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	<title>Rezension &#8211; tell</title>
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	<description>Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft</description>
	<lastBuildDate>Tue, 24 Jun 2025 08:20:44 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Rezension &#8211; tell</title>
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		<title>Yoko und ich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Jaeckel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Jun 2025 08:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Yoko Onos Konzeptkunst ist in mehrerer Hinsicht subversiv. Sie stellt stellt die Trennung von Kunst und Leben infrage. Sie ermöglicht Katharsis. Und sie fordert auf zum Mitspielen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-note"  style="border-color:#e0e0e0;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;"><div class="su-note-inner su-u-clearfix su-u-trim" style="background-color:#fafafa;border-color:#ffffff;color:#333333;border-radius:3px;-moz-border-radius:3px;-webkit-border-radius:3px;">



<p>Im <strong>Martin-Gropius-Bau</strong> laden in der Ausstellung <a href="https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/yoko-ono-music-of-the-mind/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Music of the Mind&#8220;</a> 200 Arbeiten von Yoko Ono zu einem chronologischen Rundgang ein durch ihr mittlerweile siebzig Jahre umspannendes Werk. (Bis 31. August 2025)<br>Die <strong>Neue Nationalgalerie</strong> konzentriert sich unter dem Titel <a href="https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/ausstellungen/detail/yoko-ono-dream-together/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">&#8222;Dream Together&#8220;</a> auf Installationen, die Yoko Ono als Angebot zum Mitmachen an ihr Publikum adressiert. (Bis 14. September 2025)<br>Quasi als Sidekick hat der <strong>Neue Berliner Kunstverein</strong> überdies bis August eine von Onos Werbetafeln (TOUCH, 1962/2025) an der Kreuzung Friedrichstraße/Torstraße platziert.</p>


</div></div>
</div></div>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>“THIS IS NOT HERE” </strong></h4>



<p>Konzeptkunst ist eine genuin moderne Erfindung. Vor den 1960er Jahren galt das Ergebnis künstlerischer Arbeit als Kunstwerk. Jetzt aber, zu Beginn der Roaring Sixties – und auffallend häufig in musikalisch geprägten Kreisen –, experimentieren Künstlerinnen und Künstler an der Umkehr der Verhältnisse: Statt des Ergebnisses wird der Prozess wichtig, oder noch radikaler, allein die Idee. Es geht um die Emanzipation künstlerischer Praktiken. Kunst und Leben sollen sich mehr miteinander verquicken.</p>



<p>Doch mit dem Einzug in Museen zeigte sich die schwierige Prämisse konzeptuelle Kunst, denn: Wie stelle ich eine Idee aus?</p>



<p>Gleich der erste Raum des im Martin-Gropius-Bau angelegten Rundgangs pointiert den Zusammenprall von Publikumserwartung und Ideenkunst: Der Raum ist – zumindest auf dem ersten Blick – leer. Nur wer genau hinschaut, findet winzige Notate der Künstlerin an den Wänden und auf den Fenstern. Alle auf derselben Höhe, denn eine Linie ist durch den ganzen Raum gezogen, dort steht unter anderem:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>This line is a part of a very large circle<br><br>This window is 200 ft wide<br><br>This is not here</p>
</blockquote>



<p>Ein Zaubertrick: Yoko Ono zieht einen Kreis und verwandelt damit den Raum in einen imaginären Kunstraum. Wer jetzt überlegt, wie dieses Kunstwerk transportiert oder wie oder was versichert wird, stellt genau die Fragen, die auf unsere moderne Vorstellung von Kunst zielen: dass nämlich Kunst mehr ist als ein Objekt, eine Ware.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>„BOIL WATER“</strong></h4>



<p>Aber ist es wirklich Kunst, in einem Raum eine Linie zu ziehen oder jemanden aufzufordern, Wasser zu kochen? Wer Yoko Ono folgt, stößt auf eine weitere immaterielle Seite von Kunst: die Zeit. Denn Performances füllen – wie auch Musik – eine bestimmte Zeitspanne. Eines von Yoko Onos frühen Hauptwerken ist das 1964 erschienene Buch <em>Grapefruit</em>, das ausschließlich aus Handlungsanweisungen besteht. Hier zeigt sich Onos Radikalität, weil die Anweisungen auch für Laien gedacht sind. Sie mischt konsequent Leben und Kunst – eine der Hauptforderungen moderner Avantgardist:innen: Kunst wird gewöhnlich, und der Alltag wird zur Kunst. Allerdings (meist) nur im Kopf. Und auch nur in Köpfen, die gewillt sind, den Anweisungen zu folgen.</p>



<p>Yoko Ono, die im Februar 1933 in Tokio geboren wurde, startete zunächst mit einer musikalischen Ausbildung. In New York, wohin sie mit ihrem ersten Mann zog, dem Komponisten Toshi Ichiyanagi, lernt sie John Cage, Merce Cunningham, Morton Feldman, Stefan Wolpe kennen. Mit dem Musiker La Monte Young organisierte sie 1961 erste Performances, die heute als Keimzellen der Fluxus-Bewegung gelten. Die Regie-Anweisungen einiger dieser Auftritte hat sie in das Buch <em>Grapefruit </em>aufgenommen, zum Beispiel das <em>Chair Piece, </em>von dem wir im Gropius Bau, nebst den Anweisungen, drei Stühle sehen. John Lennon lernt Ono erst später in London kennen, da ist sie bereits eine bedeutende Fluxus-Künstlerin. Zusammen mit Lennon, vor allem aber nach dessen Ermordung, tritt sie zunehmend auch als Friedens- und Menschenrechtsaktivistin auf.</p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>„PEACE IS POWER“</strong></h4>



<p>Als Yoko Ono kurz nach John Lennons Tod die gemeinsam mit Lennon geschriebene Liedzeile „War is over, if you want it“ (1971) auf riesigen Werbeflächen in London plakatiert, wird die Grundspannung ihrer gesamten Kunst sichtbar: Für manche offenbart die Aktion Gesinnungskitsch, andere fühlen sich angesprochen und werden sich einer individuellen Verantwortung bewusst. Genau hier hin zielen alle von Yoko Onos Arbeiten: auf den schmalen Grat zwischen Misstrauen und Aufmerksamkeit. Natürlich kann ich mich weigern, ein von Ono präpariertes Schachspiel zu spielen, in dem alle Figuren weiß sind. Ich kann mich aber auch hinsetzen und es versuchen. Dann geschieht etwas, was vermutlich kaum jemand voraussieht: Mit einfarbigen Figuren spielen die Kontrahenten irgendwann nicht mehr gegen- sondern miteinander.  </p>



<h4 class="wp-block-heading"><strong>“THE JOB OF AN ARTIST IS NOT TO DESTROY BUT TO CHANGE THE VALUE OF THINGS”</strong></h4>



<p>Yoko Onos Arbeiten sind subversiv. Sie unterhöhlen mit scheinbarer Naivität die Welt. Dabei zielt die Künstlerin auf einen Moment der Katharsis, im weitesten Sinn auf Heilung. Das mag verstören, weil sie stets jede und jeden im Publikum direkt anspricht. „Mach das!“, sagen ihre Arbeiten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Schlag einen Nagel in die Holzplatte!<br><br>Zieh deinen Schatten auf einer beleuchteten Leinwand nach!<br><br>Zerschlage eine Tasse und setze sie als Skulptur wieder zusammen!</p>
</blockquote>



<p>Oder:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Stell Dir mal vor: Frieden ist Macht.</p>
</blockquote>



<p>„Ich fühle mich verarscht“ schreibt ein junges Mädchen im letzten Raum auf eine der ausgelegten Blanko-Karten, auf denen die Besucher:innen eingeladen sind, Erinnerungen an ihre Mütter zu teilen oder ein paar Worte an sie zu richten. Boden und Wände sind übersät mit vollgeschriebenen Karten. Manche malen etwas, manche gestalten Muster mit den farbigen Klebestreifen, viele schreiben etwas Herzliches, mal voller Liebe, mal auch mit Kummer und Bedauern. </p>



<p>Der fast schon zugeklebte Raum, ästhetisch eher eine Zumutung, weitet sich, die Anonymität weicht einem Gefühl von Gemeinsamkeit, denn eine Mutter haben wir alle. Kitsch? Mag sein. Aber genau hier liegt die Entscheidung: Will ich mich auf dieses Spiel einlassen? Möchte ich mitmachen und dabei über mich nachdenken? Oder fühle ich an der Nase herumgeführt, weil meine Erwartung, etwas geboten zu bekommen, von Yoko Ono mit geradezu hippiesker Nonchalance unterlaufen wird?</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Stephanie Jaeckel </h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-image"><p align="center"><a href="https://steadyhq.com/tell-review?utm_source=publication&amp;utm_medium=banner"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/steady.imgix.net/gfx/banners/unterstuetzen_sie_uns_auf_steady.png?w=900&#038;ssl=1" alt="Unterstützen Sie uns auf Steady"/></a></p></div>
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		<title>Die Hunde im Souterrain</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2025 06:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Manns Homosexualität steht im Zentrum von Tilmann Lahmes aktueller Biografie. Dabei werden nicht nur neue Quellen ausgewertet. Es geht auch um die Verwandlung des unterdrückten Begehrens in Literatur – und um die Versäumnisse der Germanistik.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Mit dem Erscheinen dieses Buches seien alle vorherigen Biografien „verwelkt“, meint Gustav Seibt in einem Facebook-Beitrag zu Tilmann Lahmes neuer Biografie über Thomas Mann. Lahmes Fokus liegt dabei eindeutig auf Manns unterdrückter Homosexualität. Vor allem neu ausgewertete Briefe an Manns Schulfreund Otto Grautoff sowie bisher fehlende Tagebuchpassagen – beide werden im Anhang erstmals abgedruckt – sorgen hier für Klarheit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die &#8222;konträre Sexualempfindung&#8220;</h3>



<p>Tilmann Lahme stellt anhand dieses Materials unumstößlich klar, dass Thomas Mann nicht „auch“ homosexuelle Neigungen hatte, dass er nicht „bisexuell“ gewesen ist, nicht nur eine „homosexuelle Achillesferse“ hatte oder wie die Formeln noch heißen mochten. Thomas Mann war schlicht homosexuell. Seine sechs Kinder, die er mit seiner Ehefrau Katia gezeugt hat, belegen nicht das Gegenteil. Vielmehr ist seine Ehe Ausdruck des Zeitgeistes, in dem sich Homosexuelle Ende des neunzehnten Jahrhunderts behaupten mussten. </p>



<p>Dies gilt auch für den medizinischen Zeitgeist, das damalige medizinische „Konzept“ der Homosexualität. Nach diesem Konzept wurde die Homosexualität, damals auch „konträre Sexualempfindung“ genannt, als therapiebedürftige Störung verstanden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Nach all den Spekulationen zuvor in der Forschung, was Thomas Mann gekannt haben könnte von den beginnenden wissenschaftlichen Diskursen seiner Zeit um die „conträre Sexualität“, sorgen hier zwei Briefe für Klarheit: Er las noch in der Lübecker Jugendzeit die beiden zentralen Bücher von Krafft-Ebing und Moll zum Thema Homosexualität.</p>
</blockquote>



<p>Mann kommt nach der Lektüre zur niederschmetternden Conclusio: „degenerative Hirnerkrankung, Perversion, schwer heilbar“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sublimation durch das Schreiben</h3>



<p>Tilmann Lahmes Fokus auf die Homosexualität ist legitim und nachvollziehbar. Allerdings bleibt dadurch anderes auf der Strecke. Über das wichtige Thema Thomas Mann und die Juden liest man bei Lahme nichts substanziell Neues. Dabei war etwa die Ehe mit Katia Mann nicht nur die Ehe eines Homosexuellen mit einer Frau, sondern auch die Ehe eines für den Antisemitismus Verführbaren mit einer Jüdin.</p>



<p>Otto Grautoff, so erfährt man bei Lahme, ließ sich in der Praxis von Albert Moll in Berlin hypnotisieren. In Beschwörungsformeln muss er der angeblich krankmachenden Masturbation abschwören. Thomas Mann hingegen verordnet sich bewusste Entsagung, kaltes Duschen und diätetische Maßnahmen. Die Nietzsche-Formel aus <em>Jenseits von Gut und Böse</em> wird zu einer entscheidenden Metapher: Man habe „die Hunde im Souterrain“ gefälligst an „die Kette“ zu legen.</p>



<p>Bei Thomas Mann läuft das Kupieren der Begierde schließlich zum einen auf eine Ehe mit einer Frau hinaus; er nennt das selbst „sich eine Fassung geben“. Zum anderen werden die unterdrückten Wünsche klassisch freudianisch sublimiert: mit Hilfe des Schreibens. Im Laufe seines Lebens jedoch drängen die unterdrückten Wünsche immer wieder nach oben. Schon auf der Hochzeitsreise nach Genf notiert sich Thomas Mann in seinem Notizbuch die Namen zweier Psychiater und eines Hypnotiseurs. </p>



<h3 class="wp-block-heading">Der verschwiegene Freund</h3>



<p>Die Erlebnisse – zum Beispiel auf dem Lübecker Schulhof, mit Klaus Heuser auf Sylt, mit einem polnischen Jungen in Venedig vor dem ersten Weltkrieg oder mit dem bayrischen Kellner Franzl Westmeier 1950 in Zürich – sind hinreichend bekannt. Tilmann Lahme zeichnet die verschlungenen Wege vom Erleben und Erleiden zum sublimierenden Gestalten dezidiert und kenntnisreich nach. Die frühe Liebe auf dem Lübecker Schulhof wird in „Tonio Kröger“ verarbeitet und dann noch einmal in <em>Der Zauberberg</em> (Pribislav Hippe), der junge Pole in Venedig wird Anlass zum „Tod in Venedig“ sein. Und der Amphytrion-Essay respektive der Michelangelo-Essay spiegeln die Bekanntschaften mit Klaus Heuser und Franzl.</p>



