<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	
	>
<channel>
	<title>
	Kommentare zu: Ja, wir betreten ein anderes Leben	</title>
	<atom:link href="https://tell-review.de/ja-wir-betreten-ein-anderes-leben/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://tell-review.de/ja-wir-betreten-ein-anderes-leben/</link>
	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 Nov 2017 16:15:55 +0000</lastBuildDate>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>
		Von: gregor mirwa		</title>
		<link>https://tell-review.de/ja-wir-betreten-ein-anderes-leben/#comment-822</link>

		<dc:creator><![CDATA[gregor mirwa]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Nov 2017 16:15:55 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://tell-review.de/?p=10619#comment-822</guid>

					<description><![CDATA[Es geschieht nicht oft, dass einem beim Lesen eines kritischen Essays das Herz aufgeht. Und vielleicht ist der Herzaufgang auch keine eigenständige Kategorie literarischen Tuns, aber hier ereignet sich doch etwas im Schreiben, wodurch sich ein neuer Betrachtungs- und Lesesaal öffnet.

Ein paar Bemerkungen aus meiner Leseerfahrung würde ich gerne anfügen. Knausgård (KOK) war 2015 mal in Berlin, schwer gehypt. Im Publikum jüngere Frauen, ältere Frauen und Männer allen Alters, die zum Herausfinden da waren, warum sie so sein wollten wie er. Und KOK, sichtlich verlegen, stockt so ein bissl herum, kommt dann aber doch ins Reden. Damals habe ich mir das aufgeschrieben:

Du kannst nur zwei Leben haben.
Das des Schreibens und das der Familie
Aber es gibt kein drittes.
Ich habe kein soziales Leben.
Ich gehe um 8 oder 9 ins Bett,
um früh aufzustehen.
Um zu schreiben.
Ich habe nie etwas anderes gewollt
als zu schreiben.
In Bergen habe ich viel geschrieben.
Artikel, Sachen für die Uni, Briefe,
wahnsinnig viele Briefe.
Jedes Mal, wenn ich mich hingesetzt habe,
um richtige Literatur zu verfassen,
komplexe, hochwertige Literatur
(er macht mit seiner erstaunlich großen,
aber leicht durch die Luft schwenkenden Hand, 
die mit jeder Wiederholung wie ein Werkzeug geformt
zu sein scheint, eine horizontale Bewegung 
etwa in Höhe des Herzens)
jedes Mal, wenn ich mich hingesetzt habe,
um komplexe, wirklich wichtige Literatur
zu schreiben, kam nur ein Satz heraus
(er lässt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand
eine Bewegung aufeinander zu machen und stoppt
kurz vor ihrer Berührung. Eine Bohne könnte dazwischen
passen. Oder ein flacher Kiesel).
Und wenn ich es wieder probierte,
nur ein Satz. Ich war verzweifelt.

Nun. Ich will mal so sagen: das hat mich beeindruckt. Viel später habe ich dann „Sterben“ gelesen. Alles Mögliche wird da verhandelt. Vom Ende her, aus der Mitte, von Geburts wegen, vom Schnee her und Celine Dion-CDs.
Es tauchen Würstchen auf, Gitarrenkästen, zerkloppte Schienbeine und der tote Vater, der an vielen Stellen des Buches noch gar nicht tot ist, dessen Abarbeitungssubstanz ganz langsam löchrig wird (wie die Maschen seines weißen Norwegerpullis, gestrickt, nicht gehäkelt ;-), bis er im Mulm des eigenen Messitums von seinen Söhnen gefunden wird. Nie kann ich die erzählten Tage vergessen, die sich Karl-Ove und Yngve dem Klorix-Schrubben und Klar-Schiff-Machen des versifften, zusammengeschissenen Sterbehauses widmen. Überwacht von der &quot;schusseligen&quot; Großmutter, die es als letzte mit ihrem Sohn ausgehalten hat.

Das hat mir auch an Frank Heiberts Page-99-Test gefallen, dass er sich die Familien99Zahnbürste sozusagen mit weißem Latz und offenen Augenhänden genau angeschaut hat. Die Gefahr, an der Glätte &quot;toter Sprache“ abzurutschen, besteht ja, sie wird aber rechtzeitig im Prozess des Abgleitens als Weiterschreibfläche (lesen ist schreiben ist lesen) erkannt.
Dies bringt mich (und andere, wie einigen Kommentaren dort zu entnehmen ist) auf neue Lesegedanken. Es gibt da eine Textur, in die ich mich als Leser immer wieder hinein begeben kann, wie in einen wirklichen Zauberwald. Nur ohne den Kitsch. 

