont erweitern&#8220;, oder die Lupe oder das Mikroskop zum hineinzoomen.</p>
<p>Fürs Aufzommen, für den &#8222;Appetit nach Metaphysik&#8220; des Kunstwerks scheint mir, nach diesen Vorüberlegungen, eben jene Stimmigkeit oder Beredtheit erforderlich &#8211; damit ein Werk gewissermaßen über seine Ränder hinausstrahlen kann, einen an einen anderen Ort versetzen, eine Welt erschaffen, oder welche Bilder wir für dieses Vermögen sonst finden mögen.</p>
<p>&#8211; Und diese Stimmigkeit oder Eigengesetzlickeit erfordert wieder in dem Sinne Genauigkeit, als ein Ausdruck, z.B., treffend sein soll, nicht bloß plausibel, sondern &#8222;genau richtig&#8220;, &#8211; und sogar konstitutiv für das Ganze, aus dem sich dann der richtige oder falsche Ausdruck aber eben deshalb nicht wird deduzieren lassen können. Wir haben es also nicht mit logischen Kriterien zu tun. Über eine Art &#8222;Stimmigkeitstest&#8220; können wir aber weniger treffende Elemente (oder umso mehr  Fremdkörper) aussortieren: Ausdruck X ist vielleicht <i>stimmiger</i> als Ausdruck Y. In diesem Sinne könnten wir also immer tiefer, fürs umso genauere Urteil, in das Werk hineinzoomen.</p>
<p>Konkreter verstanden jedoch gebietet der genaue, mikroskopische Blick in einigen Fällen über eine eigentümliche Ästhetik, wie wir ihr beispielsweise bei Proust begegnen. Oder, eher an den Klassikern geschult (Marc Aurel) &#8211; um zum Eingangszitat zurückkehren &#8211; bei Tschechov.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: einrechner		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-171</link>

		<dc:creator><![CDATA[einrechner]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Apr 2016 17:36:56 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Aber wer die Kritik im Namen trägt und sich dann in eine Diskussion begibt, wie kann der sagen, dass wir beim Lesen das Denken lieber abschalten und uns vergnügen sollen? Ich frage mich oft, was diese Haltung gedankenlosen Wohlgefallens eigentlich zu verlieren fürchtet, wenn uns plötzlich ein paar Fragen umhuscheln? Ist es noch die alte Sorge, eine x-beinige, strohhaarige, mit Panzerglas bebrillte Lehrerin könne uns mit ihrer gefürchteten Gedichtsinterpretation was kaputt machen? Aber was denn eigentlich? Keine Angst vorm Denken, es ist ja selbst gespenstisch. Ganz anders als Birken, übrigens.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aber wer die Kritik im Namen trägt und sich dann in eine Diskussion begibt, wie kann der sagen, dass wir beim Lesen das Denken lieber abschalten und uns vergnügen sollen? Ich frage mich oft, was diese Haltung gedankenlosen Wohlgefallens eigentlich zu verlieren fürchtet, wenn uns plötzlich ein paar Fragen umhuscheln? Ist es noch die alte Sorge, eine x-beinige, strohhaarige, mit Panzerglas bebrillte Lehrerin könne uns mit ihrer gefürchteten Gedichtsinterpretation was kaputt machen? Aber was denn eigentlich? Keine Angst vorm Denken, es ist ja selbst gespenstisch. Ganz anders als Birken, übrigens.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Herwig Finkeldey		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-170</link>

		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Apr 2016 02:27:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-169&quot;&gt;literaturkritikfs16&lt;/a&gt;.

plausibel + genau = poetisch! das kommt mir stimmig vor...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-169">literaturkritikfs16</a>.</p>
<p>plausibel + genau = poetisch! das kommt mir stimmig vor&#8230;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>
		Von: literaturkritikfs16		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-169</link>

		<dc:creator><![CDATA[literaturkritikfs16]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Apr 2016 20:59:55 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=2216#comment-169</guid>

					<description><![CDATA[Ach, Herrschaften, das sind doch alles Scheingefechte. Genauigkeit, Plausibilität, 19. Jahrhundert. Wer will das schon so genau wissen! Wir sagen jeweils poetische Genauigkeit - und jeder weiss: kein Mensch weiss, was mit dieser schönen Formel gemeint ist. So etwas wie die gespenstische Birke jedenfalls. Wobei Birken ja immer, seit dem letzten Jahrhundert, mit Nabokov und mit Lolita, gespenstisch sind. Also ein Pleonasmus. Das wäre immerhin plausibel. Wäre damit etwas gewonnen? Kaum. Lest einfach! Und vergnügt euch! Und fragt euch nicht zu oft, warum es euch vergnügt. Sondern freut euch einfach darüber.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ach, Herrschaften, das sind doch alles Scheingefechte. Genauigkeit, Plausibilität, 19. Jahrhundert. Wer will das schon so genau wissen! Wir sagen jeweils poetische Genauigkeit &#8211; und jeder weiss: kein Mensch weiss, was mit dieser schönen Formel gemeint ist. So etwas wie die gespenstische Birke jedenfalls. Wobei Birken ja immer, seit dem letzten Jahrhundert, mit Nabokov und mit Lolita, gespenstisch sind. Also ein Pleonasmus. Das wäre immerhin plausibel. Wäre damit etwas gewonnen? Kaum. Lest einfach! Und vergnügt euch! Und fragt euch nicht zu oft, warum es euch vergnügt. Sondern freut euch einfach darüber.</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Reinhard Matern		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-168</link>