<p>Wann Katia Mann, geb. Pringsheim, von der geheimen Neigung ihres Mannes erfuhr, ist letztlich unbekannt. Sicher ist aber, dass sie schließlich Bescheid wusste. Im Tagebuch spricht Thomas Mann von der „armen Katia“, der er die „letzte Geschlechtslust“ nicht bereiten könne. Und von seiner „Dankbarkeit“.</p>



<p>Das Verdrängen der eigenen Homosexualität bedeutete für Mann auch das Verschweigen des Freundes, mit dem er sich wie mit keinem sonst offen über seine Homosexualität ausgetauscht hat. Das Ende des Kontaktes mit Otto Grautoff – von belanglosen Briefen abgesehen – wirft auf Thomas Manns Charaktereigenschaften kein günstiges Licht. Freilich hängt dieses Ende auch damit zusammen, dass ihr gemeinsames Thema damals kein öffentliches sein durfte. Thomas Mann dürfte schlicht Angst vor Enttarnung gehabt haben. Dass diese Freundschaft ihm wichtig gewesen ist, bezeugt die Widmung des elften und letzten Teils von <em>Die Buddenbrooks</em>: „Meinem Freunde Otto Grautoff“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Ignoranz der Germanistik</h3>



<p>Engagiert rückt Tilmann Lahme seinen Germanisten-Kollegen zu Leibe, die das „Problem“ der Homoerotik bei Thomas Mann größtenteils übergingen, dies obwohl die Fakten längst auf dem Tisch lagen und auch der breiteren Öffentlichkeit im Feuilleton beispielsweise durch Marcel Reich-Ranicki oder auch durch Hans Mayer nach der Veröffentlichung der Tagebücher mitgeteilt worden waren. Es gab Ausnahmen. Lahme erwähnt die mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetauchte Doktorarbeit von Karl Werner Böhm (1991!), die verdienstvollen Arbeiten von Gerhard Härle sowie Heinrich Deterings wunderbares Buch <em>Juden, Frauen und Literaten</em>.</p>



<p>Jenseits dieser Ausnahmen aber schwankten die Gelehrten zwischen Ignoranz und Unverschämtheit: Manche bemühten sogar das Wortungetüm „Homosexualitätskeule“, die von einer „bestimmten Klientel“ geschwungen werde. Thomas Manns Biografie und seine Literatur sind von diesem Konflikt geprägt wie von nichts anderem. Seine „Lebensbeichte“ im <em>Doktor Faustus</em> ist wortwörtlich zu verstehen: Er „durfte nicht lieben“. </p>



<p>Tilmann Lahme übernimmt die Formulierung am Ende seiner Biografie:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann 1910 <br> ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0057 </h6>
</blockquote>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Tilmann Lahme<br><strong>Thomas Mann</strong><br>Ein Leben<br>dtv 2025 · 592 Seiten · 28 Euro<br>ISBN: 978-3423284455<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783423284455&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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</div></div></div> </div></div>
</div></div>



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		<title>Den Schmerz schreiben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Mar 2025 11:18:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Carmen-Francesca Bancius Roman „Mutters Tag“ erzählt von einer Kindheit im kommunistischen Rumänien. Aus dem Kind soll gemäß Parteidoktrin ein „neuer Mensch“ werden – die Gefühlskälte dieser Erziehung beschädigt auch die Mutter. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Der Schmerz der Protagonistin wird in einer ganz eigenen Sprache manifest, deren rhythmischer Bann während der Lektüre des ganzen Buches nicht nachlässt. Die Rede ist von dem Roman <em>Mutters Tag</em>, dessen erste Fassung die aus Rumänien stammende Carmen-Francesca Banciu bereits 2008 geschrieben hatte und der nun in einer Neuauflage beim Verlag PalmArt Press vorliegt. </p>



<p>Maria-Maria, das alter ego der Autorin, soll mit körperlicher Züchtigung und seelischer Grausamkeit zu einem besseren, einem neuen Menschen geformt werden, so verlangte es im kommunistischen Rumänien die Parteidoktrin. Doch die Eingangsszene des Romans zeigt erst einmal die erwachsene Tochter, die ans Sterbebett der Mutter eilt. In dieser Szene wird bereits die ganze Härte einer im Keim verdorrten Mutter-Tochter Beziehung spürbar:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich brachte Blumen mit. Aber Mutter war Blumen nicht gewohnt. Ich bin noch nicht tot, sagte sie. Die fleischigen Rosen wirkten plötzlich obszön. Sie sagte: schmeiß sie weg, wenn dir nichts besseres einfällt. Mir fiel gar nichts ein. Ich war wie erstarrt.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Der „neue Mensch“</h3>



<p>Über vierzehn lange Seiten hinweg wird die quälende Szene am Sterbebett und die Frage „Wohin mit den Blumen“ in immer neuen Anläufen ausgeleuchtet. Angesichts des nahen Todes der Mutter beginnt sich im Innern der Tochter ein Karussell zu drehen: Will sie die Mutter sehen oder lieber doch nicht? Was kann sie sagen? Die Mutter will keine Blumen, sondern ein Gebet, obwohl sie nie gebetet hat. Die Blumen werden zur Folie der ganzen Tragik der Mutter-Tochter-Vater-Beziehung. Für die Mutter stinken sie, sie sind Boten des Todes, nicht der Schönheit oder Freude, denn beides scheint aus dem Leben in der Tristesse Rumäniens verbannt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Niemand hat der Mutter je Blumen geschenkt. Vater wusste nicht einmal, dass es Blumen gibt.</p>
</blockquote>



<p>Es ist diese Lakonie, mit der Banciu ein familiäres Elend einfängt, das nicht auf die Familie begrenzt ist. Der „neue Mensch“ im Rumänien der 1950er und 1960er Jahre brauchte keine Gefühle, er sollte nur funktionieren für die neue Gesellschaft, und dafür bedurfte es keiner Blumen, wenn überhaupt, dann Plastikblumen.</p>



<p>Die Mutter leidet unter Kopfschmerzen, unter der Gefühlskälte des eigenen Mannes und der Verrohung in der sozialistischen Gesellschaft. Sie schuftet, sie kauft ein, sie macht den Haushalt. Die Mutter leidet, und glaubt zugleich an die Parteidoktrin. Sie überträgt die selbst erlebte Härte des Lebens auf die Tochter: Alle Verbote, alle Schläge mit dem Riemen, den die Tochter selbst holen soll, sind „zum Besten des Kindes“.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Vielleicht meinte Mutter mit Liebe eigentlich Aufpassen. Und mit Aufpassen meinte sie eigentlich Kontrollieren. Und mit Kontrollieren meinte sie Zwingen. Und mit Zwingen meinte sie Züchtigen. Und mit Züchtigen meinte sie Erziehen. Und mit Erziehen meinte sie das Beste für das Kind.</p>
</blockquote>



<p>Ein Wort schiebt sich ins andere und wandelt sich dabei, rhythmisch, klar und unerbittlich eine eigene Logik aufzeigend. Dadurch werden zum einen Gewalt und Schmerz besonders spürbar. Zum anderen aber unterläuft der Text auf diese Weise geschickt eine sich zuweilen aufbauende Empörung. Die Verstrickungen werden deutlich, in denen Mutter und Vater selbst gefangen sind. Als Maria-Maria in die Schule kommt, verbrennt die Mutter all ihre Puppen, denn nun sei sie ja groß und müsse sich auf sich selbst verlassen. Liebe und Zärtlichkeit erfährt das Kind nicht, es gibt keine menschliche Nähe, und so steht der Wunsch groß und schmerzhaft im Raum: „Ich hätte gern gewusst, was Mutter denkt, wer Mutter ist.“</p>



<p>Eine scheinbar einfache Frage. Doch sie ist nicht leicht zu beantworten angesichts der Monstrosität eines Lebens, das aus ideologischem Fanatismus, patriarchalem Zwang und permanenten Abspaltungen besteht. Banicu wählt einen ungewöhnlichen Weg, indem sie sich dem Körper der Mutter widmet. Nicht als Ganzes, sondern Körperteil für Körperteil kapitelweise aufzählend: Mutters Haare, Mutters Arme, Mutters Hände und Füße, Mutters Ohren, Mutters Wangen, Mutters Herz und so fort.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Schmerz der Mutter</h3>



<p>Mithilfe einer eindringlichen und zugleich poetischen, Zeile für Zeile tiefer bohrenden Sprache dringt die Autorin von der Körperoberfläche in die Tiefenschichten der Mutter-Gefühle vor. Über den schmerzenden Nacken, die blauen Spuren auf den misshandelten Wangen bis zu den traurigen Augen folgt der Text behutsam und doch unerschrocken dem Schmerz der Mutter, die als Kind selbst Gewalt erfahren hat, in ihrer eigenen Familie und im Nonnenkloster. Schließlich werden auf diesem Weg die zwei vorherrschenden Gefühle der Mutter benannt: Angst und Scham.</p>



<p>Hier zeigt sich die Kraft des literarischen Schreibens: Im Buch geschieht etwas, wozu die Mutter selbst nicht in der Lage war, nämlich ihren Körper und ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen.</p>



<p>Und so ist es ein Text nicht nur über die Mutter, sondern mehr noch ist es ein Text für die Mutter. Bei allen schonungslosen Einzelheiten über Missbrauch und Traumata spricht dieser Text von der Zärtlichkeit eines Versuches der Annäherung an die Mutter – und vom Scheitern dieser Versuche. Durchdrungen von einer Sinnlichkeit, die auch von der Schönheit der Mutter erzählt. Die sinnliche Sprache wird dabei zugleich von einer eigenen Melange aus Poesie und Philosophie getragen, indem der Text sich immer wieder selbst widerspricht und dadurch die Vieldeutigkeit des Lebens aufleuchten lässt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mutters Arme waren schlank. Ihre Bewegungen voller Eleganz. Ihre Haut roch gut. Mutter parfümierte sich nicht. Mutter roch nach Mutter, und das war schön. Und ich suchte den Geruch. Aber wenn ich mich Mutter näherte, verschwand er. Und ich musste weiter suchen. Und fand ihn nirgends. Denn nichts roch nach Mutter. Nicht einmal sie selbst.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Kleiderkauf</h3>



<p>Der Untertitel des Buches heißt „Das Lied der traurigen Mutter“. Ihr Schmerz und ihre Traurigkeit bekommen Raum im Buch. Und in diesem Raum findet die Tochter schreibend eine Beziehung zur Mutter. In dieser Schmerzverbundenheit glimmt dann sogar so etwas wie eine Liebe zur Mutter auf. In der Geschichte vom grünen Kleid findet diese Liebe einen Ausdruck, berührend, komisch und hinreißend.</p>



<p>Die Tochter begleitet die Mutter zum Einkauf in die Stadt. Wie immer will die Mutter Kleidung für den Vater und die Tochter besorgen, nicht für sich, doch dieses Mal gelingt der Tochter ein kleiner Coup. Nachdem die Mutter eingesehen hat, dass sie vielleicht doch ein neues Kostüm braucht und sich dann für ein sozialistisch graues entscheidet, um bloß nicht aufzufallen, nutzt die Tochter den Vorgang der Anprobiererei, um der Mutter Schritt für Schritt ein farbenfroh grünes und sehr schickes Kleid nahe zu bringen, das am Ende tatsächlich gekauft wird. </p>



<p>Zu Hause zeigt die Mutter nur Desinteresse für das neu erworbene Kleid: Sie hat zu tun, da kann sie nicht vor dem Spiegel stehen und staunen. Die Tochter bleibt hartnäckig, und am Ende geschieht ein Wunder: Die Mutter betrachtet sich im Spiegel. In dieser Szene – genau genommen sind es drei oder vier – verdichtet sich die poetische Suche nach einem anderen Möglichkeitsraum zwischen Mutter und Tochter. Die Liebe der Tochter, die nichts sehnlicher wünscht als eine Mutter, die sich selbst als Frau annimmt, die sich etwas gönnt und so etwas wie Glück empfinden kann. Und eine Mutter, die einmal zumindest ihre Schönheit sehen und einen Anflug von Stolz erfahren kann. Die in dieser einen Szene vor dem Spiegel einmal alles hinter sich lassen kann: die Plackerei, die Lieblosigkeit (vielleicht den Betrug?) des Vaters, die Schmerzen, die Freudlosigkeit. Das Kleid ist eben mehr als ein Kleid, es ermöglicht ihr für einen Moment eine andere Sicht auf sich selbst. Nur für einen Moment, aber in diesem kommen sich Mutter und Tochter doch einmal nahe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Schmerz der Großmutter</h3>



<p>Die größte Nähe zwischen Mutter und Kind ereignet sich jedoch im Gebären und Sterben. Beides wird in „Mutters Tag“ auf eine Weise sprachlich durchdrungen, die in der zeitgenössischen Literatur einzigartig ist. Auch die Totgeburt durch Abtreibung ist Teil der Erzählung. Erwähnt wird auch die Mutter der Mutter, die das Sterben ihrer Tochter unter großem Schmerz miterlebt. Und dieser Schmerz der Großmutter über den Tod ihrer Tochter, fühlt sich an wie „eine neue Geburt“.</p>