Ich war erstaunt darüber, wie gut die Erzählfigur mein Leben zu kennen scheint (Vatersein, Wut, Ruhe, Glück-Nichtglück, Schreiben-Nichtschreiben, Rauchen, Kaffeetrinken). Dann wieder lange Strecken, wo es nur Sound gibt, und husch! ist man 50 Seiten weiter. Und plötzlich stößt man auf so was... „Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens. Aber wie kommt man dorthin?“ (251, Sterben)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es geschieht nicht oft, dass einem beim Lesen eines kritischen Essays das Herz aufgeht. Und vielleicht ist der Herzaufgang auch keine eigenständige Kategorie literarischen Tuns, aber hier ereignet sich doch etwas im Schreiben, wodurch sich ein neuer Betrachtungs- und Lesesaal öffnet.</p>
<p>Ein paar Bemerkungen aus meiner Leseerfahrung würde ich gerne anfügen. Knausgård (KOK) war 2015 mal in Berlin, schwer gehypt. Im Publikum jüngere Frauen, ältere Frauen und Männer allen Alters, die zum Herausfinden da waren, warum sie so sein wollten wie er. Und KOK, sichtlich verlegen, stockt so ein bissl herum, kommt dann aber doch ins Reden. Damals habe ich mir das aufgeschrieben:</p>
<p>Du kannst nur zwei Leben haben.<br />
Das des Schreibens und das der Familie<br />
Aber es gibt kein drittes.<br />
Ich habe kein soziales Leben.<br />
Ich gehe um 8 oder 9 ins Bett,<br />
um früh aufzustehen.<br />
Um zu schreiben.<br />
Ich habe nie etwas anderes gewollt<br />
als zu schreiben.<br />
In Bergen habe ich viel geschrieben.<br />
Artikel, Sachen für die Uni, Briefe,<br />
wahnsinnig viele Briefe.<br />
Jedes Mal, wenn ich mich hingesetzt habe,<br />
um richtige Literatur zu verfassen,<br />
komplexe, hochwertige Literatur<br />
(er macht mit seiner erstaunlich großen,<br />
aber leicht durch die Luft schwenkenden Hand,<br />
die mit jeder Wiederholung wie ein Werkzeug geformt<br />
zu sein scheint, eine horizontale Bewegung<br />
etwa in Höhe des Herzens)<br />
jedes Mal, wenn ich mich hingesetzt habe,<br />
um komplexe, wirklich wichtige Literatur<br />
zu schreiben, kam nur ein Satz heraus<br />
(er lässt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand<br />
eine Bewegung aufeinander zu machen und stoppt<br />
kurz vor ihrer Berührung. Eine Bohne könnte dazwischen<br />
passen. Oder ein flacher Kiesel).<br />
Und wenn ich es wieder probierte,<br />
nur ein Satz. Ich war verzweifelt.</p>
<p>Nun. Ich will mal so sagen: das hat mich beeindruckt. Viel später habe ich dann „Sterben“ gelesen. Alles Mögliche wird da verhandelt. Vom Ende her, aus der Mitte, von Geburts wegen, vom Schnee her und Celine Dion-CDs.<br />
Es tauchen Würstchen auf, Gitarrenkästen, zerkloppte Schienbeine und der tote Vater, der an vielen Stellen des Buches noch gar nicht tot ist, dessen Abarbeitungssubstanz ganz langsam löchrig wird (wie die Maschen seines weißen Norwegerpullis, gestrickt, nicht gehäkelt ;-), bis er im Mulm des eigenen Messitums von seinen Söhnen gefunden wird. Nie kann ich die erzählten Tage vergessen, die sich Karl-Ove und Yngve dem Klorix-Schrubben und Klar-Schiff-Machen des versifften, zusammengeschissenen Sterbehauses widmen. Überwacht von der &#8222;schusseligen&#8220; Großmutter, die es als letzte mit ihrem Sohn ausgehalten hat.</p>
<p>Das hat mir auch an Frank Heiberts Page-99-Test gefallen, dass er sich die Familien99Zahnbürste sozusagen mit weißem Latz und offenen Augenhänden genau angeschaut hat. Die Gefahr, an der Glätte &#8222;toter Sprache“ abzurutschen, besteht ja, sie wird aber rechtzeitig im Prozess des Abgleitens als Weiterschreibfläche (lesen ist schreiben ist lesen) erkannt.<br />
Dies bringt mich (und andere, wie einigen Kommentaren dort zu entnehmen ist) auf neue Lesegedanken. Es gibt da eine Textur, in die ich mich als Leser immer wieder hinein begeben kann, wie in einen wirklichen Zauberwald. Nur ohne den Kitsch. </p>
<p>Ich war erstaunt darüber, wie gut die Erzählfigur mein Leben zu kennen scheint (Vatersein, Wut, Ruhe, Glück-Nichtglück, Schreiben-Nichtschreiben, Rauchen, Kaffeetrinken). Dann wieder lange Strecken, wo es nur Sound gibt, und husch! ist man 50 Seiten weiter. Und plötzlich stößt man auf so was&#8230; „Man weiß zu wenig, und es existiert nicht. Man weiß zu viel, und es existiert nicht. Schreiben heißt, das Existierende aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, nicht, welche Dinge sich dort ereignen, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens. Aber wie kommt man dorthin?“ (251, Sterben)</p>
]]></content:encoded>
		
			</item>
	</channel>
</rss>