		<dc:creator><![CDATA[Reinhard Matern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Apr 2016 13:58:58 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=2216#comment-168</guid>

					<description><![CDATA[Ach ja, um noch möglichen Missverständnissen zu entgehen: die von mir angeführte Angemessenheit verweist auf keine soziale, nicht auf eine Komfortzone ...  gleichgültig welcher Schichten ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ach ja, um noch möglichen Missverständnissen zu entgehen: die von mir angeführte Angemessenheit verweist auf keine soziale, nicht auf eine Komfortzone &#8230;  gleichgültig welcher Schichten &#8230;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Reinhard Matern		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-167</link>

		<dc:creator><![CDATA[Reinhard Matern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Apr 2016 09:33:54 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=2216#comment-167</guid>

					<description><![CDATA[Als Antwort auf &lt;a href=&quot;https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-166&quot;&gt;Herwig Finkeldey&lt;/a&gt;.

Eine interessante Diskussion ist anhand von &#039;gespenstischer Birke&#039; entstanden: (a) &quot;seine Qualität bemisst sich daran, was er dazu beiträgt, dieses Bild detailliert und stimmig wirken zu lassen. Ich würde, um sprachbezogen zu bleiben, vom Kontext sprechen; dass Sprachbild könnte diesem Kontext angemessen sein. (b) &#039;Stimmigkeit&#039; wäre etwas Ähnliches. (c) &#039;Plausibilität&#039; ist eine weitere Variante, die ich jedoch eher auf Handlungen oder auf Argumente beziehen würde. Angemessenheit, dies sei noch hervorgehoben, muss sich nicht lediglich auf eine Relation von Sprache und Wirklichkeit beziehen, sondern kann sich auch auf  sprachliche Relationen beziehen. Ich hatte eine Reihe von relevanten Angemessenheiten oben bereits angeführt ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Antwort auf <a href="https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-166">Herwig Finkeldey</a>.</p>
<p>Eine interessante Diskussion ist anhand von &#8218;gespenstischer Birke&#8216; entstanden: (a) &#8222;seine Qualität bemisst sich daran, was er dazu beiträgt, dieses Bild detailliert und stimmig wirken zu lassen. Ich würde, um sprachbezogen zu bleiben, vom Kontext sprechen; dass Sprachbild könnte diesem Kontext angemessen sein. (b) &#8218;Stimmigkeit&#8216; wäre etwas Ähnliches. (c) &#8218;Plausibilität&#8216; ist eine weitere Variante, die ich jedoch eher auf Handlungen oder auf Argumente beziehen würde. Angemessenheit, dies sei noch hervorgehoben, muss sich nicht lediglich auf eine Relation von Sprache und Wirklichkeit beziehen, sondern kann sich auch auf  sprachliche Relationen beziehen. Ich hatte eine Reihe von relevanten Angemessenheiten oben bereits angeführt &#8230;</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
		<item>
		<title>
		Von: Herwig Finkeldey		</title>
		<link>https://tell-review.de/satz-fuer-satz-3-genauigkeit/#comment-166</link>

		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Apr 2016 04:12:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ich fand den Begriff Plausiblität immer passend, v.a. weil er auch stilunabhängig ist. So können neben realistisch-auktorialen Romanen auch eine reine Dystopien oder ein SF-Roman, denen man Genauigkeit ja nicht nachsagen kann - worüber sollen die denn genau sprechen? - eben plausibel sein. 
Wobei mir klar ist, dass der Begriff Plausiblität nicht sehr... genau ist (jetzt müßte eigentlich ein smiley-icon kommen). Denn plausibel ist es auch, einen kitschigen Inhalt in eine kitschige Form zu bringen. Das wäre plausibel - aber eben keine große Kunst.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich fand den Begriff Plausiblität immer passend, v.a. weil er auch stilunabhängig ist. So können neben realistisch-auktorialen Romanen auch eine reine Dystopien oder ein SF-Roman, denen man Genauigkeit ja nicht nachsagen kann &#8211; worüber sollen die denn genau sprechen? &#8211; eben plausibel sein.<br />
Wobei mir klar ist, dass der Begriff Plausiblität nicht sehr&#8230; genau ist (jetzt müßte eigentlich ein smiley-icon kommen). Denn plausibel ist es auch, einen kitschigen Inhalt in eine kitschige Form zu bringen. Das wäre plausibel &#8211; aber eben keine große Kunst.</p>
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