<p>Hier passt die Wendung, wonach ein Text mit dem Körper geschrieben sei.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mutters Mutter hatte ihre Tochter verloren.<br>Sie verstand das.<br>Sie verstand es mit dem Kopf.<br>Sie verstand es mit dem Herzen.<br>Sie verstand es mit der Haut.<br>Mit dem Bauch.<br>Mit dem Knie.<br>Mit dem Ellbogen.<br>Mit der Lunge.<br>Mit ihrem ganzen Wesen.<br>Sie verstand es und nahm es an.<br>Es war Schmerz.<br>Es war eine neue Geburt.<br>Ich verstand Großmutters Schmerz.<br>Ich spürte Großmutters Schmerz brennen in meinem Hals.</p>
</blockquote>



<p>Der Text wächst so schließlich über die konkrete Mutter-Tochter-Beziehung hinaus. Banciu gibt der Fragilität des Lebens in all ihrem Schrecken und ihrer Schönheit eine Sprache. Wie soll man diese Zerbrechlichkeit beschreiben? Vielleicht als eine Form des lyrischen Innehaltens: das Schmerzhafte und Erschütternde des Lebens festhalten und es zugleich dadurch wandeln, dass die Worte sich weitersprechen – bis sich in der Sprache der Gegensatz von Leben und Tod auflöst. </p>



<p>Festhalten und Lösen des Schmerzes in einem Akt. Ein Annehmen des Lebens in all seiner Widersprüchlichkeit, in der Gebären und Sterben vielleicht weit weniger getrennt voneinander sind als wir gemeinhin glauben.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Kim Hammar (Alamy) </h6>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Carmen-Francesca Banciu<br><strong>Mutters Tag</strong>. Das Lied der traurigen Mutter<br>Roman<br>Mit einem Nachwort von Sieglinde Geisel<br>PalmArt Press 2024 · 252 Seiten · 20 Euro<br>ISBN: 978-3962581961<br></p>



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		<title>„Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr das?“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Mar 2025 07:38:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Aus Anlass des Thomas-Mann-Jahrs beschäftigen sich zwei Bücher mit Manns politischem Wirken: Kai Sinas „Was gut ist und was böse“ und der Band „Deutsche Hörer!“ mit seinen Rundfunkreden, herausgegeben von Mely Kiyak. Beide Bücher zeigen Thomas Mann als einen zur Politik gedrängten Ästheten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Unter den zahlreichen Publikationen zum Thomas Mann-Jahr verdienen zwei Bücher besondere Beachtung: Der Literaturwissenschaftler Kai Sina, Mitherausgeber der neuen großen Werkausgabe, stellt Thomas Mann in seinem Buch <em>Was gut ist und was böse</em> als politischen Aktivisten dar. Mely Kiyak wiederum gibt Manns Rundfunkreden gegen Nazi-Deutschland neu heraus, unter dem Titel <em>Deutsche Hörer!</em> So sprach Thomas Mann sein Publikum an, als er über BBC-Deutschland Radiobotschaften nach Deutschland schickte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Thomas Manns Verhältnis zum Zionismus</h3>



<p>Es sind die richtigen Bücher zur richtigen Zeit. Beide Autor:innen stellen darüber hinaus klar, dass das alte Urteil, Thomas Mann sei im Grunde seines Wesens immer ein „Unpolitischer“ geblieben, in dieser Apodiktik nicht haltbar ist. Freilich hat Thomas Mann in der ihm eigenen Ambivalenz selbst kräftig dafür gesorgt, dass solche Urteile überdauern konnten. Er wollte die Welt ästhetisch sehen. Aber die Zeit, in der er lebte, ließ ihn nicht. Daher seine berühmten Worte, dass er „mehr zum Repräsentanten, als zum Märtyrer“ geboren sei. Und zum politischen Aktivisten schon gar nicht – der er dann doch wurde.</p>



<p>Kai Sina nimmt sich dabei in seinem Buch <em>Was gut ist und was böse</em> eines Themas an, das bisher nur wenig Beachtung gefunden hat: das Verhältnis Thomas Manns zum Zionismus. Das ist der Faden, an dem Sina die Geschichte des politischen Aktivisten Thomas Mann auffädelt.</p>



<p>Sinas Ausgangspunkt ist der wegweisende Essay „Zur Judenfrage“ aus dem Kaiserreich, auf dessen Bedeutung bereits Marcel Reich-Ranicki hingewiesen hat. Der Anlass war eine Rundfrage von Julius Moses aus dem Jahr 1907, in der er die Angeschriebenen bat, sich zur „Judenfrage“ zu äußern. Dieser Begriff sei damals noch nicht negativ konnotiert gewesen, so Sina:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Vielmehr wurde der Begriff von unterschiedlichen jüdischen und nichtjüdischen Parteien für ihre jeweiligen Interessen und Ziele in Anspruch genommen.</p>
</blockquote>



<p>Hier nun erteilt Mann den „Zionisten von der strengen Observanz“ eine klare Absage, weil die Juden für Deutschland einen „unentbehrlichen Kultur-Stimulus“ darstellen würden. Er betont die angebliche Andersartigkeit der Juden durchaus im essentialistischen Sinne und bezeichnet sich selbst als „Philosemiten“.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die „Betrachtungen“ und ihre Folgen</h2>



<p>Manns politische Verwirrungen in der Folge des ersten Weltkrieges unterschlägt Kai Sina nicht. Es sind Thomas Manns Schriften nach 1914, zunächst die „Gedanken im Kriege“, dann der Riesen-Essay <em>Betrachtungen eines Unpolitischen</em>, die aus heutiger Sicht befremdlich wirken. Sina schreibt zunächst:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Vom politischen Frühwerk aus betrachtet, kommt man nicht umhin, Manns Entwicklung in der Entstehungszeit der <em>Betrachtungen </em>als Diskontinuität zu begreifen, in der Sache wie im Ton, in der Form wie in der Rhetorik, bis hin zur Materialität.</p>
</blockquote>



<p>Dann aber weist Kai Sina darauf hin, dass man die <em>Betrachtungen</em> auch als Literatur, als einen „verschleierten Roman“ verstehen kann, in dem Thomas Mann Positionen ausprobiert, gerade so, wie er es im <em>Zauberberg</em> erneut unternimmt.</p>



<p>Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu dem, was manche als Thomas Manns Wandlung beschrieben haben. Vor allem seine Gegner wurden enttäuscht, die wegen der <em>Betrachtungen</em> geglaubt hatten, er sei einer von ihnen. Auch Thomas Manns Einstellung zum Zionismus wandelte sich. </p>



<p>Zunächst kam es aber 1921 noch zu einem Streit mit seiner (jüdischen) Ehefrau Katia über einen projüdischen Essay. Sie hieß die Veröffentlichung nicht gut, wahrscheinlich aus ökonomischen Ängsten, denn Thomas Manns Essay ist Zeugnis der Solidarität mit den Juden und wendet sich gegen die „kulturelle Reaktion“. Deren „plump-populärer Ausdruck“ manifestiere sich nirgendwo abscheulicher als im „Hakenkreuz-Unfug“, so Thomas Mann bereits 1921!&nbsp;</p>



<p>Dann aber ließ sich Thomas Mann beim jüdischen Thema von niemanden mehr zurückhalten. Er wird Mitglied in dem Komitee Pro Palästina und präferiert zunächst einen „spirituellen Zionismus“. Im Gespräch mit der Jewish Telegraphic Agency sagt Mann: „The Jew has not come to conquer but to fullfill himself and to liberate his soul. […] After all, the Arabs have been here for over a 1000 years.“</p>



<p>Kai Sina fasst zusammen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mit einem aus heutiger Sicht rührenden Optimismus erdenkt sich Mann eine Zukunft in Eintracht und Kooperation: Wenn die Juden darauf achtgäben, vorsichtig zu handeln, ließe sich gewiss mit der arabischen Bevölkerung zusammenleben und gemeinsam etwas aufbauen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Fähigkeit zur Neujustierung</h3>



<p>Manns Meinung wird sich im Verlauf der Geschichte ändern, und nach dem Zweiten Weltkrieg wird er unter dem Eindruck der Shoa einen politischen Zionismus befürworten: die Errichtung eines jüdischen Staates. Sina schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>So klar und emphatisch sich Thomas Mann hinter die Juden stellt, […] so einfach macht er es sich in Hinsicht auf ihr Zusammenleben mit den Arabern.</p>
</blockquote>



<p>Der oben noch erwähnte „rührende Optimismus“ ist – folgt man Sina – von einem „als kolonial“ zu bezeichnendem Denkmuster verdrängt worden. Nun, ob hier bei Thomas Mann wirklich ausschließlich „koloniales“ Denken vorliegt, das er ja davor gerade in Bezug auf Palästina nicht gezeigt hat, muss hier vielleicht nicht ausdiskutiert werden. Eine strikte Befürwortung eines jüdischen Staates hatte unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und somit nach dem Bekanntwerden des Mordes an den europäischen Juden sicherlich noch andere Motivationen als ein „koloniales Denkmuster“, das wir bei Thomas Mann, 1875 als Großbürgersohn geboren, sicherlich voraussetzen dürfen. Jedenfalls wird Thomas Mann diese grundsätzliche Solidarität mit Israel Zeit seines Lebens nicht mehr aufkündigen.</p>



<p>Bekanntlich war er lange Zeit auch ein glühender Verehrer der USA, wurde dann aber nach den Erfahrungen mit dem McCarthyismus zu einem Kritiker und verließ am Ende seines Lebens das Land. Auch seine Einstellung zum Zionismus war einem ständigen Wandel unterzogen: von der ursprünglichen Ablehnung über die Befürwortung des kulturellen und dann auch des politischen Zionismus.</p>



<p>Wie sich seine Haltung im weiteren zeitgeschichtlichen Verlauf entwickelt hätte, können wir nicht wissen. Ob er aber beispielsweise ein Fürsprecher Netanjahus gewesen wäre, darf man immerhin bezweifeln. Seine grundsätzliche Fähigkeit zur Neujustierung sollte jeden davon abhalten, Mann in heutigen politisch-moralischen Diskussionen als Kronzeugen für eine bestimmte Position aufzurufen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Polemik in den Radioansprachen</h3>



<p>Thomas Mann hat sich nicht nur in seinen Essays politisch geäußert. In seinen Radioansprachen erweist er sich sowohl als leidenschaftlicher Polemiker wie auch als Analytiker, der Debatten beinahe Jahrzehnte vorwegnimmt. Mely Kiyaks Neuausgabe seiner Radioansprachen zeigt die visionäre Schärfe seines Denkens. Zunächst macht er in diesen Reden vor allen Dingen den Mord an den europäischen Juden öffentlich und das erstaunlich früh, schon 1942. Er hat die ersten Berichte nie als unglaubwürdig zurückgewiesen, wie es unter anderem Hannah Arendt tat, die das nach dem Krieg auch zugab: „Ich habe es nicht geglaubt!“ Thomas Mann hatte es sofort „geglaubt“, um nicht zu sagen: gewusst. Denn er kannte das Kulturvolk, die deutsche Gesellschaft nur zu gut, die deutsche Volksgemeinschaft, aus der er selbst kam und vor der er schließlich floh. Und er sprach dieser Volksgemeinschaft ins Gewissen. Nachdem er minutiös über die Vernichtung der Juden im sogenannten Generalgouvernement berichtet hat, fragt er die Deutschen aus dem Radio heraus: „Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr das?“</p>



<p>In der berühmten Rede vom April 1942 stellt Thomas Mann weiterhin klar, dass die Luftangriffe auf „Hitlerland“ (wie er Deutschland nennt) und speziell auf seine Vaterstadt Lübeck, Ausdruck dessen sei, „daß alles bezahlt werden muß“. Hier schon deutet Mann an, dass „Deutschland zu schluchzen hat auch über das, was es erleidet“. Die Diskussionen über den Bombenkrieg und Deutschland als Opfer sollten erst fünfzig Jahre später tatsächlich gesamtgesellschaftlich geführt werden.</p>



<p>Am 14. Januar 1945 erklärt Mann, was nötig sei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>die volle und rücksichtslose Kenntnisnahme entsetzlicher Verbrechen, von denen ihr tatsächlich heute noch das Wenigste wisst, teils, weil man euch absperrte […] teils, weil ihr aus dem Instinkt der Selbstschonung das Wissen um dieses Grauen von euren Gewissen fernhieltet. Es muß aber in euer Gewissen dringen, wenn ihr verstehen und leben wollt, und ein gewaltiges Aufklärungswerk, das ihr nicht als Propaganda mißachten dürft, wird nötig sein, um euch zu Wissenden zu machen.</p>
</blockquote>



<p>Hiermit nimmt Thomas Mann die Re-Education und die deutschen Vorbehalte gegen diese vorweg – Vorbehalte, die heute wieder formuliert werden, zum Beispiel von Alice Weidel.</p>



<p>Mely Kiyak weist in ihrem bemerkenswerten Vorwort darauf hin, dass Thomas Mann gerade deswegen beispielgebend ist, weil ihm, dem Großbürgersohn, das Revoluzzertum nun gerade nicht in die Wiege gelegt worden ist. </p>



<p>Sie schreibt: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Seit ich mich mit Thomas Mann und seinem Widerstand intensiv auseinandersetze, lande ich immer wieder bei diesem Gedanken: Für jemanden, der aus ethnischen, religiösen oder sozialen Gründen ausgegrenzt und verfolgt wird, ist der Kampf für Solidarität und der Widerstand gegen ein faschistisches System notwendig und irgendwie auch selbstverständlich. […] Aber für jemanden wie Thomas Mann („männlich, weiß, privilegiert“ wären wohl die heutigen Schlagwörter) ist seine Beharrlichkeit und sein Aufbäumen gegen das NS-Regime zunächst einmal eine politische Entscheidung, zu der er nicht gezwungen war.</p>
</blockquote>



