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	<title>Einbahnstraße &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
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	<title>Einbahnstraße &#8211; tell</title>
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		<title>Heiliger Algorithmus, bitt´ für uns!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Braun]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 May 2018 09:56:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Einbahnstraße]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Debattenkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Digitale Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Was kommt dabei heraus, wenn Algorithmen Bücher schreiben? Ein Kommentar zum Werk von Hannes Bajohr.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">In seiner Aphorismensammlung <em>Einbahnstraße</em> (1928) bezeichnet Walter Benjamin den Kritiker als &#8222;Strategen im Literaturkampf&#8220;. In der Rubrik &#8222;Einbahnstraße&#8220; beschäftigen wir uns mit den Literaturkämpfen und Scharmützeln der Gegenwart.</div></div>
<p><span class="dropcap">F</span>ür uns Gestrige soll es wohl eine Art Weckruf sein. In der Wunderkammer der digitalen Medientechniken, so die Fama, ist unlängst eine neue Weltformel für die Literatur gefunden worden. Sie lautet: <a href="http://0x0a.li/de/" target="_blank" rel="noopener">0x0a.li</a>, und wer sie im Internet ansteuert, lernt auch den Propheten der schönen neuen Literaturwelt kennen, den Philosophen und Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr.</p>
<p>Auf 0x0a.li wird uns die frohe Botschaft verkündet, dass wir endgültig entlastet sind vom Gedanken an das Originalgenie und vom Mythos, dass der Schöpfungsprozess eines Autors nötig wäre, um ein Werk zu produzieren. Gewiss, bereits die französischen Meisterdenker Michel Foucault und Roland Barthes haben den „Tod des Autors“ prognostiziert. Vollzogen wird die Liquidierung des „Autors“ als eigenständigem Schöpfer aber erst von den Avantgardisten des Digitalen.</p>
<h3>Der Code generiert Literatur</h3>
<p>In diversen Veröffentlichungen zelebriert Hannes Bajohr die Pulverisierung des „Werk“-Begriffs. Weil uns das Internet mit einer unendlichen Menge von Texten, Bildern und Tönen beglücke, sei es letztlich nicht mehr der Autor selbst, sondern nur noch der von ihm konstruierte Code, der Literatur hervorbringt:</p>
<blockquote><p>Wo alles Text ist, gibt es kein Werk mehr, nur noch &lt;Halbzeug&gt;, jenes Übergangsprodukt zwischen Rohstoff und Fertigfabrikat, das weder ganz unbehauen noch endgültig abgeschlossen ist.</p></blockquote>
<p>Es genüge, wenn die Maschinen sprechen und wir mithilfe eines Algorithmus‘ Textstoff generieren.</p>
<p>Als <em>dernier cri </em>der postdigitalen Literatur darf der konzeptuelle Roman <em>Durchschnitt</em> gelten. Hier versucht Bajohr, die größten und anerkanntesten Romane der deutschen Literatur auf einen statistischen Mittelwert und auf handliche 260 Seiten zu bringen. Ausgangspunkt dafür sind die zwanzig Romane von Marcel Reich-Ranickis <em>Kanon</em> der deutschen Literatur. Mit einem Programmiercode hat der „Verfasser“ die durchschnittliche Satzlänge all dieser Romane bestimmt, nämlich genau 18 Wörter. Alle Sätze anderer Länge werden aussortiert, die Sätze mit jeweils 18 Wörtern werden alphabetisch sortiert – und fertig ist der Roman <em>Durchschnitt</em>.</p>
<h3>Simple Collagetechniken</h3>
<p>Längst sind solche absurden Experimente auf dem Höhenkamm der modernen Literaturdebatte angelangt. In einem Sonderdruck der „edition suhrkamp“ hat Bajohr gerade sein digitales Schatzkästlein mit <em>Halbzeug</em> geöffnet. Was finden wir darin? Das Eröffnungsgedicht des Bandes ist mit „20 Opfer“ betitelt und collagiert zwanzig Stellen aus Werken Kafkas, in denen das Wort „Opfer“ vorkommt.  In „Über mich selbst“ werden 7000 Profile männlicher heterosexueller Nutzer der Dating-Plattform Parship ausgewertet und alle Sätze, die mit „ich bin“ beginnen, zu einem litaneiartigen Text verknüpft. An einer anderen Stelle werden Elemente aus Hölderlins <em>Hyperion</em> mit einem „Zeit“-Artikel Josef Joffes kurzgeschlossen.</p>
<p>Der Vergnügungswert dieser simplen Collagetechniken ist denkbar gering. In dieser tristen neuen Welt der digitalen Literatur ist die Phantasie überflüssig geworden. Wenn diese algorithmengestützte Literatur mit ihren mauen Wörterlisten und blassen Collagen Schule macht, dürfen wir uns auf ein Zeitalter der Ödnis einstellen.<br />
<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px">
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Hannes Bajohr<br />
<strong>Durchschnitt</strong><br />
Frohmann Verlag 2016 · 260 Seiten · 14 Euro<br />
Kindle Edition · 2,99 Euro<br />
ISBN:978-3944195506<br />