<p>Es war ein innerer Zwang, der Thomas Mann trieb. Die Zeitumstände machten aus dem Schriftsteller, dessen Schreiben immer zuerst der Ästhetik verpflichtet gewesen ist, auch einen politischen Aktivisten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Thomas Mann 1947 in der niederländischen Wochenschau </h6>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Kai Sina<br><strong>Was gut ist und was böse</strong><br>Thomas Mann als politischer Aktivist<br>Propyläen 2024 · 304 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3549100851<br></p>



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<div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Thomas Mann<br><strong>Deutsche Hörer!</strong><br>Radiosendungen nach Deutschland<br>Herausgegeben und mit einem Vorwort und einem Nachwort versehen von Mely Kiyak<br>S. Fischer 2025 · 272 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 978-3103976854<br></p>



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		<title>Ein Philosoph des Zwischenlebens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Jan 2025 07:55:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Anton Wilhelm Amo (1703-1753) war der erste schwarze Philosoph Deutschlands. Der Romanist Ottmar Ette hat seinem Schicksal einen vielschichtigen Roman gewidmet. In "Mein Name sei Amo" geht es auch um die Widersprüche der Aufklärung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Ottmar Ette ist Professor für Romanistik an der Universität Potsdam und hat unter anderem viel zum frankophonen Afrika geforscht und publiziert. Dazu gehört die 2020 veröffentlichte wissenschaftliche Studie <em>Philosophieren ohne festen Wohnsitz</em> über Anton Wilhelm Amo, den ersten schwarzen Philosophen des 18. Jahrhunderts. Nun widmet sich Ette dem Leben Amos auf literarische Weise. Allein der dabei unvermeidliche Wechsel der Sprachebenen weckt Neugier.</p>



<p>Mit einem fulminanten Aufschlag zeigt Ette, dass er sich auch in der literarischen Sprache wohl fühlt, lässt er doch den ersten Satz des Buches sich über mehr als zwei Seiten entfalten, ohne dass die Spannung nachlässt. Dieser eine Satz ist gleichermaßen Prolog wie Zusammenfassung der Geschichte. Er beginnt vom Ende her, mit dem Tod der Hauptperson, die als „schwarze Gestalt“ eingeführt wird. Der Leser sieht diese noch namenlose Hauptfigur,</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>wie sie sich vor dem Nachthimmel abzeichnet, leicht vornübergebeugt, hinaus aufs Meer schauend, […] sich verlierend in den schwingenden Bewegungen der Wogen, verloren in den Zwischenräumen, die sich im Dazwischen der Wellen, im Intermezzo eines Zwischenlebens, das doch das wahre Leben ist, auftun […].</p>
</blockquote>



<p>Wir hören dies von einem Ich-Erzähler, dessen Identität zunächst im Unklaren bleibt, der aber offenbar Zeitgenosse im lang zurückliegenden Leben der „schwarzen Gestalt“ gewesen ist. Ein paar Kapitel später erfahren wir dann, dass es sich bei diesem Ich-Erzähler um einen unsterblichen weiblichen Pudel handelt, den Amo schon als Kind zum Freund und Begleiter hatte.</p>



<p>Die Bedeutung des „Zwischenlebens als dem wahren Leben“ wird sich über das ganze Buch weiter entfalten. Im langen ersten Satz kann man wie in einem stets breiter werdenden Fluss ein zunächst ein anderes „Zwischen“ lesen, wenn die Zwischenetappen der Reise jener schwarzen Gestalt aufgeführt werden: wie diese als trauriges Kind „die hell erleuchtete Küste der Karibik“ sah, wie sie in einer kleinen Stadt an der Elbe „die glücklichsten Jahre des Lebens verbrachte“ und schließlich bis zur Terrasse von Sanssouci gelangt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein aufgeklärtes Menschenexperiment</h3>



<p>Natürlich geht es in dieser Weise nicht weiter, denn die Geschichte jener schwarzen Gestalt braucht Tempo, um in ihrer ganzen Fülle erzählt werden zu können. Der Protagonist wird als Sklave im Kindesalter nach Amsterdam verschifft und kommt von dort als Geschenk an den Hof des Herzogs von Wolfenbüttel. Hier finden den kleinen „Mohren“ alle so niedlich – und vor allem gelehrig. Der Herzog möchte sich einen Namen als aufgeklärter Herrscher machen, indem er mit dem Jungen ein Experiment veranstaltet. Der Schwarze wird auf den Namen Anton Wilhelm getauft, benannt nach dem Herzog Anton Ulrich und dessen Sohn August Wilhelm. Nun soll anhand des Kammermohren Anton Wilhelm untersucht werden, ob auch ein schwarzer Mensch über Fähigkeiten des Geistes verfügt. Amo bekommt eine umfassende Ausbildung an der Ritterschule des Herzogs und wird nach seinem Abschluss an die Universität Halle zum Studium geschickt. Von hier aus entfaltet sich eine – äußerlich betrachtet – glanzvolle akademische Karriere, zu der die Stationen Wittenberg, Jena und dann wieder Halle gehören. Im weiteren Verlauf promoviert Amo und wird sogar Professor für Philosophie, schon bald macht sein Name in den entsprechenden Kreisen die Runde.</p>



<p>Was die Daten und Fakten betrifft, hat sich die Geschichte von Anton Wilhelm Amo auch ungefähr so zugetragen. Die Pudeldame, die uns als Erzählerin durch das Buch führt, ist inzwischen (in Anlehnung an Schopenhauer) zum Philosophen geworden. Sie ist zudem grau – ein Kontrapunkt zu jeglicher Schwarz-Weiß-Dichotomie? Zuweilen tritt jedoch auch Amo selbst als Ich-Erzähler auf, was eine doppelte Perspektive auf sein Innenleben gestattet. Der Pudel steht dabei für eine überzeitliche Erzählinstanz, einen Zeitzeugen, wenn man so will, von dem wir Heutigen quasi aus erster Hand über das Leben Amos erfahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Stigma der schwarzen Haut</h3>



<p>Dem Hund fällt im Übrigen sehr viel früher auf als seinem Herrn, dass dieser sich niemals aus seiner ihm zugeschriebenen Rolle wird befreien können, dass er das Stigma der schwarzen Haut nicht wird ablegen können, solange er in Europa bleibt. Selbst als er bereits Professor und ein anerkannter Philosoph ist, bleibt er das Objekt eines Menschenexperiments. Amo selbst hat sich zwar über die Jahre ein scheinbar dickeres Fell als seine Pudeldame angelegt, doch innerlich kocht es oft in ihm, wenn er geschnitten oder verspottet wird.</p>



<p>Das erfährt der Leser am eindrücklichsten in den Schilderungen der Träume, die Amo heimsuchen. Hier verlässt der Autor die Erzählsprache und gibt sich teilweise wild tanzenden Sprachrhythmen hin, die durchaus nicht willkürlich gewählt sind. Sie dienen vielmehr dazu, die zeitweilige Verzweiflung Amos über seine Festschreibung als schwarzer Sklave dem Erzählstrang gegenüberzustellen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
[…] Schwarzer Schweiß auf meiner Stirn […] tropft auf mein Kissen, mein weißes Kissen, schwarzer Schweiß. Schwarzer Schweiß läuft auf mein weißes Kissen, weißes Kissen, schwarzer Schweiß, […] alle lachend um mein Bett, mein schwarzes Bett, mein Sklavenbett, mein Sklavendeck, festgezurrt liege ich da, festgezurrt ich im schwarzen Schweiß, ein Sklave ich, ein Sklave ich, du schwarzer Schweiß. Ratten fangen unten Schweiß auf, fangen schwarzen Schweiß, saugen schwarzen Schweiß, der aus mir läuft, der läuft ich weiß nicht wie. So viele schon gestorben, so viele schon krepiert, einfach über Bord, einfach über Bord weg hopp und weg, siehst du, hörst du, bist du, im schwarzen Schweiß, weiß nicht wie schwarz, weiß nicht wie weiß, ich schwarzer Schweiß, einfach über Bord und fort. Wort und fort.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Kritik an der Philosophie</h3>



<p>Neben dem Leben des Protagonisten widmet sich der Text einer Kritik an den akademischen Institutionen sowie der Aufklärung selbst, vorgebracht abwechselnd vom Pudel und von Amo. Wie kann es sein, dass das Licht der Vernunft, die Verbreitung von Wissen und scheinbar universeller Humanität einhergeht mit kolonialer Ausbeutung und Unterdrückung? Solche Fragen führen Amo mehr und mehr zu der traurigen Erkenntnis, dass auch der sogenannte aufgeklärte Monarch Friedrich nicht vor Eroberungskriegen zurückschreckt – beispielhaft erlebt er dies am ersten Krieg gegen Schlesien.</p>



<p>Und die Philosophie? Was nützt die ganze Gelehrsamkeit, wenn der Geist des Opportunismus und des Intrigantentums sich als Kennzeichen des akademischen Typus über die Jahrhunderte hält? Des Pudels Beobachtungen zu diesem Punkt sind unschwer als Kritik an heutigen Phänomenen zu lesen. Auch die Erstarrung der Philosophie zum System fester Begriffe, mit deren Hilfe die Welt nicht nur geordnet und kategorisiert, sondern vor allem kontrolliert und beherrscht werden soll, ist keineswegs ein Problem nur des 18.&nbsp;Jahrhunderts, auch dies wird in Otmar Ettes Roman kenntlich.</p>



<p>Die Pudeldame kann nicht nur erzählen, sondern auch philosophieren. Das nämlich lernt sie von ihrem Herrn. Der wird durch die bitteren Erfahrungen der nicht endenden Demütigungen zunehmend skeptisch gegenüber der Philosophie, die er doch selbst lehrt. Diese Skepsis macht ihn zu einem Kritiker der eigenen Zunft. Amo beginnt, dem erstarrten Systemdenken das Philosophieren als bewegliches Denken gegenüberzustellen. Das knüpft an den langen Satz des Romananfangs an, in dem vom Zwischenleben die Rede ist. Amo beginnt auch in seinem Denken ein Leben zwischen den Welten und den Begriffen zu führen, ein geistig „nomadisches Leben“, wie es im Roman heißt. Amo wird das gegliederte System des Wissens immer wieder transzendieren, um schließlich den Weg zur Weisheit einzuschlagen. Dies gelingt nur in einer Art nomadischen Herumstreunens zwischen europäischem und afrikanischem Denken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Weisheit des Zusammenlebens</h3>



<p>Tatsächlich begibt er sich am Ende wieder nach Afrika. Auch dieser Schritt ist historisch verbürgt und wird nun von Ette in einem großen philosophischen Finale über Weisheit und Liebe zu einem der bewegendsten Teile des Buches ausgearbeitet. Das Stichwort, das der verständige Hund gibt, lautet Äquipollenz, also die Gleichmächtigkeit der verschiedenen sprachlichen und philosophischen Zugänge zur Welt. Erst jetzt lernt Amo die Sprache der Nzema, aus deren Stamm er als Kind geraubt wurde, und zwar von seiner nach ihm geborenen Schwester. Amo ist fasziniert von der Sinnlichkeit dieser Sprache:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Das ist ja nicht nur die Sprache, die du mir beibringst, sondern auch eine ganze Weltsicht, eine ganze Philosophie, Schwester!“ „Wenn ich dir das Nzema beibringen soll, dann kann ich dir nicht nur Worte beibringen, sondern auch das Licht, die Farben, die dunklen Düfte, für die sie stehen, die sie repräsentieren, die sie bedeuten. Nur wenn du diese Dinge verstehst, kannst du unsere Sprache richtig sprechen. Sprache, mein Lieber, ist eben mehr als Sprache. Sprache ist im vollständigen Sinne: Einatmen, Ausatmen, Atmen. Sprache ist Leben.</p>
</blockquote>



<p>Diese Einsicht beflügelt Amo auf seiner Suche nach Weisheit. Nun ist es sein Vater, der ihm bei dieser Suche hilft, indem er Amo den Mythos von Assaman erzählt: In der Tradition der Nzema erhält eine mythologische Figur namens Assaman auf der Suche nach Weisheit von den Göttern einen Topf, der eben mit dieser gefüllt ist. Auf der Reise zurück zu den Menschen zerbricht der Topf. Was Assaman zunächst als Katastrophe erscheint, führt jedoch zu der wunderbaren Wendung, dass sich die aus dem Topf ergießende Weisheit nun in unendlich vielen Rinnsalen über die ganze Welt ergießt, so dass jeder Teil der Welt Anteil an ihr hat, auf je eigene Weise. Amos neue Aufgabe, die er sich selbst gesetzt hat, besteht nun darin, Verbindungen zwischen den Rinnsalen zu schaffen. Da er sowohl die afrikanische Weisheit wie auch das europäische Wissen kennengelernt hat, ist er darauf bestens vorbereitet. Letzteres will er nicht missen, es bedarf schließlich nur der Erkenntnis der Äquipollenz, um es von seinem Absolutheitsanspruch zu lösen.</p>



<p>Wer dies nun als Ankündigung eines Happy Ends lesen will, sei gewarnt: Ein solches kann es in dieser Geschichte nicht geben. In jedem Fall zeigt Ottmar Ette sich in seinem neuen Roman selbst als äquipollent – gleichzeitig in der wissenschaftlichen wie der literarischen Sprache zu Hause.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Bronzeplastik Freies Afrika von Gerhard Geyer in Halle. <br> IMAGO/Steinach



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Ottmar Ette<br><strong>Mein Name sei Amo</strong><br>Roman<br>Kadmos 2024 · 376 Seiten · 29,80 Euro<br>ISBN: 978-3865995858<br></p>



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		<title>Die Langeweile einer Möchtegern-Schriftstellerin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marianne Wille]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Dec 2024 10:09:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[Für seinen Roman „Brennende Felder“ wurde Reinhard Kaiser-Mühlecker kürzlich mit dem Österreichischen Buchpreis 2024 ausgezeichnet. Unsere Rezensentin allerdings ist enttäuscht: von der selbstgerechten Protagonistin ebenso wie von den ermüdenden Details und einer geradezu hanebüchenen Handlung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Was interessiert an einer Romanfigur, die nichts als ihren Narzissmus vorzuweisen hat? Will man auf 360 Seiten einer Geschichte folgen, die sich ausschließlich mit einem Leben voller Selbstlügen und narzisstischer Selbstbespiegelung befasst? </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Der Gedanke, berühmt zu sein, hatte sie immer schon fasziniert.</p>
</blockquote>



<p>Die Hauptfigur: Eine Frau, bar jeglicher Empathie, ohne Reflexionsvermögen, selbstgerecht, beziehungslos, bis an die Schmerzgrenze (auch der Leserin) gelangweilt, die bis zum Schluss alle ihre Handlungen und Vorstellungen von der Zukunft auf die Wirkung von außen ausrichtet.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Was sie, der die Männer in Scharen nachliefen, überhaupt wolle? Keiner verstand sie. […] So viel Energie verwandte sie, seit sie denken konnte, darauf, Männer – irgendwelche Männer, wahllos bisweilen fast, irgendwo kennengelernt – für sich einzunehmen, ohne dass sie eigentlich je gewusst hatte, weshalb sie das tat, weil ja doch nichts davon blieb und nie geblieben war, nur die allzu kurze, allzu flüchtige Befriedigung darüber, auch diesem, auch jenem mehr als nur zu gefallen.</p>
</blockquote>



<p>Luisa Fischer erfährt als Fünfzehnjährige, dass ihr Vater Robert, in den sie schon als Kind ein wenig verliebt war, nicht ihr leiblicher Vater ist. Nach einem Streit mit der Mutter verlässt sie das Elternhaus. Zwanzig Jahre später steht der Stiefvater, Robert oder „Bob“ oder „Bert“, in Hamburg vor der Tür ihrer Wohnung, wo die beiden fortan hausen, bis sie in die Heimat in Oberösterreich zurückkehren, eine Villa kaufen und abseits der Dorfgemeinschaft leben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Attitüde einer Schriftstellerin</h3>



<p>Was Luisa inzwischen gemacht hat, erfährt man stückweise – das meiste allerdings erfährt man nicht. Zwar ist Luisa zweifache Mutter geworden, von Marie und Eric, die bei ihren Vätern in Göteborg und Kopenhagen wohnen. Warum die Kinder ausgerechnet bei den Vätern wohnen, die von Luisa als gewalttätig und übergriffig beschrieben werden, erfährt man nicht (wir sind allerdings gezwungen, fast ausschließlich der subjektiven Perspektive der Protagonistin zu folgen). Die seltenen Besuche Luisas zeigen, wie sich Mutter und Kinder zunehmend voneinander entfremden. Ob Luisa in diesen zwanzig Jahren einen Beruf ergriffen hat (ein Studium in Wien, was, erfahren wir nicht, hat sie abgebrochen, später hat sie für ein Reisemagazin geschrieben), bleibt weitgehend im Dunkeln, ebenso die Tatsache, weshalb sie offenbar über genügend finanzielle Mittel verfügt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Im Grunde hatte es bei ihr immer nur Abbrüche gegeben, und auch wenn sie nur für die wenigsten etwas konnte, ließ sie das an ihr Schreiben denken. Hatte sie nicht auch da schon so manche Idee gehabt und sie nach der ersten Begeisterung wieder verworfen, weil ihr auf die Dauer alles zu langweilig wurde?</p>
</blockquote>



<p>Kann man aus Langeweile Schriftstellerin werden wollen?</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
[Sie] setzte sich in ein Café oder, ihre Lieblingsorte unterwegs, eine Hotelbar, bestellte etwas zu trinken und las ein paar Seiten in einem der Bücher, die sie auf die Reise mitgenommen hatte, oder schrieb Sätze in ihr Notizbuch, und dann hatte sie das wunderschöne Gefühl, ihrem lange gehüteten Traum tatsächlich nahe zu kommen und zu leben wie eine Schriftstellerin.</p>
</blockquote>



<p>Die Attitüde, die Pose, von außen als Schriftstellerin wahrgenommen zu werden, behält Luisa bis zum Schluss bei:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sie hatten alle keine Ahnung und würden sich noch wundern, wenn ihr Buch erst einmal fertig war.</p>
</blockquote>



<p>Während sie noch kaum etwas geschrieben hat, denkt sie schon an die Rezension ihres Romans, an Auftritte auf Bühnen, in Radio und Fernsehen, an Literaturpreise – und für ihr Schreiben orientiert sie sich offenbar auch an Instagram-Posts.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Liebesbeziehung mit dem Mörder</h3>



<p>Luisa begleitet Robert auf dessen nächtlichen Beutezügen, die das Ziel haben, im Zweiten Weltkrieg arisiertes Vermögen, das offenbar in Kellern versteckt ist, an jüdische Hilfsorganisationen zu spenden. Gegen Schluss des Romans, lange nach dem Tod von Robert, wird Luisa eines Besseren belehrt werden: Robert überwies zwar das Geld, das er mit dem Diebesgut gemacht hatte (auch durch den Diebstahl von Maschinen und Werkzeugen), auf ein Konto nach Israel, aber es war sein eigenes Konto, dessen er sich denn auch bedient hatte.</p>



<p>Bei einem dieser Beutezüge, Robert ist ohne Luisa unterwegs, wird er vom Besitzer des Hofes, in dessen Keller er einbricht, überrascht und umgebracht. Obwohl die Polizei anwesend ist, kommt es zu keiner Anklage. Wenige Tage später fährt Luisa zum Hof des Mannes, der Robert getötet hat, spuckt ihm vor die Füße und sagt: „Mörder“, was sie nicht daran hindert, mit eben diesem Mann, Ferdinand Goldberger, eine Beziehung einzugehen und auf dessen Hof zu ziehen, wo er mit seinem (möglicherweise autistischen) Sohn Anton lebt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Im Grunde waren sie diesem Mann, der Bob erschossen hatte, wohl dankbar. Und wenn sie ganz ehrlich zu sich war: War nicht auch sie selbst ihm, an den sie immer öfter dachte, dankbar? Stand sie dann nicht in seiner Schuld?</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Klischees und Redundanzen</h3>



<p>Was ist ärgerlicher? Der löchrige Stoff, wo die Recherche oder die eigenen Erlebnisse des Autors durchscheinen und man sich eine konsistente Geschichte irgendwie zusammenstottert? Die Handlung, die über weite Strecken hanebüchen ist (Luisa sucht im Keller des Hofs nach Gold, versucht Anton umzubringen, ihr Bruder Jakob wiederum versucht Luisa umzubringen, Anton schießt mit einem Revolver durch den Kellerschacht auf Jakob)? Die Klischees (über Österreich, Deutschland, Kopenhagen, Schweden) oder Redundanzen, über die man beim Lesen wieder und wieder stolpert? Will man wirklich wissen, wie oft Luisa einen Americano trinkt oder welchen Weißwein? Welche Mittagsmenüs verkauft werden und was Luisa dann letztlich isst? Weshalb die Maklerin Schwierigkeiten hat, die Villa zu verkaufen (die Luisa dann doch nicht verkauft, sondern wo sie, während sie längst bei Ferdinand wohnt, mit Jan schläft)? Wie oft sie „Rouge auflegt“, wie oft sie sich „einen Kaffee herunterdrückt“? </p>



<p>Was anschaulich oder detailgetreu sein will, ist bloß ermüdend:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Sie schlurfte nach unten, schaltete die Kaffeemaschine ein, goss Wasser nach und drückte sich einen herunter. Sie nahm eine lange Dusche, putzte sich dabei auch gleich die Zähne und schnitt sich die Nägel. Zum Abschluss drehte sie das kalte Wasser auf – in letzter Zeit las man wieder viel darüber, wie gesund das sein sollte. Aber sie fand es so unerträglich, dass sie aufschrie und gleich wieder auf warm umstellte und noch ein paar Minuten unterm Wasser blieb, bis ihr wieder warm war. Dann stieg sie aus der Dusche, trocknete sich ab und föhnte sich die Haare. Sie zog sich an und stopfte den Kulturbeutel und das Nachthemd in den nicht sonderlich großen Rollkoffer.</p>
</blockquote>



<p>Aber wie in der Beziehung mit Robert, so entfremdet sich auch Ferdinand zunehmend von Luisa. Kein Wunder: Anlässlich einer Trauerfeier, an welcher Ferdinand die Trauerrede hält, geht es Luisa einmal mehr um ihr Bild, das sie abgibt – und um ihr neues Kostüm:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es ärgerte sie, ein so besonderes Kostüm für die Beerdigung gewählt zu haben, eigens ein neues, im Internet bestelltes, das sie eigentlich für einen ganz anderen Anlass gedacht hatte und das ihr nun verdorben war, weil nicht einer etwas dazu gesagt hatte, als sie nach der Beisetzung noch auf dem Friedhofsparkplatz zusammengestanden waren, als wäre es hässlich.</p>
</blockquote>



<p>Am Ende, das Ferdinand herbeigeführt hat, zieht Luisa wieder in die Villa und will noch einmal von vorne anfangen – mit ihrem Roman oder mit ihrem Leben.</p>



<p><strong>Fazit</strong>: <br>Man wundert sich, warum <em>Brennende Felder</em> mit dem Österreichischen Buchpreis 2024 ausgezeichnet wurde. Der Roman ist stofflich überfrachtet, über weite Strecken inkohärent und redundant erzählt, und er hat eine Protagonistin, die man lieber nicht kennenlernen möchte – weder im Roman noch im Leben.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Sudhakar Bisen



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Reinhard Kaiser-Mühlecker<br><strong>Brennende Felder</strong><br>Roman<br>S. Fischer 2024 · 368 Seiten · 25 Euro<br>ISBN: 978-3103975703<br></p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783103975703&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="631" height="1030" data-attachment-id="119484" data-permalink="https://tell-review.de/die-langeweile-einer-moechtegern-schriftstellerin/buchcover-12/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?fit=919%2C1500&amp;ssl=1" data-orig-size="919,1500" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buchcover" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?fit=184%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?fit=631%2C1030&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=631%2C1030&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119484" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=631%2C1030&amp;ssl=1 631w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=184%2C300&amp;ssl=1 184w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=49%2C80&amp;ssl=1 49w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=768%2C1254&amp;ssl=1 768w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?resize=300%2C490&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/12/Buchcover.jpg?w=919&amp;ssl=1 919w" sizes="auto, (max-width: 631px) 100vw, 631px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
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		<title>Gegen das Tribunaldenken</title>
		<link>https://tell-review.de/gegen-das-tribunaldenken/</link>
					<comments>https://tell-review.de/gegen-das-tribunaldenken/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2024 07:53:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Corona]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum sind die Diskussionen über die Corona-Pandemie so aufgeheizt? In ihrem Buch „Alles überstanden?“ zeigen Christian Drosten und Georg Mascolo, wie man faktenbasiert streiten kann. Eine Rezension aus der Sicht eines Arzts.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Mit Ausnahme des Themas Migration war kein Thema in den Wahlkampfstrategien der Neuen Rechten derart präsent wie die Corona-Pandemie.&nbsp;Es verging im Sommer praktisch kein Tag, an dem in Sachsen nicht von irgendwo her der Rücktritt oder gar die Bestrafung von Entscheidungsträgern, Politiker, Journalisten oder Wissenschaftlern der Pandemie-Zeit gefordert wurde. Die Bestrafungsfantasien reichten teilweise bis zum Galgen.</p>



<p>Auch im Brandenburger Landtagswahlkampf arbeitete die AfD unverhohlen mit diesem Tribunaldenken. Auf Plakaten wurde gefordert, Politiker „endlich für Fehler zu bestrafen“. Der AfD-Kandidat für das Märkische Oderland, Lars Günter, lud in seinem Wahlkampf zu einem Film ein, der die während der Pandemie „schuldig“ gewordenen Eliten „entlarven“ soll.</p>



<p>Und man staunte, welche Zeitgenossen dem Vorschub leisten. Etwa der Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, der eine politische Aufarbeitung der Pandemie fordert. Diese durchaus nachvollziehbare Forderung begründet er, wie die AfD, mit den angeblich kompromittierenden „RKI-Files“, obwohl sich in denen bei genauer Betrachtung nichts Wesentliches findet.</p>



<p>Wie konnte es dazu kommen, dass eine ganze Gesellschaft sich von Verschwörungsdenkern derart vorführen lässt? Und wie konnte es sein, dass aus dem Wunsch einer politischen Aufarbeitung billigste Rachsucht wurde? Hat dieser Spin – weg von einer vernünftigen Aufarbeitung, hin zum Tribunaldenken – auch etwas mit fehlgegangener Kommunikation zu tun? Begann diese fehlerhafte Kommunikation schon während der Pandemie?</p>



<p>Zwei Personen dieser angeprangerten Eliten, Christian Drosten und Georg Mascolo, haben ein Gespräch über genau diese Zeit verfasst. Schnell erfährt man in ihrem Buch <em>Alles überstanden?</em>, dass sich die beiden durchaus nicht immer einig sind. Und genau das macht den Reiz dieses Buches aus: Beide kritisieren den jeweils anderen und dessen Rolle während der Pandemie, aber es ist eine Kritik, die ganz ohne Verschwörungsdenken auskommt.</p>