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</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" data-attachment-id="12919" data-permalink="https://tell-review.de/heiliger-algorithmus-bitt-fuer-uns/cover-durchschnitt/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?fit=352%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="352,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Cover Durchschnitt" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?fit=352%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-12919" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=212%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="212" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=212%2C300&amp;ssl=1 212w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=56%2C80&amp;ssl=1 56w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?resize=300%2C425&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Cover-Durchschnitt.jpg?w=352&amp;ssl=1 352w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></div></div></div>
<div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">
Hannes Bajohr<br />
<strong>Halbzeug</strong><br />
Textverarbeitung<br />
edition suhrkamp 2018 · 109 Seiten · 16 Euro<br />
ISBN: 978-3518073582<br />
Bei <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="https://www.amazon.de/dp/3518073583/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener">Amazon</a>, <!-- BEGIN PARTNER PROGRAM - DO NOT CHANGE THE PARAMETERS OF THE HYPERLINK --><a href="https://partners.webmasterplan.com/click.asp?ref=776227&amp;site=3780&amp;type=text&amp;tnb=14&amp;prd=yes&amp;suchwert=9783518073582" target="_blank" rel="noopener">buecher.de</a><img decoding="async" style="display: none !important;" hidden="" src="https://banners.webmasterplan.com/view.asp?site=3780&amp;ref=776227&amp;b=0&amp;type=text&amp;tnb=14" width="1" height="1" border="0" /><!-- END PARTNER PROGRAM --> oder im lokalen Buchhandel<br />
</div></div>
<div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" data-attachment-id="12916" data-permalink="https://tell-review.de/heiliger-algorithmus-bitt-fuer-uns/buchcover-bajohr/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" data-orig-size="314,499" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover Bajohr" data-image-description="" data-image-caption="" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?fit=314%2C499&amp;ssl=1" class="alignleft size-medium wp-image-12916" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=189%2C300&#038;ssl=1" alt="" width="189" height="300" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=189%2C300&amp;ssl=1 189w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=50%2C80&amp;ssl=1 50w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?resize=300%2C477&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2018/05/Buchcover-Bajohr.jpg?w=314&amp;ssl=1 314w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></div></div></div>
</div></div>
<h6 style="text-align: right;">Beitragsbild:<br />
Von <a href="https://pixabay.com/de/users/geralt-9301/" target="_blank" rel="noopener">Gerd Altmann</a><br />
Via <a href="https://pixabay.com/de/bin%C3%A4r-digitalisierung-buch-2007353/" target="_blank" rel="noopener">Pixabay</a><br />
Lizenz: CC0 Creative Commons</h6>
<hr />
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		<title>Einen Schlussstrich ziehen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michael Braun]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Mar 2018 09:14:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Einbahnstraße]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Indifferenz des Literaturbetriebs kann Autoren zur Verzweiflung treiben. Statt um jeden Preis weiterzumachen, wählen einige eine Exitstrategie. Eine debattenkritische Betrachtung zu Wolfgang Hildesheimer, Reinhard Jirgl und Lothar Baier.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#343E47;">In seiner Aphorismensammlung <em>Einbahnstraße</em> (1928) bezeichnet Walter Benjamin den Kritiker als &#8222;Strategen im Literaturkampf&#8220;. In der Rubrik &#8222;Einbahnstraße&#8220; beschäftigen wir uns mit den Literaturkämpfen und Scharmützeln der Gegenwart.</div></div>
<p><span class="dropcap">W</span>as am Ende eines Schriftstellerlebens bleibt, sind „letzte Zettel“, unleserliche Aufzeichnungen und – bestenfalls – das Ausweichen ins Bildkünstlerische. 1984 veröffentlichte der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) ein Buch mit Collagen, dem er den Titel <em>Endlich allein</em> gab. Im Vorwort zu diesem Buch notiert er:</p>
<blockquote><p>Wer sagt, dass ich aus der Realität ausgestiegen bin, hat recht.</p></blockquote>