<p>Der Journalist Georg Mascolo etwa kritisiert die chinesische Informationspolitik und zugleich die Tatsache, dass die Frage nach der Herkunft des Virus‘ derartig ideologisch aufgeladen wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei ein Paper in der Fachzeitschrift <em><a href="https://www.nature.com/nm/">nature science</a></em>, an dem auch Christian Drosten beteiligt war. Darin wurde die Herkunft des Virus aus der Natur als einzige Möglichkeit dargestellt. </p>



<p>Dazu Mascolo:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Das war ein problematischer Vorgang. Das Paper trug dazu bei, dass ein möglicher Labor-Ursprung öffentlich zu einer reinen Verschwörungserzählung erklärt werden konnte. […] Das Vertrauen, man gehe mit allen möglichen Hypothesen offen um, nahm dadurch Schaden.</p>
</blockquote>



<p>Dieser Vertrauensverlust sei durch die Impfpflichtdiskussion noch verstärkt worden. Zunächst erteilten führende Politiker einer Impfpflicht eine klare Absage, dann aber wurde, ebenfalls von Politikern, eine Impfpflichtdebatte entzündet. Das habe das ohnehin schon angekratzte Vertrauen weiter verspielt, zumal die Impfung dann gegen die Weiterverbreitung des Virus doch weniger wirksam war als ursprünglich angenommen. Gerade in diesem Punkt gebe ich Georg Mascolo recht. Die Impfpflichtdiskussion hat wie keine zweite das Vertrauen in die Regierung untergraben, zumal sie sich im Pandemieverlauf mit der Erfahrung der ökonomischen Existenzbedrohung verband.</p>



<p>Man erkennt an diesen Beispielen das Kontroverse des Gesprächs. Hier findet Aufklärung statt und die beiden schonen sich keineswegs. Das zeigt sich im Weiteren in der Auseinandersetzung über die Rolle der Medien. Mascolo fragt Drosten, wo er Berichterstattung vermisst habe.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ich kann Ihnen mal drei Punkte nennen, die mir persönlich fehlten: Wie wurde an der Pandemie verdient? Um welche Themen dreht sich die Pandemie-Nachbearbeitung in anderen Ländern? Und was war eigentlich das politisch-gesellschaftliche Ziel unserer Pandemiekontrolle: Hatten offene Schulen oder hatte die Wirtschaft Priorität?</p>
</blockquote>



<p>Christian Drosten kritisiert den Weg des „Economy first“: Die Pendlerzüge waren voll, doch die Schulen wurden geschlossen. Obwohl Christian Drosten dies bis heute falsch findet, wird gerade seine Person mit den Schulschließungen in Verbindung gebracht.</p>



<p>Beide Gesprächspartner wünschen eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Coronabeschlüsse. Als Arzt habe ich allerdings einige persönliche Erfahrungen gemacht, die einer solchen Aufarbeitung entgegenstehen. Auch unter meinen Kollegen habe ich undifferenzierte Schuldzuweisungen erlebt, bis hin zu Hassreden gegen Karl Lauterbach. Hier decken sich meine persönlichen Erfahrungen mit den Forschungen der Sozial-Psychologin <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verschwoerungsmythen-hetze-netz-internet-afd-lamberty-e441769/">Pia Lamberty</a>. Verschwörungsdenken gibt es in jeder Gesellschaft, doch mit der Corona-Pandemie und ihren ökonomischen Folgen verließ dieses Denken den <em>lunatic fringe</em> und kam in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft an.</p>



<p>Als Aufklärer gerät man in diesen Debatten schnell an Grenzen: Der Verschwörungstheoretiker weiß eine große Sache und die ganz gewiss, Aufklärer dagegen kennen viele Einzelheiten, und sie haben Fragen, die sie klären möchten. Gewissheit jedoch ist immer attraktiver als abwägendes Fragen.</p>



<p>Man kann auch sagen: Verschwörungstheoretiker sind auf einem Kreuzzug. Und Kreuzzügler wollen nicht analysieren, sondern schuldig sprechen, sie wollen nicht aufklären, sondern verurteilen. Ihre Gewissheit, die sie mit Wissen verwechseln, stellen sie gegen die angebliche Dummheit der Welt. Erfahrungsgemäß hilft gegen einen solchen Kreuzzug kein Einspruch der Vernunft, umso weniger, wenn dabei wirtschaftliche Ängste instrumentalisiert werden.</p>



<p>Um wieder diskutieren zu können, sollte eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Pandemie an drei wissenschaftlich belegte Prämissen geknüpft werden:</p>



<p><strong>1. Prämisse<br></strong>Das Virus war gefährlich. In der <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1422600/umfrage/lebenserwartung-nach-kontinenten-und-weltweit" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Statistik</a> der Lebenserwartung zeigt sich für alle Kontinente in den Jahren 2020/21 eine Delle, die nur mit SARS-Cov2 erklärt werden kann.<a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext"></a></p>



<p><strong>2. Prämisse<br></strong>Die Impfung war wirksam. Sie verhinderte zwar nicht die Ansteckung, doch Todesfälle, denn sie sorgte für einen milderen Krankheitsverlauf. Im Juni 2024 wurde in der renommierten Fachzeitung <em><a href="https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(23)02467-4/fulltext#" target="_blank" rel="noreferrer noopener">The Lancet</a></em> eine Studie publiziert, die diese Einschätzung belegt.</p>



<p><strong>3. Prämisse<br></strong>Auch die nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie Masken und Kontaktbeschränkungen waren wirksam, Beleg dafür ist ein Text der <a href="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" data-type="link" data-id="https://www.google.com/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https://royalsociety.org/-/media/policy/projects/impact-non-pharmaceutical-interventions-on-covid-19-transmission/covid-19-examining-the-effectiveness-of-non-pharmaceutical-interventions-executive-summary.pdf&amp;ved=2ahUKEwjqv6f2-6SIAxWfRfEDHfiIATEQFnoECBQQAQ&amp;usg=AOvVaw0ZqIxB2WiMHVq9KVOOuwTJ" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><em>Royal Society</em></a>.</p>



<p>Wenn diese drei Prämissen akzeptiert werden, dann kann man über Schulschließungen, Impfpflichtdiskussionen, Freiheitsbeschränkungen etc. diskutieren.</p>



<p>Christian Drosten stellt lapidar fest, was auch meiner Erfahrung entspricht. So schlecht sind wir in Deutschland nicht durch die Pandemie gekommen, trotz unserer überalterten Bevölkerung.&nbsp; Hinterher ist man immer klüger. Drosten erinnert daher an die Voraussetzungen des Nicht-Wissens:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ein politischer oder gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozess setzt voraus, dass wir die damals herrschende Situation klar vor Augen haben und sie nicht aus einer Warte der überstandenen Gefahr bewerten, sondern aus der Warte der damaligen Bedrohung und Unsicherheit. Denn aus Unsicherheit heraus werden auch beim nächsten Mal die Entscheidungen getroffen werden müssen.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: IMAGO/Bihlmayerfotografie </h6>
</blockquote>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Christian Drosten, Georg Mascolo<br><strong>Alles überstanden? </strong><br><strong>Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird</strong><br>Ullstein 2024 · 272 Seiten · 14,99 Euro<br>ISBN: 978-3548070322<br></p>



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</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<figure class="wp-block-image size-full"><img data-recalc-dims="1" loading="lazy" decoding="async" width="335" height="522" data-attachment-id="119468" data-permalink="https://tell-review.de/gegen-das-tribunaldenken/buch-cover-3/" data-orig-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?fit=335%2C522&amp;ssl=1" data-orig-size="335,522" data-comments-opened="1" data-image-meta="{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}" data-image-title="Buch-Cover" data-image-description="" data-image-caption="" data-medium-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?fit=193%2C300&amp;ssl=1" data-large-file="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?fit=335%2C522&amp;ssl=1" src="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?resize=335%2C522&#038;ssl=1" alt="" class="wp-image-119468" srcset="https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?w=335&amp;ssl=1 335w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?resize=193%2C300&amp;ssl=1 193w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?resize=51%2C80&amp;ssl=1 51w, https://i0.wp.com/tell-review.de/wp-content/uploads/2024/11/Buch-Cover.jpg?resize=300%2C467&amp;ssl=1 300w" sizes="auto, (max-width: 335px) 100vw, 335px" /></figure>


</div></div></div> </div></div>
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		<item>
		<title>Der Geruch des Alphabets</title>
		<link>https://tell-review.de/der-geruch-des-alphabets/</link>
					<comments>https://tell-review.de/der-geruch-des-alphabets/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Frank Hahn]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Nov 2024 07:29:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
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					<description><![CDATA[In Marica Bodrožićs Roman "Das Herzflorett" rettet sich die junge Protagonistin Pepsi aus der Gewaltspirale ihrer Familie. Dabei hilft ihr einerseits die Rückbesinnung auf ihre Kindheit in Dalmatien, andererseits die Entdeckung der neuen Sprache in Hessen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Das neue Buch von Marica Bodrožić ist in Zeiten, in denen das pure Dagegensein <em>en vogue</em> und Krieg wieder zu einer ganz selbstverständlichen politischen Kategorie geworden ist, mehr als ein Coming Of Age Roman. In <em>Das Herzflorett</em> wird vielmehr die Überwindung und Durchkreuzung einer familiären Gewaltspirale mit sinnlicher Wucht und Empathie erzählt.</p>



<p>Die Protagonistin Pepsi ist zu Beginn ein neunjähriges Mädchen, die bei ihren Verwandten in Dalmatien aufwächst und nun auf ihren sehnlichen Wunsch hin zusammen mit den beiden Geschwistern zu ihren Eltern in die hessische Provinz zieht. Dorthin waren diese kurz nach Pepsis Geburt zum Arbeiten gezogen, um mit dem Geld die Verwandtschaft im damals noch existierenden Jugoslawien zu unterstützen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gewalterfahrungen</h3>



<p>Als Pepsi jedoch im Jahre 1983 bei ihren Eltern im Hessischen landet, möchte sie am liebsten sofort wieder zurück. Denn es fehlt ihr nicht nur der südliche Himmel, das Gras, die Blumen, sondern vor allem beginnt nun ein fast zehnjähriges Martyrium der körperlichen und seelischen Gewalt. Die Mutter wird von der Arbeit aufgezehrt und verhärtet immer mehr, da ist kein Platz für Zärtlichkeiten oder Zuwendung. Der Vater betäubt alles, was ihn quält, mit Unmengen an billigem Schnaps.</p>



<p>Die Kinder stören nicht nur, sie werden zur Projektionsfläche für das eigene Elend, die selbst erlebte Gewalt und die Verbitterung darüber, kein wirkliches Leben zu haben außer der alltäglichen Plackerei. So kommt es, dass die „Erziehung“ aus Prügel, Verboten, Demütigungen und sadistischen Strafen besteht wie dem berüchtigten, vom Vater euphemistisch so genannten Reisspiel, bei dem Pepsi stundenlang mit bloßen Knien auf Reiskörnern ausharren muss, die sich in ihre Haut bohren. &nbsp;&nbsp;</p>



<p>Jedes kleinste Widerwort von Pepsi macht die Mutter zur Furie. So droht diese eines Tages, Pepsi an dem Baum vor dem Haus zu erhängen und bei lebendigem Leib zu verbrennen. Diese Drohung trifft das Mädchen </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>im Herzpunkt wie ein Messer, das sich wendet und dreht, wie das Florett der fechtenden Olympiaken.</p>
</blockquote>



<p>Pepsi, das weiß der Leser bereits, ist eine begeisterte Zuschauerin der Fechtmeisterschaften im Fernsehen. <em>Das Herzflorett</em> handelt also von den Stichen ins Herz der Protagonistin – und auch der Leser spürt diese Stiche beim Lesen der Gewaltszenen. &nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprung in die Lebendigkeit</h3>



<p>Doch es gibt auch eine metaphorische Bedeutung des Wortes „Herzflorett“, durch die eine weitere und ganz andere, hoffnungsvollere Ebene des Romans sich öffnet – ebenfalls inspiriert vom Fechtsport. Die Fechtenden, das beobachtet Pepsi ganz genau, springen im entscheidenden Moment, also bevor der Stich wirklich verletzen könnte, voneinander weg. </p>



<p>Diese Bewegung fasziniert Pepsi, und sie ahmt dies auf ihre Art nach, indem sie sich irgendwann von den Drohungen und Wutreden der Mutter nicht mehr gemeint fühlt. Durch diese Distanz gewinnt Pepsi eine neue Lebendigkeit, so wie es beim Fechten geschieht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Mag man noch so oft getroffen werden, man muss wissen, wie man in die Lebendigkeit zurückkommt. Wenn sie voneinander wegspringen, scheinen die Fechtenden ein neues Leben zu beginnen, deutlich zeigt das ihr Atem […].</p>
</blockquote>



<p>Das Florett als Metapher für ein neues Leben. Zehn Jahre lang träumt Pepsi nicht nur davon, sie erkämpft sich jeden Tag ein kleines Stück der Lebendigkeit, indem sie tatsächlich als Kind und später als Jugendliche in eine andere Welt springt, die in der Natur, auf den Tapeten und vor allem in der Welt der Bücher zu finden ist. </p>



<p>Einzig die Namenswahl scheint in diesem Roman nicht geglückt. Man hat das Gefühl, die Romanfigur Pepsi wird durch diesen Namen zwar in ihren schelmischen Anteilen erfasst, aber nicht in ihrem tiefen, beobachtenden Ernst – eher erscheint sie dadurch ins Reich der Fantasy entrückt. Vielleicht ist dieser Name jedoch als Brücke gemeint, um die Erzählstimme ganz nah an die Empfindungen des Kindes heranzuführen. Diese werden zuweilen in einer scheinbar „kindgemäßen“, ganz sinnlichen Sprache ausgedrückt. Die besondere Gabe von Marica Bodrožić besteht jedoch darin, die sinnliche Sphäre der staunenden Begegnung des Kindes mit den Bäumen, den Tieren, dem Gras und schließlich der Welt hinüberzuspielen in philosophische Einsichten, die ein Kind so nicht auszudrücken vermöchte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erforschung der inneren Welt</h3>



<p>Auf diese Weise öffnet sich der Text auf ein verborgenes Wissen hin, das die Erwachsenen oft verloren haben. Ein Wissen, das eher ein Fühlen und Spüren ist, aber äußerst genau in der Fähigkeit, den eigenen Sinnen in ihrer Begegnung mit der Welt zuzuhören und ihnen zu trauen. </p>



<p>Die Erforschung des eigenen Inneren und der äußeren Welt sind nicht voneinander zu trennen. Wenn Pepsi sich mit ihren Sinnen die Welt ertastet und sich der Welt öffnet, spürt sie, wie alles atmet, und erlebt sich selbst als Teil dieses Atems. Als sie das Alphabet lernt, werden auch die Buchstaben Teil dieses Atems, und so wundert sie sich nicht, „dass sie das Alphabet zuerst roch“. Sie konnte die Welt ansprechen und wurde von ihr angesprochen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Jemand hatte ein Buch ins Wiesengrün fallen lassen und fortan sprachen Wiese und Buch sie als eine Sache an, leise und nachdrücklich, so wie es nur der Wahrheit eigen ist.</p>
</blockquote>



<p>Die Menschen um sie herum, selbst ihre Geschwister, ahnten nichts von Pepsis anderen Verwandten</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>aus dem Land der Wolken, der Pflanzen, der Vögel, des Alphabets, ahnten nichts von den Gesprächen, die sie mit Schachbrettblumen, Schwalben und Heiligen führt, mit den Farben und Gesprächen der Kargheit im Karst.&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>Für Pepsi sind die sinnliche Welt der Farben und Gerüche und die Welt der Buchstaben und Worte aufs Engste ineinander verwoben. Die sinnliche Welt ist beschriftet, sie ist lesbar, sie ist durch und durch Leben, das man schmecken, anfassen und riechen kann, und gleichzeitig ist es durch und durch Sprache. </p>



<p>Auf diese Weise erlernt Pepsi auch die neue Sprache im neuen Land, die für sie der Ausweg wird, um nicht in der „Axtsprache der Gewalt“ verharren zu müssen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die neuen Wörter der neuen Sprache biegen und wiegen sich wie Bambus im Sprachwind, und Pepsi schnappt bei jedem Wetter ein neues Worte und kostet es wie eine nährende Süßigkeit, zu der sie immer wieder zurückkehren kann. Sie legt sich Wort für Wort einen Sprachgarten an.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">„V“ wie Vater</h3>



<p>Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer größten „Errungenschaft“: Eine freundliche Nachbarin hat ihr ein Lexikon geschenkt, in dem die Welt „buchstabenweise wach wird“. Mit den ersten Büchern, die sie in der neuen Sprache liest, geht sie auf eine Reise nach Innen, die sie letztlich aus dem Elternhaus befreien wird.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Pepsi reist an weit entfernte Orte in der Zeit und in der Welt, und dann verschwindet sie ganz weit in ihrem Inneren, wie andere zu einem anderen Kontinent reisen. Ihre Füßen bekommen Wurzeln und unterhalten sich unter der Erde mit den Bäumen, die sich mit ihr verbünden und ihre Wirbelsäule stützen.</p>
</blockquote>



<p>Mit dieser von Buchstaben und Bäumen gestärkten Wirbelsäule gelingt es Pepsi, sich der Gewalt zumindest innerlich mehr und mehr zu entziehen. Sie lernt, den Faden zu durchtrennen, der sie scheinbar unrettbar an die familiäre Gewalt gebunden hatte. </p>



<p>Die neue Sprache hilft ihr auch, sich von den Eltern innerlich zu lösen. In einem Wörterbuch sucht sie unter dem Buchstaben „V“ danach, wer oder was ein Vater sei und entdeckt dabei, dass ihr Vater mit dem, was dort steht, nichts zu tun hat. Er kann also gar nicht ihr Vater sein. So wächst in ihr die Kraft zum Widerstand gegen das häusliche Gefängnis aus Gewalt, Schmerz und Erniedrigung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Weltpolitik&nbsp;</h3>



<p>Dass Pepsi der Ausbruch aus dem Elternhaus gelingt, ohne dass sie sich selbst verhärtet oder in blinde Wut und Gegengewalt ausbricht, liegt nicht zuletzt daran, dass sie schon früh in eine andere Welt als die des Elternhauses eintauchen konnte – sprechend, hörend und riechend. Später erweitert sich diese Welt um die Bücherwelt und die Buchmenschen, die ihr zu ernsthaften und liebevollen Gesprächspartnern werden.</p>



<p>Das Hineinwachsen in das neue Leben (ein plötzlicher Sprung ist es natürlich nicht) wird begleitet von den Erinnerungen an das alte. So lebt das Mädchen teilweise in einer feingestimmten Gleichzeitigkeit des Gestern und Heute, in dem die Zukunft schon spürbar wird. Es fließen darin die Kindheit in Dalmatien und das jetzige Leben in Hessen stetig ineinander, denn jedes Erlebnis und jede Entdeckung in Hessen wird von Pepsi mit einem Rückblick auf Ereignisse der früheren Kindheit abgeglichen. So wird der Leser an beide Orte mit gleicher Intensität hingeführt.</p>



<p>Vor diesem Hintergrund spielen weltpolitisch bedeutsame Ereignisse in die Zeit des Romans hinein, der ziemlich exakt die Jahre zwischen 1983 und 1991 umfasst: das Reaktorunglück von Tschernobyl, der Fall des Eisernen Vorhangs und der Beginn der Jugoslawienkriege. Der Blick darauf aus Sicht der ‚Zugereisten‘, der ‚Ausländer‘ und vor allem der selbst vom Krieg Betroffenen öffnet den Text auf eine weitere Dimension. Dabei geben die Kriegsereignisse in der entfernten Heimat auch die Gelegenheit, Pepsis Eltern aus anderer Perspektive zu zeigen, denn sie beherbergen nun Flüchtlinge aus Bosnien und Kroatien und kümmern sich mit aller Kraft um sie. So erleben wir sie mit einem Mal als hilfsbereite Menschen, der Vater hört sogar auf zu trinken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Buchstabenfelder ernten</h3>



<p>Gegenüber Pepsi ändert sich jedoch nichts, im Gegenteil. Die Mutter versucht, die inzwischen 18-Jährige mehr denn je zu kontrollieren und zu beherrschen. Es bleibt nur der Bruch, bei dem Pepsi viel Unterstützung erfährt, und bei dem ihr zugleich die Bücher helfen. Lesen ist für Pepsi ein körperlicher Vorgang, bei dem Buchstabenfelder geerntet werden wie früher die Felder der Erdbeeren, der Kartoffeln und des Mangolds. Und wie einst ihre Hände die Pflanzen geerntet haben, erntet jetzt ihr Auge die Sätze. Man mag solche Formulierungen als reine Metaphern empfinden, doch in ihren Poetikvorlesungen berichtet die Autorin, dass sie als Kind tatsächlich Buchstabenfelder gesehen hat, die des Abmähens oder eben Erntens in gleicher Weise bedürfen wie Getreide- oder Gemüsefelder. Es ist für sie eine wörtlich zu nehmende Kindheitserfahrung.</p>



<p>Die im Roman immer wieder spürbare Sinnlichkeit der Sprache spiegelt dieses poetologische Selbstverständnis der Autorin wider: Für Marica Bodrožić ist die wirkliche Sprache nicht die der abstrakten Begriffe, mit deren Hilfe wir die Dinge zu Objekten machen, um sie uns anzueignen, was schließlich zur Entfremdung von der Welt führt. Vielmehr ist für sie die erste Sprache, in der wir der Welt begegnen, die unserer Sinneseindrücke.</p>



<p>Mit der zweiten Sprache, in der die Worte als leiblich-geistige Gebilde auftreten, hat der Mensch die Möglichkeit, die Eindrücke der Kindheit in Poesie zu verwandeln und sich auf diese Weise aus der Entfremdung zu befreien. <em>Das Herzflorett</em> gibt dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Die Autorin führt die Leser zu den Wurzeln der Sprache und des Menschseins zurück, das es ihnen erlaubt, sich als ebenso leiblich-sinnliche wie geistige Wesen zu erfahren.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Klaus <a href="https://www.flickr.com/photos/131171769@N08/50656076462" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wolken über einem Fluss</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/">flickr</a></h6>



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<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p class="has-text-align-left">Marica Bodrožić<br><strong>Das Herzflorett</strong><br>Roman<br>Luchterhand 2024 · 288 Seiten · 24 Euro<br>ISBN: 9783630876603</p>



<p align="left"> Bei <a href="https://yourbook.shop/book/?isbn=9783630876603&amp;ref=tell" title="Mit Ihrer Bestellung bei yourbook shop unterstützen Sie tell. Wir danken Ihnen!" target="_blank" rel="noopener noreferrer">yourbook shop</a> oder im lokalen Buchhandel


</div></div> <div class="su-column su-column-size-1-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



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		<title>Schein und Scham</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Jaeckel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Aug 2024 08:13:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Ausstellung „Velvet Rage and Beauty“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigt Werke von Andy Warhol. Es geht um Männer, Homoerotik, Sex und Schönheit. Doch die Bilder und Filme zeigen weit mehr als ein posthumes Coming Out.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Die Bilder werden expliziter, je tiefer man in die durch Trennwände gegliederte Glashalle der Neuen Nationalgalerie vordringt. Doch Andy Warhol interessierte sich weit weniger für „nackte Tatsachen“, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Tatsächlich sollte die Berliner Ausstellung anfangs <em>Drella </em>heißen. Drella war der Spitzname Warhols seit den frühen Factory-Jahren: eine Mischung aus Dracula und Cinderella, die beiden Seiten des Tag und Nacht arbeitenden Künstlers, darin sehr viel Schein und noch mehr Scham. Ein doppelter Warhol: jener Andy, der morgens erst einmal „seinen Warhol“ überzog, um aus dem Haus zu gehen – wie er in seiner 1975 veröffentlichten <em>Philosophy of Andy Warhol</em> schreibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Schönheit des Queeren</h3>



<p>Der jetzige Titel der Ausstellung <em>Velvet Rage and Beauty </em>zielt stärker auf die erotische Doppelgesichtigkeit Warhols, der schwul war zu einer Zeit, in der die Liebe von Männern zu Männern noch strafbar war. Er nimmt seine Scham stärker in den Blick; es ist die Scham, ein Ausgestoßener der Gesellschaft zu sein, der trotzig die Schönheit des als ‚schmutzig‘ angesehenen Queeren und Fluiden hochhielt. „I never met a person I couldn’t call a beauty“ ist einer der lange übersehenen Schlüsselsätze aus seiner <em>Philosophy</em>. Der Satz kontrastiert die Mainstream-Vorstellung von Warhol als Porträtist der Glamour-Welt: jene Vorstellung also, die unser Bild des weitgehend schamlosen Karrieristen prägt, der nur darauf aus war, die Schönen und Reichen noch schöner und reicher erscheinen zu lassen. Dracula eben, der Blutsauger. Denn Andy liebte Geld. Doch das war wahrscheinlich auch wieder nur ein Teil seiner Scham – gleichzeitig die dicke Wand jenes Renommees, das ihn vor staatlicher Verfolgung schützte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Blotted Lines</h3>



<p>Cinderella lernen wir gleich zu Beginn der Ausstellung kennen: ein junger Mann, zart und empfindsam wie ein schüchternes Mädchen, der sich mit Schwärmereien für Filmstars die Schulzeit in Pittsburgh schönträumt und sie mit zarten, dennoch präzise gesetzten Linien für sich und später auch für zahlendes Publikum einfängt. „Blotted Lines“ nennen Kritiker:innen diese Zeichentechnik. Dabei werden Umrisse so schnell mit Tusche gezogen, dass die noch nasse Zeichnung mit einem leeren Blatt Papier, das wie Löschpapier auf das erste Blatt aufgelegt wird, abgenommen und damit spiegelverkehrt gedoppelt werden kann: Aus eins mach zwei, aus einem Original eine Kopie. Und vielleicht gab es eine Stimme in Andys Kopf, die diese Distanzierung, diesen, wenn auch kleinen, Sicherheitsabstand lachend kommentierte: „Ich war’s ja gar nicht, ich hab‘s nur abgekupfert.“ Andy jedenfalls wird noch während seines Studiums in Pittsburgh Meister dieser Technik.</p>



<p>Er bleibt der Umrisslinie und damit der Figur treu. In einer Zeit, in der die Abstraktion New York erobert, schlägt sich Warhol auf die figurative Seite und damit auf die Seite der Narration. Fotografie und Film flankierten von Beginn seiner Factory-Zeit an die künstlerische Bildproduktion. Auch hier kann Warhol einen mechanischen Produktionsschritt einlegen, indem er die Kamera zwischen sich und die Welt schiebt: ein – wenn auch nur hauchdünnes – Feigenblatt. Was er uns zeigt, ist die immer wieder neue Suche nach Schönheit, Glanz, Party und Perfektion, daneben seine unverhohlene Faszination für Freaks.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Dehnung der Zeit</h3>