<p>Es war ein lange vorbereiteter Abschied von der Literatur. Bereits in Hildesheimers Roman <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3518379674/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Masante</em> </a>(1973) hatten sich die beiden Protagonisten Alain und Maxine, „zwei gescheiterte Existenzen“, in einer finalen Lage eingerichtet, am Rand einer Wüste, im Lokal „La dernière chance“, in dem sich das Leben „in einem stationären Stadium des Erlöschens zu bewegen“ scheint. Und in <em>Masante</em> finden sich auch schon die Formeln für jenes fatalistische Weltgefühl, für das Hildesheimer berühmt geworden ist:</p>
<blockquote><p>Meine Welt ist erkannt und ausgebeutet. Sie gibt keinen guten Satz mehr her. Den Punkt setzen, den Schlussstrich ziehen, meine Zeit ist vorbei.</p></blockquote>
<p>Den Schlussstrich zog Hildesheimer dann ein paar Jahre später. Angesichts der ökologischen Verwüstung und Ausplünderung der Erde, erklärte er 1984 in einem Interview, sei es an der Zeit, Abschied zu nehmen: „Ich glaube, dass in wenigen Generationen der Mensch die Erde verlassen wird“, da sei „der faktische Evidenzverlust der Literatur“ mit Händen zu greifen. Danach produzierte er nur noch Collagen, Schattenbilder vom eigenen Verstummen.</p>
<p>Einen Schlussstrich hat kürzlich auch der Schriftsteller Reinhard Jirgl gezogen. Auch das hat mit der Einsicht in den faktischen Evidenzverlust der Literatur zu tun, von dem Hildesheimer spricht. Der mittlerweile 65jährige Jirgl hatte erkannt, dass die Bereitschaft, sich mit seiner bis ins einzelne Satzzeichen eigensinnigen Literatur auseinanderzusetzen, auf beschämende Weise geschwunden ist. Niemand kann mehr zuhören, angesichts der digitalen Überinformiertheit schwindet die Lust an genauer Lektüre – angesichts dessen bleibt offenbar nur noch der Rückzug. „Mit Beginn des Jahres 2017“, so die lapidare Mitteilung auf der Homepage des <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/reinhard-jirgl/" target="_blank" rel="noopener">Hanser Verlags</a>, „hat Reinhard Jirgl sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er verzichtet auf Lesungen sowie andere Auftritte, desgleichen auf jede Publikation seiner auch weiterhin entstehenden Manuskripte. Alle neu geschriebenen Texte verbleiben in Privatbesitz.“ Jirgls Verleger Jo Lendle zeigte sich fassungslos. Ansonsten währte die Irritation über den Ausstieg des Büchnerpreisträgers von 2010 aber nur kurz, man geht zur literarischen Tagesordnung über. Doch deren Agenda wirft immer weniger Reizwerte ab.</p>
<p>Der Ekel vor den Mechanismen eines indifferenten Literaturbetriebs hatte um die Jahrtausendwende auch den Literaturkritiker Lothar Baier erfasst. Er, bis dahin einer der substanziellsten Publizisten Deutschlands, verließ das Land und zog nach Kanada in die Nähe von Montreal. Nach und nach verlor er seine Arbeitgeber in Deutschland, und der Verdruss über die Geschichtsblindheit seiner Kollegen nahm zu. Hinzu kam das Desaster einer gescheiterten Liebe. Seine Freundin hatte ihn gewalttätiger Übergriffe bezichtigt, und die kanadische Polizei hatte ihn vorübergehend inhaftiert. Erst nach einem zeitraubenden und kostspieligen Prozess konnte er, rehabilitiert, das Gefängnis verlassen.</p>
<blockquote><p>Neben dem physischen gibt es auch das soziale und kulturelle Altwerden und das scheint sich mir gerade in dem Maß zu beschleunigen, in dem ich Anstrengungen unternehme, den Anschluss nicht zu verlieren und neuen Entwicklungen zu folgen.</p></blockquote>
<p>So schreibt Baier in seinem Abschiedsbrief. Im Juli 2004 wurde er erhängt in seiner Wohnung aufgefunden – die Indifferenz des Literaturbetriebs mag, nebst den Depressionen, an denen er während seines ganzen Lebens gelitten hatte, dazu beigetragen haben. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch hat im dritten Teil seines soeben erschienenen autobiografischen Romans an die tragische  Geschichte Lothar Baiers noch einmal erinnert. Der Titel von Buchs Werk <a title="Mit Ihrer Bestellung bei Amazon unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" href="http://www.amazon.de/dp/3627002520/ref=nosim?tag=wwwtellreview-21" target="_blank" rel="nofollow noopener"><em>Stillleben mit Totenkopf</em></a> wirkt wie ein Bild für die Agonie des Literaturbetriebs, die manche Autoren zur Verzweiflung treibt. Sie wählen dann eine Exitstrategie – als Alternative zum Weitermachen um jeden Preis.</p>
<hr />
<p><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter" style="height: 120px;" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady" /></a></p>
<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br />
<em>Von Haeferl (Eigenes Werk) [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABahnhof_Schrambach_-_altes_Ausgang-Schild.jpg">via Wikimedia Commons</a></em></h6>
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