<p>Es entsteht ein vielschichtiges Werk, dessen Eckpunkte wir kennen, und von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind: ikonische Bilder, spektakuläre Momente oder zu Kunst stilisierte Objekte und Markennamen, tausende Marilyns, Mona-Lisas, hunderte Elvisse, Stapel von Jaggers, daneben Autounfälle, Suppendosen, Coca-Cola-Flaschen. In die plakativen Großformate schlichen sich immer wieder männliche Schönheiten, von Warhol manchmal nur zwischen Tür und Angel fotografiert, oder zu Werbezwecken. Manche dieser Bilder inspirieren ihn zu eigenen Serien. Er zeigt sie in Ausstellungen, meist in  Europa. Das war nicht nur angesichts der Strafbarkeit von Homosexualität mutig, sondern auch vor dem Hintergrund der in den 1980er Jahren ausgebrochenen HIV-Pandemie, an deren Anfang Homosexuelle sowohl als Verursacher als auch als Opfer zusätzlich diskriminiert wurden. Den beiden Kurator:innen Klaus Biesenbach und Lisa Botti ist es zu verdanken, dass die so entstandenen Männer-Serien erstmals zusammen in einer Ausstellung zu sehen sind.</p>



<p>Der eigentliche Überraschung ist jedoch kein Mann und keine noch so explizit dargestellte Sexpraktik, sondern – Langeweile. Und damit stößt die Schau zu einem oft übersehenen Aspekt von Warhols Bildern vor: die Dehnung der Zeit bis ins Unerträgliche. Mag der Titel des Films „Blowjob“ bis heute prickelnd und aufregend klingen, eine halbe Stunde lang in das Gesicht eines Mannes zu schauen, der – ohne dass es zu sehen ist – oral befriedigt wird, bleibt mühsam. Um wieviel mehr der achtstündige Blick einer Standkamera auf das Empire State Building des Nachts. Der Film endet abrupt, ein Höhepunkt bleibt aus.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Existenzielle Fluidität</h3>



<p>Andy Warhol war, und das lässt sich zwischen allen lustvoll inszenierten Sex-Szenen oder Blicken des Begehrens auch sehen, ein ernster und liebender Mann. Ihn faszinierte die existenzielle Fluidität jener Menschen aus der New Yorker Subkultur, die nicht nur zwischen männlich und weiblich oszillierten, sondern auch zwischen privat und öffentlich, zwischen „nur cool“ oder „schon berühmt“. Er selbst wollte stets jemand anders sein und schaute sich vieles ab bei den Leuten, die er hinreißend fand.</p>



<p>Und das zeigt uns die Berliner Ausstellung: Warhols Begeisterung für Menschen – wenn auch hier Männer eindeutig im Vordergrund stehen ­– und seinen Sinn für die eigentümliche Mischung aus existenzieller Langeweile und individueller Schönheit. Sie prägt sein gesamtes Werk und wurde lange unter dem Schlagwort Pop-Art missverstanden.</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Angaben zur Ausstellung</strong></h5>



<p>„Andy Warhol: Velvet Rage and Beauty“<br>Neue Nationalgalerie Berlin<br>Bis zum 6. Oktober 2024</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Jack Mitchell <a href="https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Andy_Warhol_by_Jack_Mitchell.jpg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Andy Warhol</a> via <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Wikimedia, CC by-SA 4.0</a><br></h6>



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		<title>Das demokratische Alphabet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Herwig Finkeldey]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 May 2024 08:12:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Sparrs „Zauberberge“ ist eine Stichwortsammlung zu Thomas Manns „Der Zauberberg“. Von A bis Z geht es durch den Klassiker, ein anregender Zugang mit überraschenden Tiefenbohrungen. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-drop-cap">Das hundertjährige Jubiläum der Veröffentlichung von Thomas Manns Roman <em>Der Zauberberg</em> nimmt der Lektor und Literaturwissenschaftler Thomas Sparr zum Anlass, ein ebenso kurzes wie kurzweiliges Buch zu schreiben. Grundlage war ein Vortrag, den Sparr im Februar 2024 in Davos gehalten hatte: einmal vor Schülern und einmal abends vor einem älteren, anspruchsvollen Publikum. Das Lebensalter des jeweiligen Publikums spiegle die beiden Lebensalter wider, in denen er selbst den <em>Zauberberg</em> gelesen hatte, so Sparr. Die beiden Lesungen vor den unterschiedlichen Generationen sei daher eine „Selbstbegegnung“ gewesen – ein Gedanke, der Thomas Mann sicher gefallen hätte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Zufall des ABC</h3>



<p>Strukturprinzip von Sparrs Text ist das Alphabet. Von A wie „Ankunft“ bis Z wie „Zauberberge“ findet der Autor zu jedem Buchstaben ein Stichwort, das mit dem Roman korrespondiert.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Die Reihenfolge der Beiträge sind dem Zufall des ABC geschuldet, manche sind länger, andere eher kurz. Es versteht sich von selbst, dass manche Buchstaben anders oder auch mehrfach zu vergeben gewesen wären.</p>
</blockquote>



<p>Der „Zufall des ABC“ weist schon auf das geheime Grundmotiv von Sparrs Buch hin. Denn durch diesen Zufall werden alle dargestellten Motive gleich gewichtet. Sie sind gleich wichtig und gleich viel wert, trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Das ist das demokratische Prinzip: Wir sind nicht gleich, aber wir sind gleich viel wert und haben gleiche Rechte. Und genau so nennt Sparr, unter Bezugnahme auf Helmut Jendreieks Thomas-Mann-Studie von 1977, den <em>Zauberberg</em> einen „demokratischen Roman“. Alle anderen Bezeichnungen – Bildungsroman, Zeitroman (im doppelten Sinne, wie Thomas Mann schon selbst dargelegt hatte), Gesellschaftsroman, Ideenroman – würden zwar Aspekte des Romans treffen, seien aber letztlich zu eng gefasst. Hierbei haben Sparr und Jendreiek wiederum Thomas Mann selbst als Gewährsmann.</p>



<p>Mann schrieb im <em>Zauberberg</em> über die Sitzordnung an den sieben Esstischen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an ihnen gereicht, wie an allen anderen […]; und die daran speisenden Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich benahmen.</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Ein „queerer“ Roman avant la lettre?</h3>



<p>In einem demokratischen Roman haben eben alle Platz, und jedes fast schon zufällig gewählte Stichwort darf Anlass sein für weitere Reflexionen. Der Umstand der Homosexualität im Werk Thomas Manns und natürlich auch im <em>Zauberberg</em> ist für Thomas Sparr gewissermaßen der Elefant im Bild, der jahrzehntelang nicht wahrgenommen wurde. Und so wählt er unter dem Buchstaben Q das Stichwort „Queer“, die Buchstaben X und Y wiederum werden zum „XY-Chromosomen“ zusammengefasst.</p>



<p>In beiden Kapiteln zeigt Sparr dezidiert, wie Leben und Werk bei Thomas Mann ineinandergreifen und die „Problematik der Sexualität“ beinahe alles überlagert. Ebenso zeigt Sparr, wie der Autor diese ‚Problematik‘ im Werk darstellt: häufig verdeckt, im <em>Zauberberg</em> aber mitunter auch unverblümt offen. So schreibt Thomas Mann über eine tuberkulosekranke „ägyptische Prinzessin“, sie sei „eine sensationelle Person mit nikotingelben, beringten Fingern“, die „von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld einer rumänischen Jüdin zuwandte“. Thomas Mann als Erfinder des Marlene Dietrich-Looks.</p>



<p>Über Hans Castorps Gefühls- und Objektverwirrung schreibt Thomas Sparr:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Das Ineinanderübergehen von Pribislav Hippe und Madame Chautchat lässt die Geschlechter konfundieren: Wen begehrt Hans Castorp denn nun, seinen früheren Schulkameraden Pribislav oder die ältere Frau, die ihn an jenen erinnert?</p>
</blockquote>



<p>(Eine Beobachtung, die sich übrigens auch in Olga Tokarczuks Roman <em>Empusion</em> wiederfindet, siehe <a href="https://tell-review.de/der-schlesische-zauberberg" data-type="link" data-id="https://tell-review.de/der-schlesische-zauberberg">meine Rezension</a> auf tell).</p>



<p>Thomas Sparr geht gar so weit, zu behaupten, der <em>Zauberberg</em> sei ein „queerer“ Roman „avant la lettre“, der erste in der deutschen Literatur. Dafür spricht in der Tat einiges.</p>



<p>Zuletzt weist  Sparr noch darauf hin, dass die Thomas-Mann-Forschung „selbst fest in Männerhand“ gewesen und dem Thema Homosexualität „nicht gerecht geworden“ sei – bis Literaturwissenschaftler wie Heinrich Detering, Michael Maar, Gerhard Härle, auch Marita Keilson, sich dem Thema zugewendet hätten. Ein Name fehlt in dieser Reihe, nicht nur bei Thomas Sparr. Vielleicht liegt es daran, dass Marcel Reich-Ranicki kein Literaturwissenschaftler war, sondern „nur“ Literaturkritiker? Immerhin hatte Reich-Ranicki schon in den 80er Jahren auf die Bezüge zur Homosexualität hingewiesen, im Rahmen der Veröffentlichung von Manns Tagebüchern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kompliziertes Verhältnis zu den Juden</h3>



<p>Im Eintrag zum Buchstaben J reflektiert Sparr auch das Thema der Darstellung von Juden, er nennt den <em>Zauberberg</em> dabei innerhalb des Mannschen Kosmos „ein Werk der Mitte und Mäßigung“, nachdem das Frühwerk eindeutig antisemitische Tendenzen zeigte. Der Roman weist schon auf das Spätwerk hin mit seiner positiven Wendung der Sicht auf Juden, exemplifiziert vor allem in <em>Joseph und seine Brüder</em>.</p>



<p>Auf zwei Menschen mit einem jüdischen Familienhintergrund geht Thomas Sparr besonders ein, sie stammten jeweils aus Städten, die für Thomas Mann von herausragender Bedeutung waren. Der Philosoph Hans Blumenberg kommt aus Lübeck. Die Germanistin Käte Hamburger (wie Hans Castorp) aus Hamburg, sie promovierte dann in München in Literaturwissenschaft. Blumenberg war als Schüler dabei, als Thomas Mann in Lübeck eine Rede hielt, weiß Sparr zu berichten. In seinem Hauptwerk <em>Arbeit am Mythos</em> zitiert Blumenberg Mann und auch dessen <em>Zauberberg</em> ausgiebig: „Der <em>Zauberberg </em>hatte das Thema der Zeit als Vernichtung des Zeitbewußtseins in der exotischen, in der ekstatischen Situation des Todgeweihten beschrieben.“</p>



<p>Und Käte Hamburger, mit Thomas Mann in jahrelanger Korrespondenz verbunden, weist in ihrem Hauptwerk, <em>Die Logik der Dichtung</em>, auf den Umstand hin, dass episches Erfinden immer nur in die Vergangenheit hinein funktioniert. Sie nimmt natürlich den Verfasser des <em>Zauberberg</em>, den „raunenden Beschwörer des Imperfekts“, als Kronzeugen.</p>



<p>Sparrs Hinweise auf Blumenberg und Hamburger, die nicht nur vom Werk des „Zauberers“ inspiriert wurden, sondern auch in sein Lebensnetz eingewoben waren, sind wunderbar angedeutete Hinweise auf Thomas Manns kompliziertes Verhältnis zu Juden. Und auf die erstaunliche Wirkung, die sein Werk gerade auch auf Juden hatte. Mir fallen dazu Marcel Reich-Ranicki, Hans Mayer, Erich von Kahler, Ferdinand Lion, sein Verleger Samuel Fischer und sein erster Lektor Moritz Heimann ein – aber auch Franz Kafka: „Mann gehört zu denen, nach deren Geschriebenem ich hungere.“</p>



<p>Und so kann man immer weiter spazieren durch Thomas Sparrs demokratisches <em>Zauberberg</em>-Alphabet. Mitunter referiert Sparr auch über weniger gewichtige Stichworte, etwa unter O über Opulenz. Da geht es um die opulenten Mahlzeiten und über Mynheer Peeperkorns Bedürfnisse. Aber meistens sind es doch die „großen“ Themen. Unter R geht es um Religion. Unter M natürlich um Musik. Und unter T um den Tod.</p>



<p>Insgesamt scheint mir dieser Zugang mittlerweile fruchtbarer als der Versuch, den Roman auf eine Formel zu verdichten.</p>



<h6 style="text-align: right;">Bildnachweis:<br>Beitragsbild: Herwig Finkeldey </h6>



<div class="wp-block-group"><div class="wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow"><div class="su-box su-box-style-default" id="" style="border-color:#83a300;border-radius:3px;max-width:none"><div class="su-box-title" style="background-color:#b6d600;color:#FFFFFF;border-top-left-radius:1px;border-top-right-radius:1px">Angaben zum Buch</div><div class="su-box-content su-u-clearfix su-u-trim" style="border-bottom-left-radius:1px;border-bottom-right-radius:1px"> <div class="su-row"><div class="su-column su-column-size-2-3"><div class="su-column-inner su-u-clearfix su-u-trim">



<p>Thomas Sparr<br><strong>Zauberberge</strong><br>Ein Jahrhundertroman aus Davos<br>Berenberg 2024 · 80 Seiten · 22 Euro<br>ISBN: 978-3949203824<br></p>



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